Innere Schreie - Andreas Roß - E-Book

Innere Schreie E-Book

Andreas Roß

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Beschreibung

Darmstadt 2007. Erster Arbeitstag des frischgebackenen Kriminalkommissars Benjamin Dobermann und gleich zwei Morde. Ein altes Ehepaar wurde im beschaulichen Paulusviertel erschossen. Für den unerfahrenen Kommissar ist alles neu, wie auch für seinen Kollegen Daniel Hartmann. Gemeinsam tappen die Kripo-Novizen in das eine oder andere Fettnäpfchen. Dann taucht noch Dobermanns alter Freund Fabian Breuer auf und konfrontiert ihn mit seiner schicksalhaften Kindheit. Der junge Kommissar ist hoffnungslos überfordert. Die Zeichen stehen schlecht. Wird er seinen ersten Fall lösen können? Unterstützung erhält er von seinem Vater, einem pensionierten Kriminalhauptkommissar. Obendrein spielen zwei eingemauerte Menschen und einige Flaschen Rotwein eine große Rolle ...

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Andreas Roß

Innere Schreie

Doppelmord im Paulusviertel

Krimi

eISBN 978-3-947612-72-7

Copyright © 2020 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Olaf Tischer

Bildrechte Titelseite: Andreas Roß

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de

Buch

Ein Doppelmord in einem beschaulichen Darmstädter Villenviertel, dem Paulusviertel, wird zum Politikum. Schnelles Handeln ist erforderlich. Hals über Kopf wird die SoKo „Paulus“ gegründet und der frischgebackene Kommissar Benjamin Dobermann wird Teil von ihr. An seinen ersten Arbeitstagen muss er sich gleich bewähren.

Als ihn dann noch sein alter Freund, Fabian Breuer, in ein perfides Spiel verwickelt und er mit seiner schicksalhaften Kindheit konfrontiert wird, ist er hoffnungslos überfordert. Die Zeichen stehen schlecht, doch er erhält Unterstützung von seinem neuen Kollegen und seinem Vater, einem pensionierten Kriminalhauptkommissar. Auch einige Flaschen Rotwein spielen eine große Rolle…

Autor

Andreas Roß, derzeit 58 Jahre alt, Tendenz steigend, verheiratet, zwei nahezu vollständig erwachsene Kinder, die ihn nicht mehr so oft brauchen. Deswegen bleibt ihm mehr Zeit, um als „Mundwerker“ Geld zu verdienen und Geschichten zu Papier zu bringen. Er ist Sozialpädagoge und in der Mieterberatung für verschiedene Südhessische Baugesellschaften tätig. Während seiner Arbeit in den langen dunklen Fluren der in die Jahre gekommenen Miethäuser findet er Anhaltspunkte für seine skurrilen Geschichten. Dazu kommt die Liebe zu seiner Wahlheimat Darmstadt.

Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen „Begegnung mit dem Berserker“ (2011) und „Das Leben ist eine Zicke“ (2018) sind drei Kriminalromane erschienen: „abgedrückt“ (2013), „weißkalt“ (2015) und „Tage, die alles verändern“ (2017).

Inhalt

Erstes Kapitel – Verwirrung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Zweites Kapitel – Ermittlung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Drittes Kapitel – Unterstützung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Viertes Kapitel – Verunsicherung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Fünftes Kapitel – Zugriff

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

Abschließende Worte

Erstes Kapitel – Verwirrung

Prolog

Ein Zucken durchfuhr seinen Körper. Er wurde herumgerissen, als habe seine Hand auf einer glühenden Herdplatte gelegen. Erschrocken riss er die Augen auf und schrie: „Scheiße, was passiert hier?“

Dunkelheit umgab ihn. Es war eine Schwärze, als stecke er mit dem Kopf in einem Tintenfass. Panik waberte durch seine Innereien. Er war verwirrt, sein Herz schlug wild. Er konnte nichts sehen. Andere Sinnesorgane mussten helfen. Er fühlte Schmerz an seiner Oberlippe und an der Nase. Ohne zu überlegen, betastete der junge Mann die Körperstellen und fluchte, als der Schmerz stechend wurde. Er ließ von seinem Gesicht ab und befühlte mit den Fingerspitzen fahrig seine Umgebung. Anscheinend saß er auf kalten Steinen. Kopf- und Gliederschmerzen trieben ihn mit jedem Herzschlag mehr in diese brutale Realität, die ihn umgab. Wild sog er Luft durch Nase und Mund. Sie war feucht und kühl, roch muffig wie in einem alten Keller.

Der Mann bewegte den Oberkörper, beugte sich nach vorne, winkelte seitlich die Beine an und versuchte sich mit den Händen abstützend aufzurichten.

Es gelang. Als er aufrecht stand, wankte er hin und her und streckte die Arme nach oben aus. Seine Finger berührten harten schroffen Stein. Er glaubte, ein Spinnennetz erfühlt zu haben und zog die Finger reflexartig zurück. Aber er musste vorwärtskommen. Er tastete sich weiter und berührte glatten Mauerstein. Es roch nach frischem Mörtel. Der Mann wollte sich umdrehen und der Wand folgen, als die Zehen seines rechten Fußes gegen etwas stießen und dieses Etwas über den Boden kullerte. Er musste es aufhalten, ging auf die Knie und tastete danach. Zentimeter um Zentimeter rutschte er nach vorne und suchte, bis seine Hand ein rundes längliches Teil fand. Er hob es in die Höhe und nahm beide Hände zum Erforschen. Der Gegenstand fühlte sich kühl und metallen an und hatte eine kleine Erhebung. Könnte ein Knopf sein, dachte der Mann und schob ihn nach vorne. Die plötzliche Helligkeit explodierte in seinem Kopf. Er musste die Augen schließen, um sie etwas später wieder vorsichtig zu öffnen. Nach und nach gewöhnten sie sich an den Lichtstrahl. Ein kleiner Raum wurde beleuchtet, etwas höher als zwei Meter, etwa vier Quadratmeter groß, rundherum Steinwände.

Überall Steinwände?

Der Gedanke drang nur langsam in sein Bewusstsein. Immer hektischer ließ er den Taschenlampenstrahl über die Wände huschen, nirgends eine Tür oder ein anderes Material, nur Stein.

Plötzlich blieb der Lichtstrahl an Etwas hängen. Der junge Mann ging einen Schritt nach vorne und konzentrierte sich, so gut er konnte.

Vorsichtig krabbelte der Schein der Taschenlampe nach oben, schwenkte zur Seite und wieder nach unten. Er folgte einem Rahmen. Darin musste einmal eine Tür gehangen haben, dämmerte es ihm. Jetzt war da aber kein Türblatt mehr. Der Gefangene stützte sich mit beiden Händen an der frisch gemauerten Steinwand ab und wollte nicht begreifen. Erst nach einiger Zeit trommelte er mit beiden Fäusten gegen die roten Steine. Der Mörtel war noch feucht, aber die Steine schon so festsitzend, dass sie sich keinen Millimeter bewegten. Mutlosigkeit übermannte ihn. Eine Ohnmacht, die immer stärker wurde. Er drehte sich um, stolperte zurück zu dem Ort, an dem er aufgewacht war, ließ den Rücken gegen die Wand fallen und glitt langsam daran herunter. Am Boden angekommen schloss er die Augen und wollte sich besinnen, schaffte es aber nicht. Der Keim seiner inneren Unruhe war zu stark. Ich werde mich nicht meinem Schicksal ergeben, schrie es in ihm. Im nächsten Moment riss er erneut die Augen auf und spürte, wie Adrenalin durch seine Blutbahn pumpte. Getrieben erhob er sich und leuchtete noch einmal seine kleine Zelle aus.

In einem Eck lag eine Reisetasche. Sie war offen. Er krabbelte näher heran und leuchtete direkt in die Tasche hinein. Er sah bündelweise 50 €-Scheine.

Jetzt erst dämmerte es ihm, was ihn hierher gebracht haben musste und er hatte wieder diesen starken Drang, sich einfach hinzusetzen, um endlich die Augen schließen zu können.

„Neiiiiin“, schrie es aus ihm heraus und er klopfte sich mit beiden Händen auf die Brust.

Der Taschenlampenschein flackerte wild durch das kleine Gefängnis. Im nächsten Moment leuchtete er in die Tasche und wühlte darin herum. Ein paar eineinhalb-Liter Pet-Flaschen gefüllt mit Mineralwasser und vier Flaschen Rotwein fand er darin. Erstaunt blickte der Mann dem Lichtstrahl hinterher und griff kurze Zeit später nach einer Rotweinflasche, drehte das Etikett, bis er Merlot und trocken lesen konnte.

Wie human, dachte er bitter. In den nächsten Tagen werde ich nicht verdursten und mich auch noch besaufen können.

Mit zitternden Fingern öffnete er den Schraubverschluss und nahm einen tiefen Schluck von dem angenehm weichen Rotwein.

Er musste nachdenken.

1.

Bienen surren in meinen Eingeweiden. Aber das war zu erwarten. Die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist eine Herausforderung. Heute ist der Tag der Tage.

Das Auto parkt in einer Sackgasse, ganz hinten im Dunkeln. Nur ein paar hundert Meter bis hierher. Die kalte Nachtluft tat mir gut, obwohl der Weg viel zu kurz war. Nun ist es 4:30 Uhr. Ich weiß, dass zu dieser Zeit der Schlaf am tiefsten ist und das wird mein Vorteil sein. Die beiden Alten sind zwar schwerhörig, aber die Pflegerin, die eine Etage höher in meinem ehemaligen Jugendzimmer schläft, ist jung und hört bestimmt noch sehr gut.

Jetzt bin ich da. Ich stehe vor der schweren vergitterten Eingangstür der alten Villa, den Schlüssel in meiner Hand. Ich schaue mich um und höre in die Nacht hinein. Alles ruhig. Meine Hand zittert. Ich atme tief durch. Was soll schon schiefgehen?

Ich muss mich befreien. Ich denke den Satz wie ein Mantra. Ich muss mich befreien!

Plötzlich ist sie wieder da, die Gewissheit, das Richtige zu tun. Noch zwei Atemzüge und das Zittern in der Hand lässt nach.

Ich stecke den Schlüssel ins Schloss und öffne leise die Tür. Ich kenne den Weg durch den langen Flur auch im Dunkeln. Aus meiner Kindheit. Die Tür zum Schlafzimmer ist nur angelehnt. Ich drücke sie vorsichtig auf, knipse die kleine Lampe an, die schon seit Jahrzehnten auf dem Nachttisch steht. Die Waffe steckt in meiner Hosentasche. Ich hole sie heraus, schraube den Schalldämpfer auf den Lauf und ziele. Ein Schuss löst sich. Der Kopf meiner Mutter wird herumgeworfen. Ihre schneeweißen Haare färben sich rot.

Meinem Vater ergeht es ebenso.

Ich klemme die Waffe in seine Hand und drücke erneut ab. Die Kugel gräbt sich tief in die gegenüberliegende Wand. Ich lasse die Hand los. Sie fällt schwer auf die Bettdecke. Ich entferne den Schalldämpfer.

Alles war so einfach.

Ich schwieg einen Augenblick, trank an meinem Bier, blickte auf zu Benjamin und erzählte erst weiter, als das kühle Kristallweizen mich etwas erfrischt hatte. „Der Traum war so realistisch, die Bilder bunt und die Gefühle real. So etwas habe ich noch nie erlebt!“

Ich hob erneut mein Glas, stieß mit meinem Freund an und ließ den Blick durch die alte, ganz in Holz gestaltete Kneipe schweifen. Es sah tatsächlich aus wie in einer Räuberhöhle. Der Name „Hotzenplotz“ passt, schoss es mir durch den Kopf. Gleich darauf nahm ich erneut einen großen Schluck und schaute Benjamin an. „Was hältst du von der Geschichte?“, fragte ich ihn zögerlich. Mir fiel sein durchtrainierter Körper auf. Die kurzen schwarzen Haare, das kantige Gesicht und der klare Blick passten gut zu einem frisch ausgebildeten Kommissar.

Benjamin schwieg länger, als mir lieb war. Endlich antwortete er kopfschüttelnd: „Morgen ist mein erster Arbeitstag beim K10 und du erzählst mir heute von einem Doppelmord. Okay, war ja nur ein Traum, aber …“

Ich lachte trocken und wusste, ich hatte sein Interesse geweckt.

„Mann, das ist `ne verdammt eigenartige Geschichte“, fuhr Benjamin fort. „Was soll ich damit anfangen? In deinen Kopf einsteigen, um den Tatort zu untersuchen?“

Nach einem erneuten Griff zum Glas und einem tiefen Schluck wagte ich nochmals den Versuch, Benjamin zu erklären, was mich wirklich beschäftigte. „Benjamin, ich habe gestern Nacht meine Eltern hinterhältig und kaltblütig ermordet, das macht mir zu schaffen!“

„Ich weiß“, antwortete der junge Kommissar schnell. „Aber da kann ich dir leider nur meine Ohren leihen und zuhören. Ich bin kein Psychologe.“

Ich musste nachdenken, das Bier wirkte und ich merkte, dass mich der Alkohol und das Erzählen etwas von den vielen Fragen abgelenkt hatten, die noch heute Mittag in meinem Kopf rumorten. Nun hoffte ich, dass ich Benjamin auf die gewünschte Fährte gesetzt hatte.

„Danke, dass du mir zugehört hast“, sagte ich und fragte: „Willste noch `n Bier?“

Benjamin klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. „Danke, aber lass mal. Ich muss morgen früh raus und nachdem ich deine Geschichte gehört habe, wird mir immer klarer, dass ich bei meinem neuen Job ausgeschlafen sein sollte. Ich werde mal das letzte Kristallweizen wegbringen und gleich darauf nach Hause gehen.“

„Aufs Klo muss ich auch mal. Ich komme mit.“

Wir erhoben uns beide und gingen zum hinteren Teil der Kneipe, wo sich die Toiletten befanden.

Als wir vom Pinkeln zurückkamen, machten wir noch ein paar Sprüche und kurz darauf verabschiedete sich Benjamin. Ich blieb und trank langsam und nachdenklich mein Bier aus. Dann bezahlte ich an der Theke, verabschiedete mich und überlegte nochmals, ob ich alles richtig gemacht hatte und Benjamin überzeugen konnte.

Es war die erste kalte Nacht in diesem Spätsommer.

Als ich vor der Kneipentür stand, merkte ich, dass sich etwas in mir veränderte. Es fiel mir schwer, meine Füße zu kontrollieren. Sonst ging das immer ganz einfach. Ich musste nicht darüber nachdenken, doch jetzt brauchten meine Füße klare konzentrierte Befehle.

Die erste Treppenstufe schaffte ich noch, dann verschwand langsam meine Konzentration, als wäre sie durch sachte Wellen fortgeschwemmt worden. Vor mir lag die kopfsteingepflasterte Straße.

So `ne Scheiße!

Was, was passierte hier?

Wo bin ich?, dachte ich noch, dann fiel ich nach vorne.

Mir war etwas aus dem Mund gefallen, warm und eklig.

Es lag vor meiner Nase auf dem Kopfstein.

Und stank.

Ich wollte meinen Kopf wegdrehen. Es klappte nicht.

Alles drehte sich. Kalt war es da, wo meine Hand lag.

Ich musste mich bewegen, es gelang nicht. Was war mit meinem Körper?

Ich musste mich aufrichten.

Eben war es noch dunkel gewesen. Nun brachen Lichter auf und stachen auf mich ein. Und da war noch ein Brummen, ein Dröhnen. Tief in mir wusste ich, was das bedeutete. Ich musste weg von hier, schnell …

Es war zu spät. Die riesigen Reifen schossen heran. Ich schloss die Augen und wartete auf das Unausweichliche.

2.

Papier raschelte.

Alle Kommissare schwiegen.

Sieben Handouts, wie Kriminalrat Löwental die bedruckten Zettel neudeutsch nannte, lagen verstreut auf den Tischen. Die Anwesenden wirkten angespannt und schüttelten zum Teil mit dem Kopf. In dem Besprechungsraum hatte sich eine eigenartige Stimmung breitgemacht, nachdem Kriminalrat Löwental eine kurze Ansprache gehalten und die Papiere verteilt hatte.

Benjamin Dobermann saß etwas am Rand, wie es seinem Gefühl entsprach. Daniel Hartmann hatte den Stuhl neben ihm besetzt, ohne ein Wort zu verlieren. Alles war so schnell gegangen. Ein Anruf und der kurze Befehl: Treffen in 10 Minuten im Besprechungsraum 1.

Benjamin hatte sich seinen ersten Tag im Polizeipräsidium Südhessen anders vorgestellt. Er hatte gehofft, gemütlich sein Büro zu beziehen, einen Plausch mit dem Teamkollegen Daniel Hartmann halten zu können, um sich anschließend an seinem neuen Arbeitsplatz etwas einzurichten.

Doch das Handout von Kriminalrat Löwental berichtete von einem Doppelmord in der Nacht von Sonntag auf Montag. Im ehrenwerten Paulusviertel. Das war wohl auch der Grund, dass jetzt schon so viele Kollegen zusammensaßen, überlegte Benjamin und musste innerlich grinsen. Wenn die Tat in Eberstadt-Süd stattgefunden hätte, ob dann auch so ein Aufriss veranstaltet worden wäre?

Er schnappte nochmals das Handout und las darin. Es war die Rede von Mehrfach- und Intensivtätern, MIT genannt, die in diesem Jahr ein größer werdendes Problem darstellten. Benjamin hatte während seiner Ausbildung auch schon davon gehört. Diese, vor allem jugendlichen Täter, trafen sich in kleinen Gruppen und brachen in Wohnungen ein. Dafür war ein Villenviertel prädestiniert. Im Darmstädter Lokalblatt, dem Echo, war darüber berichtet worden und es gab einige, zum Teil reißerisch gehaltene Kommentare und natürlich der eine oder andere Leserbrief. Die Einbruchserie wurde intensiv, auch auf der Straße, diskutiert. Die vorwiegend ältere Bewohnerschaft im Paulusviertel bangte um ihre Sicherheit und einige prominente Darmstädter besprachen dies mit den Personen, die etwas bei der Polizei zu sagen hatten. Und nun dieser Doppelmord, bei dem auch ein Einbruch nicht auszuschließen war.

Kriminalrat Löwental hatte sofort reagiert und eine Sonderkommission eingerichtet, deren Mitglieder nun zusammensaßen. Neben den beiden Novizen Dobermann und Hartmann waren noch die Hauptkommissare Pia Stenger, Franz Glauberg, Hannes Petersen und Kriminaloberkommissarin Klara Potente in dem kleinen Raum versammelt.

Das Papier, das Löwental ausgeteilt hatte, berichtete über alle momentan vorliegenden Fakten und stellte darüber hinaus einige Vermutungen an. Die Palette war breit: Raubmord, ein Familiendrama, Erbschaftsstreitigkeiten oder heimtückischer Mord durch eine polnische Pflegekraft an ihren Schutzbefohlenen.

Benjamin legte das Papier auf den Tisch und dachte nach. Er hatte noch ein anderes Szenario vor Augen und spürte, wie sich alles in seinem Kopf drehte. „Ich muss mal schnell um die Ecke“, flüsterte er Hartmann zu und wollte sich erheben.

„Was ist los mit dir? Ist dir der Fall auf den Magen geschlagen? Du bist ja ganz weiß um die Nase“, zischelte Hartmann hinter vorgehaltener Hand. Benjamin machte eine abwehrende Handbewegung und verließ eilig den Besprechungsraum.

„Was is´ mit dem los?“, fragte Kriminalrat Löwental.

„Ist halt sein erster Fall und gleich ein Doppelmord. Das kann schon ein wenig wirr im Kopf machen“, bemerkte Kriminaloberkommissarin Klara Potente mit einem abfälligen Ton in ihrer Stimme.

Der Kriminalrat grunzte lediglich und fragte in die Gruppe hinein: „Haben Sie das Handout vollständig gelesen?“

Alle nickten.

„Noch Fragen?“

Alle schüttelten die Köpfe.

„Und, was halten Sie davon?“

Die Kommissare dachten nach und Kriminaloberkommissarin Klara Potente hob die Hand.

***

Währenddessen stürmte Benjamin durch den langen Flur. Er musste immer wieder an gestern Abend denken. Sein Freund hatte ihm von seinem Traum berichtet, der mit dem, was tatsächlich passiert war, einige Parallelen aufwies. Vielleicht war es gar kein Traum, dachte Benjamin. Vielleicht war es ein Geständnis.

Quatsch, das konnte nicht sein. Der junge Kommissar schüttelte den Gedanken ab, er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Freund ein Mörder sein sollte.

Aber dennoch blieben Zweifel. Lange hatte er Fabian Breuer nicht mehr gesehen. Zufällig waren sie sich vor ein paar Tagen auf dem Darmstädter Wochenmarkt begegnet, hatten ein paar Worte und die Handynummern getauscht. Gestern früh hatte Fabian spontan angerufen und sich mit ihm verabredet.

Gedankenversunken rannte der junge Kommissar in Richtung Toilette. Er riss die Tür auf, ging in die nächstbeste Kabine und schloss gewissenhaft ab. Er kramte sein Handy heraus und wählte die Nummer seines Freundes.

„Mist“, grummelte Dobermann. „Noch nicht einmal die Mailbox.“

Er versuchte es auf dem Festnetz.

„… also melde dich auf meinem Handy, wenn du nach Hause kommst! Meine Nummer hast du ja, aber zur Sicherheit gebe ich sie dir nochmals …“

Benjamin beendete die Nachricht auf dem Anrufbeantworter und steckte sein Handy zurück in die Hosentasche. Unwirsch stieß er die Tür der Toilettenkabine auf. Am Waschbecken schaufelte er sich zwei Hände mit eiskaltem Wasser ins Gesicht, ein Versuch, etwas besser denken zu können. Es half nichts. Noch immer drehten sich seine Gedanken wild im Kreis und sein Herz klopfte. Er musste schnell zurück in den Besprechungsraum, um nicht noch mehr kritischen Fragen ausgesetzt zu sein. Das war ihm klar. Also drehte er den Wasserhahn zu und verließ die Toilette.

Als er kurz darauf die Tür zum Besprechungsraum leise öffnete, hörte er die Worte des Kriminalrates: „… also wie gesagt, ich will bis morgen früh Ergebnisse haben. Dann wird es eine Pressekonferenz geben. Hartmann und Dobermann schauen sich am Tatort um, die anderen recherchieren im Umfeld. Alles klar?“

Die Beamten nickten und der Kriminalrat beendete die Sitzung mit den Worten: „Erheben Sie sich. Ran an den Feind.“ Die Kollegen, die den Besprechungsraum verließen, drückten Benjamin zur Seite. Auch Löwental verließ eilig den Raum und verschwand, ohne den jungen Kommissar eines Blickes zu würdigen.

Hartmann blieb neben seinem Kollegen stehen. „Lass uns in unser neues Büro gehen und erst einmal beratschlagen, wie es weitergehen soll“, sagte er und lief los.

Benjamin folgte.

Das Büro war klein. Es roch intensiv nach frischer Farbe.

„Mach bitte das Fenster auf“, bat Hartmann und nahm an seiner Schreibtischseite Platz. Benjamin gehorchte und setzte sich seinem Kollegen gegenüber. „Und jetzt?“, fragte er auffordernd.

„Wir haben an der Polizeiakademie in Wiesbaden einiges gelernt. Wir haben zwar keine Erfahrung, aber unser theoretisches Wissen sollten wir jetzt nutzen“, erwiderte Hartmann und es klang irgendwie überheblich. Er biss genussvoll in einen Schokoriegel, den er aus seiner Hose gezaubert hatte, und fügte sinnierend hinzu: „Lass uns mal eine Fallanalyse machen. Vielleicht sollten wir das hypotheticodeduktive Vorgehen bevorzugen oder die Sequenzierung des Tathergangs?“

Schwachkopf, dachte Benjamin und bemerkte vor lauter Ärger nicht das schelmische Grinsen, das sich auf Hartmanns Gesicht gebildet hatte. Vielmehr war er mit gehässigen Gedanken beschäftigt. Wie hatte Daniel die Sportprüfungen geschafft?, fragte er sich. Bei seiner Liebe zu Süßigkeiten und dem daraus resultierenden Bauchansatz. Und immer diese Gemütlichkeit, die er an den Tag legte. So konnte doch nichts aus ihm werden. Sie waren lediglich Beamte auf Probe. Sollte man sich da nicht ein wenig mehr engagieren? Wahrscheinlich hatte Hartmanns Vater, der bis vor ein paar Jahren noch gemeinsam mit seinem Vater ein sehr erfolgreiches Team gebildet hatte, seine Beziehungen spielen lassen. Bestimmt gab es auch in Südhessen gut gepflegte Seilschaften, um das eine oder andere auf dem ‚kurzen Dienstweg‘ erreichen zu können. Sein eigener Vater, der alte Lothar Ludwig Dobermann, hatte ihm zwar immer wieder gepredigt, dass es so etwas nicht gäbe, aber Benjamin glaubte ihm in dieser Hinsicht nicht. Er glaubte vielmehr, dass sein Vater, aus einem übertriebenen Ehrgefühl heraus, ihm einfach nicht helfen wollte und das ärgerte ihn. Der alte Dobermann hatte niemals die Nähe zu seinen Vorgesetzten gesucht. Hartmanns Vater dagegen verstand sich privat ausgezeichnet mit Kriminalrat Löwental, so munkelte man. Bestimmt hatten die beiden etwas gedeichselt, sodass Hartmanns Sohn problemlos die Sportprüfung und vielleicht auch die anderen Prüfungen bestehen konnte.

In diesen Gedanken gefangen schüttelte Benjamin seinen Kopf. Mit diesem Kollegen sollte er nun erfolgreich zusammenarbeiten. Na, Prost Mahlzeit. Das könnte ja was werden.

Hartmann hatte die ganze Zeit weiter geplappert und referierte über die Möglichkeiten der Polizeiarbeit.

Benjamin fiel ein, dass er vorhin auf der Toilette tatsächlich kurz darüber nachgedacht hatte, Daniel von dem gestrigen Kneipengespräch zu erzählen und auch davon, dass er momentan seinen Freund Fabian nicht mehr erreichen konnte, aber jetzt ließ er es sein. Er konnte nicht einschätzen, wie Hartmann reagieren würde. Er hatte kein Vertrauen zu seinem neuen Teamkollegen. Benjamin stand von seinem Schreibtischstuhl auf und stakste langsam durch das kleine Büro. Hartmanns Blick folgte ihm neugierig, als könne er hinter seine Stirn schauen und seine Gedanken lesen. Das verunsicherte ihn. „Lass uns zum Tatort fahren. Du weißt ja, wo wir hinmüssen, oder?“

Daniel nickte und erhob sich ebenfalls. Beide schnappten ihre Jacken und sie verließen gemeinsam das Büro. Auf dem Hof angekommen fragte Hartmann trocken: „Hast du dich schon für einen Dienstwagen eingetragen?“

„Noch keine Zeit gehabt. Und du?“

„Hab alles geklärt, wir können fahren“, sagte Hartmann, strich sich genüsslich über den Bauch und grinste schon wieder. Benjamin öffnete die Fahrzeugtür und stieg ein. Die kurze Strecke bis zum Paulusviertel war schnell zurückgelegt. Die Kommissare sprachen kaum ein Wort miteinander. Hartmann fand einen Parkplatz direkt vor dem Tatort. Beide stiegen aus und waren verwundert. Die enge Straße war bevölkert mit Menschen. Überall parkten Transporter und Busse mit riesigen Parabolantennen auf dem Dach. Vereinzelt standen auch noch riesigere Parabolantennen auf dem Grünstreifen und armdicke Kabelstränge flossen über den Asphalt. Einige der hin und her flitzenden Menschen waren versteckt hinter Kameras, andere liefen suchenden Blickes und mit bepüschelten Mikrofonen durch die Gegend. Als sie Dobermann und Hartmann aus dem Auto aussteigen und auf die mit einem rot-weißen Tatort-Band umspannte Villa zulaufen sahen, war ihre Neugierde geweckt. Der Wettlauf begann und endete damit, dass Benjamin ein behaartes Mikrofon auf die Nase gedrückt bekam.

„Sind Sie vom K10?“, brüllte ihm ein Journalist entgegen.

Dobermann war so verblüfft, dass er spontan mit einem schlichten „Ja“ antwortete. Daraufhin bildeten die vielen Mikrofone einen Kreis um ihn und Fragen schossen ihm stakkatoartig um die Ohren.

„Wurden die beiden älteren Herrschaften ermordet oder war es Selbstmord?“

„Welche Rolle spielt die polnische Pflegekraft?“

„Gab es einen Einbruch oder war es womöglich ein Raubüberfall?“

„Gibt es erste Ermittlungserkenntnisse?“

Benjamin erlebte dieses mediale Interesse zum ersten Mal und war so verblüfft, dass er mit geöffnetem Mund stehenblieb und reihum in die Gesichter der Journalisten blickte. Das wiederum irritierte die Reporter, die unsicher von einem Fuß auf den anderen stiegen.

Hartmann indessen war auf das rot-weiße Flatterband zugelaufen, hatte es geschnappt und hielt es sich über seinen Kopf. „Benjamin, kommst du?“, fragte er und blickte seinen Kollegen auffordernd an.

Benjamin sagte leise in sich gekehrt: „Ich habe zu tun“ und stürmte auf Hartmann zu. Als sich die Kommissare hinter dem Absperrband befanden, war der Spuk vorbei, ebenso schnell, wie er begonnen hatte.

Das Haus war ein Bungalow aus den Sechzigern mit Moos auf den Dachpfannen, abgeblättertem Putz und vier Marmorstufen mit abgeplatzten Ecken, die zu einer kleinen Terrasse führten. Die jungen Kommissare erklommen die Stufen, um die massiv vergitterte Eingangstür zu erreichen. Sie klingelten und wurden gleich darauf eingelassen.

„Mann, was für ein Gestank! Kann jemand das Fenster öffnen?“ Hartmann war voller Elan an dem Beamten, der an der Hauseingangstür stand, vorbeigeschossen, hatte den mit Parkettboden belegten Flur durchschritten, die Bier und Wasserkästen wahrgenommen, die aufgetürmt herumstanden, und anschließend naserümpfend das Schlafzimmer betreten. Die ganz in weiß gekleideten Spurensicherer waren in ihrer Arbeit vertieft. Einer hatte das Zimmer ausgeleuchtet und machte Fotos, der zweite kratzte konzentriert Blut von der Tapete seitlich des Ehebettes und der dritte strich mit einem kleinen Pinsel über die Wunde am Kopf des alten Mannes, der unnatürlich zusammengekrümmt auf der Matratze lag, und steckte den Pinsel in ein kleines Plastiktütchen, welches er gewissenhaft verschloss.

Nach der laut geäußerten Bitte des jungen Kommissars allerdings, standen die Beamten wie angewurzelt da und der vierte, der augenscheinlich der Chef der kleinen Truppe war, hob langsam die Hand. „Hallo, ihr müsst die Neuen sein.“ Nach ein paar Sekunden fügte er mit ernster Stimme hinzu: „Da haben wir doch total vergessen zu lüften. Normalerweise räumen wir auch noch ein wenig auf und machen die Betten, bevor wir die Spuren sichern.“

Die Starre der anderen Mitarbeiter löste sich blitzartig und alle lachten lauthals. Hartmann wusste erst einmal nicht, wie ihm geschah. Benjamin trat aus seinem Schatten und stellte sich vor: „Dobermann mein Name, sorry, ist tatsächlich unser erster Mordfall. Sie müssen Karl Leuthner sein. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

Der Spurensicherer bewegte sich einen Schritt auf die Kommissare zu und sagte: „Na, wenn dem so ist, will ich den Frischlingen mal erklären, was wir hier so treiben. Wir wollen euch ja nicht dumm sterben lassen.“ Benjamin überhörte den Spott und Daniel war damit beschäftigt, alles konzentriert zu begutachten. Mittlerweile hatte er die weißen Schutzhandschuhe aus seiner Hosentasche hervorgekramt und über seine Hände gezogen. Er bewunderte die Nummerntafeln, die überall herumstanden und die Besonderheiten markierten. Ein Kollege baute gerade eine speziell aussehende Kamera ab. Daniel kannte dieses neue Gerät nur aus Vorträgen, die er an der Polizeiakademie gehört hatte. Selbst in der Tatortstraße, wo die Auszubildenden ihre ersten Tatorte besichtigten, gab es so eine Kamera noch nicht. Daniel faszinierten neue Methoden. Neugierig sprach er den Kollegen an und Franz Jungherz gab stolz Auskunft. „Seit einigen Monaten arbeitet auch die Kriminalpolizei in Hessen mit einer Kamera, die den Tatort mit sämtlichen Details und in höchster Auflösung scannt. Wir haben vor Kurzem Spuren in einer Wohnung gesichert, in der eine Vergewaltigung stattgefunden hatte“, erzählte er. „Da war es besonders wichtig, den Zustand des Betts genau zu dokumentieren. Wie sieht die Bettdecke aus? Gibt es Hinweise darauf, dass Täter und Opfer miteinander gekämpft haben? Solche Fragen sind entscheidend für den Gerichtsprozess. Deshalb stellten wir dort zum ersten Mal diese sogenannte Spheron-Kamera auf. Das Gerät dreht sich einmal komplett um die eigene Achse und nimmt ein vollständiges Bild des Raums auf, das die Kriminalbeamten später in ein Computerprogramm übertragen und am Bildschirm immer wieder aufrufen können. So können sich auch Kollegen ein Bild vom Tatort machen, die dort nie gewesen sind. Das ist sehr wichtig, weil die ermittelnden Kollegen normalerweise gar nicht selbst den Ort des Verbrechens besichtigen. Ihr scheint eine Ausnahme zu sein.“

Franz Jungherz grinste. Hartmann sah sich genötigt, eine Erklärung zu liefern. „Kriminalrat Löwental bestand darauf, dass wir uns den Tatort anschauen.“ Kurz drauf fügte er noch verlegen hinzu, als ihn der Blick des Spurensicheres traf: „Na ja, vielleicht wurden wir auch hierher beordert, weil wir die beiden Neuen sind. Das ist nämlich unser erster realer Fall.“

„Na, wenn das so ist“, sagte Franz Jungherz mit einem Lächeln in der Stimme und stieg erneut in seinen Vortrag ein: „Für die Sicherung und die Dokumentation des Tatorts ist die Abteilung zuständig, in der ich arbeite. Ich gebe die Ergebnisse weiter an die Kollegen, die in dem Fall ermitteln. Jetzt muss definitiv kein Kriminaler mehr den Tatort besichtigen. Mit der neuen Technik sitzen die Kommissare gemütlich vor ihrem PC und gleichzeitig bewegen sie sich in dem Tatort hin und her. Auch die Richter bekommen eine genauere Vorstellung vom Geschehen. In dem Computermodell markiere ich die Spuren, die gesichert wurden – Haare oder Speichelspuren an einem Glas etwa. Wenn zum Beispiel eine Blutspur erst später durch eine chemische Bearbeitung sichtbar wird, können wir sie nachträglich in das Gesamtbild einfügen.“ Jungherz machte eine kleine Pause, um das Gesagte sacken zu lassen. Die gesamte Zeit hatte auch Benjamin interessiert zugehört. Leuthner hatte sich indessen kopfschüttelnd umgedreht und weiter die Leichen fotografiert. Er hatte Zeit und konnte den Kommissaren später noch erklären, was alles herausgefunden worden war. Er musste sowieso noch einen Bericht schreiben, in dem er alle Indizien fein säuberlich aufführen würde.

Franz bemerkte, dass ihm auch der andere Kommissar zuhörte und sprach weiter: „Und wenn wir ein Detail vom Tatort noch einmal genauer ansehen wollen, einen Blutspritzer an der Wand vielleicht, können wir ihn in der 3-D-Optik heranzoomen. Genial, was?“ Er wartete einen Augenblick, bis die Neuen ehrfürchtig nickten, und fuhr fort: „Doch nicht jede Polizeidienststelle kann sich die Spheron-Kamera leisten. Zusammen mit der passenden Software kostet sie mindestens 80.000 Euro. In ganz Hessen gibt es nur eine Kamera, die zwischen den einzelnen Polizeipräsidien hin- und hergefahren wird. Zum Glück war das gute Stück gerade bei uns im Südhessischen Polizeipräsidium in Darmstadt. Anscheinend ist dieser Fall von großer Bedeutung und so haben unsere Chefs beschlossen, dass wir die Kamera nutzen dürfen.“

„Faszinierend“, entfuhr es Daniel. „Bei unserer Ausbildung in Wiesbaden mussten wir auf den Spurensicherungsblättern alles dokumentieren. Wo genau wir im Raum die Haare und den Speichel oder auch Blutspuren entdeckt hatten. Wenn wir irgendetwas vergessen hatten, war es für immer verloren.“

„Tja, aber ihr habt euch nicht auf diesen neumodischen Kram verlassen, sondern all eure Sinne geschult und gelernt, genau zu arbeiten.“ Leuthner hatte sich angeschlichen. Anscheinend war es ihm wichtig, seine Sicht der Dinge beizusteuern. Der Kriminalist alter Schule stand den hochgerüsteten forensischen Methoden skeptisch gegenüber. Er war der Meinung, dass sich die jüngeren Kollegen meist blind auf die aufwendige Technik verließen. Der erfahrene Spurensicherer vertraute lieber seinen Augen und seinen Ohren und sammelte Fakten, die er zu einem Bild zusammensetzte. „Wollt ihr beiden Hübschen nicht doch erst einmal wissen, was eigentlich passiert ist, bevor ihr euch dem modernen Firlefanz hingebt?“, fragte er forsch.

Franz Jungblut verzog das Gesicht. Viel zu oft hatte er schon mit seinem Vorgesetzten diskutiert und gestritten. Er empfand die altbewährten Methoden überholt. Sein Argument war, dass sich die Verbrecher ebenfalls weiterentwickelten und somit die Polizei nicht stehenbleiben dürfe. Er wendete sich wieder der Kamera zu und vertiefte sich in seine Arbeit. Karl hingegen zog seine Augenbrauen hoch und fragte: „Also, was ist? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, wollt ihr wissen, was wir herausgefunden haben?“

Benjamin und Daniel schwenkten ihre Köpfe in Richtung des Chefs der Spurensicherung und wirkten wie zwei frisch eingeschulte Schuljungen, die zum ersten Mal vor ihrem Klassenlehrer standen. Sie nickten gleichzeitig.

Karl Leuthner versuchte, den Blick zu ignorieren, um nicht überheblich lächeln zu müssen und begann: „Der Tod ist bei beiden älteren Herrschaften heute früh zwischen vier und fünf Uhr eingetreten. Die polnische Pflegerin, die das Ehepaar Höfner für wenig Geld beschäftigt hatte, bewohnt ein kleines Zimmer im ersten Stock und versorgte die beiden rund um die Uhr, wenn es nötig war. Sie machte den Haushalt, kochte, wusch, pflegte das Ehepaar und kaufte ein. Obendrein versorgte sie den Garten und das alles für 1.200 € im Monat. Das ist schon Wahnsinn, oder?“

Da die beiden jungen Kommissare einen merkwürdigen Gesichtsausdruck machten, merkte Leuthner, dass sie sich nicht sonderlich für die Belastung polnischer Pflegekräfte und deren Ausbeutung interessierten, sondern mehr über den aktuellen Fall wissen wollten. „Die Pflegekraft entdeckte heute Morgen gegen 7.30 Uhr den Schlamassel. Nach ihrer Aussage hat sie sofort den Hausnotruf verständigt, der den Hausarzt rief. Dieser dachte zuerst, es läge ein erweiterter Selbstmord vor.“

„Wie kommt er auf diese Idee?“, wollte Daniel wissen.

„Herr Höfner hielt eine Waffe in der Hand. Er hätte durchaus zuerst seine Ehefrau und kurz später sich selbst erschossen haben können. Bald kamen dem Arzt allerdings Zweifel, die Pistole, eine SIG Sauer Sandfarben, Kaliber 22, lag in der rechten Hand des alten Mannes. Der Arzt wusste, dass sein Patient Linkshänder war und unter Rheuma in den Händen litt. Nach seiner Einschätzung hatte der alte Höfner gar nicht die Kraft, um mit der Rechten die Waffe gezielt abfeuern zu können. Der Arzt handelte danach instinktiv richtig, stellte keinen Totenschein aus, sondern benachrichtigte die Polizei. Und nun sind wir altgedienten Spezialisten hier, beäugen jedes Detail und es wird immer klarer, dass es ein Doppelmord war.“

„Welche Indizien sprechen noch dafür?“, gab sich Hartmann professionell.

„Die wenigen Schmauchspuren an der Hand des alten Höfners deuten darauf hin, dass ein Fremder die Hand mit der Waffe geführt und abgedrückt hat.“

„Aha“, entfuhr es dem jungen Kommissar und Dobermann stand ziemlich verunsichert daneben.

„Wo ist die Pflegerin?“, wollte Hartmann wissen.

„In Gewahrsam“, antwortete Leuthner kurz.

„Und wann kommt der Pathologe, um die Leichen zu untersuchen?“, fragte Benjamin spontan dazwischen. Sowohl Karl als auch Daniel schauten den jungen Kommissar verwundert an.

Karl baute sich breitbeinig vor Dobermann auf. „Entschuldigung, aber ich habe lange Zeit mit Ihrem Vater zusammengearbeitet und auch er machte denselben Fehler wie Sie jetzt. Pathologen untersuchen Menschen, die im Krankenhaus gestorben sind und zwar mit Einverständnis der Angehörigen. Gerichtsmediziner benötigen diese Zustimmung nicht, ein Gerichtsmediziner obduziert einen Leichnam im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Und deswegen haben wir auch einen Gerichtsmediziner beantragt. Unserer heißt Doktor Muffinski und arbeitet bei der Gerichtsmedizin in Frankfurt.“

Benjamin war Leuthners Ansage unangenehm und er entschuldigte sich leise. Er wollte noch erklären, dass er den Unterschied zwischen einem Gerichtsmediziner und einem Pathologen kenne, dass er aber gerne auch in einem Mordfall von einem Pathologen sprach, da es sich ja um die Obduktion einer Leiche handele, aber er kam nicht mehr dazu, denn sein Kollege trat lauthals ins nächste Fettnäpfchen. „Sie haben beide Leichen von Kopf bis Fuß im Abstand von wenigen Zentimetern mit kurzen Klebebandstreifen beklebt. Ist das Verfahren neu? Das kenne ich gar nicht.“

Der Spurensicherer wusste erst nicht, was er sagen sollte. Er schluckte und atmete tief ein und aus. „Das ist sogar ein relativ altes Verfahren“, begann er endlich, „mit Klebeband tasten unsere Beamten die Kleidung der Leichen ab, um Textilspuren zu sichten. Wenn der Täter das Opfer berührt hat, sind vielleicht Faserspuren seiner Kleidung an der des Opfers hängen geblieben. Haben die beiden miteinander gekämpft, sind die Fasern nach einem bestimmten Muster verteilt. Die Klebebändchen werden in beschrifteten Tütchen aufbewahrt und später in unserm Labor untersucht.“

„Gibt es schon erste Ergebnisse?“, preschte Hartmann vor.

Leuthner war so verblüfft, dass er konsterniert und mit vollkommen ruhiger Stimme feststellte: „In unserem Labor werden diese Klebebändchen später untersucht.“

„Können wir die Pflegerin befragen?“, wollte Benjamin Dobermann unvermittelt wissen und veranlasste Karl Leuthner, den Kopf ruckartig in seine Richtung zu drehen. „Können Sie gerne machen. Die Pflegerin sitzt in einem unserer Fahrzeuge.“

„Na, dann“, sagten die beiden Kommissare nahezu gleichzeitig und irritierten den Spurensicherer erneut. „Wir lassen euch nun in Ruhe weiterarbeiten“, fügte Dobermann noch hinzu und beide verließen das Schlafzimmer.

Die Truppe rund um Karl Leuthner sagte kein Wort. Erst viel später wurde der erste Einsatz der beiden neuen Kommissare auf Betriebsausflügen immer und immer wieder zum Besten gegeben und schenkelklopfend mit lautem Gelächter quittiert. Als die jungen Kommissare ihre ersten Fälle erfolgreich abgeschlossen hatten, konnten auch sie darüber lachen.

Jetzt allerdings durchschritten sie den langgezogenen Flur des Bungalows und prüften an der Eingangstür, ob nicht doch Einbruchsspuren zu sehen waren, fanden aber keine. Sie tappten weiter die vier Stufen hinunter zum Gartenzauntürchen aus Holz und wunderten sich, dass es tatsächlich noch die vor sechzig Jahren in Mode gekommenen Jägerzäune gab. Sie überstiegen diesmal das rot-weiße Flatterband und fanden sich kurz darauf wieder in der medialen Realität. Reporter stürzten auf sie zu, bombardierten sie mit Fragen als auch mit vor die Nase gehaltenen Mikros. Benjamin schwieg diesmal und blickte zu Boden. Daniel ergriff die Initiative. „Kein Kommentar“, sagte er mehrmals. „Kommen sie morgen zur Pressekonferenz.“

Mit seinen Händen wehrte er die Mikros wie lästige Fliegen ab und kämpfte sich vor zu dem Polizeifahrzeug, das mit laufendem Motor und Blaulicht vor dem Haus stand. Die Reporter ließen von den Beamten ab und wandten sich wieder dem Gebäude zu.

Dobermann hatte inzwischen das Polizeifahrzeug erreicht und öffnete die Tür. Er setzte sich auf den Beifahrersitz und bat den Fahrer, den Motor abzustellen.

„Darf ich nicht“, antwortete der Kollege.

„Weshalb?“

„Dienstanweisung.“

Dobermann schüttelte den Kopf. Er hatte in der Polizeischule von der unsinnigen Vorschrift gehört. „So ein Quatsch“, brummte er vor sich hin, beugte sich nach hinten und schaute die Frau auf dem Rücksitz an. Sie war ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, vollschlank und hatte halblange, streng nach hinten gekämmte blonde Haare, die mit einer Haarklammer am Hinterkopf zusammengehalten wurden. Die Kleidung, die sie trug, wirkte etwas altbacken, aber gepflegt und sauber. Die Person machte den Eindruck, als könne sie gut zugreifen und würde sich auch nicht vor pflegerischen Arbeiten drücken, vor denen sich der eine oder andere Angehörige ekelte. Sie hatte tatsächlich etwas von einer Krankenpflegerin, wie man sie sich vorstellt. Dobermann wollte der Frau eine Frage stellen, war aber erstaunt darüber, dass sein neuer Kollege hinten eingestiegen und der Frau auf die Pelle gerückt war.

„Sie pflegen die Familie?“, begann Hartmann.

Ein schwaches „Ja“ war die Antwort. Die Frau ruckelte hin und her, anscheinend störten die Handfesseln.

„Seit wann?“

Die Frau blickte unter sich und sprach leise: „Ich arbeite für eine polnische Firma. Ich bin legal.“

Dobermann war erstaunt über ihr gutes Deutsch.

Als Daniel nicht gleich nickte, wiederholte die Frau ängstlich: „Ich bin legal hier in Deutschland, wirklich! Alle Papiere sind okay. Alles ist richtig. Ich bekomme viel Geld von meinem Verdienst abgezogen, damit alles in Ordnung ist. Verstehen Sie?“

Endlich nickte Daniel und die Frau entspannte sich ein wenig. „Ich war schon öfter in Deutschland, aber zum ersten Mal bei der Familie. Nette Familie. Ich habe nichts getan.“

„Seit wann arbeiten Sie in Darmstadt?“, insistierte Daniel.

„Seit fast fünf Wochen. Ich wollte noch drei Wochen bleiben“, kam die Antwort sehr zaghaft.

„Und was können Sie mir über Herrn und Frau Höfner erzählen?“

„Alle sehr nett. Gute Arbeit. Ich bin gerne hier, wollte in drei Monaten wiederkommen und …“

„Schon klar“, unterbrach Daniel, „was war denn heute Nacht?“

„Ich habe geschlafen.“

„Haben Sie denn keine Alarmglocke oder so, wenn nachts etwas passieren sollte?“

„Natürlich. Ich habe ein Gerät. Darauf können die Herrschaften drücken, dann kommt ein Ton bei mir oben raus.“

„Hat denn das Gerät in der letzten Nacht angeschlagen?“

„Was heißt: angeschlagen?“, fragte die Polin verwirrt.

„Ich meine natürlich, hat das Gerät geläutet“, verbesserte sich der Kommissar.

„Nein, in der letzten Nacht hat gar nichts geläutet.“

„Haben Sie tief und fest geschlafen?“

„Ich schlafe meistens tief und fest, aber die Klingel höre ich immer. Der Mann hat oft nachts geläutet, wenn er auf die Klo musste.“

Auf das, wollte Daniel verbessern, ließ es aber sein und fragte stattdessen. „Und, wie war es heute Nacht?“

„Alles ruhig“, kam die spontane Antwort.

„Sie haben also in Ihrem Bett im ersten Stockwerk geschlafen und nichts gehört, auch kein Stöhnen und keine Schüsse?“

„Nein, gar nichts ich habe gehört. Bin heute Morgen um 7.30 Uhr wach geworden, wie immer.“

„Haben Sie einen Wecker?“, wollte Dobermann wissen, der sich noch immer den Hals verdrehte, um die Polin anschauen zu können.

Die Frau war verwirrt, sie hatte den anderen Kommissar, der auf dem Beifahrersitz saß, noch gar nicht wahrgenommen. „Nein“, sagte sie nach einer kurzen Pause. „Ich stelle keinen Wecker. Ich werde immer um 7.30 Uhr wach. Da ist Beginn meiner Arbeitszeit.“

„Erzählen Sie weiter“, forderte Hartmann sie auf. „Heute Morgen kamen Sie die Treppe herunter und was geschah anschließend?“

Die Frau brauchte einige Zeit, bis sie antworten konnte. Irgendetwas kämpfte in ihr, so deutete zumindest Dobermann ihre Mimik.

„Ich kam herunter. Alles war so wie jeden Tag“, begann die Frau zögernd. „Ich habe gerufen. Keine Antwort. Die Schlafzimmertür war ein wenig geöffnet, auch wie jeden Tag. Das haben die beiden Herrschaften so gewünscht. Ich habe nochmals gerufen und hatte ich so ein Gefühl, ganz eigenartig war es. Da wusste ich, ist was passiert.“

Die Augen der Frau füllten sich und liefen über. Benjamin versuchte zu ergründen, ob sie schauspielerte.

„Habe ich die Tür aufgemacht und gerufen.“ Die Worte kamen zäh, stockend. „War dunkel in Raum. Habe ich Licht angemacht.“ Die Frau schluckte, bevor sie ihren letzten Satz aussprach. „Dann … habe ich laut geweint.“

„Was haben Sie gesehen?“, hakte Hartmann nach.

Die Frau schluchzte und versuchte, sich von Hartmann wegzudrehen, was ihr sichtlich schwerfiel. Tränen flossen über ihr Gesicht und sie konnte diese nicht abwischen. „Habe Licht gemacht. Herr und Frau Höfner lagen im Bett, ganz eigenartig. Köpfe sahen anders aus. Augen waren offen. Und Blut. Überall Blut“, tropften die Worte träge aus ihrem Mund. „Bin ich in Flur gerannt und habe Hausnotruf gedrückt.“ Sie schien zu überlegen, verzog ihr Gesicht und presste stockend hervor: „Hat lange gedauert. In Deutschland dauert alles lange. Musste warten. Endlich hat Mann durch das Telefon gefragt, was los ist.“ Die Frau drückte das Kinn auf ihre Brust und Tränen benässten ihre Beine. „Ich habe geschrien, er muss kommen, sofort. Ich war ganz laut. Mann sagte endlich, er würde jemand schicken. Ich wieder warten. Ich nicht mehr ins Schlafzimmer gehen.“ Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Frau heulte, schniefte und bebte. Benjamin fühlte mit ihr. Ihm war klar, sie war keine Tatverdächtige und ihre Fesselung war unnötig. Er wollte ihr die Handschellen abnehmen, sofort!

Nur sehr langsam beruhigte sich die Polin und stammelte leise vor sich hin: „Ich hätte nochmals in Schlafzimmer gehen sollen. Vielleicht haben die Herrschaften noch gelebt? Ich hab nicht geholfen. Ich hab mich nicht getraut.“ Plötzlich schoss ihr Kopf in Hartmanns Richtung und sie fragte lauter, als es nötig gewesen wäre: „Werde ich jetzt rausgeworfen? Sagen Sie meiner Agentur Bescheid? Bitte nicht, habe Fehler gemacht, habe viel Angst gehabt.“

Hartmann reagierte nicht. Dobermann dagegen hielt es nicht mehr aus. „Haben Sie den Schlüssel für die Handschelle?“, fuhr er den Beamten an, der auf dem Fahrersitz hing und stur nach vorne blickte. Ein zögerndes Nicken war die Antwort. „Rücken Sie ihn raus!“

Der Fahrer kramte widerwillig den Schlüssel aus seiner Hosentasche und reichte ihn dem jungen Kommissar. Der gab ihn an Hartmann weiter und befahl: „Mach sie frei!“ Sein Kollege gehorchte. Die Frau wirkte dankbar und lächelte sogar ein wenig. Als sie von den Handschellen befreit war, rieb sie sich die Handgelenke.

„Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“, fragte Dobermann. Die Polin nickte. „Jetzt werden Sie zum Präsidium gefahren. Sie brauchen keine Bedenken zu haben. Wir wollen lediglich Ihre Personalien und ein Protokoll aufnehmen.“ Als Dobermann ausstieg und dem Fahrer ein Zeichen gab, dass er losfahren sollte, sah er, wie die Frau gedankenversunken durch das Seitenfenster stierte.

„Mann, Mann, Mann“, sagte er leise vor sich hin, „und das alles an meinem ersten Arbeitstag.“

3.

Das Ende der Nacht hatte Franziska auf der Bettcouch im Gästezimmer verbracht. Die Matratze war viel zu hart, aber hier hatte sie endlich ihre Ruhe gefunden. Stunden zuvor war sie neben Paul eingeschlafen, mehr aus Gewohnheit, als dass sie es wirklich gewollt hätte. Kurze Zeit später wurde sie durch sein Schnarchen geweckt und roch die widerliche Bierfahne, die seinen Körper umwehte. Mehrmals hatte sie sich noch hin und her gewälzt, hatte bald darauf das Kopfkissen und die Bettdecke gepackt und war wütend und glockenhellwach vor den Fernseher geflüchtet. Das Fernsehprogramm langweilte. Sie hatte eine lange glatte und rot glänzende Haarsträhne zwischen Daumen und Zeigefinger gedreht und sie unter ihre Nase gehalten. Sie mochte den Geruch und konnte durch das Drehen und Riechen besser nachdenken.

Soll es so weitergehen?

Was kann mir mein Leben noch bieten?

Sie fand keine Antworten, wusste aber, dass sie etwas verändern musste. Nur nicht mehr in dieser Nacht. Nach einiger Zeit war sie letztlich ins Gästezimmer verschwunden. Dort hatte sie ein wenig Schlaf gefunden. Vor dem Einschlafen hatte sie nochmals an den gestrigen Abend gedacht, als sie sich mit Paul gestritten hatte. Paul war eifersüchtig. Bei der Geburtstagsfeier hatte Franziska ihre alte Jugendliebe getroffen und sich gut unterhalten. Paul dagegen hatte nur dumm rumgestanden und zu viel getrunken. Erst auf der Heimfahrt hatte Franziska bemerkt, dass er ziemlich beschwipst war und wollte aussteigen. Paul hatte es nicht zugelassen und raste wie ein Wilder. Beinahe wäre es zu einem Unfall gekommen, hätte Franziska nicht rechtzeitig die Handbremse gezogen und ihren Mann angeschrien. Wutentbrannt war sie ausgestiegen und die letzten Meter nach Hause gelaufen. Paul hatte sie seinem Schicksal überlassen. Irgendwann hatte er es wohl ebenfalls geschafft und war schwer neben ihr ins Bett gefallen.

Am nächsten Morgen war Franziska um kurz nach 9 Uhr aufgewacht und aufgestanden. In der Küche traf sie auf Paul. Er hatte schon den Frühstückstisch gedeckt und schenkte ihr Kaffee ein, als sie sich setzte. Er löste Tabletten in kaltem Wasser auf und rieb sich die Schläfe.

„Auch eine?“

Franziska nahm einen Schluck Kaffee, blickte ihn aber nicht an. „Dicken Kopf?“

„Ja, war ein doofer Abend!“

Franziska hätte sich ein Wort der Entschuldigung gewünscht, eine nette Geste, aber es war wie immer: Es kam nichts. „Ach, hör doch auf“, unterbrach Franziska ihn. „Du hast dich volllaufen lassen, wie tausend Mal vorher, und mich blamiert.“

Paul wusste nicht, was er sagen sollte. Er spürte den stechenden Kopfschmerz. „Klar habe ich gesoffen, aber warum wohl?“

Franziska sprang auf. Die Kaffeetasse klimperte auf dem Unterteller. Mit beiden Händen stützte sie sich auf dem Küchentisch ab und keifte von oben herab: „Und in diesem Zustand noch Autofahren, das ist doch unverantwortlich.“

„Immerhin bist du mitgefahren. Du warst doch nüchtern und Herrin deiner Sinne?“, blökte Paul zurück.

„Ich hätte auf der Party bleiben sollen.“

„Hättest du, aber dieser Georg hat dich einfach stehen gelassen, gell?“

Franziska löste sich von dem Küchentisch und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Hör doch auf. Du bist ja krankhaft eifersüchtig.“

„Schwachsinn. Du hast doch gewusst, dass deine alte Jugendliebe zu dem Fest kommen würde. Du hast dich aufgebrezelt wie lange nicht mehr, das rote Kleid angezogen, das mit dem tiefen Ausschnitt und hast den gesamten Abend wild rumgeflirtet und diesem Georg schöne Augen gemacht. Das warst doch du! Das sind doch wohl die Fakten, oder?“

Franziskas Gesicht lief rot an. Zwischen zusammengekniffenen Zähnen hindurch zischte sie: „Wenn man ein Problem hat, kann man versuchen, sich ihm zu stellen oder man sucht einen anderen, der daran schuld sein soll.“

„Und welche Probleme habe ich deiner Meinung nach?“, presste Paul hervor.

„Fehlendes Selbstbewusstsein und ein Alkoholproblem“, brach es aus Franziska heraus, bevor sie nach der Kaffeetasse schnappte, zur Spüle hinübereilte und die Tasse dort abstellte. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und sagte bedrohlich leise, aber bestimmend: „Ich denke, wir sollten uns eine Zeit lang aus dem Weg gehen.“

Paul sagte nichts. Er schluckte und drehte sich zur Seite. Die Wut in ihm schien verpufft und einem Ohnmachtsgefühl gewichen zu sein. „Dann geh doch!“, sagte er weinerlich und rieb mit den Fingern beider Hände seine Schläfen.

Franziska verließ ohne ein weiteres Wort die Küche und verschwand im Schlafzimmer. Sie packte rasch ihren Koffer mit dem Nötigsten und verließ so schnell sie konnte das Haus. Draußen vor der Tür atmete sie tief durch. Gern hätte sie laut aufgeschrien, ließ es aber sein. Sie hatte keinen Plan. Sie war wütend und zwang sich dazu, den Schlüssel des gemeinsamen Autos aus ihrer Handtasche zu ziehen, die Beifahrertür zu öffnen und den Koffer auf den Sitz zu werfen. Auf der Fahrerseite stieg sie ein und fuhr los. Paul sollte sehen, wie er ohne Auto zurechtkam. Das war nur gerecht, dachte Franziska und lächelte böse. Das Fahrzeug rollte aus der Einfahrt und bog auf die Schloßgrabenstraße ein. Langsam fuhr die junge Frau weiter, bog rechts ab, an der nächsten Kreuzung links, wieder rechts, solange bis sie eine Idee hatte, wohin sie fahren konnte. Vor Monaten hatte sie durch Zufall den Vortex-Garten im Prinz-Christians-Weg unterhalb der Mathildenhöhe kennengelernt und seit dieser Zeit öfters besucht. Ein Privatgarten, der von Jedermann betreten werden durfte. In ihm haben sich viele Künstler verewigt und den Garten zu einem spirituellen Ort gemacht. Alles war geometrisch und numerologisch angelegt, überall floss und plätscherte Wasser durch unterschiedliche organisch geformte Brunnen. Diesen besonderen Ort benötigte Franziska jetzt. Dort wollte sie hinfahren, um etwas zur Ruhe zu kommen und Klarheit zu finden.

Nach wenigen Fahrminuten parkte die junge Frau direkt vor dem Anwesen, stieg aus und betrat den Garten. Schon oft war sie abends alleine hier gewesen, meist mit einem Buch und umgeben von vielen schweigenden Menschen, die ebenfalls spürten, dass hier ein besonderer Geist herrschte. Franziska bewegte sich auf engen Pfaden und sprang von einer zur anderen der 108 eiförmigen Gehwegplatten. Sie streifte an Kunstwerken vorbei, die Kornkreise symbolisierten, an kleinen Teichen mit Wasserspielen und sie sah den Bronzeengel aus dem Jahr 1903, den Alexander Salivontschick mit Tausenden Glasperlen beklebt hatte. Dahinter stand in einer Pergola ein bemalter Sessel in einem Pentagramm. Dies war ihr Lieblingsort. Zum Glück war der Sessel frei. Sie nahm Platz und atmete die besondere Stille und Atmosphäre ein. Atemzug für Atemzug wurde sie innerlich ruhiger und blickte in das Grün, das sich vor ihr ausbreitete. Sie sah Vögel, die erst auf einem dicken Ast saßen, herunterhüpften und sie mit ruckartigen Kopfbewegungen anschauten. Plötzlich war da ein Eichhörnchen, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Das Tier kletterte auf einem Baum, der direkt vor ihr stand, hüpfte von Ast zu Ast und verharrte plötzlich auf einem dünnen Zweig, der etwa zwei Meter vor ihr auf und nieder schwang. Es schien sie zu beobachten. Franziska fühlte sich, als wäre sie Teil des Gartens, ein Teil der Natur. Sie war nicht mehr der Mensch, der alles unter Kontrolle haben musste und auch noch die Impertinenz besaß, genau dies zu glauben. Sie war einfach nur ein Teil des Ganzen und dies beruhigte sie so sehr, dass sie in ihr Inneres blicken konnte. Sie dachte an sich, ihre Situation und bald schon wurde ein Traum aus der letzten Nacht in ihr wach. Bilder und auch Worte drängten sich ihr auf.