Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Ironcutter - Die Geheimnisse der Toten E-Book

David Achord  

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E-Book-Beschreibung Ironcutter - Die Geheimnisse der Toten - David Achord

David Achords Ironcutter ist Detektivroman, Cop-Thriller und Gerichtsdrama gleichermaßen, mit einem sympathisch unkorrekten Protagonisten, der streckenweise an alte TV-Serien-Ikonen wie Magnum oder Stingray erinnert. "Wer Krimis mag, wird das Buch nicht mehr aus der Hand legen können." [amazon.com] Inhalt: Thomas Ironcutter liebt alte Autos, Zigarren und seinen Flachmann mit Scotch. Früher war er einer der besten Mordkommissare Nashvilles gewesen, doch nach dem tragischen Tod seiner Frau gilt er als Mordverdächtiger und sein eigenes Revier beginnt Ermittlungen gegen ihn anzustellen. Daraufhin hängt er seinen Job an den Nagel, verdient sich seine Brötchen als Privatermittler und wartet nur darauf, dass eines Tages ein ehemaliger Kollege an seine Tür klopfen wird, um ihn festzunehmen. Chronisch knapp bei Kasse kommt der Auftrag eines alten Freundes wie gerufen. Ironcutter soll in einem Konkursfall ermitteln. Eigentlich ein simpler Fall, aber es dauert nicht lange, bis er über Tote, seltsame Geschäftspraktiken und das FBI stolpert – und irgendwie scheinen alle Spuren zurück zu dem Tod seiner eigenen Frau zu führen …

Meinungen über das E-Book Ironcutter - Die Geheimnisse der Toten - David Achord

E-Book-Leseprobe Ironcutter - Die Geheimnisse der Toten - David Achord

Die Geheimnisse der Toten

Ein Thomas Ironcutter Roman

David Achord

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com Title: WILDCAT. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2016. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

 

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: WILDCAT Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Peter Mehler Lektorat: Astrid Pfister

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-363-3

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Die Geheimnisse der Toten
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47

Kapitel 1

Ich hatte mir das ganz genau überlegt. Wirklich, kein Witz. Der Plan war brillant. Ich holte den Klappstuhl aus meinem Kofferraum, lief über den Parkplatz und pflanzte meinen Hintern auf ein Stück Parkplatz, auf dem mit roter Farbe sorgfältig »Reserviert« auf dem Asphalt stand.

Dann machte ich es mir gemütlich, was bedeutete, dass ich einen Schluck aus meinem Flachmann nahm, mir eine Zigarre anzündete, und mich in Ruhe umsah. Schließlich blieb mein Blick an dem Neonschild über dem Eingang hängen. Das Einzige, was mir dazu einfiel, war: Gentlemans Club, dass ich nicht lache. Das war ein Tittenlokal … einer dieser Orte, wo Männer ihre Kohle aus dem Fenster warfen und dabei zusahen, wie nackte Mädchen aufreizend für sie tanzten. Nicht, dass ich jemals darauf hereingefallen wäre. Das glauben Sie mir doch, oder?

Der Laden hatte in den letzten Jahren ein paar Mal seinen Namen geändert. Derzeit nannte er sich das Red Lynx. Damals, als ich meinen allerersten Mordfall untersucht hatte, hieß er noch das Cutie Cats. Um genau zu sein, hatte sich dieser Mord genau hier auf diesem Parkplatz, nur unweit von dem Platz, an dem ich nun saß, ereignet. Die Erinnerung ließ mich kurz in mich hineinlachen und mit halbem Auge bemerkte ich, dass meine Zigarre mittlerweile fast heruntergebrannt war.

Ich sah auf die Uhr und dann wieder zu der Leuchtreklame zurück. Laut der Anzeige würde der Klub um sechzehn Uhr öffnen, also in fünfzehn Minuten. Eigentlich sollte man annehmen, dass mittlerweile zumindest schon ein paar der Angestellten hier aufgekreuzt wären. Sie wissen schon, um das Licht anzumachen und so etwas, aber offensichtlich galten für dieses Lokal derlei ausgefeilte Geschäftspraktiken nicht. Ich zwang mich, geduldig zu sein. Schließlich ist Geduld nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Privatschnüffler.

Ich blickte noch einmal auf die Uhr.

Während ich mich umsah, fiel mir plötzlich auf, wie sauber der Parkplatz war. Nicht eine einzige Zigarettenkippe war zu sehen. Die Geschäftsleitung musste dafür wohl eines von diesen enervierend lauten Saugfahrzeugen eingesetzt haben, die einen um vier Uhr in der Früh aufweckten. Ich schnippte meinen Zigarrenstummel im hohen Bogen davon und sah zu, wie er direkt in der Mitte dieses tadellos sauberen Parkplatzes landete. Na bitte, so sah das schon viel besser aus.

Schließlich bog ein würfelförmiger blauer Kleinwagen auf den Parkplatz ein und hielt drei Plätze neben mir. Die dünne Aluminiumverkleidung des Wagens erzitterte förmlich unter den Bässen der vollkommen überdimensionierten Stereoanlage, was mich wieder daran erinnerte, wie sehr ich doch die Optik der meisten neumodischen Wagen hasste.

Neugierig beobachtete ich die Fahrerin. Sie blieb noch ein paar Minuten mit geschlossenen Augen in ihrem Wagen sitzen und wiegte sich zum Takt irgendeines geistlosen Rap-Songs hin und her, bevor sie ausstieg. Sie war Anfang zwanzig, etwas größer als der Durchschnitt, hatte hellbraune Haare, die nicht ganz auf ihre Schultern herab reichten und zwei schlanke Beine, die aus einem Paar abgewetzter Shorts herausragten. Ein pinkfarbenes knappes Shirt gab den Blick auf ihren flachen, trainierten Bauch frei. Kein BH. Sehr süß und sehr jung.

Zuerst tat sie so, als wäre ich unsichtbar, als sie mit ihrer riesigen Umhängetasche an mir vorbeilief, doch dann hörte ich, wie sie anhielt. Ich drehte den Kopf zu ihr um und sah, dass sie mich fragend anstarrte. Vielleicht, weil ich hier auf einem Klappstuhl mitten auf dem Parkplatz saß, oder weil ich an einem so heißen Nachmittag im Juni ein Sakko trug, oder, noch besser, sie starrte mich einfach nur deshalb an, weil ich so verdammt gut aussah.

»Guten Tag«, begrüßte ich sie höflich.

»Hey, Sportsfreund, ich habe keine Ahnung, was Sie da treiben, aber Sie sitzen auf Bulls Parkplatz.«

»Bull?«, fragte ich unschuldig.

»Ja, er ist einer der Türsteher hier, und keiner, mit dem man sich anlegen will«, antwortete sie.

»Sie wissen nicht zufällig seinen vollen Namen?«, fragte ich.

Jetzt musterte sie mich argwöhnisch. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Ich legte die flache Aktenmappe, die ich bei mir hatte, ab und griff in meine Jackentasche, aus der ich ein paar Zwanziger hervorkramte und gut sichtbar in die Luft hielt. Sie starrte mich eine Weile an und ich versuchte, so zu tun, als würde ich nicht bemerken, dass sich ihre Nippel mittlerweile durch den Stoff ihres Shirts bohrten. Ich schätzte, dass dies eine natürliche Reaktion von Stripperinnen war, wenn sie einen Mann sahen, der mit Geld herumfuchtelte. Nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit siegte schließlich die Verlockung über die Vorsicht. Sie blickte sich um, kam zu mir und streckte ihre Hand nach dem Geld aus. Ich umklammerte es daraufhin fester.

»Den Namen, bitte«, erinnerte ich sie höflich.

Ihre Hand blieb auf meiner Hand liegen. »Sein Name ist Robert Turnbull und er dürfte jeden Moment hier sein.«

Bingo, da hatte ich meine Bestätigung. Ich lockerte meinen Griff und sie zog mir langsam die Geldscheine aus der Hand.

»Sind Sie ein Cop oder so was?«, fragte sie und sah mich mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht an.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin kein Cop.« Nicht mehr, wie ich in Gedanken hinzufügte.

Sie musterte mich weiter. »Sie sehen aber wie ein Cop aus.«

»Wie heißen Sie? Ihr richtiger Name, meine ich.« Den Zusatz hielt ich für wichtig, denn die meisten Stripperinnen benutzten ein Pseudonym.

Sie schenkte mir ein kleines schüchternes Lächeln, bevor sie antwortete: »Ich heiße Anna und Sie?«

»Thomas.« Aber bevor ich noch etwas hinzufügen konnte, schnitt mir das kehlige Auspuffbrummen mehrerer Motorräder, die die Straße herunterkamen, das Wort ab.

Sie sah in die Richtung, aus der der Lärm kam. »Hören Sie, ich will nicht dabei gesehen werden, wie ich mich mit Ihnen unterhalte.« Da war plötzlich ein Anflug von Unruhe in ihrer Stimme, als sie die Straße hinuntersah. »Seien Sie vorsichtig. Bull ist groß und gemein und er hat gute Freunde.«

Ich verstand. Ich zog noch schnell meine Visitenkarte aus meiner Jackentasche und reichte sie ihr. »Danke«, sagte ich. »Vielleicht kann ich Ihnen ja eines Tages mal einen Gefallen tun.«

Sie zögerte einen Moment, bevor sie sich die Karte schnappte und in das Lokal eilte. Die Tür war nicht verschlossen. Also war vielleicht doch schon jemand darin. Wenn ich nicht anderweitig beschäftigt gewesen wäre, hätte ich ihnen gesagt, dass sie endlich das verdammte Schild anschalten sollten.

Ich drehte mich wieder um, als drei Biker auf aufgemotzten Harleys auf den Parkplatz bogen. Alle drei trugen die typischen Biker-Klamotten, schmutzige Jeanswesten mit ihrem Klubnamen und eine Reihe weiterer Aufnäher mit kryptischen Symbolen. Diese Typen zählten sich zu den stolzen Onepercentern. Sie verachteten traditionelle Gesellschaftsformen und besaßen einen ausgeprägten Hass auf Gesetzeshüter.

Die Sorte kannte ich gut.

Die drei brachten ihre Maschinen nur wenige Zentimeter vor mir zum Stehen und drehten provokativ noch ein paar Mal die Motoren auf. Ich vermutete, der Lärm sollte mich einschüchtern. Ich blieb aber trotzdem ruhig sitzen und wartete. Nach ein paar Sekunden hörten sie mit dem Unsinn auf. Der Älteste von ihnen würgte seinen Motor ab und gab den anderen beiden ein Zeichen, seinem Beispiel zu folgen.

Einer von ihnen war dünn, drahtig, hatte einen langen schmierigen Kinnbart und die dunklen Augen eines Wiesels. Die anderen beiden waren etwas stämmiger. Der Ältere war vielleicht noch ein paar Zentimeter größer und ungefähr so alt wie ich, wog aber um einiges mehr. Etwas davon waren Muskeln, der Rest aber Fett. Wie die meisten älteren Biker schmückte ihn der standardmäßige Bierbauch. Spinnenweben-Tätowierungen zierten beide Ellenbogen, die in dicken, fleischigen Oberarmen mündeten. Auf einem davon zeichnete sich eine lange Narbe quer über dem Bizeps ab. Er trug einen breiten walross-artigen Schnurrbart, wie dieser Typ aus dem Fernsehen, der immer seine Söhne anschreit. Seine krumme Nase kündete von einigen Schlägereien, in die er in der Vergangenheit involviert gewesen war. Zumindest war das der Grund, warum meine schief war. Er schien derjenige zu sein, der hier das Sagen hatte, aber er war nicht der Grund, wieso ich hier war. Zumindest nicht der Hauptgrund.

Der, nach dem ich suchte, Bull, war der Größte von den Dreien. Knapp zwei Meter groß, gute hundertsechzig Kilo schwer und gebaut wie ein Football-Spieler. Irgendwie hatte ich so eine Vermutung, dass seine Persönlichkeit ihn davon abhielt, einen Mannschaftssport zu betreiben. Seine Arme waren mit Tätowierungen übersät und ausgehend von deren Umfang mussten dafür bestimmt vier Liter Tinte draufgegangen sein. Seine Beine erinnerten an Baumstämme und seine Biker-Stiefel mussten Übergröße haben. Ich warf einen schnellen Blick über den Parkplatz zu meinem Auto, um sicherzugehen, dass meine Verstärkung auch zusah.

Bull ließ sein Vorderrad gegen die blank gewienerte Spitze meines schwarzen Lackschuhes rollen. »Was zur Hölle hast du auf meinem Parkplatz verloren?«, knurrte er mich an.

Ich ergriff die Aktenmappe, setzte meinen besten entschuldigenden Gesichtsausdruck auf und erhob mich mit gespielter Nervosität von meinem Stuhl. »Ach du meine Güte, bitte entschuldigen Sie, aber ich war der Meinung, dass dieser Parkplatz für einen gewissen Robert Turnbull reserviert sei.« Der Älteste der drei Biker kniff misstrauisch die Augen zusammen. Wahrscheinlich hatte ihn meine Verwendung von Bulls bürgerlichen Namen alarmiert, aber bevor er etwas entgegnen konnte, meldete sich Bull schon wieder zu Wort.

»Das bin ich, du Arschloch«, krähte er. »Also beweg sofort deinen Arsch zur Seite.«

Ich nickte einsichtig. »Sofort, Sir«, antwortete ich und machte mich daran, nach meinem Klappstuhl zu greifen, dann aber zeigte ich ihnen den Aktenordner, wegen dessen ich nicht beide Hände benutzen konnte. Ich tat so, als wäre ich selbst davon genervt, wie ungeschickt ich auf andere wirken musste, und warf ihm beiläufig die Aktenmappe zu.

»Wenn Sie die bitte kurz halten könnten, Sir.« Er fing die Mappe ohne nachzudenken auf. Ich klappte den Stuhl zusammen, hob ihn auf und lief los.

»Hey, du Blödmann, du hast deine Mappe vergessen.« Er warf sie mir hinterher und die Dokumente wirbelten durch die Luft. Das Wiesel begann daraufhin zu lachen. Ich spähte zu dem Älteren hinüber. Dieser starrte mich durchdringend an. Er wusste genau, dass ich irgendetwas im Schilde führte. Ich ließ den Blick wieder zu Turnbull zurückwandern.

»Oh, die werde ich jetzt nicht mehr brauchen, Bull. Die ist für dich. Ordnungsgemäß zugestellt.« Ich beobachtete die anderen beiden. Genauer gesagt achtete ich auf ihre Körpersprache, um sicherzugehen, dass keiner von ihnen nach einer verborgenen Waffe griff.

»Was?«, brüllte Bull, der von seiner Maschine gestiegen war und mir hinterherlief. Ich hob warnend einen Finger und schob dann mein Jackett zur Seite, um ihm mein Baby zu zeigen. Eine umgebaute .45 Springfield Armory Modell XD, Halbautomatik, die in dem Holster an meinem Gürtel steckte.

»Bull!«, rief der Ältere. Bull blieb unwillkürlich stehen und drehte sich um.

»Hör dir an, was der Mann zu sagen hat«, riet ihm der Ältere.

Bull starrte mich an. »Glaubst du etwa, ich hätte Angst vor deinem dürren Arsch?«

»Vielleicht nicht vor mir, aber du solltest mit Sicherheit vor dem alten Mann da drüben Angst haben.« Ich deutete mit dem Daumen über meine Schulter, wo mein Onkel Mike, ein Polizei-Captain im Ruhestand, in meinem Auto saß. In einem 1961er Eldorado Kabriolett. Ein tiefschwarz glänzender Cadillac mit jeder Menge Chrom, Gangster-Weißwandreifen und einem weißen Verdeck. Hatte mich beinahe ein Jahr gekostet, ihn wieder vollständig zu restaurieren, aber es war jede Minute davon wert gewesen. Mein Onkel hatte eine Schrotflinte aus dem geöffneten Fenster geschoben, die in unsere ungefähre Richtung zeigte. Eine Zigarette hing aus seinem Mundwinkel und er starrte mit dunkelbraunen durchdringenden Augen zu uns hinüber.

»Bull, geh rein!«, brüllte der Ältere. Bull warf mir noch einen langen bösen Blick zu, als wollte er mich stillschweigend wissen lassen, dass wir beiden noch nicht miteinander fertig waren, bevor er schließlich das Lokal betrat. Der Ältere stieg von seiner Maschine und hob ein paar der Dokumente auf. Er überflog sie flüchtig und sah dann zu mir hinüber.

»Was soll diese Scheiße?«, blaffte er mich an.

Ich wollte schon antworten, dass er die verdammten Dokumente einfach lesen sollte, wenn er es wissen wollte, aber dann hielt ich mich zurück. Er hatte mir einen Gefallen getan, als er die Situation entschärft hatte, und außerdem konnte er wahrscheinlich nicht einmal lesen.

»So, wie es aussieht, hat Ihr Kumpel vor ein paar Monaten die Scheiße aus einem Mann herausgeprügelt, und dieser verklagt Bull und den Laden jetzt.«

Er starrte für einen Moment auf die Papiere hinunter und warf mir dann einen Blick zu, in dem eine Menge unverhohlener Feindseligkeit zu erkennen war. »Ich erinnere mich an diesen Idioten. Er ging bei einem der Mädchen zu weit. Als man ihn hinausbegleitete, verpasste er Bull einen Schlag. Er hat nur bekommen, was er verdiente.«

Ich zuckte mit den Schultern und lief zu meinem Auto. Wahrscheinlich hatte er sogar recht damit, dass der Typ es womöglich verdient hatte, aber es war nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Mein Job endete in dem Moment, wenn ich die Unterlagen übergeben hatte. Ich verstaute den Klappstuhl im Kofferraum und mein Onkel rutschte auf den Beifahrersitz hinüber.

»Du hast es echt drauf, dir Freunde zu machen«, meinte er, als ich einstieg. Ich zündete mir eine neue Zigarre an und er sich eine Zigarette. Das war unsere Art, mit der Nervosität umzugehen. Die Schrotflinte behielt er zur Sicherheit weiterhin auf dem Schoß. Nachdem er sein Feuerzeug eingesteckt hatte, hielt er mir die Hand in stiller Erwartung entgegen. Ich zog den Flachmann aus meinem Jackett, nahm einen langen Schluck und gab ihm die Flasche dann.

»Wir müssen noch einem Zwischenstopp einlegen. Liegt aber auf dem Nachhauseweg«, sagte ich, während ich den Cadillac auf die Division Street bugsierte, auf grünes Licht wartete und mich dann auf die I-40 einfädelte.

»Ich glaube, mich daran zu erinnern, dass du hier einmal an einem Mordfall gearbeitet hast«, meinte er. Ich warf ihm einen Blick zu. Das Alter nagte auch an ihm, aber sein Erinnerungsvermögen war immer noch intakt. Im Licht der Nachmittagssonne traten die Falten in seinem Gesicht besonders hervor.

»Ja, war mein allererster Fall. So ein Kerl war eifersüchtig auf seine Stripper-Freundin. Er tolerierte die Sache mit dem Strippen zwar, aber sie hatte noch ein kleines Nebengewerbe am Laufen. Mit diesen Freizeitaktivitäten schien er offenbar ein Problem gehabt zu haben. Eines Nachts lauerte er ihr nach der Arbeit auf und erschoss sie auf dem Parkplatz.«

»Was für eine Art von Nebengewerbe war das denn?«, fragte er interessiert.

»Prostitution.«

Er prustete und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Dann hat die Nutte es nicht anders verdient«, meinte er. Ich schwieg. Ich hatte keine Ahnung, ob sie es verdient hatte oder nicht. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ihm zu sagen, dass das vielleicht ein etwas hartes Urteil sei, aber dann kam ich zu der Einsicht, dass es sich nicht lohnte, mit ihm darüber zu streiten.

»Was wurde denn aus ihrem Freund?«

»Er ging nach Hause und schoss sich den Kopf weg«, antwortete ich.

Mein Onkel nickte leicht, als wollte er damit sagen, dass er das für das einzig Richtige hielt. Er nahm noch einen letzten langen Zug von seiner Zigarette und schnippte sie dann auf die Interstate. »Brauchen wir die Schrotflinte noch?«

»Nope. Dieses Mal ist es ein Klient«, sagte ich, während ich die Fahrspur wechselte und schnell auf achtzig Meilen beschleunigte. Er nickte zufrieden und nahm noch einen Schluck aus dem Flachmann, bevor er ihn mir zurückgab. Fünfzehn Minuten später parkte ich den Wagen vor einem Starbucks in einer Ladenzeile am südlichen Ende der Stadt.

»Wer ist es dieses Mal?«, fragte er.

»Ein Mann mit mehr Geld als Verstand«, antwortete ich.

Onkel Mike grunzte. »Von denen laufen offenbar eine ganze Menge herum.«

Almose Larkins, der es vorzog, Al genannt zu werden, war ein unscheinbarer, pummeliger Mann mit kurzen dunklen Haaren, einem festgeklebten Grinsen und einer unbekümmerten Art. Er arbeitete als erfolgreicher Vertreter einer Handelskette für Getränke und lernte, zumindest seinem Äußeren nach zu urteilen, seine weiblichen Bekanntschaften vornehmlich im Internet oder in dunklen Bars kennen. Mit einer dieser Damen war er derzeit auch liiert, und sie war der Grund, warum er mich angeheuert hatte. Er saß an einem der Außentische und lächelte, als ich mich ihm näherte.

»Hi, Thomas«, begrüßte er mich überschwänglich, während ich mich setzte. Ich seufzte innerlich. Ich wusste, in ein paar Minuten würde er nicht mehr lächeln.

»Hi, Al.« Ich schüttelte ihm die Hand. »Okay, ich habe deine Informationen, zusammen mit der Rechnung. Das Ganze beläuft sich auf tausenddreihundertunddrei Dollar. Für dich glatte Tausenddreihundert.« Ich hatte ihm einen Nachlass gegeben, weil ich ihn als Freund ansah, aber ich musste trotzdem irgendwie meine Rechnungen bezahlen.

Al nickte, zückte sein Scheckbuch und füllte eilig einen der Schecks aus. Ich wartete geduldig. Als er ihn mir hinüberreichte, warf ich einen schnellen prüfenden Blick darauf, faltete ihn dann zusammen und steckte ihn in meine Tasche.

»In Ordnung, dann fassen wir deinen Fall noch einmal kurz zusammen.« Ich langte in den Aktenordner und kramte ein Porträtfoto einer atemberaubenden arabischen Schönheit mit wallendem rabenschwarzem Haar und mandelbraunen Augen hervor.

»Ja, das ist mein Mädchen«, sagte Al stolz. Ich nickte bestätigend und fuhr fort.

»Seit etwa einem Monat habt ihr beide verschiedene obszöne und bedrohende Textnachrichten erhalten. Alle richteten sich gegen sie.«

Al seufzte. »Richtig, und die Cops haben nichts dagegen unternommen«, nörgelte er. Ich legte eine kurze Pause ein, um im Kopf nach den richtigen Worten zu suchen, mit denen ich ihm erklären konnte, wieso die Cops nichts unternommen hatten.

»Das hier sind die Kopien der Berichte aus den Unterlagen des zuständigen Detectives.« Ich zog die betreffenden Papiere aus dem Ordner und schob sie ihm über den Tisch zu. »Wie du daraus ersehen kannst, hat der Detective die Herausgabe der Telefonaufzeichnungen erwirkt.«

Ich blätterte durch die Unterlagen und zog das entsprechende Dokument hervor. »Dieser Bericht des Mobilfunkbetreibers zeigt alle Telefonaufzeichnungen an. Du kannst sie gern in Ruhe studieren, aber im Moment möchte ich erst einmal auf den abschließenden Bericht des Detectives eingehen.« Ich schob ihm den Bericht zu und ließ ihn das Dokument überfliegen. Ganz besonders jene Sätze, die ich vorher mit einem gelben Textmarker gekennzeichnet hatte. »In ihrer Zusammenfassung kommt der Polizeibeamte zu dem Schluss, dass sämtliche Textnachrichten von einer getürkten Telefonnummer aus abgeschickt wurden«, sagte ich.

»Und was bedeutet das?«, fragte er.

»Das ist eine von diesen Handy-Apps, die man herunterladen kann, um seine eigene Nummer zu verschleiern und beim Angerufenen eine andere Nummer anzuzeigen. Das ist illegal, wird aber nur in den seltensten Fällen strafrechtlich verfolgt. Ich möchte allerdings besonders auf einen Satz des Detectives hinweisen. Er bezieht sich dort auf die Vergangenheit deiner Verlobten.«

Ich deutete auf den farbig hervorgehobenen Satz. »Das ist der Grund, warum sie den Fall zu den Akten gelegt haben.« Al las den Satz langsam, dann las er ihn noch einmal und sah mich schließlich an. Seine Verwirrung war ihm deutlich anzusehen.

»Ich fand den Satz recht interessant, also habe ich ein paar kleine Ermittlungen angestellt.« Ich griff erneut in meine Mappe und holte einen Stapel mit etwa zwölf Berichten hervor, die von einer Büroklammer zusammengehalten wurden.

»Was ist das alles?«, fragte er.

»Dies sind Polizeiberichte, die deine Verlobte in den vergangenen drei Jahren angehäuft hat. Wenn du sie liest, wirst du feststellen, dass es sich dabei um verschiedene Berichte über Stalking, Belästigungen, Drohungen und Ähnliches handelt. Die Ermittler, die mit diesen Fällen betraut waren, haben schließlich jeden einzelnen der Fälle aufgrund mangelnder Kooperation des Opfers eingestellt.«

Ich schwieg und ließ ihn für eine Minute die Berichte durchsehen. »Ich habe mich außerdem noch etwas näher mit den Textnachrichten beschäftigt«, sagte ich und zog den letzten Bericht hervor. »Sowohl die getürkte Nummer als auch die Handynummer deiner Verlobten sind stets zeitgleich am entsprechenden Funkmast eingetroffen.« Ich breitete den Bericht vor ihm aus. »Sie ist diejenige, die diese Nachrichten verschickt hat«, schloss ich mit leiser Stimme.

Al starrte mich ungläubig an. »Hat sie das? Aber wieso?«, fragte er verwirrt. Seine Stimme klang zweifelnd und beinahe kindlich.

»Manchmal ist es nicht leicht, das Verhalten anderer Menschen zu erklären, Al. Manche Ärzte würden vielleicht den Begriff Verfolgungswahn verwenden. Du hast mir mal erzählt, dass sie eine traumatische Kindheit hatte. Vielleicht hat das Spuren bei ihr hinterlassen, die erst jetzt zutage treten. Ich bin kein Psychiater, also kann ich nur raten. Alles, was ich sagen kann, ist, dass du, wenn du diese Frau liebst, an noch ein paar mehr Problemen zu knabbern haben wirst. Du solltest sie dringend überreden, einen Therapeuten aufzusuchen.«

Al wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und studierte stattdessen noch einmal die Berichte. Das Schweigen, das folgte, begann langsam unangenehm zu werden, also stand ich auf und machte mich leise vom Acker. Mein Onkel streckte mir den Flachmann entgegen, als ich in den Wagen stieg. Er war beinahe leer.

»Musst du noch irgendwohin, bevor ich dich absetze?«, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf und zündete sich eine Zigarette an. Ich tippte auf ein Symbol auf meinem Telefon. »Die Vorladung für Turnbull wurde übergeben«, sprach ich in das Gerät.

»Mit wem sprichst du da?«

»Ich schicke eine Nachricht an William«, antwortete ich ihm. William, war William Goldman, ein frischgebackener Anwalt, der fest entschlossen dazu schien, jedermann in Nashville zu verklagen. Nicht, dass ich mich darüber beklagen will – schließlich verdiente ich eine beachtliche Summe an jeder Vorladung, die ich auslieferte.

»Eine Nachricht?« Mein Onkel war ein typischer Mittsechziger und hatte es nicht für nötig gehalten, mit den technischen Errungenschaften Schritt zu halten. Er grunzte angewidert: »Die meisten normalen Menschen reden am Telefon, mit einem lebenden Menschen am anderen Ende«, murmelte er.

Ich lächelte. »Klar, wenn es Sherman wäre, würde ich persönlich mit ihm telefonieren, aber das ist sein Enkel, und mit dem kommuniziere ich hauptsächlich über Nachrichten.« Sherman war Williams Großvater. Ihn bewunderte und verehrte ich. Mit William kam ich einfach nur irgendwie klar.

Ich setzte Onkel Mike an seinem Haus an der Vine Road Ridge ab und fuhr dann nach Hause.

Kapitel 2

Mein Morgen begann mit einem Becher Kaffee, dann zwang ich mich zu einer erschöpfenden Trainingseinheit. Ich war in letzter Zeit ein wenig nachlässig geworden, aber die Begegnung mit den Bikern hatte mich dazu gebracht, meine Faulheit noch einmal zu überdenken.

Als ich damit fertig war, auf den Sandsack einzudreschen, taten mir die Fäuste weh und ich keuchte wie ein alter Staubsauger. Ich zog die Boxhandschuhe aus und verzog schmerzhaft das Gesicht, als ich danach versuchte, meine Finger zu bewegen. Der Muskelkater schien stärker zu sein, als ich ihn aus jüngeren Tagen in Erinnerung hatte.

Nachdem ich wieder normal atmen konnte, setzte ich mich hin und zündete mir eine Zigarre an. Meiner Ansicht nach hatte ich sie mir nach diesem Training redlich verdient. Ich genoss ihr Aroma und sah mich in dem metallenen Fertigbauhaus um. Es diente mir sowohl als Fitnessraum als auch als Garage und als Aufbewahrungsort für all die Dinge, die die meisten anderen Menschen als Ramsch angesehen hätten. Neben meinem ganzen Stolz, dem schwarzen Cabrio, parkten dort auch noch zwei weitere Fahrzeuge in unterschiedlichen Stadien der Verwahrlosung.

Mein einziger anderer fahrbarer Untersatz war ein Ford F150 Pick-up Truck, Baujahr 2010. Den hatte ich gebraucht gekauft, doch außer einem Satz neuer Reifen, Bremsen und einer neuen Batterie hatte mir der Wagen seither nie irgendwelche Probleme gemacht. Die anderen beiden Autos waren zwei Muscle-Cars aus den Sechzigern, ein 1968er Dodge Challenger und ein 1971er Chevy Camaro SS. Ich hatte beide zu einem fairen Preis erstehen können und hatte eigentlich vorgehabt, sie aufzuarbeiten und dann teuer weiterzuverkaufen, aber mein chronischer Geldmangel hatte mich bislang von diesem Unterfangen abgehalten. Ich hatte mich stattdessen dafür entschieden, die beiden Wagen bei Craigslist einzustellen, und machte mir in Gedanken eine Notiz, es endlich zu tun. Es tat mir zwar in der Seele weh, aber derzeit war ich wirklich knapp bei Kasse. Wenn sich das nicht schleunigst änderte, würde ich womöglich sogar auf meine teuren Zigarren verzichten müssen.

Mein Hund schaute mich nun an. Er war ein hässlicher gescheckter Köter um die siebzig Pfund, der die meiste Zeit über ein ziemlich unbeherrschtes Wesen an den Tag legte. »Was meinst du, Henry?«, fragte ich ihn. Er schien jedoch keine Meinung zu diesem Thema zu haben und trottete kommentarlos davon.

Bis ich meine Zigarre aufgeraucht hatte, vertrödelte ich meine Zeit in der Garage. Danach füllte ich Henrys Futterschale mit etwas von dem überteuerten Hundefutter, zu dem mir mein Tierarzt geraten hatte, und nahm anschließend eine lange heiße Dusche, bevor ich mich meinem Tagwerk widmete. Ich zog mich an, schnappte mir mein Telefon und starrte es für vielleicht zehn Sekunden an. Ein schickes iPhone, die neueste Version.

Ich hasste das Teil.

Die Leute waren inzwischen von den Dingern abhängig geworden, mich eingeschlossen. Schon oft hatte ich einfach mit einem Hammer darauf eindreschen oder es aus dem Fenster werfen wollen, wenn ich auf der Interstate fuhr, aber ohne das Ding hätte ich mein Geschäft auch gleich dichtmachen können.

»Dann wollen wir mal«, murmelte ich und schaltete das Telefon ein. Ich hatte vier Sprachnachrichten und eine SMS bekommen.

Die Sprachnachrichten stammten von Anrufern, die mich dafür einstellen wollten, Beweise zu finden, dass sie von ihren Ehepartnern betrogen wurden. Obwohl ich das Geld gut hätte gebrauchen konnte, löschte ich diese Nachrichten sofort. Hinter untreuen Eheleuten hinterherzujagen ging mir ungeheuer auf den Sack und außerdem war es schwer, hinterher an sein Geld zu kommen.

Die Textnachricht stammte von William, jenem Anwalt, für den ich die Papiere an Turnbull übergeben hatte sollen. Stirnrunzelnd überflog ich die Nachricht. Er antwortete damit auf meine Nachricht vom Abend zuvor und meinte, dass er noch vier weitere Vorladungen herumliegen hätte und sich fragte, ob ich mich nicht ASAP darum kümmern könnte.

»Du elender kleiner Scheißer hast es nicht für nötig gehalten, mir zu verraten, dass der Typ zu einer Motorradgang gehörte.« Ja, ich rede oft mit mir selbst. Ich denke, das ist normal für jemanden um die vierzig, der allein lebt. Ich stand also in meiner Küche, dachte kurz darüber nach, tippte dann auf das entsprechende Symbol und sagte: »Du schuldest mir noch das Geld für die letzten vier. Also bezahle mich – oder leck mich am Arsch – Ausrufungszeichen.« Zu meiner Verärgerung schrieb die App das Wort »Ausrufungszeichen« aus, anstatt das Satzzeichen einzufügen.

»Dieser beschissene Elektronikkram«, murmelte ich, schickte die Nachricht aber trotzdem ab. Weniger als dreißig Sekunden später klingelte mein Telefon. Anwaltskanzlei Goldman.

»Na, das ging ja flott«, murmelte ich, bevor ich ranging.

»Hallo Thomas, hier ist Sherman. Wie geht es dir?«

Er hätte sich nicht extra vorstellen brauchen, denn ich erkannte ihn sofort an seiner Stimme. Sherman Goldman war ein alter Freund von mir. Er arbeitete als Senior-Partner in einer der angeseheneren Anwaltsfirmen der Stadt. Wir hatten uns vor ein paar Jahren kennengelernt, als ich gerade als Officer angefangen hatte. Eines Tages, nach einem Gerichtstermin, hatte er sich mir vorgestellt und mich zu meiner Haltung im Zeugenstand beglückwünscht.

»Hallo Sherman«, antwortete ich. »Alles bestens. Noch besser wäre es allerdings, wenn dein Enkelsohn mich mal bezahlen würde. Wie geht’s dir?« Sein Enkel hielt sich selbst für einen Spitzenanwalt. Keine drei Monate nach Beendigung seines Jurastudiums hatte er bereits sieben oder acht Prozesse am Laufen, was sein Wesen finde ich, ganz gut beschreibt. Aus Gefälligkeit für seinen Großvater griff ich ihm ein wenig unter die Arme, aber der kleine Scheißer hatte mir noch keinen einzigen Scheck ausgestellt.

»Oh wirklich? Über wie viel Geld reden wir denn?«

»So um die zweitausend«, antwortete ich. Ich wusste natürlich, dass das für Sherman Kleingeld war, aber wie gesagt, um mein Einkommen war es in diesen Tagen nicht sonderlich gut bestellt. Sherman musste meinen … sagen wir mal … stockenden Geldfluss wohl gerochen haben.

»Nun, dann sollten wir sehen, wie wir das schnell in Ordnung bringen können. Wieso kommst du nicht einfach in meinem Büro vorbei? Ich lasse dir einen Scheck ausstellen und dann reden wir noch über einen anderen Job.«

»Das wäre großartig.«

»Okay, dann sehen wir uns in einer Stunde.« Er legte auf, noch bevor ich eine andere Zeit vorschlagen konnte. So ist Sherman eben. Sofort klingelte mein Telefon wieder. Die Nummer sagte mir nichts, aber das war nicht ungewöhnlich. Ich meldete mich mit meinem Standardspruch: »Ironcutter Investigations?«

»Hallo, sind Sie der … äh … Privatdetektiv?« Das hörte sich nach einer verknöcherten alten Schachtel an.

»Das bin ich. Mein Name ist Thomas Ironcutter. Was kann ich für Sie tun?«

»Ah, sehr gut. Ich möchte Sie für einen Nachforschungsauftrag engagieren«, sagte sie.

»Sehr gern, Ma’am. Meine Preise sind Ihnen bekannt? Ich veranschlage tausend Dollar pro Woche, für mindestens eine Woche, plus Spesen. Die Bezahlung für die erste Woche muss im Voraus geleistet werden.«

»Eintausend Dollar pro Woche? Das ist ja ungeheuerlich«, rief sie entrüstet.

Ich seufzte. Diese Reaktion bekam ich leider öfter zu hören. Ich habe keine Ahnung, warum die Leute sich stets genötigt sahen, sich darüber zu beklagen. Wenn ihnen mein Gehalt nicht passte, konnten sie doch einfach auflegen, aber nein, so lief das nicht. Ich schätzte, die Leute glaubten, dass sie, wenn sie nur lange genug herumnörgelten und sich beschwerten, das Ganze so ausgehen würde: »Oh mein Gott, es tut mir ja unendlich leid, Ma’am. Bitte erlauben Sie mir, meinen abscheulichen Fehltritt wiedergutzumachen. Ich werde Ihren Fall selbstverständlich umsonst bearbeiten. Oh, nein, noch viel besser, ich bezahle Ihnen Geld dafür!«

Oder so etwas in der Art. In der Vergangenheit habe ich stets versucht, mich professionell zu verhalten, zu erklären, wie sich der Betrag zusammensetzte, aber das hatte nie funktioniert. Also hatte ich eine geniale und absolut sichere Methode für Leute wie diese Dame entwickelt: Ich legte einfach auf. Für gewöhnlich funktionierte das … für gewöhnlich. … dieses Mal jedoch nicht.

Sie rief sofort zurück. »Mister Ironcutter, haben Sie etwa gerade aufgelegt?«, wollte sie scheinbar ernsthaft entrüstet von mir wissen.

»Ja, natürlich. Wieso um alles in der Welt rufen Sie mich denn noch einmal an?«

Eine ganze Weile herrschte Schweigen am anderen Ende. Ich schätzte, meine Frage musste sie verwirrt haben. Ich war kurz davor, das Gespräch erneut zu beenden.

»Ich weiß ja nicht, für wen Sie sich halten, aber man legt nicht einfach auf, wenn man einen potenziellen Klienten in der Leitung hat. Als kompetenter Geschäftsmann sollten Sie so etwas eigentlich wissen«, antwortete sie.

»Meine Teuerste, als ich Ihnen meinen Preis nannte, verriet mir Ihre Reaktion bereits alles, was ich wissen muss. Sie können sich mich nicht leisten und werden deshalb versuchen, mich herunterzuhandeln.« Wieder folgte ein Moment perplexen Schweigens. Ich goss mir in der Zwischenzeit ein Glas Wasser ein und wartete auf eine einfallsreiche Antwort von ihr.

»Junger Mann, Sie wissen gar nichts über mich«, antwortete sie eisig. Das war alles andere als einfallsreich, eher langweilig. Ich hatte wirklich Wichtigeres zu tun.

»Sie haben recht, ich weiß überhaupt nichts über Sie. Wollen wir es nicht einfach dabei belassen?« Das war nicht die erste Antwort, die mir auf der Zunge gelegen hatte, aber ich versuchte, weiterhin höflich zu bleiben.

»Ganz sicher nicht. Wir werden jetzt meinen Fall besprechen«, forderte sie.

»Ich hoffe inständig, dass es nichts mit Ihrem untreuen Ehegatten zu tun hat, denn bei Seitensprüngen ermittle ich nicht«, log ich, denn mich beschlich langsam das Gefühl, dass es genau damit zu tun hatte.

»Und wieso nicht?«, wollte sie daraufhin wissen.

Ich nahm das Telefon vom Ohr und starrte es einen Moment lang ungläubig an. Meine Güte, diese Frau wollte einfach nicht lockerlassen. Ich musste tief durchatmen, um nicht ein paar Dinge zu sagen, die ich hinterher bereuen würde.

»Madam, ich schulde Ihnen bestimmt keine Erklärung. Wenn ich jemanden um mich haben wollte, dem ich den ganzen Tag über Rechenschaft ablegen müsste, wäre ich verheiratet oder wieder bei meiner Mutter eingezogen.« Jetzt legte ich wieder auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

»Verdammt, das wird offenbar wieder so ein Tag.« Ich kümmerte mich noch schnell um ein paar Dinge, unter anderem, dass mein Flachmann mit Scotch gefüllt war, und fuhr dann in die Stadt.

Zwanzig Minuten später saß ich im Empfangsbereich der Goldman Anwaltskanzlei. Es war ein modernes Büro, welches das gesamte zwanzigste Stockwerk in einem Wolkenkratzer in Nashville einnahm.

Mein Hintern hatte sich kaum an das teuer aussehende Ledersofa gewöhnt, als auch schon eine überaus attraktive Frau aus einer der schwarzen Türen trat. Sie musterte mich mit ihren strahlend grünen Augen durch eine nerdig aussehende Brille hindurch, und ich tat das Gleiche, nur mit braunen Augen und ohne Brille. Ich schätzte sie auf Ende dreißig. Sie war schlank und trug ihre langen dunklen Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt, der von etwas zusammengehalten wurde, das wie zwei chinesische Essstäbchen aussah. Mit der kessen Brille, die auf ihrer Nase ruhte, sah sie verdammt süß aus.

»Mister Ironcutter?«, erkundigte sie sich mit einer angenehmen Stimme, in der ein Hauch von Südstaatenakzent mitschwang. Sofort stand ich auf. Sie lächelte mich freundlich an. »Ich bin Simone Carson, Shermans persönliche Assistentin.« Sie streckte mir die Hand entgegen, die ich offenbar etwas zu lange schüttelte. Sie wartete jedoch geduldig, bis ich damit fertig war, so als wäre sie es schon gewöhnt, dass sich die Männer in ihrer Gegenwart zum Affen machten.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden?«

Und ob ich das wollte! Sie machte eine äußerst gute Figur in ihrem Sekretärinnen-Outfit. Es schmiegte sich genau an den richtigen Stellen an ihre Kurven. Ich wäre ihr überall hin gefolgt. Sie führte mich in ein Eckbüro, von dem aus man einen wundervollen Blick auf das Stadion der Titans hatte. Sherman saß hinter einem großen und mit Schnitzereien verzierten Walnuss-Schreibtisch und sprach mit einem etwa gleichaltrigen Mann. Als ich das Büro betrat, sah er auf und lächelte mich an.

»Thomas«, begrüßte er mich warmherzig. Er war ein älterer Mann, der so langsam auf die Achtzig zuging, mit einem Engelsgesicht und kahlem Kopf. Nur an den Seiten klammerten sich noch ein paar Büschel weißer Haare. Er lächelte und kniff die Augen zusammen. »Schön, dich zu sehen.« Wir schüttelten uns die Hände und er deutete auf seinen Gast.

»Das ist Richter Barrett Conway.« Richter Conway schien wie Sherman in den Siebzigern zu sein. Sein Gesicht war glattrasiert, sein kurzes graues Haar lichtete sich oben auf dem Kopf ein wenig, und er sah mich mit strahlend-blauen Augen durch eine Gleitsichtbrille mit Drahtgestell an. Auch er gab mir die Hand, während Sherman erklärte: »Wir beide kennen uns schon ewig, wir waren damals zusammen auf der juristischen Fakultät.«

Ich nickte. Sherman Goldman war seit mehr als fünfzig Jahren als Anwalt tätig, also musste ihre Freundschaft wirklich schon eine ganze Weile bestehen. Nach der Begrüßung deutete Sherman auf einen Sessel. Simone, die kurz hinausgegangen war, kam nur wenige Augenblicke später mit einer Tasse und einer Kanne zurück.

»Etwas Kaffee, Thomas?«, fragte sie. Ich nickte dankbar, sah ihr dabei zu, wie sie mir anmutig Kaffee einschenkte, und musste feststellen, dass ich sie von Sekunde zu Sekunde mehr mochte. Als sie fertig war, nahm sie neben Sherman Platz.

»Thomas, Barrett ist Richter am Konkursgericht im mittleren Bezirk von Tennessee.« Richter Conway nickte und erhob sich. Erst jetzt fiel mir auf, dass er einen Gehstock benutzte, aber es war kein gewöhnlicher Gehstock. Ich hatte schon Stöcke wie diesen gesehen. Er war aus dem Hartholz einer Esche gefertigt und ich rechnete förmlich damit, dass eine kleine Drehung am Griff eine spitze Waffe zutage fördern würde. Man konnte nie vorsichtig genug sein, dachte ich.

»Ich lasse euch dann mal allein«, sagte er und warf mir einen ernsten Blick zu. »Sie haben mich hier nicht gesehen, Thomas.« Ich nickte langsam, so als wüsste ich ganz genau, was er von mir wollte, dann gab er Sherman die Hand und ging.

»Ich habe ihm versichert, dass du die Sache diskret behandeln würdest«, erklärte mir Sherman, nachdem Richter Conway uns verlassen hatte.

»Was geht hier vor, Sherman?«, fragte ich.

»Barrett bat ich mich um einen persönlichen Gefallen und ernannte mich im Zuge dessen zum Treuhänder in einer Insolvenz Sache. Ein Chapter-Eleven-Fall.«

Simone beugte sich nach vorn und reichte mir eine dicke Akte. Der Kartenreiter wies die betroffene Firma als Robard Trucking aus – eine Speditionsfirma. Ich überflog die erste Seite, bei der es sich um eine grobe Zusammenfassung handelte. Während ich die Akte anschließend flüchtig durchblätterte, sagte ich: »Wenn ich mich recht erinnere, ist Chapter-Eleven eine Möglichkeit für Firmen, ihre Verbindlichkeiten auf Vordermann zu bringen, während die Geldgeber gleichzeitig daran gehindert werden, zu klagen.«

Sherman lächelte. »Sehr gut, Thomas.«

»Aber ich schätze, da gibt es ein Problem.«

»Für Barrett ist an der ganzen Sache etwas faul, und nachdem ich die Akte gelesen habe, muss ich ihm recht geben. Wir haben den Fall ausführlich diskutiert und dann entschieden, dich mit ins Boot zu holen.«

»Ich kann gern ein paar Vorladungen überbringen, wenn du das willst«, sagte ich.

Sherman lehnte sich in seinem Sessel nach vorn. »Vielleicht sollte ich es dir genauer erklären: Wenn eine Firma den Antrag stellt, nach Chapter-Eleven bemessen zu werden, müssen ein paar bestimmte Auflagen eingehalten werden. Dazu gehört unter anderem, dass der Hauptschuldner binnen einhundertzwanzig Tagen einen Sanierungsplan aufzustellen hat. Im Klartext heißt das: Die Firma muss einen serösen Plan ausarbeiten, wie sie die Schulden abzuarbeiten gedenkt. Die Vorsitzenden von Robard Trucking haben das jedoch bisher versäumt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass wir glauben, dass die Direktoren der Firma bereits vor Antragstellung einige Zahlungen abgewickelt haben.«

»Und deshalb entschied der Richter, einen Treuhänder einzusetzen«, vermutete ich. Sherman nickte. »Aber, wieso dich?«

»Wie ich bereits sagte, wir kennen uns schon ewig. Wir haben einiges miteinander erlebt.« Er sagte dies auf eine Art, die deutlich machte, dass er nicht vorhatte, näher ins Detail zu gehen, und ich beließ es dabei. Ich meine, Sherman hätte die Sache auch ohne Weiteres einem seiner Junior-Partner übertragen können, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich dagegen entschieden, und dieser ging mich offensichtlich nichts an.

Sherman wechselte nun das Thema, indem er auf seine bezaubernde Assistentin zeigte. »Miss Carson hat alle nötigen Unterlagen für dich zusammengestellt.«

Ich sah zu Simone hinüber, nicht ohne zu bemerken, dass er sie ›Miss‹ und nicht ›Missus‹ genannt hatte. Ich gab mir Mühe, möglichst unauffällig nach ihrem linken Ringfinger zu schielen. Kein Ring! Ein gutes Zeichen, zumindest für mich.

»Ich bin immer noch nicht ganz sicher, wie ich dir dabei helfen kann«, sagte ich.

»Ich denke, deine unkonventionelle Herangehensweise ist für diesen Fall wie geschaffen.« Ich sah zu Simone hinüber. Sie blickte mich mit ihren wunderschönen grünen Augen an, jedoch ohne irgendeine erkennbare Gefühlsregung. Ich hatte keine Vorstellung, wie gut sie über mich Bescheid wusste oder was sie in diesem Moment dachte.

»Du willst, dass ich das Geld finde?«

Sherman nickte kaum merklich. »Und alle anderen etwaigen Vermögenswerte.«

»Ich schätze mal, den Vertrag dazu hast du bereits vorbereitet?« Die Frage erübrigte sich. Sherman war die Korrektheit in Person und Verträge gehörten zu seinem Leben. Simone beugte sich zu mir hinüber, angelte sich die Akte aus meinem Schoß und öffnete sie. Direkt auf der ersten Seite befand sich der Vertrag.

»Ja, das dachte ich mir schon«, murmelte ich. Es war ein Standardvertrag, zusammen mit einer umfangreichen Verschwiegenheitserklärung. Simone reichte mir einen Kugelschreiber und ich unterschrieb.

»Ich mache Ihnen eine Kopie davon«, sagte sie und verließ danach das Büro. Wieder ertappte ich mich dabei, wie ich ihr hinterher starrte, und zwang mich dazu, schnell wegzuschauen, bevor Sherman mich dabei erwischte.

»In der Akte findest du Informationen über William und Leona Spieth, der Vorsitzende der Firma und die Vize-Präsidentin, die zufälligerweise auch noch Eheleute sind«, erklärte er. Ich sah in der Akte nach und fand die beiden. Schnell überflog ich ihre Daten, bevor ich Sherman wieder ansah.

»Du glaubst also, die beiden schaffen Vermögen beiseite?«

»Es scheint ganz so, und das ist der Punkt, bei dem ich denke, dass sich deine unkonventionellen Ermittlungsmethoden auszahlen könnten.«

Ich grinste ihn an. Seine Andeutung bezog sich auf einen Freund von mir, Roland. Einem introvertierten jungen Mann, der immer ein wenig so aussah, als würde er an beginnender Magersucht leiden und außerdem, wie es der Zufall so wollte, ein absolutes Computergenie war. Sherman ließ mich damit stillschweigend wissen, dass er sich Resultate erhoffte … aber falls man meinen Aktivitäten auf die Schliche kommen und diese strafrechtlich verfolgen würde, wäre er natürlich komplett unschuldig und hätte keinerlei Kenntnisse über derlei schändliches Vorgehen gehabt.

»Okay«, sagte ich. »Dann habe ich ja einiges zu tun. Doch reden wir jetzt noch mal über deinen Enkelsohn.«

Sherman hob den Zeigefinger und griff nach seinem Telefon. »Schicken Sie ihn rein.«

Eine Minute später schlenderte William Goldman in das Büro. Der gut aussehende, fünfundzwanzigjährige Mann stolzierte herein, als hätte er diese Kanzlei ganz allein zu der Bastion gemacht, die sie heute war. Als er mich sah, blieb er kurz stehen, dann setzte er ein Lächeln auf und streckte mir die Hand entgegen.

»Hey, Thomas, alter Junge, schön dich zu sehen! Ich hoffe, du bist wegen ein paar Jobs hier. Ich habe noch einige Vorladungen, die zugestellt werden müssten«, meinte er. William war das absolute Abbild des jüngeren Sherman. Der junge Mann und Absolvent der juristischen Fakultät Vanderbilt trug einen teuren, maßgeschneiderten Anzug und an seinem linken Handgelenk eine diamantene Rolex. Sein braunes Haar wurde von Unmengen an Haarfestiger und Gel in Form gebracht und er gehörte zu den Stammgästen in den angesagten Nachtklubs in der Gulch und der Music Row.

Sherman reckte den Zeigefinger in die Luft und gab William damit zu verstehen, dass er den Mund halten und zuhören sollte. »Er ist hier, um überfällige Rechnungen einzufordern, William. Gibt es ein Problem, von dem ich wissen sollte?« Sherman blieb gelassen, doch der Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören.

William nestelte nervös an seiner Krawatte herum. »Nein Sir, überhaupt nicht.« Er sah mich an. »Es tut mir wirklich furchtbar leid, Thomas, es gab da eine Verwechslung, was die Rechnungen angeht. Ich werde mich aber jetzt persönlich darum kümmern, dass man dir deinen Scheck ausstellt.«

»Kümmere dich bitte sofort darum, William. Ich erwarte, dass Thomas bezahlt wird, bevor er das Büro verlässt.«

»Aber die Buchhaltung gibt erst in zwei Wochen wieder Schecks aus«, antwortete er verärgert.

»Ist es etwas Thomas schuld, dass du die Überweisungen nicht rechtzeitig eingeleitet hast?«, hakte Sherman nach. William schwieg. »Dann musst du ihn eben aus deiner eigenen Tasche bezahlen.«

William lief rot an. »Natürlich, Sir«, murmelte er und eilte hinaus.

Shermans Lächeln kehrte nun in sein Gesicht zurück. »Dann ist die einzige Sache, über die wir noch nicht gesprochen haben, wohl die Frage, wann wir uns wieder einmal zum Golfspielen treffen.«

Ich war neugierig, was William und Leona Spieth anbetraf, und deshalb suchte ich ihre Wohnadresse aus der Akte heraus und diktierte sie in mein iPhone. Das Anwesen der Spieths war eine einstöckige Villa im Stil einer Ranch und befand sich in West Meade, einer bekannten Wohngegend in Nashville. Die Häuser waren nicht allzu riesig, hatten zumeist einen großen Vorgarten und waren gut in Schuss. Ich fuhr ein paar Mal um den Block, bemerkte hinter dem Haus noch einen Garten mit Pool, drumherum einen schmiedeeisernen Zaun, aber ansonsten nichts Auffälliges. In der Einfahrt standen auch keine Autos.

»Robard Trucking Company«, sprach ich in mein iPhone und schlug nun die Route ein, die mir die körperlose Stimme ansagte. Zwischendurch musste ich fünf Mal anhalten, um mir die Namen und Adressen der Banken entlang der Fahrt zu notieren.

»Könnte ja vielleicht später wichtig sein«, murmelte ich.

Eine Stunde später fand ich mich an meinem Lieblingsort wieder, einem Zigarrenladen am südlichen Ende der Stadt, ganz in der Nähe der I-65. Als ich den Wagen einparkte, vibrierte mein Handy. Eine Textnachricht, mit derselben Vorwahl wie die Nummer dieser verrückten alten Schachtel von heute Vormittag. Die restlichen vier Ziffern hatte ich bereits wieder vergessen, aber die SMS stammte definitiv von ihr. Ich schaltete den Motor aus und las die Nachricht.

Wir müssen uns unterhalten!

Ich stöhnte, kramte meinen Flachmann hervor und nahm einen großen Schluck. Diese Frau trieb mich so langsam in den Wahnsinn, aber vielleicht besaß sie ja doch genügend Geld, denn immerhin musste ich irgendwie meine Rechnungen bezahlen. Also antwortete ich ihr, dieses Mal ebenfalls als geschriebene Nachricht.

Wenn Sie sich wirklich mit mir unterhalten wollen, schlage ich vor, dass wir uns persönlich treffen und Ihre Situation besprechen. In der nächsten Stunde finden Sie mich in einem Laden namens Mick’s Place.

Ich schrieb ihr die Adresse, tippte auf Senden und betrat den Laden.

Mick O’Hara, der Eigentümer, saß auf einer dick gepolsterten Ledercouch – einer weitaus bequemeren Version als der im Empfangsbereich von Shermans Kanzlei – und las in der Tageszeitung. Er machte sich nicht einmal die Mühe, von seiner Lektüre aufzusehen.

»Gehst du in den Humidor?«

»Zufälligerweise ja.«

»Dann sei ein braver Kerl und bringe mir eine Padron mit. Du weißt schon welche«, sagte er und blätterte seine Zeitung um. So spielte sich das bei ihm immer ab, für gewöhnlich wartete er jedoch, bis ich mich gesetzt hatte, um mir dann zu sagen, dass ich ihm bei der Gelegenheit auch gleich einen neuen Kaffee hätte bringen können. Dieses Mal kam ich ihm allerdings zuvor und füllte gleich beide Tassen, bevor ich mich auf der angrenzenden Couch neben ihm niederließ. Erst dann schien er mich überhaupt richtig wahrzunehmen. Wir holten unsere Zigarren hervor und zündeten sie uns gegenseitig an. Dann zog ich meinen Flachmann aus der Tasche, um meinen Kaffee damit zu verfeinern.

»Na, na, jetzt sei mal nicht so ein knausriger Spaghettifresser.« Erwartungsfroh hielt er mir seine Tasse hin. Ich goss ihm einen reichlichen Schuss ein. »So ist’s recht. Hey, Kim ist gerade losgegangen, um etwas zum Mittagessen zu holen. Soll ich sie anrufen und ihr sagen, dass sie dir auch etwas mitbringen soll?«

»Sie holt aber doch nicht etwa Sushi, oder?« Ich aß nur selten Sushi. Kim, seine koreanische Frau, konnte das aber offenbar den ganzen Tag lang essen.

»Ach was«, spottete Mick. »Heute gibt es ein gutes Südstaaten-Barbecue, mit Krautsalat und Maisbrot.«

Okay, immer noch besser als Sushi, aber Sodbrennen würde ich davon trotzdem bekommen. Ich nickte und er griff nach seinem Telefon.

Mick war irischer Abstammung in vierter Generation und ich war in vierter Generation Amerikaner mit italienischen Wurzeln. Er liebte es, sich zu streiten, was den Iren meiner Ansicht nach in den Genen lag, war aber der Ansicht, dass die Iren den Italienern weitaus überlegen waren und allen anderen eigentlich auch. Nach dreißig Jahren als Feuerwehrmann hatte er seinen Job an den Nagel gehängt und einen Zigarrenladen eröffnet. Ich war damals sein erster Kunde gewesen.

Ich genoss meine Zigarre und machte mich dann widerwillig daran, meine Sprachnachrichten abzuhören. Das meiste war Mist, aber eine stammte von einem alten Freund von mir, Harvey Wilson. Wilson war Sheriff im Ruhestand und er hatte mir über die Jahre hinweg schon öfter unter die Arme gegriffen. Nach dem zweiten Klingeln nahm er bereits ab.

»Ich versuche jetzt schon seit zwei Tagen, dich zu erreichen. Wo zur Hölle hast du denn bloß gesteckt?«

»Was für eine nette Begrüßung, du Saftsack«, antwortete ich.

»Okay, genug mit dem Gesülze. Du musst mir einen Gefallen tun.«

»Hallo, bist du noch dran? Ich verstehe dich kaum.« Ergänzend machte ich ein paar zischende Geräusche.

»Was? Ach, hör mit dem Scheiß auf. Das ist echt wichtig. Also, nicht wirklich wichtig, aber mir hängt meine Frau unentwegt damit in den Ohren, also ist es wichtig genug.«

Ich grunzte. »Okay, schieß los.«

»Der Pfarrer meiner Frau hat eine Cousine zweiten oder dritten Grades. Ihr Ehemann ist kürzlich gestorben. Als Todesursache hat man Selbstmord angegeben, aber die verrückte Frau ist absolut überzeugt davon, dass es ein Mord gewesen ist.«

»Oh Scheiße, Mann, Harvey, nicht einer von diesen Fällen«, stöhnte ich laut auf. »Hast du eine Ahnung, wie oft ich mit so etwas zu tun hatte, als ich noch bei der Mordkommission gewesen bin? Ich verrate es dir … nahezu immer! Und in jedem dieser Fälle gab es einen Freund oder einen Verwandten, der behauptet hat, dass es Mord gewesen wäre. Die gingen einem so was von auf die Nerven. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Stunden ich damit verplempert habe, idiotischen Hinweisen nachzugehen, nur damit sich am Ende genau das herausstellte, was wir ohnehin schon die ganze Zeit über gewusst hatten.«

Harvey brummte zustimmend. »Nichtsdestotrotz schuldest du mir noch so viele Gefallen, dass ich kaum noch hinterherkomme. Also verrate ich dir, wie du einen oder zwei davon zurückzahlen kannst: Rede mit der Frau.«

Wir stritten uns noch eine ganze Weile, aber dann stimmte ich widerwillig zu. Harvey war all die Jahre ein guter Freund gewesen und hatte mich sogar mit einigen Klienten bekannt gemacht, als ich anfing, als Privatschnüffler zu arbeiten.

»Ich schätze mal, ich kann ihr einen Besuch abstatten«, versprach ich ihm schließlich, hörte mich dabei aber alles andere als enthusiastisch an.

»Ausgezeichnet. Ich habe ihr bereits gesagt, dass du heute Nachmittag gegen fünf vorbeikommst.«

Na großartig, dachte ich. Dann muss ich mich heute nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei verrückten Weibern herumärgern. Ich kramte daraufhin meinen Flachmann hervor und reicherte meinen Kaffee noch ein weiteres Mal an. »Schick mir bitte eine Nachricht mit ihrem Namen und ihrer Adresse.«

Harvey ließ mich wissen, dass er das tun würde, und legte dann auf. Die Nachricht kam bereits eine Minute später herein. Nachdem ich die Adresse studiert hatte, lehnte ich mich auf meiner Couch zurück und starrte Mick an, während ich meine Zigarre rauchte. Er schien zu bemerken, dass ich ihn anstarrte, und sah deshalb auf.

»Was ist los?«, fragte er.

»Ich musste gerade über deinen Nachnamen nachdenken. O’Hara. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das irisch für potthässlich ist.«

Micks Blick schien mich nun durchbohren zu wollen. »Nur, weil du keinen mehr weggesteckt bekommst, musst du das noch lange nicht an mir auslassen.« Er deutete mit seiner Zigarre auf mich. »Dein Name ist noch nicht mal italienisch.« Gespannt wartete er auf eine klugscheißerische Antwort von mir.

»Ich habe es dir doch schon einmal erklärt«, erwiderte ich.

»Daran kann ich mich mehr erinnern. Da musst du wohl betrunken gewesen sein.«

Seinem Gedächtnisschwund nach zu urteilen, war vielmehr er derjenige, der betrunken gewesen sein musste. Aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht eher lockerlassen würde, mich zu triezen, bis ich ihm die Geschichte noch einmal erzählt hatte.

»Als mein Ur-Urgroßvater damals nach Amerika kam, sprach er kein Wort Englisch und musste sich daher auf andere Immigranten als Übersetzer verlassen. Einer von ihnen sagte zu ihm: »Sie wollen wissen, wie du mit Nachnamen heißt.« Er antwortete: »Taliferro«, was übersetzt so viel bedeutet wie Eisenschneider, also Ironcutter. Der Beamte bei der Einwanderungsbehörde schrieb das auf, und seitdem ist das unser Name.«

Mick nickte, als wäre das die Riesengeschichte schlechthin. Während er seinen Kaffee austrank, fuhr draußen ein Wagen vor. »Wo wir gerade beim Thema wegstecken waren … du bist doch nur neidisch, dass du nicht jeden Tag neben einer Frau wie meiner aufwachen kannst.« Er sah zum Fenster hinaus. »Da ist meine großbusige Schönheit ja schon.«

Ich sah ebenfalls hinaus. Micks Frau hatte den Wagen abgestellt und stieg gerade mit einer großen Tüte in der Hand aus. »Eigentlich träumt sie von mir, weißt du?«, sagte ich. »Das hat sie mir erzählt.« Ich stand schnell auf, damit Mick nicht mit irgendetwas nach mir werfen konnte, eilte zur Tür und hielt sie für sie auf.

Kim und Mick hatten sich während seiner Zeit beim Militär kennengelernt, als er in Korea stationiert gewesen war. Sie hatten nach einer stürmischen Romanze geheiratet, und seitdem waren die beiden zusammen. Nachdem Mick genug Geld gespart hatte, hatte er sie dazu überredet, sich Brustimplantate einsetzen zu lassen. Er hatte die größten gewollt, die ein Arzt in sie hineinquetschen konnte. Sie war kaum anderthalb Meter groß, was die beiden Doppel-D-Körbchen nur noch mehr herausstechen ließ. Sie lächelte, als sie den Laden betrat, und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Alles Gute zum Geburtstag, mein Hübscher«, sagte sie, dann lief sie zum Couchtisch hinüber und begann, das Essen darauf zu verteilen.

Mick starrte mich an. »Du hast heute Geburtstag?«, fragte er. Ich nickte unverbindlich. »Wieso sagst du denn nichts?«

»Weißt du, warum man Geburtstag hat? Das ist Gottes Art, dich daran zu erinnern, dass du dem Tod nun ein Jahr nähergekommen bist.«

Mick runzelte verwirrt die Stirn. »Für diese Art von Einstellung gibt es ein Wort. Das nennt man … äh …«

»Fatalistisch«, sagte ich.

Er schnippte mit den Fingern. »Genau, das ist es. Du bist fatalistisch.« Wahrscheinlich hätte er gern noch weiter mit mir darüber gestritten, aber das Essen lenkte ihn davon ab. Mir war das ganz recht, denn ich hatte keine Lust, über mein Alter zu reden. Vierundvierzig war ich übrigens geworden, falls es jemanden interessieren sollte.

Nach dem Essen, als ich mir gerade eine Zigarre anzünden wollte, kam Anna, die Stripperin, durch die Tür. Nun wurde mir klar, dass sie es gewesen war, die mir die Nachricht geschrieben hatte, und nicht die alte Dame. Sie trug eine abgetragene weite Jeans, die aussah, als würde sie jeden Moment von ihr herunterrutschen, und ein weißes T-Shirt. Aber irgendwie schaffte sie es, selbst dieses Outfit sexy aussehen zu lassen. Sie kam zu uns hinüber und setzte sich.

»Hi«.

»Hallo«, antwortete ich, und nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich sie wie ein notgeiler Teenager angegafft hatte, deutete ich auf Mick und Kim. »Mick, Kim, das ist Anna. Anna, das sind Mick und seine reizende Frau Kim.« Sie sagten einander kurz Hallo und dann herrschte unangenehmes Schweigen.

Kim bemerkte es und scheuchte ihren Ehemann von dem Sofa. »Komm schon, du Fettsack, die beiden müssen offenbar etwas besprechen.«

Sie erhoben sich, aber bevor er verschwand, sah Mick noch einmal Anna an. »Ich bin nicht wirklich fett, ich habe nur schwere Knochen.«

Kim rief noch einmal nach ihm und dann eilte er endlich hinaus.

Anna sah mich finster an. »Wir müssen reden.«

Ich nickte. Ich hatte die Bedeutung dieser drei Worte auch schon in Textform verstanden, auch wenn sie dort ohne diesen Klugscheißer-Unterton hatten auskommen müssen.

»Duke weiß, wer Sie sind.«

Ich nickte und tat so, als wüsste ich genau, wovon sie redete, doch dann fragte ich: »Wer ist Duke?«

Ihre Kinnlade fiel hinunter. »Er ist der Chef des Baroque Biker Clubs. Sie haben gestern mit ihm gesprochen.« Ah, der Alte. Hatte ich mir doch gedacht, dass er das Sagen hatte. Anna fuhr fort: »Der Stripklub gehört ihm ebenfalls. Letzte Nacht saßen sie in meiner Ecke und führten ein langes Gespräch, über den Prozess, hauptsächlich aber über Sie.«

Ich legte die Stirn in Falten. »Wieso? Ich habe doch nur diese dämlichen Dokumente überbracht. Das heißt doch nichts.« Na ja, eigentlich schon. Dieser Duke konnte froh sein, wenn er wegen der Prozesskosten nicht seinen Stripklub verkaufen musste.

»Bull glaubt, dass Sie ihn beschimpft haben, und konnte auch ein paar der anderen Biker davon überzeugen. Duke meinte, dass er sich darum kümmern würde, aber fragen Sie mich nicht, was das bedeuten soll.« Sie zuckte mit den Achseln. »Das könnte alles Mögliche heißen.«

Als ich dieses Mal nickte, verstand ich es tatsächlich. Manche Leute haben ein dünnes Fell und sehr fragile Egos. »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählen. Das hätten Sie nicht tun müssen, wissen Sie?«

»Doch, das musste ich«, antwortete sie. Ich warf ihr einen fragenden Blick zu.

Anna lächelte, aber auf eine ganz spezielle Weise, war es ein sehr trauriges Lächeln. »Als ich zwölf Jahre alt war, wurde mein Vater ermordet. Sie waren damals der Detective, dem man unseren Fall zuwiesen hatte. Sie schnappten die Kerle, die dafür verantwortlich waren, und sperrten sie ein. Ich dachte mir schon, dass Sie mir irgendwie bekannt vorkamen, und als ich mir dann Ihre Visitenkarte ansah und Ihren Namen las, konnte ich schließlich eins und eins zusammenzählen.«

Ich sah sie mir daraufhin genauer an, und erst jetzt erkannte ich in ihr das zwölfjährige hagere Mädchen mit der Akne und der Zahnspange wieder. Ihr Vater hatte Marihuana und Ecstasy von Zuhause aus vertickt. Dann kamen irgendwann zwei Dreckskerle auf die glorreiche Idee, ihn auszurauben. Er wehrte sich, wurde angeschossen und verblutete schließlich vor den Augen seiner Familie auf dem Küchenboden. Das Ganze war jetzt zehn Jahre her … damals, als ich noch der absolute Überflieger gewesen war.

»Jetzt erinnere ich mich wieder. Sie hatten eine Mutter und eine ältere Schwester. Wie geht es den beiden?« Anna sah hastig weg und ihr Gesicht verdunkelte sich. »Ach, die sind scheiße.«

Ich musste wohl einen wunden Punkt bei ihr getroffen haben, also bohrte ich nicht weiter nach. Stattdessen zog ich meinen Flachmann hervor und nahm einen Schluck daraus, bevor ich ihn ihr anbot. Sie schüttelte höflich den Kopf. Ich sah auf die Uhr.

»Okay, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie mich warnen wollten, aber ich habe um fünf Uhr eine Verabredung im idyllischen Rockvale.« Anna nickte verständnisvoll, als ich mich erhob, aber ihre Enttäuschung war nicht zu übersehen. Ich bekam den Eindruck, dass sie meine Gesellschaft bewusst gesucht hatte, und an weiblicher Gesellschaft mangelte es mir seit einiger Zeit. Also traf ich eine blitzschnelle Entscheidung, als sie ebenfalls aufstand.

»Wollen Sie mich vielleicht begleiten?«, bot ich ihr an und zeigte zu meinem Auto hinaus. »Es ist ein sonniger Tag und ich habe ein Cabrio. Wir könnten uns doch während der Fahrt auf den neuesten Stand bringen.« Sie zögerte für einen Moment, bevor sie meine Einladung mit einem freundlichen Lächeln annahm.

Unterwegs erzählte mir Anna, wie ihr Leben seit damals verlaufen war. Wenn sie mich ansah, wirbelte der Fahrtwind ihre Haare in die Höhe. Ich ertappte mich bei dem Gedanken daran, mir vorzustellen, wie sie auf mir saß und ihre Haare auf die gleiche Weise um ihren Kopf peitschten, während sie sich in Ekstase wand. Ich versuchte, die Bilder schnell wieder zu verdrängen, und beobachtete, wie sie an meinem Radio herumdrehte.

»Funktioniert es?«, fragte sie.

»Klar doch. Ist ein Standard-Mittelwellen-Radio.« Sie sah mich verwirrt an, also erklärte ich es ihr. »Damals gab es solche Radios nur auf Wunsch.«

»Oh, dann hörten die Leute damals wohl nicht so gern Musik«, antwortete sie. Ich musste lachen. Ich persönlich hielt die Musik der Fünfziger und Sechziger immer noch für die beste Musik überhaupt, aber anstatt mit ihr darüber zu diskutieren, wechselte ich lieber das Thema.

»Wie sind Sie eigentlich Stripperin geworden?«, fragte ich sie. Sie zögerte kurz, bevor sie die Frage beantwortete.

»Ich hatte eine Freundin, die strippte. Sie verdiente gutes Geld damit und ich dachte mir, wieso sollte ich es nicht selbst ausprobieren?«

»Da würden mir sofort ein Dutzend Gründe einfallen«, spottete ich.

»Sie werden mir jetzt aber keine Lektion erteilen, oder?«