Ist Oma noch zu retten? - Marie Hüttner - E-Book
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Ist Oma noch zu retten? E-Book

Marie Hüttner

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Beschreibung

Mehr als ein Kinderkrimi - außergewöhnliches Kinderbuch mit unverwechselbaren Charakteren. Für Mädchen und Jungen ab 10. Angst aus, Mut an. Pia liebt diesen Spruch ihrer Oma. Denn der hilft immer, vor allem in brenzligen Situationen. Und genau in solch einer steckt Pia gerade. Denn Oma Lore ist spurlos verschwunden. Pia ist zu allem bereit, um sie zu finden. Sie tut sich sogar mit dem nervigen Nachbarsjungen Pepe zusammen, der alles besser weiß. Gemeinsam werden die beiden zu Kleinstadtdetektiven, Lügenbaronen und Geldfälschern und erleben den außergewöhnlichsten Sommer ihres Lebens ...

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Das Buch

Angst aus, Mut an. Pia liebt diesen Spruch ihrer Oma. Denn der hilft immer, vor allem in brenzligen Situationen. Und genau in solch einer steckt Pia gerade. Denn Oma Lore ist spurlos verschwunden. Pia ist zu allem bereit, um sie zu finden. Sie tut sich sogar mit dem nervigen Nachbarsjungen Pepe zusammen, der alles besser weiß. Gemeinsam werden die beiden zu Kleinstadtdetektiven, Lügenbaronen und Geldfälschern und erleben den außergewöhnlichsten Sommer ihres Lebens...

Die Autorin

© Corinna Hengelein

Marie Hüttner, 1989 geboren, war nach dem Psychologiestudium Stipendiatin der Akademie für Kindermedien und wurde für den „berliner kindertheaterpreis 2023“ nominiert. Sie lebt in Berlin, wo sie u. a. Hörbuchserien entwickelt und als Therapeutin für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche arbeitet..

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch!Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autor*innen und Übersetzer*innen, gestalten sie gemeinsam mit Illustrator*innen und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer*in erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

Mehr über unsere Bücher, Autor*innen und Illustrator*innen auf:www.thienemann-esslinger.de

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Thienemann auf Instagram:https://www.instagram.com/thienemannesslinger_kinderbuch

Viel Spaß beim Lesen!

HIER STIMMT ETWAS NICHT

Mit einem KLACK wanderte der Zeiger der Bahnhofsuhr auf die Vier. Das war besorgniserregend. Das konnte ich jetzt nicht mehr leugnen. Ich, Pia Schneider, elf Jahre alt, saß auf einer blau lackierten Bank auf dem Bahnhofsvorplatz und mir war mulmig zumute. So ein Gefühl, wie wenn man in Deutsch bei der verhassten Frau Grebenstein aufgefordert wird, vor der ganzen Klasse die Hausaufgaben vorzustellen, die man aber leider nicht gemacht hat, und alle einen anstarren und es im Bauch anfängt, so eklig zu kribbeln. So ähnlich war das jetzt auch. Und dazu auch noch sehr heiß. Der Himmel türkisblau mit einer grellen Sonne. Die kurze Hose klebte mir am Hintern, und in meinen Kniekehlen hatte sich Schweiß gesammelt, der langsam hinten die Beine herunterlief, direkt in meine roten Chucks.

Ich nahm mein Käppi ab. Der schief geschnittene Pony (danke, Papa!) klebte mir an der Stirn. Mit einem Zipfel von meinem Ringel-T-Shirt wischte ich mir den Schweiß aus dem Gesicht. Dann setzte ich mein Käppi wieder auf und blickte suchend über die Leute auf dem Bahnhofsvorplatz. Eine Gruppe Jugendlicher mit Handymusik schlurfte vorbei, von denen sich einer zischend eine Cola-Dose aufmachte. Ein Mädchen wurde von seinem Opa hochgehoben und durch die Luft gewirbelt. Schwere Koffer wurden in Autos geladen, der Schlüssel im Zündschloss herumgedreht und weg waren sie. Die Sonne knallte auf die blau lackierte Bank. Keine Spur von Oma Lore.

Ob sie die Zeiten durcheinandergebracht hatte? Das war schließlich schon mal passiert, im Sommer vor zwei Jahren. Da hatte ich auch eine Stunde am Bahnhof gesessen und gewartet und dann war Oma Lore mit quietschenden Fahrradreifen angedüst gekommen. Ihr orange-goldener kunstvoll geknoteter Turban war durch das schnelle Strampeln aufgegangen und hatte im Fahrtwind geweht wie eine Fahne. Mit knallrotem Gesicht hatte sie das Fahrrad zu Boden geschmissen, war auf mich zugerannt und hatte mich sehr lange sehr fest an ihre Brust gepresst.

»Mein Pia-Kind, mein Pia-Kind, was bin ich nur für eine verpeilte Type! Da hab ich beim Backen ganz die Zeit vergessen! Oh weh, du armes Ding! Kannst du mir jemals vergeben?« Sie hat die Arme ausgestreckt und mich mit vor Schreck hochgezogenen Augenbrauen angeschaut.

Obwohl ich schon ein bisschen grinsen musste (Oma Lore bringt mich immer zum Grinsen), habe ich damals ganz langsam den Kopf geschüttelt.

»Auch nicht, wenn ich es mit einem Erdbeer-Vanille-Törtchen wiedergutmache?«

Ich habe wieder den Kopf geschüttelt.

»Zwei Törtchen?«

Kopfschütteln.

»Drei?«

Wieder Kopfschütteln.

»Okay, was ist deine Forderung?«

»Neun.«

Oma Lore hat mit gespielter Empörung die Hand vor den Mund geschlagen.

»Neun Törtchen?«

»Neun, nicht mehr und nicht weniger.«

Und was soll ich sagen? Sie hat ihr Versprechen gehalten. Wir haben zwei Tage lang genau neun Erdbeer-Vanille-Törtchen gegessen und es war himmlisch.

Ich schlenkerte mit den Beinen und starrte auf meine Schuhspitzen. Wie viele Törtchen konnte ich heute einfordern? Zwölf? Oder besser gleich fünfzehn?

Doch leider war es diesmal ganz anders als vor zwei Jahren. Denn erstens hatte mir Oma Lore damals versprochen, mich nie wieder zu spät abzuholen. Und, das musste man wirklich sagen, Oma Lore hielt ihre Versprechen. Immer. Und zweitens wartete ich diesmal bereits seit zwei Stunden und vierzehn Minuten.

Der klobige Zeiger der Bahnhofsuhr sprang mit einem erneuten KLACK auf Viertel nach vier. Zwei Stunden und fünfzehn Minuten. Der Vorplatz war wie leer gefegt.

Ich musste den Tatsachen ins Auge blicken:

1.Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

2.Ich musste aktiv werden.

STELLUNG BEZIEHEN

Erstaunlicherweise fand ich ganz allein den Weg zum Oma-Haus. Ich musste nur der Bahnhofsstraße folgen, vorbei an Sandras Haarsalon, vor dem zwei ältere Damen saßen und schnatterten wie aufgeregte Hühner. In den Haaren hatten sie Streifen von Alufolie, die in der Sonne glitzerte. Ein bisschen sahen sie damit aus wie Außerirdische. Die Damen schauten nur einmal kurz hoch und schnatterten dann wieder. Ich zog mein Käppi tiefer ins Gesicht. Mein roter Rollkoffer ruckelte über den Asphalt.

Fünf Häuser weiter trat eine mollige Frau auf den Gehweg und schleppte ächzend einen pinkfarbenen Aufsteller vor ihren Laden. Unterwäsche, die Ihre Kurven betont, jetzt drei Formschön-Slips zum Preis von einem, stand darauf. Darunter war das Bild einer Frau zu sehen, die ihren prallen Hintern in die Kamera streckte. Ich zog die Augenbrauen hoch, schüttelte den Kopf und ging weiter.

Als ich in den Eichbornweg einbog, entkam ich um Haaresbreite einem Raser auf einem roten Rennrad. Ich sprang beiseite, ließ den Koffer los, der Raser strauchelte kurz und zischte dann davon ohne Entschuldigung.

»Sag mal, spinnst du?«, brüllte ich ihm hinterher und reckte die Faust in die Höhe.

Stellung beziehen, sagte Oma Lore immer. Niemals nachgeben. Aufstehen und laut sein.

Ich griff den Koffer, der fast bis auf die andere Straßenseite gerollt war, und setzte meinen Weg fort. Vorbei an Herrn Schüttes Eckladen mit den großen Schaufenstern. Bei Herrn Schütte konnte man alles kaufen. Flummis, Sammelkarten, Batterien, Milch, Honigmelonen, Nudeln, Kreuzworträtselhefte, Nusseis, Süße Schlangen, Katzenfutter, Briefmarken, Lottolose und frische Brötchen. Oma Lore behauptet felsenfest, dass Herr Schütte auch mal Kanarienvögel und Hundewelpen verkauft hat. Aber das war noch vor meiner Zeit. Ich fand das sehr schade. Denn ich hätte gern einen Hundewelpen gehabt. Oder zur Not auch einen Kanarienvogel.

Vom Eckladen war es nicht mehr weit, nur noch ein kurzes Stück durch eine kleine Grünfläche, auf der die Jugendlichen vom Bahnhof mit ihrer Handymusik saßen, ohne mich zu beachten. Dann endlich kam auf der linken Seite der Birkenweg. Und bald konnte ich es schon von Weitem sehen. Das gelbe windschiefe Häuschen am Ende der Straße. Mit der blauen Tür und dem gepunkteten Gartenzaun.

Ich zerrte den Rollkoffer ruckelnd über das Kopfsteinpflaster. Mittlerweile schmerzten meine Arme. Trotzdem spürte ich es, je näher ich dem Oma-Haus kam. Ein Gefühl von Ankommen und Vorfreude und Alles-wird-gut.

DIE WO-IST-OMA-LORE-LISTE

Wie sehr hatte ich mich geirrt. Nachdem ich zehnmal geklingelt hatte, war ich in den verwilderten Garten hinterm Haus gelaufen und hatte an der Terrassentür gerüttelt. Verschlossen. Ich hatte durch die milchigen Scheiben des Wintergartens und in alle Fenster geschaut und sogar Oma Lores Namen gerufen. Aber nichts. Nada. Niente.

Also kletterte ich hoch in den alten Kirschbaum und wartete. Was blieb mir auch anderes übrig? Oma Lore war weg. Aber ich hatte Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich alles aufklärte. Solange man Hoffnung hat, kann einem nichts passieren, sagte Oma Lore immer.

Ich griff um mich herum in die prall gefüllten Äste des Kirschbaums und spuckte die Kirschkerne, so weit ich konnte. Zwei Punkte bis zur Hängematte. Drei bis zur Regentonne am Rand. Fünf Punkte bis zum Fahrradschuppen. Und sieben bis zum Sonnenblumenfeld, das hinter dem Zaun begann. Ich kam immer nur bis zur Regentonne. Bald waren meine Hände ganz rot von den Kirschen und mir tat ein wenig der Bauch weh.

Mit der Abendsonne, die durch die Äste glitzerte, kam ein Windhauch auf und ließ den Garten erklingen. Der Moment war so magisch, dass es mir schön den Rücken herunterkribbelte.

Fünfundzwanzig hatte ich letztes Mal gezählt. Fünfundzwanzig Windspiele. Sie hingen im Kirsch- und im Apfelbaum. Sie klimperten am Schuppen und über der Terrasse, in den Büschen und im alten Rosenbogen, der jedes Jahr mehr drohte in sich zusammenzukrachen. Einige waren aus geschliffenen Holzstücken, andere aus Strandmuscheln, Hühnergöttern oder Perlmuttscheiben gefertigt. Alles feinste Handarbeit von Oma Lore. Jedes Windspiel machte ein anderes Geräusch. Manche klimperten schon bei einem leichten Windhauch, andere konnte man erst bei starken Sturmböen hören.

Ich schloss die Augen, atmete, lauschte und ging im Kopf meine Liste durch. Die Wo-ist-Oma-Lore-Liste. Bisher waren das die Möglichkeiten:

1.Sie hatte einen Friseurtermin gehabt und ihre Haare sahen danach so schlimm aus, dass sie sich seit Stunden im Bad versteckte und nicht mehr raustraute.

2.Werner Bierhorst hatte sie zu einem romantischen Picknick überredet und ließ sie nicht mehr gehen. Werner Bierhorst war verliebt in Oma Lore, schon seit zehn Jahren oder so. Aber sie wollte nach dem Tod von ihrem Mann Herbert keinen neuen mehr.

3.Sie hatte mich vergessen und war einfach in den Urlaub gefahren. In die Karibik. Oder auf eine Kreuzfahrt. Oder an die Nordsee. Nein. Den Gedanken wischte ich schnell beiseite.

4.Sie war wieder essen gewesen bei Tonis Fischbude und hatte sofort eine Lebensmittelvergiftung bekommen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das war schon mal passiert. Aber eigentlich hatte Oma Lore geschworen, nie wieder bei Tonis Fischbude essen zu gehen, und Oma Lore hielt immer ihre Versprechen.

5.Sie war in den Kirschbaum geklettert und runtergefallen und hatte sich die Hand gebrochen (Das war auch schon mal passiert.) In der Praxis von Dr. Uhle-Brick war sie nur kurz auf die Toilette gegangen, aber wegen dem Gipsarm hatte es etwas länger gedauert, und als sie wieder rauskam, war die Praxis bereits geschlossen.

Plötzlich zuckte ich zusammen und riss die Augen auf. Da war etwas Schweres auf meinen Schoß gesprungen. Etwas Schweres und Pelziges.

»Schnorrer!«, rief ich und presste Omas Kater an mich. Ich hatte mich noch nie so sehr gefreut, das dicke orange Fellknäuel zu sehen. Erst versuchte Schnorrer zu fliehen, aber als er merkte, dass er keine Chance hatte, wurde er ruhiger und ließ sich streicheln.

Natürlich hätte ich mich mehr gefreut, Oma Lore zu sehen. Aber es war wohl sehr unwahrscheinlich, dass auch sie mir im Kirschbaum auf den Schoß plumpsen würde. Und Schnorrer war immerhin ein Teil der Oma-Welt und damit schon mal ein guter Anfang.

Letzten Sommer hatten wir zu dritt im Garten übernachtet – Oma Lore, Schnorrer und ich. Ohne Zelt oder so. Nur Schlafsäcke auf dem Boden unter dem Himmel voller Sterne. Auch Schnorrer bekam einen kleinen Schlafsack, den wir ihm genäht hatten. Aber er mochte ihn nicht besonders und versuchte ständig zu fliehen. Wahrscheinlich, um die weite Welt zu erkunden, die hinter dem Gartenzaun beim Sonnenblumenfeld begann, wo sicher sehr viele kleine Feldmäuse lebten, die leise Schnorrers Namen flüsterten. Denn eigentlich durfte Schnorrer nicht in den Garten. Das war damals etwas Besonderes.

Ich kraulte weiter Schnorrers dichtes flauschiges Fell und guckte rüber zum Feld, über dem blutrot die Abendsonne stand, bis mich ein Gedanke traf wie ein Blitzschlag. Fast taumelte ich und fiel vom Kirschbaum.

»Schnorrer! Du bist im Garten! Du darfst nicht in den Garten! Warum …? Wie …?«

Ich inspizierte das gelbe Oma-Haus genauer und da sah ich es – ein offenes Fenster im ersten Stock, nur leicht angelehnt. Ein besonders dicker Ast des Kirschbaums führte direkt dorthin. Und im selben Moment, in dem ich meine Entdeckung machte, schrillte im Inneren des Hauses das Telefon.

DIE ILLEGALE KIRSCHBAUMZONE

Es war klar, was zu tun war. Klar wie Kloßbrühe. Rein ins Haus, so schnell wie möglich. Ran ans Telefon. Denn vielleicht war es Oma Lore. Oder Toni von Tonis Fischbude. Oder das Krankenhaus. Oder Werner Bierhorst.

Das Telefon schrillte erneut. Ich ließ Schnorrer los. Der dicke Kater schüttelte sich kurz, kletterte mit ausgefahrenen Krallen am Baumstamm hoch, tapste dann elegant den Ast entlang und verschwand mit einem Sprung im Haus.

Nachdem Oma Lore vom Kirschbaum gefallen war und sich die Hand gebrochen hatte, hatte Papa eine Markierung am Baum angebracht. Bis hierhin und nicht weiter, hatte er gesagt und auf den roten Strich gezeigt. Daran mussten wir uns fortan beim Klettern halten.

Ich umfasste den Baumstamm mit beiden Händen und erhob mich mit zittrigen Knien von dem dicken Ast, auf dem ich saß. Die rote Markierung war genau auf Höhe meines Bauchnabels. Das heißt, die Unterhälfte meines Körpers war noch im erlaubten Bereich, mein Oberkörper schon in der illegalen Zone. Um auf den Ast zu kommen und rüber zum offenen Fenster zu krabbeln, musste ich so weit nach oben klettern, dass mein ganzer Körper sich in der verbotenen Zone befinden würde. Wahrscheinlich musste ich sogar noch höher klettern, als Oma das vor ihrem Sturz getan hatte.

Das Telefon schrillte wieder. Die Zeit rannte. ACTION!

Meine blöden Knie zitterten immer noch, während ich suchend nach oben griff und mich an den nächsten Ästen hochzog. Es war ein Wechselspiel von Hochgucken für das Festhalten der Hände und Runtergucken für die Platzierung der Füße. Wie beim Klettern mit Papa, in der Halle. Nur mit dem Unterschied, dass es da ein dickes Seil als Sicherung gab. Und hier nicht.

Ich machte den Fehler und guckte bis nach unten auf den Boden. Das war bestimmt schon dreimal höher, als Oma Lore geklettert war. Ich wurde von einem Schwindel erfasst. Taumelte. Mein Herz wummerte. Und warum waren meine Hände eigentlich schweißnass? Das Käppi rutschte mir auf die Nase und kurz konnte ich nichts mehr sehen. Meine rechte Hand tastete blind nach dem nächsten Ast, konnte aber nichts finden.

»Mist, verdammter!«

Am liebsten hätte ich geheult. Plötzlich war ich wütend auf Oma Lore. Hätte sie mich vom Bahnhof abgeholt, dann wäre ich jetzt nicht in dieser verzweifelten Lage in der illegalen Kirschbaumzone und drohte abzustürzen und mir die Hand oder das Bein oder noch schlimmer: das Genick zu brechen.

Aber was sollte ich machen? Noch war ich am Leben. So. Ich rückte das Käppi zurecht, hielt mich mit der linken Hand fest und schüttelte die rechte aus. Hielt mich mit der rechten Hand fest und schüttelte die linke aus. Wie beim Klettern in der Halle, wenn man sich bereit macht für den letzten entscheidenden Part.

Ich dachte an Harusha Mikaro, die als erste Frau weltweit die berüchtigte Mora-Mora-Route in Madagaskar geklettert war. Eine der schwersten der Welt. Siebenhundert Meter Granitfelsen. Sie hatte ans Aufgeben nicht gedacht. Sie hatte durchgehalten.

Mit jedem Ast, an dem ich mich nach oben zog, wurde ich mehr zu Harusha Mikaro. Ihr konnte so ein läppischer Oma-Baum nichts anhaben. Sie hatte die Dawn Wall im Yosemite Nationalpark bestiegen und war in Kanada ganz allein eine Eiswand hochgeklettert. Als ich mich auf den Ast kniete, der zum offenen Fenster reichte, und schwankend Millimeter für Millimeter nach vorn robbte, war ich schon zu mindestens siebzig Prozent die todesmutige Harusha Mikaro und nur noch zu dreißig Prozent die dünne, ängstliche Pia Schneider.

Als Harusha Mikaro in einem Interview gefragt wurde, was ihr den Mut für ihre Heldentaten gab, zuckte sie mit den Schultern und antwortete: »Ich weiß einfach, dass ich es kann.« Cool, oder?

»Ich weiß einfach, dass ich es kann«, presste ich hervor und robbte auf dem schwankenden Ast nach vorn, und ehe ich es realisierte, berührten meine Hände auch schon die Glasscheibe. Ich stupste das Fenster auf, schob meinen Oberkörper vor und mit einem dumpfen Geräusch polterte ich nach innen auf den Badezimmerboden.

Ich hielt meine schmerzende Seite und rollte mich nach rechts Richtung Badewanne. Erschöpft blieb ich auf dem weichen lachsfarbenen Badewannenvorleger liegen. Mein Atem ging schnell und schwer, während ich in die Stille hineinlauschte. Nichts. Omas Uralt-Telefon war verstummt.

DER ANRUF

Nachdem sich mein Atem etwas beruhigt hatte, stand ich auf und entschied mich dazu, einen Rundgang zu machen.

1.Weil ich nun schon mal im Haus war und nicht wusste, was ich sonst tun sollte.

2.Weil ich das jeden Sommer bei meiner Ankunft machte. Als müsste ich mich vergewissern, dass sich auch ja nichts verändert hatte und alles noch an Ort und Stelle war.

3.Weil ich hoffentlich verdächtige Spuren finden würde. Spuren, die mir sagen würden, was mit Oma Lore passiert war.

Als Erstes guckte ich mich im pinken Zimmer um. Das pinke Zimmer ist das Badezimmer, weil die Wände pink gestrichen sind und der Boden weiß-pink gefliest. Außerdem gibt es eine pinkfarbene Deckenlampe in Form von einem Flamingo.

In Omas Haus hat jedes Zimmer eine andere Farbe. Sie sagt nämlich, Farbe macht was mit einem, die geht direkt in die Seele rein.

Schnorrer steckte sein flauschiges Köpfchen in das pinke Zimmer, als ich gerade die Handtücher inspizierte.

»Hier«, rief ich und wedelte mit einem Handtuch in seine Richtung. »Trocken. Staubtrocken. Damit hat sich schon länger niemand mehr die Hände abgetrocknet. Sehr seltsam.«

Schnorrer miaute zustimmend.

Ich schritt weiter im Bad auf und ab, zog Schubladen auf und guckte in Porzellandosen hinein. Ich öffnete Oma Lores knallroten Lippenstift, roch am Duschvorhang, untersuchte die Zimmerecken auf ihren Staubgehalt und kurz legte ich mich sogar in die Badewanne.

Ich musste an die legendäre Schaumschlacht vor zwei Jahren denken. Oma Lore hatte mich mit aufgeregter Stimme nach oben gerufen. »Pia-Kind, komm schnell ins Badezimmer, ich glaube, hier stimmt was nicht!«, hatte sie gebrüllt, und als ich oben ankam, stand sie schon neben der Badewanne, die vor Schaum nur so überquoll.

»Angriff!«, hatte sie geschrien und der erste Schaumballon waberte in meine Richtung. Es war wie eine Schneeballschlacht, nur eben im Sommer und am Ende war das Badezimmer voller Schaum und wir lagen glücklich und erschöpft auf dem lachsfarbenen Badewannenvorleger.

Damals. Ich seufzte schwer. Neben mir auf dem Badewannenrand lag Omas Rosenseife auf dem edlen goldenen Seifenhalter. Ich beugte mich darüber.

»Auch trocken«, bemerkte ich, und Schnorrer, der auf dem Badewannenrand balancierte, stimmte mir mit einem Miau zu.

Ich drehte mein Gesicht zur Seife, schloss die Augen und sog den Rosenduft ein. Es war, als wäre Oma Lore direkt vor mir. Und ein innerliches Gefühl entstand, als hätte jemand mein Herz in eine warme Decke gewickelt. Vielleicht, ganz vielleicht, gab es den klitzekleinen Hauch einer Chance, dass Oma Lore tatsächlich neben der Wanne saß, wenn ich die Augen wieder öffnete. Vielleicht. Vorsichtshalber ließ ich die Augen noch ein bisschen geschlossen. Nur einen Moment noch. Einen klitzekleinen.

SCHRIIIIILLL!!

Ich zuckte zusammen und bewegte ruckartig den Kopf. Das Uralt-Telefon! Oma Lore!

Ich schnellte hoch. Fast rutschte ich auf dem lachsfarbenen Badewannenvorleger aus, als ich in den Flur hechtete, die Treppe runter und dabei immer drei Stufen auf einmal nahm und den Hörer von der Gabel riss.

»Ja?« Ich schnappte nach Luft.

»Hallo?«, quakte eine hohe Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Nicht Oma.

»Hallo?«, echote ich.

»Oh my gosh, Pia, na endlich!«, quiekte die Frau und jetzt erkannte ich sie. Na toll. Ätz-Tanja. Papas neue Freundin. Sie sah immer ein wenig so aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, und ihre schrille Stimme tat in den Ohren weh.

»Lars, keine Sorge, sie ist endlich rangegangen!«

Ich hörte ein Brummen.

»Dein Vater fährt gerade. Wir sind schon kurz vor den Alpen. Traumhaft. Du verpasst was. Ich weiß auch nicht, warum du nicht mitkommen wolltest. Das hätte unser erster Urlaub als neue Familie werden können.«

Die Art und Weise, wie sie das Wort Familie aussprach, sorgte bei mir augenblicklich für Übelkeit. Die Ferien bei Oma Lore eintauschen gegen zwei Wochen Hüttenwanderung mit Ätz-Tanja, die pausenlos meinen Vater abknutschte? Niemals!

Dieses Jahr war es wirklich schwierig gewesen. Erst wollte Mama mich überzeugen, mit ihr eine Woche Digital Detox im Wendland zu machen, also ohne Handy und Laptop und sonstige digitale Geräte eine Woche im Nirgendwo rumzuhängen. Bah. Und dann hatte ich mich gegen Papas idiotischen Vorschlag mit dem Hüttenwandern durchsetzen müssen. Dabei war doch allen klar: Das Einzige, was ich in den Sommerferien wollte, war Zeit mit Oma Lore zu verbringen.

Ich hörte Papas Stimme. »Tanja, was ist denn jetzt? Ist was passiert? Warte, ich fahr hier rechts ran. Gib sie mir mal. Pia?«

»Hallo, Papa!« Schnorrer scharwenzelte mir um die Beine. Sein Fell war warm und weich. Ich kniete mich auf den Boden und begann, ihn zu streicheln.

»Meine Güte, ich hab ungefähr zehnmal auf Lores Handy angerufen, aber sie geht nicht ran. Und fünfmal hier im Haus. Weißt du, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Geht’s euch gut? Ist was passiert? Warum gehst du ans Telefon und nicht Lore?«

Das war eine gute Frage. Eine sehr gute Frage. Sollte ich die Wahrheit sagen? Nämlich, dass Oma Lore spurlos verschwunden war? Was würde dann passieren? Papa und Tanja würden sofort umdrehen und von den Alpen bis nach Klein Funkenwalde düsen, und wenn sie angekommen waren, war Oma Lore wahrscheinlich längst wieder aufgetaucht. Aber es gäbe kein Zurück mehr. Ich müsste mit Papa und Tanja mitfahren und Oma Lore aus dem Rückfenster winken, die immer kleiner werden würde vor ihrem gelben wunderschönen Haus und dann standen mir zwei Wochen Hüttenwanderung bevor, in denen mich jeden Morgen die quietschende Tanja wecken würde. Nein! Das musste ich unter allen Umständen verhindern! Es war an der Zeit, erfinderisch zu werden. Zum Glück war ich darin ausgesprochen gut. Ich holte tief Luft.

»Papa, jetzt komm mal runter. Kein Grund, sich so aufzuregen. Oma hat mich abgeholt und danach waren wir noch ziemlich lange bei …« Mist, mir fiel so schnell nichts ein. »… bei Tonis Fischbude, weißt du?«

»Warum wart ihr denn bei Toni? Da geht sie doch nicht mehr hin seit der Lebensmittelvergiftung«, sagte mein Vater sofort und klang sehr misstrauisch.

Hui, das war doch schwerer als gedacht. Ich nahm mein Käppi ab und wedelte mir damit frische Luft zu.

»Na, der Toni, der macht jetzt auch … Eis.«

»Tatsache?« Mein Vater klang verblüfft.

»Ja, weil das mit dem Fisch nicht so gut läuft. Oma hat das schließlich allen erzählt mit der Lebensmittelvergiftung. Der musste fast schließen, aber jetzt ist das ein super Eisladen.«

Ob er mir das glauben würde? Am besten ich lieferte noch ein paar Details mit, das machte Lügen glaubhafter.

»Ich hatte drei Kugeln. Stracciatella, Vanille und Schoko.«

»Na gut«, antwortete mein Vater. Puh. »Und warum geht Lore nicht ans Telefon?«