10,99 €
Eine abenteuerliche Reise von vier Schülerinnen und Schülerinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Für Mädchen und Jungen ab 10 Rocky weiß genau, was er will. Jeden Tag Döner mit Spezialsoße? Unbedingt. In den Urlaub fahren? Niemals! Doch als ein geheimnisvoller Brief in seinem Briefkasten landet, wird sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Plötzlich steckt Rocky mitten in einem Wissenschaftswettbewerb und in einem klapprigen VW-Bus auf dem Weg nach Danzig – heimlich, gegen den Willen seiner Mutter und auf engstem Raum mit drei ziemlich schrägen Mitschülern. Und das ist erst der Anfang …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Rocky weiß genau, was er will. Jeden Tag Döner mit Spezialsoße? Unbedingt. In den Urlaub fahren? Niemals! Doch als ein geheimnisvoller Brief in seinem Briefkasten landet, wird sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Plötzlich steckt Rocky mitten in einem Wissenschaftswettbewerb und in einem klapprigen VW-Bus auf dem Weg nach Danzig – heimlich, gegen den Willen seiner Mutter und auf engstem Raum mit drei ziemlich schrägen Mitschülern. Und das ist erst der Anfang …
© Corinna Hengelein
Marie Hüttner, 1989 geboren, schreibt Romane, Hörbücher und Theaterstücke, am liebsten für Kinder. Nach dem Psychologiestudium war sie Stipendiatin der Akademie für Kindermedien. Sie lebt in Berlin, wo sie unter anderem als Therapeutin für Kinder mit LRS arbeitet. Mit ihrem Debütroman „Ist Oma noch zu retten?“ war sie für den Korbinian – Paul-Maar-Preis für neue Talente nominiert.
Du liebst Geschichten? Wir bei Thienemann auch!
Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autor:innen und Übersetzer:innen, gestalten sie gemeinsam mit Illustrator:innen und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.
Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.
Mehr über unsere Bücher, Autor:innen und Illustrator:innen auf:www.thienemann.de
Thienemann auf Instagram:https://www.instagram.com/thienemannverlage
Und hier kommst du direkt zu unseren Events und Lesungen:www.thienemann.de/events-lesungen
Viel Spaß beim Lesen!
Marie Hüttner
Mit Bildern von Regina Kehn
Thienemann
»Komm rüber!«
Ich schüttle den Kopf.
»Jetzt komm!«
»Das wird nicht halten.«
»Das kannst du erst wissen, wenn du es ausprobiert hast.«
»Ich muss es nicht ausprobieren, ich weiß es jetzt schon.«
Bei dem Blick in die Tiefe wird mir schwindelig. Schätzungsweise 2,75 Meter. Zwischen Marek und mir ein wackeliges Holzbrett. Er ist schon drüben, sitzt auf dem Fensterbrett vom Schuppen, lässt die Beine baumeln und grinst mich an. Ich stehe unsicher auf dem Ast und klammere mich an den dünnen Zweigen darüber fest. Den Fuß in die Luft heben. Das Brett wackelt. Nein, ich will es nicht.
»Ich mach’s nicht«, sage ich und klettere die Holzleiter wieder runter.
»Och nö, Rocky.«
»Ich such mir ein anderes Versteck.«
»Aber das hier ist perfekt! An den Schuppen werden sie nicht denken.«
»Nei-hein!«, rufe ich.
Keine Minute, nachdem meine Füße das Gras berührt haben, steht Marek schon neben mir und legt mir den Arm um die Schulter. Er ist der Einzige, der das darf. Außer Nancy vielleicht noch.
»Na gut, wie wär’s damit?« Er deutet nach links.
Ich nicke. »Daran dachte ich auch. Aber schnell!«
Wir hocken in dem alten Tipi, in dem wir früher gespielt haben und an dem außen schon Moos wächst, und reden im Flüsterton.
»Wusstest du, dass es einen Planeten gibt, der aus Diamanten besteht?«, flüstere ich.
»Ja, und er ist nur 41 Lichtjahre entfernt«, flüstert Marek zurück. »Wusstest du, dass es einen Planeten, gibt, auf dem es flüssiges Eisen regnet?«
»Ja, er ist über tausend Grad heiß. Wusstest du, dass man die Fußabdrücke von der Mondlandung noch in Millionen von Jahren sehen wird?«
»Ja, weil es auf dem Mond keinen Wind oder Regen gibt. Wusstest du, dass es einen … ah, da kommen sie, leise.«
Marek hält sich den Zeigefinger an die Lippen. Ich halte die Luft an.
»Marek!«, hören wir eine Stimme. »Wir müssen los!«
Wir hocken in dem Tipi und geben keinen Mucks von uns.
»Jetzt kommt raus, also wirklich!«
Ich schüttele langsam den Kopf und Marek kichert. Das hier ist ein super Versteck. Für einen kurzen Moment denke ich wirklich, dass sie uns hier nicht finden werden.
»Wusstest du, dass …«, beginne ich im Flüsterton, doch da erscheint der Kopf von Mareks Mutter in der Zeltöffnung.
»Was soll das denn? Ihr müsst euch jetzt verabschieden, der Umzugswagen ist da, die warten nicht!«
Da ist es, das fiese Wort. Umzugswagen. Vier Silben, die mir ein ganz schlechtes Gefühl im Bauch machen. Wir kriechen aus dem Tipi und stehen uns gegenüber. Bisher haben wir uns immer nur für kurz verabschiedet. Bis nachher. Bis morgen. Das erzähle ich dir nächste Woche.
Aber nächste Woche wird Marek nicht mehr da sein. Sondern 1.121 Kilometer entfernt.
»Wusstest du«, flüstere ich, als ich dem Umzugswagen hinterherwinke, »dass es einen Planeten gibt, der aussieht wie die Erde? – Ja«, imitiere ich Mareks Stimme, »aber er befindet sich in einem ganz anderen Sonnensystem.«
»Rocky!«
Nancy schnipst mit ihren langen roten Fingernägeln vor meinem Gesicht herum und guckt mich an. Sie hat sich heute wieder diese schwarzen Balken auf die Augenlider gemalt und ihre dunklen Haare so aufgetürmt, dass eine ganze Vogelfamilie bequem darin wohnen könnte. Marek hat mal gesagt, Nancy würde gar nicht aussehen wie eine Mutter, eher wie ein Rockstar. Oder genauer gesagt wie diese Soulsängerin, die mit 27 gestorben ist. Auch wegen der ganzen Tattoos an ihren Armen. Das neueste, ein kleiner Pitbull, ist von einer Frischhaltefolie abgedeckt.
»Hier, der war heute für dich im Briefkasten.« Nancy lässt einen blassblauen Briefumschlag neben meine Schüssel Frühstücksflocken fallen. »Wer schreibt dir denn?«
Ich nehme den Umschlag in die Hand. Tatsächlich ist es so, dass ich noch nie einen Brief bekommen habe. Postkarten ja. Drei Stück, um genau zu sein. Das ist schon viele Jahre her. Aber einen Brief noch nie.
»Schau mal nach dem Absender.«
Ich drehe den Brief um, doch da steht nichts.
»Ist das zulässig, einen Brief ohne Absender zu schicken?«, frage ich und genehmige mir einen Schluck von Nancys Cappuccino, als sie gerade nicht guckt.
»Natürlich ist das zulässig. Mensch, Rocky, du und deine Regeltreue. Mach dich mal ein bisschen locker. «
Die Zeitanzeige am Herd springt auf 7:25 Uhr.
»Ich muss los!«
»Denk dran«, sagt Nancy, »ich bin heute lang in der Kanzlei Obermeier und danach übernehme ich meine ersten Boxkurse bei Pump’n Jump. Wird also spät. Aber ich bring Döner mit.«
Nancy macht eine Boxgeste in meine Richtung, während ich schon im Flur die Schuhe anziehe. Den Brief stecke ich ins obere Fach von meinem Rucksack.
»Ist gut.«
Dann bin ich weg.
Ich habe noch nie einen Brief bekommen. Aber ich weiß bereits in meinen jungen Jahren, dass es zwei Arten von Briefen gibt. Es gibt offizielle Briefe mit durchsichtigen Guckfenstern. Die kommen vom Jobcenter oder der Versicherung oder Nancys Sportverein. Bei einem offiziellen Brief seufzen Erwachsene oder bekommen eine Falte zwischen den Augenbrauen. Und dann gibt es persönliche Briefe. Die Briefumschläge sind aus festem Papier, manchmal farbig und der Name ist handgeschrieben. Wenn Erwachsene einen solchen Brief bekommen, dann sagen sie »Oh!« und lächeln und machen den Umschlag sofort auf, während die offiziellen Briefe in der Schublade landen. Jedenfalls ist das bei Nancy so.
Von unserer Wohnung bis zur Schule brauche ich 1826 Schritte. Ich mag es, Dinge zu zählen. Manchmal fliegt in meinem Kopf alles durcheinander und das Zählen beruhigt mich. Auf der Hälfte des Wegs, ungefähr nach 914 Schritten, biege ich in die Seitenstraße ein und bleibe stehen. Mitten auf dem Gehweg. Denn da ist das Eckhaus. Da ist das Zu verkaufen-Schild. Da ist die Klingel. Der Name steht noch dran. Nowak. Auf Zehenspitzen schiele ich ins Innere des Hauses. Da ist die dunkelgrüne Küche. Aber mehr auch nicht. Keine Lampe, kein Tisch, keine Stühle, keine Gemütlichkeit, kein Duft nach frisch gebratenen Pierogi. Kein Marek. Nur Leere und eine Schicht aus Staub auf den Fliesen. Jeden Tag auf dem Nachhauseweg stoppe ich an Mareks Haus und überprüfe, ob das Schild noch da steht. Einmal habe ich sogar geklingelt. Dabei wusste ich ja, dass sie dort nicht mehr wohnen. Ich wollte nur das Geräusch noch mal hören. Und mir für einen kurzen Moment einbilden, dass gleich Marek die Tür öffnen und mich hereinbitten würde. Auch, wenn das gar nicht logisch ist und ich normalerweise nie unlogische Sachen mache.
Ich setze mich auf die kühlen Stufen vor die Eingangstür und ziehe den Reißverschluss von meinem Rucksack auf. Der blassblaue Brief liegt leicht in meiner Hand. Es ist ziemlich klar, dass er von Marek ist. Wer sollte mir sonst einen Brief schicken? Ich kenne nicht viele Menschen, vor allem nicht außerhalb von Unter-Teutlingen. Da ist ein Kribbeln in meinem Bauch, das ich sonst nur von Space Attack kenne, wenn ich kurz davor stehe, das nächste Level zu knacken. Ich ratsche den Umschlag mit meinem Schlüssel auf und ziehe das Blatt Papier raus, das genauso hellblau ist wie der Umschlag. Aber als ich es auseinanderfalte, sehe ich schon, dass etwas seltsam daran ist. Es gibt kein Datum und keine Anrede und niemand hat den Brief unterschrieben. Eigentlich stehen da nur zwei Sätze: Du wurdest ausgewählt. Komm zum Treffpunkt.
Nach weiteren 914 Schritten erreiche ich die Schule. Erste Stunde Physik bei Frau Popov. Frau Popov ist meine Klassenlehrerin. Niemand weiß genau, wie alt sie ist. Sie hat jeden Tag dasselbe an: Kordhosen und weiße, zerknitterte Blusen, dazu grobe Lederschuhe. In meiner Vorstellung hängen in ihrem Kleiderschrank sieben identische Kordhosen und sieben identische knittrige Blusen nebeneinander. Ihre Frisur nennt man Topfschnitt. Weil wenn man Frau Popov einen Topf über den Kopf stülpen (nicht, dass ich das jemals vorhätte) und alle Haare abschneiden würde, die unten rausgucken, dann bekäme man eben diese Frisur. Sie gibt nie Hausaufgaben auf. Und statt das Physikbuch durchzuarbeiten, arbeiten wir an wissenschaftlichen Projekten. So richtig leicht hat es Frau Popov nicht, vor allem wegen ihrem Namen. Ihr könnt euch denken, wie sie von einigen Schülern genannt wird. Aber ich finde, sie ist das Beste, was die Einstein-Schule zu bieten hat.
Bisher fiel es mir nicht schwer, bei Frau Popov aufzupassen. Aber bisher habe ich auch noch keine seltsamen Briefe ohne Absender bekommen. Statt zuzuhören betrachte ich die Worte auf dem blassblauen Papier.
Du wurdest ausgewählt. Komm zum Treffpunkt.
Offenbar habe ich mich mit meiner Vermutung über Briefe geirrt. Es gibt drei Arten. Den offiziellen Brief. Den persönlichen Brief. Und den rätselhaften Brief.
Wofür wurde ich ausgewählt? Von wem? Und zu welchem Treffpunkt soll ich kommen? Zum ersten Mal in meiner Zeit als Schüler der fünften Klasse der Einstein-Schule kann ich dem Unterricht nicht folgen. Stattdessen schaue ich auf den Brief und dann aus dem Fenster. Vom Fenster aus sieht man direkt auf den Parkplatz hinter der Schule. Ich schaue gerne auf den Parkplatz. Weil der Hausmeister dort jeden Tag mindestens dreimal mit seinem Hund spazieren geht, wenn der mal muss. Der Hund ist groß und flauschig und heißt Balu. Ich mag Balu. Aber ich streichle ihn nie. Schließlich mag ich es auch nicht, wenn mich jemand einfach so anfasst. Heute sehe ich weder den Hausmeister noch Balu. Dafür sehe ich einen gelben VW-Bus. Der ist da schon seit einer Woche. Er ist schief eingeparkt und hat einen Kratzer an der rechten Seite. Außerdem steht auf einem Aufkleber neben dem Kratzer Punkrock since 1976. Was in dem Bus drinnen ist, kann man nicht erkennen, weil zugezogene Gardinen vor den Fenstern hängen. Ob er einem Rocker gehört? Und was hat ein Rocker an der Einstein-Schule zu suchen? Während ich noch überlege, ob es einen Zusammenhang zwischen dem rätselhaften VW-Bus und dem rätselhaften Brief geben könnte, schrillt die Klingel.
Den nächsten blauen Brief sehe ich schon von Weitem. Er ist mit Klebestreifen an meinem Spind befestigt. Ich schiebe mich durch die Schüler und Schülerinnen der Einstein-Schule, den Blick geradeaus auf meinen Spind gerichtet und den blauen Brief mit meinem Namen drauf. Genauso wie den letzten Umschlag ratsche ich auch diesen mit meinem Schlüssel auf und ziehe ein blassblaues Blatt heraus. Diesmal steht da noch weniger. Genau genommen nur das: Ne / Cu / Au.
Könnte es sein? Ganz vielleicht? Dass das ein Spiel ist, das sich Marek ausgedacht hat? Aber wie? Schließlich ist er 1.121 Kilometer entfernt. Ich schaue mich um, ganz so, als suchte ich nach versteckten Kameras. Aber da ist nichts. Nur die Schulklingel, die zur nächsten Stunde läutet.
An meinem Platz halte ich beide Umschläge nebeneinander. Dieselbe Handschrift. Dasselbe Papier. Weder auf dem ersten noch auf dem zweiten Umschlag klebt eine Briefmarke. Und das kann nur eins bedeuten: Die Person, die hinter den Briefen steckt, weiß nicht nur, wo ich wohne. Sie weiß auch, in welche Schule ich gehe und welcher mein Spind ist. Das ist schon ein wenig gruselig.
Sollte ich Nancy davon erzählen? Ne / Cu / Au. Das sind Abkürzungen. Aber Abkürzungen wofür?
In Deutsch bei Herrn Steiner sollen wir einen Aufsatz darüber schreiben, warum das Dach der Turnhalle dringend repariert werden sollte. Schnell kritzle ich einige Sätze runter, um mich dann wieder heimlich den Briefumschlägen zu widmen. In den letzten fünf Minuten der Deutschstunde macht es plötzlich Klick. Ich habe eine Idee, was es mit dem zweiten Umschlag auf sich hat. Zum Glück hat es gerade zur großen Pause geläutet.
Wie immer ist die Schulbibliothek ganz leer. Ich fahre mit meinem Finger die Regalreihen entlang und stoppe bei einem glatten, gelben Buchrücken. Das Buch heißt Grundlegende Chemie für Dummies und ich habe schon oft darin gelesen. Dummies ist englisch und bedeutet Dumme und ich muss an dieser Stelle festhalten, dass ich mich nicht für dumm halte. Ich denke, mein Gehirn funktioniert ausgezeichnet. Es ist nur das einzige Buch über grundlegende Chemie, das es in der Schulbibliothek gibt. Warum man allerdings auf ein Buch schreiben sollte, dass es für Dumme ist, kann ich nicht verstehen.
Mit dem Buch auf dem Schoß setze ich mich zwischen die Regalreihen. Der Teppichboden ist fleckig und riecht ein wenig muffig. Aber ich brauche nicht lang. Neben mich lege ich den blauen Zettel. Ne / Cu / Au.
Ich blättere das Buch durch und mache mir Notizen. Weil ich so vertieft bin in meine Tätigkeit, bemerke ich die Person gar nicht, die an mir vorbeihuscht. Erst als jemand sich hinter den letzten Regalreihen räuspert, blicke ich auf.
Eine Jungenstimme ertönt.
»Ich bin Kadir, dein Held,
Mach nur, was mir gefällt.
Ich fackel nicht lang rum,
Bin wirklich smart, nicht dumm.«
Es knistert. Das klingt, als würde jemand in eine Chipstüte greifen und dann geräuschvoll essen. So kann ich mich unmöglich auf Grundlegende Chemie für Dummies konzentrieren.
Ich stehe auf und gehe langsam die Regalreihen entlang. Der Junge macht weiter.
»Bin dein Bro, hab den Swag.
Ich mag yellow, green und black.
Diggi, sag mal, was ist los?
Fühlst du dich etwa lost?
Los … Lost … Nee, ey. Los … Moos … bloß ... was hast du bloß? Ja, nice.
Diggi, sag mal, was ist los?
Diggi, sag, was hast du bloß?«
Knister. Knusper. Ich biege in die letzte Regalreihe ein. Da steht der Junge. Die Chipshand wandert zum Mund. Ich tippe dem Jungen auf die Schulter und der dreht sich um. Er trägt ein weites, hellgelbes T-Shirt, das ihm fast bis zu den Knien reicht, darunter eine Jeans und so weiße Turnschuhe, dass man beim Anblick fast Kopfschmerzen bekommt. Auf seinem Käppi steht mit Strasssteinchen King Kadir geschrieben. In seinen Mundwinkeln sammeln sich Chipskrümel. Kadir Özdemir geht in meine Parallelklasse. Wenn man ihn und mich in einem kartesischen Koordinatensystem einzeichnen würde, dann wären wir maximal voneinander entfernt. Wir haben keine einzige Gemeinsamkeit.
»Hast du’s gehört?«, fragt Kadir, bevor ich etwas sagen kann.
Ich nicke.
»Alles?«
Ich nicke wieder.
Kadir vergräbt das Gesicht in den Händen.
»Sag, war’s gut?«, nuschelt er.
Ich zucke mit den Schultern. »Kannst du das bitte woanders machen?«
Kadir starrt mich an mit seinen Chipskrümeln im Mundwinkel.
»Eine Bibliothek ist ein Ort der Stille. Ich muss mich konzentrieren.«
Kadir starrt immer noch. Dann prustet er los.
»Hab ich was verpasst? Bist du die Bibliothekspolizei? Brudi, ich mach mein Ding, du machst dein Ding. Keiner kriegt Probleme. Zisch ab.«
Vielleicht hätte ich noch hinzufügen sollen, dass ich einem rätselhaften Brief auf der Spur bin. Beziehungsweise zwei rätselhaften Briefen. Manchmal weiß ich nicht genau, wie man richtig mit anderen redet. Am besten ich sage nichts mehr.
