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Das Leben der alleinerziehenden Sandra dreht sich um ihren kleinen Sohn, ihren Job und ihre beiden besten Freundinnen Caroline und Annabell - sie hat ihr Leben im Griff, und die Liebe hat darin keinen Platz. Als sie den sexy Polizisten und Frauenschwarm Jake kennenlernt, schrillen ihre Alarmglocken. Erst frech und arrogant, bemerkt sie bald, dass mehr in ihm steckt, aber nach einem unfassbar heißen One-Night-Stand mit Mr Blue Eyes Jake ist nichts mehr dasselbe. Es scheint vorbei zu sein, bevor es angefangen hat… doch als ihre Vergangenheit sie einholt und in höchste Gefahr bringt, kann nur noch Jake ihr helfen. Ein leidenschaftlicher Roman voller großer Gefühle und heißblütiger Erotik!
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sarah Veronica Lovling
Ja, Mr. Blue Eyes
Liebesroman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ja, Mr. Blue Eyes
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
Epilog
Danksagung
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Leseprobe „Nur ein Kuss, Mr. Perfect?“
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Leseprobe „Träume sind zum Lieben da“
Über die Autorin
Impressum neobooks
Anmerkung
Die Handlung, der Ort und die Personen dieses Romans sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
„Sandy? Hörst du mich?“ Nur mit äußerster Willensanstrengung schaffte es Sandra, die Augen zu öffnen und ihren Boss Hank anzusehen, der sich über den Tisch neigte und sie mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. Offensichtlich hatte sie mal wieder etwas ach so wichtiges nicht mitbekommen, müde wie sie war. Gott, wie sie es hasste… seine Überheblichkeit, und dass er sie ständig Sandy nannte. Und diese – wie nannte er es gleich? – Frühbesprechungen. Und diesen Job, sagte der fiese, gemeine und zynische Teil ihres Gehirns, noch bevor sie den Gedanken stoppen konnte.Doch mit einer weiteren Willensanstrengung gelang es ihr, zu lächeln; zumindest war sie sich relativ sicher, dass es ihr gelang, die Mundwinkel zumindest ein wenig hochzuziehen. Hoffentlich sah es zumindest wie ein Lächeln aus. Sie war schließlich auf diesen Job angewiesen. „Sicher, Hank, entschuldige. Was sagtest du gleich?“ – Sandra versuchte, die Müdigkeit zurückzudrängen und sich zu konzentrieren. Die Nacht war kurz gewesen. Sammy, ihr zweijähriger Sohn, hatte sich um exakt 3:27 Uhr übergeben – auf sich selbst, sein Bett und schließlich auch auf Sandra, um das Ganze perfekt zu machen. Das Ergebnis war ein Bettwäschewechsel, Kind duschen und selbst duschen gewesen, und das Ganze zu einer Zeit, zu der andere Leute süß träumend schliefen. Sandra hatte dann nach der kräftezehrenden Aktion den Rest der Nacht wachgelegen und überlegt, was sie nun tun sollte… Sie konnte nicht schon wieder auf der Arbeit fehlen. Sammy ging es, so schien es zumindest, wieder soweit gut. Er war nach dem Desaster ganz fröhlich gewesen, hatte sich geduldig duschen lassen (wohl aber auf seinem grünen Dinosaurierduschgel beharrt) und war innerhalb von Augenblicken wieder eingeschlafen. Noch fünfmal war Sandra bei ihm am Bettchen gewesen, hatte ihm die seidigen Haare aus der Stirn gestrichen und gefühlt, ob er wohl Fieber bekam. Nichts. Er schlief selig und traumlos, war morgens munter wie eh und je, im Gegensatz zu seiner übermüdeten Mutter, die sich fühlte, als habe sie zehn Runden Achterbahn mit Loopings hinter sich. So hatte Sandra ihn schließlich in den Kindergarten gebracht, hatte das Erbrechen wohlweislich bei seiner zuständigen Erzieherin unerwähnt gelassen und war selbst arbeiten gegangen, müde hin oder her.
„Ich sagte, du könntest dich gleich um das Obst kümmern“, wiederholte Hank etwas freundlicher und schaute sie über den mit einer billigen Plastikfolie beklebten alten Tisch, an dem alle Mitarbeiter sich zur Frühbesprechung versammelt hatten, an. Na klar. Das Obst. „Sicher“, antwortete Sandra, darum bemüht, ihr so mühsam gespieltes Lächeln aufrechtzuerhalten. Einen Moment lang gelang es ihr noch, Hank dabei in die Augen zu sehen, bis sie den Blick abwandte und das Muster der Tischdecke fixierte (bedruckt mit Erdbeeren, ausgerechnet, die durch tausendfaches Abwischen ekelhaft blassrosa geworden waren), um nicht laut loszuschreien oder in Tränen auszubrechen - wahlweise. Jeden Montagmorgen „kümmerte“ sich Sandra um das Obst. Ihre mit Abstand verhassteste Tätigkeit. Hank, ihr Geizkragen-Chef, warf nämlich kaum mal etwas weg. Zum Beispiel diesen Schrotthaufen von Tisch mit der ihr so verhassten Erdbeerfolie. Sandras Aufgabe nach dem Wochenende war stets, das Obst zu sortieren, in die Kategorien „noch gut und zum vollen Preis zu verkaufen“ (Hanks bevorzugte Einstufung) oder „matschig, aber noch zum halben Preis zu verkaufen“ oder „nichts zu machen“. Seit Sandra das Obst sortierte, es gewissenhaft auf braune und weiche Stellen untersuchte (übrigens galt das auch für das Gemüse), gab es keine Kundenbeanstandungen mehr. Sandra schien ein Talent im Obst-und-Gemüse-sortieren zu haben. Wenigstens etwas, befand Sandra missmutig. Wenn ich schon sonst keine Talente habe. Immerhin schien es, wie hieß es noch so schön… ihr „Alleinstellungsmerkmal“ zu sein. Wie gesagt, sie brauchte diesen Job. Leise seufzend trank sie einen letzten Schluck Kaffee, stand auf und machte sich an die Arbeit.
Drei Stunden später hatte sie sich durch Äpfel, Birnen, Bananen, Erdbeeren (sehr verderblich, sogar auf Plastiktischdecken…), Aprikosen, Kiwis, Litschis (wer brauchte denn so was?) und Trauben gearbeitet und nahm einen tiefen Atemzug, um sich nun schicksalsergeben dem Gemüse zuzuwenden. „Meine Liebe, wie läuft es?“, sagte da ihr Chef plötzlich an ihrem Ohr. Sandra erschrak und ließ fast die Trauben fallen, die sie zuletzt sortiert hatte; sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Trauben sortieren war anscheinend meditativ oder schlug ihr aufs Hirn. Oder sie hatte einfach ihre Müdigkeit trotz dreier Tassen Kaffee noch nicht überwunden. „Ich bin nicht „deine“ und schon gar nicht lieb“, fauchte Sandra ohne Nachzudenken, „und ich komme bestens klar mit dieser anspruchsvollen Aufgabe! Danke!“ Hank suchte beleidigt das Weite, nicht ohne ihr einen bösen Blick zuzuwerfen. Mist. Mal wieder hatte sie gesagt, was sie dachte, und erst danach ihr Hirn eingeschaltet… „Aber, aber“, erklang da eine belustigte Stimme hinter ihr, „was ist dir denn über die Leber gelaufen?“ Sandra drehte sich um. Es war Caroline, ihre Freundin. Klein, kurvig (Caroline nannte es dick, aber Sandra fand sie einfach perfekt so) und mit wilden roten Locken, die sich jedem Glätteisen widersetzten, konnten die beiden Freundinnen äußerlich unterschiedlicher nicht sein. Sandra war mittelblond (glatt, lang, nichts Besonderes), mittelgroß und mittelschlank – wie sie fand, total langweilig und durchschnittlich. Und während Sandra frech, schnippisch und manchmal jähzornig war, schien Caroline fast immer in sich zu ruhen und strahlte diese Ruhe auch nach außen aus. Mit Caro zusammen zu sein, tat Sandra immer gut. Auch heute - gleich ging es ihr besser. „Ach Caro…“, seufzte Sandra, „Sammy hat die ganze Nacht gekotzt, ich möchte nur schlafen und stattdessen sortiere ich faule Litschis“, brachte sie die Lage in einem Satz auf den Punkt und schloss Caroline in die Arme. „Du Arme“, tröstete Caro sie, „geht es Sammy denn besser?“ Caroline war die Patentante ihres Sohnes und liebte den Kleinen heiß und innig. „Ja, scheint wieder alles okay zu sein… Was machst du hier? Willst du halbfaule Bananen? Handverlesen!“ Caro kicherte. Sandra hatte die schärfste Zunge nördlich des Äquators. Das ein oder andere Mal hatte sie sich mit ihren frechen Sprüchen schon Ärger eingehandelt. „Ich will tatsächlich Bananen, du Irre“, grinste Caroline, „aber die frischen. Und, Bella will wissen, ob wir am Freitag mitkommen zu so einer Modelparty. Du weißt schon, dünne Frauen, falsche Wimpern, Champagner und heiße Jungs“. Sie verdrehte gespielt genervt die Augen. Annabell war ihre gemeinsame Freundin und war als Model immer wieder zu „angesagten“ Partys eingeladen. Manchmal gingen Sandra und Caroline mit, aber beide mochten es eigentlich nicht besonders. Caro war zu schüchtern und fühlte sich zu rundlich unter all den Bohnenstangen, und Sandra eckte an mit ihrer direkten Art. Zudem brauchte Sandra zur Zeit nichts weniger als einen Mann und sei er auch noch so ein heißes Model. „Weißt du, Caro, es ist erst Montag“, antwortete Sandra, „Freitag ist noch Lichtjahre entfernt. Wahrscheinlich werde ich den Freitag gar nicht erleben. Ich werde als erster dokumentierter Fall zwischen faulem und halbfaulem Obst aufgrund von chronischer Genervtheit und akuter Müdigkeit verenden. Schreib deine Doktorarbeit darüber.“ Caro lachte. Sie war der klügste Kopf unter den drei Freundinnen, studierte Medizin und hatte gerade ganz andere Sorgen als eine etwaige Doktorarbeit, sagte aber nichts weiter. „Lass uns die Tage nochmal texten“, schlug sie ihrer Freundin vor. Zu dritt schrieben sich Sandra, Caroline und Annabell, um im Alltag in Kontakt zu bleiben, regelmäßig kurze Textnachrichten. Zu Schulzeiten war es so einfach gewesen… sie hatten sich tagtäglich gesehen und überdies am Nachmittag alle Zeit der Welt gehabt. Jetzt nutzten sie die Gruppenfunktion ihrer Handys und schrieben sich beinahe täglich hin und her, um weiterhin Anteil am Leben der beiden anderen zu haben. So oft wie früher sahen sie sich nicht mehr, obwohl sie noch in der gleichen Stadt lebten – Sandra war beschäftigt mit ihrem Supermarktjob und vor allem mit Sammy, Caro studierte und kümmerte sich um ihre Mutter, und Annabell, das Model, jettete in der Welt herum, immer auf der Suche nach einem lukrativen Auftrag, gestresst vom Jet-Set-Leben. „Und halt die Ohren steif!“, fügte Caroline hinzu. „Mach ich, versprochen“, gab Sandra zurück, „was bleibt mir anderes übrig? War schön, dich zu sehen!“ Sandra und Caro umarmten sich kurz. Caroline ging mit ihrem Beutel der makellosesten Bananen zur Kasse, und Sandra wandte sich schicksalsergeben den Gurken zu.
CARO: Noch lebendig? Oder zwischen halbfaulem Obst verendet?
ANNABELL: Verendet? Wer? Wenn ich noch einen einzigen Scheißchampagner trinken muss, verende ich auch… grrrr!
SANDRA: Hab überlebt. Knapp. Hab euch lieb.
Auf dem Revier war mal wieder nichts los. Nicht, dass es ihn wundern würde. Es war Montag, und er war schließlich nicht mehr in New York. Die Kleinstadt Lanbridge, in der er seit ein paar Wochen lebte, hatte für einen Polizisten, zudem einem aus NY, nicht viel Spannendes zu bieten. Das Wochenende hatte zwar mit der Schlägerei einiger Trunkenbolde immerhin für eine kurze Abwechslung gesorgt, aber heute war Montag, und alle kurierten ihren Kater aus. Nichts zu tun für Jake. Er seufzte schicksalsergeben, während er einen Schluck fast schon kalten Kaffee trank. Angewidert verzog er das Gesicht. Zum mindestens fünften Mal an diesem Morgen überflog er an seinem schon etwas in die Jahre gekommenen Computer die Protokolle seiner Einsätze am Samstagabend. Er war immer noch der Neue hier – deshalb hatte er auch den schlechtesten Schreibtisch bekommen, alter PC, verschrammter Schreibtisch und quietschender Bürostuhl - und wollte alles, nur nicht unangenehm auffallen. Er wollte schließlich irgendwann mal einen besseren Schreibtisch bekommen. Schlägerei… Platzwunde… drei Mann über Nacht in die Ausnüchterungszelle… diesen Routinekram hatte er wohl jetzt drauf. Und dann war da noch Mrs Mitchell. Jake musste beim Gedanken an sie trotz seines kalten Kaffees grinsen. Seitdem er in Lanbridge lebte und arbeitete, hatte sie ihn am Sonntag bereits zum vierten Mal zu sich nach Hause beordert. Und „beordert“ traf es auf den Punkt. Mrs Mitchell war auf dem Revier berühmt-berüchtigt. Die alte Dame mit den silbernen Locken, die stets so gekleidet war, als wolle sie in Kürze in die Oper gehen, meldete teils mehrmals pro Woche fragliche „Einbrüche“ in ihre Wohnung. Bei Jakes erstem Einsatz bei ihr hatte er sich richtig viel Zeit genommen, sie ausführlich befragt und sämtliche Sicherheitssysteme ihrer Wohnung – Fensterschlösser, stabile Extra-Riegel an allen Türen und sogar eine hochmoderne Videoüberwachungsanlage– akribisch unter die Lupe genommen. Zu akribisch, wie sich herausstellen sollte. Bei ihren folgenden „Notrufen“ verlangte sie nun ausschließlich nach Jake, oder wie sie es formulierte, „dem hübschen Jungen, der sich so professionell verhält“. Mittlerweile hatte Jake mitbekommen, dass Mrs Mitchell einfach nur Aufmerksamkeit brauchte. Seine Kollegen auf dem Revier hatten ihre Bevorzugung Jakes grinsend zur Kenntnis genommen – nun mussten sie nicht mehr zu der skurrilen alten Dame. Der Neue hatte ihnen den Schrottschreibtisch und Mrs Mitchell abgenommen. Jake war es nur recht. Er überschlug sich nicht vor Arbeit, und Mrs Mitchell war nett – und einsam. Schnell schrieb er seinen Bericht über den „versuchten Einbruch“ bei ihr zu Ende und legte ihn ins Fach seines Vorgesetzten. Fertig.
„Hey, Jake“, begrüßte ihn da Martin, sein Kollege, der gerade aus dem Streifendienst zurück aufs Revier kam. Martin war in seinem Alter und die beiden waren sich, als Jake nach Lanbridge gekommen war (versetzt, meldete sich sein Unterbewusstsein, strafversetzt) auf Anhieb sympathisch gewesen. „Bleibt es dabei, kommst du nachher zum Essen zu uns?“ Jake schluckte und atmete tief durch. Mit „uns“ meinte Martin sich, seine Frau und die zwei kleinen Kinder. Ein Abendessen im Kreise einer intakten Familie. Nicht gerade das, was er sich für heute Abend vorstellte. Gedanklich war er wieder, wie an seinem letzten freien Wochenende, in der Bar, trinken oder Frauen aufreißen. Das war doch eher nach seinem Geschmack – besonders letzteres. Dennoch sagte er zu. „Na klar, Martin, ich freu mich schon darauf, deine Familie kennen zu lernen!“ Das war zwar geschwindelt, aber diese Lüge fiel Jake leicht. Er mochte Martin und es war sicherlich besser für ihn, einen ruhigen Abend zu verbringen anstatt schon wieder zu wenig Schlaf zu bekommen, beschloss er.
Der „ruhige“ Abend entpuppte sich als Wunschvorstellung. Seit er um acht Uhr abends mit einem frischen Hemd bekleidet, Blumen in der einen und einer Flasche Wein in der anderen Hand an die Haustür seines Kollegen geklingelt hatte, war es so ziemlich vorbei gewesen mit der Ruhe. Martins Frau Jasmine – eine hübsche Dunkelhaarige in Jeans und Bluse - hatte ihm geöffnet, ihn freundlich begrüßt und mit hinein in die Hölle genommen. Gut – Hölle war vielleicht ein wenig übertrieben, aber das Geschrei der beiden kleinen Kinder war doch ihm verdächtig auf die Nerven gegangen. Zwei Stunden später fühlte er sich wie durch die Mangel gedreht. Jasmine war echt nett gewesen und hatte sich Mühe gegeben, einen tollen Braten zu machen, der sicher sehr lecker gewesen wäre, wäre er nicht verbrannt gewesen, da die Kinder sich gegenseitig mit Zahncreme beschmierten, als der Braten aus dem Ofen gemusst hätte. Jim und Lilli, die kleinen Teufelchen, schienen sich im Minuten- nein Sekundentakt neuen Unsinn auszudenken, und entweder Jasmine oder Martin sprinteten hinterher, um Vandalismus und Verkrüppelungen zu verhindern. So war der Braten verbrannt, die Kartoffeln verkocht und der Wein zu warm gewesen. Jake saß vor dem Essen und bemühte sich um Konversation. „Lecker!“, verkündete er, die Wahrheit außer Acht lassend. Jasmine lächelte dankbar, aber erschöpft. Ihr war anzumerken, wie viel Stress der heutige Tag für sie bedeutet hatte. Da Jake sie noch nicht kannte, wusste er nicht, ob ihre dunklen Augenringe nur heute oder jeden Tag so tief waren – aber von Entspannung zeugten sie in keinem Fall. Auch Martin hatte gestresst gewirkt. Statt sich mit Jake zu unterhalten, sich abseits der Arbeit auf dem Revier etwas näher kennenzulernen, war er gemeinsam mit seiner Frau den Kindern nachgelaufen oder hatte sich in der Küche zu schaffen gemacht, um ihr zu helfen. Jake ertappte sich bei dem Wunsch, sie hätten einfach eine Pizza bestellt. „Heute war ein bisschen viel los“, erwiderte Jasmine entschuldigend – die Untertreibung des Jahres. „Jim und Lilli sind gerade ein wenig… munter.“ Jasmine lächelte Martin an, und ihre müden Augen begannen zu leuchten – sogar Jake konnte ihre ganze Liebe zu ihrem Mann und ihren Kindern sehen. Sie drückte seinen Arm, und während sie aufstand, um abzuräumen, hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Hast du eine Frau? Kinder?“, fragte sie Jake. „Nein“, antwortete er. Nein. So war es, und so sollte es bleiben. Ihn hatte der heutige Abend an den Rand des Wahnsinns gebracht, doch Martin und Jasmine, die dies tagtäglich erlebten, lächelten nur. Jake verspürte einen Stich der Eifersucht – aber nur einen kleinen. Seit einem Jahr nun war er der einsame Wolf, und es gefiel ihm. Er brauchte niemanden. Er konnte niemanden enttäuschen, und er konnte nicht enttäuscht werden. Und er musste keine Angst um jemanden haben, den er liebte. Nie wieder.
Rüberziehen. Bing. Rüberziehen. Bing. Rüberziehen. Bing… Beim Einscannen der Barcodes der Waren fielen Sandra trotz des grellen Lichts der Neonröhren fast die Augen zu. Es war schon wieder Montag. Oder immer noch? Nach Sandras Gefühl bestand die Woche aus fünf Montagen und zwei Putztagen am Wochenende. Nach fünf Stunden beim Obst und Gemüse (fünf Stunden!) hatte Hank Sandra schließlich an die Kasse geschickt. Mittlerweile war etwas mehr los, und es hatte sich gelohnt, eine zweite Kasse zu öffnen. Auch nicht Sandras Lieblingstätigkeit, aber immerhin konnte sie sitzen und beschmutzte sich nicht ständig mit halbfaulem Obst. Sie mochte den Supermarktjob nicht besonders, nichts davon. Am liebsten half sie noch Kunden, die etwas suchten, oder die Hilfe brauchten. Aber sie war auf den Job angewiesen. Sie hatte Sam, und Sam brauchte sie. Sie musste die Miete aufbringen, die Strom-, Wasser- und Telefonrechnungen bezahlen, und Sam brauchte Essen und Kleidung. Sie selbst verzichtete auf vieles, aber ihrem kleinen Sohn sollte es so gut wie möglich gehen. Daher hatte sie auch nach seiner Geburt den Traum von einem Studium abgehakt – es musste schnell Geld ins Haus kommen. Von Anfang an hatte sie mit Sam alleine dagestanden – und das hatte sie hart gemacht.
Als sie vor vier Jahren Tyler kennengelernt hatte, war sie Feuer und Flamme gewesen. Sie war jung, hübsch und voller Vorfreude auf die Zukunft gewesen. Die Schule lag fast hinter ihr, das Studium vor ihr. In einer Bar, in der sie mit Caro und Annabell feiern war, hatte er plötzlich, wie aus dem Nichts, vor ihr gestanden, so nah, dass ihr kurz der Atem stockte und sie den Kopf weit nach oben recken musste, um zu sehen, wer ihr da so dreist die Sicht nahm. Dann stockte ihr ein weiteres Mal der Atem. Sie blickte in ein lächelndes Gesicht mit warmen braunen Augen, und hörte die Worte „Entschuldige… aber ich muss einfach wissen, wie die schönste Frau in dieser Bar heißt!“ Heute fand sie es abgeschmackt und kitschig, damals war sie dahingeschmolzen. „Sandra“, hatte sie mehr gekrächzt als gesagt, „aber ich bin nicht die schönste…“ – „Für mich schon“, unterbrach er sofort und stellte sich ihr vor. Tyler, der Supertyp. Gutaussehend, groß, braungebrannt. In der Schule im Footballteam, zuhause der umschwärmte einzige Sohn, studierte er Jura, um später in die erfolgreiche Kanzlei seines Vaters einzusteigen. Ein Traummann, das hatte sie gedacht. Als er ihr einen Drink ausgeben wollte, stieß sie mit ihm an. Als er mit ihr tanzen wollte, tanzte sie mit ihm und ließ sich führen. Sie war im Himmel. Er hatte sie in seinem schicken Auto nach Hause gebracht, ihr wie ein vollendeter Gentleman nur einen Kuss auf die Wange gehaucht und war erst gefahren, als sie sicher durch die Tür gegangen war. Nachts träumte sie von ihm, seinen braunen Augen, seinem Duft… sie hatte sich Hals über Kopf verliebt. Als er dann schon am nächsten Tag anrief, um sie ins Kino einzuladen, sagte sie sofort zu, fühlte sich geschmeichelt und umworben. Von dem Film bekamen sie dann nicht viel mit – sie konnten die Finger nicht voneinander lassen, knutschten und fummelten im Dunkeln. Und als er nur drei Wochen später mit ihr schlafen wollte, ließ sie ihn, obwohl sie eigentlich noch gar nicht dazu bereit gewesen war. Sie erinnerte sich noch genau. Sie waren mal wieder mit seiner Clique unterwegs gewesen, in einer kleinen Bar im Nachbarort. Harte Drinks, laute Musik, gute Stimmung. Als sie eigentlich schon nach Hause wollte, bat Tyler sie, noch zu bleiben. „Bitte, Sandy“, hatte er gesagt und ihr einen Dackelblick zu geworfen. Sie blieb – natürlich. Und als er ein paar Stunden später versuchte, sie zu überreden, mit ihm in ein Motel zu gehen, ging sie mit. Es musste ja nichts weiter passieren, außer ein bisschen schmusen, sagte sie sich. Sie war noch Jungfrau, machte gerade ihre allerersten Erfahrungen mit Tyler. In Gedanken hatte sie sich ihr „erstes Mal“ aber bereits mindestens ein Dutzend Mal ausgemalt. Wunderschön würde es werden, im Kerzenschein, Tyler würde vorsichtig und zärtlich sein, seine eigenen Wünsche ihren unterordnen. Doch es kam ganz anders. Kaum war die Zimmertür hinter ihnen ins Schloss gefallen, war er schon über sie hergefallen. Leidenschaftlich hatten sie sich geküsst und waren gemeinsam auf das durchgelegene Bett gesunken. Tyler, deutlich betrunkener als Sandra, war ihr gierig unters T-Shirt gefahren und hatte es ihr in Windeseile, zusammen mit ihrem BH, ausgezogen. Sofort danach hatte er sich an ihren Jeansknöpfen zu schaffen gemacht. Sandra hatte vor lauter Schreck kaum reagieren können. Als sie schließlich den Mut aufgebracht hatte, Tyler zu sagen, dass es ihr zu schnell gehe, hatte dieser nur gelacht. „Sandy“, hatte er gesagt, „ich halte mich jetzt schon so lange zurück. Willst du, dass ich irre werde? Das ist doch lächerlich. Draußen laufen lauter Mädchen rum, die nicht nein sagen würden“. Sandra war entsetzt, aber sie wusste, dass das stimmte – und so hatte sie ihn gelassen. Er hatte ihren Hals geküsst, ihre Brüste und war schließlich hastig mit seinen Fingern in sie eingedrungen. Sie war noch nicht richtig feucht gewesen und hatte unwillkürlich aufgeschrien. „Verdammt“, hatte Tyler gemurmelt, denn es war ihm nicht schnell genug gegangen. Ein wenig Speichel als Gleitmittel benutzend, hatte er es noch mal versucht und hatte dann seine Finger in sie schieben können. „Ja, Baby“, keuchte er, zog seine Finger aus ihr und brachte sich, sie küssend, in Position. Sofort stieß er zu. Sandra schrie auf, als ein brennender Schmerz sie durchzuckte, und versuchte, sich ihm zu entziehen, doch er hielt sie fest in seinen Armen und begann, sich in ihr zu bewegen. Bereits nach Augenblicken war es vorbei gewesen. Er hatte sich aus ihr zurückgezogen, und ihr war nur ein klebriges, wundes Gefühl geblieben. Im Bad hatte sie sich gesäubert, und als sie zurück ins Zimmer kam, hatte Tyler bereits schnarchend seinen Rausch ausgeschlafen. Enttäuscht, tieftraurig und all ihrer romantischen Vorstellungen beraubt war Sandra bis nach Hause durch die Nacht gelaufen und hatte die Nacht einsam in ihrem Mädchenzimmer verbracht, an die Decke starrend. So hatte sie sich ihr erstes Mal nicht vorgestellt. Es hatte doch so schön, so romantisch und zärtlich sein sollen… und jetzt das. Sie fühlte sich wund und benutzt. Und das von ihrem Tyler, der doch sonst immer so lieb, so zuvorkommend war. Sie weinte sich in den Schlaf, träumte unruhig, erwachte traurig. Am nächsten Tag dann hatte er vor ihrer Tür gestanden, verkatert und süß, ganz zerknirscht und reumütig, mit einem Strauß Blumen in der Hand. „Sandy… es tut mir leid“, hatte er gestammelt, „verzeihst du mir?“. Sie hatte ihm nicht mehr böse sein können. Sie hatte ihn nach oben gelassen, in ihr Zimmer, in ihr Bett. Dieses Mal war er zärtlicher gewesen, hatte sie gestreichelt und stimuliert, bevor er in sie eingedrungen war, und es hatte ihr ein wenig gefallen. So war es weitergegangen. Ein halbes Jahr lief alles gut, ein weiteres halbes Jahr lang ging es langsam bergab. Sie sahen sich immer seltener, unternahmen immer weniger, entfernten sich voneinander. Seine Clique wurde ihm wichtiger als sie. Manchmal sprachen sie kein Wort, saßen vor dem Fernseher, in dem mal wieder Football lief, und schliefen danach miteinander – mechanisch, gefühllos. Tyler wollte immer nur Sex, sie wollte mehr, wollte nicht wahrhaben, dass es eigentlich aus war, dass sie beide sich in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Und dann war Sandy auf einmal schwanger geworden… und Tyler, das Arschloch, haute ab.
In ihre trübseligen Gedanken versunken reichte Sandra der Kundin ihr Wechselgeld. „Sieben Dollar dreißig zurück, vielen Dank, und noch einen schönen Tag“, leierte sie ihren Spruch herunter. Dann erneut, „Guten Tag, willkommen bei Hank’s Superstore“, rüberziehen. Bing. Rüberziehen. Bing… Nur am Rande registrierte sie den typisch männlichen Single-Wocheneinkauf, den sie da gerade einscannte: Mehrere Fertigpizzen, Mikrowellenburger, Toastbrot, Erdnussbutter, ein Glas Hot-Dog-Würstchen, fünf Äpfel, ein Pfund starker Kaffee und eine Flasche Whiskey, dazu Toilettenpapier, das günstigste natürlich. Wohingegen der Whiskey zu den teuren zählte. Typisch männliche Prioritäten, dachte sie. „Zweiunddreißig Dollar fünfundvierzig, bitte“, sagte sie und blickte erstmals auf, um ihren Kunden anzusehen. „Wollen Sie…“, setzte sie an, und dann… stockte ihr der Atem.Ihr Kopf schien wie leergefegt. Oh – mein – Gott… Sie schluckte. Der Mann war groß und schlank, hatte braunes, kurzes Haar und die faszinierendsten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie waren blau, dunkelblau, um genau zu sein, und erinnerten sie… woran nochmal? Karibik, fiel ihr spontan ein. Sie war als Teenager mit ihren Eltern einmal auf einer karibischen Insel gewesen, und am meisten hatte sie dort das Meer fasziniert. Türkisblau-transparent am feinsandigen weißen Strand, dann dunkelblau-unergründlich, dort, wo es tiefer wurde. Wo es kühler war und Gefahren lauerten, die man nicht sehen konnte. Geheimnisvoll und zugleich wunderschön. So wie die Augen ihres Gegenübers. Verdammt! Sie starrte ihn immer noch an. Wie lange schon? „Ja, ich will“, sagte da der Mann mit tiefer Stimme und zog lasziv lächelnd eine Augenbraue hoch. „Ich weiß zwar noch nicht, was, aber ich könnte mir da so einiges vorstellen…!“ Er war also nicht nur gutaussehend, sondern auch ein freches, sexistisches Arschloch? Sandra nahm all ihre Willenskraft zusammen, räusperte sich und setzte neu an. „Möchten Sie eine Tüte?“, fragte sie erneut. „Ach, eine Tüte…!“ – „Ja, eine Tüte!!! Wollen Sie nun eine, oder nicht? Das war doch keine schwere Frage, oder?“ - „Natürlich“, erwiderte der Mann, mittlerweile grinsend, „was glauben Sie denn, wie ich das alles transportieren will?“ – „Macht zwanzig Cent extra“, blaffte Sandra zurück. So gut er aussah, so unsympathisch schien er zu sein. Wenn er motzen wollte, gerne. Sie war in der richtigen Stimmung dafür. „Zwanzig Cent extra? Wofür?“ – „Für die Tüte, Schlaukopf!“, entgegnete Sandra frech. Hoffentlich war Hank nicht in der Nähe. Höflichkeit gegenüber Kunden, auch den widerlichen, ging ihm über alles. Sandra schaffte das nicht immer. Wie jetzt. „Seit wann?“, fragte Mr Blue Eyes stirnrunzelnd. „Seit Montag. Schauen Sie!“, Sandra zeigte auf das Schild an der Kasse, auf dem stand „AN DIE UMWELT DENKEN – TÜTE SELBST MITBRINGEN – PLASTIKTÜTE 20 ct“ und konnte sich nicht verkneifen, schnippisch hinzuzufügen, „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!“. Der Mann schnaubte und reichte ihr fünfunddreißig Dollar. „Behalten Sie den Rest, für die Kaffeekasse oder so. Der Laden scheint es ja nötig zu haben“, brummte er, packte seine Einkäufe in die frisch erworbene Tüte und sah Sandra noch mal an. Seine dunkelblauen Augen funkelten angriffslustig, als er nachsetzte „Weiß der Himmel, ob ich hier noch mal zum Einkaufen herkomme. Aber falls…“, er zwinkerte ihr zu, „dann nur wegen des ausgesucht freundlichen und höflichen Personals.“ Damit drehte er sich um und ging lässig zum Ausgang. Sandra starrte ihm hinterher. Bei solchen Kunden hatte normalerweise sie das letzte Wort. Und hatte er tatsächlich die Frechheit besessen, ihr zuzuzwinkern? Unfassbar! Was für ein Arsch. Da halfen auch die meerblauen Augen und die –zugegeben- knackige Kehrseite nichts.
SANDRA: Mädels, wie läuft euer Tag? Ich habe gerade den Kotzbrocken des Jahres an der Kasse gehabt.
CARO: Vorlesung… Anatomie… gähn. Du Arme… Kotzbrocken gehören verboten, genau wie langweilige Professoren!
ANNABELL: Attraktiv?
CARO: Unsinn… alt und potthässlich!
ANNABELL: Nein, der Kotzbrocken!
SANDRA: Ganz hübsch, schöne Augen…
CARO: ???????
SANDRA: …aber Kotzbrocken bleibt Kotzbrocken. Würg!
ANNABELL: Glückwunsch. Schöne Kotzbrocken sind immerhin was fürs Auge.
