Über Nacht, Mr. Zoom? - Sarah Veronica Lovling - E-Book

Über Nacht, Mr. Zoom? E-Book

Sarah Veronica Lovling

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Beschreibung

Caroline ist vielbeschäftigt: sie kümmert sich um ihre hilfsbedürftige Mutter und ist eine mustergültige Studentin. Nur ihre Freundinnen Sandra und Annabell kennen ihr Geheimnis: sie war erst ein einziges Mal verliebt. Erotik und Sex spielen in ihrem Leben keine Rolle. Doch dann, als sie es am allerwenigsten erwartet, steht ihr plötzlich ihre erste, einzige und unerwiderte Liebe, ihr Mr Zoom Rick, gegenüber und Caroline fällt aus allen Wolken – ihre Gefühle drohen, sie zu überwältigen. Aber sie weiß: diese Liebe darf nicht sein. Und obwohl die Vernunft ihnen immer wieder im Weg steht, zieht es sie magisch und immer heißblütiger zueinander hin. Kann es für Caroline und Rick trotz aller Hindernisse tatsächlich ein Happy End geben? Ein mitreißender Roman mit heißen Emotionen und leidenschaftlicher Liebe!

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sarah Veronica Lovling

Über Nacht, Mr. Zoom?

Liebesroman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über Nacht, Mr. Zoom?

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Epilog

Danksagung

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Leseprobe „Ja, Mr. Blue Eyes“

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Leseprobe „Nur ein Kuss, Mr. Perfect?“

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Leseprobe „Träume sind zum Lieben da“

Über die Autorin

Impressum neobooks

Über Nacht, Mr. Zoom?

Anmerkung

Die Handlung, der Ort und die Personen dieses Romans sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. Kapitel

 Es war 10:26, und ihr Magen knurrte. Und er knurrte derartig laut, dass sich alle im Raum zu ihr umdrehten und ungläubig grinsten. Caroline errötete unter Mundschutz und Haube und es wurde ihr noch heißer, als ihr sowieso schon war. Verdammt. Caroline murmelte etwas Unverständliches und beugte sich erneut über ihre Arbeit – eine ziemlich tote Frau, beziehungsweise ihren offenen Brustkorb. Caroline schluckte und versuchte den leichten Verwesungsgeruch zu ignorieren. Obwohl die Leichen vorschriftsmäßig gekühlt wurden, hing immer ein leicht modriger Geruch in der Luft des Pathologiesaales, den sie auch nach Kursende nicht so schnell loswurde. Wie konnte sie nur Hunger haben? Doch Caroline kannte die Antwort. Mal wieder hatte sie heute Nacht schlecht geschlafen und war morgens nur schwer aus dem Bett gekommen. Zudem war ihre Mutter mal wieder… naja, anstrengend gewesen. Und so war sie ohne Frühstück, dazu nur nachlässig geschminkt, in sprichwörtlich letzter Minute aus dem Haus gestürmt. Die Versuchung war groß gewesen, heute Pathologie zu schwänzen, aber dann hatte wie immer ihr Gewissen gesiegt und sie war Richtung Bushaltestelle gehetzt, um doch noch rechtzeitig zur Uni zu kommen. Ein kurzer Sprint, und schon sah sie den Bus kommen. Sie gab noch etwas mehr Gas, und mit einem letzten Hechtsprung erreichte sie den Bus und fand, oh Wunder, sogar noch einen Sitzplatz. Eingequetscht zwischen andere Studenten, teils mit ihrem Sandwich in der Hand, doch sie konnte nicht wählerisch sein. Und so war sie langsam wieder zu Atem gekommen, während der Bus zügig Richtung Campus fuhr. Caroline war eine mustergültige Studentin. Sie besuchte mehr Kurse, als die Studienordnung vorsah, übernahm Zusatzreferate und setzte sich manchmal sogar in Vorlesungen, die für sie erst im nächsten Semester dran waren. Die Medizin war ihr Traum. Schon als Kind war sie fasziniert davon gewesen und war als einziges Kind immer gern zum Arzt gegangen. Ihre Eltern hatten stets ungläubig den Kopf geschüttelt. Selbst Impfungen hatte sie klaglos toleriert, nachdem ihr das Prinzip und die Notwendigkeit erklärt worden waren. Es stand für sie früh fest, dass sie Ärztin werden wollte – was das bedeutete, begriff sie aber erst nach und nach. So wurde ihr erst am Ende der Schulzeit klar, dass sie nicht nur einen guten, sondern einen sehr guten Schulabschluss schaffen musste. Sie atmete tief durch, und lernte noch mehr als sonst, schrieb Extraarbeiten für bessere Noten. Und sie schaffte es, bekam den ersehnten Studienplatz. Dann, in der ersten Woche an der Universität, fiel sie aus allen Wolken hinab in die harte Realität. Sie war nicht mehr die Schlaue. Sie war eine der vielen Schlauen – alle waren hier wie sie, oder begabter, wie sie erschüttert feststellte. Das war nicht mehr die Schule, in der ihr fast alles wie von selbst gelang. Doch auch diese Herausforderung meisterte Caroline. Durch vorbildliches Vor- und Nacharbeiten der Vorlesungen und Seminare und kontinuierliches Büffeln war es ihr gelungen, zu den Besten ihres Semesters zu gehören. Zudem absolvierte sie mehr Praktika als sie musste, um sich hervorzutun. Nicht, weil sie Karriere machen wollte – sie wollte einfach eine gute Ärztin werden, genau genommen, die Beste.

Und daher stand sie auch heute hier im Pathologiesaal – ohne Frühstück, mit knurrendem Magen, und konnte statt an die Herzkranzgefäße vor ihren Augen nur an ein Sandwich und einen Kaffee denken. Wissend, dass die ersehnte Pause erst um 12 Uhr wäre, seufzte sie, atmete tief durch, und machte sich weiter an die Präparation der Gefäße. Das Essen musste warten.

2. Kapitel

Rick versuchte, die hämmernden Kopfschmerzen und den brennenden Schmerz in der Magengegend zu ignorieren. Atme, Rick, sagte er sich und versuchte, ruhig zu bleiben. Schrie er, oder schlimmer noch, wehrte er sich, würde er noch mehr einstecken müssen. So war das hier. Hackordnung war Hackordnung. Rick krümmte sich zusammen und versuchte, an etwas Schönes zu denken – das hatte seine Mutter immer zu ihm gesagt, als er noch klein gewesen war. Doch es wollte ihm partout nichts Schönes einfallen. Wie hatte es nur so weit kommen können, fragte sich Rick – und das nicht zum ersten Mal.

„Betrug“ lautete die offizielle Bezeichnung des Delikts, das er begangen hatte. Für Rick konnte es auch „Idiot“ heißen, denn das war er wohl. Er war kriminell, er war schuldig, es gab daran nichts schönzureden. Er hatte niemanden umgebracht, niemanden verletzt, und dennoch saß er im Gefängnis. Weil er illegal auf CD gebrannte Filme verkauft hatte. „Eine todsichere Sache, und noch dazu einträchtig!“, hatte sein Kumpel John ihm die ganze Aktion schmackhaft machen wollen. „Du verkaufst die CDs, auf Flohmärkten oder so, und ich brenne nachts einen Haufen neue – wir werden stinkreich!“ Und Rick, wie immer knapp bei Kasse, arbeitslos und desillusioniert, hatte zugestimmt. Vier Wochen lang hatten sie ihre schwarzgebrannten CDs und DVDs unters Volk gebracht. Auf Märkten, in der Fußgängerzone, im Park – bei größeren Menschenansammlungen waren sie stets recht erfolgreich gewesen. Aber sie waren nicht vorsichtig genug gewesen. Einer ihrer „Kunden“ hatte sich im Nachhinein als Undercover-Polizeibeamter entpuppt, und das war’s gewesen. Stinkreich waren sie übrigens ebenfalls nicht geworden, ganz im Gegenteil. Die paar Dollar, die sie noch übrighatten (viel war für Bier, Wodka und Zigaretten draufgegangen) wurden natürlich beschlagnahmt, und er und John wurden festgenommen.

Jetzt, drei Monate später, war John längst aus dem Schneider. Rick hingegen saß hier und kämpfte gegen das aufsteigende Erbrechen, weil Bad Bob, wie er von allen genannt wurde, mal wieder hatte demonstrieren müssen, wer hier der Boss war – nämlich er. Rick wusste – und das war hier meistens so – nicht, warum er die Schläge kassiert hatte. Nach seinem ersten Aufbegehren nach ein paar Tagen hatte er seine erste Lektion erhalten und schnell verstanden, wie der Hase lief. Und so hatte er sich stets bemüht, unauffällig zu bleiben, was aber gar nicht so einfach war bei seinem Äußeren. Rick war groß, durchtrainiert und von Natur aus leicht gebräunt. Seinen Teint hatte er, ebenso wie die braunen Haare und Augen, seiner italienischen Mutter zu verdanken, die Statur seinem Vater. Zum Glück so herum, und nicht anders – sonst wäre er wohl klein, pummelig und eher blass geraten. Obwohl, ein Glück war sein gutes Aussehen nicht immer, wie er schon vor einiger Zeit festgestellt hatte. Gut, er kam bei den Mädchen, später Frauen, immer super an – wobei keine jemals hinter seine Fassade geblickt hatte. Alle wollten nur sein Äußeres, und niemand interessierte sich für ihn. Jahrelang hatte ihm das nichts ausgemacht – er hatte sich genommen, was er kriegen konnte, und das war einiges. Und hier war das Aussehen definitiv ein Nachteil. Neid schlug ihm entgegen, den er fast körperlich spüren konnte. Er war nicht – noch nicht – vorgealtert und verbraucht, man hatte ihm keine Zähne ausgeschlagen und er hing auch nicht an der Flasche. Sein schönes Gesicht wurde nicht durch Narben verunstaltet. Sein Tattoo war von hoher Qualität und keine dilettantische Knaststecherei. Doch all das würde noch kommen, das ahnte er. Das kriminelle Milieu brachte es unweigerlich mit sich, und die Schläge hier waren erste der Anfang. Langsam kam Rick wieder zu Atem und richtete sich vorsichtig ein wenig auf. Die Menschenmenge, die sich um ihn gebildet hatte, als Bad Bob ihn sich vorgenommen hatte, hatte sich bereits wieder aufgelöst, und niemand beachtete ihn. Niemand, nicht einmal die Wärter. Die ließen Bad Bob tun, was ihm gefiel – so hatten sie ihre Ruhe. So war das im Knast. Die Gefangenen bestimmten die Regeln, die Wärter schlossen nur Türen auf und wieder zu. Seit drei Monaten saß Rick nun im Gefängnis Wentington, einem drittklassigen Stadtteil von Lanbridge, und es war, verdammt noch mal, seine eigene Schuld.

„Oh Mann, Kumpel“, hatte der Anwalt, der ihm gestellt worden war, der jetzt sein Anwalt war, aufgestöhnt. Die plumpe Vertraulichkeit hatte Rick nicht weiter gestört – in seinen Kreisen war das üblich so, schoss es ihm durch den Kopf. Wann war aus Richard Millers, dem aufstrebenden jungen Sportler, ein „Kumpel“ geworden, der einen Anwalt brauchte? Und der junge Kerl, der ihm gegenübersaß, war auch gewiss kein Staranwalt. Er sah eher aus, als sei er gestern erst mit dem Studium fertig geworden – noch grün hinter den Ohren, hätte seine Mutter gesagt. Rick hoffte, dass sein frisch angeeignetes Wissen seine mangelnde Erfahrung wettmachen würde, hielt aber besser die Klappe. Anwälte waren schließlich was Besseres, und man kritisierte sie nicht. Zumal er für diesen hier keinen Cent bezahlen musste, immerhin. Mr Timmons, sein Pflichtverteidiger, seufzte noch einmal tief und strich sich die schütteren Haare aus der Stirn. Er konnte höchstens fünf Jahre älter sein als Rick, sah aber aus wie sein eigener Vater. Er trug einen billigen Polyesteranzug und roch unterschwellig nach Schweiß, gemischt mit einem gängigen Parfüm, von dem Rick angenommen hatte, dass es längst aus der Mode sei. „Mister Timmons“, hatte Rick so höflich wie möglich geantwortet. Er ist ein Mister, ich bin ein Kumpel… „Mister Timmons, was genau meinen Sie?“ – „Ich meine, Kumpel, dass Sie am Arsch sind. Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber er könnte Ihnen geläufig sein, oder?“ Rick nickte knapp, die Lippen zusammengepresst, und Timmons fuhr fort. „Kumpel…“ – „Ich heiße Rick!“ – „Also, Rick, wie auch immer. Sie haben kein Kapitalverbrechen begangen, schon klar, aber Betrug ist und bleibt Betrug, das kann man nicht wegdiskutieren.“ – „Ich weiß.“ – „Schön. Wissen Sie aber auch, was Bewährungsauflagen sind?“ Es dämmerte Rick allmählich. Er hatte zwar die Schule abgebrochen, aber dumm war er deshalb schon lange nicht. Scheiße. Die Bewährung. Und dann erklärte es der Anwalt ihm. Rick hatte keine Chance, heil aus der Nummer raus zu kommen. Eine Haftstrafe würde folgen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Rick hatte während seiner Bewährungsstrafe ein weiteres Verbrechen begangen, und diesesmal würde er nicht so glimpflich davonkommen. Und auch wenn er Timmons nicht leiden konnte – er hatte recht gehabt, mit allem. Rick war nicht aus der Nummer rausgekommen, und er war am Arsch. Zehn Monate, hatte das Urteil gelautet, und drei hatte er erst rum.

3. Kapitel

In der Caféteria im naturwissenschaftlichen Teil der Uni war die Hölle los. Gefühlt alle Studenten aus den Fachbereichen Medizin, Physik, Biologie und Chemie schienen sich versammelt zu haben, um das nicht sehr umfangreiche Angebot an Snacks zu plündern, und der Lärmpegel war gigantisch. Caroline, mittendrin und überglücklich, dass sie einen freien Stuhl gefunden hatte, störte dies gar nicht. Weder der Lärm, noch das eintönige Essen. Der Pathologiekurs war vorüber, und Caroline war für ihre präzise Arbeit mit dem Skalpell vom Dozenten gelobt worden. „Die Präparation der Koronargefäße ist Miss Steward am besten von allen gelungen“, hatte er den Studenten mitgeteilt, „sie können sich ihre sehr gute Arbeit an ihrem Tisch gerne ansehen. So macht man das!“ Caroline war rot angelaufen, hatte sich aber sehr über das Kompliment gefreut. Es war ihr wichtig, gute Leistungen zu erbringen. Jetzt stand das nächste Seminar an, und davor wollte sie noch ihr Referat für übernächste Woche vorbereiten, wofür ihr noch ein Lehrbuch fehlte, das sie aber heute in der medizinischen Bibliothek der Universität Lanbridge abholen wollte… Ihr weiteres Tagespensum war nicht gerade ohne. Das Studium ist alles für mich, dachte Caroline, als sie nun, am Mittag, endlich in ihr Brötchen biss, das ihr in ihrem Hunger nicht wie das pappige Etwas vorkam, das es war, sondern einfach göttlich zu schmecken schien. Naja, fast alles. Da gab es natürlich noch ihre Mutter Martha, mit der sie viel Zeit verbrachte – was ihr beschämenderweise schwerer und schwerer fiel. Oft machten nach einem langen Tag an der Uni ihre Nerven einfach nicht mehr so mit, und sie hatte dann nur wenig Geduld und sagte Dinge, die sie später bereute. Sie kann doch nichts dafür, sagte sie sich, eines ums andere Mal, doch es funktionierte nicht immer. Oft kam es zu unschönen Auseinandersetzungen mit ihr, Streitigkeiten, in denen keiner der Gewinner sein konnte, und jedes Mal war es Caro zum Heulen zumute. Wie es weitergehen würde, stand in den Sternen. Caroline schob diese Gedanken von sich, verschloss die Augen davor – weil es ihr einfach zu weh tat, darüber nachzudenken. Und dann gab es da zum Glück auch noch Sandra und Annabell, ihre beiden besten Freundinnen. Wenn ich euch nicht hätte… Oft hatte Caro diesen Satz schon gedacht, aber immer wieder auch laut ausgesprochen. Sandra, Annabell und sie kannten sich schon aus der Schule und hatten bereits dort eine eingeschworene Dreiertruppe gebildet. Und das war immer noch so. Natürlich sahen sie sich nicht so oft wie früher, da jede nun auch ihr eigenes Leben hatte. Annabell war Model und reiste viel in der Weltgeschichte umher. Caro wusste, dass das nicht ihr Traumjob war, aber als sie kurz vor ihrem Schulabschluss von einem Modelscout auf der Straße angesprochen worden war, hatte sie nicht ablehnen können. Die Chance, schnell viel Geld zu verdienen, war zu verführerisch gewesen, besonders, da Annabell noch keine Idee gehabt hatte, wie es nach der Schule weitergehen sollte. Mittlerweile, nach einigen Jahren im Modelbusiness, nahm Annabell an, auch gar nichts anderes zu können als das Modeln – ein Fehler, wie Caroline insgeheim dachte. Und Sandra? Die war frisch verheiratet mit Jake, einem echt netten Kerl, der ihren Sohn Sam aus einer anderen Beziehung kürzlich sogar adoptiert hatte, und sie war wieder schwanger! Caro freute sich sehr für sie. Sandra hatte dieses Glück mehr als verdient. Nach ihrer ersten Beziehung, die echt mies auseinandergegangen war, hatte sie den Männern abgeschworen gehabt – bis Jake in ihr Leben getreten war. Doch der so sympathische Polizist hatte es zunächst auch nicht leicht gehabt. Doch endlich, nach langem Hin und Her, waren sie ein Paar geworden – noch dazu ein echtes Traumpaar, wie Caro fand. Sie selbst hatte keinen Freund. Um genau zu sein, sie hatte noch nie einen gehabt. Gut, in der Schule, im Teenageralter, war sie mit dem ein oder anderen „gegangen“, wie man so schön sagte, aber mehr als Küssen war nie passiert. Dann, als sie fünfzehn war, hatte sie sich zum ersten Mal so richtig verliebt – in einen Jungen, der sie noch nicht einmal auch nur ansah. Er war neu in ihre Klasse gekommen und als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte der Blitz eingeschlagen. „Zoom“, nannte sie selbst es. Sie hatte ihn angestarrt, und die kleinen, zarten Härchen in ihrem Nacken hatten gekribbelt, so, wie bei einem echten Stromschlag. Das ist er, hatte sie gedacht, als sie wieder ein wenig denken konnte. Der Junge, der von der Lehrerin vorgestellt worden war, hatte sich längst auf einen freien Platz gesetzt und der Unterricht war weitergegangen. Caroline, die Musterschülerin, war noch nie so schlecht in der Schule gewesen wie in den folgenden Wochen. Oft in Gedanken versunken, bemerkte sie zum Teil nicht einmal, wenn sie aufgerufen wurde. Die Lehrer machten sich Sorgen, sprachen mit Carolines Eltern, doch keiner konnte sich einen Reim auf ihre Veränderung machen. Natürlich nicht. Denn niemand wusste davon – damals nicht einmal Bella und Sandra. Und so schmachtete Caro ihn aus der Ferne an, sprach kein einziges Wort mit ihm, sondern machte ihn zu ihrem Traumprinzen ihrer immer häufigeren Tagträume – und auch nachts irrte er immer wieder durch ihre Träume. Doch der Junge schien sich in ihrer Klasse nie so richtig einzugewöhnen. Sicher, er hing mit den anderen Jungs herum, aber er wirkte stets in sich gekehrt und irgendwie traurig. Da sie nie mit ihm geredet hatte, wusste sie nicht, warum das so war. Und sie erhielt auch keine Gelegenheit dazu. Eines Tages, nachdem er etwa ein halbes Jahr in ihrer Klasse gewesen war, war er weg. Von einem auf den anderen Tag. Die Lehrerin hatte den anderen Schülern mitgeteilt, er habe eine Art von Sportstipendium erhalten und sei nun auf einer entsprechenden Schule. Gut – sportlich war er wohl. Im Vergleich zu den anderen Jungs in der Klasse war er deutlich muskulöser, und im Sportunterricht war er ein Ass. Und so verschwand er aus ihrem Leben, aber niemals ganz aus ihren Gedanken. Denn es hatte bisher nie wieder Zoom gemacht. Und so war sie nach wie vor Single, und noch dazu Jungfrau… und dabei hätte sie eigentlich gerne einen Freund. Bei Sandras Hochzeit hatte sie sogar den Brautstrauß gefangen… doch dass sie heiraten würde, war so utopisch, dass sie selbst bei dem Gedanken ungläubig grinsen musste. Traummänner gab es ja schließlich nicht wie Sand am Meer, oder? Und tatsächlich schien sie wohl auch noch besonders anspruchsvoll zu sein. Keiner ihrer männlichen Kommilitonen gefiel ihr, zumindest nicht auf diese Art, bemerkte sie nun erneut, als sie sich umsah, das halbgegessene Brötchen in der Hand. Viele waren nett, ja, und einige waren klug, aber keiner rief bei ihr ein Kribbeln im Bauch hervor. Nicht mal ein Mini-Kribbeln, geschweige denn so ein Zoom… Und so versuchte sie sich damit abzufinden, wohl Single zu bleiben. Jetzt kam erstmal das Studium. Und Martha. Entschlossen vertilgte sie den Rest des Brötchens, spülte mit lauwarmem Kaffee nach und machte sich auf den Weg, um noch schnell den geplanten Abstecher in die Universitätsbibliothek zu machen.

4. Kapitel

Rick hatte heute den Hofgang verweigert. Nach gestern lag ihm wenig daran, Bad Bob erneut in die Arme zu laufen… Obwohl er heute wohl sicher vor ihm wäre, dachte er sich. Selbst Bad Bob kannte seine Grenzen, und zweimal hintereinander denselben Mitinsassen zu verprügeln widersprach seinem üblichen Vorgehen. Denn er wollte sich in erster Linie Respekt verschaffen, Angst verbreiten und nicht Nachforschungen von Gefängnisverwaltungen wegen schwerer Verletzungen anderer auf sich ziehen, das wusste Rick. Dennoch, er war heute lieber noch eine Stunde mehr als sonst auch für sich allein, lag auf seiner alles andere als bequemen Pritsche und dachte nach, wie schon so oft. Die berühmte „schiefe Bahn“… wie war es nur dazu gekommen? Rick brauchte keinen Psychologen, um sich die Frage zu beantworten. Seine Mutter war der Grund.

Ricks Leben war nicht immer so gewesen. Im Gegenteil. Als Kind war er sehr behütet worden, der einzige Sohn seiner Eltern, die ihn über alles liebten – eine Familie wie im Bilderbuch. Es hatte ihm an nichts gefehlt. Er war in einer typischen Mittelschicht-Familie aufgewachsen: der Vater berufstätig und selten zuhause, die Mutter Hausfrau. Sie bewohnten ein großes Haus mit Garten, um das sich seine Mutter hingebungsvoll kümmerte. Wenn er an dieses Zuhause zurückdachte, wurde Rick noch heute manchmal etwas wehmütig. Es war dort immer blitzsauber gewesen, immer aufgeräumt und schön, und jeden Tag hatte ihn mittags nach der Schule der Duft frisch gekochten Essens willkommen geheißen. Seine Mutter war eine sensationelle Köchin gewesen, und er ein guter Esser – zum Glück ohne die Figurprobleme seiner Mutter. Gianna Millers, geborene Cagliori, war Italienerin durch und durch – und das schmeckte man auch. Fast jeden Tag hatte Rick ein, zwei Freunde nach der Schule mit nach Hause gebracht. Sie rissen sich darum, bei ihm mit essen zu dürfen. Dass sie zuhause höchstens einmal in der Woche eine Tiefkühlpizza bekamen, hatte ihnen die selbstgemachte Pizza von Ricks Mutter wie Ambrosia vorkommen lassen. Und natürlich die Pasta, in allen denkbaren Variationen. Schon mit nur zwei Jahren krähte der kleine Richie, „Tagliatelle! Spaghetti! Fussili!“, woraufhin seine temperamentvolle Mutter stets „Bravissimo, Ricardo!“ kreischte und ihn mit Küssen – und Nudeln – überhäufte. Doch dann, als Richie dreizehn war, nahm die Idylle ein jähes Ende…

Rick unterbrach seine trüben Gedanken und strich sich die Haare aus der Stirn. Scheiße. Man konnte nicht alles auf die Vergangenheit schieben, oder? Er hatte es selbst verbockt. Mit fünfzehn hatte er, da sein Vater und er umgezogen waren, die Schule wechseln müssen, aber dort war er irgendwie nie richtig angekommen. Er war kein Unruhestifter, er konnte sich einfach nur nicht richtig auf die Schule einlassen – es war ihm unwichtig geworden. Die ersten schlechten Noten waren dem Schulwechsel zugeschrieben worden, und natürlich seinem Schicksal. Er hatte eine wirklich großzügige Eingewöhnungszeit erhalten. Schlecht war es dort eigentlich nicht gewesen, doch er hatte sich die ganze Zeit fremd gefühlt, ein Außenseiter. Er hatte sich zwar mit ein paar anderen Jungs angefreundet, aber war nie ein Teil der Klasse geworden. Hausaufgaben machte er nicht, für Klausuren lernte er nicht. Manchmal vergaß er Bücher oder Hefte zu Hause. Und als die Noten auch nach einem halben Jahr nicht besser, sondern immer schlechter wurden, hatte sein Vater die Notbremse gezogen. Er hatte seine beruflichen Beziehungen spielen lassen und Richie auf einem Sportinternat untergebracht – das hatte ihn einiges an Überredungskunst und noch mehr an Geld gekostet, schien aber die beste Lösung zu sein. Der melancholische, grüblerische Sohn wurde ausgelagert. Und Sport war tatsächlich schon immer Richies Lieblingsfach gewesen. Hier brachte er gute Leistungen, ohne sich groß anzustrengen. In seiner Freizeit spielte er Fußball und joggte neuerdings auch, denn er liebte es, das sture Laufen, ohne an irgendetwas zu denken. So wurde auf der alten Schule das Gerücht gestreut, er habe ein Sportstipendium erhalten, und Richie verließ die Schule von heute auf morgen. Ab aufs Internat, weg von daheim. Doch auch hier kam Richie nicht an. Er trieb zwar Sport wie ein Besessener, war aber nie um gute Noten bemüht, war unzuverlässig wie zuvor. Nur beim Sport konnte er abschalten, spürte eine angenehme Leere im Kopf, betäubt durch Endorphine, oder was auch immer. Doch er trainierte nie richtig, hielt sich nicht an strukturierte Trainingspläne, übte keine Sportarten, die er nicht mochte. Und er fand keine Freunde. All die anderen Schüler waren Saubermänner und -frauen, wollten Karriere im Sportbereich machen. Alkohol oder Rauchen waren verpönt, bereits Fastfood oder Süßigkeiten eine Sünde. Die anderen gingen sogar früh ins Bett. Richie wollte ausgehen, trinken, Mädchen klarmachen. Als er sich das erste Mal nachts davonschlich, war er fast siebzehn. Er stieg an einem Samstagabend in den Bus, fuhr in die nahegelegene Kleinstadt und betrat den erstbesten Club. Dort erledigte er mehrere Premieren auf einmal: der erste hochprozentige Drink, die ersten Drogen, und der erste Sex.

Die Mädchen hatten sich quasi in Scharen auf ihn gestürzt. Er sah gut aus, war durchtrainiert und blutjung. Begeistert hatte er all die jungen Frauen in ihren knappen Outfits, die oftmals noch sexy tanzen konnten, beobachtet, als ihm eine besonders aufgefallen war. Die Blondine mit dem kurzen Rock sah einfach heiß aus… mit ihren langen Beinen, die durch ihre hochhackigen Schuhe noch weiter betont wurden, und ihrem sehr knappen Top, das ihre vollen Brüste kaum bändigen konnte, tanzte sie mit aufreizenden Hüftbewegungen in einer kleinen Gruppe anderer Frauen, ihre Freundinnen, wie Richie vermutete. Er konnte die Augen nicht von ihr lassen, beobachtete sie, wie sie tanzte, ihr langes blondes Haar zurückwarf und ihren Cocktail trank… sogar die lasziv-erotische Art und Weise, wie sie an ihrem Strohhalm sog… wow! Rick, bereits mehr als nur leicht angetrunken, wusste, dass er nichts zu verlieren hatte, und hatte sie angesprochen. Der Rest war Formsache gewesen. Sie hatten getanzt, wobei sie ihn offensiv angeflirtet hatte, sie hatten gemeinsam getrunken und geraucht, und schließlich hatte Gabrielle, so hieß sie, von irgendwo her zwei kleine blaue Pillen aufgetrieben. Heute wusste Rick, dass es Extacy gewesen sein musste, und dass er mit seinem Leben gespielt hatte. Damals war es ihm völlig egal gewesen. Er war hier, eine heiße Frau an seiner Seite, und das Leben war schön – endlich einmal wieder. Irgendwann hatten Gabrielle und er knutschend in einer Sitzgruppe des Clubs gesessen. Sie küssten einander, als hinge ihr Leben davon ab, und Rick kam kaum zu Atem. Unglaublich. Eine ganze Bandbreite neuer Empfindungen schoss durch sein von den Drogen überreiztes Nervensystem, und er kam kaum hinterher. Er war mehr als nur erregt, und als Gabrielle ihn irgendwie in ihr kleines Auto manövrierte, war selbst ihm, unerfahren wie er war, klar, wo das hinführen würde. Im Nachhinein hatte Rick bestimmt tausendmal bereut, dass er an dem Abend Drogen genommen hatte, aber er war so jung und naiv gewesen… denn leider erinnerte er sich nur schemenhaft an sein erstes Mal. Er hatte nur einzelne Bilder vor Augen, wenige, aber intensive Empfindungen, an die er sich erinnerte. Gabrielles Augen, die ihn sexy anblitzten… ihre vollen Brüste in seinen Händen… ihre feuchte Enge, ihre geschmeidigen Bewegungen auf seinem Schoß, als er tief in ihr war… nun gut, und der Schalthebel in seinem Rücken.

Als Rick in dieser Nacht zurück ins Internat kam, war er nicht mehr derselbe. Und der Rest der Geschichte war schnell erzählt. Rick rebellierte im Internat mehr und mehr, haute immer wieder ab, auf der Suche nach dem nächsten Kick, nach verbotenem Vergnügen, nach willigen jungen Frauen. Als das Internat ihn endgültig rauswarf, landete er für ein paar Wochen sogar auf der Straße, begann, immer regelmäßiger Drogen zu nehmen. Es wäre wahrscheinlich weiter und weiter bergabgegangen mit ihm, aber sein Großvater, ausgerechnet sein italienischer Opa, den er nie kennengelernt hatte, rettete ihm das Leben. Als er starb, hinterließ er Rick – seinem einzigen Enkel, dem einzigen Sohn seiner geliebten Tochter – sein spärliches Vermögen. Reich wurde Rick nicht, aber er bekam wieder Boden unter den Füßen. Er kaufte sich eine kleine Wohnung, eigentlich mehr ein Apartment, und hatte so wieder ein Dach über dem Kopf, auch ohne regelmäßiges Einkommen. Hier und da hatte er Gelegenheitsjobs, schlug sich durch, bewegte sich zum Teil an der Grenze der Legalität – wobei diese Grenze mehr und mehr verschwamm. In guten Phasen trieb er immer noch viel Sport, entdeckte das Boxen für sich und ging zum Teil fast täglich ins Fitnessstudio. Er schaffte es, den Drogenkonsum einzustellen – er war trotz allem durch und durch Sportler, und Drogen und Sport vertrugen sich einfach nicht. Und trotz allem wollte er leben, und nicht drogenabhängig dahinvegetieren und irgendwo auf einem Bahnhofsklo verrecken. Er hatte in seiner kurzen Zeit auf der Straße genug gesehen. Nur dem Alkohol schwor er nicht komplett ab. Am Wochenende gehörte Bier und gelegentlich mal ein Wodka, oder was immer sich ihm bot, einfach noch dazu. Doch er schaffte es nun, meistens zumindest, sich selbst Grenzen zu setzen und diese einzuhalten. So erwachte er zwar teils verkatert neben schönen, jungen und zumeist nackten Frauen (wobei sie nachts einfach immer schöner waren als morgens) , aber er konnte sich immer an den Abend zuvor erinnern, und sein Kater war nichts, was mit Kopfschmerztabletten nicht in den Griff zu bekommen war. Alles in allem hatte er sich irgendwie im Griff, halbwegs zumindest. Und so lebte er in den Tag hinein, hing mit teils zwielichtigen Jungs herum, verbrachte seine Zeit beim Fitness oder im Boxclub. Und er ließ sich tätowieren. Aus einem Impuls heraus betrat er eines Tages ein Tattoo-Studio und ließ sich in römischen Ziffern Giannas Geburtsdatum auf die Brust tätowieren. Senkrecht stand es von diesem Tag an auf seinem muskulösen Oberkörper, beginnend kurz unterhalb der Brustwarzen, bis hinunter zum Bauchnabel. Und so schlug er sich durch, lebte vor sich hin, bis zu dieser Scheißidee von John… Verdammt. Rick schlug, wie schon so oft, vor Wut auf sich selbst mit der Faust auf seine harte Matratze ein. Noch sieben Monate, sagte er sich. Sieben. Wie sollte er das nur aushalten… Ich will hier raus, dachte Rick, um jeden Preis!

5. Kapitel

„Sozialprojekt? Was denn für ein Sozialprojekt?“ Caro sah ihren Professor mit großen Augen an. Nach der Vorlesung hatte sie eigentlich schnellstmöglich nach Hause verschwinden wollen, zu ihrer Mutter, und auf dem Weg noch einkaufen bei „Hank’s Superstore“, dem Supermarkt, in dem Sandra früher gearbeitet hatte. Milch, Joghurt, Brot… Im Geiste hatte sie die Liste fast beisammen. Doch nun stand sie vorne im Hörsaal bei ihrem Anatomieprofessor, der sie nach der Vorlesung zu sich gerufen hatte. „Caroline, wollen Sie nicht bei unserem Sozialprojekt mitmachen?“, hatte er Caro unvermittelt gefragt, und sie verstand nur Bahnhof. Ihr Kopf schwirrte noch von all den lateinischen Muskelbezeichnungen… Musculus quadriceps, Musculus trapezius… Sozialprojekt? Ihr müdes Gehirn suchte nach einem Zusammenhang. Doch Professor Jones erlöste sie, in dem er es ihr erklärte. „Caroline, Sie wissen vielleicht, dass ich mich sozial engagiere, und die Uni hat ein neues Sozialprojekt auf die Beine gestellt. Es geht darum, Straftäter zu unterrichten.“ – „Straftäter? Unterrichten?“ Oh mein Gott, sie klang gerade nicht besonders intelligent, aber sie hatte keine Ahnung, worauf Jones hinauswollte. „Keine Angst“, beruhigte der Professor sie, „zunächst einmal handelt es sich nicht um Schwerstverbrecher, sondern nur, wenn man das so sagen darf, um Delikte wie Betrug, Diebstahl, leichtere Körperverletzungen… damit meine ich natürlich nicht, dass das nicht schlimm ist… aber Sie würden natürlich keine Mörder unterrichten!“ Das klang dennoch noch lange nicht beruhigend, und verstanden, was das ganze sollte, hatte sie immer noch nicht. Als Professor Jones ihren irritierten Blick auffing, fuhr er schnell fort. „Und es wäre immer Polizeischutz mit im Gebäude!“ – „Aber… unterrichten? Was soll ich denn unterrichten? Ich bin doch keine Lehrerin!“ – „Das spielt keine Rolle. Studenten unterrichten Straftäter, das ist das Konzept. Ich hatte bei Ihnen an Biologie und Mathematik, vielleicht Chemie, gedacht, aber Sie haben natürlich Mitspracherecht.“ – „Und warum ausgerechnet ich?“ Das war für Caro die Kernfrage. Jones sah sie lächelnd an. „Nun, Caroline, weil Sie zu meinen besten Studentinnen zählen. Sie haben eine große Zukunft vor sich, und die Teilnahme an einem solchen Projekt macht sich großartig in jedem Lebenslauf… Überlegen Sie es sich!“ Mit diesen Worten drehte sich Jones zu einer von Caros Kommilitoninnen um, die noch eine Frage zu der Vorlesung hatte, und ließ Caro stehen.

„Caro? Caro? Bist du da?” Die Stimme ihrer Mutter hallte durch die Wohnung, ängstlich und aufgeregt, kaum dass Caroline die Wohnungstür richtig geöffnet hatte. Verdammt. Was war denn jetzt schon wieder passiert? Sie eilte durch den langgezogenen Flur zum Zimmer ihrer Mutter, das früher das Schlafzimmer ihrer Eltern gewesen war. Doch das war lange her. Bereits seit über zehn Jahren lebte Caroline allein mit ihrer Mutter, und seit etwa zwei Jahren wurde das Zusammenleben jeden Tag schwieriger. Auch früher schon war ihre Mutter eine, nun ja, eigensinnige Person gewesen. Alles musste so laufen, wie sie es wollte. Carolines ganze Kindheit über hatten ihr Vater und sie versucht, es ihrer Mutter recht zu machen. Bis ihr Vater es irgendwann nicht mehr ausgehalten war und gegangen war. Caroline konnte es ihm nicht verübeln, wohl aber, dass er sie, sein einziges Kind, zurückgelassen hatte. Zurückgelassen, ohne Unterstützung, allein mit der Bürde der schwierigen Mutter. Doch Caroline liebte ihre Mutter, hatte sie immer geliebt. Denn trotz allem war sie immer für sie da gewesen, und nun war Caroline für ihre Mutter da. Nachdem Martha schon immer „schwierig“ gewesen war – eigenartig, sagten Nachbarn, sonderbar, komisch – war sie in den letzten zwei Jahren zunehmend verwirrt und vergesslich geworden. Caroline hatte die Symptome mit ihrem Hausarzt erörtert, doch er war der Meinung gewesen, es handele sich nach wie vor um eine Facette der schwierigen Persönlichkeit ihrer Mutter. Caro konnte dies nicht glauben, und sie begann auf eigene Faust zu recherchieren. Heute war sie der Meinung, nein, der Überzeugung, dass ihre Mutter nicht „verrückt“ war, sondern einfach nur krank. Early-onset dementia –früh beginnende Demenz. Wesensveränderungen, seltsames Verhalten, Unruhe, Angstzustände, zunehmende Vergesslichkeit, und all das in einem Lebensalter, in dem noch niemand mit einer Demenz rechnete. Martha war erst zweiundfünfzig Jahre alt, und alle Symptome passten.