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Es war ein dummer Fehler gewesen, sich mit den Doubleday-Brüdern Matt und Moe anzulegen. Sie beherrschten nicht nur den Hafen, sondern hatten in der ganzen Stadt am Missouri ihre Verbindungen. Wer ihnen in die Quere kam, war ein toter Mann.
Doc Holliday hatte beiden beim Poker im ›Minnesota Saloon‹ das Fell über die Ohren gezogen, anstatt, wie es jeder vernünftige Mensch tat, gegen sie zu verlieren. Jetzt zahlte er dafür die Zeche. Die 20.000 Dollar, die er gewonnen hatte, nutzten ihm nichts. Dafür konnte er sich nicht mal mehr einen Sarg kaufen ...
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Das Ende der Glückssträhne
Vorschau
Impressum
Das Ende der Glückssträhne
Es war ein dummer Fehler gewesen, sich mit den Doubleday-Brüdern Matt und Moe anzulegen. Sie beherrschten nicht nur den Hafen, sondern hatten in der ganzen Stadt am Missouri ihre Verbindungen. Wer ihnen in die Quere kam, war ein toter Mann.
Doc Holliday hatte beiden beim Poker im ›Minnesota Saloon‹ das Fell über die Ohren gezogen, anstatt, wie es jeder vernünftige Mensch tat, gegen sie zu verlieren. Jetzt zahlte er dafür die Zeche. Die 20.000 Dollar, die er gewonnen hatte, nutzten ihm nichts. Dafür konnte er sich nicht mal mehr einen Sarg kaufen ...
»Doc! Doc! Hilf mir doch, Doc!«
Es war Nacht im Flusshafen von Kansas City. Doc Holliday stand dort mit dem Rücken zu den hohen Kistenstapeln. Er hielt den Colt Lightning in der Rechten und atmete schnell und stoßweise. Sie hatten ihn durch den Hafen gehetzt, und er wusste, es ging ihm ans Leder, wenn er nicht rasch einen Ausweg fand.
Er wusste, dass mindestens zwanzig Verfolger hinter ihm her waren. Das gesamte Hafengelände war abgeriegelt. Die Doubledays und ihre Helfer und Speichellecker suchten ihn überall, sogar mit Spürhunden.
Dem Doc brach der kalte Schweiß aus. Er war an der Schulter verwundet – das war nur ein Streifschuss. Doch er brannte wie Feuer und blutete stark.
Hast du dafür die Tuberkulose überstanden, um jetzt im Hafen wie ein Hund abgeknallt zu werden?, fragte sich der Doc. Nicht mal dreißig Jahre war er alt, ein groß gewachsener, fahlblonder Mann im Spieleranzug. Und wenn sie ihn erschossen, hatte er noch Glück gehabt. Wenn die Doubledays ihn lebend in die Finger kriegten, wurde er totgeschlagen – oder starb einen noch grausameren Tod.
Die Geschichten über die Grausamkeiten der Doubleday-Gang erzeugten das kalte Grauen. Jetzt hatten sie den früheren Zahnarzt und jetzigen Berufsspieler Holliday eingekreist.
Er war bereit, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Sie wollten ihn aus der Reserve locken.
»Doc!«, schrie es wieder. »Sie hacken mir die Füße ab, wenn du nicht rauskommst und dich ergibst, Doc!«
In der Stimme des jungen Mannes, der da rief, klang das nackte Grauen. Doc Holliday erschrak.
Warren Sibelsky war es, der nach ihm schrie. Ein Jungfuchs, ein Nachwuchsspieler, der sich ihm angeschlossen hatte. Zwanzig Jahre alt erst, ein gut aussehender Kerl mit zarten Gesichtszügen und angenehmen Manieren.
Er kam aus Glenwood Springs, Colorado, wo Doc aufgewachsen war. Doc Holliday kannte Warrens Familie, wo er als Kind und Jugendlicher oft verkehrt hatte. Er hatte Warren schon als Baby gekannt.
Umso erstaunter war er gewesen, ihn Jahre später auf seinen rauen Wegen im Westen rein zufällig wiederzutreffen. Warren war von zu Hause ausgerissen, wegen einer unglücklichen Liebschaft und Eifersuchtsgeschichte.
Er hatte die irre Idee, sich als Berufsspieler zu versuchen. Doc wollte ihm das ausreden, doch an Warrens Sturkopf scheiterte er und nahm ihn deshalb unter seine Fittiche.
Früher oder später wird der Bursche einsehen, dass er für den Job nicht geeignet ist, dachte der Doc. Bis dahin muss ich auf ihn aufpassen.
Warren Sibelsky war an der Pokerrunde, bei der Doc Holliday den Doubleday-Brüdern die Moneten abknöpfte, nicht beteiligt gewesen. Die Doubledays hatten ihn sich geschnappt, um mit ihm als Geisel Doc zu erpressen.
Das gelang ihnen. Doc zweifelte nicht daran, dass der junge Sibelsky die Wahrheit sprach. Die Doubledays würden ihn grausam verstümmeln, wenn Doc sich nicht stellte.
Doc atmete tief. Er tastete nach dem zweiten Colt im Hosenbund, den er wohlweislich bei sich trug. Einmal muss auch gestorben sein, dachte er. Er würde Warren Sibelsky retten und selbst mit flammenden Colts ins Gras beißen.
Im Hafen herrschte auch nachts noch Betrieb, wurde be- und entladen. Das Nebelhorn eines Flusssteamers dröhnte vom belebten Teil des Hafens. Dort brannten Kerosin-Scheinwerfer, hievten Kräne Lasten von den Schiffen und anderswo welche darauf.
Der Hafen schlief nie. Kansas City war ein Portal in den Westen, zu Wasser und zu Land.
Es war drei Uhr früh, frostig, obwohl es schon Frühling war. Dunst hing im Hafen. Doc wusste, dass niemand ihm helfen würde, ihm und dem jungen Warren.
Er pirschte sich vor und zwängte sich zwischen Kistenstapeln und Gebinden von Säcken in die Richtung, aus der sein Protegé Warren gerufen hatte. Seine Verzweiflung und Angst anhören war herzzerreißend gewesen.
Ich kann ihn nicht draufgehen lassen, dachte Doc. Ihm selbst wäre es durchaus möglich gewesen, sich davonzuschleichen und an Bord eines Schiffs zu schmuggeln, das ihn heil wegbrachte. Außerhalb von Kansas City hatten die Doubleday-Brüder nicht den gewaltigen Einfluss.
Das war nun hinfällig. Doc pirschte sich weiter vor.
»Doc!«, hörte er seinen Schützling wieder. »Matt Doubleday hält schon die Axt. Tu es nicht, Doubleday! Ich hab euch nichts getan.«
Jetzt hörte man eine raue Stimme. Matt Doubleday, ein berüchtigter Totschläger, hörte sich an, als würde er täglich mit rostigen Nägeln gurgeln.
»Kommst du jetzt, Holliday, oder kommst du nicht? Wir werden den Jungen auf grausame Weise töten. Wir sind hier, bei dem großen Lagerhaus mit dem Fahnenmast in der Hafenmitte. Zeig dich, du falschspielender Bastard! Gib uns unser Geld zurück. Dann kannst du Kansas City verlassen! Wir sind ja nicht so.«
Doc wusste, dass der Mann log – sie wollten ihn nicht davonkommen lassen. Sie wollten sein Blut.
Er näherte sich dem großen Lagerhaus – es hatte ein Obergeschoss und ein Dachgeschoss. Es fasste genug Waren für mehrere Trecks. Mit Seilzügen und anderen Hilfsmitteln stapelte man dort die Waren in den Hochregalen.
Doc hielt die Hand schräg vor den Mund, um den Schall abzufälschen, als er laut antwortete: »Ich komme. Habe ich dein Wort, dass ihr den Jungen verschont, Matt? Und mich gehen lasst?«
»Ja, hast du. Jetzt flattern dir wohl die Hosen, Doc Holliday? Du hast dich mit den falschen Leuten angelegt. Einem Tiger zieht man nicht die Mahlzeit zwischen den Zähnen hervor. Wo bist du, du Hund? Zeige dich!«
Doc Holliday bewegte sich im Schatten zur Seite und duckte sich hinter eine Lore der Hafenbahn.
»Ich bin hier. Ich komme raus, wenn ihr den Jungen laufen lasst. Das will ich erst sehen. Warren muss in Sicherheit sein.«
Eine andere raue Stimme rief: »Klar kann er gehen, der Boy. An ihm hast du wohl einen Narren gefressen. Ist das dein Liebchen, Doc Holliday?«
Allein für die Unterstellung hätte ihm Holliday gern eine Unze Blei verpasst. Von der Fakultät war er nun absolut nicht.
»Mach keine Witze, Joe Doubleday. Lasst Warren laufen. Dann stelle ich mich euch. Erst will ich Warren weggehen sehen und in Sicherheit wissen.«
Der Streifschuss brannte und blutete. Doch bei dem Adrenalin, das durch seine Adern strömte, merkte Doc es nicht.
Tückisch erhielt er die Antwort: »Er kommt! Dein Freund Warren kommt. Gleich wirst du ihn sehen. Wir warten auf dich.«
Im ersten Stock des Lagerhauses leuchtete ein Kerosin-Scheinwerfer auf. Doc umklammerte den Revolver. Er war auf alles gefasst. Beim Lagerhaus und den zwei Doubleday-Brüdern befanden sich, schätzte er, bis zu fünfzehn Männer. Die anderen durchkämmten mit den Hunden das Hafengelände.
Wieder tutete das Nebelhorn, ein Signal, dass ein Schiff fertig beladen war. Unheimlich klang es, wie der Schrei eines Tiers aus der Urweltzeit.
»Ich schaue!«, rief Doc und verriet damit abermals seine Position.
Er blieb jedoch in Deckung. Zuvor, während er zwischen den Stapeln durchschlich, hatte er zwei Eisenkrampen aufgehoben.
»Okay. Wirf deine Schießeisen weg. So, dass wir sie sehen können!«
Doc warf die beiden massiven Eisenkrampen. Klirrend traf eine auf einen harten Stein. Doc Holliday warf so, dass die Krampen nicht im Lichtschein des Scheinwerfers oder der Lampe seitlich am Lagerhaus zu erkennen waren.
Man sah nur, dass da etwas lag, und hatte den Aufprall von etwas Schwerem gehört. Docs Rechnung ging auf. Die Banditen glaubten, es wären seine Schießeisen. So misstrauisch, das zu überprüfen, waren die Doubleday-Brüder nicht.
Matt Doubleday, Holliday erkannte seine Stimme, lachte höhnisch auf.
»So ist es brav, Doc. Jetzt kannst du gehen, Warren. Ja, Kleiner, du bist frei.«
Ein dumpfes Geräusch war zu hören und wiederholte sich. Ein würgender, unterdrückter Laut. Warren Sibelsky wurde aus dem dunklen Eingang des Lagerhauses hervorgestoßen. Er hatte die Hände frei; die Fesseln waren ihm durchgeschnitten worden.
Er brachte kein Wort hervor, ein Knebel steckte in seinem Mund. Er fiel hin, kroch, riss sich den Knebel aus dem Mund und schrie fürchterlich, dass man es im gesamten Hafen hörte.
Im Scheinwerferlicht sah man schwarz sein Blut. Matt Doubleday zeigte sich, eine blutige Axt in den großen und groben Händen. Die Doubledays waren große, klobige Kerle, mit kahlrasierten Vierkantschädeln und Stoppelbärten. Derb gekleidet und bis an die Zähne bewaffnet.
Matt fragte höhnisch: »Warum stehst du denn nicht auf, kleiner Warren? Doc Holliday wartet auf dich. Du hast doch Laufen gelernt, Kleiner.«
Holliday brauste das Blut in den Ohren. Er hatte einen so ungeheuren Zorn, dass er glaubte er würde zerspringen.
»Matt!«, rief er. »Du hast dein Wort gebrochen. Ihr habt ihm die Füße abgehackt!«
»Da irrst du dich, Doc«, antwortete Doubleday. »Ich brach nicht mein Wort. Joe hat mit der Axt zugehauen.«
Er hob die Axt in Doc Hollidays Richtung.
»Joe hat es getan, nicht ich. Dein Freund ist frei. Jetzt bist du dran, Doc Holliday. Wir hacken dich in Stücke und verfüttern sie an die Hunde. Komm, Holliday!«
✰
Doc Holliday kam. Die wahnsinnige Grausamkeit dieser Bestien raubte ihm die klare Besinnung. Er ging ein Risiko ein, das er sonst nicht auf sich genommen hätte. Mit flammenden, krachenden Colts raste er los, geduckt und im Zickzack, schnell wie ein Irrwisch.
Apachen, im deckungslosen Gelände die schnellsten und geschicktesten Nahkämpfer und Angreifer der Welt, hätten von ihm noch lernen können. Er feuerte – und er traf.
Hagelte 45er Blei tödlich hinaus. Matt Doubleday wurde in den stiergleichen Hals getroffen und spie eine Blutfontäne. Doc Holliday lieferte sich mit den Doubledays und ihren Helfern ein wildes Feuergefecht.
Kugeln umschwirrten ihn, zupften an seiner Jacke und löcherten sie. Er schoss und sah Körper fallen. Um nicht geblendet zu sein, hatte er vorher nicht ins grelle Licht gesehen. Männer fielen im Eingang des Lagerhauses und rechts und links davon, wo sie geglaubt hatten, hinter Kisten in Deckung zu sein, bis der Doc zwischen ihnen auftauchte.
Es krachte und knallte von allen Seiten bei dem wilden Feuergefecht. Doc warf sich zu Boden. Vom Boden aus feuerte er, rollte sich um die eigene Achse und schoss weiter.
Kugeln schlugen neben ihm ein, durchlöcherten seine Kleidung. Er erhielt einen weiteren Streifschuss, doch aufgeputscht, wie er war, spürte er das kaum.
Er zog sich hinter ein paar Kisten zurück und lud rasch nach. Seine Hände und Finger waren ruhig. Sein Puls ging kaum schneller. Das war ein großer Vorteil bei einem Gunfight.
Kaltblütigkeit und Kampfübersicht. Dazu musste man Nerven aus Stahl haben, das musste angeboren sein. Antrainieren ließ es sich nicht, höchstens bis zu einem gewissen Grad.
Gerade so, wie aus einem Normal- oder Minderbegabten kein erstklassiger Klavierspieler wurde oder gar ein Starpianist.
Der Doc blieb kalt. Er griff wieder an, feuerte, rückte an der Wand vor, sprang vor, machte die Hechtrolle und streckte mit gezielten und schnellen Schüssen drei Männer am Tor des Lagerhauses nieder.
Er war ein Naturtalent für solche Gefechte. Doc Holliday, um den sich bereits Legenden rankten. Dabei hatte er niemals ein Revolverheld und Spieler sein wollen. Ohne die Tuberkulose wäre bei ihm alles anders gekommen und hätte er nie was anderes gekillt als Zähne gewesen, die er seinen Patienten zog.
Ein sechsmonatiger Aufenthalt in einer Tuberkuloseheilstätte mit Luftkuren – in Arizona – hatte ihn geheilt. Ein Pneumothorax und schwerster Verlauf waren ihm erspart geblieben. Er betete zu Gott, obwohl er an ihn nicht glaubte, dass die Krankheit nicht wieder ausbrechen würde.
Er hungerte nach dem Leben, und er hing daran, nachdem er erkannt hatte, wie schnell und unter welchen Umständen es vorbei sein konnte.
Endlich wurde nicht mehr geschossen. Er hörte davonrennende Schritte im dunklen Lagerhaus, wo es einen Hinterausgang und Seitentüren gab. Er dachte nicht daran, die Fliehenden zu verfolgen.
Das waren zwei Mann, die da flohen. Zwölf hatte er niedergestreckt, wie er sah, als er mit schussbereitem nachgeladenem Colt nachschaute. Drei davon stöhnten – sie lebten noch.
Joe Doubleday gehörte dazu. Er war in die Hüfte und rechts zur Brustmitte hin getroffen. Sein Bruder Matt hatte sein Leben ausgehaucht, war an seinem eigenen Blut erstickt.
Warren Sibelsky stöhnte und wimmerte. Doc sah, dass ihm von den drei Schwerverletzten keine Gefahr drohte. Er ging zu dem sterbenden jungen Mann. Der Tod umfing ihn bereits. Der Blutverlust war zu hoch – eine Rettung gab es nicht.
Charon, der Fährmann ans andere Ufer, hatte ihn bereits in seinem Boot. Doc beugte sich zu ihm nieder. Lang fiel sein Schatten im Scheinwerferlicht.
Doc zerschoss mit einer beiläufigen Bewegung den Scheinwerfer und die Laterne an der Gebäudeecke. Er wollte keine Zielscheibe abgeben. Die Handlanger der Doubleday-Brüder waren keineswegs alle ausgeschaltet. Eine Menge davon – wie viele, das wusste Doc nicht – waren im weitläufigen Hafengelände unterwegs.
Der ganze Hafen war in Aufruhr. Doc hörte Stimmen und Hundegebell. Sie suchten ihn, ohne Frage. Doch noch waren seine Häscher nicht nahe genug heran, um sie fürchten zu müssen.
Noch nicht.
Er beugte sich über den Sterbenden. Das Blut pulste immer noch schwach aus Warren Sibelskys Beinstümpfen.
Er blickte Doc Holliday an.
»Muss ich sterben, Doc?«, röchelte er.
»Ja, mein Junge.«
Doc wollte ihn in seinen letzten Augenblicken auf dieser Welt nicht belügen. Ihm sagen ›Es wird alles gut‹ oder ›Keine Sorge‹ wäre der blanke Hohn gewesen.
»Ich ... will aber nicht sterben. Ich bin noch so jung.«
Was man will oder nicht, wird bei so etwas nicht gefragt, dachte der Doc.
Er wusste nicht, was er dem Todgeweihten an tröstenden Worten mitgeben sollte. Deshalb hielt er nur seine Hand. Er war da. Sein Schützling starb nicht allein. Ich habe schlecht auf dich aufgepasst, dachte Doc, und ihm wurde kalt.
Nach kurzer Zeit bäumte der Junge sich auf und umkrallte Doc Hollidays Hand mit eisernem Griff.
»Mutter!«, rief er.
Im Tod schrie er nach seiner Mutter. Dann war es vorbei. Doc Holliday drückte ihm die Augen zu. Farewell, Junge, dachte er. Ich werde deinen Eltern einen Brief schreiben, damit sie Gewissheit haben – dass ihr Sohn nicht mehr nach Hause kommt.
Die wahre Todesursache und die Umstände, die dazu führten, würde er nicht nennen. Sondern angeben, Warren sei durch einen Unfall ums Leben gekommen. Welcher Art, das musste er sich noch überlegen.
Er stand auf und ging zu dem noch immer stöhnenden Verbrecherkönig Joe Doubleday. Der schaute ihn mit vor Schmerz glasigen Augen an. Er grabschte nach dem in seiner Nähe liegenden schweren LeMat-Revolver.
Mit diesem Schießeisen mit neun Kugeln und einem Schrotlauf konnte man einen ganzen Saloon leerpusten. Doch Doc Holliday war kein Saloon.
Er trat den Revolver weg. Doubleday starrte ihn an.
»Mein ... Bruder?«, röchelte er.
»Tot.«
»Die ... anderen?«
»Erledigt. Zwei entkamen.«
Holliday zog das Geldscheinbündel aus seiner Tasche und warf es Joe Doubleday hin. Die Scheine fächerten auseinander und fielen über den Mann, der in seinem Blut lag.
»Da hast du es. Von Schweinen wie euch will ich kein Geld.«
Er konnte am Spieltisch jederzeit neues verdienen.
»Wirst du mich jetzt erschießen?«
»Verdient hättest du es. Ihr habt dem Jungen die Füße abgehackt. Schäbig gelogen, ihr würdet ihn laufen lassen. Ihr seid der Abschaum vom Abschaum.«
»Dann schieß. Gib mir die Kugel, Doc Holliday. Dann bist du genauso ein Mörder wie ich.«
Doc zielte auf ihn, auf seine Stirn. Dann senkte er den Revolver.
»Du bist die Kugel nicht wert. Keine weitere mehr. Die in deinem Leib, die ich dir verpasst habe, wird dich umbringen. Sie steckt in den Gedärmen. Spürst du den Schmerz? Er wird schlimmer. Es wird ein paar Tage dauern, aber dann bist du tot.«
Joe Doubleday wurde noch blasser, als er ohnehin schon war. Doc Holliday drehte sich um und ging weg. Bevor er zwischen dem Stückgut, den Kistenstapeln und Sack- und anderen Gebinden verschwand, blickte er noch einmal zurück.
Das tat er ab und zu. Von hinten erschossen werden wollte er nicht.
Joe Doubleday kroch über den Boden und zog eine Blutspur hinter sich her. Als Doc Holliday im Schatten untertauchte, war er bei seinem LeMat. Der Doc sah, wie er sich das kiloschwere Eisen in den Mund steckte und abdrückte.
Sein Kopf flog weg, als die Schrotladung losging. Er hatte Doc Holliday geglaubt, dass er tödlich verwundet sei und einen langen und qualvollen Todeskampf vor sich habe.
Dabei hätte er eine reelle Überlebenschance gehabt. Doc Holliday spürte eine kalte Genugtuung. Seine Wunden fingen jetzt an zu schmerzen. Noch war er nicht aus dem Schneider.
Man jagte ihn, sogar mit Hunden, deren Gekläff ihn umzingelte. In Kansas City war der Boden für ihn zu heiß – hier konnte er nicht länger bleiben. Die Doubleday-Brüder waren tot – doch es gab andere, die ihr Geschäft übernehmen wollten. Und die Docs Tod wollten.
Er kletterte an einem Kistenstapel hinauf. Von Stapel zu Stapel gelangte er zu den Ladekais und checkte dort die Lage. Man suchte ihn fieberhaft, wie er den Rufen und dem Gebell entnahm. Auf eine weitere Schießerei wollte er es nicht ankommen lassen.
Bisher hatte er Glück gehabt – beim Töten und beim Pokern hatte er immer Glück. Doch überreizen wollte er es nicht.
Ihm blieb nur ein Ausweg. Er brach eine Kiste auf, ein stabiles Klappmesser hatte er. Den Inhalt von dieser Kiste warf er in einen dunklen Spalt zwischen zwei Stapeln und kroch selbst in die Kiste hinein.
Darin faltete er seine langen Glieder zusammen und zog den Deckel über sich zu. Nach einer Weile kam eine Ladekralle von einem dampfmotorbetrienen Kran herunter, ergriff die Kiste und hievte sie im Scheinwerferlicht auf einen Lastkahn.
Der Lademeister am Kai zählte und machte Striche auf seiner Kladde.
»Erstklassiger Whiskey nach St. Louis. Kiste Nr. 35.«
Doc Holliday hörte das nicht. Er fand sich im Laderaum des Steamers wieder, mitten in einem Stapel. Dort herauszukommen, erwies sich als Problem für ihn, als der Steamer den Hafen verlassen hatte und auf dem Missouri nach Westen fuhr.
Es wurde nicht einfach, aber er schaffte es. Seine Wunden waren da schon verharscht. Er stank nach Whiskey. Als er Kisten zertrümmerte und Flaschen zerschlug, um sich den Weg ins Freie zu bahnen, hatte er seine Kleidung mit Whiskey getränkt.
Der Dunst benebelte ihn.
Auf allen vieren kroch er aus dem Laderaum. Matrosen entdeckten ihn.
»Wer ist dieser Saufbold? Ein Trinker, der sich an Bord schmuggelte und an unserer Ladung gütlich tat. Was sollen wir mit ihm machen?«
Der Steamer dampfte mitten auf dem Fluss.
»Bei der Marine werden solche wie der kielgeholt.«
»Das dürfen wir nicht so einfach.«
»Holt den Maat.«
Der Maat, ein vierschrötiger Flussbär, kam und schaute in Doc Hollidays Revolvermündung.
»Ich bin Doc Holliday.«
»Und ich bin der Kaiser von China. Wie siehst du denn aus, Saufbold? Ein blinder Passagier und ein Säufer. Dich schmeißen wir über Bord. Steck deinen Kracher weg!«
»Holt den Kapitän!«
Der kam, die Pfeife im Mund.
»Was ist das los? Doc Holliday, wie kommen Sie an Bord meines Schiffs? Wie sehen Sie denn aus? Was ist passiert? Jungs, das ist Doc Holliday, der berühmte Revolverheld! John Henry Holliday, ich fasse es nicht. Hier an Bord meines Schiffs – und betrunken wie zehntausend Mann!«
»Käpten, das verbitte ich mir. Ich bin kein Trinker. Ich hatte mich in der Ladung versteckt ...«
Holliday erzählte in knappen Worten die ganze Geschichte. Mittlerweile war er von der ganzen Mannschaft umringt, außer dem Steuermann, der auf der Brücke stand.