Jagd durch den Sumpf - Iris Brandt - E-Book

Jagd durch den Sumpf E-Book

Iris Brandt

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Beschreibung

Während das Hauptheer gen Nightfall marschiert, verschlägt es Heiler Dren und Krieger Antras hinter feindliche Linien. Werden sie es schaffen, sich an den Untoten vorbei durch den tödlichen Sumpf zu den Selbiaten zurück zu schlagen? Und was, wenn ein magisches Artefakt ins Spiel kommt, mit dessen Hilfe die Vampire womöglich den Krieg gewinnen könnten? Tauch ein in ein fantastisches Abenteuer voller Spannung, Freundschaft und Magie in der Welt von Selbion, der Hintergrundwelt zum Rollenspiel-Event "Felder der Ehre". Doch auch wer Selbion nicht kennt, kann diesen Fantasy-Roman voll und ganz genießen, "Fachkenntnisse" sind nicht notwendig! Leseprobe unter: http://www.iris-brandt.de/selbionleseprobe.php Mehr Infos zum Event "Felder der Ehre" gibt es auf ecw-event.de

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Jagd durch den Sumpf

Ein Selbionroman

Von Iris Brandt

Dren rannte. Seine Füße platschten schwer durch den Morast, und es wurde mit jedem Schritt anstrengender, das Gleichgewicht zu behalten und die festen Lederstiefel wieder aus dem stinkenden Schlamm zu reißen. Doch das Stöhnen der Untoten in seinem Rücken gab ihm genügend Motivation, vorwärts und immer weiter zu laufen. Er hatte etwa zehn Schritt Vorsprung, doch er glaubte nicht, dass das lange so bleiben würde. Zwar waren die Leichen langsamer als er, doch es scherte sie nicht, ob sie versanken oder sogar komplett in einem Sumpfloch untergingen. Sie wanderten unbeeindruckt hindurch und kamen auf der anderen Seite wieder heraus. Er dagegen musste versuchen, in den schwindenden Lichtverhältnissen des vergehenden Tages den schmalen Pfad, der sich durch die fast mannshohen Schilfpflanzen wand, nicht zu verlieren. Denn wenn er ihn verlor, würde er früher oder später in ein Sumpfloch stürzen. Und dann war es vorbei mit dem Vorsprung – und seinem Leben.

Schilf peitschte gegen seinen Hals. Dieser verdammte Sumpf! Ganz Selbion war vom Untod bedroht, und das 4. Banner hatte in der Hauptstadt alle Hände voll damit zu tun, sich um die Flüchtlinge zu kümmern, die in Scharen nach Bogenfurth strömten. Aber die 2. Kohorte hatte sich natürlich dem Feldzug gegen Nightfall anschließen müssen. Sicher brauchte man hier draußen alle Kräfte, die aufgebracht werden konnten, aber es brachte nichts, wenn sie in kleinen Gruppen durch den Sumpf wanderten und von den Untoten auseinandergenommen wurden.

Die lederne Umhängetasche hüpfte an seiner Seite auf und ab, in ihr klapperte das Heilerbesteck. Eine Wolke von Mücken schwebte über dem Weg und er rannte mitten durch sie hindurch. Die kleinen Insektenkörper gerieten ihm in die Augen und blieben in seinem schweißnassen Gesicht kleben. Er schlug mit wild wedelnden Armen um sich. Weniger, weil er sich einbildete, dass er die Biester so loswerden würde, als um seine Panik zu bekämpfen. Viel brachte es nicht. Er wischte sich übers Gesicht, hustete und verschluckte einige der kleinen Quälgeister, doch das war sein geringstes Problem. Ein Pfeil zischte an ihm vorbei. Warum war dieser Trupp Untote überhaupt hier? Eine ganz normale Patrouille, mehr hatte es nicht werden sollen. Schwarzfurt war eingenommen, zumindest für den Moment, eigentlich hätten die Untoten sich weit im Norden sammeln müssen, statt durch den Sumpf zu streifen und Patrouillen aufzureiben.

Es waren einfach zu viele gewesen. Auf ihrer Seite ganze acht Mann, allesamt ausgebildete Selbiaten, und sie hatten keine Chance gehabt. In Drens Kopf flüsterte es, dass er nun, wo er alleine war, noch viel weniger eine Chance hatte, aber er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu sehr war er damit beschäftigt, auf dem mit Grasbüscheln und Schlammlöchern übersäten Untergrund nicht aus dem Tritt zu geraten. Wie er allein im Sumpf überleben sollte, konnte er sich immer noch überlegen, wenn er erst einmal entkommen war.

Zwei Schritte auf annähernd festem Untergrund gaben ihm die Möglichkeit, einen Blick über die Schulter zu werfen. Er hatte es geschafft, seinen Vorsprung zu vergrößern, und das Schilf hatte sogar den Sichtkontakt zu den Untoten abgeschnitten. Auch wenn er noch nicht außer Gefahr war, brachte ihm die Hoffnung neue Kraft, und er beschleunigte seinen Schritt.

Da schnellte etwas neben dem Weg empor und packte ihn am Handgelenk. Eine Schwertklinge erschien in seinem Sichtfeld. Der Schwung der Bewegung ließ ihn straucheln und haltlos zwischen das Schilf rutschen. Er schrie auf und zog sein Messer, um sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

„Nicht! Ich bin’s!“

Dren erkannte Antras kaum, so verschmiert war der Krieger mit Dreck und Blut, doch der Klang der menschlichen Stimme reichte aus, ihn vom Zustechen abzuhalten. Eine Welle der Erleichterung durchflutete Dren, als er realisierte, dass sein bester Freund noch am Leben war. Der Mann, mit dem er die militärische Ausbildung durchlaufen und die letzten sechs Jahre in einer Lanze verbracht hatte, zuerst in derselben Ausbildungseinheit, später in derselben Kommandoeinheit der 2. Kohorte des 4. Banners zu Bogenfurth. Der es nie zu einem Problem hatte werden lassen, dass Dren stellvertretender Lanzenführer geworden war und ihm Befehle erteilte, sondern ihm sogar ermöglicht hatte, im Hospiz seiner Eltern seine Fähigkeiten als Heiler auszuweiten. Der ihm im Kampf schon unzählige Male den Rücken freigehalten hatte, damit sich Dren um die Verwundeten kümmern konnte, und der bestimmt ebenso oft auf seinem Behandlungstisch im Lazarett gelandet war, weil er sich mehr um das Wohl seiner Freunde kümmerte als um seine eigene Sicherheit.

Antras fixierte ihn noch einen Moment mit seinem Blick, bis er sicher sein konnte, dass Dren ihn erkannt hatte, dann zog er den Heiler mehrere Meter tiefer ins Schilf und bedeutete ihm, still zu sein.

Dren glaubte, seinen Herzschlag wie eine Kriegstrommel durch die Nacht dröhnen zu hören, aber er gehorchte. Das Matschwasser stand hier knietief. Dren ließ sich zu Boden sinken, er hockte bis zu den Oberschenkeln im Schlick und bemühte sich, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. Das Tageslicht war inzwischen nahezu verschwunden, doch er konnte die Schatten einiger Untoter ausmachen, die an ihrem Versteck vorbeizogen. Sie gingen zwischen den Schilfpflanzen hindurch, doch entfernten sie sich nicht weit vom Weg, wo sie ihr Opfer vermuteten, und entdeckten sie nicht. Dren war froh, nicht ihre eingefallenen, verwesenden Gesichter sehen zu müssen, doch das Geräusch, mit dem die Schilfrohre über die wächserne Haut strichen, jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. Für einen Moment ergriff ihn das Grauen. Er fühlte sich, als würden die zerfallenen und zugleich schrecklich festen Finger der Leichen seine Arme, seinen Hals, mit gnadenloser Kraft ergreifen und zudrücken. Er verbot sich selbst, schützend die Arme um seinen Körper zu schlingen, um ja kein Geräusch zu machen, und blieb regungslos sitzen. Mit der Zeit verstummten die Geräusche und Stille kehrte ein.

Sie warteten noch einige Minuten unbeweglich zwischen den Schilfrohren, bis Antras sich vorsichtig aufrichtete und den Blick in die Dunkelheit schweifen ließ. Die kräftige Gestalt seines Freundes, die gut gearbeitete Lederrüstung mitsamt Helm, das scharfe Schwert und die nicht weniger scharfen Augen, die unter günstigeren Umständen dem von einem rotblonden, sorgsam gekürzten Vollbart eingerahmten Gesicht eine verschmitzte Freundlichkeit verliehen, all das flößte Dren neue Zuversicht ein. Gespannt beobachtete er jede Bewegung seines Gefährten, bis dieser schließlich nickte. „Sieht so aus, als wären wir sie erst mal los“, murmelte Antras. Dren richtete sich auf und schüttelte sich. Einerseits, um das widerliche Gefühl der klatschnassen, an seinen Beinen klebenden Hose loszuwerden, und andererseits, um sich von dem in seinem Kopf nachklingenden Geräusch der Untotenschritte zu befreien.

„Lass uns einen etwas trockeneren Platz suchen“, schmunzelte Antras und steckte sein Schwert weg.

Dren gewann langsam die Fassung zurück.

„Na viel Glück. Ich denke, der nächste Ort, der wirklich trocken ist, ist Bogenfurth …“

Antras lachte leise, schob seinen Lederhelm ein wenig aus dem Gesicht und sah sich um. Dann deutete er auf einen krüppeligen Baum, der nicht weit entfernt aus dem Moor ragte:

„Da vielleicht.“

Er platschte zu dem Baum hinüber, der von einigen Leuchtmoosflechten bewachsen war, die es zumindest möglich machten, nicht in der Dunkelheit daran vorbeizulaufen. Tatsächlich gab es hier so viel festen Boden, dass sie sich aus dem Wasser ziehen konnten. Halbherzig wrang Dren eine Ecke seines ehemals weißen Hemdes aus und zog den tropfenden Wappenrock zurecht. Dann rollte er den unteren Rand des vor Nässe schwer gewordenen Umhangs zusammen und quetschte auf einem Stein möglichst viel Wasser heraus. Prüfend nahm er seine Wollkappe ab. Sie war zum Glück trocken geblieben. Ob sie allein verhindern konnte, dass er bei der ganzen Feuchtigkeit krank wurde, war eine andere Frage, aber eine warme Kappe war schon mal besser als nichts. Er fuhr sich ein paar Mal durch seine kurzen, dunkelbraunen Haare, die zuletzt in Bogenfurth eine ordentliche Schüssel mit Waschwasser gesehen hatten, dann setzte er die Kappe wieder auf. Seufzend sah er sich nach seinem Gefährten um.

Antras brach gerade prüfend einen der Äste des Baumes ab und kratzte sich sein bärtiges Kinn. „Das wird kein sonderlich gutes Feuer, wenn überhaupt.“

Verwundert zog Dren die Augenbrauen zusammen. „Du willst ein Feuer machen? Haben dir die Untoten vorhin nicht gereicht? Also für mich waren es mehr als genug. Und für die anderen auch.“

Er verstummte und auch Antras‘ Blick wurde finster.

Dren überlegte und zählte dann an den Fingern ab. „Was wissen wir denn? Tarog ist tot, das Schwert ging direkt durch seine Brust. Niobe ist ins Wasser gefallen, ich bezweifle, dass sie es geschafft hat bei dem, was da unterwegs war. Schwarzmähne hat seine Waffe verloren und sie haben ihn gepackt, das habe ich noch mitbekommen, aber dann war es vorbei mit der Übersicht. Ich habe Iondriel schreien gehört, es klang ziemlich endgültig …“

Antras‘ Blick wurde traurig.

Dren seufzte. Auch er hatte die feingliedrige und zugleich erstaunlich zähe Elfe gemocht. Die Eldar waren ein starkes Volk, und natürlich war er dankbar dafür, dass einige von ihnen sich für den Kampf an der Seite der Menschen entschieden hatten, als die Nebeltore von Vinya Noré sich schlossen. Doch es machte ihn traurig, dass diese Wesen, die Jahrhunderte alt werden und Menschen wie ihn und Antras so vieles lehren konnten, in diesem Kampf starben. Dass überhaupt jemand sterben musste. Die Gesichter der anderen zogen vor seinem inneren Auge vorbei. Tarog, ihr Lanzenführer, der zwar oft schweigsam war, aber immer auf seine Leute achtete. Niobe, deren Morgenstern jeden Gegner, der zu einer Emotion fähig war, das Fürchten gelehrt hatte. Schwarzmähne, der mit allen gut ausgekommen war und sich mit einigen seiner engsten Freunde sogar das Zeichen der Kohorte auf die Hand tätowieren ließ … Dren schüttelte den Kopf und schob die Bilder mit einer bewussten Anstrengung von sich. Er ließ das Grauen, das der Tod der Kameraden in sein Herz eingepflanzt hatte, nicht an sich herankommen – noch nicht. Wenn sie jetzt der Trauer verfielen, waren sie so gut wie tot.

Er analysierte möglichst sachlich weiter: „Ohne Waldläufer wird es hier draußen schwierig. Ein Magier wäre nicht schlecht, aber davon waren ja schon im Lager zu wenige.“

Er zog die Augenbrauen zusammen und zählte weiter: „Wulf haben sie den Arm abgerissen. Selbst wenn sie dann von ihm abgelassen haben, ist er wahrscheinlich schon verblutet.“ Antras schüttelte bedauernd den Kopf.

Dren fuhr fort: „Was mit Garron ist, weiß ich nicht, vielleicht hat er sich durchschlagen können. Aber mal ehrlich: Wenn er es geschafft hat, wird er nicht nach uns Ausschau halten, er hat ja schon die ganze Zeit gesagt, dass er ohne uns besser dran wäre. Ich weiß nicht, warum er sich überhaupt zur Armee gemeldet hat.“

Antras zuckte die Schultern. „Spielt jetzt auch keine Rolle, den sehen wir wahrscheinlich nie wieder. Also …“ Er zählte an den Fingern ab: „Keine Magier, keine Waldläufer, kein Kommandant. Wobei, nach der Kommandokette bist das jetzt du, stellvertretender Lanzenführer. Also, was sind deine Befehle?“

Dren zog eine Augenbraue hoch. Er hatte, wie alle Rekruten, in den höheren Lehrjahren das eine oder andere Übungsmanöver befehligt, aber er hatte sich auch in den drei Jahren, die seit der Ausbildung vergangen waren, nie als Kommandant gefühlt. Wobei es nicht allzu schwer war, einen einzelnen Krieger zu kommandieren. Einen Schildwall würden sie so oder so nicht mehr zustande bringen.

Irritiert musterte er Antras. „Wo ist überhaupt dein Schild?“

Sein Freund machte eine wedelnde Handbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Im Gesicht eines Untoten. Mit etwas Glück hat er ihn wieder losgelassen, aber vielleicht trägt er ihn auch weiter durch die Gegend.“

Dren zuckte zusammen und schalt sich einen Narren.

„Bist du eigentlich verletzt?“, fragte er Antras rasch.

Dieser grinste ihn an. „Jetzt erst die Frage, und das vom besten Heiler der Lanze? Das hätte im Ausbildungslager aber erst mal Liegestütze gegeben.“

Dren sah ihn finster an, kramte in seiner Tasche und holte sein Selbiatenlicht hervor. Von den Geschenken, die es zum Abschluss der Ausbildung von den verschiedenen Völkern gab, war der kaum vier Finger breite Kristallwürfel von den Zwergen mit Sicherheit eines der praktischsten. Auch wenn das Leuchtmoos es möglich machte, sich gegenseitig zu erkennen, reichte es doch nicht aus, eine angemessene Untersuchung durchzuführen, da würde das kleine Artefakt Abhilfe schaffen. Er drückte die Rune an der Unterseite und der Stein strahlte weiß auf. Dren leuchtete Antras einmal rundherum ab. Es schien ihm einigermaßen gut zu gehen bis auf etliche Kratzer, die man bei nächster Gelegenheit – also irgendwann in ein paar Wochen – mal gründlich säubern sollte.

Dren untersuchte auch sich selbst, konnte aber keine nennenswerten Verletzungen feststellen. Er ließ den Lichtschein seines Selbiatenlichtes über den Boden wandern und suchte eine halbwegs trockene Stelle aus, auf der er sich niederließ.

„Ich schlage vor, dass wir hier die Nacht verbringen – was anderes wird uns nicht übrig bleiben. Und morgen sehen wir dann zu, dass wir nach Schwarzfurt zurückkommen.“

Antras warf einen wehmütigen Blick auf das, was mit großem Glück vielleicht halbwegs als Feuerholz getaugt hätte, nickte dann aber zustimmend. Der Krieger übernahm die erste Wache und Dren machte es sich so gemütlich, wie es eben ging.

~

Als Dren erwachte, hatte sich die Kälte bereits tief in seinen Gliedern eingenistet. Er zog den feuchten Umhang enger um die Schultern und gab sich der Illusion hin, dass es etwas bewirkte. Dann runzelte er die Stirn. War er deswegen aufgewacht? Es war kaum kälter als vorher, und er hatte ein vages Gefühl von Gefahr. Er schaute neben sich und erkannte im fahlen Licht der Leuchtmoosbüschel, dass Antras angespannt in die Dunkelheit starrte. Dren lauschte. Er wollte etwas sagen, doch da blitzte es am Horizont. Es war kein natürlicher Blitz, sondern ein violettes Leuchten.

„Was …“

Er verstummte, als ein Schrei aus der Ferne zu ihnen drang. Es klang fast schon unmenschlich – obwohl sich Dren ziemlich sicher war, dass es genau das nicht war – und von grauenhaften Schmerzen erfüllt. Als würde jemand bei lebendigem Leib auseinandergerissen. Dren erinnerte sich daran, wie Wulf geklungen hatte, als ihm der Arm abgerissen worden war, und seine Kiefer spannten sich. Drens Hand klammerte sich um den Dolch an seiner Seite, doch was immer da geschah, es war zu weit weg, um jetzt schon Energie darauf zu verschwenden, in Kampfhaltung zu springen. Er wog die Optionen ab: Sie sollten die Initiative ergreifen und sich in eine taktisch klügere Position begeben. Doch was war besser als hier? Sicher, Dunkelheit war im Prinzip hilfreich, um einem Feind zu entgehen, doch konnten sie, wenn sie sich still verhielten, auch im schwachen Licht des Leuchtmooses kaum ausgemacht werden. Zudem hatten sie keine Ahnung, wie der Boden um sie herum beschaffen war. Nein, die taktisch günstigste Position hatten sie bereits gewählt. Sie lauschten. Erneut schrie jemand, mehr als eine Person, sie hörten das charakteristische Bellen von Befehlen, ohne die Worte ausmachen zu können.

„Wir müssen was tun“, knurrte Antras und seine Finger schlossen sich fest um den Schwertgriff.

Dren dachte nach, rang mit sich, aber es hatte keinen Sinn. Behutsam legte er seinem Freund die Hand auf den Arm: „Wir gehen in einem Sumpfloch unter, bevor wir auch nur in die Nähe kommen. Das ist viel zu weit weg“, sprach er auf den Krieger ein.

Mit verbissenem Gesichtsausdruck löste dieser die Hand von seiner Waffe. Sie starrten in die Finsternis, bis ihre Augen schmerzten, aber es gab keine Hinweise darauf, was dort geschah. Der Lärm entfernte sich nur noch weiter von ihnen und nach einer Weile war es wieder still. Sie sahen einander an, und Dren ließ sich mit einem mulmigen Gefühl auf sein Lager zurücksinken.

~

Dren und Antras hatten sich mit der Nachtwache abgewechselt, doch mehr als ein paar Sumpfkröten waren nicht vorbeigekommen. Jede von ihnen hatte Dren aufs Neue erschreckt, und er war jetzt schon müde und überreizt. Erschöpft atmete er ein paar Mal tief durch. So würden sie hier keinen Tag überleben. Ja, man konnte hier an jeder Ecke draufgehen, aber das konnte man in der Hauptstadt theoretisch auch. Kein Grund, die Nerven zu verlieren. Antras hielt ihm einen Kanten Brot hin. Der Heiler lächelte kurz pflichtschuldig, und sie falteten die Hände. Er sprach ein einfaches Essensgebet, das, wie alle Essensgebete in Selbion, auf „Mahlzeit“ endete. Antras antwortete entsprechend, bevor er sich über das karge Frühstück hermachte. Der Morgen war – wie immer, seit die Vampire Nightfall besetzt hatten – grau und wolkenverhangen, aber der Wind war erträglich und hatte ihre Kleider über Nacht zumindest etwas getrocknet. Und in Sichtweite gab es keine Untoten. Das hieß zwar nicht, dass keine da waren, aber immerhin konnten sie einigermaßen friedlich den Tag beginnen.

Dren versuchte, seine Gedanken zu ordnen. „Wir sollten zurückgehen und den Rest unserer Lanze aussegnen, sonst treffen wir sie bald wieder.“ Ein Bild blitzte in seinem Geist auf: seine Kameraden, als Untote versklavt, ihre Seelen von einem Nekromanten an ihre verwesenden Körper gefesselt, bevor der schwarze Drache sie ins heilige Feuer Myrias zurückgeleiten konnte. Er warf dem Gedanken eine alternative Version entgegen, in dem sie die Leichen vorher fanden, ein gesegnetes Abbild Myrias wie das am Knauf ihres Selbiatendolches gegen die Körper drückten und das Hohegebet sprachen, auf dass es dem Feind unmöglich werden würde, seine frevlerischen Zauber auf die Seelen der Toten anzuwenden. Sie mussten es versuchen.

Sein Gefährte nickte ernst und der Heiler fuhr fort: „Und dann müssen wir nach Schwarzfurt zurück.“

Antras lächelte amüsiert: „Gerne, wenn du eine Idee hast, in welcher Richtung das liegt.“

Dren wollte „Südosten“ sagen, als ihm auffiel, dass ihnen diese Information rein gar nichts nützte. Sie hatten dank der dichten Wolkendecke, die so schnell auch nicht wieder verschwinden würde, weder Sonne noch Sterne, an denen sie sich orientieren konnten, und ohne einen sumpfkundigen Waldläufer halfen ihnen auch die Pflanzen oder irgendwelche Spuren nicht weiter. Magische Tricks, mit denen man seinen Weg finden konnte, beherrschte auch keiner von ihnen.

„Eins nach dem anderen“, sagte er und grinste schief. „Marschformation einnehmen“, befahl er und Antras musste trotz allem lachen. Es klang ungewohnt in dieser Umgebung, aber auch wohltuend, nach Zuversicht. Der Krieger stellte sich vor ihm auf. Ob er damit den Heiler oder den Kommandanten schützte, war letztlich egal, die Untoten konnten hierzulande ohnehin von überall kommen.

Sie versuchten, den Kampfplatz wiederzufinden. Doch abgesehen von ein paar abgeknickten Schilfrohren, die sie in der letzten Nacht produziert hatten, konnten sie ihre Spuren nicht zurückverfolgen. Nach einer guten halben Stunde, in der sie wahrscheinlich mehr oder weniger im Kreis gegangen waren, seufzte Dren und meinte: „Das hat keinen Zweck. Lass uns ein Gebet für sie sprechen und dann versuchen wir, irgendwie wieder aus diesem Sumpf herauszukommen.“

Antras nickte bedrückt und ließ sich auf dem nächstbesten Grasflecken auf die Knie nieder. Seine Hand umschloss das silberne Drachenamulett, das um seinen Hals hing, und Dren faltete die Hände. Die Augen zu schließen wagte er nicht.

Leise begann er zu beten: „Xynit, wir bitten dich: Führe unsere gefallenen Kameraden zu Myrias heiligem Feuer, auf dass ihre Seelen in den ewigen Kreislauf zurückkehren mögen. Myria, höchste der Drachen, erleuchte den Weg für jene, die dem Feind entronnen sind. Bring auch uns wieder an dein nährendes Feuer zurück, auf dass wir uns gestärkt dem Feind entgegenstellen können und die finstere Brut aus deinen Landen vertreiben. Gelobt sei dies …“ Antras fiel in das Hohegebet ein: „Im Lichte des Feuers, über das Myria seit Gottwerdung herrscht. Gelobt sei dies, im Schatten des Todes, über den Myria in gerechter Weise wacht. Gelobt sei dies, im Glanze ihres silbernen Schuppenkleides, das alles Sein überstrahlt.“

Sie sahen einander an. Mehr war im Moment nicht zu machen. Sie konnten nur hoffen, dass sie ihre Gefährten nicht auf der Gegenseite antreffen würden.

Sie entschieden sich, ihren Weg danach auszurichten, wo man am besten gehen konnte, ohne zu versinken. Das führte dazu, dass sie in Schlangenlinien durch den Matsch wanderten. Dren hatte aufgehört, seine Kleidung bei jeder tieferen Pfütze, in die er hineintappte, auszuschütteln, und seine Stiefel quietschten traurig. Immerhin sahen sie keine Leichen, weder wieder aufstehende noch andere. Vielleicht waren aber auch die Mücken untot, zumindest schien es keinen Unterschied zu machen, ob man sie totschlug oder nicht. Womöglich sollte er anfangen, sie auszusegnen …

Die eintönige Landschaft ermüdete Drens Blick. Wasser, Schlamm, Dreck und noch mehr Schlamm. Nach Fäulnis stinkende Tümpel, von kahlen Bäumen durchsetzt, die auf der Karte, die er bei der letzten Kommandanturssitzung gesehen hatte, optimistisch als Wald dargestellt wurden. Einzelne Grasbüschel, die sich verzweifelt an die wenigen Flecken fester Erde klammerten. Umgestürzte Stämme, mit schleimigem Moos bewachsen, die ihn mit finsterem Blick anzustarren schienen, als wollten sie sagen: Du bist hier nicht willkommen. Niemand ist hier willkommen.

Drens Gedanken schweiften ab, und so merkte er erst, dass Antras stehengeblieben war, als er beinahe in ihn hineinlief. Schon wieder unaufmerksam! Er verfluchte sich in Gedanken. Sie waren zu wenige, um sich auf die Wachsamkeit des anderen zu verlassen. Zumal man das ohnehin nie sollte. Er verschob den Rest der Strafpredigt für sich selbst auf einen anderen Zeitpunkt, denn Antras ging hinter einem moosigen Felsen in Deckung und blickte konzentriert über den Rand der Kuppe, an der sie angekommen waren, einen steil abfallenden Hügel hinunter. Dren hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sich bergauf bewegt hatten. Die allgegenwärtigen Schlammpfützen waren einem zähen Moorgras gewichen, das der schroffen, wie durch das beiläufige Schlagen eines Drachenschwanzes aufgeworfenen Felskante eine fast schon vertrauenerweckende Ausstrahlung verlieh. Der Hügel war nicht besonders hoch, aber eine willkommene Abwechslung zu dem hinter ihnen liegenden Sumpfland. Unterhalb des Hügels lag ein Wäldchen aus hageren Bäumen, das mit spinnenfingerigen Büschen durchsetzt war, und jenseits davon begannen die vereinzelten Bäume einer welligen Graslandschaft Platz zu machen. Die drückende Wolkendecke und der nach Verwesung riechende Luftstrom, der sie umschlich, verhinderte, dass Drens Hoffnung in allzu große Höhen schoss. Doch er hätte sich womöglich in den Gedanken daran verloren, welche Möglichkeiten diese Änderung mit sich brachte, hätte Antras ihn nicht herangewunken. Dren ließ sich neben seinen Freund in den Windschatten des Felsens gleiten und spähte den Hügel hinab. Er sah – überhaupt nichts. Irritiert blickte er seinen Gefährten an, der auf ein schmales Band deutete, das sich hinter dem Wäldchen zwischen den kargen Hügeln hinzog: ein Weg. Dren nickte Antras anerkennend zu. Der Krieger wies erneut den Hügel hinab und nun erkannte Dren die Gestalten, die in einiger Entfernung auf dem Weg marschierten. Er verengte die Augen, aber die Wappenröcke waren kaum in besserem Zustand als ihre eigenen: nahezu unkenntlich. Er schloss die Augen und lauschte. Das leise Echo eines Liedes klang zu ihnen herauf. Untote waren es also mit Sicherheit nicht, und auch die Schergen der Vampire mieden jede Form von Kunst. Das galt für die Nekromanten, Kriegstreiber und alle anderen verdorbenen Individuen, die in der Herrschaft dieser unheiligen Kreaturen einen Gewinn zu finden suchten, gleichermaßen. Er überlegte, ob es eine Räuberbande sein konnte, da hörte er etwas, das sein Herz vor Erleichterung höherschlagen ließ: Ein laut gebrülltes „Wütend! Hässlich! Vierundsechzig!“