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Erni Kutter entwirft eine Spiritualität des Älterwerdens mit Blick auf die Erfahrungen und Bedürfnisse von Frauen, die ihre "geschenkten Jahre" bewusst erleben und gestalten wollen. Sie entdeckt weibliche Vorbilder in der Geschichte und Mythologie wie auch im Leben und den Netzwerken sozial engagierter Frauen von heute. Verbundenheit mit anderen Menschen, mit der Natur und mit spirituellen Kräften inspirieren, das Älterwerden als Chance zu innerem Reifen und Wachsen zu verstehen und anzunehmen. So entsteht das Bild einer Alterskultur für Frauen, die beherzt Ja sagen zu Stärke und Schwäche, zu Selbstbestimmung und Hilfsbedürftigkeit, zu den hellen und dunklen Seiten im Herbst des Lebens.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Buch lesen
Cover
Haupttitel
Inhalt
Über die Autorin
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Erni Kutter
Jahre, die uns geschenkt sind
Eine Spiritualität des Älterwerdens für Frauen
Patmos Verlag
Einleitung
»Doing Aging« – Die Macht der Bilder und Gedanken
Der unterschiedliche Blick auf Frauen und Männer
Frauen als Protagonistinnen einer neuen Alterskultur
Die verändernde Kraft innerer Bilder und Vorstellungen
Von der Freiheit der »geschenkten Jahre«
Abhängigkeit und Bezogenheit als Grundbedingungen des Menschseins
Alle Menschen sind von Anfang an abhängig
Bedürftigkeit ist ein menschlicher Normalzustand
Dankbarkeit bereichert das Leben
Bezogenheit ist die Grundlage allen Lebens
Gott gibt es nur in Beziehung – Feministische Theologien des Bezogenseins
Die schwarze Alte in Sagen, Märchen und Mythen
Die alte Göttin als Ratgeberin und Begleiterin
Die Göttin als Verkörperung zyklischer Wandlungsenergien
Holla und Perchta als Wächterinnen der kosmischen und irdischen Ordnung
Die winterliche Gestalt der strengen alten Göttin
Die strahlende und die dunkle Göttin
Großmütterchen Immergrün
»Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht …«
Persönliche Erfahrungen mit schwerer Krankheit
Krankheit als Auslöser von Reifungsprozessen
Auch starke Frauen dürfen schwach sein
Versehrt und dennoch heil sein
Ein alternatives Verständnis von Krankheit und Gesundheit
Hildegard von Bingen und Teresa von Avila – Ihr Umgang mit Krankheit und Älterwerden
Hildegard von Bingen
Gesundheit und Krankheit im Leben der heilkundigen Äbtissin
Krankheit, Prophetie und Schamanismus
Weibliches Begehren und Gesundheit
Hildegard und die heilige Grünkraft
Das Verständnis von Gesundheit und Krankheit bei Hildegard und ihrer Zeit
Teresa von Avila (1515–1582) – Ein Leben zwischen Aktion und Kontemplation
Teresas Verständnis von weiblicher Stärke und Schwäche
Teresas Umgang mit Krankheit und Alter
Allein leben und verbunden sein
Ältere Frauen gestalten ihr Leben allein und mit anderen
Ein Lob des Alleinseins
Alleinlebende Frauen in der Mythologie und Kulturgeschichte
Schwestern und Freundinnen als wichtigste Altersgefährtinnen
Eine »Älteste« werden – Großmütter verändern die Welt
Die Hüterinnen des Seins in traditionellen Gesellschaften
Träume und Visionen als Kraft der Veränderung
Die neuen Großmütter
Der internationale spirituelle Rat der Großmütter
Der Rat der Großmütter in Deutschland
Rotkäppchen ade – Die Großmütter-Revolution in der Schweiz
Spirituelle Praxis im Kreislauf des Jahres und des Lebens
Spiritualität verändert sich im Älterwerden
Spiritualität ist Verbundensein
Spirituelles Naturerleben und jahreszeitliche Erfahrungen
Naturnahes Leben in der Stadt und spirituelle Gartenpraxis
Tanz und Ritual im Jahreskreis
Gaben und Aufgaben der Jahreskreisfeste Lichtmess und Allerseelen
Hinüberschauen – Im Angesicht der Endlichkeit leben
Heimgehen mit Schwester Tod
Die heilige Odilia als Sterbebegleiterin
Beziehungen sind »Sterbeglück«
Anmerkungen
Für meine Schwester
Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den westlichen Industrieländern ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte stark angestiegen und liegt für Frauen nach wie vor um einige Jahre höher als bei Männern. Die entscheidende Veränderung besteht meines Erachtens jedoch nicht darin, dass wir immer älter werden, sondern dass wir wesentlich später alt werden als unsere Großeltern und Urgroßeltern. Mit 60 oder 70 Jahren bezeichnet sich heute kaum jemand als alt. Die meisten Frauen und Männer sind in dieser Phase ihres Lebens noch relativ gesund und aktiv, sie erwarten noch einiges vom Leben und haben noch vieles vor. Und sie fühlen sich Umfragen zufolge um 10 bis 15 Jahre jünger, als ihr Geburtsdatum besagt.
Es sind geschenkte Jahre, zumindest im Vergleich mit der Lebenszeit und den Lebensverhältnissen früherer Generationen. Es sind Jahre voller Chancen und Herausforderungen, Gaben und Aufgaben. Sie stellen uns vor ganz neue Fragen und sie geben uns Raum, sie auf unterschiedlichste Weise zu erleben und zu gestalten.
Die Altersforschung bezeichnet die Zeit zwischen dem 60. und 75. Geburtstag als »Voralter« oder als »junges Alter«. Dementsprechend werden die Menschen dieses Alters heute »Best Ager«, »Silver Ager« oder »Silver Worker« genannt. Laut Statistik hat eine 65-jährige Frau heute noch durchschnittlich zwei Jahrzehnte Lebenszeit vor sich, ein Mann im selben Alter etwa drei bis vier Jahre weniger.
Das war noch vor 50, 60 Jahren ganz anders. Wenn ich Fotografien anschaue, die mich als Schulkind mit meinen beiden, Ende des 19. Jahrhunderts geborenen, Großmüttern zeigen, dann sehe ich zwei Bäuerinnen mit schwarzen Kopftüchern und langen dunklen Röcken, das Gesicht voller Falten, der Körper von schwerer Arbeit gezeichnet, der Rücken gebeugt. Sie kleideten sich bereits als 60-Jährige wie alte Frauen und fühlten sich wahrscheinlich auch so. Heute dagegen sehen manche Großmütter noch im Rentenalter aus wie ihre ältesten Töchter und kaum eine von ihnen würde sich als alt bezeichnen.
Als meine Großmütter starben, waren sie beide schon über achtzig und um viele Jahre älter als die meisten Menschen ihrer Elterngeneration, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Welt kam. Um 1875, als meine Urgroßeltern jung waren, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung im Deutschen Reich laut Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung für Frauen 38, für Männer gut 35 Jahre, also weitaus weniger als die Hälfte der Zeit, die ein Menschenleben im 21. Jahrhundert im Durchschnitt dauert.
Die Gründe für diese rasante Entwicklung sind vielfältig. Eine entscheidende Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und der medizinischen Versorgung gehören ebenso dazu wie die rückläufige Säuglings- und Kindersterblichkeit, die Abnahme tödlich verlaufender Infektionskrankheiten, gesündere Arbeitsbedingungen und ein höherer Lebensstandard zumindest für einen großen Teil der Bevölkerung. Allerdings schwankt die Lebenserwartung je nach regionalen Gegebenheiten, Bildungsstand und Einkommensverhältnissen bis heute erheblich und wird es trotz weiter steigender Tendenz auch in Zukunft tun. Die Unterschiede hinsichtlich der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern gleichen sich zwar allmählich an, dennoch werden sie nach Ansicht von Statistikern weiterhin bestehen, was unter anderem mit dem größeren Gesundheitsbewusstsein bzw. einem vernünftigeren Lebensstil von Frauen zu tun hat. Wie alt wir tatsächlich werden, wie wir unser Alter und auch das sogenannte Voralter erleben, ist also von vielen Faktoren abhängig, die wir zum Teil beeinflussen oder verändern können, manchmal jedoch einfach hinnehmen und akzeptieren müssen.
In Weltregionen, in denen der weibliche Alltag von Diskriminierung, Armut, harter körperlicher Arbeit, Entbehrung, Krankheiten oder Hunger geprägt ist, haben Frauen eine wesentlich kürzere Lebenszeit als in den hochindustrialisierten Ländern und wirken schon mit 40 oder 50 Jahren oftmals ausgezehrt und alt. Zwar steigen die Lebenserwartung und der Lebensstandard inzwischen in vielen sogenannten Entwicklungsländern; in den Armenhäusern der Welt, vor allem in manchen Gegenden Afrikas, werden viele Frauen jedoch auch heute nicht älter als 35 Jahre. Nicht zuletzt spielen Seuchen wie Aids oder Ebola dabei eine große Rolle. Auch in dieser Hinsicht können wir Frauen im Westen von geschenkten Jahren sprechen.
Für mich handelt es sich bei dieser gewonnenen Lebenszeit um besonders kostbare Jahre, denn noch nie in der Menschheitsgeschichte erlebten Frauen und Männer jenseits ihrer aktiven Erwachsenen-, Eltern- und Berufsphase eine so breite Spanne von Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer geistigen und kreativen Potenziale, von körperlicher Mobilität und gesundheitlichem Wohlbefinden. Uns wurde nicht nur mehr Lebenszeit geschenkt, wir haben auch ein Mehr an Freiheit, an Spielräumen und Entscheidungsvarianten, als unsere VorfahrInnen sich je erträumen konnten.
Weil es uns jedoch weitgehend an Vorbildern und Modellen fürs Alter fehlt, wirft uns dieser Lebensabschnitt mit all seinen Chancen zugleich in einer Weise auf uns selbst zurück, wie es keine Generation vor uns kannte. Seminarteilnehmerinnen oder Freundinnen, die ich frage, welches Bild sie von sich selber als älter werdender Frau haben und wie sie sich ihr Alter vorstellen, müssen oft lange überlegen und geben sehr unterschiedliche Antworten. Die Vielfalt und Verschiedenheit weiblicher Lebensentwürfe und moderner Frauenbiografien spiegelt sich also auch im Blick auf das Voralter und das Alter. Man könnte einerseits den Eindruck gewinnen, alles sei heute möglich und machbar, selbst eine Schwangerschaft mit 65 Jahren. Während die Forschung eine ständige Verlängerung des Lebens, ja sogar das Erreichen der Unsterblichkeit anvisiert, erleben viele Menschen bereits das Voralter als eine mühselige und schwierige Lebensphase voller offener Fragen und diffuser Ängste, oft auch großer Orientierungs- und Hilflosigkeit.
Unter dem neudeutschen Stichwort »Aging well« geben Werbung, Filme, Ratgeberliteratur oder auch wissenschaftliche Publikationen zwar zahllose Empfehlungen und Rezepte, um gesundheitlichen Beschwerden beizukommen, schlaffe Brüste oder Falten zu beseitigen und dem Nachlassen der geistigen Kräfte bzw. dem Abbau des Körpers mit Pillen Einhalt zu gebieten. Dass trotz Fitnesstraining, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, gesunder Ernährung und vernünftiger Lebensführung niemand mit Sicherheit davon ausgehen kann, bis ins hohe Alter vor Demenz, Krebs, Depressionen oder anderen Krankheiten und Krisen verschont zu bleiben, wird in einer Zeit des Machbarkeitswahns oft ignoriert, verleugnet oder verschwiegen.
Eine große Frauenzeitschrift fragte vor Kurzem gar: Wie werden wir richtig älter?
Aber gibt es ein richtiges Altern? Was bedeutet das und wer definiert, was richtig und was falsch ist? Sollen Frauen, die jahrzehntelang um die eigene Emanzipation und um Selbstbestimmung gekämpft haben, nun – freiwillig – neue Normen für ihr Alter entwickeln oder akzeptieren? Erschöpfen sich ihre Ziele darin, einen 40 Jahre jüngeren Liebhaber zu haben oder mit der Bikinifigur einer 30-Jährigen am Strand zu posieren? Oder geben sie auch jenen Werten und Wünschen Raum, die den Bildern und Geschichten vieler Hochglanzmagazine widersprechen? Wagen wir es, unsere eigenen Bilder zu entwerfen und von einer anderen Altersrealität und Alterskultur zu träumen, als Werbung und Gesundheitsindustrie uns diktieren wollen?
Der Alltag zeigt, dass Älterwerden nicht nur ein Geschenk ist, sondern zugleich eine hohe Kunst, eine Aufgabe und eine ganz besondere Herausforderung, die uns einiges abverlangt. Dass es nur wenige Vorbilder gibt, an denen wir uns abschauen können, wie ein gelingendes Alter aussehen könnte, macht die Sache nicht einfacher. Dabei warten die vielen alten Frauen und Göttinnen unserer Sagen, Märchen und Mythen schon lange darauf, für unsere Zeit neu entdeckt zu werden und uns zu erzählen, wie sie das Älterwerden und auch seine Beschwerden erlebten und meisterten. Dasselbe gilt für eine Hildegard von Bingen, Teresa von Avila und manch andere historische Frauengestalt, die es verdient hat, über ihre Erfahrungen befragt zu werden und die uns staunen lässt, wenn wir merken, wie aktuell diese auch heute noch sind. Dieses Buch will diese beiden und andere Lehrmeisterinnen im Umgang mit dem Älterwerden, mit Krankheit und Schwäche in Erinnerung bringen. Wichtige Impulse bekommen wir zudem von den Frauen indigener Völker und deutschsprachiger Länder, die sich heute zusammenschließen und als »Älteste« und Großmütter das Ziel haben, das herkömmliche Bild vom weiblichen Altern zu verändern und ihren Beitrag für eine lebenswerte Zukunft kommender Generationen zu leisten.
Von den Frauen traditioneller Kulturen können wir lernen, dass das Älterwerden eine Zeit ist, in der wir aufgefordert sind, über den eigenen Tellerrand, die eigene Person und Familie hinauszuschauen, unseren Horizont zu erweitern und das »große Ganze« in den Blick zu nehmen. Spätestens jetzt bekommen spirituelle Fragen und Bedürfnisse Raum, manchmal sogar Priorität im Leben vieler Frauen.
Auch hierzulande belegen Studien, dass die Bedeutung von Religion und Spiritualität zunimmt, je älter ein Mensch wird. Spiritualität gibt dem Eingebundensein in ein weitmaschiges Netz menschlicher Beziehungen eine zusätzliche Dimension und Tiefe. Sie macht einen wesentlichen Teil unserer seelischen Widerstandskraft (Resilienz) aus und wirkt sich positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit aus, besonders in Krisen, bei schwerer Krankheit, im Alter und im Sterben. Sie spielt deshalb in der Hospiz- und Palliativversorgung und im therapeutischen Bereich eine immer größere Rolle. Spiritualität erfährt als »Gero-Transzendenz« auch in der Altersforschung verstärkte Aufmerksamkeit, insbesondere im Sinne einer »protektiven Ressource«, die in der dritten und vierten Lebensphase von unschätzbarem Wert sein kann.
Mit dem Älterwerden wächst jedoch nicht nur das Interesse an Spiritualität, auch das Spektrum dessen, was Menschen bei ihrer spirituellen Suche entdecken, verändert sich, es wird größer, weiter und unterschiedlicher. Wie Untersuchungen zeigen, gilt dies besonders für Frauen und Männer, die in ihrem Leben mit vielen Problemen, Brüchen, Krisen und Konflikten konfrontiert wurden und diese bewältigt haben. Sie sind im Blick auf ihr Glaubensverständnis, ihre Gottesvorstellungen und ihre Frömmigkeitspraxis meist offener, flexibler und in gewisser Weise anspruchsvoller als andere Menschen, deren Biografie weniger Bewegung und Herausforderung aufwies.
Trotz solcher Beobachtungen und Erkenntnisse ist eine Spiritualität des Älterwerdens noch wenig entwickelt. Es sind bisher eher die Frauen, die den Mut haben, alte eingefahrene Traditionen hinter sich zu lassen und neue Wege zu wagen, die ihren Erfahrungen und Bedürfnissen entsprechen. Sie wollen nicht eine für alle gültige und lebbare Spiritualität des Älterwerdens erfinden, sondern die Fülle und Vielfalt dessen zulassen, die sich ihnen eröffnet, wenn sie fragen, was ihrem Dasein Bedeutung und Sinn gibt, wo ihre Kraftquellen zu finden sind, was sie trägt und hält.
Sie haben – inspiriert von der kirchlichen Frauenbewegung, von ökologischen und ganzheitlichen Denkweisen, von feministischer Theologie, Matriarchatsforschung und Göttinnenreligionen – eine spirituelle Praxis entwickelt, deren Merkmale Bezogensein und Beziehungen sind. Verbundensein mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit Natur und Kosmos, mit dem Göttlichen – das ist auch für mich die Grundlage und die Vision einer Spiritualität des Älterwerdens, die wie ein roter Faden alle Kapitel dieses Buches durchzieht.
Weil viele Frauen danach fragten, habe ich in den letzten zwei Jahren mehrmals Seminare zur Spiritualität des Älterwerdens angeboten. Die Resonanz darauf war so groß, dass ich das Spektrum der Themen von Mal zu Mal vertiefte und erweiterte. Schließlich hat Claudia Lueg vom Patmos Verlag mich davon überzeugt, dieses Buch zu schreiben und etwas von dem weiterzugeben, was ich selbst erfahren habe und was mir selbst wichtig geworden ist. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, denn durch den Prozess des Schreibens ist im Blick auf mein eigenes Altern eine große Zuversicht und Gelassenheit in mir gewachsen. Dieses Geschenk teile ich nun gerne mit anderen Frauen, die wie ich seit Langem eine Spiritualität des Verbundenseins praktizieren oder danach suchen.
Ich wünsche allen Leserinnen, ihr Älterwerden als geschenkte Zeit zu verstehen, die reichen Gaben dieser Lebenszeit mit offenen Augen und Herzen anzunehmen und sich voller Mut und Kraft ihren Aufgaben und Herausforderungen zu stellen.
Freising, im September 2015
Erni Kutter
Einmal in jeder Legislaturperiode gibt die deutsche Bundesregierung einen Bericht zur Lage der älteren Generation heraus. Im 6. Bericht aus dem Jahr 2010, dessen Thema die Altersbilder in der Gesellschaft waren, heißt es: »Wir müssen feststellen, dass in der Wahrnehmung des Alters weiterhin vor allem traditionelle und eher negative Vorstellungen dominieren (…) . Altersbilder sind nicht lediglich unbedeutende Begleiterscheinungen eines gesellschaftlichen Umgangs mit Alter, sie schaffen vielmehr eine Realität. Die Spielräume, die wir zum Erleben und Verhalten haben, sind von ihnen bestimmt.«1
Dieses Erschaffen einer Realität – in unserem Fall einer Altersrealität – wird in der Soziologie mit dem englischen Ausdruck »Doing Aging« benannt. Analog zu der Bezeichnung »Doing Gender« bedeutet dies, dass das Alter und was wir darunter verstehen, zu einem Großteil genauso konstruiert, also »gemacht« ist wie das soziale Geschlecht. Wie wir längst wissen, wird das, was wir unter männlich und weiblich verstehen, nicht ausschließlich biologisch vorgegeben, sondern kulturell hergestellt. Auch das, was eine Gesellschaft mit dem Alter bzw. dem Altsein verbindet, unterliegt in hohem Maß kulturellen Bedingungen und Prägungen. Dies gilt insbesondere für den sozialen Stellenwert und das Ansehen, das alte Menschen haben. Älter zu werden ist also nicht einfach ein Akt der Natur bzw. der Biologie. Was Älterwerden heißt und wie Menschen es erleben, hängt in hohem Maß von den Bedingungen, den Wertmaßstäben und Einstellungen ab, die in einer Gesellschaft bzw. in einem bestimmten Umfeld und Zeitraum gelten.
In ihrem Buch »Mutprobe, Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden« beschreibt die Journalistin Bascha Mika eindrucksvoll, dass das »Doing Aging« Frauen in einem viel höheren Maß trifft als Männer. Hier nur ein Beispiel: Hartmut Mehdorn wurde vor einigen Jahren noch mit über 70 Jahren zum Chef der Berliner Flughafengesellschaft berufen. Im Vergleich zu anderen Männern in Spitzenpositionen von Wirtschaft, Politik oder Sport galt er damals noch als relativ jung; sein Alter wurde in den Medien nirgends zum Thema gemacht. Als die grüne Politikerin Renate Künast sich jedoch mit 57 Jahren als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013 bewarb, lästerten Journalisten, sie sei doch wohl nicht mehr so ganz frisch.
Wie unterschiedlich das Altern von Frauen und Männern in den westlichen Kulturen bewertet wird, hat die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag schon in den 1970er-Jahren ausführlich beschrieben und »The Double Standard of Aging« genannt. Damit ist gemeint, dass die Fähigkeiten und Chancen von Männern im höheren und hohen Alter häufig höher eingeschätzt und bewertet werden als die gleichaltriger Frauen. Dass dieser doppelte Maßstab und die damit verbundene Doppelmoral noch lange nicht überwunden sind, zeigte sich vor Kurzem in einer Fernsehsendung anlässlich des 60. Geburtstags der Fernsehmoderatorin Petra Gerster. Nachdem sie erzählt hatte, wie viel Freude sie an ihrer Arbeit und verschiedenen Projekten habe, fragte man sie, wie lange sie denn noch weitermachen wolle. Dies zu entscheiden stehe erst an, wenn sie ihr erstes Enkelkind bekomme, so ihre Antwort. Ich bin sicher, keinem Mann in einer vergleichbaren Position und mit ähnlicher Kompetenz wäre an seinem 60. Geburtstag eine solche Frage gestellt worden, vielmehr hätte man ihn vermutlich über seine Zukunftspläne befragt und auch die hätten wahrscheinlich anders ausgesehen als die von Petra Gerster. Die Moderatorin dagegen musste sich noch mehr bieten lassen. Ein Mann, der deutlich älter wirkte als sie, sagte – als er bei einem Straßeninterview befragt wurde – lachend ins Mikrofon: »Die ist sehr appetitlich, die kann man immer noch sehen.«
Diese sexistische Äußerung zeigt die Doppelmoral, nach der Frauen und Männer noch immer viel zu oft beurteilt, ja geradezu »taxiert« werden. Auch manche Redensarten halten an dieser Sichtweise fest, zum Beispiel die sprichwörtliche Behauptung, dass Männer im Alter reifen, Frauen dagegen verblühen. Falten eines Mannes gelten demzufolge als Zeichen von Integrität, Lebenserfahrung und Reife. Sie machen ihn zu einer interessanten Erscheinung. Falten einer Frau werden dagegen eher mit Verfall, Verlust und dem Schwinden sexueller Attraktivität verbunden. Wie die immer häufiger in den Medien und insbesondere der Werbung auftauchenden Fotos älterer und alter Frauen zeigen, deutet sich hier zwar ein Wandel an. Allerdings werden gleichzeitig neue Standards gesetzt, denn meist sind es jugendlich und gesund aussehende Frauen ohne Falten, die zudem demonstrieren, wie aktiv, fit und leistungsstark sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch immer sind. Es entsteht der Eindruck, dass Frauen ihre Alterserscheinungen weiterhin verleugnen oder wegretuschieren und sich jünger, faltenfrei und schlank machen (lassen) müssen, um gesehen und beachtet zu werden.
Wie der Titel von Bascha Mikas Buch zeigt, ist es für viele Frauen tatsächlich eine Mutprobe, zu ihrem Alter zu stehen und aus dem System der Doppelmoral sowie der damit verbundenen Abwertung des weiblichen Alters auszusteigen. Wer dies wagt, muss sich zunächst frei machen von überkommenen Vorstellungen und Bildern von sich selbst als älter werdender oder alter Frau. Mika nennt die Bilder und Mechanismen, die Frauen im Blick auf das Alter auch in sich selbst tragen, ein Kopfkino. Und sie empfiehlt, sich immer wieder zu fragen: Welcher Film läuft in meinem eigenen Kopf beim Thema Alter ab? Welche Bilder und Vor-Bilder erscheinen auf meiner Leinwand, wenn es ums Älterwerden geht?2
Frauen stehen heute also nicht nur vor der Herausforderung, gesellschaftliche Zuschreibungen und Vorstellungen von Weiblichkeit und Alter zurückzuweisen und zu korrigieren, sie haben zudem die Aufgabe, ganz neue Bilder von sich selbst als alt werdende Frauen zu entwerfen. Dazu gehört es, Einstellungen, Interpretationen und Denkgewohnheiten, die den weiblichen Körper und Geist betreffen, zu hinterfragen und abzulegen. Manches von dem, was wir über das Alter denken, stammt aus einer Zeit, in der viele Menschen bereits in einem Alter starben, in dem wir Heutigen noch 20, 30 geschenkte Lebensjahre vor uns haben.
Weil sowohl die persönlichen wie auch die gesellschaftlichen Bedingungen und die Art und Weise, wie wir alt werden, ganz andere sind als noch vor 50 oder mehr Jahren, weil vieles, was noch für unsere Eltern und Großeltern bedeutsam war, nicht mehr von Belang ist, fehlt es uns häufig an Vorbildern, die uns beim Altwerden helfen könnten. Wie wir noch sehen werden, gab es jedoch auch in der Vergangenheit und gibt es bis heute weibliche Lebensmodelle und Lehrmeisterinnen, bei denen wir Anregungen für das Älterwerden im 21. Jahrhundert bekommen.
Anders als manche AutorInnen, die sich mit der zunehmenden Überalterung unserer Gesellschaft beschäftigen und zahlreiche negative Begleiterscheinungen der dritten bzw. vierten Lebensphase beklagen, richtet die Politologin und Journalistin Antje Schrupp in ihrem Buch »Methusalems Mütter« unseren weiblichen Blick auf die Chancen und die Vorteile, die ältere Frauen gegenüber Männern haben. So weist sie darauf hin, dass Männer sich im Renten- bzw. Pensionsalter oft völlig neu orientieren müssen, weil ihr Leben wie schon das ihrer Väter und Großväter in erster Linie an Erwerbstätigkeit, Laufbahn und Leistung ausgerichtet war. Frauen hingegen konnten sich noch nie darauf verlassen, beruflich ihr Leben lang die Karriereleiter kontinuierlich nach oben zu klettern. Viele unterbrachen ihre Erwerbsarbeit, wenn Kinder kamen, oder sie suchten sich eine Teilzeitbeschäftigung. Zudem ist der Prestigeverlust, den Frauen beim Eintritt ins Rentenalter verkraften müssen, bei den meisten selbst heute noch gering.
Im Blick auf eine Zukunft, in der wir alle länger berufstätig sein werden, Arbeitsbedingungen und -zeiten sich immer stärker ändern, ständige Fort- und Weiterbildung notwendig ist und Rentenbezüge knapper ausfallen, sind es eher die Männer, die lernen müssen, flexibel auf bisher ungekannte Herausforderungen zu reagieren. Die Biografien sehr vieler Frauen dagegen werden allen Veränderungen zum Trotz vermutlich auch in Zukunft Brüche und eine andere Prioritätensetzung aufweisen. Frauen haben – so Antje Schrupp – immer schon Familien- und Fürsorgearbeit (Care) miteinander vereinbaren wollen oder müssen und tun es bis heute. Sie sind ehrenamtlich tätig und kümmern sich, kaum dass ihre Kinder das Haus verlassen haben, trotz eigener Berufstätigkeit um ihre alten Eltern oder Schwiegereltern. In den zahlreichen HelferInnenkreisen und Initiativen, die Flüchtlingen und AsylbewerberInnen zur Seite stehen, engagieren sich überwiegend Frauen. Weil ihre Altersbezüge schon bisher und wohl auch in Zukunft häufig nicht zur Existenzsicherung reichen und im Durchschnitt weit unter denen der Männer liegen, sehen sich viele Frauen gezwungen, im Rentenalter noch Geld dazuzuverdienen oder nach einem langen arbeitsreichen Leben staatliche Unterstützung zu beantragen. Nicht zufällig ist lange schon von einer Feminisierung des Alters die Rede, denn in ihrer Mehrheit sind alte Menschen weiblich. Das wird allen Prognosen nach so bleiben, denn die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen wächst auch in den nächsten Jahrzehnten weiter.
Auch das schon vor vielen Jahren in die Schlagzeilen gekommene Stichwort »Die Armut ist weiblich« behält nach Aussagen der Wohlfahrtsverbände und anderer Sozialorganisationen gerade im Alter eine skandalöse Aktualität. Dennoch ist es unzutreffend und zu einseitig, wenn alte Frauen in erster Linie als schwache Opfer gesehen und beschrieben werden. Vielmehr sind sie – so Antje Schrupp – »Protagonistinnen der Veränderung« und können sich meist besser als Männer auf die Entwicklungen einstellen, die unserer Gesellschaft bevorstehen oder die bereits im Gange sind.3 Es sind mehrheitlich Frauen, die sich lange vor den Männern in Gesprächsgruppen, Initiativen und Seminaren auf ihr Alter einstellen und mit viel Fantasie und Kreativität neue Lebens-, Wohn- und Arbeitsformen für den Herbst ihres Lebens entwickeln und umsetzen. Trotz dieser positiven Entwicklungen werden die statistische Zunahme alter Menschen und der damit verbundene demografische Wandel samt seinen Folgen in der Öffentlichkeit und den Medien vorwiegend negativ bewertet und unter Stichworten wie Überalterung, Alterslast, ergrauende Gesellschaft, Pflegenotstand, Demenz und neuerdings auch Sterbehilfe diskutiert. Dasselbe gilt nach wie vor im Blick auf die Vorstellungen und Bilder, die wir uns vom Alter und von alten Menschen machen.
