Jakobsmuschel mit Erdbeeren - Marc Häusler - E-Book

Jakobsmuschel mit Erdbeeren E-Book

Marc Häusler

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Beschreibung

Michael hat während Jahren im Geheimen an einem Roman über den Jakobsweg geschrieben. Nun ist sein Werk vollendet und er fragt sich verzweifelt, ob es gut genug ist, um es zu veröffentlichen. Als er auf einer einsamen Bank am Waldrand Marie aus dem «Graben» trifft, fasst er Vertrauen und liest ihr aus seinem Manuskript vor. Marie ist sofort begeistert von Michaels Geschichte über Janosch, der auf der Suche nach sich selbst und seinem persönlichen Glück Kilometer für Kilometer unter die Füsse nimmt und damit eine innere Reise antritt.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Marc Häusler

Jakobsmuschel mit Erdbeeren

Der Kulturbuchverlag Herausgeber wirdvom Bundesamt für Kultur (BAK) mit einerFörderprämie für die Jahre 2019bis 2024 unterstützt.

Originalausgabe 2021

Umschlagmotiv: Zeichnung von Reto Bärtschi

Korrektorat, Lektorat: Jana Bersorger

Kulturbuchverlag Herausgeber

ISBN 978-3-905939-82-8

Marc Häusler

Jakobsmuschel mit Erdbeeren

Roman

Kulturbuchverlag Herausgeber

Möge die Strasse uns zusammenführenund der Wind in deinem Rücken sein;sanft falle Regen auf deine Felder,und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.

Irischer Reisesegen

1

Über 200 Seiten hatte er am Schluss gezählt, als er den Stapel in seinen Händen hielt. Mehrere Jahre lang hatte Michael einen grossen Teil seiner Freizeit dafür aufgewendet, an seinem Buch zu schreiben. Mehrmals hatte er neu angefangen, anfänglich für gut befundene Konzepte geändert, der Geschichte neue Wendungen gegeben und den Text immer und immer wieder überarbeitet, bis er mit dem Resultat zufrieden war. Als er fertig war, erfüllte es ihn mit Stolz und Befriedigung, diese schwierige Arbeit endlich zu Ende gebracht zu haben.

Fortan trug er den Text immer bei sich. Am Arbeitsplatz hatte er den Stapel loser Blätter in seiner Aktentasche und in der Freizeit packte er ihn in seinen Rucksack. Er wollte sein Werk keine Minute aus den Augen lassen. Zu wichtig waren ihm die Zeilen, als dass er das Risiko eingehen wollte, dass sie ihm abhandenkommen könnten. Michael war sich der Irrationalität seines Verhaltens durchaus bewusst, zumal er den Text mehrfach abgespeichert hatte und auch auf seinem Smartphone ständig bei sich trug. Er konnte dennoch nicht anders, als ihn stets mitzunehmen, egal wohin er ging.

Dass er gegenüber einem Stapel Papier vaterähnliche Gefühle entwickeln konnte, überraschte ihn anfänglich. Er erklärte sich sein ungewöhnliches Verhalten damit, dass er in seinem Roman eine persönliche Geschichte erzählte, die im Moment nur für seine Augen bestimmt war. Es war ein Text voller intimer Gedanken und geheimer Wünsche, die er nie zuvor mit einem anderen Menschen geteilt hatte. Niemand wusste von seinem Werk und so sollte es vorerst auch bleiben. Die Entscheidung, was mit dem fertigen Roman geschehen sollte, hatte er noch nicht getroffen.

In diesen Tagen war er davon überzeugt, etwas wirklich Grosses geschaffen zu haben. Immer wieder stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er als erfolgreicher Autor gefeiert und von allen bewundert würde. Mit der Zeit schwanden seine positiven Gedanken und er begann an sich und seinem Werk zu zweifeln. Fast täglich fragte er sich nun, ob er wirklich bereit war, sein Innerstes mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Was passiert, wenn ich missverstanden werde oder der Text nicht gut genug ist?

Sein grosser Wunsch nach Anerkennung für seine gelungene Arbeit hielt sich mit seinen Ängsten, die er mit einer Publikation seines Werks verband, die Waage. Eine Publikation unter einem anderen Namen hatte er für sich stets ausgeschlossen, da er sich mit den Leserinnen und Lesern austauschen wollte, um ihnen die raffinierten Details des Romans erklären zu können, die beim oberflächlichen Lesen eventuell unbemerkt blieben.

Obwohl er seinen Stapel Papier stets mit grosser Sorgfalt behandelte, konnte Michael nicht verhindern, dass einzelne Blätter durch das stetige Umpacken zerknüllt und die Ecken der Papiere gefaltet wurden.

Für den Entschluss, die Papiere in einer Druckerei kopieren und zu einem Buch binden zu lassen, brauchte er mehrere Tage. Er hatte Angst davor, den Text in fremde Hände zu geben. Was ist, wenn die Person im Laden meinen Text heimlich liest oder – noch schlimmer – ihn kopiert und weitergibt, bevor ich bereit bin, diesen mit anderen Menschen zu teilen?

Letztlich war sein Wunsch nach einer gebundenen Ausgabe grösser als die Angst, dass mit seinem Text Missbrauch betrieben würde.

Nach einer kurzen Recherche erschien ihm die örtliche Papeterie Knaus, die auch kleinere Druckaufträge annahm, als geeignet. Er stellte sich vor, wie eine Mitarbeiterin die Auftragsarbeit für ihn erledigen würde: Ich werde den Laden betreten, die Papiere einer seriös und kompetent wirkenden Angestellten übergeben, die den Stapel dann rasch unter meinen Augen kopiert und zu einem Ringbuch verarbeitet. Das Produkt wie die Originale werden mir anschliessend sofort übergeben. Ich bezahle bar und nach zehn Minuten werde ich wieder draussen sein.

Er ging seinen Plan mehrfach durch und war letztlich davon überzeugt, dass es auf diese Art klappen würde.

Michael fühlte sich erleichtert, als er beim Betreten des Ladens feststellte, dass er der einzige Kunde war. Im kleinen Verkaufslokal wurden auf Gestellen und Regalen Stifte, Hefte, Papiere in verschiedenen Farben, altmodische Glückwunschkarten und Schulbedarf für die Landjugend angeboten. An diesem Vormittag war nur eine einzige Mitarbeiterin anwesend. Als die etwa fünfzigjährige Frau mit asymmetrischer Kurzhaarfrisur und violett gefärbten Stirnfransen Michael fragte, was er wünsche, wurde er nervös. Konnte er dieser Frau trauen?

Je länger er darüber nachdachte, desto peinlicher wurde ihm die Situation. Als die Verkäuferin unruhig mit den Fingern auf den Ladentisch zu trommeln begann, öffnete er schnell seinen Rucksack, nahm die losen Blätter heraus und streckte sie der Frau entgegen.

«Einmal doppelseitig kopieren und ein Buch daraus machen, bitte», brachte er mit unsicherer Stimme hervor. Die Verkäuferin riss Michael den Stapel beherzt aus den Händen, beäugte diesen kritisch und runzelte die Stirn. «Da muss ich meinen Mann fragen», sagte sie und verschwand mit den Papieren so plötzlich in ein Hinterzimmer, dass es Michael unmöglich war, dagegen zu protestieren.

Der Schock traf Michael tief. Was macht diese Person mit meinem Roman?

Er stellte sich vor, wie die Frau das Manuskript unter den Mitarbeitenden herumreicht und sie sich über ihn lustig machen. «Wieder einer, der denkt, er könne schreiben», werden sie sich lachend zurufen. Michael fing an zu schwitzen und es wurde ihm schlecht.

Es dauerte einige Zeit, bis er sich beruhigt hatte. Er machte sich klar, dass eine Rücksprache, ob ein Auftrag angenommen werden könne, völlig normal war und in diesem Laden wohl zum Standardprozess gehörte. Als die Verkäuferin nach fünf Minuten in das Ladenlokal zurückkehrte, hatte sich Michael bereits wieder gefangen. Alles halb so schlimm, versuchte er sich zu überzeugen.

«Die Druckqualität ist leider zu schlecht und das Papier zu stark mitgenommen, als dass wir daraus etwas Schönes machen könnten. Haben Sie das Dokument auch digital?»

«Ja», antwortete Michael überrascht.

«Also: Sie schicken uns nun eine E-Mail mit dem Dokument an diese Adresse», erklärte sie und schrieb [email protected] auf ein Blatt Papier. «Danach werden wir das Dokument in bester Qualität für Sie ausdrucken und zu einem schönen Buch binden.» Michael wurde von dieser Aufforderung völlig überrumpelt. Sein Plan sah doch einen völlig anderen Ablauf vor, dachte er verzweifelt. Erneut fing er an zu schwitzen und wollte sich eigentlich gegen das vorgeschlagene Vorgehen wehren. Es fielen ihm in diesem Moment aber keine Argumente ein, wieso es ihm unmöglich war, das Dokument elektronisch zu übermitteln.

«Alles in Ordnung?», fragte die Verkäuferin und sah dabei ungeduldig auf ihre Uhr. Michael nickte und nahm sein Smartphone hervor, öffnete sein E-Mail-Konto, tippte konzentriert und erpicht darauf, ja keinen Fehler zu machen, die überlange E-Mail-Adresse in sein Handy. Als er der Verkäuferin mitteilte, dass er das Dokument nun gesendet habe, bat sie ihn, einen Moment zu warten, und verschwand wiederum in einem Hinterzimmer. Michael konnte es nicht fassen: Wo geht sie denn jetzt schon wieder hin?

«Der Französische Weg?», schrie die Frau durch den ganzen Laden.

Michael machte die Indiskretion dieser Person und die grobe Art, wie sie mit seinem so liebevoll gestalteten Werk umging, indem sie den noch geheimen Titel in die Welt hinausposaunte, langsam, aber sicher wütend. «Ja-a!», kläffte er zurück. Er wollte die ganze Sache nun schnell hinter sich bringen und den Laden so rasch wie möglich mit seinem gebundenen Manuskript verlassen.

«In zwei Tagen?», fragte die Verkäuferin nach ihrer Rückkehr ins Ladenlokal. Michael sah sie verwundert an.

«Können Sie das Buch in zwei Tagen abholen?»

Michael verstand die Welt nicht mehr.

«Ich wollte es eigentlich gleich mitnehmen», antwortete er verdattert.

«Einen Moment», sagte die Frau und verschwand erneut. Michael hätte heulen können.

«Sie können es heute um 16 Uhr abholen. Dann bräuchte ich nur noch Ihren Namen und Ihre Telefonnummer.»

Michael war konsterniert. Er wollte doch anonym bleiben. Es fehlte ihm aber die Kraft, um sich der Aufforderung der resoluten Verkäuferin entgegenzustellen. Er gab der Frau die von ihr gewünschten Informationen und verliess das Geschäft so schnell wie möglich.

Die Stunden bis zum Abholtermin waren für Michael qualvoll. Immer wieder stellte er sich die Frage, ob es wirklich klug gewesen war, das Dokument einem ihm unbekannten Menschen zu überlassen. Soll ich darauf bestehen, dass sie es vor meinen Augen aus ihrem Posteingang löscht?, fragte er sich und wusste genau, dass ihm der Mut dazu fehlen würde.

Das Verhalten der Verkäuferin, als Michael den Laden betrat, war unauffällig: kein verräterisches Lächeln oder verschworenes Augenzwinkern, gar nichts. Michael war beruhigt. Sie hat das Manuskript bestimmt nicht gelesen. Der Text wird sie sowieso kaum interessiert haben und das Dokument auf ihrem Computer ist sicher schon längst gelöscht, sagte er sich. Michael war mit dem Resultat sehr zufrieden und lobte das fertige Produkt über alle Massen, was die Verkäuferin sichtlich freute. Der feste dunkle Einband und die Klarsichtfolie, durch welche man den Titel des Romans lesen konnte, gaben dem Manuskript die professionelle Form, an der es zuvor gemangelt hatte. Nun habe ich endlich ein Exemplar, das ich präsentieren könnte, wenn sich ein Verleger dafür interessieren würde, dachte Michael glücklich.

Er packte das Buch in seinen Rucksack, zahlte und verliess den Laden mit dem Gefühl, auf dem Weg zur Veröffentlichung seines ersten Romans ein gutes Stück vorangekommen zu sein.

2

Marie war ein aussergewöhnliches Kind gewesen. Was viele im Tal, das alle nur den «Graben» nannten, zu wenig an Sensibilität hatten, hatte sie zu viel. Sie fühlte mit allen und allem mit, vermochte ihre Gefühle aber nie so ausdrücken, dass ihre Mitmenschen sie verstehen konnten. Sie liess das Sprechen daher in den ersten Lebensjahren sein und weinte stattdessen viel, wenn sie wieder einmal von ihren Emotionen überwältigt wurde und nicht wusste, wie ihr geschah. Einzig zu Tieren fand sie einen Zugang. Im Alter von drei Jahren begann sie mit ihnen zu kommunizieren. Als Maries Mutter die Gespräche ihrer Tochter mit den Tieren bemerkte, war sie beruhigt und sparte sich den Gang zum Arzt. Langsam konnte sie Marie dazu bringen, vorerst mit ihr und später auch mit anderen zu sprechen. Als Marie zur Schule musste, beherrschte sie die Sprache vollständig, auch wenn sie sie nur zurückhaltend einsetzte.

Marie unterteilte die Tage in glückliche und unglückliche. Jeden Morgen nach dem Aufstehen entsann sie sich ihrer Träume, merkte sich, mit welchem Bein sie aus dem Bett gestiegen war, lauschte in den Wald, welche Vogelstimmen sie vernahm, beobachtete das Wetter, streckte ihre Nase zum Fenster hinaus, um die Düfte des frühen Morgens einzuatmen, um sich – nachdem sie alle relevanten Informationen verarbeitet hatte – zu entscheiden, wie der Tag für sie werden würde. Nur wenn der Tag ein glücklicher zu werden versprach, machte es für sie Sinn, aus dem Haus zu gehen.

Wenn Marie das kleine Bauernhaus, welches sie nach dem frühen Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter bewohnte, an mutmasslich unglücklichen Tagen trotzdem verlassen musste, war dieses Unterfangen für sie mit enormen Anstrengungen verbunden. Oft lief an solchen Tagen so vieles schief, dass sie sich in ihrer Prognose bestätigt fand und die Überwindung am nächsten «schlechten» Tag noch einmal viel grösser war. Wäre ihre Mutter nicht gewesen und hätte diese sie in solchen Situationen nicht angefleht, trotzdem zur Schule zu gehen, hätte Marie kaum je eine Woche am Stück den Unterricht besucht.

Die Schule war für sie auch an guten Tagen ein unheimlicher Ort. Das oft unvorhersehbare Verhalten ihrer Klassenkameradinnen und Klassenkameraden machte ihr Angst. Marie war trotz ihrer zurückhaltenden Art durchaus beliebt, was vor allem auch daran lag, dass sie die anderen regelmässig mit Erdbeeren versorgte, stets ehrlich war und nie ein böses Wort über andere verlor. Freundinnen oder Freunde hatte sie aber trotzdem keine. Andere bemitleideten sie deswegen, was sie jedoch nicht weiter störte, denn sie fühlte sich nie einsam. Sie spielte ohnehin lieber allein. So konnte sie sich vom anstrengenden Unterricht, der ihr grosse Mühe machte, am besten erholen. Die meiste Zeit verstand sie nämlich nicht, was die Lehrer von ihr wollten. Versunken in ihre Gedanken, die sich meistens um das Beerensammeln drehten, war sie oft geistig abwesend und bekam von dem, was die Lehrer erklärten, nicht viel mit. Hätte ihre Mutter nicht unnachgiebig mit ihr den in der Schule verpassten Stoff zu Hause nachgeholt, hätte Marie den Schulabschluss kaum geschafft.

Marie war als Kind immer müde, müde von den vielen Eindrücken, die während eines langen Tages auf sie einwirkten. In solchen Momenten zog sie sich am liebsten in den Wald zurück. Der Wald war für sie nicht nur ein Zufluchtsort, er war ihr Rettungsanker. Im Wald erlebte sie keine Überraschungen und fühlte sich sicher. Sie kannte jeden Baum und jedes Vogelnest und wusste vor allem, wo die besten Erdbeeren wuchsen. Das Erdbeerensammeln war für sie das Schönste. Da sich zuhinterst im Graben kaum je ein Mensch verirrte, konnte sie die Erdbeeren immer so lange an den Pflanzen hängen lassen, bis sie richtig süss und reif waren. Ihre Beeren waren weitherum für ihren einzigartigen Geschmack bekannt und fanden stets reissenden Absatz. Wenn sie Zeit hatte, lieferte Marie für ihre Mutter die Beeren in die Haushalte der umliegenden Dörfer aus. Den freundlichen Familien überbrachte sie jeweils die schönsten und grössten Beeren, während sich die anderen mit den kleineren zufriedengeben mussten. Mit dem Einkommen, das Marie und ihre Mutter aus dem Erdbeerenverkauf erwirtschaften konnten, lebten sie ein gutes, wenn auch bescheidenes und zurückgezogenes Leben.

Erst als Marie nach der Schule im Dorf eine Lehre als Damenschneiderin angetreten hatte, verbesserte sich ihre Aufnahmefähigkeit und sie wurde im Umgang mit anderen Menschen offener. Die strenge, aber verständnisvolle Lehrmeisterin hatte ein gutes Gespür dafür, wie sie Marie behandeln musste. Dank ihrer Hilfe entwickelte sich Marie schnell zu einer fleissigen und geschätzten Arbeitskraft. Obwohl Maries Lehrmeisterin ihr angeboten hatte, nach bestandener Lehrzeit bei ihr weiterzuarbeiten, entschied sich Marie, den Beruf als Damenschneiderin zugunsten ihrer Leidenschaft, dem Erdbeerenpflücken, aufzugeben und ihrer Mutter, die aufgrund einer heimtückischen Krankheit mit der Arbeit zu Hause und im Betrieb zunehmend überfordert war, zur Hand zu gehen.

Fortan war Marie allein verantwortlich für das Pflücken und Ausliefern der Beeren.

3

Zehn Wochen waren vergangen, seit Michael die Papeterie Knaus mit dem gebundenen Manuskript in der Hand verlassen hat. Seither überlegte er sich, was er damit machen sollte. Seine anfängliche Überzeugung, ein Meisterwerk geschaffen zu haben, wich der Unsicherheit, ob seine Geschichte überhaupt eine geneigte Leserschaft finden würde. Der Mut, den Roman an verschiedene Verlage zu schicken, hatte ihn auf einmal verlassen. Er fürchtete sich vor Ablehnung und hatte Angst, dass sein Text belächelt und seine liebevoll erschaffenen Figuren verspottet würden. Gleichzeitig träumte er jeden Tag davon, durch die Veröffentlichung die Anerkennung und Aufmerksamkeit zu erhalten, die ihm ein Leben lang verwehrt geblieben war.

Wieso schreckte er vor einer Publikation zurück? Was hatte er zu verlieren? Vieles, dachte er sich. Er wollte sein Umfeld auf keinen Fall mit dieser spirituellen Geschichte irritieren. Zudem hätte er es nur schwer ertragen, wenn sich seine Freunde und Kollegen hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht und ihm die feinfühlige Geschichte über Liebe, Glück und Mut nicht abgenommen hätten. Er hatte Angst, sich lächerlich zu machen, und dennoch wünschte er sich nichts sehnlicher, als endlich seinen Roman mit der Öffentlichkeit zu teilen.

So drehten sich seine Gedanken Woche um Woche um dieselbe Frage: Ist die Geschichte gut genug und soll ich den Schritt wagen? Er konnte sie nicht beantworten, so sehr er sich auch anstrengte. Sein ganzes Denken wurde von dieser einen Frage absorbiert. Er traf keine Freunde mehr, schlief kaum noch und konnte sich für nichts mehr begeistern. Zwar liebte er die Erzählung immer noch und trug sein Manuskript täglich bei sich, doch es war ihm längst zur Last geworden. Am meisten litt er darunter, dass er keinen Roman mehr lesen konnte, ohne an seinen eigenen denken zu müssen. Früher hatte er es genossen, in Geschichten einzutauchen und sich in den Fantasiewelten der Autorinnen und Autoren zu bewegen. Jetzt aber konnte er keinen Satz mehr lesen, ohne diesen mit seinem Manuskript zu vergleichen. Jeder Kniff des Autors wurde sofort entlarvt und den eigenen Anstrengungen, dem Leser persönliche Gedanken möglichst originell zu präsentieren, gegenübergestellt. Die Lust am Lesen war ihm vollends vergangen. Er wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Er musste sich endlich entscheiden, um wieder frei zu sein.

Auch auf seine Arbeit hatte sein inneres Ringen einen negativen Einfluss. Öfters wurde er von seiner Chefin dabei ertappt, wie er gedankenversunken an seinem Bürotisch sass. Er machte zudem Fehler, die ihm sonst nie passierten, und wirkte noch zerstreuter, als er in normalen Zeiten ohnehin schon war. Den Vorschlag seiner Chefin, ein paar Tage Urlaub zu nehmen, damit er danach «in alter Frische» wieder zur Arbeit erscheinen könne, nahm er widerstandslos an. Er hatte begriffen, dass die Situation ernst war und er sein Verhalten dringend ändern musste. Die verordneten Freitage wollte er dazu nutzen, sich endgültig darüber klarzuwerden, was mit seinem Text geschehen sollte.

In seiner Wohnung fühlte er sich dazu nicht in der Lage; das hatten ihm die letzten Wochen gezeigt. Er musste raus und er wusste auch schon wohin.

4

Ihr Tod hatte alles verändert. Obwohl Maries Mutter ihr in den letzten Monaten beim Ernten und Ausliefern nicht mehr helfen und sich ohne Maries Hilfe weder anziehen noch waschen konnte, war sie für Marie doch wichtiger gewesen, als sie es sich zunächst eingestehen wollte. Ihre Mutter war nicht nur ihr Antrieb gewesen, jeden Morgen aufzustehen, sondern hatte mit ihren sanften Anweisungen auch dafür gesorgt, dass Marie alle notwendigen Arbeiten auf dem kleinen Hof rechtzeitig erledigte und die bestellte Ware pünktlich auslieferte.

In diesem Sommer war Marie das erste Mal in ihrem Leben auf sich allein gestellt. Sie versuchte zwar, allen Verpflichtungen, so gut es ging, nachzukommen, aber es kam immer wieder vor, dass sie etwas vergass oder sich verspätete, weil sie entweder in Gedanken versunken war oder zu lange brauchte, bis sie das Haus verlassen konnte. Die Kundinnen waren jedoch verständnisvoll und meinten, dass es für sie sicherlich nicht einfach sei, den Betrieb so ganz allein zu führen. Marie war froh um die Güte der Menschen. Sie fragte sich indessen, wie lange sie noch mit ihr nachsichtig sein würden. Am meisten Kummer machten ihr aber die nahenden Wintermonate. Jetzt im Spätherbst gab es noch den einen oder anderen Platz, an dem sie Erdbeeren finden konnte. Aber schon in wenigen Wochen würde es keine Beeren mehr geben. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, was sie an diesen Tagen ohne Arbeit machen sollte. Sie fürchtete sich davor, in den dunklen Monaten zu Hause zu sitzen und sich selbst überlassen zu sein.

Viele Eigenheiten, die Marie in ihrer Kindheit entwickelt hatte, konnte sie als Erwachsene ablegen oder sie begleiteten sie in einer schwächeren Form, dass sie mit ihnen zu leben wusste. Insbesondere ihrer liebevollen Mutter war es zu verdanken, dass sie sich so akzeptierte, wie sie war. Ihre Mutter hatte ihr stets gesagt: «Marie, du bist etwas ganz Besonderes und ich liebe dich, wie du bist.»

Marie glaubte ihr. Die Liebe zu ihrer Mutter und das Urvertrauen, das sie dank ihr aufbauen konnte, halfen Marie letztlich auch, über ihren Tod hinwegzukommen.

Marie musste nun selbst entscheiden, was richtig oder falsch war – was ihr mit der Zeit immer besser gelang. Sie merkte nun auch ohne mahnende Hinweise rasch, wenn eine ihrer Antworten zu direkt oder zu ehrlich war. In solchen Fällen entschuldigte sie sich jeweils sofort und meistens wurde ihre offene Entschuldigung angenommen und die Gespräche konnten, ohne dass sich jemand verletzt fühlte, fortgeführt werden. Sie wusste fast immer, wie sie sich in Gesellschaft zu verhalten hatte, konnte gewisse Erwartungen, die ihr geschäftliches Umfeld an sie stellte, erfüllen und zwang sich dazu, offen auf andere Menschen zuzugehen. Die Leute im Dorf waren von Maries Entwicklung positiv überrascht und nahmen beruhigt zur Kenntnis, dass sie in der Lage war, in ihrem kleinen Haus im Wald ein selbständiges Leben zu führen.

Es gab allerdings eine Eigenheit, die Marie bis zum heutigen Tag nicht abzulegen vermochte: Sie konnte sich nicht überwinden, Schuhe zu tragen. Die Leute wunderten sich zwar darüber, dass eine erwachsene Frau von 25 Jahren barfuss durch das Leben ging. Die meisten hatten sich in der Zwischenzeit aber daran gewöhnt. Vielen fiel es schon gar nicht mehr auf, da ihre Blicke meistens an Maries bezaubernden Kleidern und Röcken, die sie selber nähte, hängen blieben. Es verging kein Tag, an dem Marie nicht ein Kompliment für ihre geschmackvolle Garderobe erhielt.

5

Michael machte sich wie jeden Morgen in seiner gegen das Wohnzimmer hin offenen Küche einen Milchkaffee. Er mochte seine Dreizimmerwohnung und war stolz darauf, wie geschmackvoll er sie eingerichtet hatte. Alle Möbel waren farblich dezent gehalten und aufeinander abgestimmt. Es gab keine Bilder an den Wänden, dafür jede Menge Bücher in den Regalen.

Nachdem er geduscht hatte, überlegte er sich, was er für seinen heutigen Ausflug anziehen sollte. Der Blick auf die Landkarte zeigte ihm, dass der Weg vom Parkplatz beim Schulhaus zu seinem Ziel zwar steil, aber nur kurz war. Für diese kurze Wanderung brauche ich keine Wanderausrüstung, dachte er und griff in seinem Kleiderschrank nach dem obersten T-Shirt, das akkurat gefaltet auf dem entsprechenden Stapel lag.

In seinen kleinen Rucksack packte er etwas Proviant, warme Kleidung, eine Regenjacke, sein Manuskript sowie ein Notizheft, um darin sowohl Argumente für als auch gegen eine Publikation seines Romans aufzulisten.

Die Autofahrt dauerte nur kurz und trotzdem hatte er bei seiner Ankunft auf dem Parkplatz das Gefühl, am Tor zu einer anderen Welt zu stehen. Er schloss seinen Wagen ab und machte sich zu den nahe gelegenen Felswänden auf. Der schmale Pfad war steil und Michael kam schnell ins Schwitzen. Bereits nach wenigen Schritten musste er sein Tempo drosseln. Als er die Steigung endlich überwunden hatte, sah er in einiger Entfernung die braune Holzbank. Die Erinnerungen an seine Jugend kehrten sofort zurück.

In den Sommermonaten waren er und sein bester Freund wöchentlich mit dem Fahrrad hierhergekommen, um sich auf die Bank zu setzen und zu plaudern. Er musste lächeln, als er daran dachte, wie sie sich damals ihre Zukunft vorgestellt hatten. Sie träumten von Reisen in ferne Länder, von Abenteuern, die sie erleben wollten, und von Familien, die sie gründen würden. Sie hatten damals das Gefühl, alles sei möglich und alle Wege stünden ihnen offen. Es blieben Träume, stellte Michael nüchtern fest. Nichts von dem, was er sich damals vorgenommen hatte, hatte er je umsetzen können.

Das einzig Aussergewöhnliche und Mutige, das ich bisher in meinem Leben getan habe, war, dieses Buch zu schreiben, dachte Michael, als er sich der Bank näherte. Er hatte vor Jahren in einer Zeitung von den lebensverändernden Erfahrungen gelesen, die Menschen auf dem Jakobsweg machten. Seit diesem Tag liess ihn die Idee der spirituellen Wanderschaft nicht mehr los. Er wusste damals, dass er diese Reise eines Tages antreten würde. Er verschlang alles, was es über den Weg zu lesen gab, und studierte die verschiedensten Wanderrouten, die alle irgendwann in Santiago de Compostela endeten. Er bildete sich auch auf anderen Gebieten weiter, die ihm auf dem Jakobsweg nützlich sein konnten, und kaufte Sachliteratur zu Themen der Spiritualität, der Philosophie und der Religion, um möglichst umfassend auf jede Frage vorbereitet zu sein, die diese grosse Reise für ihn bereithalten würde. Er beschäftigte sich auch mit Psychologie und studierte sogar die Evolutionstheorie, damit er in den vielen tiefgründigen Diskussionen, die er führen würde, alle Aspekte des Lebens beleuchten und jederzeit mitreden konnte. Es waren die grossen Fragen des Lebens, wie diejenige nach dem Glück, der Liebe oder Gott selbst, die ihn interessierten und die er für sich auf dem Weg beantworten wollte. Er besorgte sich alles, was er nach umfassender Studie verschiedener Reiseberichte für notwendig erachtete, um den Weg erfolgreich absolvieren zu können.

Er kaufte in einem auf Wanderreisen spezialisierten Geschäft den grössten Rucksack, den sie im Angebot hatten, und probierte mehrere Paar Wanderschuhe an. Er entschied sich für Schuhe, die zwar nicht sehr modisch aussahen, dafür nach Angaben des Verkäufers aber sehr langlebig waren. Er liess sich dazu überreden, den leichtesten, teuersten Schlafsack anzuschaffen, und erstand verschiedene Stücke an funktioneller Kleidung, die allesamt versprachen, den Körper warm zu halten, ohne dass man darin schwitzen würde. Die Ausgaben für seine Wanderausrüstung waren beträchtlich. Jetzt könnte es eigentlich losgehen, dachte er damals, als er das Geschäft verliess.

Das Interesse an Spiritualität und Religion war in seinem Bekanntenkreis nicht vorhanden und entsprechend verwundert waren die Reaktionen der ihm nahestehenden Menschen, als er ihnen eröffnete, dass er sich eines Tages aufmachen würde, um nach Santiago de Compostela zu pilgern. Da er die kritischen Fragen, wieso er ausgerechnet eine solche Reise machen wollte, nicht schlüssig und für die anderen nachvollziehbar beantworten konnte, hatte er aufgehört, davon zu sprechen. Trotzdem wusste er, dass diese Reise für ihn alternativlos war und sein Leben verändern würde.

Weil ihm jedoch letztlich der Mut dazu fehlte und er den Weg nie unter die Füsse nahm, blieb es für ihn eine innere Reise. Eine Reise, die Jahre dauerte. Obwohl er keinen Meter des Weges zu Fuss ging, lernte er auf seinem Weg dennoch vieles, hatte spannende und inspirierende Begegnungen mit Menschen aus allen Nationen und erlebte unglaubliche Abenteuer wie nie zuvor in seinem Leben. Mit den gesammelten Erfahrungen und Erlebnissen konnte er ein ganzes Buch füllen. Dieses Buch trug er heute bei sich.

Die Holzbank war dieselbe wie vor zwanzig Jahren. Sie war alt und vom Wetter gezeichnet. Michael setzte sich, bewunderte das Alpenpanorama und genoss die Wärme der Sonnenstrahlen. Er öffnete seinen Rucksack, nahm sein Manuskript hervor und dachte daran zurück, wie er sich fühlte, als er es beendet hatte.

Michael musste schmunzeln, als er an die tragikomische Episode in der Papeterie zurückdachte. Es kam ihm vor, als seien seither Jahre vergangen. Gleichzeitig machte es ihn traurig, weil er seit jenem Tag keinen einzigen Schritt weitergekommen war. Er wusste immer noch nicht, was er mit seiner Geschichte machen sollte. Auch jetzt verspürte er trotz der inspirierenden Kulisse kein Interesse, sich mit seinem Manuskript auseinanderzusetzen.

Eigentlich habe ich im Moment gar keine Lust, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was mit meinem Text geschehen soll, dachte er und legte das Manuskript in seinen Schoss. Er fühlte sich müde und ausgelaugt. Die Sonne wärmte seinen Körper und schon bald merkte er, wie seine Augenlider schwerer wurden. Er schloss die Augen und schlief langsam ein.

6

Für den heutigen Botengang hatte Marie ihr rubinrotes Kleid ausgewählt. Sie betrachtete sich im Spiegel und war mit sich zufrieden. Das satte Rot ihres Kleides liess ihre blonden Haare und ihre blauen Augen noch klarer scheinen, was ihr gefiel. Es gab seltene Tage, an denen sie gerne auffiel. Heute war ein solcher Tag. Die Ausbeute ihrer Beerensuche am frühen Morgen am nördlichen Ende des Grabens, wo es an den schattigsten Plätzen um diese Jahreszeit noch Beeren gab, war ausserordentlich gross gewesen, was sie sehr freute und zu der gewagten Kleiderauswahl animiert hatte.

Sie verteilte die Erdbeeren sorgfältig auf kleine Körbchen, die sie heute an Stammkundinnen in einem grösseren Dorf, das einige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt lag, verkaufen wollte. Für den Weg und den Besuch bei ihren Kundinnen benötigte sie zu Fuss ungefähr drei Stunden, so dass sie am frühen Nachmittag wieder zurück sein würde. Nachdem sie die Körbchen sicher in ihrem grossen Rucksack verstaut hatte, machte sie sich auf den Weg hinunter zum Bach, überquerte diesen kurz vor dem Wasserfall und lief engen Waldpfaden entlang den Hügel hinauf. Als sie den Wald verliess, strahlte ihr die Sonne entgegen. Sie genoss die Wärme und wanderte unbeschwert über Wiesen und Weiden. Die wenigen Bauernhäuser, die sich auf dem Weg zu ihrem heutigen Ziel befanden, mied sie, da sie wusste, dass ihre Beeren dort nicht geschätzt wurden. Bevor es im Schatten von Sandsteinfelsen endgültig hinunter ins Dorf ging, führte sie der Weg dem Wald entlang. Für Marie war dieses kurze Wegstück der schönste Abschnitt der gesamten Strecke, da die Sonne diesen Flecken immer so wunderbar beschien, dass es ihr vorkam, als wäre es Sommer, obwohl der Winter bereits so nahe war. Am Ende des Waldes, bevor der Naturpfad eine asphaltierte Strasse überquerte, stand eine alte Holzbank. An einem schönen und klaren Tag wie diesem konnte man von jener Bank aus das ganze Alpenpanorama bewundern. Marie nahm sich fest vor, nach ihren Auslieferungen an diesen Ort zurückzukehren, sich auf die Bank zu setzen und als Belohnung für die geleistete Arbeit die übrig gebliebenen Erdbeeren zu verspeisen.

Als sie auf ihren Lieblingsweg einbog, sah sie den Mann bereits von Weitem. Hoffentlich macht er es sich nicht allzu gemütlich und ist wieder weg, wenn ich zurückkehre, sagte sie zu sich selbst.

Beim Vorbeigehen bemerkte sie, dass der Mann, der seine Beine weit von sich gestreckt hatte, schlief. Marie fragte sich verwundert, wie dieser Mensch dazu kam, mitten am Tag und unter der Woche an einem abgelegenen Ort wie diesem auf einer Bank zu schlafen.

Marie überquerte die Strasse, lief einige Meter über eine Krete, bevor sie der Weg auf einem schmalen Pfad zwischen Häusern hindurch steil hinunter in das belebte Dorf führte. Innert Minuten ist man in einer anderen Welt, ging es ihr beim Anblick der vielen Menschen auf den Trottoirs durch den Kopf. Fröhlich machte sie sich auf den Weg zum Haus ihrer ersten Kundin.

Ihre Beeren verkaufte sie in weniger als einer Stunde, so dass sie sich schon rasch auf den Rückweg machen konnte. Ein Körbchen hatte sie wie geplant für sich selbst aufgehoben. Sie stieg rasch den steilen Pfad empor, wanderte weiter über die Krete und als sie die Holzbank erreichte, stellte sie enttäuscht fest, dass sich der schlafende Mann keinen Zentimeter bewegt hatte. Er sass immer noch breitbeinig da und schlief. Im Unterschied zu vorhin schnarchte er nun mit offenem Mund. Marie musste laut lachen. Auf einmal fand sie diesen Mann, den sie etwa 35-jährig schätzte, sympathisch. Sie fragte sich aber, wer dieser Mann eigentlich war.

Nach einem typischen Wanderer sah er auf jeden Fall nicht aus, dafür war er zu unsportlich und zu städtisch gekleidet. Zudem hielt der Mann einen Stapel zusammengebundener Blätter in seinen Händen, was Marie zusätzlich eigenartig vorkam.

Wenn Marie etwas interessierte, konnte sie nicht mehr lockerlassen, bis sie alles darüber in Erfahrung gebracht hatte. So war es auch in diesem Fall. Sie musste unbedingt herausfinden, was das Dokument im Schoss des schlafenden Mannes zu bedeuten hatte. Sie wusste aus Erfahrung, dass sie es ihm nicht einfach aus den Händen reissen durfte, solange er schlief und ihr keine Erlaubnis dazu gegeben hatte. Ihre Neugier stieg ins Unerträgliche. Sie konnte nicht anders; sie musste ihn ansprechen.

7

«Möchtest du eine Erdbeere?», fragt Marie jetzt mit lauter Stimme den schlafenden Mann, der auf ihre vorhergehenden Versuche, ihm eine Beere anzubieten, einfach nicht reagieren wollte.

Michael hat tief und fest geschlafen. Als er seine Augen langsam öffnet, weiss er zunächst nicht, wo er ist. Er fragt sich sogar, ob er überhaupt noch lebt. Vor sich sieht er verschwommen einen Engel stehen, der zu ihm spricht, verstehen kann er ihn aber nicht. Michael ist paralysiert und kann sich weder bewegen noch etwas sagen. Er beobachtet, wie das zauberhafte Wesen etwas Rotes aus seinem Korb holt und ihm in den Mund schiebt. Der Geschmack der süssen und wohlschmeckenden Frucht lässt ihn endlich erwachen.

Michael reibt sich die Augen und betrachtet überrascht die blonde Frau, die in ihrem hübschen roten Kleid dicht vor ihm steht.

«Danke, das schmeckt wunderbar.» Er fühlt sich zwar vom distanzlosen Verhalten dieser Frau überrumpelt, die Frucht schmeckt ihm aber so gut, dass er darüber hinwegsieht. «Dürfte ich noch eine Erdbeere kosten?»

«Gerne», antwortet Marie und setzt sich neben ihn auf die Bank. Sie streckt ihm das volle Körbchen entgegen und betrachtet ihn erwartungsvoll. Michael steckt sich eine weitere Beere in den Mund und isst sie mit grossem Vergnügen, was Marie sichtlich freut.

«Ich heisse Marie und es freut mich, dich kennenzulernen.»

«Marie, was für ein schöner Name», sagt Michael, worauf Marie errötet. Michael erstaunen die förmlichen Worte der jungen Frau, er stellt sich aber nach kurzem Zögern ebenfalls vor und will wissen, woher sie diese wunderbaren Erdbeeren hat.

«Ich sammle sie im Wald und pflücke sie erst dann, wenn sie wirklich reif sind. Ich verdiene damit übrigens meinen Lebensunterhalt», erklärt Marie stolz.

«Das merkt man», meint Michael anerkennend und nimmt sich eine weitere Beere.

«Bis zu ihrem Tod hat mir meine Mutter beim Sammeln geholfen. Sie ist vor kurzem gestorben. Sie war eine wunderbare Frau und fehlt mir sehr.»

Michael verstummt. Maries offene Worte überfordern ihn.

Marie ist aber nicht traurig, sie ist neugierig und brennt darauf zu erfahren, was es mit den Papieren in Michaels Schoss auf sich hat. Sie will das Dokument unbedingt an sich nehmen, darin blättern, kann dem inneren Drang aber vorerst widerstehen. Sie zeigt stattdessen auf das Manuskript und will von Michael wissen, was er mit den Blättern hier auf der Bank mache.

Soll ich es ihr sagen?, fragt sich Michael unsicher. Er betrachtet Marie von oben bis unten. Erst jetzt fällt ihm auf, dass sie barfuss ist. Ihre schmutzigen Füsse passen so gar nicht zu ihrer gepflegten Erscheinung.

Vielleicht würde es mir guttun, mit einer völlig fremden Person über meinen Text zu sprechen. Er schaut in Maries Augen und merkt, wie neugierig und ehrlich interessiert sie ist. Er gibt sich einen Ruck.

«Ich habe einen Roman geschrieben. Der Stapel Papier ist ein Manuskript», erklärt Michael. Er streckt Marie das Dokument entgegen, damit sie es besser sehen kann.

«Darf ich es lesen?», fragt Marie und will sogleich die Blätter an sich reissen.

Doch Michael zieht das Manuskript hastig zurück.

«Nein, diese Papiere bedeuten mir alles und es ist mir nicht möglich, sie aus den Händen zu geben.»

Marie begreift sofort. Sie rutscht ein wenig zur Seite, so dass sich die Distanz zwischen ihr und Michael vergrössert. «Entschuldige, Michael, aber du musst wissen, dass ich Bücher liebe. Ich möchte unbedingt erfahren, worum es in deinem Buch geht. Würdest du mir wenigstens daraus vorlesen, wenn du es nicht hergeben willst?»

Michael fühlt sich geschmeichelt und kommt nach kurzem Überlegen zum Schluss, dass es nicht schaden kann, eine zusätzliche Meinung zu seinem Werk zu hören.

«Ich werde dir gerne daraus vorlesen, stelle aber die Bedingung, dass du die Existenz dieses Buches geheim hältst und mir eine ehrliche Rückmeldung gibst, wie dir der Text gefällt.»

«Einverstanden», erwidert Marie.

«Der Roman trägt den Titel Der Französische Weg. Es geht um wundersame, zum Teil übernatürliche Ereignisse, welche Janosch, die Hauptfigur des Romans, auf dem Jakobsweg erlebt.»

«Ich kenne den Jakobsweg!», unterbricht ihn Marie. «Ich habe schon Bücher darüber gelesen», ruft sie vergnügt und rutscht vor Freude auf der Bank hin und her.

«Die Geschichte handelt wie gesagt vom Jakobsweg. Die Leser erfahren viel Spannendes und Wissenswertes rund um diesen mystischen Weg. Es ist aber auch eine Geschichte über eine innere Reise, über die Suche nach sich selbst, nach dem persönlichen Glück und nach Gott. Der Text handelt von Mut und davon, wie man seine Ängste überwinden kann. Es geht aber auch um den Ballast, den man im Leben mit sich schleppt, und um den Versuch, diesen loszuwerden. Es ist eine Erzählung voller Spiritualität. Vor allem aber ist es ein Liebesroman.»

Marie gluckst vor Freude über die bedeutungsvolle Einleitung.

«Ich liebe Liebesgeschichten!»

Michael lächelt sie an, schlägt sein Manuskript auf und beginnt vorzulesen:

Ankunft in Paris

Sein ursprünglicher Plan ist ein anderer gewesen. Janosch hat sich vorgestellt, dass er seinen Rucksack nimmt, seine gut eingelaufenen Wanderschuhe schnürt, den Schlüssel zu seiner Wohnung im Schloss umdreht und losläuft – zuerst quer durch die Schweiz bis nach Genf, danach immer weiter gegen Westen durch Frankreich bis in den Nordwesten Spaniens. Von zu Hause zu Fuss nach Santiago de Compostela zu pilgern, so hat er es sich vorgenommen.

Doch nun sitzt er im völlig überfüllten TGV nach Paris und ärgert sich über seinen viel zu grossen Rucksack, der in kein Gepäckfach passt. Sein abgeänderter Plan sieht eine Pilgerreise von Saint-Jean-Pied-de-Port, einem französischen Dorf am Fuss der Pyrenäen, in das etwa 800 Kilometer entfernte Santiago de Compostela vor.

Bevor es aber mit dem Pilgern losgehen soll, will er ein paar Tage in Paris verbringen. Er möchte es sich noch einmal gut gehen lassen, in einem schönen Hotel wohnen, Museen besichtigen, gutes Essen geniessen und dann – wann immer er Lust dazu hat – weiterreisen.

Doch schon beim Ausstieg am Gare de Lyon merkt Janosch, dass etwas nicht stimmt. Er passt mit seinem riesigen Rucksack und seiner Funktionskleidung nicht in diese Stadt. Was mache ich hier?, fragt er sich beim Verlassen des Bahnsteigs unschlüssig.

Verunsichert betritt er den Bahnhofsplatz, anstatt wie geplant die Rolltreppe hinunter zu der ihm vertrauten Metrostation zu nehmen. Er will so schnell wie möglich ins Hotel, bestellt ein Taxi und lässt sich in die Nähe des Tour Montparnasse fahren.

Die Hoffnung, dass das ungute Gefühl von ihm abfallen wird, sobald er einmal sein Quartier bezogen hat, schwindet bereits, als er das Hotel betritt und zu seinem Zimmer geführt wird. Janosch fehlt die Kraft, um mit dem Concierge darüber zu streiten, ob dieses Zimmer wirklich die 140 Euro wert ist, die er pro Nacht dafür bezahlen muss. Wortlos nimmt er den Zimmerschlüssel entgegen und legt sich auf sein Einzelbett, wo er nach kurzer Zeit erschöpft in einen unruhigen Schlaf fällt.

Als Janosch zwei Stunden später aufwacht, fühlt er sich nicht besser. Nur raus hier, ist sein erster Gedanke, als er die Augen öffnet und sich in dem heruntergekommenen Raum umsieht. Fluchtartig verlässt er sein Zimmer und tritt auf die Strasse hinaus, wo er den imposanten Tour Montparnasse vor sich stehen sieht. Er atmet tief ein, während er den markanten, über 200 Meter hohen Turm bestaunt. Er hat ihn schon oft auf diese Weise betrachtet und weiss bis heute nicht, was er von der Architektur des Gebäudes halten soll.

Er überlegt sich, nach dem Abendessen die Bar im obersten Stockwerk zu besuchen. Die Aussicht auf ein paar gut gemixte Bellinis über den Dächern von Paris lässt in ihm die Hoffnung aufkommen, dass es vielleicht doch noch ein schöner Abend werden könnte. Mit neuem Mut macht er sich auf die Suche nach einem ansprechenden Lokal.

Der mitleidige Blick des Kellners, als er nach einem Tisch für eine Person verlangt, trifft ihn unerwartet. Janosch setzt sich beschämt an den ihm zugewiesenen Platz. Inmitten der Paare, Familien und Gruppen von Freundinnen und Freunden fühlt er sich an seinem Einzeltisch ausgestellt und beobachtet. Er hat noch nie allein in einem Restaurant gegessen und muss nun feststellen, dass er es ohne Gegenüber kaum aushält. Er fühlt sich einsam. Im Wissen darum, dass diese schnell serviert wird, bestellt er die «Formule du Jour». Nach dreissig Minuten und drei rasch verspeisten Gängen verlässt er niedergeschlagen das Lokal.

Die Lust auf einen Drink ist ihm nach dem deprimierenden Abendessen vergangen und so folgt er der Avenue du Maine bis zum Gare Montparnasse. Am Bahnschalter kauft er ein Bahnticket nach Saint-Jean-Pied-de-Port für den nächsten Tag.

In der Bahnhofshalle bemerkt Janosch, wie er aus für ihn unerfindlichen Gründen die Aufmerksamkeit einer Gruppe junger Erwachsener auf sich zieht. Er spürt, dass die Männer ihn beobachten und über ihn sprechen. Janosch erschrickt, als er in ihre entstellten Gesichter sieht. Einige tragen eine Kette im Gesicht, die sich von einem Ohr zur Zunge erstreckt, wo sie mit einem Ring befestigt ist. Janosch hat Angst. Plötzlich hört er einen Namen: «Hercule!», ruft einer und zeigt mit dem Finger auf Janosch. Ein grosser Mann mit Glatze löst sich aus der Gruppe und geht auf Janosch zu. Janosch rennt um sein Leben und dreht sich erst wieder um, als er das nahe gelegene Hotel erreicht hat. Niemand ist zu sehen. Habe ich mir das alles nur eingebildet?

Erschöpft kehrt er in sein Zimmer zurück und setzt sich auf sein Bett. Die Suche nach seinem Schlafanzug zwingt ihn, den gesamten Inhalt seines Rucksacks auszuräumen.

Was sind das für Sachen und wozu habe ich das alles dabei?, fragt er sich.

Obwohl er den Rucksack erst gestern Abend eigenhändig gepackt hat, ist ihm dessen Inhalt plötzlich unbekannt. Neben einem ziemlich schweren Stein, den er an einer bestimmten Stelle auf dem Jakobsweg ablegen will, findet er ein Buch mit einem geheimnisvollen Umschlag. Er erinnert sich daran, dass ihm seine Arbeitskollegin Chantal diese Sammlung von Weisheiten und Erkenntnissen mit dem Hinweis geschenkt hat, das Buch zufällig aufzuschlagen und über die vorgefundenen Zitate während des Gehens zu meditieren.

«Dieses Buch wird dir helfen, Antworten auf deine Fragen zu finden», meinte sie. Janosch öffnet das Buch auf einer der letzten Seiten und beginnt zu lesen: Glückliche Gefühle werden mehr glückliche Umstände anziehen. Er liest den Satz erneut und fühlt sich auf einmal wieder wach. Kann Glück tatsächlich beliebig herbeigeführt werden?, fragt er sich, nachdem er den Satz noch ein drittes Mal gelesen hat.

Wenn diese Annahme stimmt, dann muss sich dringend etwas ändern, sonst sehe ich für meine weitere Reise schwarz, stellt Janosch mit Sorge fest. Er betrachtet sich im Spiegel seines Hotelzimmers und muss sich eingestehen, dass er schlecht aussieht. Der Schreck von der Begegnung mit dem glatzköpfigen Riesen und seiner Bande steckt ihm noch immer in den Knochen. Hinzu kommen die Zweifel, die seit der Ankunft in Paris an ihm nagen. Habe ich mir etwa zu viel vorgenommen? Bin ich gedanklich überhaupt bereit, mich auf diese Reise einzulassen? Er wollte auf dem Jakobsweg über seine Probleme nachdenken und spirituelle Erfahrungen machen, um als anderer Mensch zurückzukehren.

Erst gestern steckte ich noch bis zum Hals in Arbeit und schon heute soll ich ein spiritueller Pilger sein? Das schaffe ich unmöglich, muss er sich eingestehen.

Er erkennt, dass seine hohen Erwartungen an die bevorstehende Reise in ihm einen Druck erzeugen, der ihm körperlich und seelisch zusetzt. Dieser Belastung bin ich nicht gewachsen. In meiner momentanen Verfassung bin ich nichts anderes als ein Magnet des Unheils, das hat der heutige Abend eindeutig gezeigt, stellt er traurig fest.

Es muss mir gelingen, einen Weg zu finden, meine Gefühle und Gedanken in eine positive Richtung zu lenken. Nur wie? Was macht mich glücklich?