Beschreibung

Eine Stadt in Angst. Koblenz, die beschauliche Touristenstadt an Rhein und Mosel, wird in Angst und Schrecken versetzt. Jeden 3. Tag geschieht ein grauenvoller Mord, jede Tat trägt eine andere Handschrift und die Opfer haben keinerlei Gemeinsamkeiten. Obwohl Kriminalhauptkommissar Auer, Leiter der Mordkommission, frühzeitig die Handschrift eines Serienkillers vermutet, nehmen seine Vorgesetzten ihn nicht ernst. Er ist wegen seines vorlauten Mundwerks in Ungnade gefallen und sein Team besteht aus Beamten mit Disziplinarstrafen, aber er widmet sich trotz der Widerstände mit aller Kraft der Aufklärung der Verbrechen. Dabei erhält er unerwartete Unterstützung durch eine junge Praktikantin, die kurz vor ihrer Prüfung zur Kommissarin steht.

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Beliebtheit


Für Ellen,meine liebe Ehefrau, mein größter Fan und gleichzeitig meine schärfste Kritikerin. Vielen Dank für deine Ehrlichkeit.

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8372-9

Dieter AurassJeden 3. Tag

Die schrecklichsten Gräueltaten geschehen in der Absicht, das „Böse“ zu eliminieren.© Andreas Tenzer (*1954), deutscher Philosoph und Pädagoge

Dieter Aurass wurde im Jahr 1955 in Frankfurt am Main geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur wurde er Kriminalbeamter beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden und arbeitete dort in 30 Dienstjahren in den Bereichen Personenschutz, Terrorismusbekämpfung und Spionagebekämpfung. Danach leistete er 11 Jahre Dienst bei der Bundespolizei, wo er IT-Projekte leitete. Seit Ende des Jahres 2015 ist er im Ruhestand und widmet sich ausschließlich seiner Passion – dem Schreiben.Er hat inzwischen bereits über 40 erfolgreiche Lesungen abgehalten, u.a. in verschiedenen Buchhandlungen, Bibliotheken, im Krimihotel in Hillesheim, auf der Criminale in Graz, auf einer Kreuzfahrt der A-ROSA und beim Deutschen Krimitag.Dieter Aurass ist Mitglied in den Autorenvereinigungen „Syndikat“.Er ist seit über 33 Jahren glücklich verheiratet und lebt mit seiner Frau und einer Boston-Terrier-Hündin in der Nähe von Koblenz.

Prolog – Montag, 01.08.

Koblenz-Moselweiß – 09:00 Uhr

„Ja, bitte?“

Die Stimme der jungen Frau klingt unsicher, aber nicht ängstlich, was ich selbst durch die Sprechanlage leicht erkennen kann. Sie hat nicht mit Besuch gerechnet. Also setze ich mein strahlendstes Lächeln auf und blicke in die Kamera.

„Hallo, ich habe hier eine Warenlieferung für Frau Beate Furch.“

Eine Uniform wirkt immer Wunder. In Verbindung mit einem wenigstens halbwegs adretten Äußeren und freundlichem Auftreten öffnet sie einem alle Türen ... und zwar ohne Probleme. Auch in einem Zweifamilienhaus in Koblenz-Moselweiß.

Nachdem die Gartentür mit vernehmlichem Summen aufgegangen ist, schlendere ich langsam in Richtung Haus, wo ich an der Haustür erneut warten muss, bis sie nach einem kurzen Summen aufgeht. Selbstverständlich weiß ich, dass Fräulein Furch zu dieser Uhrzeit alleine im Haus ist. Die Bewohner des Erdgeschosses sind beide auf der Arbeit, und Beate Furch ist alleinstehend. Ich weiß noch viel mehr von der hübschen jungen Dame. Sie ist 26 Jahre alt, hat einen sehr gut bezahlten Job ... und heute einen Tag frei, weil sie am späten Vormittag einen Termin beim Schönheits­chirurgen hat. Da es gerade 09:00 Uhr ist, wird sie jetzt noch beim Frühstück sitzen.

Gemächlich gehe ich die Treppe zu der Wohnung im Obergeschoss hinauf, wobei mir der Gurt der schweren Umhängetasche ein wenig in die Schulter schneidet. Das schwere Paket vor mir hertragend, erklimme ich die Stufen und lasse es dann mit einem lauten Plumps vor der Wohnungstür auf den Boden knallen.

„Na, hören Sie mal, können Sie damit nicht ein wenig vorsichtiger umgehen? Es könnte doch zerbrechlich sein!“, schnauzt sie mich durch den bereits geöffneten Türspalt an.

Nein, kann es nicht! Ich weiß, dass in der Kiste nichts kaputtgehen kann. Aber das kann sie nicht wissen. Ich hingegen weiß, dass sie so viel bei den verschiedensten Online-Händlern bestellt, dass sie vermutlich den Überblick verloren hat.

Ich setze einen um Verzeihung bittenden Blick auf.

„Bitte entschuldigen Sie, der Karton ist ganz schön schwer. Was haben Sie denn da bestellt? Backsteine?“

„Keine Ahnung. Tragen Sie mir den Karton gefälligst bis ins Wohnzimmer, ja?“

Nur zu gerne. Was meinst du, warum ich erwähnt habe, dass das Teil sauschwer ist, du arrogante Kuh?

Gehorsam trage ich den Karton an ihr vorbei.

„Da vorne links bitte.“

Muss sie mir nicht sagen. Aber natürlich bin ich unschlüssig im Flur stehen geblieben, als würde ich mich nicht auskennen.

Ich war bereits zwei Mal in ihrer Abwesenheit in dieser Wohnung gewesen, weiß mehr über Fräulein Furch als ihre Arbeitskolleginnen und habe sie nicht ohne Grund ausgesucht, nachdem sie mir im Fittnessstudio aufgefallen ist.

Im Wohnzimmer angekommen, stelle ich den Karton mitten in den Raum und wische mir den Schweiß von der Stirn. Danach entnehme ich meiner Umhängetasche die Schreibkladde und halte sie ihr hin.

„Sie müssten mir noch den Empfang quittieren, bitte.“

Sie wundert sich nicht, dass ich grobe Handwerkerhandschuhe trage, immerhin habe ich gerade ein sehr schweres Paket in ihre Wohnung getragen. Als sie sich nach vorne beugt und die Augen zusammenkneift, weil das Schriftstück auf der Kladde so extrem klein gedruckt ist, geht meine rechte Hand mit dem getränkten Lappen von hinten um ihren Kopf herum, und ich drücke ihr das Stück Stoff fest über Mund und Nase.

Es dauert nur wenige Sekunden, bis sie schlaff in meinen Armen hängt. Dieser neue Äther-Ersatz, der praktischerweise geruchsneutral ist, wirkt wirklich gut und schnell. Ich bin beeindruckt. Langsam und vorsichtig lasse ich sie zu Boden gleiten und verschaffe mir dann noch mal einen letzten Überblick über die restliche Wohnung, um sicherzustellen, dass nicht vielleicht ein Übernachtungsgast noch im Schlafzimmer liegt, den ich nicht eingeplant habe.

Da das Haus im Hang liegt, genieße ich durch das Panoramafenster des Wohnzimmers für einen Augenblick den unverbaubaren Ausblick auf die Mosel, die gemächlich und träge in der strahlenden Sonne vorbeizieht.

Widerwillig reiße ich mich von dem Anblick los. Ich habe noch viel zu tun und möchte auch nicht in Zeitnot kommen.

Also öffne ich das schwere Paket und fange an, die erforderlichen Utensilien auszupacken. Eigentlich freue ich mich nicht wirklich auf die Sauerei, die ich nun gleich veranstalten muss, aber das erwartete Endergebnis lässt mich doch in freudiger Erwartung ein kleines Liedchen pfeifen, während ich die Plastikplane und die kleine akkubetriebene Kettensäge auspacke.

Die groben Arbeitshandschuhe tausche ich gegen chirurgische Einweghandschuhe aus, denn mein Vorhaben erfordert doch einiges an Fingerspitzengefühl. Dann mache ich mich an die unangenehme Metzgersarbeit. Ich bin noch nicht einmal halb fertig, als die Katze meines Opfers, eine wunderschöne Türkisch Angora, miauend ins Zimmer tritt, kurz an dem Blut auf der Plane schnuppert und mir dann schnurrend um die Beine streicht.

Was für ein schönes Tier. Zärtlich streichle ich seinen Nacken und überlege, was ich mit ihm machen soll. Aber das hat Zeit bis später, erst mal muss ich mit meiner eigentlichen Arbeit fertig werden. Es ist noch viel zu tun, bis alles so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe.

Kapitel 1 – Dienstag, 02.08.

Koblenz-Moselweiß – 08:15 Uhr

Seufzend quälte er sich die Treppe in das Obergeschoss hinauf, die „Neue“ im Schlepptau.

Ich muss wieder mehr Sport machen. Dieses Gefühl mangelnder Fitness ist scheiße ... vor allem, wenn du dann auch noch so ein junges Ding im Team hast.

Arnulf Auer musste unwillkürlich kurz auflachen, als ihm bewusst wurde, dass er wieder von dem im ganzen Polizeipräsidium als „Gurkentruppe“ bezeichneten Personenkreis als „das Team“ gedacht hatte. Das war halt die Bestrafung für sein loses Mundwerk, das er einfach nicht halten konnte, auch nicht gegenüber Vorgesetzten. Das Leitungspersonal im Polizeipräsidium Koblenz schien ganz besonders sensibel und humorlos zu sein und mit seinen lockeren Sprüchen nicht wirklich umgehen zu können. Da man ihn wegen seiner unbestreitbaren Ermittlungserfolge aber nicht so einfach aufs Abstellgleis schieben konnte, hatte man sich eine andere Art der Bestrafung für ihn ausgedacht: Man teilte seiner Mordkommission den vermeintlichen Müll des Präsidiums zu, also die Kollegen, die entweder unangenehm aufgefallen waren, die krank waren oder mit persönlichen Problemen, wie zum Beispiel Disziplinarverfahren, zu kämpfen hatten.

Auer war das egal. Die Erfahrung von über 20 Jahren im Polizeidienst hatte ihn gelehrt, dass jeder Kollege auch seine positiven Seiten hatte und sehr oft Fähigkeiten in ihm schlummerten, die von anderen nicht erkannt wurden.

Als er vor der Wohnungstür ankam, wurde seine Aufmerksamkeit von dem uniformierten Kollegen in Anspruch genommen, der sich gerade geräuschvoll auf den Fliesenboden des Treppenhauses übergab.

„Hallo, Kollege, weißt du nicht, wofür deine Mütze gedacht ist? Das nächste Mal kotzt du bitte da rein, anstatt uns den Tatort zu versauen, klar?“

Aber der junge Kollege tat ihm andererseits auch ein wenig leid. Er klopfte ihm leicht auf den gebeugten Rücken.

„Das wird schon wieder. Du hast wohl noch nicht viele Leichen gesehen, was?“

Der Junge würgte noch einmal kurz, schluckte den Rest hinunter und quälte sich ab, Auer eine Antwort zu geben: „Doch, eigentlich schon, aber so was ...“ Er schüttelte immer wieder den Kopf. Dann traten ihm die Tränen in die Augen, und er begann erneut zu würgen.

„Oh, oh, geh mal besser raus an die frische Luft. Wir sind ja jetzt da, und du kannst auch draußen vor dem Haus aufpassen, dass uns keine Presse auf den Hals rückt.“

Auer zog die OP-Überschuhe über seine Halbschuhe und reichte ein weiteres Paar nach hinten zu der ihm dicht auf den Fersen befindlichen Kollegin.

„Anziehen“, raunte er kurz nach hinten, „und halt dich dicht hinter mir, pass auf, wo du hintrittst, und fass ja nichts an.“

Wie heißt sie noch gleich? Katrin? Nein, Corinna. Corinna Crott, die neue Kommissaranwärterin, die keiner haben wollte, weshalb man sie ihm für die nächsten drei Monate zugeteilt hatte. Was für ein Einstieg! Gleich am ersten Tag eine Leiche, bei der man – Auer hatte noch keine Ahnung warum – davon ausging, dass es sich um einen Mord handelte.

Vorsichtig betrat er die Wohnung und musste feststellen, dass die Jungs und Mädels von der Spurensicherung in ihren weißen Maleranzügen bereits voll im Einsatz waren.

Früher hatte er sich mal eingebildet, dass er mit 1,80 ein eher großer Mann sei, aber die jüngere Generation überragte ihn in den meisten Fällen doch um einige Zentimeter. Mit seinen 42 Jahren kam er sich gegenüber den wesentlich jüngeren Leuten von der Spurensicherung wie ein alter Mann vor. Die Begleitung durch die blutjunge und nicht unattraktive Kommissaranwärterin machte es sogar noch schlimmer.

Da könnte ich ja auch mit meiner Tochter unterwegs sein.

Nicht, dass er eine Tochter gehabt hätte, aber zumindest vom Alter her hätte sie es ohne Weiteres sein können.

„Hi Arnulf“, grüßte ihn einer der Erkennungsdienst­beamten. „Sie liegt im Schlafzimmer. Und bevor du fragst, ein Medizinmann war bereits da, hat den Tod festgestellt und dass Fremdeinwirkung vorliegt. Dann ist er wieder abgedampft, und jetzt wartet der Gerichtsmediziner in Mainz, bis wir mit der Tatortaufnahme fertig sind und die Leiche dorthin abtransportiert wird.“

Der junge Kollege grinste anzüglich. „Nicht, dass es einen Mediziner dafür gebraucht hätte. Den Tod hätte ich auch alleine mit absoluter Sicherheit feststellen können und die Fremdeinwirkung genauso. Aber das wirst du ja gleich selbst sehen.“

Noch immer grinsend zog er sich zurück und widmete sich anderen Aufgaben. Vorsichtig und immer wieder auf den Boden vor sich schauend, näherte Auer sich der offen stehenden Schlafzimmertür und erhaschte bereits vor Betreten des Raumes einen ersten Blick auf die nackte Frau, die auf der roten Tagesdecke des Bettes lag. Schon von Weitem fielen ihm die roten Striemen um Hand- und Fußgelenke sowie um den Hals des Opfers auf. Erst als er vorsichtig näher an das Bett herantrat, erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte und was der Kollege von der Spurensicherung gemeint hatte.

Es handelte sich nicht um eine rote Tagesdecke, sondern um ein blutdurchtränktes Tuch unbekannter Farbe. Und es handelte sich auch nicht um rote Striemen an den Gelenken oder am Hals, sondern um ... um was eigentlich? Da die Spurensicherung den Raum für ihn freigegeben hatte, war er sich sicher, dass er die Leiche nun gefahrlos anfassen konnte, ohne Spuren zu verwischen. Also fasste er die rechte Hand der Leiche an ... und musste feststellen, dass sie keinerlei Verbindung mehr zum Arm hatte. Sie war sauber abgetrennt und anschließend wieder so an den Armstumpf gelegt worden, dass der Eindruck entstehen konnte, beide Teile wären noch verbunden.

Auer ließ die Hand einfach fallen und tippte der jungen und offensichtlich sehr toten Frau leicht gegen die Schläfe.Der Erfolg war durchschlagend, denn der Kopf rollte zur Seite und offenbarte die grausige Wahrheit: Was für die Gelenke galt, traf auch auf den Kopf zu. Sauber abgetrennt.

Er spürte dicht hinter sich die Anwesenheit der jungen Kollegin. Was ihn allerdings verwunderte, war die Abwesenheit jeglicher Geräusche. Er hätte wenigstens ein Würgen, einen erschrockenen Aufschrei oder heftiges Atmen erwartet. Vorsichtig drehte er sich halb um und beäugte das Mädchen. Zu seiner Überraschung war alles, was er in ihrem Gesicht sehen konnte ... interessierte Neugierde.

Sie betrachtete aufmerksam die Leiche, und auch der weggerollte und nun neben dem Hals liegende Kopf schien sie nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen zu können.

Alle Achtung, dachte er anerkennend. Das hätte ich nun nicht vermutet. Offensichtlich musste er sich doch ein wenig schlauer über sie und ihre Vorgeschichte machen.

Noch während er sich über die Abgebrühtheit der jungen Kollegin wunderte, betrat ein Kollege der Spurensicherung den Raum.

„Was ich dir noch sagen wollte, Arnulf, wir haben in der Küche eine Katze gefunden. Der Kratzbaum, eine Katzentoilette und die Futterschüssel legen den Schluss nahe, dass es sich um die Katze unseres Opfers handelt.“

„Und? Ist sie auch zerstückelt?“

„Wie ... zerstückelt?“ Der Kollege blickte ihn verständnislos an. „Ach so, jetzt versteh ich. Nein, nein, mein Fehler“, lachte er kurz auf. „Nein, die Katze ist nicht zerstückelt, sonst würde sie kaum noch leben. Wir haben allerdings Blut an ihr gefunden, und ich schätze mal, der Täter hat sie mit blutverschmierten Händen gestreichelt, bevor er sie in der Küche eingeschlossen hat.“

„Aha“, bemerkte Auer trocken, „dann haben wir ja schon den ersten Täterhinweis. Es handelt sich ganz offensichtlich um einen Katzenliebhaber. Gut zu wissen.“

Er ignorierte die verblüfften Blicke des Kollegen und des Mädchens.

„Hat der Doc was zum mutmaßlichen Todeszeitpunkt gesagt? Das Blut wirkt ja schon ziemlich angetrocknet.“

Statt eine Antwort zu geben, sah der Spurensicherer an Auer vorbei auf die Leiche und wollte sich mit einem Aufschrei der Entrüstung an ihm vorbeidrängen. „Ey, Mädchen, was machst du denn da? Du kannst doch nicht einfach am Tatort die Leiche anfassen. Hast du sie noch alle?“

„Langsam, langsam“, bremste Auer ihn und hielt ihn gleichzeitig davon ab, sich auf die junge Kollegin zu stürzen, die gerade dabei war, einen Arm anzuheben und im Schultergelenk kreisen zu lassen.

Völlig unbeeindruckt fasste sie nun den Kopf an, hob ihn hoch und bewegte langsam den Unterkiefer hin und her.

„Da das bereits sehr angetrocknete Blut den Schluss nahelegt, dass sie nicht erst vor einer oder zwei Stunden getötet wurde, gehe ich von einem Todeszeitpunkt von mehr als 24 Stunden aus, da die Totenstarre gerade dabei ist, wieder abzuklingen.“

Auer vermutete, dass er gerade selbst keinen wesentlich intelligenteren Gesichtsausdruck zu bieten hatte als der Kollege von der Spurensicherung. Beide starrten sie die junge Frau mit offenem Mund an.

„Was?“, fragte sie überrascht. „Hat der Doktor etwas anderes gesagt?“

„Äh ... nee ... ich meine ...“, stotterte der Beamte, dessen Name Auer ums Verrecken nicht einfallen wollte, „also ... äh ... der hat genau das Gleiche gesagt.“ An Auer gewandt, der inzwischen seinen Ärmel losgelassen hatte, fragte er: „Wer ist das denn?“

„Ach so, ja, ich habe euch noch nicht bekannt gemacht. Das ist Corinna Crott, die neue Kommissaranwärterin in meinem Team.“

Er verkniff es sich, den Kollegen vorzustellen, da er seinen Namen ja momentan nicht wusste.

„Angenehm, Schmitt ... Mike.“ Er streckte ihr die behandschuhte Hand entgegen, zuckte aber zurück, als sie ihm ihre ebenfalls in Latexhandschuhen steckende, nun aber total mit Blut verschmierte Hand entgegenstreckte.

Auer schüttelte verwundert den Kopf.

Erstaunlich, womit man manche Menschen beeindrucken konnte. Er wollte sich gerade auf den Weg aus dem Schlafzimmer machen, als der Spurensicherer ihn aufhielt.

„Warte mal, ich habe da noch was Wichtiges.“

Vor seinem Gesicht schwenkte er ein durchsichtiges Plastiktütchen, in dem sich eine kleine Visitenkarte befand.

„Die war deutlich sichtbar zur Hälfte in ihre Scheide gesteckt. Wird dich sicher interessieren.“

Mit diesen Worten übergab er Auer das Tütchen, drehte sich um und ging aus dem Zimmer.

Auer starrte auf die Visitenkarte, deren Text er deutlich lesen konnte.

„Ach du heilige Scheiße! Das hat uns noch gefehlt.“

Daraufhin meldete sich auch das Mädchen, wie er sie in Gedanken immer noch nannte, zu Wort: „Was steht denn drauf? Kann ich mal sehen?“

Wortlos hielt er ihr die Tüte so hin, dass sie die Karte sehen konnte.

Laut las sie vor: „Doktor Tod – das war erst der Anfang!“

Kapitel 2

08:45 Uhr

Die Rückfahrtstrecke von Koblenz-Moselweiß zum Polizeipräsidium war zwar nur dreieinhalb Kilometer lang, aber dummerweise wählte die noch nicht sonderlich ortskundige neue Kollegin die viereinhalb Kilometer lange Strecke über die Hauptverkehrsadern von Koblenz. Da Koblenz gerade in den Sommermonaten aufgrund der vielen Touristen meist kurz vor einem Straßenverkehrsinfarkt stand, waren die „Adern“ – wie leider viel zu oft – ziemlich verstopft und sie brauchten eine geschlagene Viertelstunde, bis sie endlich in die Tiefgarage des Präsidiums einbogen.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die Neue den zivilen Polizeiwagen steuern zu lassen, wie er es normalerweise bei Praktikanten, Durchläufern, Anwärtern und sonstigen, meistens mehr lästigen als nützlichen Personalzuordnungen handhabte.

Auer hatte die gesamte Fahrt gedankenversunken und schweigend auf dem Beifahrersitz gesessen und nur ab und zu auf die in der Tüte befindliche Visitenkarte in seiner Hand geschaut. Das hatte ihnen noch gefehlt: der sehr wahrscheinliche Auftakt zu einer Serie von Morden! Anders konnte er diese für die Polizei hinterlassene Nachricht nicht deuten.

Würde man ihm den Fall lassen? War sein Team zur Lösung eines so schwerwiegenden Falles überhaupt richtig aufgestellt? Welche Konsequenzen würde es haben, wenn sie versagten?

In Gedanken war er schon während der Fahrt die verschiedenen Optionen, die anstehenden Aufgaben und die jeweils beste personelle Besetzung für die einzelnen Ermittlungen durchgegangen. Allerdings gab es da noch einen Unsicherheitsfaktor oder besser gesagt ein Wissensdefizit, das er auf jeden Fall so schnell wie möglich ein wenig aufzuhellen gedachte.

Als die junge Kollegin den Dienstwagen in eine Parklücke gefahren hatte, ihn ausmachte, den Schlüssel abzog und Anstalten machte auszusteigen, blieb er einfach sitzen. Sie hatte die Tür schon geöffnet, als sie bemerkte, dass er anscheinend nicht vorhatte auszusteigen. Nach kurzem Zögern setzte sie sich wieder ins Fahrzeug, schloss die Tür und blickte ihn auffordernd und fragend zugleich an. Sie sagte nichts und stellte keine Frage. Nur dieser abwartende Blick und der leicht zur Seite geneigte Kopf.

Auer war beeindruckt. Das war jemand nach seinem Geschmack. Er sah ihr forschend direkt in die Augen, wie er es immer tat, wenn er feststellen wollte, ob jemand leicht zu verunsichern war.

Sie war es definitiv nicht. Sehr gut.

„Also, Mädchen“, begann er langsam, ohne den Blick abzuwenden, „wir müssen mal ein paar Dinge klären. Erstens – ich bin grundsätzlich mit allen Kollegen per Du. Anders kann ich nicht mit jemandem zusammenarbeiten. Du darfst mich Ulf nennen. Du darfst mich nicht Arnulf nennen, sonst bist du schneller wieder weg, als du ,oh Verzeihung‘ sagen kannst. Wie möchtest du genannt werden?“

„Coco ... so nennen mich die meisten meiner Freunde.“

Sie stellte nicht die offensichtliche Frage, warum er nicht Arnulf genannt werden wollte, einfach nur eine knappe Antwort ohne großartige Erklärung. Sie gefiel ihm von Sekunde zu Sekunde besser.

„Okay, Coco. Ich muss sagen, das vorhin bei der Leiche hat mich ganz schön beeindruckt. Die meisten Anfänger kotzen wie die Weltmeister, wenn sie das erste Mal so eine Schweinerei sehen. Wenn ich dich in den nächsten Tagen und Wochen richtig einsetzen soll, muss ich ein wenig mehr von dir wissen. Also erzähl mir, wie es kommt, dass du so cool bleiben kannst, was du bisher so gemacht hast und was deine Stärken und Schwächen sind.“

Er lehnte sich bequem in seinem Sitz zurück und wartete ab, wie sie reagieren würde. Sie enttäuschte seine Erwartungen nicht.

Ohne lange Vorreden begann sie, chronologisch zu berichten: von ihrer Jugend auf dem elterlichen Bauernhof im Hunsrück, den Hausschlachtungen von Schweinen, den Prügeleien mit ihren älteren Brüdern, der Schule und dem Abitur auf einem Internat in der Schweiz. Danach über ihren Versuch, ein Psychologiestudium zu einem erfolgreichen Ende zu führen, und ihrem Praktikum in der „Rhein-Mosel-Fachklinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie“ unweit von Koblenz. Diese Klinik diente auch dem Maßregelvollzug für Rheinland-Pfalz. Dort hatte sie erstmals Kontakt mit psychisch gestörten Kriminellen gehabt, deren Taten und Vorgeschichten erfahren und auch die Kriminalbeamten kennengelernt, die mit diesen Personen zu tun hatten. Das hatte sie so sehr beeindruckt, dass sie sich noch während des Praktikums entschlossen hatte, das Studium aufzugeben und sich stattdessen bei der Kriminalpolizei zu bewerben. Nun stand sie am Ende ihrer Ausbildung, und nach dem Praktikum würde sie die Prüfung zur Kriminalkommissarin ablegen.

Erfolgreich ... daran hegte Auer nicht den geringsten Zweifel. Die Kleine beeindruckte ihn. Da er sich nicht die Mühe gemacht hatte, im Vorfeld ihres Praktikums ihre Personalakte zu lesen, musste er sie nun fragen.

„Darf ich fragen, wie alt du bist?“

„23 ... in zwei Wochen“, erwiderte sie, wobei sie mit den Schultern zuckte, als müsse sie sich für ihr jugendliches Alter entschuldigen.

Sie könnte wirklich meine Tochter sein. Du lieber Himmel, da merkt man mal wieder, wie alt man geworden ist.

Er schüttelte sich kurz, um diese unnützen Gedanken zu vertreiben.

„Okay ... ich bin mir sicher, wir können dich in diesem Fall gut gebrauchen. So ein Psychologiestudium hat in unserem Job sicherlich was für sich. Wir werden sehen.“ Er öffnete die Tür und begann auszusteigen. „Dann wollen wir mal zu den anderen Kollegen gehen. Es wird Zeit, dass du sie kennenlernst.“

Der Kellerraum mit lediglich einigen schmalen Oberlichtern an einer Seite, durch die nur wenig Tageslicht in den Raum drang, gehörte ebenfalls zu dem Preis, den Auer für sein vorlautes Mundwerk zahlen musste. Nachdem er vor einigen Jahren seinen unmittelbaren Vorgesetzten, der gleichzeitig der Schwiegersohn des Polizeipräsidenten war, in einem Gespräch mit Kollegen als „Kompetenz­simulant“ bezeichnet hatte und einer eben dieser Kollegen das dem Chef gesteckt hatte, war er so in Ungnade gefallen, dass er bei einer der vielen immer wieder stattfindenden Umstrukturierungen „leider“ umziehen und sein bisheriges Domizil hatte räumen müssen. Sehr zum „Bedauern“ aller Vorgesetzten blieb leider kein anderer Raum übrig als dieses Kellerloch, das durch die Oberlichter auch nur notdürftig belüftet wurde und wo man überwiegend auf Kunstlicht angewiesen war. Aber Auer war ein Mensch, der allem stets etwas Positives abgewann.

Zumindest bot der Raum richtig viel Platz. Er war fast 60 Quadratmeter groß, in der Mitte gab es zwei tragende Stützsäulen, angrenzend befanden sich eine kleine Küche und eine Toilette, und die fünf Schreibtische mit den obligatorischen Computern wirkten fast verloren. Der Platz reichte sogar noch für einen kleinen Besuchertisch, an dem er auch die regelmäßigen Besprechungen abhielt. Der Mangel an Fenstern bescherte der Mordkommission im Gegenzug ausreichend Wandflächen, die mit Packpapierrollen bezogen waren, auf die man sowohl Notizen schreiben als auch Zettel oder Fotos mit Tesafilm ankleben konnte. Alles in allem also gar nicht so schlecht, dachte Auer.

Als er mit Coco den Raum betrat, saßen die restlichen drei Teammitglieder an ihren Schreibtischen und lasen Akten oder arbeiteten am Computer.

Wie meist war es Harry, der als Erster bemerkte, dass Auer nicht alleine den Raum betreten hatte. Er schien besonders dann, wenn das weibliche Geschlecht im Spiel war, einen sechsten Sinn zu haben. Entweder hat er ein superfeines Gehör oder er hat ihr Parfüm gerochen, dachte Auer verwundert.

Harald Kruse war aufgesprungen und kam über das ganze Gesicht strahlend auf die beiden zu. Er richtete sich auf seine vollen 1,62 auf, die sich dank der hohen Absätze seiner Stiefel insgesamt auf 1,72 addierten, und warf sich in die Brust. Das reinweiße Hemd zu der verschlissenen Jeans wirkte edel ... und stand nach Auers Geschmack mindestens zwei Knöpfe zu weit auf. Dadurch entblößte er die haarlose und gut gebräunte Brust. Zusammen mit seinem strahlenden Lächeln und den dunklen, fast schwarzen Haaren erweckte er den Eindruck des smarten Sonnyboys ... der er auch in jeder Beziehung war. Allerdings fand Auer seinen Aufzug so überhaupt nicht alters­entsprechend, was er ihm auch schon mehrfach gesagt hatte.

„Na, Ulf, wen hast du uns denn da mitgebracht? Da die bezaubernde junge Dame hinter dir hergeht, vermute ich mal, dass sie keine Zeugin und erst recht keine Verdächtige ist, hab ich recht?“

Auer hatte keine Lust, alles dreimal zu erklären, weshalb er in den Raum rief: „Hey, Leute, alles mal aufgepasst, ich habe uns ein neues Teammitglied mitgebracht!“

Die beiden anderen drehten sich mitsamt ihren Sesseln an ihrem Arbeitsplatz um und blickten nun auch neugierig geworden in seine Richtung.

„Darf ich vorstellen, das ist unsere neue Kollegin Coco, eigentlich Corinna Crott. Sie ist Kommissaranwärterin und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Ich hatte das Vergnügen – und das meine ich ausnahmsweise mal wörtlich und ernst –, sie heute Morgen bei unserem hohen Chef in Empfang zu nehmen und danach direkt mit ihr an einen Tatort zu fahren. Ich denke, sie ist eine echte Verstärkung für unser Team.“

Er wurde wieder sehr ernst und ergänzte seine Vorstellung mit den Worten: „Der eigentliche Tatort war allerdings überhaupt kein Vergnügen, und ich befürchte, es war nur der erste in einer neuen schrecklichen Serie. Aber dazu gleich mehr. Ich schlage vor, ihr macht euch erst mal miteinander bekannt.“

„Hallo, Schönheit, ich bin Harry. Freut mich, dich kennenzulernen. Wir werden uns sicher gut verstehen.“

Er war freudestrahlend an sie herangetreten, hatte ihre rechte Hand in seine genommen und die linke Hand darübergelegt. Er schüttelte die Hand nicht, sondern hielt sie lediglich fest und starrte ihr unverwandt ins Gesicht.

„Sag ihr lieber gleich, wie alt du bist“, erscholl die Stimme von einem der beiden noch an ihren Arbeitsplätzen sitzenden Kollegen. „Vielleicht steht sie ja nicht auf Opas, und du könntest doch rein theoretisch ihr Großvater sein, oder, Harry?“

Der Sprecher war aufgestanden und hatte sich dem ungleichen Paar genähert. Er streckte die Rechte aus, und widerwillig gab Harry Cocos Hand frei.

„Ich bin Gerd ... Gerd Duben, angenehm. Auf gute Zusammenarbeit.“ Er drückte kurz die ihm angebotene Hand, nickte ihr ernst zu, drehte sich um und begab sich wieder an seinen Arbeitsplatz.

Auer fand sich wieder einmal in seiner Menschenkenntnis bestätigt. Gerd Duben hatte sich genau so verhalten, wie er es vorausgesehen hatte. Er war gespannt, ob Fisch seine Vorhersage ebenfalls so genau bestätigen würde.

„Hallo“, erklang es von dem Schreibtisch aus, an dem der dritte Kollege noch immer auf seinem Drehstuhl saß. „Ich bin Klaus Saibling, aber die meisten nennen mich nur ,Fisch‘.“

Ohne ein weiteres Wort oder eine Erklärung drehte er sich wieder zu seinem Computer um und begann etwas auf der Tastatur zu tippen.

Auer musste in sich hineingrinsen. Genau so hatte er es sich vorgestellt.

Egal, die werden noch genug Gelegenheit haben, sich näher kennenzulernen. Und wenn die Kleine Fragen hat, kann sie sich ja an mich wenden.

„Okay, Leute“, begann er in einem etwas lauteren Ton, „wir haben einen neuen Fall, und ich möchte euch gerne auf Stand bringen. Es ist noch nicht viel, was wir bisher an Fakten haben, aber ich kann euch jetzt schon versprechen, dass wir es hier mit einem verrückten Serientäter zu tun haben. Die heutige Leiche wird wohl leider nicht die einzige bleiben.“

In knappen, präzisen Worten schilderte er die Auffindesituation der Leiche, die grausigen Einzelheiten der Verstümmelung und die am Tatort hinterlassene Visitenkarte. Er schrieb den Namen „Beate FURCH“ auf einen an der Wand hängenden großen Packpapierbogen und das Geburtsdatum und Adresse darunter. Die Daten hatte er dem in der Wohnung aufgefundenen Personalausweis der Toten entnommen.

Keiner der drei anderen Männer war ihm aufgrund besonderer Leistungen oder Heldentaten zugeteilt worden ... im Gegenteil. Ihr gemeinsamer Chef hatte sie alle zur Strafe Auer zugeteilt und in den Keller verbannt. Aber sie waren trotz ihrer Vorgeschichte und „Vergehen“ Profis mit großer Erfahrung und lauschten aufmerksam. Wie immer war Duben der Einzige, der sich noch während des Vortrages Notizen machte, und Auer war sich sicher, dass er eine Liste der anstehenden Ermittlungsaufgaben erstellte. Obwohl er nach seinen Alkoholexzessen und zwei im Suff verschrotteten Dienstwagen zum Oberkommissar degradiert worden war, schätzte Auer ihn als den erfahrensten Todesermittler in seiner Truppe. Auf Gerd konnte er sich verlassen, wäre da nicht die im Hintergrund seines Hirnes nagende Angst gewesen, dass Gerd beim kleinsten negativen Anlass wieder dem Alkohol verfallen könnte. Zwar ging der 35-Jährige regel­mäßig zu seinen Treffen bei den Anonymen Alkoholikern, aber Auer traute dem Frieden nicht wirklich. Es bedurfte vermutlich nur eines kleinen privaten oder beruflichen Misserfolgs und alle guten Vorsätze wären dahin. Er war sich nicht sicher, wie er dem Kollegen helfen und ihn davor bewahren konnte, sich wieder ins Unglück zu stürzen. Er war weder Psychologe noch Psychotherapeut und hatte noch nicht wirklich viel Erfahrung im Umgang mit Alkoholikern.

Aber vielleicht kann Coco mir ja den ein oder anderen Rat geben, kam ihm die Idee. Immerhin hat sie ja Psychologie studiert.

Er war mit seinen Ausführungen am Ende angelangt, aber noch bevor er mit der Verteilung der anstehenden Aufgaben beginnen konnte, meldete sich Fisch mit seiner etwas zu hohen und näselnden Stimme zu Wort: „Ich mache mich schon mal an die Recherche, was das Internet so an Informationen zu der Visitenkarte im Besonderen und zu Serientätern im Allgemeinen hergibt. Oft kopieren die doch einen berühmten Killer, oder? Vielleicht gab es ja schon mal einen ,Dr. Tod‘, könnte doch sein.“

„Gute Idee, danke. Aber ... Fisch ... tu mir einen Gefallen. Bitte bewege dich auf legale Weise im Internet. Komm ja nicht auf die Schwachsinnsidee, vielleicht das Netzwerk des FBI oder so was zu hacken, okay?“

Klaus Saibling grinste. „Na klar, Chef, keine Angst. Ich mach schon keine Dummheiten.“

Fisch hatte sich schon mehrfach Disziplinarverfahren eingefangen, weil er es mit den Vorschriften und dem Gesetz nicht so genau nahm, zumindest was die Gesetze zur Internetkriminalität und den Datenschutz im Allgemeinen anging. Den Vogel hatte er jedoch abgeschossen, als er vor zwei Jahren durch Hacking von Bankkonten und des Netzwerkes einer bekannten Koblenzer Detektei herausgefunden hatte, dass ein hochrangiger Kriminalbeamter des Präsidiums Informationen an besagte Detektei verkauft hatte. Die Beweise hatte er ausgedruckt und an alle Infoboards gepinnt, an denen sonst die Werbung der Gewerkschaften und allgemein interessante Informationen hingen. Diese Aktion hätte ihn normalerweise den Job kosten können ... wenn man ihm denn etwas hätte nachweisen können. Obwohl jedem im Präsidium klar war, dass nur er es gewesen sein konnte, gab es keinerlei stichhaltige Beweise. Er war schlau genug gewesen, diese Recherchen nicht von seinem Bürorechner aus durchzuführen.

Auer war sich nicht sicher, ob sein Spitzname „Fisch“ sich tatsächlich von seinem Nachnamen „Saibling“ ableitete oder doch vielmehr daher kam, dass er es bis heute immer wieder geschafft hatte, sich wie sein glitschiger Namenspatron aus allen gegen ihn eingeleiteten Verfahren herausgewunden zu haben.

Trotz alledem war Auer dankbar, den 30-jährigen Exzentriker in der Truppe zu haben. Er kannte sich mit Computern und dem Internet aus, und er hatte das für einen guten Rechercheur erforderliche Händchen, an den richtigen Stellen nach Informationen zu suchen.

Also ließ er ihn gewähren und hoffte auf nützliche Ergebnisse. Sie würden sie brauchen können.

Kapitel 3

Büro der MK – 09:30 Uhr

Die Aufgaben waren verteilt, und alle machten sich daran, so schnell wie möglich die offenen Fragen zu klären. Auer gab sich keinerlei Hoffnung hin, an diesem ersten Tag schon einen herausragenden Ermittlungserfolg verbuchen zu können. Die Obduktionsergebnisse standen noch aus, und sie wussten bisher so gut wie nichts über das Opfer und sein persönliches Umfeld.

Es galt nun, so schnell wie möglich mehr über sie zu erfahren, die Hausbewohner und Nachbarn zu befragen, auf ihrer Arbeitsstelle nachzuforschen, die Wohnung nach Hinweisen auf den Täter zu durchsuchen und herauszufinden, was es mit der Visitenkarte auf sich hatte.

Die Aufteilung war schnell vorgenommen. Fisch würde im Präsidium bleiben, im Internet recherchieren und der Kriminaltechnik auf den Wecker gehen, was sie auf die Schnelle zu der Visitenkarte sagen konnten.

Harry hatte sich beeilt, die neue Kollegin unter seine Fittiche zu nehmen und sich mit ihr zur Arbeitsstelle des Opfers auf den Weg zu machen – einer aufstrebenden Werbeagentur mitten in Koblenz.

Ulf Auer wollte gerade mit Gerd Duben zur Wohnung der Toten aufbrechen, als das Telefon läutete. Sofort nachdem er abgehoben und sich gemeldet hatte, bereute er, sich nicht eine Minute früher auf den Weg gemacht zu haben.

„Wasgau“, erklang die Stimme seines direkten Vorgesetzten, „was haben Sie bisher herausgefunden?“

Wie immer kurz angebunden und mit einer völlig unangebrachten Frage zu diesem frühen Zeitpunkt.

„Na ja, wir kennen immerhin schon den Namen des Opfers, und wir wissen, dass sie ziemlich tot ist, seit ihr Kopf vom Rumpf getrennt wurde. Alles Weitere wird wohl noch einen Moment dauern.“

„Ich bin nicht aufgelegt für Ihren kranken Humor, Auer. Ich brauche Ergebnisse. Kriminaldirektor Müller hat für 17:00 Uhr eine Pressekonferenz angesetzt. Also sehen Sie zu, dass ich nicht wie ein Idiot ohne Erkenntnisse dastehe, ist das klar?“

Er wartete keine Antwort ab, sondern beendete die Verbindung.

„Blödes Arschloch“, stieß Auer hervor, als er den Hörer auf die Gabel knallte. Er verschwendete keinen Gedanken daran, ob sein Chef es noch gehört hatte oder nicht. Wohl eher nicht. Und wenn doch, war es ihm gerade scheißegal.

„Wasgau?“, fragte Duben.

„Wer sonst? Der Idiot hat sich eine Pressekonferenz um 17:00 Uhr aufs Auge drücken lassen, und jetzt geht ihm natürlich der Stift, dass er noch nicht genug Informationen hat, um mal wieder vor der Presse zu glänzen.“

Er hasste Wasgau von ganzem Herzen. Grundsätzlich hätte er diesen Schwachkopf eigentlich nur bedauern können, aber als Leiter des Kommissariats 11 und somit als sein direkter Vorgesetzter machte er ihm und seinen Leuten das Leben schwer. Er bestach durch außergewöhnliche Unfähigkeit, totale Uneinsichtigkeit und noch einige andere „Un-“s, die ihn zum Todfeind aller gerechten Ermittler machen mussten. Niemals hätte er diesen Posten bekommen, wäre er nicht gleichzeitig der Schwiegersohn des Polizeipräsidenten gewesen.

Auer schüttelte diese Gedanken ab und widmete sich wieder dem Hier und Jetzt.

„Komm, Gerd, lass uns zur Wohnung fahren und sehen, was wir da noch finden können. Vielleicht hilft uns ja irgendwas weiter.“

***

Die Werbeagentur lag in der Innenstadt von Koblenz in einem wenig beeindruckenden Altbau in der Nähe des Löhr-Einkaufscenters und war im zweiten Stock beheimatet. Harry und Coco hatten sich vom PP aus zu Fuß auf den Weg gemacht, da die Agentur nur etwa 100 Meter Luftlinie entfernt lag.

Auf dem Fußweg hatte sie immer wieder verstohlen zur Seite gesehen und den seltsamen Kollegen beobachtet. Sie hatte einfach noch zu wenig Informationen, um ihn richtig einzuschätzen. Sie schätzte ihn auf deutlich über 50, obwohl er sich kleidete und verhielt wie ein 30-Jähriger. Sein betont federnder Gang, die hochhackigen Stiefel und die trotz der warmen Witterung mitgeführte Lederjacke – die er jetzt allerdings locker an einem Finger hängend über der Schulter trug – verstärkten den Eindruck. Irgendwie erinnerte er sie an einen alternden Playboy, wie man ihn hin und wieder in den Gazetten der Regenbogenpresse abgebildet sehen konnte.

Aber sie wollte sich nicht vorschnell ein Urteil bilden. Zu groß war die Gefahr, dass sie ihn völlig falsch einschätzte. Das war ihr zumindest bei Auer ja auch passiert. Als der sie bei einem seiner Vorgesetzten in Empfang genommen hatte, war ihr erster Eindruck der eines unscheinbaren, unauffälligen und etwas griesgrämigen Ermittlers mittleren Alters gewesen. Er war mittelgroß, so etwa 1,80, neigte ein wenig zur Fülligkeit um die Hüften, hatte straßen­köterbraune Haare, die bereits ausgeprägte Geheimratsecken aufwiesen, und kleidete sich ... ihr fiel nichts anderes ein als ... durchschnittlich. Niemand, nach dem sie sich auf der Straße umgedreht hätte, und erst recht niemand, den sie für den Chef einer Mordkommission gehalten hätte.

Alles, was danach geschehen war, hatte sie allerdings beeindruckt. Er hatte sie den Dienstwagen fahren lassen, sie sofort an einen Tatort mitgenommen und sie nicht, wie sie es schon öfters erlebt hatte, irgendwo draußen warten lassen, bis die Erwachsenen ihre Arbeit getan hatten.

Coco hasste es, wenn Ältere sie aufgrund ihrer Jugend wie ein Kind behandelten und ihr grundsätzlich nichts oder nur wenig zutrauten. Sein Lob über ihre „Abgebrühtheit“ und sein Interesse an ihrer Vorgeschichte hatten sie beeindruckt, und seine so positive Vorstellung ihrer Person vor den Kollegen hatte sie mehr als nur ein wenig gefreut. Sie konnte sich vorstellen, gut mit ihm zusammenarbeiten zu können. Das Gleiche konnte sie allerdings von den drei anderen Kollegen noch nicht sagen, die ihr zumindest etwas seltsam vorkamen.

Ich werde wohl Erkundigungen einziehen müssen, um was für Vögel es sich bei denen handelt, dachte sie im Stillen.

„Na, Mädchen“, unterbrach Harry in diesem Moment ihre Gedanken, „hast du denn schon einen Freund in Koblenz? Bist du liiert oder solo? Wo bist du denn untergekommen, so wohntechnisch, meine ich?“

Was soll das denn werden? Baggert der mich gerade an?

Sie entschloss sich, möglichst neutral zu reagieren, ihm aber gleichzeitig seine Grenzen aufzuzeigen.

„Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du mich Coco und nicht ,Mädchen‘ nennst. Und ja, ich habe einen festen Freund, und wo ich wohne, können wir ein andermal austauschen. Im Moment würde mich mehr interessieren, was wir auf der Arbeitsstelle des Opfers fragen wollen und wie du gedenkst, dabei vorzugehen.“

Harry verharrte in seinem Schritt, blieb mitten auf dem Bürgersteig stehen und sah sie erstaunt an.

„Wow, du bist aber für jemanden in deinem Alter ganz schön selbstbewusst, Mädch... äh ... Coco. Find ich toll. Nichts für ungut, ich wollt nur Konversation machen.“

Er begann langsam weiterzugehen und schien zu überlegen, was er nun sagen sollte.

„Also ... nun ja ... das kommt drauf an ...“

„Worauf?“

„Na ja ... was die da in dem Laden so über unser Opfer sagen. Wir sollten halt versuchen herauszufinden, ob sie beliebt oder unbeliebt war, ob sie Feinde hatte oder jemanden, der auf ihren Job scharf war, so was halt. Es wäre nicht das erste Mal, dass einer auf einen Superjob scharf ist und den unliebsamen Konkurrenten aus dem Weg schafft. Lass mich einfach reden und hör zu.“

Grundsätzlich leuchtete Coco die Vorgehensweise ein, aber so leicht wollte sie nicht aufgeben oder zurückstecken.

„Darf ich denn auch was fragen, wenn mir etwas einfällt?“

Harry Kruse schien sie misstrauisch zu beäugen, nickte nach kurzem Zögern aber dennoch.

„Na klar, tu dir keinen Zwang an.“

Coco war sich nicht sicher, ob er so locker drauf war, wie er gerade tat.

Zehn Minuten später saßen sie beide in einem modernen und geschmackvoll eingerichteten Büro einer total verheult aussehenden jungen Frau Mitte zwanzig gegenüber. Die Mascara hatte schwarze senkrechte Linien auf ihren Wangen hinterlassen, und entweder hatte es ihr noch niemand gesagt oder es war ihr egal.

„Frau ... äh“, Harry musste einen Blick auf das kleine schwarze Notizbüchlein werfen, in dem er erst eben einen Eintrag vorgenommen hatte, „Sedansky, was können Sie uns über Beate Furch erzählen? War sie beliebt, hatte sie Feinde, was wissen Sie über ihr Privatleben?“

Coco war genauso gespannt, wie Harry es zu sein schien, was ihnen die Sekretärin des Mordopfers erzählen würde ... und wurde wohl auch genauso enttäuscht. Unterbrochen von mehreren krampfartigen Heulattacken, längerem Schluchzen, Schniefen und immer wieder Naseputzen, erzählte sie ihnen ... eigentlich mehr oder weniger nichts.

Beate Furch sei „unheimlich“ beliebt gewesen, hätte keine Feinde gehabt, niemand hätte ihr nach dem äußerst lukrativen und verantwortungsvollen Job getrachtet, und über ihr Privatleben wisse sie leider gar nichts.

Auf die Nachfrage, ob ihr Freunde von Frau Furch bekannt seien, die vielleicht mehr über ihr Privatleben sagen könnten, musste sie eingestehen, dass ihr keine Freunde bekannt seien, weder in noch außerhalb der Firma.

Na also, dachte Coco ein wenig enttäuscht, doch wieder nur leeres Gewäsch. Beliebt, keine Feinde, aber auch keine Freunde oder irgendjemand, mit dem sie privaten Kontakt gepflegt hätte.

Sollte es Animositäten oder gar Feindschaften innerhalb der Firma gegeben haben, wurde das nun alles fein säuberlich unter den Teppich gekehrt.

De mortuis nil nisi bene, schoss es ihr durch den Kopf, was entgegen der allgemeinen Ansicht nicht etwa bedeutete, dass man über Verstorbene nichts Schlechtes oder nur Gutes reden solle. Wörtlich übersetzt bedeutete es eher, dass man, wenn man über Verstorbene nichts Gutes sagen könne, lieber schweigen solle. Letztlich war es aber egal, denn in der Auswirkung kam es auf das Gleiche hinaus: Selten hörte man von Verwandten, Freunden oder Kollegen, dass das Opfer einer Straftat ein riesiges Arschloch gewesen sei, mit dem es eigentlich kaum jemand ausgehalten hatte. Immer waren alle „gut, nett, freundlich und jedermanns Darling“ gewesen. „So ein Unglück, dass der oder die Arme jetzt leider tot ist.“

Ihr fiel wieder einmal der Spruch aus einer Todesanzeige ein, den sie einmal gelesen hatte. Er war wohl gut gemeint gewesen – zumindest vermutete sie das –, aber völlig sinnentstellt beim Leser angekommen:

Dich zu verlieren fiel uns schwer,

dich zu vermissen noch viel mehr.

Coco merkte, wie ihre Gedanken immer weiter abschweiften, je länger sie dem nichtssagenden Geblubber der heulenden Sekretärin zuhören musste. Krampfhaft versuchte sie, sich eine sinnvolle Frage einfallen zu lassen, die sie vielleicht etwas voranbrachte. Es wollte ihr nicht gelingen.

Eine Durchsuchung des Schreibtisches der Marketingleiterin der Werbeagentur erbrachte auch nichts Erwähnenswertes. Keine verdächtigen Kalendereinträge, keine Hinweise auf einen Freund oder eine Freundin und kaum etwas Persönliches außer ein paar wenige Schminkutensilien. Coco war nach Sichtung der vorhandenen Unterlagen noch nicht einmal in der Lage, etwas zur sexuellen Orientierung des Opfers zu sagen.

Koblenz-Moselweiß – 10:30 Uhr

Auer war hochgradig unzufrieden mit der Entwicklung bis zu diesem Zeitpunkt. Was war das für eine Frau, die einen so guten Job hatte, in einer tollen Wohnung wohnte und man dort so gut wie nichts über ihr Privatleben fand? An den Wänden hingen preiswerte, aber geschmackvolle abstrakte Drucke, es gab ein paar Pflanzen, aber nirgendwo die sonst üblichen Bilder aus der Freizeit oder dem Urlaub. Auer war es gewohnt, dass die meisten Menschen, wenn schon nicht als Selbstdarsteller, dann wenigstens für sich selbst bestrebt waren, durch Erinnerungsfotos an den Wänden an den Urlaub oder irgendwelche Feierlichkeiten eine schöne Erinnerung stets vor Augen zu haben. Bei Beate Furch war nichts von alldem der Fall. Sie fanden auch keine Fotoalben in den Schränken oder in ihrem Schreibtisch. Sie schien zudem keine aufwendigen sportlichen Aktivitäten betrieben zu haben, denn es waren nirgends Sportklamotten zu finden, außer einem einzigen Outfit, wie man es in einem Fitnessstudio tragen würde.

Auf einem kleinen Schränkchen im Flur hatten sie eine Einladung zu einem Termin für einen Schönheitschirurgen gefunden, wobei der Termin zu einer Zeit hätte stattfinden sollen, an dem Beate Furch bereits nicht mehr unter den Lebenden geweilt hatte.

Auer wühlte sich gerade mit wachsender Frustration durch die Hochschränke der Küche, als aus dem Wohnzimmer Gerd Dubens Ruf erscholl: „Ulf, schau mal, ich bin im Computer unseres Opfers drin.“

Er ließ die Küche Küche sein und eilte zu Duben. Den Laptop hatte er ihm freiwillig überlassen, da er nicht wirklich viel von moderner Technik verstand.

„Ich bin stolz auf dich, Gerd“, verkündete er und nickte ihm anerkennend zu.

Der verzog säuerlich den Mund und gab ein wenig widerwillig zu: „Ich würde mir das zwar gerne auf die Fahne schreiben lassen, aber in diesem Fall hättest sogar du das hingekriegt. Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt noch Leute gibt, die ihren Rechner nicht im Geringsten schützen. Aber unser Opfer scheint zu dieser seltenen Kategorie Mensch gehört zu haben. Ich habe das Teil angemacht, und dann ist es einfach hochgefahren, ohne was zu fragen oder ein Passwort zu verlangen. Schon seltsam, oder?“

Sie setzten sich gemeinsam an den Schreibtisch, und Auer überließ es Duben, sich durch die Dateien zu klicken. Neidlos musste er anerkennen, dass Beate Furch zu den ordentlichsten und organisiertesten Menschen gehört zu haben schien, die ihm je untergekommen waren. Alle Ordner auf dem Laptop waren ordentlich durchnummeriert und aussagekräftig beschriftet. Zu ihrer beider Überraschung befand sich nichts Persönliches oder Privates darunter. Alles hatte mit ihrem Job in der Werbeagentur zu tun.

„Was war das denn für eine seltsame Frau?“, fragte Duben und sah Auer stirnrunzelnd an. „Nichts Privates, nichts über einen Freund oder den Urlaub, so was hab ich ja noch nie gesehen.“

„Komm, lass das Teil in Ruhe, wir nehmen es mit und machen uns wieder auf den Weg ins Präsidium. Sollen die Techniker sehen, ob sie noch was auf dem Computer rausfinden können.“

Aber Duben war noch nicht ganz am Ende seines Lateins.

„Einen kleinen Moment noch, eines können wir noch nachsehen. Ich will mal nachprüfen, ob ich über den Browserverlauf sehen kann, auf welchen Webseiten sie war. Vielleicht sagt uns das ja was.“

Auer war sich nicht sicher, ob das etwas bringen würde, aber er hätte niemals einem Kollegen einen Ermittlungsansatz madig gemacht. Man konnte schließlich nie wissen. Also sah er geduldig zu, wie Duben verschiedene Symbole anklickte, worauf eine lange Liste von teilweise kryptischen Internetadressen auftauchte.

Mit einem Mal setzte Duben sich aufrecht hin und blickte mit einem verwunderten Blick zu seinem Kollegen.

„Na, was haben wir denn da?“

„Was hast du gefunden?“, fragte Auer nun neugierig geworden nach.

„Hier, schau mal diese Webadresse. Sagt dir das nichts?“

Auer blickte auf den Computer und versuchte die Adresse zu entziffern:

www.girls-for-girls.tv/meet/gehvm8799221335.htm

Auer hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, dass ihm das irgendetwas sagen würde.

„Keine Ahnung“, gab er zu. „Was bedeutet das?“

„Na, dann lass dich mal überraschen.“

Duben klickte auf die Adresse und es öffnete sich eine Internetseite. Plakative Bilder halb- oder sogar vollständig nackter Frauen wiesen darauf hin, dass es sich um eine Sex-Seite handelte, allerdings eine Seite besonderer Art. Die große Überschrift „Dating Portal für Lesben und bisexuelle Frauen“ zeigte den genauen Zweck dieser Seite auf.

„Ich habe noch einige andere besuchte Seiten gefunden, bei denen es um das gleiche Thema geht. Teilweise recht pornografische Seiten, aber auch ein paar ganz offizielle Partnervermittlungen, die es in dieser Form auch für Heteros gibt, nur halt in diesem Fall speziell für Lesben. Die anderen kennst du vielleicht auch aus der Werbung, PARSHIP und so was.“

Duben warf einen Seitenblick auf Auer, der sich aber entschloss, auf diese Andeutung nicht zu reagieren. Er wartete einfach ab, bis Duben fortfuhr.

„Ich gehe mal ganz stark davon aus, dass unser Opfer lesbisch war und deshalb auch ein Geheimnis aus ihrem Privatleben gemacht hat.“

Das machte Auer auf jeden Fall einiges klar, zum Beispiel, warum niemand in ihrem Arbeitsumfeld etwas über einen Freund wusste. Die Frage, die sich angesichts dieser neuen Erkenntnis aber stellte, war, ob ihre sexuelle Präferenz der Grund dafür war, dass sie zum Opfer geworden war.

War der Täter vielleicht eine Täterin? Oder handelte es sich um einen Schwulen- und Lesbenhasser? Diese Fragen waren derzeit noch nicht zu beantworten, und Auer befürchtete, dass erst weitere Taten des Täters oder der Täterin Aufschluss darüber geben würden. Vielleicht erbrachte ja auch die Obduktion einen Hinweis auf das Geschlecht des Täters – was allerdings noch immer nichts über die Motivation oder den Auslöser der Tat sagen würde.

„Pack bitte den Rechner ein, wir nehmen ihn mit ins Präsidium, und dort soll sich ,Fisch‘ das Ding noch mal genauer ansehen. Vielleicht findet er als Computerexperte ja noch was.“

Er warf einen letzten Blick ins Rund der Wohnung und zuckte dann mit den Schultern.

„Ich sehe momentan nicht, was wir hier noch finden könnten. Offensichtlich hat sie ihre Neigungen woanders ausgelebt. Wir sollten uns im PP zusammensetzen und beratschlagen, wie wir weiter vorgehen müssen.“

Gleichzeitig nahm er sich vor, mit dem zuständigen Gerichtsmediziner in Mainz zu telefonieren, ob der inzwischen schon etwas über die Ergebnisse der Obduktion sagen konnte. Auer ging davon aus, dass ein solch gravierender Fall sofort auf dem Tisch des leitenden Obduzenten landen würde und der vielleicht schon Ergebnisse hatte.

Kapitel 4

11:00 Uhr

Ich muss innerlich auflachen, wenn ich daran denke, was die Polizei jetzt wohl gerade ermittelt. Es fällt mir nicht schwer, mich in ihre Gedankengänge zu versetzen. Vermutlich werden sie inzwischen herausgefunden haben, was das Geheimnis des armen Fräulein Furch gewesen ist.

Aber ich muss vorsichtig sein, dass ich nicht laut lache, denn die Kollegen würden sich sicherlich wundern, warum ich am Arbeitsplatz sitze und laut vor mich hin lache. Zumindest wäre ich in Erklärungsnot. Muss ja nicht sein. Einige sehen mich sowieso in letzter Zeit ziemlich seltsam an. Ich vermute stark, dass ihnen bewusst ist, dass ich ihnen geistig so haushoch überlegen bin, dass sie sich wundern, warum ich einen so trivialen Arbeitsplatz besetze.