11,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 11,99 €
Ein junger Außenseiter, ein mächtiges Geheimnis und die gefährliche Kunst der Manipulation. 1555: Der junge Jeló wird von seiner Roma-Sippe an einen umherziehenden Bader und Scharlatan verkauft. Während er das Handwerk des Heilens erlernt, entdeckt er eine sehr wertvolle Gabe: die Fähigkeit, ganze Menschenmengen in einen tranceähnlichen Wachschlaf zu versetzen – und sie nach seinem Willen zu lenken. Sein Meister fordert immer mehr, sein Können wächst, doch mit jeder neuen Machtdemonstration steigt die Gefahr. Als die Inquisition auf ihn aufmerksam wird, bleibt ihm nur die Flucht zu einem einflussreichen Gönner. Dort eröffnet sich ihm eine Welt des Wissen und der Macht, von der er nie zuvor zu träumen wagte. Welchen Pfad wird Jeló wählen? Den des charismatischen Heilers, des gebildeten Klerikers oder des raffinierten Liebesdieners? Und welche Bedeutung hat sein auffälliges Muttermal? Eine atemberaubende Reise durch das Europa der Renaissance – von den Märkten Nordspaniens über die Pyrenäen bis zum Klosterberg Mont-Saint-Michel.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2025
Titel
Impressum
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
Nachwort
Autorin
Scharlatan und Heilsbringer
Feuertänzer–Saga 1
S.A. Urban
Urban, S.A.: Jeló – Scharlatan und Heilsbringer
Hamburg, acabus Verlag 2025, 1. Auflage 2025
Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
ePub-eBook: 978-3-86282-886-9
Lektorat/Korrektorat: Amandara M. Schulzke, acabus Verlag
Umschlaggestaltung, Buchsatz & Innengestaltung: Phantasmal Image
Coverfoto: Tanja und Jürgen Lörcher
Autorenfoto: privat
Druck: CPI Books GmbH, Birkstraße 10, 25917 Leck, Mail: [email protected]
Der Verlag behält sich das Text- and Data-Mining nach § 44b UrhG vor, was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg
acabus Verlag (www.bedey-thoms.de), [email protected]
©acabus Verlag, Hamburg 2025
1555, in der Nähe von Miranda el Ebro, Kastilien
Die Macht der Seele kann man in den Augen des Menschen sehen, wenn seine Augen klar, hell und durchsichtig sind, weil die Seele mit Macht im Körper wohnt, um recht viele Werke in ihm zu vollbringen. Die Augen des Menschen sind nämlich die Fenster der Seele.
Hildegard von Bingen (1098–1179)
A ls der dunkelhaarige Fremde mit dem buschigen Schnauzer an diesem Abend an unser Feuer trat, glaubte ich noch, dass Tibor sich um das Wohlergehen aller Sippenmitglieder gleich sorgte.
Miloš’ Geige verstummte, die Tänzer hielten in ihren Bewegungen inne und alle Augenpaare richteten sich auf den fremden Mann. So manche Hand griff an den Gürtel, wo sich die Messer und Dolche versteckten. Keiner hatte ihn kommen hören. Unbehelligt war er durch die Wagenburg und die Zelte gelaufen, ohne dass eine der Wachen ihn bemerkt hätte.
Der Fremde trug ähnliche Kleidung wie wir. Ein zerschlissenes rotes Hemd und dunkle Hosen. Die schlammigen Stiefel zeigten, dass er kein armer Teufel war. Nur Tibor trug in unserer Sippe solches Schuhwerk. Ein schwarzer Haarschopf, durch den sich erste graue Strähnen zogen, ließ den Fremden als einen der Unseren erscheinen.
Der Feuerschein malte Schatten auf sein Gesicht, während er sich umblickte. Seine Hände hingen locker an den Seiten herab. Er machte keine Anstalten, nach dem langen Dolch zu greifen, der vorn im Bund steckte.
Sein Blick tastete unsere Gruppe ab, als suche er jemanden. Als er Tibor sah, der auf einem Baumstamm dicht am Feuer saß, wandte er sich ihm zu. Anders als die anderen war Tibor nicht aufgesprungen, als der Fremde in unseren Kreis getreten war. Stumm musterten sich die beiden Männer, während die Umstehenden den Atem anhielten.
»Mein Name ist Pablo.«
Ein leises Raunen ging durch die Menge, als der Fremde in Romanes – unserer Sprache – zu reden begann.
»Ich bin auf dem Weg nach Osten und wollte euch einen höflichen Besuch abstatten.« Er nahm einen Beutel von der Schulter und zog eine dickbauchige Flasche hervor. »Ich habe ein Geschenk mitgebracht und hoffe, ihr nehmt es an.«
»Willkommen, Pablo. Willkommen. Setz dich und erzähl uns, was dich zu uns führt«, sagte Tibor und Vladir räumte seinen Platz. Der Fremde setzte sich wie selbstverständlich hin, entkorkte die Tonflasche und hielt sie Tibor entgegen. Mit einem Kopfnicken forderte unser Anführer ihn auf, den ersten Schluck zu trinken. Pablo nahm einen ausgiebigen Zug, wischte sich über seinen Schnauzer und hielt ihm die Flasche erneut hin. Dann strich er sich durch das lockige Haar. »Ich bin Heiler …«
»Ein Heiler? Dann bist du bei uns genau richtig«, rief Tibor und winkte Douchka zu sich heran. »Mein Weib leidet seit Wochen unter einer Unpässlichkeit, die unser Beisammensein beeinträchtigt. Ich spiele mit dem Gedanken, mir ein zweites zu nehmen.« Lachend zog er Douchka heran. Beschämt wandte die Dunkelhaarige das Gesicht ab.
»Du hast bestimmt einen Trank oder ein Pülverchen, was ihr helfen kann.«
»Sicher habe ich solche Dinge. Dieser Sud, mit welchem wir gerade anstoßen, hilft zum Beispiel bei vielfältigen Leiden wie Ruhr, Pest, schmerzenden Furunkeln, Taubheit oder schwacher Manneskraft.«
»Schwache Manneskraft ist nicht mein Problem. Mein Weib braucht Heilung.«
Pablo hob beschwichtigend die Hände. »Ich heile mit Tränken, aber vor allem heile ich mit meinen Augen. Mit meinen Augen und meinen Händen.«
»Was? Du willst mein Weib betatschen?« Tibor funkelte ihn an. »Ist das deine Masche, an anderer Leute Weiber zu kommen?«
»Meine Hände sind wirkungsvoller als so mancher Trank. Mit Tränken, Pulvern und Salben verdiene ich mir zwar ein Zubrot, wirkliche Heilung aber verschaffe ich, wie ich sagte, mit meinen Augen und meinen Händen. Wenn du es wünschst, kann ich deiner Frau Linderung verschaffen. Aber natürlich nur mit deinem Einverständnis.«
Tibor maß den Mann mit finsteren Blicken. »Tu es! Hier! Vor aller Augen!«
Pablo strich sich wieder über seinen Schnauzer. »Normalerweise heile ich in der Abgeschiedenheit meines Karrens.«
»Hier und jetzt!« Tibor schob Douchka nach vorn und raunte ihr zu: »Geh! Ich pass auf.«
Die Umstehenden zogen in Erwartung einer besonderen Vorstellung den Kreis enger. Dicht an dicht standen sie, wobei die Kinder sich zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch nach vorn drängten. Von einem erhöhten Aussichtspunkt auf einem Wagen schaute ich über die Köpfe der Umherstehenden hinweg auf den geheimnisvollen Fremden.
Douchka stützte die Hand in ihre Hüfte. »Was muss ich tun, damit du mir helfen kannst?« Herausfordernd sah sie Pablo an. Ihre Augen blitzten.
»Du musst nichts tun, Weib. Alles, was ich wissen muss, wirst du mir gleich sagen.«
»Hier? Vor meiner ganzen Sippe?« Sie lachte auf. »Das glaube ich kaum.«
»Willst du Heilung?« Pablo stand auf und fing ihren Blick. »Willst du mit deinem Mann wieder glücklich sein? Willst du ihm Lust schenken und Freude empfangen?«
Douchkas Blick irrte von seinem Gesicht zu dem ihres Mannes.
»Wenn ja, schau mir in die Augen«, fuhr Pablo unbeirrt fort. »Vertraue mir! Es wird dir nichts geschehen.« Er legte eine Hand auf ihre Schulter. »Schau mir in die Augen und sieh die Unendlichkeit in ihnen! Verliere dich darin!«
Stumm standen sie sich gegenüber und sahen sich an. Douchkas unsteter Blick wurde ruhig. Ihre Hand, die sie herausfordernd in die Hüfte gestemmt hatte, sank kraftlos herab.
Der Feuerschein ließ Schatten wie unheimliche Gestalten über die beobachtende Menge tanzen. Niemand flüsterte. Niemand bewegte sich. Die Menge starrte gebannt auf den Fremden und das Weib ihres Anführers. Sie standen sich so dicht gegenüber, dass es als unziemlich gegolten hätte, wenn hier nicht offensichtlich etwas Geheimnisvolles abgelaufen wäre. Das sah jeder von uns.
Pablo fasste Douchka an den Oberarmen. »Lass los.« Seine Stimme war leise, flüsternd, eindringlich. »Lass los! Schwebe, gleite, falle! Tiefer und tiefer.«
Douchkas Augenlider flatterten, als stände sie kurz vor einer Ohnmacht, dann schlossen sie sich. Ihre Schultern sanken nach vorn, ihr Kinn fiel ihr auf die Brust. Pablo beugte sich vor. Ihre Häupter berührten sich, als er ihr etwas ins Ohr flüsterte,.
»Hier«, sagte sie mit schläfriger Stimme und legte die Hände auf ihre Röcke, dahin, wo sich ihr Schoß befand.
Pablos Lippen berührten fast ihr Ohr. Er raunte tief und eindringlich, fast tonlos.
»Es tut aber weh!« Douchkas Stimme klang weinerlich wie die eines kleinen Mädchens.
Unbeirrt sprach Pablo weiter. Seine Stimme wechselte ihren Tonfall und klang jetzt wie ein Zischen.
»Ja, ich sehe es«, sagte Douchka. Ein Beben ging durch ihren Körper. Ihre Hände wanderten nach unten. Ein Keuchen ging durch die Menge, als diese sich einen Weg zwischen ihre Schenkel bahnten. Pablo trat mit geschlossenen Augen einen Schritt zurück. Seine Hände streckte er nach vorn, als hielte er noch immer ihre Schultern. Sein Kopf sank nach hinten. Adern traten an seinem Hals hervor. »Atme es ein! Nimm es auf! Nimm es ganz tief in dich auf«, rief er laut hörbar.
Douchka atmete schneller, so, als renne sie einen Berg hinauf. Sie fiel auf die Knie, beugte ihren Rücken und rieb sich zwischen ihren Schenkeln.
»So ist es gut. Genauso«, ermunterte Pablo.
Tibor sprang auf. Pablo hielt ihn mit einer eindringlichen Geste zurück. »Lass sie! Die Heilung arbeitet jetzt in ihr und braucht ihre Zeit. Du wirst bald merken, dass es ihr besser geht.«
Er legte Tibor blitzschnell die Hand in den Nacken und zog ihn zu sich heran. »Lass dir sagen, mein Freund …« Die nächsten Worte gingen wieder in zischendes Raunen über. Tibors Augen wurden glasig, während er lauschte.
Die Menge wich zurück, als Pablo sich umdrehte und seinen Weg durch sie hindurch bahnte.
»Morgen«, rief er über seine Schulter. »Morgen komme ich wieder. Dann hole ich mir meinen Lohn.«
Keiner hielt ihn auf, als er in der Dunkelheit verschwand. Alle richteten ihren Blick auf die am Boden kauernde Douchka. Tibor trat auf sie zu, warf ihr eine Decke über die Schultern, half ihr beim Aufstehen und führte sie in seinen Wagen. Getuschel erklang und so manches Mal fiel das Wort Zauberei. Nur zögernd löste sich die Gruppe auf.
Ich zog mich zu meinem Schlafplatz unter einem der Wagen zurück und lauschte den Gesprächen. Was hatte der Fremde getan? War das wirklich Zauberei? Über mir hörte ich die nächtlichen Geräusche von Tibor und Douchka. Schon lange war es nicht mehr so laut bei ihnen gewesen. Es klang, als würden sie ihren Wagen aufräumen, Dinge herumschieben, um sie dann sofort wieder an die alte Stelle zu rücken. Trotz der Geräusche über mir schlief ich ein.
***
Alles, was geschieht und uns zustößt, hat seinen Sinn, doch es ist oft schwierig, ihn zu erkennen. Auch im Buch des Lebens hat jedes Blatt zwei Seiten: die eine schreiben wir Menschen selber mit unserem Planen, Wünschen, Hoffen, aber die andere füllt die Vorsehung, und was sie anordnet, ist selten so unser Ziel gewesen.
Eljâs ebn–e Jussef Nizâmî(1141–1209)
I ch lief über langes Gras. Es fühlte sich weich und federnd unter meinen bloßen Füßen an. Jelena und Anna schlenderten hinter mir her.
»Ich habe Jelena erzählt, dass du es mit fünf Äpfeln kannst.« Anna beeilte sich, um mit mir Schritt zu halten. Erwartungsvoll sah sie mich an. Immer wieder strauchelte sie auf dem unebenen Boden, was sie aber nicht davon abhielt, an meiner Seite zu bleiben.
»Ich habe keine Äpfel«, sagte ich und steuerte ein Wäldchen an. Seit Wochen hatte ich bemerkt, wie die Mädchen kicherten, wenn ich mich in ihrer Nähe befand. Dass sie mich jetzt verfolgten, verstörte mich zutiefst.
»Aber Jelena hat welche. Nicht wahr, Jelena?«, fragte Anna und sah zu ihrer Freundin.
»In Ordnung.« Genervt blieb ich stehen und drehte mich zu ihnen um. »Gib sie her!«
Anna sah ihre Freundin auffordernd an. »Los mach!«
Jelena öffnete einen Beutel, zog ein paar kleine Holzäpfel hervor und hielt sie mir hin. Erwartungsvoll sah sie mich an. Ich griff mir fünf Stück und ließ die Äpfel in der Luft wirbeln. Die Mädchen sahen mir mit großen Augen zu. Ich hatte mir dieses Kunststück im letzten Winter selbst beigebracht. Abgeschaut hatte ich es mir bei einem Gaukler. Er hatte mit rohen Eiern jongliert und diese am Ende auf den Köpfen der Zuschauer zerschlagen. Das hatte zu großen Heiterkeitsausbrüchen geführt. An Eier kam ich nicht heran, deshalb mussten Äpfel, Steine oder Ähnliches herhalten. Nach und nach ließ ich einen Apfel nach dem anderen ins Gras fallen und verbeugte mich tief vor Jelena und Anna. Beide applaudierten.
»Wunderbar«, rief Anna.
»Wirklich wunderbar«, wiederholte Jelena und strahlte mich an.
»Und? Was bekomme ich für meine Kunst?« Ich sah die Mädchen an, die ihre Augen niederschlugen und unruhig von einem Bein aufs andere traten.
»Sag’s ihm!« Anna stieß Jelena in die Seite.
»Sag du’s ihm doch!« Jelena lief rot an.
Anna sah mich an. »Du hast recht. Du solltest eine Bezahlung erhalten. Dein Lohn ist ein Kuss. Ein Kuss von Jelena.«
Jelena trat einen Schritt vor, spitzte ihre Lippen und reckte mir ihr Gesicht entgegen. Ihre Augen kniff sie zusammen.
»Ähm …«, stotterte ich. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet.
»Eine Bezahlung darf man nicht zurückweisen«, erklärte Anna und schob ihre Freundin vor. »Du beleidigst uns sonst.«
Mit einem Schubs prallte Jelena gegen mich. Ihre Lippen trafen meinen Mundwinkel und ihre großen dunklen Augen starrten mich einen Augenblick lang an. Dann drehte sie sich um und lief davon. Anna hinterher. »Und wie war‘s?«, hörte ich sie rufen.
»Wundervoll«, war Jelenas Antwort.
»Wundervoll«, wiederholte Anna kichernd.
Verdutzt schaute ich ihnen nach. Mein Kopf konnte nicht begreifen, was gerade geschehen war. Ich hob die Äpfel auf, warf sie nacheinander in die Luft. Mädchen … Wer verstand die schon? Irgendwie wurden sie in letzter Zeit immer seltsamer.
Mit aufkommender Dunkelheit trieb mich der Hunger zum Lager zurück. Mich vermisste niemand. Zu oft war ich von den Kochtöpfen vertrieben worden, indem man mir zu verstehen gab, dass ich zu warten hatte, bis die anderen Familienmitglieder satt waren. Mein Stand innerhalb der Sippe war seit dem Tod meiner Großmutter denkbar schlecht. Bisher hatte ich keinen neuen Platz gefunden. Ich schlief, wo man mich nicht vertrieb und aß, was man mir übrig ließ.
Auch an diesem Abend versammelte sich die gesamte Sippe um das große Feuer. Alle warteten auf das Eintreffen des Fremden. Keine Geige spielte heute zum Tanz; und Gespräche wurden nur flüsternd geführt. Selbst die Kinder saßen still zu den Füßen ihrer Mütter und lauschten auf die Geräusche aus dem Wald. Nur den Ruf einer Eule hörte ich.
Tagsüber waren Späher durch die Gegend gestreift, um den Fremden zu finden. Alle waren unverrichteter Dinge ins Lager zurückgekehrt. Er hatte weder im Wald noch auf den umliegenden Wiesen sein Lager aufgeschlagen. Leise wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert, dass er ein Geist, vielleicht sogar ein Wurdalak sei. Niemand traute sich, es laut auszusprechen. Niemand wollte Tibors Zorn auf sich ziehen. Den ganzen Tag war er mit Douchka in seinem Wagen geblieben und hatte die neu aufgeflammte Leidenschaft genossen. Nun saßen beide auf dem Baumstamm dicht am Feuer und warteten. Douchkas Hände lagen züchtig im Schoß. Ihre Augen huschten immer wieder zu Tibor, der ihren Blick lächelnd erwiderte. Seine Hand wanderte wiederholt zu ihrer, um sie zu liebkosen.
Ich setzte mich etwas abseits auf einen Baumstumpf und knackte ein paar Nüsse, die ich im Wald gefunden hatte. Seit dem Tod meiner Großmutter hatte ich oft Hunger. Die Sippe teilte ihren Besitz unter sich auf, und ich wurde zum Allgemeingut. Ich half, wo man mich brauchte, und schlief, wo ich einen Platz fand. Für mich wurde gesorgt. Doch war ich in einem Alter, in dem mich keine Familie in ihren engeren Kreis aufnehmen würde. Trotzdem sorgte ich mich nicht um meine Zukunft. Tibor würde sich um mich kümmern. Tibor kümmerte sich um alles.
Als Hufschläge erklangen und die Menge eine Gasse bildete, stand Tibor auf. Dieses Mal kam der Fremde nicht heimlich und leise. Er galoppierte mit donnerndem Hufschlag ins Lager und ließ den weißen Araberhengst, auf dem er saß, direkt vor dem Feuer auf die Hinterhand steigen. Das Pferd schnaubte und tänzelte nervös auf schlanken Fesseln. Pablo sprang ab und warf die Zügel Gino zu, der diese zwar auffing, das Pferd aber mit Ehrfurcht betrachtete.
»Deinem Weib geht es gut?«, fragte Pablo und bleckte grinsend die Zähne, als er das Paar sah. »Sag nichts! Ich weiß, dass meine Behandlung gewirkt hat. Doch ich bin nicht gekommen, um Lob einzusammeln. Ich bin hier, um dir einen Handel vorzuschlagen.«
Tibor sah zwischen dem weißen Hengst und dem Zauberer hin und her. »Das ist ein sehr schönes Tier. Seine Fohlen lassen sich bestimmt gut auf dem Pferdemarkt verkaufen. Leider habe ich nichts, was ich dir dafür geben könnte.«
»Ja, ein feuriger Hengst.« Pablo klopfte den Hals des Tieres. »Du hast also Interesse? Dann finden wir eine Lösung.« Er setzte sich unaufgefordert auf den Baumstamm, auf dem er schon gestern gesessen hatte. Die Selbstsicherheit, mit der er dies tat, zeigte, dass sich hier zwei Männer auf Augenhöhe begegneten.
»Ich bin, wie ich gestern erwähnte, ein fahrender Heiler.« Pablo streckte seine Stiefel zum Feuer und machte es sich behaglich. »Ich bin auf der Suche nach einem Gehilfen, einem Lehrling.«
Die Sippe hielt den Atem an. Eine Fledermaus flatterte vorbei. Ich hörte ihren leisen, fiependen Ruf. Eine Minute der Stille verstrich, in der keiner sich regte.
»Ich brauche einen Jungen, der dem Mannesalter noch fern ist – zwölf, höchstens vierzehn Jahre alt.« Pablo sprach weiter, bevor Tibor ihn unterbrechen konnte. »Im Gegenzug bekommst du diesen Hengst und mein Versprechen, dass es dem Jungen gut bei mir gehen wird.«
»Ich verkaufe keine Kinder.« Tibors Stimme klang lauernd.
»Keiner spricht von verkaufen. Es ist ein Tausch. Ein Pferd, das mehr Wert ist als eure ganze Herde, gegen einen unnötigen Esser. Ich verdiene mit meiner Kunst viele Escudos. Der Junge kann, wenn er erwachsen ist, zu euch zurückkehren und euch Ruhm bringen. Ich werde ihn nicht aufhalten.«
Alle Blicke hingen an Tibor »Wir wären dumm, wenn wir den Handel ausschlügen«, flüsterte Douchka.
Shagal, unser Ältester, trat auf einen Stab gestützt vor. »Ein wertvoller Hengst gegen ein junges Menschenleben. Das ist ein gerechter Tausch.« Sein langer weißer Bart bewegte sich in der leichten Abendbrise. »Den Jungen, der dafür gehen muss, begleitet die Dankbarkeit der gesamten Familie.«
»So sei es«, sagte Tibor und erhob sich. »Elek und Mateo sollen vortreten.«
Zwei Jungen wurden nach vorn geschoben. Eleks Blick ließ einen einfältigen Geist erkennen. Und bei Mateo entblößte ein unsicheres Grinsen eine Reihe riesiger unregelmäßiger Zähne.
»Sind das alle?«, fragte der Fremde mit dröhnender Stimme. »Ich brauche keinen Hässlichen, und ich brauche auf keinen Fall einen Blödsinnigen.« Er schritt an den Jungen vorbei und schaute sich um. »Was ist mit dem da?« Er ging durch die Umherstehenden hindurch, die respektvoll vor ihm zurückwichen, und zeigte in meine Richtung. Ich lehnte an dem Rad eines Karrens und sah mich nach dem Jungen um, den er meinte. Der Fremde lachte. »Dich meine ich.« Er stach mir mit dem Finger in die Brust.
Ein Schreck umfing mein Herz wie eine Eisenklammer. »Ich bin kein Kind mehr. Ich bin ein Mann«, sagte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme sich überschlug, so wie sie es in letzter Zeit nur noch selten tat. Ich hasste sie dafür.
»Seine zerschlissene Kleidung zeigt, dass er keinen guten Stand in eurer Familie hat.« Die Hand des Fremden strich mir das Haar aus dem Gesicht. »Er hat ziemlich helle Haut, das kann ich trotz des Schmutzes erkennen.«
»Er ist ein Bastard. Seine Mutter ist tot und sein Vater war irgendein Städter, dem seine Mutter schöne Augen gemacht hatte«, sagte Tibor abfällig.
Ich schüttelte die Hand des Mannes wie eine lästige Fliege weg. Dass sie über mich wie über ein Stück Vieh redeten, behagte mir nicht.
»Du gefällst mir.« Der Fremde lachte, als er meinen Unwillen spürte.
»Ich bin nicht das, was du suchst.« Ich wandte mich ab. Der Fremde packte meine Schulter. Er war nur einen halben Kopf größer als ich. Seine Finger aber wirkten wie Schraubzwingen.
»Woher willst du wissen, was ich suche? Schau mich an, Junge! Schau mir in die Augen!«
»Einen Dreck werde ich«, entgegnete ich und versuchte, seine Hand abzuschütteln. »Ich habe gesehen, was du mit Douchka gemacht hast. Ich falle auf deine Zauberei nicht rein.«
»Meine Zauberei?« Pablo lächelte. »Willst du nicht wissen, wie ich das mache? Willst du das nicht können?«
»Und auf dem Scheiterhaufen landen?«, erwiderte ich. »Nein danke!«
Die Hand des Fremden packte mich härter und zog mich wie einen jungen Hund zu sich heran. Ich nahm einen seltsamen Geruch wahr, eine Mischung aus Weihrauch, so wie ich ihn aus Kirchen kannte, und einem bitteren Kräuterduft, der in meiner Kehle kratzte. Er presste mein Gesicht mit aller Kraft an seine Brust, sodass ich diesen Geruch einatmen musste. Alles drehte sich um mich und ich versuchte mich mit den Armen von ihm wegzudrücken.
»Wehr dich nicht«, zischte er. »Biete deiner Familie ein letztes beeindruckendes Schauspiel, bevor ich dich mitnehme.« Dann rief er mit lauter Stimme: »Sie mich an!«
Seine Finger griffen in mein Haar und zwangen meinen Kopf nach hinten. Dunkle Augen bohrten sich in meine. »Du hast so helle Augen«, flüsterte er. »Sie schimmern wie blauer Opal. Hast du schon einmal solch einen Edelstein gesehen? Er sieht aus wie Wasser, auf dem die Sonne glitzert. Komm mit mir und du wirst diese Edelsteine irgendwann selbst besitzen und an deinen Fingern tragen.« Er grinste.
Es erinnerte mich an das fletschende Grinsen eines Wolfes. Dann erhob er wieder seine Stimme, laut, die Stimme eines Schaustellers: »Lass dich fallen! Gib dich mir hin! Lass los und schwebe!«
Der Schwindel und die Übelkeit, die sich durch das Einatmen der Kräuter in mir ausbreiteten, ließen mich augenblicklich zu Boden gehen. Bevor ich hart aufschlug, ergriff mich der Fremde und schwang meinen Körper wie ein erlegtes Stück Wild über seine Schulter. Machtlos musste ich es über mich ergehen lassen. Obwohl ich alles wahrnahm und hörte, war mein Körper gelähmt. Die Welt drehte sich wie wild, während ich hilflos zuhören musste, wie mein Verkauf besiegelt wurde.
»Für diesen hier entscheide ich mich, und ich denke, ich tu euch damit einen Gefallen. Er ist ein kleiner, rebellischer Mistkerl. Hab‘ ich recht? Ich tausche einen aufsässigen Halbwüchsigen gegen einen feurigen Araberhengst. Eigentlich ist dieser hier zu alt für meine Zwecke. Wie viele Sommer hat er gesehen? Fünfzehn? Sechzehn?« Pablo wartete keine Antwort ab. »Er wird mir Probleme bereiten. Ich sollte das Pferd zurückverlangen.«
»Er hat flinke Finger«, entgegnete Tibor schnell. »Er war auf Jahrmärkten immer eine große Hilfe, den Leuten die Beutel abzuschneiden.«
Pablo nickte. »Das klingt gut. Doch ich brauche keinen geschickten Dieb …«
»Außerdem sieht er nicht wie unsereins aus … klar die Haare … aber hast du seine Augen gesehen? Und seine Haut? Wie helles Karamell. Du bekommst einen schönen Jungen im Tausch für ein schönes Pferd.«
Der Fremde lachte. »Du hast deine Meinung ja rasch geändert. Kannst ihn wohl nicht schnell genug loswerden?«
Tibor runzelte die Stirn. »Seine Verwandten sind tot. Momentan ist er der Sippe nur ein lästiger Esser … und in diesem Alter essen sie wirklich viel. Zieh deiner Wege, Fremder, bevor ich es mir anders überlege! Und pass auf, dass der Junge nicht entwischt! Wenn er zurückkommt, dann gehört er wieder uns. Und das Gold, das er dir gestohlen haben, wird, auch.«
Der Fremde lachte. »Das werde ich zu vermeiden wissen. Aber danke, dass du mich warnst.«
Sie besiegelten den Handel mit einem Handschlag. Ich versuchte zu protestieren, mich zu wehren, doch mehr als ein Knurren brachte ich nicht zustande. Der Fremde setzte sich in Bewegung und verschwand mit mir in der Dunkelheit. Die verschwommenen Gestalten meiner Sippe blieben hinter mir zurück. Keiner hielt den Fremden auf. Tränen traten in meine Augen und rollten über mein Gesicht. Tränen des Zorns und der Wut, die in mir brannten.
»Vor uns liegt ein langer Weg«, sagte der Fremde nach einiger Zeit. »Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen. Du bist zwar älter, als ich wollte, dafür aber gescheit. Und was viel wichtiger ist, kann nicht mal die Schmutzschicht auf deinem Gesicht verbergen. Dein Aussehen wird dir bei vielen Dingen helfen. Und glaub mir, wärst du bei deiner Sippe geblieben, wäre dieser Besonderheit verschütt gegangen. Vielleicht hättest du viele Kinder bekommen. Eheliche und uneheliche, aber davon kann man nicht leben. Ich werde dich lehren, wie du Vorteile aus deinem Äußeren ziehen kannst.«
Mein Körpergefühl kehrte allmählich zurück und ich wand mich.
»Wehr dich nicht, sonst werde ich dir zeigen, dass ich nicht nur einen Araberhengst zähmen kann.« Er warf mich von der Schulter. Krachend fiel ich auf den Boden.
»Ich habe Erfahrung. Du bist nicht der Erste, den ich bändige. Glaub mir.«
Er griff in seine Brusttasche und zog ein Säckchen hervor, das er mir auf Mund und Nase drückte. Sofort stieg mir der bekannte Geruch von Weihrauch und bitteren Kräutern in die Lunge. Ich hustete und versuchte, seine Hand wegzuschlagen.
»Atme, Junge! Wehr dich nicht! Es hat keinen Zweck. Du gehörst jetzt mir und ich kann mit dir tun, was ich will.«
Meine Sinne schwanden, und ich driftete in einen tiefen, dunklen Schlund, in dem ich nichts mehr sah, hörte oder spürte.
***
Hat dir jemand Unrecht getan, so hasse ihn nicht. Die bösen Elemente in ihm sind es, durch die er dir Schaden zugefügt hat. Aber es ist sehr wohl möglich, dass seine guten Elemente gewichtiger sind als das Gute in dir selbst.
Husain ibn Mansur al–Hallâdsch (858–922)
A ls ich erwachte, wusste ich im ersten Augenblick nicht, wo ich mich befand. Meine Erinnerungen waren hinter einem grauen Schleier verborgen. Mein Kopf schmerzte. Der Boden bewegte sich rüttelnd und versetzte meinem Körper Schläge. Ich setzte mich auf. Kaum, dass ich auf den Knien war, wurde ich gegen die Wand geworfen. Glas klirrte und eine Flasche fiel herab. Der Korken löste sich und eine übel riechende braune Flüssigkeit ergoss sich auf den Boden. Mein Magen rebellierte. Ich zwang mich, ruhig zu atmen, den Gestank zu ignorieren. Verzweifelt versuchte ich, meine Gedanken zu beruhigen, mich zu erinnern. Ein Fremder hatte mich gekauft. Er sagte: ‚Genau dich habe ich gesucht‘, und nun lag ich in diesem über schlechte Wege rumpelnden Karren. Ein Schluchzen schüttelte meinen Leib, als die Wirklichkeit über mir hereinbrach.
Dieser Zauberer, denn genau das war er, ein böser Zauberer, hatte mich betäubt und entführt und meine Sippe hatte nichts dagegen unternommen. Tibor war schon immer gierig gewesen. Gierig nach Geld und Gold. So manches Mal hatte ich seine Faust zu spüren bekommen, wenn ich den Städtern zu wenig Münzen aus den Taschen gezogen hatte. Trotzdem tat diese Erkenntnis weh.
Ich wischte die düsteren Gedanken beiseite. Viel wichtiger war, dass ich mich aus der Gewalt des Zauberers befreite. Sobald er wieder mit seinem verhexten Kräuterbeutel kam, war ich machtlos. Eine Gänsehaut kroch über meinen Rücken und ich zwang mich, meine Umgebung zu betrachten.
Das Innere des Wagens schien zu bestätigen, dass es sich bei meinem Entführer um einen Handlanger des Teufels handelte. Flaschen, gefüllt mit grüner und brauner Flüssigkeit, klirrten in Kisten, die auf dem Boden und in Regalen an den Wänden standen. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Kräuter und zwischen ihnen der Kadaver einer Fledermaus. Und dann war da der rote Vorhang am Ende des Karrens … Was sich hinter diesem befand, wollte ich lieber nicht wissen. Vielleicht hauste dort ein Dämon? Warum wohl schimmerte der Stoff so gespenstisch im Dunkeln?
Erneut versuchte ich hochzukommen und stieß dabei mit dem Kopf gegen die Ecke eines Regals. Es schepperte und ich stöhnte vor Schmerz auf. Das stetige Rumpeln hörte auf, als der Wagen mit einem Ruck anhielt. Eine kleine Tür wurde aufgestoßen und Tageslicht strömte ins Innere. Mein Blick fiel auf einen strahlend blauen Himmel, vor dem sich die schwarze Gestalt des Zauberers abzeichnete.
»Du bist wach.« Seine tiefe Stimme bescherte mir Grausen. Ohne dass ich es verhindern konnte, kreischte ich. Ich erkannte meine Stimme kaum, so hoch und schrill quoll sie aus meinem Mund. Ich wand mich wie ein Wurm, stieß gegen die Wände, rammte mit dem Kopf gegen schwere Gegenstände, während ich die ganze Zeit schrie. Mein Hals schmerzte, und ich glaubte, in ihm etwas reißen zu hören. Trotzdem konnte ich nicht aufhören.
»Sei still, Junge!«, zischte der Zauberer und kletterte über den Kutschbock ins Innere des Wagens. »Willst du mit deinem Geschrei die Toten aufwecken?«
Diese Worte ließen die Hölle erst recht über mich hereinbrechen. Ich starrte auf den roten Vorhang und sah, wie er sich bewegte. Der Kopf einer Riesenschlange erschien. Ihr mächtiger, geschuppter Leib ringelte sich auf mich zu und ihr weit aufgerissener Schlund drohte, mich zu verschlingen. Ihre Augen waren so schwarz wie die des Zauberers. Ich starrte sie an, während ich mir weiter die Seele aus dem Leib schrie.
»Sieh‘ mich an, Junge!« Seine Handfläche traf mit Wucht meine Wange. Mein Kopf flog zur Seite und meine Zähne schlugen schmerzhaft aufeinander. Als ich den Zauberer ansah, war sein Gesicht eine wabernde Masse. Seine Augen glotzten mich glühend aus tiefen Höhlen an. Ein krächzendes Wimmern drang aus meiner Kehle, bevor ich wieder lauthals schrie.
Der Zauberer verzog seine teuflische Fratze. »Zwei Dosen der Kräuter waren zu viel für dich, Junge. Du hast Sinnestäuschungen. Los, trink das!«
Er hielt mir ein Fläschchen mit Gift entgegen. Mit meiner Stirn schlug ich es ihm aus der Hand.
»Ich will nicht sterben. Lass mich gehen!« Meine Stimme überschlug sich, als ich ihn anflehte. »Ich will nicht in die Hölle.«
»Verflucht«, schimpfte der Zauberer. »Du hast dein Gegenmittel verschüttet.« Er drückte mich mit einem Knie auf den Boden und presste mir einen Lumpen zwischen die Zähne.
»Sei still, Junge! Du ruinierst dir mit dem Geschrei die Stimme.« Er öffnete sein Hemd und zog eine Kette hervor. Ein silbernes Kreuz hing daran. »Ich werde dich nicht in die Hölle fahren lassen. Ich glaube an Gott, den Allmächtigen. Genauso wie du. Und Gott hat etwas ganz anderes mit dir vor.« Er hielt mir das Kreuz vor die Augen und ließ es hin und her pendeln. »Schau auf das Zeichen Gottes! Es schützt dich. Je genauer du es anschaust, umso mehr wird es dich behüten.«
Das Silber des Kreuzes blitzte und die Lichtreflexe taten mir im Kopf weh. Es war so unendlich anstrengend, die Augenlider geöffnet zu halten. Flatternd fielen sie mir zu und eine Decke aus Vergessen breitete sich über meinen Geist. Die Pforte zur Hölle hatte sich fürs Erste geschlossen. Selbst die Schlange war wieder hinter ihren roten Vorhang zurückgekrochen.
***
»Wohin Du auch gehst, geh‘ mit Deinem ganzen Herzen.«
Konfuzius (551–479 v. Chr.)
Ich wachte aus einem traumlosen Schlaf auf und merkte, dass der Karren stand. Sofort stürzten die Erinnerungen auf mich ein und ließen mich zittern. Still lag ich da und lauschte, wie der Zauberer das Pferd abschirrte und ein Feuer entzündete. Als er eine seitliche Klappe des Gefährts öffnete, presste ich meine Augen fest zusammen.
»Hast du Hunger?«, fragte er.
Statt zu antworten, drückte ich die Lippen aufeinander.
»Vielleicht bist du ja morgen gesprächiger. Los, komm!«
Er zerrte mich heraus. Meine Beine gaben nach, als ich wankend neben ihm stand.
»Du schläfst hier«, sagte er und warf eine Decke unter den Wagen »Morgen früh beginnen wir mit deinen Lektionen. Aber vorher …« Er packte mich an der Schulter und drehte mich um. Mit schnellen Griffen fesselte er meine Hände hinter dem Rücken. »Mein Vertrauen musst du dir erst verdienen.« Dann machte er es sich am Feuer bequem.
Als ich die Suppe roch, die der Zauberer über dem Feuer bereitete, krampfte sich mein Magen vor Hunger zusammen. Duftschwaden krochen in meine Nase und ließen meine Gedärme knurren. Auf Knien kroch ich unter den Karren. Er sollte ruhig glauben, dass ich mich meinem Schicksal ergab. Die Decke war grob, fadenscheinig, roch nach Rauch und anderen undefinierbaren Dingen. Es mir hier, auf dem steinigen Boden bequem zu machen, war damit unmöglich. Bei meiner Sippe hatte ich wenigstens Felle gehabt, mit denen ich mir mein Lager auspolstern konnte. Der Gedanke, nicht lange zu bleiben, besänftigte mich.
Endlich brannte das Feuer nieder. Der Wagen knarrte unter dem Gewicht des Zauberers, als er sich zur Nacht niederlegte. Meine Zeit war gekommen. Erneut prüfte ich die Fesseln an meinen Handgelenken. Wenn ich an ihnen zog, gruben sie sich tief in meine Haut. Ich krümmte mich zusammen, zog die Knie an den Körper und schlüpfte durch meine zusammengebundenen Arme. Dann begann ich, mit den Zähnen den Knoten an meinen Handgelenken aufzuziehen. Es dauerte nicht lange. Immer wieder lauschte ich auf Geräusche. Außer dem Zirpen der Grillen und dem Schnarchen des Zauberers war nichts zu hören. Als ich die Fesseln abgestreift hatte, schlüpfte ich leise unter dem Wagen hervor. Ich richtete mich auf und die Welt drehte sich um mich. Am Wagen festgeklammert wartete ich mit gesenktem Kopf, bis sie wieder stillstand. Dann sah ich mich um.
Der Wagen stand wie eine dunkle Hütte vor dem Sternenhimmel. Daneben war das falbe Pferd angepflockt. Mit hängendem Kopf schlief es. Ich huschte zu ihm und berührte es an der Kruppe. Mit einem Schnauben wachte es auf und warf den Kopf nach hinten.
»Ruhig, ruhig«, flüsterte ich und tätschelte seine Nüstern. Es schnappte nach meinen Fingern. Schnell zog ich sie weg. So ein widerwärtiges Biest! Ich löste den Strick, griff in seine volle Mähne und schwang mich auf seinen Rücken. Obwohl es ein schwerer Wallach war, warf er sofort den Kopf und tänzelte unwillig.
»Komm!«, feuerte ich das Pferd an. »Bring mich nach Hause!« Ich bohrte ihm die Fersen in die Flanken. Statt sich in Bewegung zu setzen, begann es zu wiehern und sich zu schütteln. Ich krallte mich an seiner Mähne fest. Erneut trat ich es in die Seiten.
»Hü, du elende Schindmähre«, schrie ich und schlug ihm mit der flachen Hand aufs Hinterteil. Mit einem buckelnden Sprung, der an einen Ziegenbock erinnerte, galoppierte es holpernd los.
In dem Moment schaute der Zauberer aus dem Wagen. Er rieb sich die Augen und beobachtete mich eine Weile. Das Pferd war mittlerweile in einen widerwilligen Trab verfallen und versuchte immer wieder umzudrehen. Ich trieb es mit Rufen, Tritten und Schlägen an, änderte dadurch aber trotzdem nichts an seiner Geschwindigkeit. Wenigstens entfernten wir uns im langsamen Zickzack vom Wagen.
»Gib auf Junge! Komm zurück und steig ab, dann passiert dir nichts«, rief der Zauberer.
Fast lachte ich bei seiner Aufforderung. Was sollte mir passieren? Meine Bemühungen, den Wallach zur Eile anzutreiben, blieben jedoch weiterhin fruchtlos. In lahmen Schlängellinien trabte er dahin und behandelte mich wie eine lästige Fliege. Immer wieder schlug der Schweif zischend um meine nackten Waden.
»Ruuuuuuuuudiiiiiiii.« Ein langer auf– und abschwellender Ruf erklang. Sofort stieg das Pferd auf die Hinterhand. Eben hatte es plump und desinteressiert gewirkt, nun entwickelte es eine überraschende Schnelligkeit. Wie der Blitz wendete es. Krampfhaft hielt ich mich fest, um nicht unter die Hufe zu geraten. Vor dem Zauberer stoppte es, senkte den Kopf, sodass ich über es hinweg flog und vor den Füßen meines Peinigers landete, dem ich hatte entfliehen wollen. Dieser beachtete mich nicht, sondern liebkoste zärtlich das weiche Maul des Wallachs. Gurrlaute drangen dabei aus seiner Kehle, während das Pferd seinen großen Kopf an dessen Schulter rieb. Es wirkte fast wie das Liebesgeflüster eines Paares.
Dann drehte sich der Zauberer zu mir um. Ich wollte gerade von ihm wegkriechen, als sich seine Finger in mein Haar krallten. Er drehte sich um und schleifte mich zum Wagen. Dort warf er mich bäuchlings zu Boden. Mit dem Knie fixierte er mich und fesselte zuerst meine Hände, dann meine Füße. Zuletzt verband er beide mit einem Strick, den er derart eng zusammenzog, dass ich wie ein Bogen gespannt auf der Seite lag.
»Mach es uns nicht so schwer, Junge! Ich will dir nichts Böses.«
»Dann lass mich gehen, Zauberer«, zischte ich.
Er lachte. »Am Anfang wollte Rudi auch nicht bei mir bleiben. Und sieh ihn dir an! Aber du bist kein Pferd. Du willst sicher nicht, dass ich dich wie ein solches behandle?«
»Bind mich los! Lass mich gehen!« Die Wut überrollte mich wie eine rote Welle und drohte, mich zu ertränken.
Der Zauberer band sein Halstuch ab und presste es mir zwischen die Lippen.
»Gib Ruhe, Junge und schlaf«, sagte er verärgert und ließ mich einfach liegen.
Gemächlich bestieg er seinen Wagen und nach einer Weile erfüllte sein Schnarchen wieder die Luft. Stundenlang, so schien es mir, lag ich da und lauschte. Langsam, sehr langsam verebbte meine rot glühende Wut und überließ meinem kühlen Verstand wieder die Oberhand.
***
Eine Flucht mithilfe des Pferdes war mir vereitelt. Ich konnte mich also nicht als wiederkehrender Held auf einem gestohlenen Pferd von meiner Familie feiern lassen. Aufgeben würde ich trotzdem nicht. Es widerstrebte mir zutiefst, mich wie ein verkauftes Stück Vieh zu benehmen. Ich hatte einen eigenen Willen und diesem würde ich gehorchen, niemals einem Zauberer, der sich selbst zu meinem Herrn erkoren hatte.
Ich versuchte, nicht meine Fesseln zu lösen. Fliehen konnte ich vielleicht trotzdem. Ich begann, mich wie eine verletzte Raupe seitlich kriechend zu bewegen. So schaffte ich es einige Schritte vorwärts. Ich musste nur weit genug von diesem Mann weg. Irgendwann würde ich eine Straße finden. Dort würde ich jemandem begegnen, der mir half. Der Gedanke an Flucht war das Einzige, was mich antrieb.
Das Gelände war eben. Eine mondbeschienene, mit Steinen bedeckte Landschaft erstreckte sich vor mir. Aufstehen konnte ich nicht. Mein zusammengeschnürter Körper verhinderte das. Also bewegte ich mich weiter auf der Seite fort. Die spitzen Steine stachen in meine Haut und nach kurzer Zeit spürte ich, wie mein Hemd zerriss und die Haut darunter zu blutete. Ich hätte vor Frust und Schmerz geschrien, wenn der Knebel nicht jeden Schmerzenslaut unterdrückt hätte. So gab ich nur schnaufende Geräusche von mir, während ich mich Stück für Stück vom Wagen wegarbeitete. Ich hatte wenige Stunden bis zum Tagesanbruch, und in denen musste ich Hilfe finden oder wenigstens so weit kommen, dass der Zauberer mich nicht mehr entdeckte.
Als der Morgen graute, war ich noch immer in Sichtweite des Wagens. Drohend ragte er vor dem heller werdenden Himmel auf. Ich war in der Geschwindigkeit einer riesigen Nacktschnecke etwa hundert Schritte weit gekommen. Immer wieder hatte ich Pausen einlegen müssen, in denen ich, von Durst und Schmerzen gepeinigt, gegen eine aufkommende Ohnmacht ankämpfte.
Als ich sah, wie der Zauberer seinen Karren verließ und sich in der kühlen Morgenluft streckte, befand ich mich gerade am Rand einer flachen Mulde. Mit letzter Kraft rollte ich hinein, um mich vor seinem Blick zu schützen. Die Kuhle war mit Disteln bewachsen. Es änderte nichts. Ich musste mich verstecken. Ich betete darum, dass der Zauberer die Suche nach mir aufgab und weiterzog.
Während ich da lag, begann der Zauberer das Feuer zu schüren und Wasser aufzusetzen. Rudi pflockte er ein Stück weiter an, damit er grasen konnte. Seine Augen gegen die aufgehende Sonne abschirmend, sah er sich um. Er musste nicht lange suchen. Schnell entdeckte er die niedergedrückten Disteln am Rand der Kuhle.
Gemächlich goss er sich sein Morgengebräu auf. Dann holte er einige Dinge, darunter eine eiserne Stange aus seinem Karren. Gemächlich kam er zu der Stelle, an der ich mich versteckte. Er ließ sich viel Zeit. Sein Blick schweifte umher. Dann bückte er sich und ergriff einen flachen Stein. Er warf ihn in die Höhe. Wieder und wieder hörte ich das Klatschen, wenn er ihn auffing. So stand er am Rand der Mulde und schaute auf mich hinab.
Ich gab den Versuch auf, mich durch das Zusammenpressen meiner Lider unsichtbar zu machen. Das war kindisch und ich war kein Kind mehr. Wenn er mir mit dem Stein den Schädel einschlagen wollte, würde er mir dabei in die Augen sehen müssen. Doch er stand nur da, warf den Stein hoch, fing ihn wieder auf und sah dabei auf mich herab.
»Da hast du dir aber ein schönes Schlamassel eingebrockt, Junge.« Er ging in die Hocke und musterte mich. »Die Wunden werden sich entzünden. Aber du willst es ja nicht anders, he? Du hast dir diesen Platz ausgesucht?« Er sprang in die flache Grube. Seine Stiefel landeten dicht neben meinem Gesicht, sodass ich den Pferdedung an ihren Sohlen sah.
»Der Platz gefällt dir?«, fragte er in einem Tonfall, als würde er mir einen guten Morgen wünschen. »Gut. Dann sollst du hierbleiben.«
Er trieb den Pflock mithilfe des flachen Steins neben mir in den Boden; die Schläge dröhnten mir in den Ohren. Prüfend stieß er mit dem Fuß dagegen und schien mit der Festigkeit des Pflocks zufrieden. Er packte meine Haare, zog meinen Kopf hoch und schlang mir ein Lederband um den Hals. Er zog es fest, so fest, dass ich angstvoll schluckte. Er verriegelte die Schnalle und verbog mit einer Zange den beweglichen Dorn. Meine Würgegeräusche schienen ihn nicht zu stören. Er zerrte mich wie ein störrisches Schaf dicht neben den Pflock und band mich mit einer Kette daran fest. Sie maß etwa einen Zoll und ließ mir kaum Bewegungsfreiheit.
»Ich löse jetzt den Knebel. Spar dir weiteres Geschrei, Junge. Wir sind hier allein. Keiner wird dich hören, aber die Austrocknung deines Körpers würde umso schneller fortschreiten. Ich rate dir also, still zu sein und der Sonne so wenig Fläche wie möglich zu bieten. Du wirst dem Tod ins Angesicht schauen dürfen.« Er beugte sich dicht über mich. »Der Tod, Junge, der Tod kann uns viel lehren. Die meisten Menschen scheuen seine Anwesenheit. Ich rate dir, ihm zu lauschen. Er kann dir viel offenbaren.« Er zog mir das Tuch aus dem Mund.
»Wasser!« Ich würgte trocken.
»Später Junge. Du musst deine Lektion lernen. Ich kann keinen aufsässigen Schüler gebrauchen.« Er drehte mir den Rücken zu und stieg den flachen Hang hinauf.
»Lass mich nicht hier«, rief ich ihm hinterher. Ich fühlte mich hilflos und klein. Wie ein angeketteter Hund war ich auf das Wohlwollen eines Menschen angewiesen, den ich jetzt schon aus ganzen Herzen zu hassen glaubte.
***
Die Liebe bewegt die Sonn‘ und andre Sterne.
Dante Alighieri (1265–1321)
Die Sonne brannte erbarmungslos herab. Meine Haut, die der Sonne ausgesetzt war, glühte. Ich lag mit überdehntem Rumpf da. Ein Zusammenkrümmen war durch die hinter meinen Rücken zusammengebundenen Hände und Füße nicht möglich. Mein Gesicht hatte ich zum Schutz vor der Sonne in den Disteln verborgen. Ich hörte herumschwirrende Bremsen. Sie setzten sich auf meinen Körper und stachen durch den dünnen Stoff meiner Kleidung. Ich war zu schwach, um sie daran zu hindern. Anfangs, als die Sonne Richtung Zenit gekrochen war, hatte ich mich noch zu befreien versucht. Allmählich staute sich die Hitze. Wie ein Wurm wand ich mich und kroch den leichten Abhang hinauf. Jetzt erschien er mir wie ein unüberwindliches Gebirge. Die Stacheln der Disteln bemerkte ich schon lange nicht mehr. Zerdrückt lagen sie unter mir.
Stück für Stück hatte ich mich die Schräge hinaufbewegt. Dann schnürte mir der Riemen um meinen Hals die Luft ab. Ich glaubte zu ersticken. Hilflos rang ich mit weit aufgerissenem Mund nach Luft. Wenn ich hier sterben sollte, würde ich mein Schicksal annehmen. Mein Leben hatte sowieso keinen Wert. Eine stumme Träne rann über meine Wange und versiegte in der schmutzigen Kruste, die meine Haut bedeckte. Meine Lippen waren aufgesprungen und meine Kehle war ein Reibeisen. Ich versuchte zu weinen. Der Ton, den ich erzeugte, klang wie ein knirschender Galgenstrick, an dem sich ein Körper drehte. Augenblicklich biss ich mir auf die Zunge. Ich konnte diesen Laut nicht ertragen. Er klang nach Tod.
Meine Augen verwandelten sich in Weinbeeren, die in der Sonne zusammenschrumpften. Meinem Blick konnte ich seit Längerem nicht mehr trauen. Die Umgebung waberte, verlor ihre Form und bildete sich neu und erschreckend fremd.
Erschöpft schloss ich die Lider und flüchtete mich in einen unruhigen Schlaf. Hier verfolgten mich schwarze Augen, die bis in die Tiefe meiner Seele blickten.
Du bist auserkoren, flüsterte eine Stimme.
Ich sah einen Scheiterhaufen auflodern.
Ich will nicht verbrennen, versuchte ich zu schreien.
Du wirst nicht brennen. Eine Gestalt trat aus dem Flammenmeer und kam auf mich zu.
Großmutter, ich habe dich so vermisst. Ein Schluchzen stieg in mir hoch.
Ich habe dich auch vermisst, mein Schatz. Ich spürte, wie ihre Hand über meine Wange strich. Ich muss dir etwas sagen, hör mir zu. Ihre liebevollen Augen verengten sich. Nimm dein Schicksal an. Es hat Großes mit dir vor. Widersetze dich nicht mehr! Pablo ist ein Trittstein auf deinem Weg. Lerne und entwickle deine eigenen Fähigkeiten, die die deines Meisters bei Weitem übertreffen werden.
Aber er ist des Teufels, ächzte ich.
Mein Schatz, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis. Ihre Hand auf meiner Wange war wunderbar kühl. Es gibt keinen Teufel. Alles, was dir begegnet, ist Gott. Es ist seine Liebe, die dich führt und es liegt an dir, ihr zu folgen. Vertraue, geh deinen Weg und schau nicht zurück! Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, schließe deine Augen und spüre. Gott wird mit dir reden. Und auch ich werde über dich wachen.
Eine wohltuende Milde umfing mich und hob mich hoch. Ich wehrte mich nicht, ließ es geschehen, sah das lächelnde Gesicht meiner Großmutter und tauchte ab in eine Tiefe, in der alle Ängste von mir glitten und Frieden herrschte. Das Lächeln meiner Großmutter begleitete mich, und ich wusste, dass ihre Liebe mich nie verlassen würde. Ich wäre jetzt bereit gewesen, diese Welt zu verlassen. Aber Gott hatte anderes mit mir vor.
Irgendetwas weckte mich, riss mich aus meinem seligen Zustand und warf mich in meinen schmerzenden Körper zurück. Ich öffnete die Augen und sah verschwommen, dass die Nacht angebrochen war. Mein Blick fiel auf den Boden, der sich schwankend bewegte. Ich spürte den Rücken des Pferdes unter mir.
»Wach, Junge?« Pablo hielt Rudi an, griff mein Kinn und sah mir ins Gesicht.
»Wie geht es meinem Schüler? Hast du genug Kraft, um einen weiteren Fluchtversuch zu starten? – Was? – Was sagst du?« Er brachte sein Ohr dicht an meinen Mund. »Durst hast du? Da hast du Glück. Es ist nicht mehr weit.«
Ich vernahm das Rauschen eines Baches. Erst glaubte ich, dass meine Sinne mir einen Streich spielten. Als Pablo mich mit einem »Bon appétit« von Rudis Rücken beförderte, landete ich mit dem Gesicht voran in erfrischendem Wasser. Durch meinen geöffneten Mund strömte die Köstlichkeit wie Balsam in mich hinein. Meine Zunge sog es wie ein trockener Schwamm auf. Glatte Kiesel pressten sich an meine Stirn. Ich wünschte, ewig so daliegen zu können. Dass ich keine Luft bekam, nahm ich in meiner Erschöpfung nicht wahr. Hier und jetzt zu ertrinken, wäre nicht das Schlimmste, was mir passieren konnte.
»Immer mit der Ruhe, Junge.« Pablo riss mich hoch. »Es ist genug Wasser da. Du kannst dich die ganze Nacht volllaufen lassen.«
Schnaufend holte ich Atem und starrte in den sternenübersäten Himmel hinauf. Das Gefühl, mich zu entfernen, wurde immer mächtiger. Mein Körper lag am Fluss, doch meine Seele stieg in den Nachthimmel hinauf.
»Junge! Junge! Komm zu dir!« Pablo schüttelte mich, zerrte mich zurück zum Wasser, tauchte meinen Kopf unter. Wasser drang mir in Augen, Nase, Mund und Ohren. Als er mich hochzog, hustete ich.
»Trink! Oder willst du sterben?«, schrie er und stieß mich erneut ins Wasser. »Verflucht, trink!« Immer wieder tauchte er mich unter.
Allein hatte ich weder die Kraft zu trinken noch mich aufzurichten. Er zerrte mich die Böschung hinauf. Mit Schlägen ins Gesicht zwang er mich ins Bewusstsein zurück. Seine schwarzen Augen dicht vor mir.
»Wirst du mich wieder mit deinen Giftkräutern betäuben?«, flüsterte ich schwach. »Ist das alles, was du kannst?«
Er starrte mich an. Eine senkrechte Falte erschien auf seiner Stirn. »Es ist nicht zu fassen. Fast tot und trotzdem starrköpfig.« Er schüttelte den Kopf. »Aber um deine Frage zu beantworten: Nein, die Kräuter verwende ich nur in besonderen Fällen. Dich werde ich in einen Traumschlaf versetzen, der dir hilft, wieder zu Kräften zu kommen. Das kann ich aber nur, wenn du mir vertraust.«
»Vertrauen?« Ruhig sah ich ihn an. »Mein Vertrauen wirst du nie erlangen.«
Wieder starrte er mich an. Sein Blick zeigte Verwirrung. »In Ordnung.« Er brauchte eine Weile, um sich zu sammeln. »Du bist ein sturer Kerl.« Und dann flüsterte er Beschwörungen, die mich schläfrig machten. Die Inquisition hätte ihn für diese Worte sicher tausendfach verbrannt.
***
Die Unversehrtheit des Körpers geht der Seele voran. Denn der unversehrte Körper ist gleichsam der Schlüssel zum Palast der Seele.
Moses Maimonides (1135–1204)
I mmer wieder unterbrach Pablo meinen Schlaf, flößte mir im Wechsel heiße Brühe und kühles Wasser ein. Meine Augen öffnete ich dabei kein einziges Mal. Ich fühlte mich noch immer losgelöst, nahm wahr, wie mein Magen sich füllte, verfiel aber sofort wieder in einen tiefen Schlaf. Als ich endlich die Kraft hatte, mich umzuschauen, befand ich mich am Feuer. Ich war in eine Decke gehüllt. Mühsam stützte ich mich hoch und verzog sofort mein Gesicht. Der Geruch, der meinem Körper entströmte, erinnerte mich an ein gestorbenes Tier.
»Übler Gestank. Nicht wahr? Tagelanger Schlaf und Vernachlässigung der Körperfunktionen fordern ihren Tribut. Es wird Zeit, dass du wieder zu einem Menschen wirst.«
Meine Beine zitterten, als Pablo mich zum Fluss führte. Hier half er mir, meine Kleidung abzulegen. Als er mich seifen wollte, schlug ich seine Hand kraftlos weg. »Ich wasche mich allein.« Erschöpft sank ich mich auf die Knie und reinigte mich mühsam. Pablo setzte sich ans Ufer und beobachtete mich.
»Was hast du da?« Er wies auf meinen Hüftknochen. »Hat dich ein Hahn angegriffen?«
Das Muttermal sah wirklich wie der schlammige Fußabdruck eines Hahnes aus.
»Deine Widerspenstigkeit allein reicht wohl nicht, he?«, bemerkte er. »Nun trägst du auch noch ein Hexenmal. Achte darauf, dass es niemand sieht! Wäre schlecht, wenn die Bauerntölpel es sehen und dir die Schuld wegen ihrer sauren Milch anlasten.« Unmut schwang in seiner Stimme.
»Dafür kann ich nichts. Das habe ich seit meiner Geburt«, entgegnete ich und drehte mich von ihm weg.
»Und wieder bist du aufsässig, Junge?« Pablo lachte auf. »Alles andere hätte mich gewundert. Wie alt bist du?«
Ich entgegnete nichts, denn ich wusste es selbst nicht.
Er musterte mich aufmerksam. »Du musst mir nicht antworten. Weißt du, Rudi antwortet mir auch nicht. Und trotzdem tut er, was ich von ihm verlange.«
»Ich bin kein Tier, und ich bin nicht dein Eigentum!«
»Ach, wirklich?« Pablo stand auf und trat, ohne mit der Wimper zu zucken ins Wasser. Er packte mich am Ellbogen und zwang mich ohne große Mühe zum Feuer. Selbst wenn ich mich hätte wehren wollen, ich hätte es nicht geschafft. Noch immer fühlte ich mich elendig schwach.
»Verabschiede dich von deinen Vorstellungen und deinem alten Leben! So, wie du es dir ausgemalt hast, wird es niemals sein, Junge. Schau, was damit passiert!« Er griff nach meiner zerschlissenen Kleidung und übergab sie dem Feuer. Minutenlang sahen wir zu, wie die Flammen sie verzehrten. Der Rauch stieg in den Himmel.
»Wenn du mich mit diesem Schauspiel beeindrucken wolltest, ist es dir nicht gelungen«, flüsterte ich.
»Ach, glaubst du, das ist alles?« Er zog sein Messer hervor, packte mich an den Haaren und schnitt sie grob ab. »Ab jetzt wirst du dich pflegen. Ich werde nicht zulassen, dass du wie ein verwahrloster Vagabund herumläufst. Du wirst dein Haar kämmen und einölen. Verstanden?«
»Du hättest dir ein Mädchen kaufen sollen«, konterte ich und bedauerte dies augenblicklich.
»Ein Mädchen? Ich werde dir zeigen, dass ich kein Mädchen brauche. Auf die Knie!« Er wies auf den Boden, auf dem die Locken meines abgeschnittenen Haares lagen.
Als ich zögerte, traf mich ein Schlag in die Kniekehlen. Ich sank auf alle Viere. Das Rascheln von Kleidung erklang. Eine Hand packte meinen Nacken und drückte meine Wange gewaltsam auf den Boden. Was dann kam, versuchte mein Kopf seitdem erfolglos zu verdrängen. Es tat weh, aber es ging schnell. Dennoch erschien mir die knappe Zeit, die es dauerte, wie eine Ewigkeit. Ich biss mir auf die Lippen und schmeckte Blut. Zwei Dutzend Stöße später, ich zählte, ohne zu wollen mit, ließ Pablo von mir ab. Er richtete seine Kleider und setzte sich wieder ans Feuer. Dann starrte er mich an.
Ich fühlte mich nicht nur benutzt. Eine schmerzhafte Hilflosigkeit hatte mich umfangen. Nicht allein seinen Blicken, sondern auch seinen Launen war ich hoffnungslos ausgeliefert. Ich krümmte mich am Boden zusammen und raffte die Decke an meine Brust, in der ein Wimmern aufzusteigen drohte.
»Was gerade geschehen ist«, brach er nach einer Weile das Schweigen, »liegt sonst nicht in meiner Natur. Aber ich werde nicht zögern, dich wieder zu bestrafen, wenn ich es für nötig erachte. Auf die eine oder andere Weise. Hast du mich verstanden?«
Ich wagte nicht, ihn anzusehen. Dennoch nickte ich.
»Gut, Junge. Erweise mir Respekt und wir müssen das niemals wiederholen! Hier«, er warf mir einen Tiegel zu. »Bestreich damit deine Wunden! Vor allem deinen …« Er wies auf meine Innenschenkel, an denen ein Rinnsal Blut herabfloss. »Es unterstützt die Heilung.« Er starrte mich weiter an und nahm auch den Blick nicht von mir, als ich zum Fluss hinkte. Das Schluchzen, das schon lange in meiner Brust lauerte, stieg in mir hoch und ließ meinen Körper erbeben. Ich versuchte, mich abzulenken, indem ich die Salbe auf meine Wunden strich. Ich musste meine gesamte Haut behandeln. Wo mich nicht Steine zerschnitten oder Disteln gequält hatten, war ich von Bremsen– und Mückenstichen zerstochen. Zuletzt behandelte ich die Wunde, die Pablo mir zugefügt hatte. Ich spürte seine schwarzen Augen auf mir und strich meine Tränen trotzig mit dem Unterarm weg.
Als ich mich zum Feuer zurückschleppte, reichte er mir eine grobe Leinenhose und eine Tunika.
»Dein Platz ist am Feuer. Sorge dafür, dass es nicht ausgeht! Wenn es regnet, gehst du unter den Wagen. Morgen früh holst du Wasser, bringst es zum Kochen und bereitest den Morgenbrei zu. Verstanden?«
Ich nickte, ohne ihn anzusehen.
»Denkst du weiterhin an Flucht?«
Ich antwortete nicht.
»Du würdest nicht weit kommen. Du würdest verhungern und Opfer der Wölfe werden. Das fände ich schade.«
Wieder antwortete ich nicht. Im Moment war mir der Tod lieber als seine Gesellschaft. Die Schande, benutzt worden zu sein, war derart groß, dass ich damit liebäugelte.
»Junge, ich habe dich ausgesucht. Dich! Ich kann dich so viel lehren. Schau auf deine Hand!« Er nahm meine Hand am Handgelenk und hielt sie mir dicht vor meine Augen. »Siehst du die Linien in der Handfläche? Sie wissen, wo dein Lebensweg entlang führt. Und wenn du mir vertraust, wirst du es ebenfalls bald erfahren. Sieh auf die Linien, wie sie sich verästeln und wieder zusammenfinden! Schau sie dir genau an!«
Ich starrte auf meine Handfläche und innerhalb weniger Augenblicke versank ich in deren Betrachtung. Mit einer überraschenden Bewegung stieß Pablo die Hand auf meine Augen. Ich erschrak und schloss instinktiv die Lider. Mit einem gleichzeitig folgendem gebieterischen »Schlaf« hatte er mich erneut in einen Traumschlaf geführt, aus dem es für mich unmöglich war zu erwachen. Nicht einmal einen Finger konnte ich bewegen. Ich hörte seine eindringliche Stimme, die mir von Dingen erzählte, die mich immer tiefer in schwarze, lähmende Welten führte. An Flucht war in diesem Zustand nicht zu denken. Pablo hatte Gewalt über mich, nicht nur über meinen Körper, sondern auch meinen Geist, und ich war unfähig, etwas dagegen zu tun. Ich hatte von Menschen gehört, die von anderen besessen waren. Sie wandelten wie Gespenster unter den Lebenden. Ob das mein Schicksal sein sollte?
