Jenseits der Selfies - Silvo Lahtela - E-Book

Jenseits der Selfies E-Book

Silvo Lahtela

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Beschreibung

"JENSEITS DER SELFIES" ist eine besondere Auswahl von Kurzgeschichten, die einerseits extrem unterschiedliche Lebenswelten präsentieren: Sei es ein Schachweltmeister oder eine Sterneköchin, sei es eine Violinistin oder ein Yogi, sei es ein Escortgirl oder ein Taxifahrer. Andererseits aber vereint diese unterschiedlichen Menschen, daß sie verborgenen und nicht so verborgenen Wirklichkeiten ins Auge schauen, weder davor weglaufen noch sie verdrängen. Ob der Terroranschlag 9/11, ob Alkolabhängigkeit oder transgenerationale Traumata - immer kreisen die Storys und ihre Helden um die ungeschönte Gegenwart, auf der Suche nach Befreiung von Konditionierungen.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2024

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www.silvolahtela.com

„No matter what, you must let your inner light guide you out of the darkness.“

Bruce Lee

Striking Thoughts

Inhalt

Das Hannah Video

Jenseits der Selfies

„Würze nach dem Geschmack deines Herzens“

Mozart in Berlin

Der Pokerspieler

Hecht und Wespe

Oneworld

„Ave Verum Corpus“

Der Weltmeister

Vorwort

Der Untertitel dieses Buches ist Warnung und Versprechen zugleich. Dichter sind all diejenigen unter den Autoren, die dominant ihrer inneren Stimme folgen, unbekümmert um den Mainstream des jeweiligen Zeitgeistes. Was naturgemäß zu Irritationen mit diesem führt. Das ist die Warnung. In der aber auch das Versprechen liegt, keine altbekannten Kopien der Welt zu liefern, sondern ursprüngliche Horizonte des Bewußtseins aufleben zu lassen. Es ist diese unverwüstliche und internationale Tradition der Dichter und Dichterinnen aus allen Zeiten, der die hier präsentierten Storys folgen.

Das Hannah Video

Ihre Großmutter wollte unbedingt, daß Hannah ein Taxi zum Bahnhof nahm, sie würde es auch rufen und bezahlen, aber Hannah Sand schaltete auf stur: „Das ist lieb von dir. Aber hier in der Nähe steht ein Motorroller, den ich mir ausleihen kann. Wenn ich kann, bin ich gerne unabhängig!“ Sie zeigte ihr Smartphone, auf dessen Umgebungskarte der Standort eines E-Rollers rot blinkte. Die Frau von 80 Jahren warf einen aufmerksamen Blick auf den Bildschirm. „Das ist der Parkplatz vom Drachenberg. Da komm ich aber mit, viel zu dunkel jetzt, alleine zu gefährlich für eine junge Frau wie dich!“

Hannah verdrehte die Augen, sie lächelte. „Ach geh! Du wohnst im Westend, nicht in Wedding oder Neukölln! Aber trotzdem gerne, laufen wir noch ein paar Schritte.“

Ihre Großmutter packte Hannahs Ellbogen mit einem für ihr Alter erstaunlich festen Griff. „Berlin hat sich sehr verändert. Seitdem jeder hierher kann. Die Grenzen sind sperrangelweit offen, aber zur Adventszeit stehen vor jedem Weihnachtsmarkt komischerweise plötzlich Polizisten mit Maschinengewehren. Diese Stadt und dieses Land sind selten dämlich geworden! Letzte Woche ist eine Joggerin im Lietzenseepark von drei jungen Männern zuerst begrabscht und dann fast totgeschlagen worden, weilsich nicht vergewaltigen lassen wollte. U-Bahn fahre ich abends nicht mehr!“

„Oma! Keine Politik! Laß uns losgehen, sonst verpaß ich noch meinen Zug!“ Hannah hing sich ihren schwarzen Geigenkasten aus Carbonfaser über den Rücken. Sie verließen die herrschaftliche Villa, in der ihre verwitwete Großmutter, eine ehemalige Chefsekretärin eines größeren Unternehmens, eine Etage bewohnte. Nach einem kleinen Spaziergang, der durch die gutbürgerliche Wohngegend von Berlin Westend führte und dann einen knappen Kilometer eine kaum beleuchtete Ausfallstraße entlang in den Grunewald, kamen sie am Parkplatz des Drachenbergs an. Ein hundert Meter hoher Hügel aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs, zu dem steile Holztreppen hinaufführten und von wo aus man einen großzügigen Panoramablick auf Berlin hatte. Hannah identifizierte im Halbdunkel des spärlichen Lichts einer entfernten Straßenlaterne den E-Roller und entriegelte ihn mit ihrer App. Sie entnahm den Helm aus der Gepäckbox.

Ihre Großmutter schaute ihr kopfschüttelnd zu. „Kinder, was sind das für Zeiten! Einfach so ein Ding von der Straße nehmen!“ Hannah lächelte. „Ja, ich hab mich auch noch nicht daran gewöhnt. Bin wohl oldschool. Spiele ja sogar noch selbst ein Instrument, statt am Computer Sound zu modellieren.“ – „Fahr nur vorsichtig! Ein Unfall ist schnell passiert. Wenn du jetzt deine Hände verletzt, ist‘s vorbei mit deiner Karriere als großer Geigerin. Du bist so unvernünftig!“

Hannah gab ihrer Großmutter einen Kuß. „Nicht wirklich, meine Hände sind teuer versichert. Wie die Beine eines Rennpferdes! Außerdem sind ängstliche Musiker doch megapeinlich! Wer will solche Leute spielen hören?! Du doch auch nicht!“ Sie lächelte, setzte sich auf den Vespa-ähnlichen Roller und fuhr winkend vom Parkplatz weg.

Hannahs Selbstsicherheit war geschauspielert. In Wirklichkeit steckte sie in einer sich ausbreitenden Sinnkrise. Durch den Corona-Lockdown waren international alle ihre Live-Auftritte abgesagt worden und das erste Mal, seitdem sie vor knapp zwanzig Jahren als jugendliches Supertalent die klassische Musikszene mit Violinpartiten von Bach aufgemischt hatte, war ihr Terminkalender für die kommenden Monate fast leer. Sie hatte zwar vertraglich dieses Jahr noch ein Album für ihr Musiklabel abzuliefern, Violinsonaten von Mozart mit einer befreundeten Pianistin; weswegen sie jetzt nach Berlin für eine erste Studiosession gekommen war. Aufgrund der unklaren Vermarktungslage war der Erscheinungstermin jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Sie war frei, das zu tun, worauf sie Lust hatte. Auch finanziell gesehen; sie hatte mit Mitte dreißig durch Albumverkäufe und weltweite Auftritte ausgesorgt. Aber der urplötzliche Wegfall des öffentlichen Drucks hatte – ähnlich wie zu schnelles Auftauchen aus tiefem Wasser für einen Taucher zu einer lebensgefährlichen Lungenembolie führen konnte – eine Art psychische Dekompression, eine täglich sich vergrößernde Depression erzeugt: Sie fragte sich, was all diese ganze Musik, die sie seit Jahrzehnten praktisch auf Knopfdruck ablieferte, eigentlich noch mit ihrer wirklichen Person zu tun hatte? Sie wußte es nicht mehr.

Daß sie auf Livekonzerten mit ihrem Geigenspiel Jubelstürme und Andacht gleichermaßen erzeugen konnte, war eine schöne Sache, aber es war, wenn sie ehrlich war, inzwischen völlige Routine geworden. Ihr Markenzeichen als klassische Musikerin: Groove und Leichtigkeit, Soul und Brillanz hatte sich derart verselbstständigt, daß sie nur die Violine in die Hand nehmen und das Podium betreten mußte – und die Leute waren schon begeistert und erwarteten Großartiges. Was und wie sie dann spielte, war zwar nicht völlig egal, denn ihr Publikum war in der Regel nicht taub, aber die Menschen hörten nur noch Hannahs Image, sie hörten, was sie sich vorstellten zu hören.

Was wirklich passierte, etwa, daß sie an manchen Abenden Präsenz im Augenblick, echte Musikalität nur simulierte und stattdessen technische Fingerübungen abspulte, entging den allermeisten sogenannten Experten und Fans dann doch. Sie erlebten unverdrossen auch im Banalen das Besondere, im Künstlichen das Authentische. Sie sahen oder hörten besser gesagt die selbst-gemachte Vorstellung in ihren Köpfen, aber nicht die Wirklichkeit.

Hannah selbst war diese stetige Verschiebung der wahren Werte zumindest unbewußt nicht entgangen. Und jetzt, wo der Termindruck so plötzlich abgebrochen war, schob sich diese bisher im Unbewußten gärende Skepsis über den Sinn des Ganzen als nagende Unzufriedenheit in ihr Bewußtsein. Sicherlich konnte sie die Welt nicht ändern, „the show must go on“, war ein Prinzip, das sie nicht mit ihren persönlichen Zweifeln aushebeln konnte. Im Musikzirkus war sie letztlich jederzeit ersetzbar. Es würde immer wieder hochbegabte oder sogar geniale Geigerinnen geben – das war so ähnlich wie mit der Miss Universum, die auch jedes Jahr aufs Neue präsentiert wurde. Aber was sie machen konnte, sie konnte vielleicht sich selbst ändern. Und das hatte sie vor, auch wenn sie keinen blaßen Schimmer hatte, was das bedeuten würde.

Zunächst hatte sie ein sofort zu lösendes Problem mit dem Lenker ihres Rollers. Er hatte von Anfang an extrem schwammig auf Bewegungen reagiert, aber als sie jetzt den Kreisverkehr amTheodor-Heuss-Platz passierte, wäre sie fast mit einem wütend hupenden Sattelschlepper kollidiert, weil sie die Spur beim Umrunden nicht sauber halten konnte und abdriftete, obwohl sie gegenlenkte. Etwas zittrig in den Beinen und durch den leichten Schock mit einem flauen Gefühl im Magen stellte sie sofort den offenbar defekten Roller ab. Unter die doppelten und hüfthohen Räder eines Lasters zu geraten, wäre mit Sicherheit kein schöner Tod gewesen.

Auf der gegenüberliegenden Ecke der Straße entdeckte sie einen Taxistand. Sie rannte über die rote Fußgängerampel und klopfte gegen die Seitenscheibe des Taxis. Der fünfzigjährige Fahrer Michael Quellenburg saß tief im Sitz versunken mit geschlossenen Augen. Er schrak aus seinem Halbschlaf auf und ließ das Fenster hinunter. Sie sagte: „Ich muß ganz schnell zum Hauptbahnhof!“ Er machte eine einladende Geste und Hannah setzte sich direkt hinter dem Fahrer auf dem Rücksitz. Als relativ prominente Frau wählte sie im Taxi immer diesen Platz, wo ihr Gesicht im Rückspiegel nicht zu sehen war. Nicht, daß sie wirklich Angst hatte, erkannt zu werden, aber sie bevorzugte im Zweifelsfall Anonymität. Davon abgesehen waren vermutlich Taxifahrer selten up to date mit den bekannten Gesichtern innerhalb der klassischen Musikszene.

Michael war mit einem Kavalierstart vom Halteplatz losgefahren und sagte: „Falls Sie deswegen im toten Winkel sitzen, um keine Maske aufsetzen zu müssen, – wegen mir müssen Sie keine aufsetzen!“ Hannah erwiderte: „Was?! Die Maske? Ganz vergessen, steh auch nicht drauf. Hab mir diesen Platz angewöhnt, weil manche Taxifahrer einen sonst ewig vollquatschen.“ Der Fahrer erwiderte: „Keine Sorge! Bin keiner von denen.“ Er schaltete die Musikanlage seines Taxis an; Reggae-Rhythmus in Zimmerlautstärke ertönte, Michael schaltete die Lautstärke leiser.

Hannah, die bei der allgegenwärtigen Musik an öffentlichen Plätzen wie in Kaufhäusern, Cafés oder eben auch in Taxis die Fähigkeit entwickelt hatte, Sound, der ihr auf die Nerven ging, aus ihrer bewußten Wahrnehmung auszublenden, hörte angenehm überrascht hin. Sie kannte wie wohl die meisten musikalisch wachen Menschen den Song: „One love“. Ihr Vater hatte, als Hannah noch gar nicht geboren war, als junger Student Bob Marley in der Berliner Waldbühne gehört und sich damals sofort die Platte „Exodus“ gekauft. Es war noch die Zeit vor den CDs und jetzt war seltsamerweise schon die Zeit nach den CDs. Technische Epochen schienen in der Gegenwart in einem rasanten Tempo vorbeizuziehen. Als Mädchen hatte sie dieses Album, wenn sie genug von Klassik und täglichem Violinendrill hatte, manchmal zuhause gehört. Möglicherweise hatte der suggestive Beat des Reggae sie damals unbewußt ein bißchen mitgeprägt, dergestalt, daß sie nie vergaß, daß Groove, Swing oder wie immer man lebendigen Rhythmus beschreiben wollte, Teil jeder echten Musik war.

Aber auch wenn Hannahs Haare kräftig und lang genug waren, sie zu Dreadlocks verfilzen zu lassen, sie war keine Rastafari, die Haile Selassie oder sonstwen für den wiedergekehrten Messias hielt. Sie mochte den Rhythmus von Reggae, aber ihre wahren Wurzeln lagen nicht in Jamaika oder Afrika, im Zweifelsfall gehörte Hannahs musikalisches Herz Johann Sebastian Bach. Und vielleicht deswegen lag für sie ein Zauber um Bob Marleys Stimme, spirituell schien er ihr mit Bach wahlverwandt, wenn er und seine Backgroundgirls sangen: „Hear the children crying, onelove/Here the children crying, one heart“. Seine Songs schienen ihr wie moderne Kantaten, voller Mitgefühl und Religiosität. Zudem war es ein Hannah seltsam berührender Zufall, daß die Waldbühne, wo ihr Vater damals das Konzert besucht hatte, nur einen Katzensprung weit weg von der Stelle war, wo sie gerade mit dem defekten E-Roller losgefahren war.

Der Song endete, sie sah draußen auf der Straße einen alten Mann, vom Aussehen her einen deutschen Rentner, mit einer Taschenlampe in einer der orangenen, öffentlichen Mülltonnen wühlen. Ein trauriges, aber inzwischen typisches Bild für Berlin. Dann gefroren ihre Gesichtszüge völlig verdutzt, sie hielt instinktiv den Atem an: Was sie jetzt im Taxi hörte, war sie selbst als Teenager, ein Stück aus jenem Album, mit dem sie bekannt geworden war: das erste Menuett der Partita Nummer 3 für Violine solo von Bach. Kein Radiosender, den sie kannte, spielte Reggae und Klassik kommentarlos hintereinander, offenbar hörte sie eine Playlist des Taxifahrers. Es war zudem ein vergleichsweise kurzes, auch nicht wahnsinnig bekanntes Stück, unter zwei Minuten; was ihr deswegen ungewöhnlich vorkam, weil die meisten Leute auf ihren persönlichen Musikmixen mindestens 3 Minuten pro Track bevorzugten. Was mit dem menschlichen Zeitgefühl zu tun haben dürfte: Zwei Minuten wurde wohl allgemein als zu kurzatmig für schöne Töne empfunden. Auf dem Originalalbum ging es ja nach dem Menuett 1 sofort mit dem Menuett 2 weiter.

Sie überlegte, ob sie sich als die Solistin outen sollte? Oder ob der Fahrer sie erkannt hatte? Schließlich hatte sie beim Einsteigen ihren Geigenkoffer in der Hand. Und wer sich in klassischer Musik auskannte, kannte vielleicht sogar ihre Stupsnase. Andererseits, ihr öffentliches Bild auf Albumcovern war immer extremgestylt, Typ wilde Elfe, – ungeschminkt und in Jeans fiel sie in der Masse nicht weiter auf. Hübsch sicherlich, aber kein modelmäßi-ger Eyecatcher. Sie beschloß, im Zweifelsfall ihre Anonymität zu bewahren. Ihr war nicht nach Smalltalk, auch wenn der Fahrer aufgrund seines Musikgeschmacks vermutlich ein sympathischer Mann war.

Sie fuhren jetzt durch den Tiergarten in den Kreisverkehr um die Siegessäule hinein. Die Musik hatte wieder gewechselt, eine poppige, brandneue Ballade von Alicia Keys, in der sie von einfachen Leuten sang, von Müttern, Taxifahrern, Straßenhändlern, die alle auf ihre Weise den Moment und ihre Träume lebten. „Underdog“, Hannah mochte den Song, den sie aus dem Radio kannte. Und vor allem die tragende Stimme der Sängerin, die sie ein bißchen an aufgewühltes Meer erinnerte: intensiv, ungezähmt. „Keep on keeping at what you love/You’ll find that someday soon enough/You will rise up, rise up…“

Es war ein erstaunlicher Musikmix und sie merkte, weil sie sich über das Halten an einer roten Ampel freute, daß sie die Fahrt gerne länger fortgesetzt hätte. Aber sie waren ja schon in Sichtweite des Hauptbahnhofs. Auf jeden Fall würde sie besonders viel Trinkgeld geben, das war sicher. Sie passierten das Untersuchungsgefängnis Moabit, ein Knast, der mitten in einem harmlosen Wohnkiez gelegen eine Ahnung des allzeit gegenwärtigen Bösen und Brutalen in der Welt aufkommen ließ, als Hannahs Überraschung sich noch einmal steigerte. Nach „Underdog“ kam wieder Bach, wieder ihr eigenes Violinspiel, diesmal das zweite Menuett der dritten Partita. Das konnte sie nicht mehr unkommentiert lassen. Sie sagte: „Violine solo als Puffer zwischen Popsongs!? Witzige Idee!“ Sie rutschte auf dem Rücksitz von links nachrechts, um den Taxifahrer zumindest im Profil ansehen zu können. Ihre Augenpaare trafen sich im Rückspiegel.

Michael war mit den Gedanken bei der finalen Abwicklung seines Taxiunternehmens: Kündigung aller Mitarbeiter, Bescheinigungen für Kurzarbeitergeld, Insolvenzanmeldung, solche Dinge. Der Corona-Lockdown hatte seinen Betrieb innerhalb weniger Wochen ruiniert: Kaum jemand fuhr noch Taxi und mit Umsätzen von 50 Euro pro Schicht konnte man nicht überleben, geschweige denn eine Familie ernähren. Nach dreißig Jahren auf dem Bock war praktisch über Nacht Schluß; es war ein Gefühl, wie sich eine Hand abzuhacken. Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, wie es sprichwörtlich hieß.

Er erwiderte Hannahs Blick im Rückspiegel mit einem müden Lächeln. „Mit einer Geige auf dem Schoß ist Ihnen das natürlich nicht entgangen. Ich experimentiere mit meinen Playlists. Einerseits Fahrgäste bei Laune halten, andrerseits mich selbst. Gar nicht so leicht. Wobei Bach komischerweise immer gut ankommt. Schlä-gertypen, Säufer, Nervensägen, seine Musik macht irgendwie auch die aggressivsten Typen handzahm.“

Hannah lachte. „Offenbar sogar mich. Halte sonst im Taxi immer meine Klappe.“

Der Mann lächelte knapp und wandte seine Augen wieder vom Rückspiegel auf die Straße vor ihm und fuhr stumm weiter; er war offenbar kein geschwätziger Mensch.

Sie dachte an die vor ihr liegende öde Zugfahrt im Intercity Express nach München, wo man luftdicht abgeschlossen durch die Landschaft wie im Flugzeug rauschte; ein steriles, auf Tempo getrimmtes Reisen, das durch die Maskenpflicht noch steriler geworden war. Und wo die meisten Mitreisenden, egal ob in derersten oder zweiten Klasse, wie autistisch über ihre Handys und Laptops gebeugt waren, versunken in ihren persönlichen Welten wie an Schnullern nuckelnde Babys. Und sie selbst war dann natürlich Teil dieser Zombiewelt.

Sie erreichten den Vorplatz des Hauptbahnhofs, Michael stoppte den Taxameter. Ein bißchen über zwanzig Euro. „Quittung?“ Hannah schüttelte den Kopf. Aus den Lautsprechern tönte nach Bach jetzt ein schon etwas in die Jahre gekommener Hit von Zaz: „Je veux“. Sie reichte ihm einen grünen 100 Euroschein. „Stimmt so!“ Er bemerkte: „Das ist aber sehr großzügig!“

Hannah gab sich einen inneren Ruck; ihre Anonymität in Ehren, aber sie hatte das Gefühl, es würde dem Fahrer noch mehr echte Freude bereiten, wenn sie die Wahrheit sagte. „Eigentlich war die Tour unbezahlbar. Ich bin die Geigerin auf Ihrer Playlist. Sich selbst zufällig im Taxi zu hören, das ist wie ein Gottesgeschenk. – Haben Sie eine Karte von sich? Meine Agentur schickt Ihnen Tickets für mein nächstes Konzert in Berlin oder wo auch immer Sie wollen?!“

Michael erwiderte nach einer perplexen Sekunde: „Hätte Sie nicht erkannt. Obwohl ich Ihr Gesicht auf CDs schon gesehen habe. Zu viele Gesichter auf dem Rücksitz. Hunderttausende im Lauf der Jahre. Da verschwimmt alles. Und ich dachte, ich hätte schon alles in der Taxe erlebt ...“ Er kramte eine Visitenkarte aus der Mittelkonsole, Hannah steckte sie ein und streckte lächelnd ihre Hand von hinten zwischen den Vordersitzen zum Abschied aus. „Passen Sie auf sich auf!“ Der Fahrer drückte ihre Hand: „Sie auch. Danke!“

Hannah war spät dran, sie eilte ins Bahnhofsgebäude, ein viel-stöckiger Klotz aus Glas und Stahl, wie architektonischer Schweizer Käse sehr luftig anmutend gebaut. Man konnte von oben nach ganz unten durch die verschiedenen Ebenen des Bahnhofs schauen, ohne daß der Blick völlig geblockt wurde; ein bißchen schwindelerregend, wenn man Höhenangst hatte. Atmosphärisch mischte sich der provinzielle Charme von typischen Shopping-mail-Geschäften und den bekannten Schnellimbißketten mit dem internationalen Flair des Fernverkehrs.

Auf dem Weg zur Rolltreppe ins Tiefgeschoß stieß sie im Foyer mit einem kräftigen Mittvierziger zusammen, der ähnlich stram-men Schrittes wie sie unterwegs war, aber dabei mit aufgesetzten Kopfhörern auf sein iPhone starrte und überhaupt nicht auf seine Umgebung achtete. Sie entschuldigten sich mechanisch kurz gegenseitig. Als sie etwas abgehetzt auf dem Bahnsteig nach München ankam, informierte eine Lautsprecherdurchsage die Reisenden, daß der Zug voraussichtlich zwanzig Minuten Verspätung haben würde. Es warteten nicht viele Leute auf den ICE, ein Dutzend Personen, weit über den Bahnsteig verteilt; der allgemeine Lockdown hatte ein ganzes Volk zu Stubenhockern verwandelt.

Sie setzte sich auf eine Wartebank neben einen Abfalleimer aus Edelstahl. Damit Obdachlose sich nicht zum Schlafen hier hinlegten, war jeder einzelne Sitzplatz auf der Bank mit Lehnen isoliert. Ähnlich wie die dicht gebündelten Metallspieße oben auf Anzeigetafeln auf S-Bahnhöfen, die die Tauben abhalten sollten, sich dort niederzulassen.

Es war eine überall auf Abwehr und Angst geeichte Welt, jetzt trugen auch noch die paar Fahrgäste auf dem langen Bahnsteig außer ihr Masken. Hannah merkte, wie ihre gute Stimmung aus dem Taxi sich schnell verflüchtigte und sich eine innere Gereizt-heit breitmachte. Die sie zur Genüge kannte. Ein latenter Weltekel. Das Wunderbare vorhin war ja gewesen, daß sich ihre wahre Berufung – Musik zu machen – in der Playlist des Taxifahrers als einen anderen Menschen glücklich machend widergespiegelt hatte. Es war ein alltäglicher Augenblick, wo ihr Leben plötzlich sinnvoll und schön erschienen war. Ohne Planung oder Üben oder Drogen. Und genau solche Momente hatte sie offensichtlich zu wenige in ihrem Leben. Sonst könnte sie nicht zehn Minuten später wieder innerlich angespannt und genervt sein.

Aber etwas war dennoch anders. Das Erlebnis im Taxi hatte zeitverzögerte Folgen für ihr Bewußtsein. In ihr gärte die Erkenntnis, daß eigentlich jeder Moment, nicht nur jener im Taxi, sondern auch dieser auf der Wartebank in der Tiefebene des Berliner Hauptbahnhofs eine Chance auf echtes Leben bot, – wenn man sie nur nutzte. Sie wußte, daß es tatsächlich etwas gab, was sie sofort, genau hier und genau jetzt, glücklich machen würde. Wenn sie sich nur trauen würde, es zu tun.

Und es war sogar etwas, das sie wirklich gut konnte. Sie hatte plötzlich wahnsinnig große Lust, ihre Geige rauszuholen und eben Bach zu spielen; konkret sogar die „Chaconne“, jenes weltberühmte und schwierige Paradestück, das sie auf ihrem ersten Album eingespielt hatte. Das Problem war nur, daß öffentliches Musizieren hier im Bahnhof ohne Genehmigung mit Sicherheit verboten war, wegen Corona vermutlich noch strikter als sonst. Vor allem aber war ihr die Mentalität, Leuten ungefragt Musik um die Ohren zu hauen, innerlich völlig fremd. Und Violine war kein Instrument, auf dem man auch unaufdringlich leise wie etwa auf einer Gitarre klimpern konnte. Sie hatte zwar in allen großen Konzertsälen der Welt gespielt, aber immer auf Einladung, sie hatte sich nie aufgedrängt, weder öffentlich noch privat. Sie war soweit von einer Straßenmusikerin entfernt, wie man es als Absolventin eines Elitekonservatoriums nur sein konnte. Ihr wurde bewußt, daß sie tatsächlich noch nie spontan vor Leuten gespielt hatte, die weder an ihr noch überhaupt an Musik interessiert waren.

Sie, die seit ihrer Kindheit vor strengen Jurorenohren vorgespielt hatte – die jeden Verspieler oder jede klischeehafte Intona-tion sofort registrierten – und die nie wirklich Angst gehabt hatte, weil sie sich ihrer Begabung sicher war, hatte Angst, die Geige in die Hand zu nehmen. Denn hier im Bahnhof ging es nicht um ihre musikalische Begabung, die kümmerte hier niemanden, sondern um sie als Frau, die das tun wollte, wonach ihr gerade zumute war: zu musizieren. Das war keineswegs dasselbe. In Konzertsälen war sie immer sofort heimisch, egal ob in Tokio oder Amsterdam oder New York, – aber in Bahnhöfen kam sie sich mit ihrer Geige eher wie eine Fremde vor.

Diese Schizophrenie, in der Musik zuhause zu sein, aber nicht in der dazugehörigen realen Welt, verstörte sie, sie wollte diesen Zustand ändern. Genau das schien ihr die schicksalhafte Botschaft der kleinen Taxitour gewesen zu sein. Aber dafür mußte sie jetzt mutig beide Sphären vermischen und ihr Instrument auf dem Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofs aus dem Koffer holen.

Es war eine Situation wie der erste Kopfsprung ins Schwimmbecken. Entweder man sprang oder man sprang nicht, weil man zu große Angst hatte. Es gab keine Ausreden, entweder sie war ein Angsthase oder sie hatte Mut. Dazwischen gab es nichts. Wenn sie sogar jetzt, wo sie aufgrund des Lockdowns terminlich frei war, ihre Freiheit im Kleinen nicht nutzte, ihren spontanen Eingebungen nicht folgte, würde sie es wahrscheinlich nie mehr tun. Sicherlich, es gab einen Mann in ihrem Leben, der sie vom Münchener Hauptbahnhof abholen würde, mit dem sie lebte und vielleicht bald Kinder haben würde, aber irgendwie spielte das alles im Augenblick keine wirkliche Rolle.

Sie atmete tief ein und aus. Dann öffnete sie ihren Geigenkoffer und holte ihre geliebte Violine heraus. Ein Guarneri del Gesu Nachbau aus dem neunzehnten Jahrhundert in warmen orangebraunen Holztönen, weit über hundert Jahre älter als sie selbst; eine Viertelmillion Euro wert, aber wenn sie verliebt in den Klang eines Instruments war, nahm sie es überallhin mit. Zufällige Straßenräuber hatten andere Ziele im Visier und kaum einen geschulten Blick für historische Musikinstrumente. Außerdem war in Hannahs Meinung eine wunderbare Violine zum Spielen da, nicht zum Präsentieren hinter Glasvitrinen. Der Preis des Lebens war irgendwann der Verfall, kein Schutz, keine Versicherung, auch keine Maske konnte diese Tatsache aus der Welt schaffen, in dieser Hinsicht war sie intuitiver Buddhist.

Sie stand von der Bank auf und zog aus der Gesäßtasche ihrer Jeans eine zerknüllte Einwegmaske aus weichem Vliesmaterial und zog sie sich vors Gesicht. Wenn sie schon all ihren Mut zusammengenommen hatte, um hier auf dem Bahnhof zu spielen, wollte sie sich nicht noch mehr Ärger durch das Nichttragen einer Maske einhandeln. Auch wenn sie zutiefst von der medizinischen Sinnlosigkeit von Alltagsmasken als Virenschutz überzeugt war, in ihnen mehr den früher oder später unvermeidlichen Tod verdrängende hysterische Placebos sah, – zwei Fronten gleichzeitig wären zuviel gewesen. Sie war nur eine auf sich gestellte Frau auf einem Bahnhof.

Und immerhin minderte die Maske die Chance, daß jemand sie als berühmte Geigerin erkannte. Denn in diesem Fall, das war Hannah klar, würden die Leute natürlich alle sofort respektvoll zuhören, mit ihren Handys Fotos und Filmchen machen, damit die sozialen Netzwerke füttern und sich gar nicht mehr darüber einkriegen, daß ein Klassikstar am Hauptbahnhof Violine spielte. Und genau darum ging es ihr ja nicht. Die mehr oder weniger immergleichen Reaktionen von Fans, Bewunderern, Kennern kannte sie bis zum Überdruß. Sie wollte jetzt als namenloser Mensch spielen, jenseits ihres Images wahrgenommen werden und sehen, was dann passierte.

Sie legte die Geige an ihren Hals, schaute sich aus den Augenwinkeln kurz um, niemand der wenigen Leute direkt in ihrer Nähe schenkte ihr Beachtung. Weder zwei übergewichtige ältere Frauen, die aus den Pappschachteln eines Asia-Imbisses irgendwelche gebratenen Nudeln in sich hinein schaufelten noch ein Mittdrei-ßiger im Anzug, der auf seinem Laptop herumtippte. Naturgemäß auch nicht ein junges Pärchen, das sich mit zum Kinn verrutschten Masken schon lange innig auf der gegenüberliegenden Sitzseite von Hannahs Bank umschlungen knutschte. Sie schloß kurz die Augen, um sich zu sammeln und begann zu spielen, entschlossen und ungehemmt.

Die Anfangstakte der „Chaconne“ waren suggestiv und feierlich, wer nur ein bißchen musikalisches Empfinden hatte, mußte automatisch aufhorchen. Im Unterschied zu vielen extrem bekannten Melodiefetzen, wie etwa dem Anfang von Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“, die durch massenhafte mechanische Wiederholung ihren Charme verloren hatten, schien Bachs Musik auf seltsame Weise immun gegen Banalisierung zu sein. Selbstwenn man ihn tausendmal hörte oder spielte, es war immer so, als würden Meereswellen an das Ufer rauschen. Ein Vorgang, der aufgrund einer natürlichen Gesetzmäßigkeit bei aller Wiederholung auch nie langweilig wurde.

Hannah blendete wie so oft, wenn sie erst einmal ins Spielen geriet, ihre Umgebung jenseits der Geige völlig aus. In diesem Zustand hätte sie genauso gut in der Royal Festival Hall in London spielen können. So bekam sie nicht mit, daß das verliebte Pärchen beim ersten Ton, der gleich ein durchdringender Akkord gewesen war, zusammenzuckte und beide sich erschrocken aus ihrer Umarmung lösten. Sie bekam auch nicht mit, daß der Mann am Laptop nach einem kurzen verärgerten Aufschauen ungerührt weiter auf seiner Tastatur herumfingerte. Und daß die beiden älteren Frauen, sie abschätzig musternd, kopfschüttelnd weiter mit kleinen Plastikgabeln fettige Nudeln und völlig übergartes Hühn-chenfleisch aus den Pappschachteln fischten.

Auch Menschen weiter entfernt auf dem Bahnsteig reagierten nicht wirklich auf die Musik. Sie nahmen sie zwar für einen Moment wahr, aber in Berlin, wo Straßenmusiker zu Vor-Corona Zeiten oft mit Bettlern in den U- und S-Bahnen um Aufmerksamkeit und Kleingeld konkurrierten, war die Erscheinung als solche den meisten nicht einmal einen Blick wert. Unterbrochen vom Geräusch einfahrender Züge auf Nebengleisen, Lautsprecher-durchsagen, dem Rattern der Rollkoffer ging Bachs erhebende Musik und Hannahs intensives Spiel im allgemeinen Alltagstrubel unter. Hannah, versunken und vereint mit ihrer Violine, bemerkte vom allgemeinen Desinteresse zunächst nichts.

Allerdings erschien sie auf einem Monitor der zentralen Überwachungsanlage und zwei Personen des Sicherheitsdiensteswurden losgeschickt, um im Sinne der Hausordnung ihr Musizieren zu beenden. Es waren ein Mann und eine Frau; er hatte die Statur eines alternden Türstehers, unter viel Bauch viel Muskeln, sie war deutlich kleiner, aber ähnlich kompakt. Als sie Hannah erreichten, die immer noch wie im Tunnel spielte, musterten sie sie abschätzig. Nach wenigen Sekunden Beobachtens sagte der Mann spöttisch und laut: „Klingt wie meine Katze, wenn ihr jemand auf den Schwanz tritt!“ Er sah seine Partnerin beifallhei-schend an. Sie nickte zustimmend. Hannah spielte weiter ihre Passage, aber ihre Wahrnehmung öffnete sich wieder nach außen. Sie realisierte an den Uniformen, daß sie es mit dem hauseigenen Wachschutz zu tun hatte. Sie spielte nicht mehr ganz so versunken, eher auf Autopilot.

Die stämmige Frau bellte: „Schluß jetzt! Oder es kommt zur Anzeige!“ Hannah schaute von der Geige auf und in das masken-bewehrte Gesicht der Frau. Die gleichen wasserblauen Augen wie ihre Großmutter. Aber kein freundlicher Glanz in ihnen, ungesund gerötete Haut, nicht das mindeste Zeichen von Sympathie. Sie registrierte auch, daß niemand der anderen wartenden Fahrgäste ihr überhaupt nur zuhörte. Das Pärchen hinter ihr war immer noch in inniger Umarmung versunken, was in gewißer Weise das einzige Kompliment für ihre kleine Performance zu sein schien. Ihr Musizieren war wenigstens kompatibel zum Küssen. Hannahs Bogenhand erstarrte. Sie war seit Jahrzehnten, praktisch seit ihrer frühen Kindheit Beifall gewöhnt, sei es milden, sei es stürmischen, sei es orkanartigen. Das hier, völlige Kälte und absolutes Desinteresse, war ihr neu.

Das sie seltsam Schockierende war überhaupt nicht, daß sie es mit offensichtlichen Banausen zu tun hatte. Die Welt war kompliziert genug, man konnte sich nicht überall auskennen. Und daß das sogenannte gegenwärtige digitale Zeitalter kein musikalisches war, daß Berechnung überall das Intuitive und Spontane ersetzte – beispielhaft verkörpert im Boom von Online-Partnervermittlungen –, war geistig wachen Menschen auch schon recht lange klar.

Aber was Hannah auf dem Berliner Hauptbahnhof realisierte und darüber war kein Zweifel möglich, war eine neue Qualität von sich ausbreitendem Autismus: Die Leute traten emotional gar nicht mehr in Kontakt, nicht einmal negativ; es war so, als existierte sie gar nicht. Weil sie nicht als Star gelabelt war wie sonst. Die Sicherheitsbeamtin vor ihr betrachtete sie nur als Störung des Betriebsablaufes, die beseitigt werden mußte. Wie Graffiti oder Müll. Und die Menschen um sie herum auf dem Bahnsteig waren alle derart in ihren eigenen Welten eingepfercht, daß sie musikalisch die Sterne vom Himmel hätte spielen können, was sie eigentlich auch gerade getan hatte und es war völlig egal. Weil sie nicht in das Bild paßte, das die Menschen vom gegenwärtigen Augenblick hatten, wurde sie ausgeblendet. Beziehungsweise als unangenehme Störung des normalen Programms empfunden. Sie war eine Art Bug, der jetzt vom Systemadministrator, den Ordnungskräften, entfernt wurde.

Hannah erinnerte sich an eine Freundin, eine junge Mutter, die ihr verzweifelt davon erzählt hatte, daß ihr später als autistisch diagnostiziertes Baby keinen Augenkontakt mit ihr suchte. Genau diese Erfahrung, in einen psychisch kontaktlosen Raum geraten zu sein, machte Hannah mit ihrer Musik. War der Taxifahrer der Himmel gewesen, so war sie jetzt, nur eine Viertelstunde später, in der Hölle gelandet. Musikalisch und menschlich.

Immerhin hatte sie vor sich selbst Mut bewiesen, indem sie überhaupt gespielt hatte. Sie war darauf durchaus stolz. Aber sie war auch eine praktisch denkende Frau. Sie hatte keineswegs die Absicht, am Bahnhof jenseits ihres bisherigen Spielens weiter eine große Szene zu machen. Die Leute wollten sie nicht musizieren hören, sei es also so, dachte sie. Sie sagte, sowohl dem Mann als auch der Frau kurz in die Augen schauend: „Alles gut.“

Sie verstaute ihre Violine und setzte sich wieder auf die Bank. Eine Durchsage kündigte die Ankunft des Zuges nach München an. Der Mann vom Sicherheitsdienst sagte: „Diesmal belassen wir es bei einer Verwarnung! Und nehmen sie das nächste Mal vor einem Auftritt in der Öffentlichkeit besser Unterricht! So was Schreckliches habe ich schon lange nicht mehr gehört!“ Er grinste zu seiner Partnerin und beide stiefelten breitbeinig und wichtig-tuend zur nach oben führenden Rolltreppe.

Der Mann tat Hannah aufrichtig leid. Er hatte mit seiner letzten Bemerkung, die natürlich höhnisch und verletzend gemeint war, nur sich selbst als musikalisch völlig tot geoutet. Es war faszinierend zu sehen, wie ein bißchen Macht Leute zu menschlich erbärmlichen Verhalten verleiten konnte. Hannah schaute sich um. Kein Mensch interessierte sich für die Situation mit ihr; es war, als hätte sie nie die Geige am Bahnhof in die Hand genommen und angefangen, die „Chaconne“ zu spielen. Wahrscheinlich würde es Videoaufzeichnungen vom Sicherheitsdienst geben. Vielleicht sollte sie ihre Agentur deswegen benachrichtigen. „Das Hannah-Video“, eine bessere Werbung für ihre musikalische Authentizität dürfte es nicht geben. Oder eine schlechtere für die sogenannte Musikalität einer Weltstadt. Der Clip könnte sogar viral gehen.

Als sie schließlich im Nachtzug nach München saß, müde und innerlich erschöpft, wurde ihr aber bewußt, während sie langsam in den Schlaf dämmerte, daß das Ergebnis des heutigen Abends eben nicht eine neue coole Marketingidee war, sondern das völlige Gegenteil von business as usual: Sie würde von nun an öfter intuitiv die Geige in die Hand nehmen. Auf Flughäfen, auf Autobahnparkplätzen, in Nachtclubs; wo immer ihr danach zumute war. Mit den Reaktionen darauf würde sie leben lernen. Und vor allem war sie dem Taxifahrer dankbar: Hätte sie sich nicht selbst auf seiner seltsamen Pop-Klassik-Playlist gehört, hätte sie ganz sicher nicht spontan Violine auf dem Hauptbahnhof gespielt. Sie war innerlich bereit, die Welten zu vermischen, die Unmusikalische und die Musikalische. Sie fühlte sich freier und echter als jemals zuvor.

Jenseits der Selfies