Johannes Hus deutsch - Johannes Hus - E-Book

Johannes Hus deutsch E-Book

Johannes Hus

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Beschreibung

Am 6. Juli 1415 wurde Johannes Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannt. 600 Jahre nach diesem Ereignis soll an den Prager Magister mit einer Ausgabe seiner Schriften, Predigten und Briefe erinnert werden. Hussens Ideen wurden zunächst in Böhmen von seinen Anhängern weitergetragen. Die Wittenberger Reformatoren nahmen Hus ein Jahrhundert später als ihren Vorläufer wahr und brachten ihm eine Wertschätzung entgegen, wie es sie bis dahin außerhalb Böhmens nicht gegeben hatte. Für ein deutsches Publikum sind die lateinischen und alttschechischen Werke des Johannes Hus schwer zugänglich, deutsche Übersetzungen sind seit Jahren nicht mehr auf dem Markt. Die vorliegende Ausgabe bietet deshalb eine Auswahl wichtiger Hus-Texte aus den Jahren 1403 bis 1415 in neuer deutscher Übersetzung. Hussens Hauptschrift "Von der Kirche" wird erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung dargeboten. Einleitungen und Texte sollen es dem Leser ermöglichen, die Biographie, das theologische Denken und den Hus-Prozess vor und während des Konstanzer Konzils anhand wichtiger, überwiegend von Hus selbst stammender Zeugnisse nachzuvollziehen.

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Seitenzahl: 1421

Veröffentlichungsjahr: 2017

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JOHANNES  HUS  DEUTSCH

Abb.1: Johannes Hus (Foto: Georgios Kollidas – Fotolia.com).

JOHANNES  HUS  DEUTSCH

Herausgegeben von Armin Kohnle und Thomas Krzenck

unter Mitarbeit von Friedemann Richter und Christiane Domtera-Schleichardt

Die Drucklegung des Werkes wurde unterstützt durch

den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds Prag

die Historische Kommission für die böhmischen Länder, München

die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH

die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands

die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Redaktion: Friedemann Richter

Cover und Layout: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Evangelische Verlagsanstalt GmbH

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-374-04925-7

www.eva-leipzig.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Einleitung

Armin Kohnle und Thomas Krzenck

1 Predigt über 2Kor 9,6: „Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten“ (um 1403)

übersetzt von Felix Heinz

2 Predigt über Röm 13,12–13: „Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen“ (1404)

übersetzt von Christiane Domtera-Schleichardt

3 Zwei an Frauen gerichtete Briefe (um 1405/1408)

übersetzt von Thomas Krzenck

4 Traktat von der Verherrlichung des Blutes Christi (1405)

übersetzt von Felix Heinz

5 Synodalpredigt über Mt 22,37: „Du sollst Gott, den Herrn, lieben“ (1405)

bearbeitet von Armin Kohnle

6 Quästion des Magisters Johannes Hus: „Zur Kritik am Klerus in der Predigt“ (1408)

übersetzt von Hannes Toense

7 Hus an den Prager Erzbischof Zbyněk von Hasenburg (1408)

übersetzt von Jörg Siebert und Stefan Michel

8 Klageartikel der Prager Geistlichen gegen Johannes Hus (1408)

übersetzt von Stefan Michel

9 Antwort des Johannes Hus auf die Klageartikel der Prager Geistlichen (1408)

übersetzt von Stefan Michel

10 Rektoratsrede über Jak 5,8: „Stärkt eure Herzen“ (1409)

übersetzt von Alexander Bartmuß

11 Exkommunikation des Johannes Hus durch den Prager Erzbischof (1410)

übersetzt von Armin Kohnle

12 Hus an die Bürger von Laun (um 1410)

übersetzt von Christiane Domtera-Schleichardt

13 Hus an Richard Wyche (1411)

übersetzt von Beate Kusche

14 Predigt über Lk 14,23: „Und der Herr sprach zu dem Knecht: ,Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen‘“ (1411)

übersetzt von Vasily Arslanov

15 Hus an Papst JohannesXXIII. (1411)

übersetzt von Armin Kohnle

16 Gegen John Stokes (1411)

übersetzt von Felix Heinz

17 Gegen einen anonymen Gegner (1411)

übersetzt von Bianca Hausburg

18 Hus an die Pilsener (1411)

übersetzt von Thomas Krzenck

19 Appellation des Magisters Johannes Hus gegen die Urteilssprüche des römischen Bischofs an Jesus Christus, den höchsten Richter (1412)

übersetzt von Armin Kohnle

20 Verteidigung einiger Artikel des John Wyclif (1412)

bearbeitet von Armin Kohnle

21 Hus an das Prager Landesgericht (1412)

übersetzt von Thomas Krzenck

22 Kleine Auslegung des Glaubensbekenntnisses (1412)

übersetzt von Thomas Krzenck

23 Kleine Auslegung der göttlichen Zehn Gebote (1412)

übersetzt von Thomas Krzenck

24 Hus an seine Prager Anhänger (1412)

übersetzt von Thomas Krzenck

25 Über die sechs Verirrungen (1412/1413)

übersetzt von Thomas Krzenck

26 Hus an seine Prager Anhänger (1413)

übersetzt von Michael Beyer

27 Über die Kirche (1413)

übersetzt und bearbeitet von Michael Beyer und Hans Schneider

28 Hussens Erklärung seines Glaubens für Konstanz (1414)

übersetzt von Konstantin Enge

29 Hus fordert seine Prager Anhänger zur Standhaftigkeit auf (1414)

übersetzt von Thomas Krzenck

30 Hus an König Wenzel (1414)

übersetzt von Thomas Krzenck

31 Briefe an die Freunde vor und nach der Abreise nach Konstanz (1414)

bearbeitet von Armin Kohnle

32 Geleitbrief König Sigismunds für Johannes Hus auf seiner Reise zum Konstanzer Konzil (1414)

übersetzt von Armin Kohnle

33 Ausgewählte Briefe aus Konstanz (1414/1415)

bearbeitet von Armin Kohnle

34 Antwort auf die 42 Artikel, die von Stefan Páleč den Kommissaren vorgelegt wurden (1415)

übersetzt von Klaus Grabenhorst und Johannes Träger

35 Endgültige Verweigerung des Widerrufs (1415)

übersetzt von Armin Kohnle

36 Verurteilung des Johannes Hus auf dem Konstanzer Konzil (1415)

bearbeitet von Armin Kohnle

37 Bericht des Peter von Mladoniowitz über die letzten Tage und den Feuertod des Johannes Hus (1415)

bearbeitet von Armin Kohnle

Zeittafel

zusammengestellt von Martin Naumann

Abkürzungen und mehrfach genannte Literaturtitel

Register der Orts- und Personennamen

Werkübersicht DDSTA und LDSTA

Weitere Bücher

Anmerkungen

EINLEITUNG

Am 6. Juli 1415 wurde Johannes Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 600 Jahre nach seinem Tod soll der vorliegende Band an den Theologen und Kirchenreformer erinnern, der in der römischen Kirche des ausgehenden Mittelalters als Ketzer galt, den die Wittenberger Reformatoren des 16. Jahrhunderts aber als ihren Vorläufer wahrnahmen.

1. Zwischen Kanzel und Scheiterhaufen:

Johannes Hus – Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer

Johannes (tschechisch Jan) Hus lebte von etwa 1370 bis 1415, wurde also ungefähr 45 Jahre alt, was in etwa der durchschnittlichen Lebenserwartung eines spätmittelalterlichen Menschen entsprach, sofern er nicht Hungersnöten, Seuchen und ähnlichen Naturkatastrophen oder Kriegen zum Opfer fiel. 1 Das Leben des Theologen, Predigers und Kirchenreformers Johannes Hus zeichnete sich dabei durch zahlreiche Besonderheiten aus, die ein charakteristisches Licht auf die von vielen Widersprüchen geprägte Zeit um das Jahr 1400 werfen.2 Pavel Soukup hat jüngst auf den Umstand verwiesen, dass Hus zwei böhmische Könige, sechs Prager Erzbischöfe, fünf Könige des Heiligen Römischen Reiches und neun Päpste erlebte. Schon allein diese Fakten sprechen für sich und bilden den äußeren Rahmen für die zeitgenössische Forderung nach einer Reform von Kirche und Gesellschaft „an Haupt und Gliedern“.3 In Hussens viereinhalb Dezennien währendem Leben, das sich hauptsächlich in der böhmischen Landesmetropole Prag – seit dem 10. Jahrhundert das natürliche und unangefochtene Zentrum und später die „Hauptstadt“ des Herzogtums bzw. endgültig seit 1212 des Königreichs Böhmen – abspielte, fielen

1. der Tod Kaiser KarlsIV. im Jahre 1378, mit dem ein scheinbar „goldenes Zeitalter“ in der böhmischen Geschichte endete,4

2. der Ausbruch des sog. Abendländischen Schismas, ebenfalls im Jahre 1378, das zwei, 1409 sogar drei miteinander konkurrierende Päpste hervorbrachte,5

3. die Absetzung WenzelsIV., des Sohnes und Erben KarlsIV. in Böhmen und im Reich, als römisch-deutscher König im Jahre 1400,6

4. innerböhmische machtpolitische Konflikte zwischen Hochadel und König, Landesherr und Prager Erzbischof, die bürgerkriegsähnliche Zustände im „allerchristlichsten Königreich“ auslösten,7

5. innerdynastische Streitigkeiten der Luxemburger, die einem „Bruderkrieg“ glichen und zur zweimaligen Gefangenschaft des böhmischen Königs WenzelIV. führten,8

6. sowie das Pisaner (1409) und der Beginn des Konstanzer Konzils (1414–1418),9

um nur die wichtigsten Ereignisse und Prozesse zu nennen, die viele Menschen beschäftigten.

Johannes Hus lebte also in einer wahrlich spannungsgeladenen Zeit, in der länderübergreifende und nationale Konflikte auf kirchen- wie machtpolitischer Ebene miteinander verschmolzen und einer Lösung harrten. Hinzu kamen damit in Zusammenhang stehende wirtschaftliche Probleme im Königreich Böhmen sowie innerkirchliche Reformbewegungen, die ein in den Quellen gut fassbares Bild von Missständen deutlich hervortreten lassen.10

Um 1370 vermutlich im südböhmischen Hussinetz in bescheidenen Verhältnissen geboren, entschied sich Hus rasch, eine geistliche Laufbahn einzuschlagen. Dies geschah anfänglich in der naiven Vorstellung, eine gute Wohnung und Kleidung zu haben und von den Menschen geschätzt zu werden, wie Hus Jahre später in seinem „Büchlein vom Ämterkauf“ selbstkritisch notierte.11 Für 1393 liegt das erste quellenmäßig gesicherte Zeugnis zu Hus vor. Im September dieses Jahres erreichte Joannes de Hussynecz seine erste Graduierung an der knapp ein halbes Jahrhundert zuvor von KarlIV. gegründeten Universität mit dem Erwerb des akademischen Titels eines Bakkalaureus der Freien Künste.12 Hus hatte also, wenngleich mittellos, zunächst wie allgemein üblich ein Basisstudium an der Artistenfakultät der Prager Universität aufgenommen. Wollte er weiter an dieser bleiben, um den nächsthöheren Titel eines Magisters zu erlangen oder sogar das Studium an einer der höheren Fakultäten (Theologie, Jura, Medizin) fortzusetzen, musste er fleißig weiter lernen und ein vorgeschriebenes Pensum an Lehrveranstaltungen abarbeiten. Zudem hatte ein Bakkalaureus die begrenzte Möglichkeit, selbst erste Vorlesungen zu ausgewählten Lehrstoffen aus Logik, Mathematik und naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles zu halten.

Den höheren Grad eines Magisters der Freien Künste erwarb Johannes Hus 1396, was auf seinen Fleiß und sein Bemühen, sich möglichst rasch einen Unterhalt noch vor einer Priesterweihe (diese erfolgte im Jahre 1400) zu sichern, schließen lässt. 1398 nahm Hus das zwölfjährige (!) Studium der Theologie auf, erreichte hierin 1404 den Titel eines Bakkalaureus der biblischen Studien, fünf Jahre später denjenigen eines Sententiars, ohne nachfolgend das Magisterstudium in diesem Fach zu beenden. Im Wintersemester 1401/1402 bekleidete er das Amt des Dekans der Artistenfakultät – zweifellos ein Beleg für die Anerkennung, die Hus sich innerhalb der akademischen Gemeinde erworben hatte.

Mit Beginn des Studiums an der Theologischen Fakultät hörte der Student Vorlesungen der Doktoren sowie älterer Bakkalare, deren Inhalt die Bibel und die Sentenzen des Petrus Lombardus (um 1095/1100– 1160) als Versuch der Systematisierung der Theologie und einer Konzentration auf die Kernfragen derselben bildeten. Zu den Vorlesungen kam die obligatorische Teilnahme an Disputationen, Feierlichkeiten sowie akademischen Exerzitien, und erst danach konnte der Studierende auf Vorschlag eines Magisters der Fakultät zur Promotion zum Bakkalaureus anempfohlen werden. In diese strengen Vorgaben eingeordnet vollzog sich auch Hussens Theologiestudium. Er war Student – und Lehrender zugleich.

Die bis heute erhaltenen Manuskripte sind ein wichtiges Zeugnis für Hussens Tätigkeit als akademischer Lehrer und zeigen, wie tief der fleißige Bakkalaureus in den biblischen Stoff eindrang.13 Einen Einblick in Hussens geistige Vorstellungen und seinen Blick auf den Zustand der Gesellschaft, wie er ihn in seinem Wirkungsort Prag erlebte, bietet exemplarisch eine Predigt aus dem Jahre 1404 bei einer Universitätsfeier zu Ehren ihres Gründers KarlIV. Der Sermon Abiciamus opera tenebrarum (Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen) nimmt Bezug auf den Brief des Paulus an die Römer (Röm 13,12f.), wo es heißt: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen, so lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Neid.14 Man ahnt bereits den Zeitbezug! Und in der Tat nutzte Hus die öffentliche Bühne, um mit der Argumentation der Bibel und anerkannter kirchlicher Autoritäten scharfe Kritik am zeitgenössischen sittlich-moralischen Zustand der Geistlichkeit zu üben, wenn er zum Beispiel Simonie und weltliche Macht der Kirche anprangerte und als Schlussfolgerung eine sittliche Reform der Kirche forderte.

Die Hingabe, mit der Hus sich den Pflichten an der Universität widmete, erstaunt umso mehr, wenn wir bedenken, dass es sich dabei nicht um seine einzige Tätigkeit handelte. Als Hus die besagte Predigt 1404 auf dem Boden seiner akademischen Wirkungsstätte hielt, war er bereits seit zwei Jahren Rektor der 1391 von einem Hofmann König WenzelsIV. gestifteten Bethlehemskapelle zu Prag.15 Wie seine Amtsbrüder auch, bemühte er sich dabei um eine Pfründe zur Absicherung seines Lebensunterhalts. In den ersten beiden Jahren seines Priestertums hatte er gelegentliche Gastpredigten etwa in der Kirche St. Michael der Prager Altstadt gehalten und bereits Aufmerksamkeit erzielt. Hussens Predigten erfreuten sich nicht nur eines regen Zustroms der Gläubigen, sondern wurden zahlreich kopiert und gelesen – ein deutlicher Beweis dafür, dass er als Prediger den Bedürfnissen seiner Zuhörer voll entsprach, nicht zuletzt durch seine Appelle an eine Reform des christlichen Lebens, womit sich Hus auch als Fortsetzer in die Riege der Prager Reformprediger seit den 1360er Jahren des 14. Jahrhunderts einreihte.16

Hus sah Predigertätigkeit und Priesterdasein nicht – wie zahlreiche seiner Amtsbrüder – als Mittel zum Zweck an, er fühlte eine innere Berufung und nahm die damit verbundene Lebensweise sehr ernst. Dies waren hervorragende Voraussetzungen für die Berufung als Rektor (erster Prediger) der Bethlehemskapelle. Die Ernennung erwies sich für den etwa 32-jährigen Hus in doppelter Hinsicht als bedeutsam. Sie bot durch ein Jahresgehalt materielle Absicherung und zugleich durch die an der Ostseite der Kapelle angebaute Dienstwohnung ein Dach über dem Kopf.17

Das schlichte Hallengebäude mit seinem gotischen Doppelgiebel war eine Dominante im damaligen Stadtbild, ein programmatischer Ort, der zugleich durch seine Gestaltung die Forderung nach Reform architektonisch und gestalterisch artikulierte – etwa wenn an der Stelle des hohen Gewölbes als Abbild des Himmels eine hölzerne Balkendecke den Raum schmückte. Der Innenraum mit seiner Fläche von fast 800m2 bot immerhin etwa 3000 Besuchern Platz! Der Name war dabei zugleich Symbol: Wie der Stifter schrieb, fand er es angemessen, die Kapelle ,Bethlehem‘ zu nennen, was man ,Haus des Brotes‘ auslegt, mit der Absicht, dass sich das gemeine Volk und die Treuen Christi mit dem Brot derheiligen Predigt erfrischen sollen.18 Und es ging nicht einfach um die Predigt, sondern um jene in tschechischer Sprache, was der Tendenz eines wachsenden pränationalen Gefühls der einheimischen Slawen entsprach, das sich in unterschiedlicher Gestalt artikulieren sollte.19 Bereits in der Gründungsurkunde der Bethlehemskapelle war zudem der Umfang der Predigttätigkeit festgelegt, der zufolge an Sonn- und Feiertagen eine Predigt am Morgen und eine zweite nach dem Mittagessen, im Advent und zur Fastenzeit an jedem Tag ein Sermon in der Frühe gehalten werden musste. In den zehn Jahren seiner Predigttätigkeit (1402–1412) dürfte Hus insgesamt etwa 3.000 Mal auf der Kanzel gestanden haben!20

Was aber predigte Hus? Wer waren die Zuhörer? Und wie erreichte der Prediger die versammelte Masse? Mehrere Predigtsammlungen – Hus hob zum Beispiel im Verlaufe des Kirchenjahres seine Unterlagen auf, bearbeitete sie zu einem Buch und stellte sie Studenten und Predigern zur Verfügung – sind überliefert, etwa aus den Jahren 1404/1405 und 1411/12; natürlich gab es hier, wenn auch mehrheitlich in den Anfangsjahren vom Verfasser getilgt, Anspielungen auf aktuelle Ereignisse, doch den Inhalt dieser homiletischen Texte prägten vor allem Heiligenpredigten, Sermones zur Fastenzeit, Auslegungen über die Passion Christi. Der Ablauf des liturgischen Jahres konfrontierte den Prediger dabei stets mit den gleichen auszulegenden Texten.21

Sofern Hus nicht gerade auf der Kanzel oder hinter dem Vorlesungspult an der Universität stand, saß er mit ziemlicher Sicherheit in seiner Stube im Predigerhaus an der Bethlehemskapelle, studierte die Bibel, arbeitete an seinen Traktaten und bereitete seine Vorlesungen an der Universität sowie seine Predigten vor, dabei stets die seelsorgerische Aufgabe als Hirte seiner Gemeinde vor Augen.22 Hus ging es dabei – den Erfahrungshorizont seines Publikums, das sich mehrheitlich aus tschechischen Handwerkern und Kaufleuten rekrutierte, vor Augen – vor allem um Anschaulichkeit, Gleichnisse, Zeitbezüge. Die Ansprüche an eine solche Predigertätigkeit formulierte Hus in einem Brief an einen jungen Priester, dem er unter anderem schrieb: Erst lebe fromm und heilig, dann lehre treu und recht. Sei anderen ein Vorbild in guten Taten, damit du nicht beim Wort genommen wirst, warne vor Sünden und emp-fehle die Tugenden. […] Predige unermüdlich, jedoch kurz und effektiv und mit einem kundigen Verständnis der Heiligen Schriften. […] Predige beharrlich gegen die Genusssucht, denn sie ist das wildeste Raubtier, das die Menschen verschlingt.23 Hus strebte aus innerer Überzeugung beharrlich danach, diesem Ideal nahezukommen. Und dies in einer Welt voller Widersprüche, in einer Stadt praller Gegensätze.

Prag – das war dabei mit wohl mindestens 30.000 Einwohnern eine der größten Städte nördlich der Alpen, die KarlIV. aus dem Hause Luxemburg als prachtvolle Residenz hatte großzügig umbauen und erweitern lassen.24 Doch der äußere Schein trog. Mit Karls Tod 1378 und dem Ende eines scheinbar „goldenen Zeitalters“ brachen mühsam gekittete Konflikte offen aus. Diese zeigten sich auch und gerade in der omnipräsenten Kirche. Allein 44 Pfarreien, 24 Klöster und 1.200 Kleriker gab es in Prag, womit die Moldaustadt eines der größten geistlichen Zentren in Europa war.25 Die wachsende Zahl geistlicher, um Pfründen konkurrierender Personen geriet in einen größer werdenden Gegensatz zur abnehmenden wirtschaftlichen Leistungskraft der böhmischen Länder. In Prag waren die Krisensymptome angesichts der enormen Zahl von Geistlichen und Klöstern besonders wahrnehmbar, was bereits seit den sechziger Jahren des 14. Jahrhunderts ein breites Forum für Kirchen- und Gesellschaftskritik schuf. Im Zentrum der Kritik von Predigern wie Konrad Waldhauser, Johann Mílič von Kremsier und Matthias von Janov stand dabei die Forderung nach einer wahren, auf weltlichen Besitz und Luxus verzichtenden Kirche in der Nachfolge Christi und seiner Armut.26

Allen Schichten der Gesellschaft war die Stellung der katholischen Kirche, insbesondere deren sittlich-moralischer Zustand (Simonie, Zölibat, Konkubinat, Geldgier usw.) sowie deren umfangreicher Grundbesitz im Lande, der bei 30 bis 40 Prozent des gesamten nutzbaren Bodens lag, ein Dorn im Auge.27 Hinzu kamen machtpolitische, mitunter mit bewaffneten Mitteln ausgetragene Konflikte zwischen Hochadel und König, König und Prager Erzbischof, WenzelIV. und anderen Familienangehörigen aus dem Hause Luxemburg. Und noch ein weiteres, „verbales Schlachtfeld“ offenbarte sich: Als geistiger Unruheherd rückte die 1348 gegründete Prager Universität in das Zentrum.28 Eine junge aufstrebende Generation böhmischer Universitätsmagister und Prediger, zu denen auch Hus gehörte, orientierte sich an den Vorstellungen und Forderungen des Oxforder Kirchenkritikers John Wyclif (um 1330–1384), der eine ganz an der Heiligen Schrift ausgerichtete Reform von Kirche und Klerus forderte. Dabei stieß man auf den erbitterten Widerstand der landfremden Universitäts-„Nationen“. Ein Streit um philosophische Grundpositionen, hinter denen sich freilich diametral entgegengesetzte – auch pfründenorientierte – politische Interessen verbargen, kulminierte im Kuttenberger Edikt 1409, das das Stimmenverhältnis an der Prager Universität zu Gunsten der einheimischen böhmischen „Nation“ veränderte und zur Sezession der deutschen Magister und Scholaren führte.29 Hus selbst wurde im Wintersemester 1409/10 Rektor der nunmehr geschrumpften Hochschule, an der die Wyclif-Anhänger an Bedeutung gewannen.30 Dessen Philosophie, seine Auffassung der Heiligen Schrift als ewig geltendem obersten Gesetz sowie die beißende Kritik an der Kirchenhierarchie der Zeit schienen Hus gleichsam aus der Seele zu sprechen.

Das waren die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen Johannes Hus als aufmerksamer Beobachter des Geschehens um ihn herum zum charismatischen und wortgewaltigen Prediger an der Bethlehemskapelle reifte und dabei immer mehr zur Leitfigur seiner wachsenden Anhängerschaft im Prager „Volk“ und zum Hassobjekt seiner nicht minder zahlreichen Gegner aus den Reihen des von ihm heftig kritisierten Prager Klerus und der hohen Geistlichkeit aufstieg.31 Die anfängliche Zusammenarbeit mit bzw. eine gewisse Protektion durch den theologisch nicht sehr versierten Prager Erzbischof Zbyněk von Hasenburg fand spätestens 1408 ihr Ende, als Hus wegen seiner kritischen, angeblich aufrührerischen Predigten und wegen seiner Sympathie für die Lehren des John Wyclif in einen offenen Konflikt mit der Kirchenobrigkeit geriet.32 Noch aber wusste Hus einen weiteren mächtigen – freilich aus egoistischen Gründen handelnden – weltlichen Schutzherrn hinter sich: König WenzelIV.33

Kirchenkritik war als solche nicht zwangsläufig gefährlich bzw. rief den Verdacht der Häresie hervor. Viele gelehrte Zeitgenossen – auch unter den Konzilsvätern in Konstanz – haben Missstände innerhalb der sichtbaren Kirche ihrer Zeit angeprangert, freilich sprichwörtlich hinter den geschlossenen (oder besser: undurchdringlichen) Mauern geistiger und geistlicher Gelehrsamkeit und ohne in der Konsequenz die kirchliche Hierarchie in Frage zu stellen! Doch wehe, wenn diese Kritik nach außen drang und von den illiterati – den Laien, das heißt der großen Masse des einfachen, nicht selten unzufriedenen Volks – willig aufgegriffen wurde und durch nackte Gewalt der Einsturz der gottgewollten und scheinbar ewigen Ordnung drohte. Bereits 1405 hatte Hus als Synodalprediger heftige Kritik an kirchlichen Missständen geübt, doch eben auf einer Synode in Prag, also nur unter Geistlichen!34 Dabei hatte er sogar Wyclifs Kirchenbegriff der communio praedestinatorum (Gemeinschaft der Vorherbestimmten) propagiert. Doch die moralische Standpauke nahm die Synode scheinbar ungerührt und unbemerkt (?) zur Kenntnis.35

Bald sollte sich dies jedoch grundlegend ändern, wobei die Entwicklung in der Causa Hus in hohem Maße durch die Folgen des Großen Schismas bestimmt wurde. Nur in Grundzügen können die nachfolgenden Geschehnisse hier angedeutet werden, zumal es sich um eine hochkomplizierte kirchenrechtliche Materie handelt.36 Hatte Hussens Landesherr, König WenzelIV., anfänglich die römische Obödienz präferiert, setzte er nach dem Pisaner Konzil 1409 auf Papst AlexanderV., der freilich die Konfiskation aller Schriften Wyclifs befahl, was Erzbischof Zbyněk in Prag bereitwillig – eine Konfliktverschärfung in Kauf nehmend – umsetzte und darüber hinaus im Sommer 1410 die Schriften des englischen „Häretikers“ symbolträchtig in der Landeshauptstadt verbrennen ließ.37 Hus reagierte empört und legte bei Papst Johannes XXIII., dem Nachfolger AlexandersV., selbst Widerspruch gegen die Bücherverbrennung ein, was wiederum den Prozess gegen Hus an der päpstlichen Kurie in Gang setzte.38 Die nachfolgende Vorladung ignorierte Hus, den Regeln des kanonischen Rechts entsprechend hatte dies wiederum die Verhängung des Kirchenbanns zur Folge!39

In Reaktion auf das erlassene Predigtverbot in Kapellen, das auch und gerade auf Hussens Arbeitsplatz zielte, stieg der Betroffene Ende Juni 1410 auf die Kanzel, um die Wyclifschen „Wahrheiten“ zu verteidigen – dezidiert mit dem Hinweis auf das biblische Gebot Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!40 Der versammelten Menge stellte Hus die suggestive Frage, ob sie weiter zu ihm halten wolle, was diese mit einem eindeutigen Ja beantwortete. Hus fuhr fort: Wisset also, dass ich erklärt habe und erneut erkläre, dass es meine Bestimmung ist, entweder zu predigen oder aus dem Lande verbannt zu werden oder im Kerker zu sterben, weil Päpste lügen können und in der Tat lügen; Gott aber lügt nicht.41 Hus vertrat jetzt offen Wyclifs Überzeugung von der Kirche als Gemeinschaft der Erwählten, während er in den Verdammten (presciti) Glieder des Teufels erblickte, ohne dass er die Funktionen der bestehenden kirchlichen Institution völlig negierte.42

Für kurze Zeit durften Hus und seine Anhänger hoffen, der vielschichtige Konflikt zwischen Landesherr und Erzbischof, der im Frühjahr 1411 zur Beschlagnahme von Kirchengütern führte, sowie der überraschende Tod des Prager Metropoliten im September des gleichen Jahres würde ihre Positionen stärken, doch diese Annahme sollte sich als trügerisch erweisen.43 Denn durch den Ablassstreit 1412 verloren Hus und seine Anhänger schließlich den Schutz ihres weltlichen Protektors. Während WenzelIV. den von Papst JohannesXXIII. ausgerufenen Kreuzzug gegen den König von Neapel unterstützte, weil er hiervon finanziell profitierte, geißelte Hus voller Empörung von der Kanzel der Bethlehemskapelle den Ablass und polemisierte gegen die päpstlichen Bullen. In der Prager Bevölkerung brachen parallel hierzu Unruhen aus.44 Die größte Enttäuschung in dieser ohnehin angespannten und verfahrenen Situation war für Hus der Übertritt ehemaliger Wyclif-Anhänger, seines Lehrers Stanislaus von Znaim und seines Freundes Stefan von Páleč, auf die Seite der „Verräter der Wahrheit“.45Und aus Rom traf eine weitere Bulle in Prag ein, die die Exkommunikation Hussens aufgrund seines Nichterscheinens vor dem päpstlichen Gericht verschärfte. Schloss nämlich die „kleine“ Exkommunikation den Betroffenen von den Sakramenten aus, beinhaltete die „große“ Exkommunikation auch das Verbot, mit dem Gebannten zu kommunizieren, ihm Speise, Trank und Unterkunft zu gewähren.46 In dieser Situation appellierte Hus erneut – freilich nicht an den Papst, sondern an Christus selbst als obersten Richter!47 Die Appellation, menschlichmoralisch in Hussens Situation verständlich, war von einem streng rechtlichen Gesichtspunkt aus freilich unzulässig. Prozessual machte sich Hus weiter angreifbar.

Nachdem König WenzelIV. Hus hatte fallen lassen, wurde die Situation für den Theologen und Prediger nach dem erneuten päpstlichen Bannstrahl derart gefährlich, dass der Geächtete Prag verließ und sich aufs Land unter den Schutz adeliger Gönner zurückzog, unter anderem in die waldumschlungene Einsamkeit der südböhmischen Burg Kozí Hrádek (Ziegenburg), die Hus – ähnlich wie Luther 100 Jahre später die Wartburg – als schützender Zufluchtsort diente.48 Gleich dem deutschen Reformator des 16. Jahrhunderts suchte Hus – neben Predigten unter der Landbevölkerung – die äußere Bedrängnis durch Arbeit zu kompensieren. So propagierte er die Bibelübersetzung ins Tschechische, verfasste Auslegungen der Zehn Gebote und vollendete sein theologisches Hauptwerk, den Tractatus De ecclesia (Über die Kirche).49 Anknüpfend an sein geistiges Vorbild Wyclif, den zu verteidigen ihm vor allem am Herzen lag, entwickelte Hus seine bereits in früheren Werken anzutreffende Ekklesiologie weiter und brachte sie in konzentrierter Form zu Papier.

Die Idee der Prädestination bedeutete im theologischen Verständnis Wyclifs und an diesen anknüpfend Hussens, dass Gott von Anfang an das Los aller Menschen vorherbestimmt habe, wobei die Kirche sich aus der Zahl der Prädestinierten zusammensetze und deren Haupt Christus allein bilde: Christus ist Haupt der heiligen universalen Kirche und sie selbst sein Leib, jeder Erwählte sein Glied und damit Teil der Kirche, die Christus mystischer – das bedeutet geheimnisvoller – Leib ist, heißt es wörtlich!50 Innerhalb dieses Kirchenbegriffes ergaben sich in einer langen Kette von Deduktionen grundlegende Schlussfolgerungen für die kirchliche Hierarchie, was etwa bedeutet, dass bei Prälaten keineswegs von vornherein als Axiom gelten konnte, sie seien Glieder der Kirche Christi, was folgerichtig die gesamte Struktur der Amtskirche ins Wanken brachte.51 Die Kleriker konnten den Anspruch ihrer Mittlertätigkeit nur dann erheben, wenn sie das wirkliche Kirchenhaupt, also Christus, in ihrer Lebensweise nachahmten bzw. vorlebten. Die ganze hierarchische Verfassung der Kirche mit dem Primat des Papstes wurde somit angezweifelt! Fast folgerichtig musste in solcher Argumentation, dachte man weiter, auch bereits ein christliches Widerstandsrecht formuliert werden für den Fall, dass die päpstlichen Gebote dem Gebot Christi widersprachen und zum Schaden gereichten. Dann, so Hus, soll er (also der Gläubige – Th. K.) ihm kühn entgegentreten, auf dass er nicht durch Zustimmung Teilnehmer an einem Verbrechen wird.52 Man kann sich gut vorstellen, wie diese Gedanken, die noch dazu von einem als „Häretiker“ eingestuften Priester stammten, an der Kurie aufgenommen wurden.

Es war wiederum die große Politik, die den weiteren Gang der Ereignisse richtungsweisend bestimmen sollte, zumal sich die Frage der endgültigen Überwindung des Schismas durch ein einzuberufendes, allgemeines Kirchenkonzil immer dringender stellte.53 Hus sah hierin auch (s)eine Chance – nämlich sich vom Vorwurf der Ketzerei zu befreien und die Möglichkeit, seine Auffassungen, wie er glaubte, verteidigen zu können. Das Risiko bestand darin, nicht in die böhmische Heimat zurückkehren zu können, sondern auf dem Scheiterhaufen zu enden. In Augenblicken des Schwankens und der Furcht rechnete Hus mit Letzterem, wovon auch sein Testament von Anfang Oktober 1414, adressiert an seinen Schüler Martin von Volyně, eindrucksvoll Zeugnis ablegt, insbesondere durch die auf den versiegelten Brief geschriebene Bemerkung: Ich bitte Dich, diesen Brief erst zu öffnen, wenn Du dessen sicher bist, dass ich tot bin.54

Die Causa fidei (Glaubensfrage) war – neben der Frage der Überwindung des Schismas (causa unionis) und jener der notwendigen Kirchenreform (causa reformationis) – nur ein Punkt der Kirchenversammlung am Bodensee.55 Doch vor allem der Prozess gegen Hus ist in der Erinnerung geblieben, zumal es in Konstanz noch heute zahlreiche Erinnerungsorte an Hus gibt. Nicht zu vergessen die zeitgenössische Chronik des Ulrich Richental mit ihren farbigen Illustrationen.56 Der Prozess gegen Johannes Hus war, dies hat Thomas Fudge überzeugend herausgestellt, ein Ketzerprozess, der – wenngleich die Prozessakten nicht überliefert sind – nach genau definierten Regeln der Kirche durchgeführt wurde und der, sollte der Delinquent nicht widerrufen, nur ein Urteil kannte: Tod auf dem Scheiterhaufen!57

Hauptankläger Hussens war – Ironie der Geschichte – ein Landsmann, ein Böhme namens Michael de Causis, ein Kirchenrechtler, der an der Kurie wirkte, als Richter wiederum agierten Fachleute ersten Ranges, deren Namen sich wie das Who is Who damaliger theologischer, wissenschaftlicher Kompetenz lesen – unter ihnen Pierre d’Ailly, Jean Gerson und Francesco Zabarella.58 Dreimal wurde Hus auf Veranlassung König Sigismunds von Luxemburg vor dem Konzil „angehört“, unter zum Teil tumultartigen Umständen. Mehrfach haben die Konzilsväter versucht, Hus Brücken zu bauen: Anklagepunkte wurden dahingehend zusammengestrichen.59 Der zentrale Kern der Anklage stand in Hussens Traktat „Über die Kirche“: Niemand ist Herr, niemand ist Prälat, wenn er sich im Zustand der Todsünde befindet!60 Noch im Gefängnis führte Hus eine rege Korrespondenz mit seinen böhmischen Anhängern in der Heimat, immer wieder forderte er sie auf, auszuharren in Treue und Demut.61 Seine eigene Rolle sah Hus immer klarer, Gedanken an einen Märtyrertod, schon früher zeitweise präsent, ergriffen ihn, gaben seinem Leben einen (neuen) Sinn in der noch verbleibenden irdischen Zeit. Hus konnte, für heutige Menschen schwer nachvollziehbar, gar nicht mehr anders als sich zu opfern und dadurch seinen Anhängern in Böhmen ein Zeichen der Stärkung, des Glaubens und der Hoffnung zu geben – gemäß der späteren hussitischen Losung Veritas vincit!

Am 6. Juli 1415 schließlich wurde das Urteil verkündet: Das Konzil warf Hus vor, hartnäckig Irrtümer und Häresien des Wyclif verteidigt und gepredigt zu haben, ebenso hartnäckig habe er den Kirchenbann ignoriert, an Christus appelliert, ohne die kirchliche Mittlerfunktion beachtet zu haben.62 Andere, wie wir heute wissen, wesentliche Gründe seiner Verurteilung, wurden offiziell so dezidiert nicht genannt: sein öffentlicher Angriff auf die Macht sowie den Prunk und den irdischen Reichtum der Kirche und ihrer Mitglieder in der kirchlichen Hierarchie. Wer war Johannes Hus? Nüchtern gesagt: weder ein Prophet noch ein Prager Savonarola oder gar ein Revolutionär! Hus wollte keine andere, sondern eine bessere Welt. Er war ein eifriger Theologe, ein sicherlich charismatischer Prediger, der die kirchlichen Missstände seiner Zeit unnachgiebig geißelte – und der seiner wachsenden Anhängerschaft an der Prager Bethlehemskapelle glaubhaft vorlebte, was er predigte. Dies machte ihn, der sich noch dazu öffentlich zu einem verurteilten Häretiker (John Wyclif) bekannte, gefährlich in einer Zeit, die widerspruchsvoll genug war und die die hierarchische Ordnung der scheinbar gottgewollten Welt bedrohte. Hussens menschliches Schicksal wurde zu einem Meilenstein in der nationalen wie europäischen Geschichte. Hus war nicht allein nur ein passives Opfer: Durch seine Entscheidung für den Scheiterhaufen avancierte Hus, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, zu einem Mitschöpfer einer historischen Epoche. Hus war physisch tot, doch die nachfolgenden Ereignisse in seiner böhmischen Heimat zeigen mit aller Deutlichkeit, dass der Kampf um seine reformatorischen Vorstellungen und Ziele unter dem Banner „Die Wahrheit siegt“ erst richtig begonnen hatte. „Erst, da Hus tot war, wurden seine Gedanken eigentlich lebendig“, hat schon Leopold von Ranke 1888 richtig erkannt.63 Die Überlieferungsgeschichte – das zweite Leben des Johannes Hus – ist dabei ebenso ein eigenständiges Thema wie diejenige der bereits im 15. Jahrhundert einsetzenden Übersetzungen der Werke Hussens ins Deutsche.64

2. Hus-Texte im Druck und in deutscher Übersetzung

Einer Beschäftigung mit Hus stellen sich zahlreiche Schwierigkeiten entgegen. Eine wissenschaftliche Gesamtausgabe seiner Werke existiert bisher nur in Bruchstücken.65 Noch immer ist die Forschung in vielen Fällen auf Teileditionen und Textsammlungen angewiesen, die 100 Jahre oder älter sind und modernen Ansprüchen in der Regel nicht mehr genügen.66 Hinzu kommen die sprachlichen Barrieren, die nur wenigen Interessierten die Wahrnehmung der Originaltexte erlauben. Etwa zwei Drittel des umfangreichen Husschen Oeuvres sind in einem spätmittelalterlichen Gelehrtenlatein verfasst, das heute nur noch von Wenigen flüssig gelesen werden kann. Noch schwieriger stellt sich die Aneignung der alttschechischen Texte dar, die etwa ein Drittel seines Werkes ausmachen. Da diese Sprache nicht zur Grundausstattung deutscher Historiker gehört, bleibt eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Prager Magister auf den kleinen Kreis der Spezialisten für die mittelalterliche Geschichte der böhmischen Länder beschränkt.

Zu der schwierigen Zugänglichkeit vieler Texte und den sprachlichen Hürden kommt der Umstand erschwerend hinzu, dass Hus ein überaus gelehrter und in der scholastischen Methode seiner Zeit geübter Theologe war. Dies macht es nicht leicht, seinen gelegentlich etwas schwerfällig argumentierenden, mit Belegen aus dem Kirchenrecht und von den Kirchenvätern, vor allem aber mit Zitaten aus der Bibel überladenen Texten zu folgen. Sein theologisches Werk ist zudem so umfangreich und vielfältig, dass es der Zusammenarbeit mehrerer historischer Disziplinen bedarf, um es vollständig zu erschließen und auszuwerten. Hus hat nicht nur eine erkleckliche Anzahl lateinischer und alttschechischer Predigten, sondern darüber hinaus zahlreiche theologische Traktate, Texte für den akademischen Unterricht, Streitschriften und Briefe sowie Kommentare zu einzelnen Bibelstellen oder biblischen Büchern hinterlassen.

Die Theologie des Johannes Hus ist nicht zuletzt aus diesen Gründen bis heute nicht hinreichend erforscht. Die Tendenz, ihn nicht als originellen theologischen Denker, sondern als bloßen Epigonen John Wyclifs (ca. 1330–1384) oder als einen unter vielen Kirchenkritikern des Spätmittelalters wahrzunehmen, war insbesondere in der älteren deutschen Hus-Forschung verbreitet. Doch eine solche Sichtweise wird seiner Bedeutung als eines eigenständigen, im Wesentlichen biblisch argumentierenden Theologen nicht gerecht. Im Unterschied zu manchem abwertenden Urteil in der Forschungsliteratur wurden die Werke des Prager Magisters von Luther und seinen Anhängern in Ehren gehalten und während des 16. Jahrhunderts vermehrt zum Druck gebracht.

Die Druckgeschichte der Husschen Werke begann um 1481, als eine niederdeutsche Übersetzung der Auslegung des apostolischen Glaubensbekenntnisses, der Zehn Gebote und des Vaterunser in Lübeck erschien.67 Verfasser war vermutlich Johann von Lübeck, der mit Hussens Schriften während seiner Lehrtätigkeit an der Universität Prag bekannt geworden sein dürfte. 1495 folgte in Prag eine Druckausgabe von Texten zu Hus in Konstanz.68 Von dem Thema „Luther und Hus“, das immer wieder einmal Gegenstand von Untersuchungen war,69 abgesehen, bleibt die generelle Hus-Rezeption im deutschen Sprachraum während des Spätmittelalters und in der Reformationszeit aber ein weitgehend unbearbeitetes Feld.70 Soviel lässt sich aber jetzt schon sagen: Für die Druckverbreitung der Husschen Werke bedeutete die Reformation einen Meilenstein. 1520 erschien Hussens Hauptwerk „Über die Kirche“ (De Ecclesia) (diese Ausgabe Nr.27) in Hagenau – soweit bekannt die erste Druckausgabe dieser Schrift überhaupt.71 1524 veröffentlichte der Theologe und Botaniker Otto Brunfels (1488–1534) in Straßburg eine dreiteilige Sammlung von Hus-Texten unter dem Titel: „Über die Gestalt des Antichrist“ (De Anatomia Antichristi).72 Sie enthält neben klerus- und papstkritischen Texten eine Reihe von Hus-Predigten und war auch Martin Luther bekannt.73 Die Einberufung eines Konzils nach Mantua gab der Konzilsdebatte im evangelischen Lager in der Mitte der 1530er Jahre neuen Auftrieb und regte die Herausgabe solcher Hus-Texte an, die im Zusammenhang mit dem Konstanzer Konzil entstanden waren.74 In diesem Kontext erschienen mehrere lateinische Ausgaben von Hus-Briefen jeweils mit einem Vorwort Martin Luthers. Unter diesen Editionen ragt die 1537 in Wittenberg gedruckte, die neben Briefen auch einige Konstanzer Verhandlungsakten enthält, heraus.75 Die Sammel- und Editionstätigkeit der Evangelischen kulminierte in der ersten umfassenden Ausgabe der Hus-Werke, die 1558 in Nürnberg in zwei Bänden erschien.76 Diese Sammlung umfasst die damals bekannten oder zugänglichen lateinischen Schriften und Briefe des Johannes Hus und des Hieronymus von Prag neben ergänzenden Dokumenten auf knapp 2.000 engbedruckten Seiten. 1715 wurde diese Ausgabe, die trotz aller Mängel für jede Beschäftigung mit Hus auch heute noch unverzichtbar ist, neu aufgelegt.77

Über den damals erreichten Stand der Erschließung der Werke des Johannes Hus kam erst die Hus-Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hinaus. Ein Meilenstein war Konstantin Höflers dreibändiges Werk „Geschichtschreiber der hussitischen Bewegung in Böhmen“, das neben reichem Quellenmaterial zum Hussitismus auch Texte enthält, die Hussens Wirksamkeit in Prag und seinen Konflikt mit der Amtskirche betreffen.78 Auf einem ähnlichen Feld bewegen sich die 1869 von František Palack (1798–1876) herausgegebenen Dokumente zum Leben und zur Lehre des Johannes Hus.79 Die bis heute beste Edition der Hus-Briefe publizierte Václav Novotn (1869–1932) im Jahr 1920.80 Für die Schriften des Prager Magisters ist noch immer auf die vor dem Ersten Weltkrieg erschienenen Ausgaben von Václav Flajšhans zurückzugreifen,81 die zwar in der Form der Textpräsentation ebenfalls veraltet, aber nicht ersetzt sind. 1958 veröffentlichte Anežka Schmidtová eine Reihe wichtiger Hus-Texte selbständig,82 und im selben Jahr erschien die vorläufig beste Edition des Traktats über die Kirche von S. Harrison Thomson.83 Einstweilen, so darf man resümieren, bleibt die Editions-lage zu Johannes Hus also ausgesprochen unübersichtlich. Bis eine kritische Gesamtausgabe aller Schriften und Briefe einmal vorliegen wird, werden voraussichtlich noch Jahrzehnte vergehen.84

Wie die Druckverbreitung der lateinischen Werke in der Reformationszeit begann, so hat auch die Übersetzung von Hus-Texten ins Deutsche ihre Wurzeln im Wirkungsbereich der deutschen Reformation des 16. Jahrhunderts. Eine deutsche Version der Schrift „Über die Kirche“, die im Straßburger Kapitelarchiv liegen soll, hat sich bisher allerdings nicht auffinden lassen.85 Die – gemessen an den zahlreichen Nachdrucken in deutscher Sprache – am weitesten verbreiteten Hus-Texte waren die Briefe aus Konstanz, die 1536 und 1537 in mehreren Varianten mit Vorreden Martin Luthers erschienen.86 In deutscher Übersetzung lag seit 1529 auch der wichtige Bericht des Hus-Vertrauten Peter von Mladoniowitz (ca. 1390–1451)87 vor, eine wichtige Quelle für die letzten Lebensmonate des Johannes Hus.88 Mit seiner Darstellung der Verurteilung und Hinrichtung des Prager Magisters wird die vorliegende Ausgabe beschlossen (vgl. Nr.37).89

Ein Bedürfnis nach Hus-Texten in deutscher Übersetzung ist auch für die nachreformatorische Zeit festzustellen. Exemplarisch sei auf das umfangreiche, 1624 erschienene Werk des Leipziger Theologen Christoph Wilhelm Walpurger (1577–1631) verwiesen: „Hussus redivivus“, das neben einer Darstellung der Biographie des Johannes Hus auch Übersetzungen meist kürzerer Hus-Texte und Briefe enthält.90 Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nahm die Zahl der Hus-Übersetzungen kontinuierlich zu. An erster Stelle zu nennen sind zwei Hus-Ausgaben des aufgeklärten böhmischen Weltpriesters und Schriftstellers Augustin Zitte (ca. 1750–1785). Zitte, der mit Hus gleichsam gegen den orthodoxen römisch-katholischen böhmischen Klerus seiner eigenen Tage kämpfte, veröffentlichte 1784 neun von ihm als Synodalreden bezeichnete Texte, die Einblicke in Hussens Wirksamkeit als Prediger zwischen 1405 und 1411 erlauben.91 Im selben Jahr erschienen außerdem „Vermischte Schriften“ des Johannes Hus mit einer programmatischen Vorrede Zittes, in der er begründete, warum er als katholischer Priester die Schriften eines Ketzers ins Deutsche übersetzte.92 Zittes Übersetzungsleistung ist nicht gering zu veranschlagen. Seine streckenweise eng am Wortlaut der lateinischen Vorlagen bleibende Übersetzungstechnik macht seine Ausgaben von 1784 auch heute noch zu einem wertvollen Hilfsmittel.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts standen weniger Hussens theologische Traktate, als vielmehr seine Briefe und Predigten im Mittelpunkt des Übersetzer-Interesses. 1846 erschienen ausgewählte Hus-Briefe in französischer Sprache.93 Der Herausgeber, Émile de Bonnechose (1801–1875), knüpfte an die im 16. Jahrhundert begründete Tradition der populären Verbreitung der Konstanzer Hus-Briefe an und griff auf die lateinischen Textvorlagen aus den Opera omnia von 1715 zurück.94 Die englische Ausgabe dieses Werks aus demselben Jahr95 beruhte auf der französischen Übersetzung und zog die lateinischen Originale nicht heran. Im deutschen Sprachraum griff der Küstriner Oberprediger Gustav Adolph Lüders im Jahr 1854 für seine populäre Hus-Biographie stark auf die Hus-Briefe zurück, die er auszugsweise als deutsche Übersetzungen in den Text integrierte.96 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte das Genre der Übersetzung von Hus-Briefen in Deutschland und England neu auf. 1902 kam eine deutsche Ausgabe der „Gefangenschaftsbriefe“ auf den Markt, die aber lediglich die Edition von 1536 wiederholte.97 Zwei Jahre später erschien eine Sammlung von 82 Hus-Briefen in neuer englischer Übersetzung, die auf den inzwischen von Palacký bereitgestellten lateinischen Vorlagen beruhte.98 Wegen der Qualität von Übersetzung und Kommentar ist diese Briefausgabe auch heute noch von Wert.

Neben den Briefen scheinen im 19. Jahrhundert besonders die Predigten des Johannes Hus in deutscher Übersetzung gefragt gewesen zu sein. Zu diesem Genre ist die Edition der Predigten über die Sonn- und Festtagsevangelien zu rechnen, die der sächsische Pfarrer Johannes Novotný im Jahr 1855 veröffentlichte.99 Ausgewählte Hus-Predigten in Übersetzung publizierte auch Wilhelm von Langsdorff 1894.100 Als Ausläufer dieses Strangs der Hus-Rezeption in deutscher Sprache kann der von Franz Strunz 1927 herausgegebene Band gewertet werden, in dem einige pastorale Schriften und Predigten präsentiert werden.101 Sind die vorgenannten Übersetzungsausgaben, die teilweise ihre Textvorlagen verschweigen, durchweg nur von beschränktem Wert, stellt die englische Übersetzung des Traktats über die Kirche, die David S. Schaff im Jahr 1915 vorlegte, noch immer eine respektable Leistung dar.102

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hus-Texte in deutscher Übersetzung publiziert. Zum 550. Todestag des Jan Hus veröffentlichte Joachim Dachsel eine Auswahl von Hus-Briefen, die vor allem die Konstanzer Zeit betrafen.103 Einige Schriften, darunter Auszüge aus dem Traktat über die Kirche, veröffentlichten Renate Riemeck 1966104 sowie Robert Kalivoda und Alexander Kolesnyk im Jahr 1969.105 Die letzte in Westdeutschland erschienene Ausgabe von deutschen Hus-Texten, die Walter Schamschula 1969 vorlegte,106 enthält Auszüge aus Traktaten und Predigten und vor allem Briefe, die aber lediglich wörtlich aus Dachsel übernommen wurden. Sieht man von den während des Konstanzer Konzils gegen Hus ergangenen Verurteilungen ab,107 sind seither nur noch wenige einzelne Hus-Texte ins Deutsche übertragen worden.108 Die Situation der Hus-Übersetzungen stellt sich insgesamt also nicht weniger kompliziert und unübersichtlich dar als der Editionsstand der lateinischen und tschechischen Originale.

3. Zu dieser Ausgabe

Da eine deutsche Hus-Ausgabe seit über 40 Jahren nicht mehr auf dem Markt ist, füllt die vorliegende Edition eine Lücke. Sie richtet sich nicht an ein Fachpublikum, sondern will eine Leseausgabe für all diejenigen sein, die sich für Hus interessieren, ohne auf die originalsprachlichen Quellen zurückgreifen zu können. Mehr als eine Auswahl an Texten aus dem vielfältigen Werk des Johannes Hus kann die vorliegende Ausgabe nicht bieten. Für die Auswahl der zu übersetzenden Texte waren folgende Kriterien maßgeblich: Berücksichtigt wurden erstens solche Texte, die geeignet sind, die Entwicklung des theologischen Denkens des Johannes Hus seit etwa 1403 zu dokumentieren. Für die Übersetzung kamen zweitens solche Texte in Frage, die für Hussens Konflikt mit der Amtskirche und seinen Prozess vor und während des Konstanzer Konzils bedeutsam sind. Dies führt dazu, dass im Folgenden auch einige Texte präsentiert werden, die nicht auf Hus selbst zurückgehen, die aber für das Verständnis des Rechtsfalles Hus wichtig sind.109 Drittens wurde darauf geachtet, möglichst viele Textgattungen zu berücksichtigen, die das Hus'sche Oeuvre zu bieten hat. Neben theologischen Traktaten wurden deshalb auch Predigten und Briefe aufgenommen. Verzichtet wurde hingegen auf die im engeren Sinne gelehrten Arbeiten des Johannes Hus wie die Bibelkommentare oder die im scholastischen Universitätsbetrieb seiner Zeit anfallenden Textgattungen. Die Aufnahme dieser in der Regel sehr langen, sprachlich und inhaltlich komplizierten Texte hätte den Rahmen des Bandes gesprengt und wäre der Absicht einer Leseausgabe, die ein breiteres Publikum an Johannes Hus heranführen möchte, nicht dienlich gewesen.

Die ausgewählten Texte werden – trotz aller Schwierigkeiten, die dies bereitet – chronologisch geordnet, in mäßigem Umfang eingeleitet und nur soweit kommentiert, wie es für das Verständnis unbedingt erforderlich ist. Damit ist die Erwartung verbunden, dass durch eine kontinuierliche Lektüre der Einleitungen und Übersetzungen nach und nach ein Bild der Biographie und Theologie des Johannes Hus entsteht. Zur leichteren Orientierung über das Leben Hussens und zur biographischen Einordnung der übersetzten Texte dienen ein orientierender Lebensabriss am Anfang und eine ausführliche Zeittafel am Ende des Bandes.

Geboten wird im Folgenden eine Mischung aus Erstübersetzungen, Neuübersetzungen und Bearbeitungen vorhandener Übersetzungen. Wo brauchbare Übertragungen ins Deutsche oder in eine andere moderne Sprache bereits vorhanden waren,110 wurden diese herangezogen, doch wurde jeder Text an der originalsprachlichen Vorlage noch einmal geprüft.111 Hussens Hauptschrift „Über die Kirche“ (diese Ausgabe Nr.27), von der bisher nur deutsche Teilübersetzungen vorlagen, wird hier erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung dargeboten.

Es war das Bestreben der Herausgeber, keine Ausgabe von Übersetzungsfragmenten vorzulegen,112 sondern die ausgewählten Texte nach Möglichkeit vollständig und unter engem Anschluss an den Wortlaut der lateinischen oder tschechischen Vorlage ins Deutsche zu übertragen, um die Argumentationsweise des Johannes Hus nachvollziehbar zu machen. In wenigen Ausnahmefällen wurde von dem Prinzip der vollständigen Übersetzung aus Platzgründen jedoch abgewichen.113 Hinsichtlich der sehr zahlreichen in Hussens Text eingestreuten wörtlichen Zitate wurde nach Möglichkeit so verfahren, dass von Hus in seinen Satz eingeflochtene Beleghinweise nicht übersetzt, sondern um der besseren Lesbarkeit des Haupttextes willen als echter Beleg in eine Fußnote gesetzt wurden. Die wörtlichen Zitate sind in kursiver Schrift gesetzt.

Alle Übersetzungen wurden redaktionell bearbeitet und formal vereinheitlicht. Einige für Hussens Theologie grundlegende Begriffe wurden in allen Übersetzungen vereinbarungsgemäß gleich übersetzt:

„praedestinati“ (und die entsprechenden Ableitungen) wird mit „Vorherbestimmte“ wiedergegeben;

„praesciti“ wird mit „Vorhergewusste“ wiedergegeben, wobei jeweils zu ergänzen ist: zum Verderben Vorhergewusste;

„reprobi“ wird mit „Verworfene“ übersetzt.

4. Danksagungen

Die Idee zu einem Band „Johannes Hus deutsch“ entstand vor mehreren Jahren am Lehrstuhl für Spätmittelalter und Reformation an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Die schwierige Beschaffung der für ein solches Projekt nötigen finanziellen Mittel hat den Beginn der konkreten Arbeiten lange verzögert. Erst die Kooperation der beiden Herausgeber, von denen der eine (Armin Kohnle) für die lateinischen, der andere (Thomas Krzenck) für die alttschechischen Texte speziell verantwortlich zeichnet, hat das Projekt Wirklichkeit werden lassen. Dankbar sind wir für Zuschüsse des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, Prag, der Historischen Kommission für die böhmischen Länder, München, den SKW Stickstoffwerken Piesteritz GmbH, der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Als wissenschaftliche Berater haben sich Jana Nechutová (Brünn) und František Šmahel (Prag) freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Für ihre wohlwollende Begleitung ist gleichfalls herzlich zu danken. Die Institutssekretärinnen Sylvia Kolbe und Kerstin Backhaus sowie Herr Christian Swistek haben bei der Herstellung der Texte wertvolle Hilfe geleistet. Der Evangelischen Verlagsanstalt in Leipzig und deren Redakteur der Texte Friedemann Richter ist für die gute Zusammenarbeit zu danken, für hilfreichen Rat auch Dr.Christoph Hartmann und Judith Blumenstein. Unser Dank gilt auch den Übersetzerinnen und Übersetzern, die sich auf das Abenteuer der Beschäftigung mit lateinischen Hus-Texten eingelassen haben. Besonders zu erwähnen sind die Schülerinnen und Schüler der Latein-AG des Klinger-Gymnasiums Leipzig, die sich über ein Halbjahr hinweg mit einem Hus-Text befasst haben. Der Name ihres Lehrers Hannes Toense als Übersetzer von Nr.6 der vorliegenden Ausgabe steht für alle, die an der Übersetzung beteiligt waren.

Möge dieser Band dazu dienen, die Erinnerung an Johannes Hus 600 Jahre nach seinem Tod wachzuhalten.

Leipzig, im Januar 2017

Die Herausgeber

1

PREDIGT ÜBER 2KOR 9,6:

„WER SPÄRLICH SÄT, WIRD AUCH SPÄRLICH ERNTEN“

[um 1403, am Laurentiustag, 10. August]

Übersetzungsgrundlage: Sermones de sanctis, 342–345 (Nr.65).

Diese Predigt, die als Beispiel für eine frühe in der Bethlehemskapelle gehaltene Predigt gelten kann, stammt wahrscheinlich aus den Jahren unmittelbar nach 1402 und wird hier auf etwa 1403 datiert. Hus war beauftragt, in seiner tschechischen Muttersprache zu predigen. Folglich handelt es sich bei den auf Latein erhaltenen und edierten Predigten in erster Linie um Predigtkonzepte, die Hus in der Bethlehemskapelle auf (Alt-)Tschechisch vortrug. Auch bei der vorliegenden Predigt könnte es sich um ein solches Predigtkonzept handeln. Allerdings sollte man berücksichtigen, dass der Stil der Predigt zum Vortragen geeignet ist und die beiden lateinischen Hexameter (vgl. S.4, Z. 5f. und S.4, Z. 14f.) darauf hindeuten, dass die Predigt auch einer Gemeinde vorgetragen worden sein könnte, die des Lateinischen mächtig war. Denn das originale Metrum wäre bei einer Übersetzung ins Alttschechische verlorengegangen.

1. Der Apostel ruft im vorliegenden Brief nach der Sitte seines Meisters zur Barmherzigkeit auf. Denn er besinnt sich im Geiste auf jene Regel Christi in Lk 6: Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist.1Gebt, und es wird euch gegeben.2 Und auf jenes Wort in Mt 5: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, besitzet das euch bereitete Reich vom Anbeginn der Welt; ich habe nämlich Hunger gehabt, und ihr habt mir zu essen gegeben.3 Deswegen verspricht er auf ähnliche Weise himmlischen Lohn.

Denn der Lohn für das Werk der Barmherzigkeit und somit auch des Almosens ist ein zweifacher. Erstens Befreiung von der Sünde und so auch vom ewigen Tod: Das Almosen befreit von jeglicher Sünde und vom Tod und wird nicht zulassen, dass die Seelen in die Finsternis gehen.4 Zweitens das Finden des ewigen Lebens: Es selbst bewirkt, das ewige Leben zu finden.5 Außerdem bewirkt es schon jetzt recht oft – wie hier durch den Apostel erhellt –, dass derjenige, der Almosen gibt, in den zeitlichen Dingen reich ist und derjenige, der kein Almosen gibt, spärlich erntet, wie der Apostel sagt: Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten,6 das heißt: Wer spärlich dem Armen Almosen gibt, wird spärlich (das heißt: wenig) Vergeltung empfangen.

Trefflich aber setzt der Apostel das Adverb „spärlich“. Denn Spärlichkeit besteht nicht in einem geringen Almosen der Sache nach, sondern dem (mangelhaften) Umstand nach, das heißt: wie viel jemand gemäß seinem Vermögen geben kann. Daraus folgt, dass der Herr nicht auf das Geschenk schaut, sondern auf den Geist des Gebers. Dies ist deutlich in Lk 21, wo er aufblickte und sah, wie Reiche ihre Gaben in den Gotteskasten warfen. Er sah eine Witwe zwei Kupfermünzen einwerfen und sprach: „Wahrlich, ich sage euch, dass diese arme Witwe mehr eingeworfen hat als alle andern. Denn sie alle haben von ihrem Überfluss Gaben für Gott eingeworfen, diese aber von ihrem Mangel den ganzen Unterhalt, den sie hatte.“7

2. Daran wird sichtbar, dass nur jener spärlich Almosen gibt, der im Geben von der geschuldeten Menge im Sinne des rechten Maßes abweicht – und das entweder aus Angst, als Einziger Mangel zu leiden, oder aus Habgier, allein besitzen zu wollen, oder aus Unbarmherzigkeit, weshalb er sich nicht um seinen Nächsten kümmert.

Daraus erhellt, dass es sehr unsicher ist, Reichtum zu haben, da es schwierig ist, auf gebührende Weise das Mittelmaß hinsichtlich des Almosengebens zu erreichen. Daher war es den Jüngern Jesu nicht erlaubt, sich mit weltlichen Almosen abzugeben, sondern nach dem Verzicht auf alle weltlichen Dinge Jesus Christus in Armut zu folgen und dann mit Christus durch geistliche Almosen die Armen im Geist aus ihrer Not zu befreien. Solch ein Almosen meint der folgende Vers: Gib Rat, züchtige, tröste, vergib, ertrage und bete!

„Gib Rat“, das heißt: Belehre den Unwissenden und leite den Zweifelnden! Und so meint dies ein zweifaches Almosen im geistlichen Sinn, nämlich Lehre und Rat. „Züchtige“ den, der schuldig wird. „Tröste“ den Traurigen. „Vergib“ denen, die an dir schuldig werden. „Ertrage“, das heißt: trage oder ertrage geduldig das Unrecht oder das Fehlen der andern. „Bete“ für alle und somit auch für deine falschen Ankläger.

Diese Almosen sind vorzüglicher als die leiblichen, die sich im folgenden Vers finden: Ich besuche, tränke, speise, befreie, schütze, sammle und stifte.

Wenn also gerechte Männer bereits aufgrund dieser [Almosen] zu hören verdienen: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, empfanget das Reich, 8 erwerben sie (bei sonst gleichen Voraussetzungen) solchen Anspruch erst recht aufgrund geistlicher Almosen. Und wenn ein gerechter Mann, der leibliche Almosen den Armen reich verteilt hat, zu hören verdient, dass seine Gerechtigkeit immerdar bleibt, verdient es vollends wohl der, der geistliche Almosen den Armen geistlich ausgebreitet und verteilt hat. Jener, sage ich, hat reicher gesät, und so wird er ernten, da der Apostel sagt: Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten,9 also auch umgekehrt: Wer reichlich sät, wird auch reichlich ernten. Und wer nicht sät, wird auch nicht ernten.

3. Dafür muss man hier wissen, dass eine besondere Ernte die Sammlung der Vorherbestimmten ist, die auf dem Acker dieser Welt vom Herrn gesät worden sind und dann durch die Apostel und Prediger wieder in den Speicher der Kirche eingesammelt werden. Dazu heißt es Mt 9: Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter zu seiner Ernte schickt; die Ernte ist freilich groß, der Arbeiter sind aber wenige.10 Und Joh 4: Erhebet eure Augen und sehet die Fluren, da sie ja fast schon weiß sind zur Ernte. Und wer erntet, empfängt Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, damit sowohl der sich freut, der da sät, als auch, der da erntet.11 Die zweite Ernte ist die der Verdammten, und das ist die Sammlung der Sünder, die auf den Acker dieser Welt vom Teufel gesät und auf diesem mit Genüssen begünstigt, letztlich in der Hitze des Jüngsten Tages mit der Sichel der himmlischen Gerechtigkeit geerntet, in den Ofen der Hölle geworfen und in Ketten gelegt werden. Und über eine solche Ernte und deren Schnitter wird Offb 14 gesagt: Ich schaute auf, und siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer, der dem Menschensohn glich. Auf seinem Haupt hatte er eine goldene Krone und in der Hand eine scharfe Sichel. Der andere Engel ging aus dem Tempel heraus und rief mit lauter Stimme zu dem, der auf der Wolke saß: Lass deine scharfe Sichel sausen und ernte, denn die Stunde des Erntens ist gekommen, da ja die Ernte der Erde schon dürr ist.12 Und es folgt: Der Engel ließ seine Sichel auf die Erde sausen und hielt die Lese am Weinstock der Erde und erntete die Erde ab und warf in den Trog die große Kelter des Gotteszorns.13

Dieser Engel ist Gottes Sohn, der auf einer weißen Wolke sitzt, weil er in reinem Fleisch richten wird, und der eine scharfe Sichel hat, d.h. die Härte der Gerechtigkeit, und eine goldene Krone, weil er die richterliche Gewalt hat. Er wird auf der Erde eine dürre Ernte einholen, nämlich die an jeder Tugend verdorrten Sünder, und er wird sie in den Keltertrog der Hölle werfen und sie keltern in seinem Zorn, indem er sie ewig verdammt. Von ebendieser Ernte hat die Wahrheit Mt 13 gesagt: Lasset das Unkraut bis zur Ernte wachsen. Zu der Zeit der Ernte aber werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündeln zum Verbrennen zusammen.14 Denn es heißt dort so: Die Ernte ist das Ende der Welt; bis dahin wächst ständig das Unkraut, das heißt, die Bösen.15

Die dritte Ernte ist die ungeordnete Sammlung der irdischen Dinge. Infolgedessen ernten die Habgierigen die Vorräte der Welt und werden in Manasse verkörpert, auf dessen Haupt zur Zeit der Ernte die Hitze fiel, so dass er starb,16 womit angezeigt wird, dass jene, die bei einer solchen Ernte ergriffen werden, durch Hitze und Glut der Habgier vertilgt werden: Der Hungrige verspeist die Ernte, und ihn selbst [den Besitzer] wird der Bewaffnete verschleppen, und Durstige werden seinen Reichtum trinken.17

Ein solcher Schnitter war jener Reiche in Lk 12, dessen Acker reiche Früchte hervorbrachte, und er dachte bei sich und sagte: „Was soll ichtun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammeln kann“, und er sagte: „Das will ich tun: Ich will meine Speicher zerstören und größere machen und dorthin all meine Vorräte sammeln.“18 Doch dann folgt: Gott aber sprach zu ihm: „Du Narr, in dieser Nacht werden sie deine Seele von dir fordern. Wem aber wird es gehören, was du bereitet hast?“19 „Sie werden sie fordern“, sagt Gott, ergänze das Wort „Dämonen“, weil gemäß dem Psalmisten im Tod die Reichen andern ihren Reichtum zurücklassen und ihre Grabmäler auf ewig ihre Häuser sind. Zur Verdeutlichung der Habgier des Reichen (obgleich im Herrn Armen) hat daher die Wahrheit noch hinzugefügt: Du Narr, in dieser Nacht werden sie deine Seele von dir fordern. Wem aber wird es gehören, was du bereitet hast?20 Und dann hat sie gesagt: So ist es bei dem, der sich Schätze sammelt und nicht reich ist vor Gott.21 Ein solches Schätzesammeln hat Jesus seinen Jüngern verboten, denn sogleich folgt: Und er sprach zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Sorget euch nicht um euer Leben!22

Ebenso ernten die Unreinen Wollust. Diese werden in Samson verkörpert, über den es Ri 15 heißt: Als die Tage der Weizenernte nahten, kam Samson, um seine Frau mit Verlangen zu besuchen.23 Über diese Ernte heißt es Gal 6: Wer im Fleisch sät, wird von dem Fleisch das Verderben ernten.24 Der aber sät im Fleisch, der Werke des Fleisches schafft; und so erntet er nicht nur das Verderben des Fleisches, sondern auch das Verderben25 des Lebens aus der Gnade, weil er, wenn er eine Todsünde begeht, das Leben aus Gnade zerstört. Und wenn er endgültig im Fleisch gesät hat, wird er von dem Fleisch das Verderben ernten, weil er die ewige faule Pein seines Fleisches ernten wird. Und von diesem wird Hiob 4 gesagt: Schau auf jene, die da Schmerzen säen und sie ernten.26 Und Hos 10: Ihr habt Frevel gepflügt und Frevel geerntet.27

Die vierte Ernte ist der Empfang des würdigen Lohns, der das ewige Leben ist. Von dieser Ernte heißt es Gal 6: Wer im Geist sät, wird auch von dem Geist das ewige Leben ernten.28 Im Geist aber sät jener, der in Liebe und somit im Heiligen Geist Gutes wirkt. Denn wer Gutes ohne den innewohnenden Geist der Liebe wirkt, wird von dem Geist keine Vergeltung ernten, indem zum Beispiel eine Weizenernte in Dornen verwandelt wird. Daher wird Hos 8 gesagt: Sie haben Weizen gesät und Dornen geerntet.29

4. Der treue Knecht Christi möge also im Geist der Liebe Buße säen mit Schmerzen für seine Sünden gemäß jenem Psalmwort: Sie gingenhin und weinten und streuten ihren Samen.30 Denn nach demselben Psalmisten werden mit Jauchzen ernten, die mit Tränen säen,31 weil sie mit Jauchzen kommen werden, wenn sie ihre Bündel bringen. Denn sie haben gesät mit dem Segen des allmächtigen Gottes, und so werden sie von dem Segen ernten gemäß jenem Wort Mt 25: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, empfanget die Ernte,32 nämlich das Reich, welches das ewige Leben ist. Denn wer im Segen sät, wird auch von dem Segen ernten, und wer im Geist sät, wird auch von dem Geist das ewige Leben ernten. Zu diesem Leben möge uns führen, der uns zu seiner Ernte bestimmt hat.

Abb.2: Hus auf der Kanzel in der Bethlehemskapelle vor dem Auditorium. Darstellung im sog. Jenaer Codex, um 1500. Vorlage: KNM Praha, Sig. IV B 24, fol. 37v.

2

PREDIGT ÜBER RÖM 13,12–13:

„LASST UNS DIE WERKE DER FINSTERNIS ABLEGEN“

[1404]

Übersetzungsgrundlage: Schmidtová, Iohannes Hus, 99–113; verglichene deutsche Übersetzung: Zitte, Sinodal-Reden, 143–181.

Vermutlich hielt Hus die vorliegende Predigt in der Prager Kirche St. Gallus in einer Universitätsmesse anlässlich des Gedenktages für den Universitätsgründer KarlIV. († 29. November 1378). Wann genau diese Messe gefeiert wurde, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden: In den Textzeugen werden sowohl der 1. Adventssonntag 1404 (= 30. November 1404) als auch der 1. Dezember 1404 genannt. Bei dieser Feierlichkeit predigen zu dürfen, wäre gewiss eine große Ehre für Hus gewesen: Nach seinem Studium der Freien Künste an der Prager Universität hatte er ebendort ein Studium an der Theologischen Fakultät aufgenommen und in ebendiesem Jahr 1404 den Grad des Bakkalars der Theologie erlangt.

Möglicherweise gehört die Predigt jedoch in einen anderen Kontext: Einige der überlieferten Codices weisen die Rede als „Synodalpredigt“ bzw. als „Sermon an den Klerus“ aus. Auch Hussens dezidierte Anrede „Verehrte Väter und Brüder in Christo“ und seine besonders die Geistlichen adressierenden Warnungen und Appelle sind Anhaltspunkte dafür, dass er die Predigt in einem Kreis von Klerikern vorgetragen haben könnte.

In seiner Auslegung der Paulusworte in Röm 13,12–13 stellt Hus den Werken der Finsternis, den Sünden, die Waffen des Lichts, die Tugenden, gegenüber. Der Schlüssel zu einem tugendhaften Leben und damit zur Erlangung der Seligkeit liege darin, die für die Sünden ursächliche Unkenntnis, nämlich fehlende Selbsterkenntnis und fehlende Gotteserkenntnis, zu beseitigen. Vor diesem Hintergrund klagt Hus in leidenschaftlicher Weise anmaßendes Verhalten und moralische Verfehlungen des Klerus an – Hochmut, Habsucht, Heuchelei, Simonie und Ämterhäufung – und ruft zu einer tugendhaften Lebensführung in der Nachfolge Jesu Christi auf. Somit kann die Predigt als frühes Beispiel kirchenkritischer Äußerungen Hussens gelten. Seine Argumentation stärkt Hus mit reichem Gebrauch von Zitaten aus der Heiligen Schrift, zieht aber auch kirchliche Autoritäten wie Bernhard von Clairvaux, Origenes und simoniekritische päpstliche Lehrentscheidungen hinzu. Wie sich in der Predigt zeigt, war sich Hus der Brisanz seiner Aussagen durchaus bewusst.

Drei Gründe drängen mich zu reden: meine Lehrautorität, brüderliche Wertschätzung und die Furcht vor dem allmächtigen Gott und dem Herrn Jesus Christus. Wenn ich schweige, wird mein Mund mich verurteilen, denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige,1 spricht das erwählte Werkzeug,2 der Apostel Christi3 im 1. Korintherbrief Kapitel 9. Wenn ich nun aber rede, fürchte ich in der Tat dasselbe Urteil, dass mein Mund mich unaufhörlich verurteilt, mich, der redet, aber nicht handelt. Zum Sünder nämlich spricht Gott: „Weshalb redest du von meinen Geboten und nimmst meinen Bund in deinen Mund?“4 Helft mir durch eure Gebete, dass ich das Nötige auch immer mutig sagen und das, was ich sage, zum Nutzen mit Tatkraft erfüllen kann.5 Darum wollen wir einmütig den allmächtigen Herrn bitten, dass er meinen Mund und alle Herzen fruchtbringend öffne, um sein Wort zu verkündigen: Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anlegen, wie am Tage wollen wir ehrbar wandeln.6

Verehrte Väter und liebe Brüder in Christo! Die vorangestellten Worte schreibt der Apostel, Meister und Lehrer der Völker an die Römer im 13. Kapitel, weil er wollte, dass die Römer selbst und in der Folge alle Menschen so wie ihr Meister am Ende zur Herrlichkeit des seligen Lebens gelangen, dass sie nach Ablegen der Sündenfinsternis die Waffen des Lichts und damit die Tugenden anlegen und ehrbar wandeln am Tage des Herrn Jesu Christi, der sie barmherzig von der äußeren Finsternis7 befreien wird. Deshalb spricht der Apostel: Lasst uns die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anlegen, wie am Tage wollen wir ehrbar wandeln.

Bezüglich des Folgenden setze ich voraus, dass Werke der Finsternis Werke der Sünden sind, und diese sind derart beschaffen, dass allein durch die Anwesenheit einer einzigen Sünde sehr viele sich noch dazugesellen.8 „Finster“ werden sie genannt, weil sie den Verstand verdunkeln und närrisch machen, und weil sie die Finsternis suchen, gemäß dem Wort der Wahrheit9 Joh 3: Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; ihre Werke waren nämlich schlecht. Wer nämlich schlecht handelt, hasst das Licht und geht nicht ans Licht, damit seine Werke sichnicht deutlich zeigen.10