1,99 €
Die Vampirin legte den Kopf in den Nacken. Ihr Griff an Sukos Schulter war plötzlich ganz fest. Nichts und niemand konnte sich mehr aus so einem Griff befreien.
Dann präsentierte sie die Zähne!
Darauf hatte der Inspektor nur gewartet. Mit geübtem Geschick riss Suko die Beretta aus der Manteltasche, schnell wie der Blitz. Und er drückte ab!
Die silberne Kugel erwischte die Schöne aus nächster Nähe, mitten auf die Brust. Suko zuckte zusammen, als sich das eben noch so atemberaubende Antlitz zu einer bizarren Fratze verzog und die Vampirin direkt vor ihm zu heißer, dampfender Asche zerfiel.
Einen Sekundenbruchteil später hörte er die anderen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Die Magier von Mainz
Briefe aus der Gruft
Vorschau
BASTEI LÜBBE AG
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: breakermaximus; Sina Ettmer Photography/shutterstock
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7517-0486-1
„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.
www.bastei.de
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Die Magier von Mainz
von Simon Borner
Die Vampirin legte den Kopf in den Nacken. Ihr Griff an Sukos Schulter war plötzlich ganz fest. Nichts und niemand konnte sich mehr aus so einem Griff befreien.
Dann präsentierte sie die Zähne!
Darauf hatte der Inspektor nur gewartet. Mit geübtem Geschick riss Suko die Beretta aus der Manteltasche, schnell wie der Blitz. Und er drückte ab!
Die silberne Kugel erwischte die Schöne aus nächster Nähe, mitten auf die Brust. Suko zuckte zusammen, als sich das eben noch so atemberaubende Antlitz zu einer bizarren Fratze verzog und die Vampirin direkt vor ihm zu heißer, dampfender Asche zerfiel.
Einen Sekundenbruchteil später hörte er die anderen …
Das Blut schmeckte nach Metall.
Fenja Gerber spuckte es aus, würgte … und rannte panisch weiter! Verflucht, wo waren ihre Freunde? Warum sah sie niemanden mehr?
Das hieß: Niemanden außer ihn!
Die Gestalt in der dunklen Kutte war noch immer hinter ihr. Fenja brauchte sich nur umzudrehen, schon sah sie ihn – lauernd an der nächsten Straßenecke oder wartend in der Finsternis eines Hauseingangs. Ein breitschultriger Hüne, dessen Gesicht im Schatten seiner breiten Kapuze verborgen lag.
Doch sie sah nicht nur den Fremden.
Sondern auch seinen Dolch!
Die Waffe wirkte nahezu bizarr – wie ein Requisit aus einem Horrorfilm oder einem perversen Fastnachtskostüm. Aber das Blut, das von der langen Klinge tropfte, war ebenso frisch wie echt. Und Fenja wusste genau, woher es stammte.
Das ist kein Horrorfilm, dachte sie keuchend, als neue Schmerzschübe durch ihren verletzten Oberkörper zuckten. Das passiert wirklich.
Und es passierte ihr.
Wieder sah sie sich nach Hilfe um, doch die ihr so entsetzlich fremde große Stadt schien auf einmal komplett verwaist zu sein. Ganz Mainz, so kam es ihr vor, machte einen weiten Bogen um das Grauen, das sich gerade in seinen nächtlichen Straßen abspielte.
Fenja war allein.
Allein mit dem Unheimlichen.
Abermals hörte sie die Schritte des Mannes hinter sich – schnell und fest. Es waren die Schritte eines Mannes, der töten wollte … und töten würde!
Fenja Gerber schlang die Arme um den blutenden Oberkörper, floh um die erstbeste Hausecke und rannte blindlings in die Nacht.
☆
Wenige Minuten zuvor
Die Fratzen glotzten sie an!
Fenja Gerber keuchte, als sie aus der kleinen Weinstube schwankte und sich den abscheulichen Kreaturen mit ihren bronzenen Mienen gegenübersah. Neun Meter hoch ragten sie über den nachtschwarzen Platz empor, eine hässlicher als die andere. »Was in aller Welt ist das?«
»Wasn?« Finn Klefisch schloss die Tür der Weinstube hinter sich und drehte sich um. Dann lachte er. »Ach, du meinst die Figürchen auf unserem Fastnachtsbrunnen? Pass auf, was du sagst. Die Mainzer stehen auf das Ding!«
Fastnachtsbrunnen. So hieß das Gebilde also. Fasziniert betrachtete Fenja es genauer. Das riesige Monstrum von einem Brunnen stand auf dem Schillerplatz, mitten im Herzen der Stadt, und wurde zu dieser nachtschlafenden Stunde von diversen Lampen angestrahlt. Lauter kleine Gruselgestalten zierten den Brunnen: Harlekins mit Masken, absurde Kreaturen mit gigantischen Riesenschädeln, tentakelartiges Gestrüpp, das wohl Weinreben sein sollte, und allerlei andere Grässlichkeiten.
»Passen Se emol uff«, sagte Finn und legte Fenja seinen teigigen Arm um die Schultern. »Des a obbe, des is e Schwellkopp. So nennt mer die Type. Un da hinne der, wo so grinse tut, des is de Till Eulespiegel. Den kennet Se aber, jung Fraa. Odä?«
Fenja schüttelte den Arm ab. Finn versuchte schon den ganzen Abend, bei ihr zu landen, und seine ungefragten Berührungen verabscheute sie fast so sehr wie den Mainzer Akzent, den er immer dann nachäffte, wenn er Fremdenführer spielen wollte.
Der Kneipenabend, den die Fachschaft der Historiker organisiert hatte, war spät geworden. Mitternacht war längst vorüber, und Fenja und der deutlich ältere Finn waren die Letzten der Truppe, die sich nun auf den Heimweg machten. Finn studierte seit Ewigkeiten und kannte Mainz inzwischen wie seine Westentasche. Für die zwanzigjährige Fenja hingegen, die erst seit zwei Wochen in der Stadt lebte, war noch alles neu und fremd. Auch der hässliche Brunnen.
»Und wo geht’s jetzt zum Bahnhof?«, fragte sie ihren letzten Begleiter. »Ich muss den 1-Uhr-Bus kriegen, sonst komme ich nie nach Hause.«
Ihre Wohngemeinschaft lag in Drais, einem fast schon dörflichen Stadtteil weiter außerhalb. Fenja kannte die Strecke noch nicht, hatte sich nur die Buslinie merken können.
Finn grinste. »Jetzt schon zum Bus? Och, das muss doch nicht sein. Komm, ich wohne gleich da drüben. Nur schnell die Gaustraße hoch. Dann trinken wir noch ein Glas und reden.«
Mhm. Fenja schüttelte sich innerlich. Was du unter reden verstehst, kann ich mir nur zu gut vorstellen.
Es war tatsächlich so, wie ihre ältere Schwester sie gewarnt hatte: Wer auf Erstsemester-Abendveranstaltungen nicht aufpasste wie ein Luchs, hatte prompt die Ekligen an der Backe. Diejenigen, die meinten, sie könnten den studentischen Nachwuchs mit ihrer Erfahrung beeindrucken und in die Kiste locken.
»Danke, aber ich bin müde«, sagte sie und versuchte, sich ihren Ekel nicht anhören zu lassen. »Ein andermal, okay? Wo ist der Bahnhof?«
Er schüttelte den Kopf. »Nur ein Glas, ja? Sind auch nur ein paar Schritte.«
Jetzt bettelt er auch noch, dachte Fenja angewidert. Wie überaus sexy …
»Ich find ihn schon«, sagte sie und ging einfach weg. »Danke, Finn. Man sieht sich an der Uni, ja?«
»He!«, rief er ihr nach.
Doch sie drehte sich nicht um. Schnell bog sie um eine Hausecke und verschwand im Dickicht der Mainzer Altstadt.
In dieser Nacht, die nicht an Nebel geizte, wirkte Mainz ganz anders als am Tag. Die Dom-Metropole vom Rhein hatte etwas Düsteres, fand Fenja, das über den Sternenhimmel und die trüben Laternen hinausging. Laut hallten die Schritte der jungen Studentin der Johannes-Gutenberg-Universität von den Hauswänden wider. Das Kopfsteinpflaster glitzerte vom Regen vergangener Stunden. Irgendwo bellte ein Hund.
Dann sah sie den Mann.
Er stand im Schatten einer alten Mauer, oben am Ende der Straße. Und er sah in ihre Richtung!
Was ist das denn für ein Freak?, fragte Fenja sich. Sie schluckte trocken.
Die Kostümierung war mehr als eigenartig. Trug der allen Ernstes eine dunkle Kutte mit Kapuze?
Ein Schauer zog über ihren Rücken. Der Anblick der vermummten Gestalt schien etwas in ihr zu berühren, das sie selbst nicht kannte. Etwas Erschreckendes.
»Bist du das, Finn?«, rief sie dem Mann entgegen. Dabei sah sie sich nach allen Seiten um, fand aber keinen weiteren Menschen. Die Straße war verlassen und still. »Lass die Scherze, Mann. Das ist nicht witzig.«
Der Hüne machte einen Schritt aus den Schatten. Erst jetzt sah Fenja den Dolch in seiner rechten Hand. Die Klinge, die er nun hoch in die Luft reckte. Zum Angriff!
Was zur Hölle … Die Studentin zuckte zusammen. Dann wich sie zurück – einen Schritt, noch einen.
Der Fremde folgte ihr in gleichem Tempo. Lauernd wie eine Katze auf der Jagd. Das alles war wie ein Spiel für ihn, begriff sie. Und er genoss es in vollen Zügen!
Die Erkenntnis war wie ein Schlag in ihre Magengrube.
Der meint das ernst!
Mit einem Mal wich jede Müdigkeit von ihr. Fenja spürte ihr Herz schlagen, atmete schneller. Und sie wirbelte herum. So schnell sie nur konnte, rannte sie zurück zum Schillerplatz.
Doch wo war sie hergekommen? Die Orientierung in den Gassen der Altstadt fiel ihr nicht nur schwer, sie war regelrecht unmöglich. So sehr sie sich auch anstrengte, fand sie den Weg nicht mehr. Im Nebel sahen die Häuser alle gleich aus, und warum in dieser elenden Stadt manche Straßenschilder rot und andere blau waren, hatte sie noch immer nicht begriffen. Verflucht, jetzt rächte es sich, dass sie den Orientierungssinn eines betrunkenen Goldfischs hatte!
Das ist nicht real, schoss es ihr durch den Kopf. Das passiert nicht wirklich. Nicht mir!
Doch sie wusste es besser. Die Welt konnte schlecht sein, auch zu den Guten. Manchmal sogar besonders gern zu den Guten.
Fenja kam an eine weitere Straßenecke. Keuchend blieb sie stehen, drehte sich um. Sie hörte das Blut in ihren Ohren und das wilde Schlagen ihres Herzens. Musik der Angst.
Der Fremde stand keine fünf Meter hinter ihr! Er trat aus dem Nebel, als sei dieser ein Vorhang und er bereit für die große Bühne. Sein Dolch blitzte im Schein der Straßenlaternen.
Ein Schrei drang aus der Kehle der jungen Studentin. Ihre Knie zitterten, als sie weiterlief. Und noch immer wusste sie nicht, wohin.
Dann fiel es ihr ein. Das Handy! Du hast ein Handy, du Dummerchen!
Ohne langsamer zu werden, wühlte sie in ihrer Jeanstasche nach dem Telefon. Doch ein Blick aufs Display zeigte ihr, wie unnütz die Mühe war.
Kein Netz? Mitten in der City?
Das ergab keinen Sinn! In Mainz lebten hunderttausende Menschen. Die Stadt warb für sich als Medienmetropole. Und ausgerechnet dort sollte das Handynetz Lücken haben? Unfug!
Was nur eines bedeuten konnte …
Abermals sah Fenja hinter sich. Der Dunkle stand im Licht einer Straßenlaterne, von grauen Schwaden umwoben. Und er winkte mit dem Dolch, als wisse er genau, was sie jetzt dachte.
Weil er es wirklich weiß, ahnte sie. Weil er schuld daran ist.
Auch das ergab keinen Sinn, wenn man es nüchtern betrachtete. Allerdings gab es in diesen Augenblicken nackter Panik wenig, was noch rational zu erklären war. Verflucht, wo waren denn alle? Schlief die ganze Stadt denn wie ein Toter?
»Hilfe!«, schrie Fenja. Wahllos klingelte sie an einem Mehrfamilienhaus, alle Knöpfe gleichzeitig. »Polizei!«
Nichts geschah. Hinter keinem der pechschwarzen Fenster regte sich etwas. Nicht einmal der Hund bellte noch in der Ferne. Die Stille war allumfassend.
Bis auf die Schritte.
Die festen Schritte des Mörders erklangen abermals. Sie waren die einzigen Laute in dieser unheimlichen Nacht, abgesehen von Fenjas schlagendem Herzen.
Die Studentin wirbelte herum. Der Fremde war fast bei ihr.
»Was willst du, Arschloch?«, blaffte sie ihn an. Brüllte. Tränen stiegen in ihre Augen, und ihre Schultern zuckten. »Lass mich in Ruhe!«
Die Hand mit dem Dolch war wieder oben. Und nun … ließ der Hüne sie sinken.
Fenja warf sich zur Seite. Die Klinge verfehlte ihr eigentliches Ziel und erwischte sie nur noch an der Seite, dicht an den Rippen. Die Wunde war sicher nicht allzu tief, doch sie schmerzte wie die Hölle! Nahezu sofort quoll auch warmes, klebriges Blut aus dem frisch geschlagenen Riss in Fenjas Lieblingsshirt.
Fassungslos sah die Studentin an sich hinab.
Dann sah sie zu ihrem unheimlichen Verfolger, der schon zum nächsten Hieb ausholen wollte.
Abermals konnte sie nur noch rennen!
Etwa drei wahllos gewählte Abbiegungen später sah sie den Dom über die Dächer der Altstadt ragen. Endlich! Ein Orientierungspunkt! Fenja schrie beinahe vor Freude und lief sofort in die Richtung des altehrwürdigen Bauwerks.
Es war der letzte Fehler, den sie in dieser Nacht begehen sollte.
Und der letzte ihres gesamten Lebens …
☆
Der Wochenmarkt war bereits in vollem Gange. Strahlender Sonnenschein fiel auf den Platz vor dem Dom und verscheuchte die letzten Schatten der Nacht von den zahlreichen Marktständen.
Und von deren Besuchern.
Carsten Wienzeck fluchte, als er den Dienstwagen nahe der PizzaHut-Filiale abstellte. Wer zur Hölle hatte denn den Markt schon eröffnet?
»Soll das ein Witz sein?«, fuhr er den erstbesten Beschicker an. »Das hier ist ein Tatort, ey! Tatort!«
Der Marktbeschicker – ein stämmiger Geselle mit buschigem Schnäuzer und viel zu kleinen Kartoffeln – zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. Dann widmete er sich wieder seinen Kunden.
Wienzeck schluckte den Fluch herunter, der auf seiner Zunge lag, und ergab sich der Situation. Mit sekündlich sinkender Laune bahnte er sich einen Weg vorbei an den Ständen voller Gemüse, Käse, Brot und Blumen bis hin zur Dompforte.
Die Leiche lag noch immer dort.
Ein weißes Laken bedeckte die junge Frau, und die drei Streifenhörnchen, die den Fund gemeldet hatten, standen in wenigen Schritten Abstand von ihr, um die Fundstelle vor Gaffern abzuschirmen. Mit wohligem Grunzen quittierte Wienzeck, dass Brötte, der Gerichtsmediziner, bereits vor Ort war.
»Was haben wir?«, fragte der Kommissarsanwärter der Mainzer Polizei die drei Streifenhörnchen nahe dem Absperrband.
Es handelte sich um zwei Männer und eine Frau. Letztere ergriff das Wort.
»Junge Studentin, zwanzig Jahre alt, wohnhaft in einem Kaff bei Rostock«, meldete die Streifenpolizistin. Sie hatte rotblondes Haar und eine perfekt sitzende Uniform. »Wenngleich die letzte Angabe nicht mehr aktuell sein dürfte. Vermutlich hatte sie sich nur noch nicht umgemeldet, und ihr Personalausweis ist veraltet.«
Wienzeck nickte. »Name?«
»Gerber, Fenja Marie«, wusste der linke Kollege der Streifenhörnisse. Er hatte braunes Haar und eine Wampe, die Wienzeck zweifeln ließ, wie er die Ausbildung beendet haben konnte. »Ein hübsches Ding. Schande, wirklich.«
»Die Schönheit von Mordopfern hat Sie nicht zu kümmern, Kollege«, wies der Kommissarsanwärter den anderen zurecht. Dann duckte er sich unter dem Absperrband hindurch, das die Frau für ihn hob.
In wenigen Schritten war er bei der Leiche. Jens Brötte kniete neben ihr. Der bekennende Hard-Rock-Fan trug das lange Haar unter einem Netz verborgen. Der Rest von ihm steckte in einem weißen Overall.
»Morgen, Brötte.«
»Carsten.« Der Mediziner hob den Blick. »Was ist los? Der Alte noch nicht wieder nüchtern?«
Wienzeck verkniff sich einen Kommentar. Es war ein offenes Geheimnis in der gesamten Wache, das Kommissar Bachmann öfter zum Flachmann griff als an die eigene Nase. Schweigend zog der Anwärter an dem weißen Laken und legte das Opfer frei.
Und keuchte.
»Üble Geschichte.« Brötte nickte. »Ich sehe Stichwunden im gesamten Oberkörperbereich, an den Unterarmen und auf den Handflächen. Dazu die … Na ja, die Kehle sehen Sie ja selbst. Die Frage nach der Art der Tötung können wir da wohl als beantwortet abhaken.«
»Sie hat sich gewehrt«, sagte Wienzeck. Er hielt sich eine Faust vor den Mund. An manche Bilder gewöhnte man sich nie. »Deshalb die Unterarme und Hände. Dieses Schwein stand direkt vor ihr, und sie hat sich gewehrt.«
»Und niemand hat etwas gehört«, ergänzte der Mediziner. »Das ist es, was mich so irritiert, Carsten. Dass es keine Zeugen gibt. Absolut gar keine.«
»Bitte?« Ungläubig drehte Wienzeck sich zu den drei Hörnchen um. »Ist das wahr?«
Kollege Schmierbauch nickte. »Steffens und Öztürk klappern gerade die Anwohner ab«, meldete er so selbstverständlich, als müssten diese Namen selbst einem Mitglied der Mordkommission ein Begriff sein. »Bislang ohne Erfolg. Niemand hat etwas gesehen oder gehört.«
In Mainz?, staunte Wienzeck. Hier fällt doch nicht einmal ein Schoppenglas um, ohne dass sich jemand darüber aufregt …
»Mal abwarten«, sagte er schlicht. Er wollte sich gerade wieder der Toten widmen, da bemerkte er einen Menschenauflauf. »Was ist denn da hinten los?«
Gut und gern vier Dutzend Personen – und es wurden nahezu sekündlich mehr – hatten sich vor dem Staatstheater versammelt, das nicht weit vom Dom entfernt lag. Absperrungen oder Ordner sah Wienzeck nirgends.
»Das wissen Sie nicht?« Brötte erhob sich ächzend und wischte sich die behandschuhten Hände an seinem weißen Overall ab. »Heute beginnt doch der Vorverkauf.«
»Für?«
»Na, für Goldische Zeiten. Die große Mainz-Revue drüben im Theater. Meine Gerda steht bestimmt auch schon in der Schlange. Wir wollten am Wochenende rein.«
»Mainz-Revue«, wiederholte Wienzeck brummend. »Sie?«
Der Mediziner hob abwehrend die Hände. »Hey, ich mag Rocker sein, aber ich bin auch Meenzer. Vor allem Meenzer.«
Wienzeck nickte schmunzelnd. Es war immer das Gleiche in dieser Stadt: Beim Lokalpatriotismus hörte der Spaß auf … und der gute Geschmack. »Dann viel Spaß. Und Helau.«
»Helau, pff.« Brötte winkte ab. »Bis zur neuen Session sind es doch noch mehrere Monate, Carsten. Genau genommen sind es sogar …«
Der werdende Kommissar winkte ab. »Ersparen Sie’s mir. Schicken Sie mir lieber Ihren Bericht ins Büro, wenn Sie fertig sind. Der Alte und ich übernehmen dann.«
»Sie meinen Sie übernehmen.« Brötte zwinkerte ihm zu. »Und unser geliebter Bachmann verschwindet in der erstbesten Weinstube.«
»Schicken Sie uns den Bericht«, wiederholte er nur und ging.
Er kam bis zu seinem Wagen. Dann bemerkte er die dunkle Limousine. Sie kam vom Rhein herüber, quer durch die Fußgängerzone. Und sie machte Anstalten, direkt neben den Streifenhörnchen zu parken.
Sofort lief Wienzeck zurück. »Entschuldigung? Was, glauben Sie, wird das hier, wenn es fertig …«
Als er sah, wer aus dem Wagen ausstieg, verstummte er sofort. Und fluchte innerlich.
