Julia Royal Band 48 - Rebecca Winters - E-Book

Julia Royal Band 48 E-Book

Rebecca Winters

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Beschreibung

DER MÄRCHENPRINZ AUS MONACO von REBECCA WINTERS

Ein traumhafter Urlaub am Mittelmeer liegt hinter Piper: Sonne, Strand und ein aufregender Flirt mit dem charmanten Nic de Pastrana. Doch vorbei ist vorbei, denkt Piper. Da erscheint ihr Märchenprinz plötzlich in New York. Er will sie heiraten. Sofort. Aus Liebe?

HERZKLOPFEN AUF SIZILIANISCH von SANDRA MORTON

Was für ein Flug! Als Anna in Rom landet, hat sie heiße Stunden in der First Class hinter sich, Haut an Haut mit einem Fremden. Nun soll sie die Ländereien ihrer Familie auf Sizilien retten. Doch als sie dort Prinz Draco Valenti trifft, fällt sie aus allen Wolken …

KÜSS MICH, MEIN PRINZ von TINA LEONARD

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Seitenzahl: 570

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rebecca Winters, Sandra Marton, Tina Leonard

JULIA ROYAL BAND 48

IMPRESSUM

JULIA ROYAL erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Julia Fischer (v. i. S. d. P.)Grafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion)

Neuauflage 2026 in der Reihe JULIA ROYAL, Band 48

© 2004 by Rebecca Winters Originaltitel: „To Marry For Duty“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Helga Meckes-Sayeban Deutsche Erstausgabe 2006 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1637

© 2011 by Sandra Marton Originaltitel: „The Ice Prince“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: SAS Deutsche Erstausgabe 2012 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,in der Reihe JULIA Extra, Band 348

© 2001 by Harlequin Books S.A. Originaltitel: „His Arranged Marriage“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Xinia Picado Maagh-Katzwinkel Deutsche Erstausgabe 2002 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe BIANCA, Band 1317

Abbildungen: lolya1988 / Adobe Stock, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751539715

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL

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Rebecca Winters

Der Märchenprinz aus Monaco

1. KAPITEL

August, Kingston, New York

„Danke, dass Sie mich so kurzfristig angenommen haben, Dr. Arnavitz. Ich war noch nie bei einem Psychiater und bin deshalb etwas nervös.“

Der Angesprochene neigte das ergraute Haupt leicht zur Seite. „Nervosität ist bei meinen Patienten völlig normal. Jedenfalls beim ersten Besuch. Wenn Sie mir sagen, was Sie bedrückt, können wir dem Problem gleich auf den Grund gehen.“

Die Hände fest auf den Knien gefaltet, saß Piper auf der Stuhlkante. „Alles bedrückt mich …“, platzte sie heraus, und Tränen rannen ihr über die Wangen.

Wortlos schob der Arzt ihr eine Schachtel Papiertücher zu. Piper nahm eins heraus und tupfte sich das tränennasse Gesicht ab. Nachdem sie sich wieder etwas gefasst hatte, gestand sie: „Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich alleine und komme damit nicht sehr gut zurecht. Ehrlich gesagt komme ich überhaupt nicht zurecht.“ Wieder verlor sie die Fassung.

„Seelisch oder körperlich?“

„Beides.“ Immer noch betupfte sie sich die meergrünen Augen mit einem Tuch.

„Aus Ihrer Karteikarte ersehe ich, dass Sie siebenundzwanzig Jahre alt und ledig sind. Leiden Sie unter der Trennung von einem Freund oder Verlobten?“

Nic war keines von beiden, er interessierte sich nicht einmal für sie. Im Grunde war Nicolas de Pastrana aus dem spanischen Hause Bourbon-Parma für sie von Anfang an unerreichbar gewesen, doch das hatte sie nicht gewusst, als sie Nic und seinen Cousins zum ersten Mal begegnet war.

„Nein“, erwiderte Piper mit bebender Stimme. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass man sich dann genauso fühlt … einfach schrecklich.“

„Erzählen Sie mir von Ihrer Familie.“

„Meine Eltern sind beide gestorben, und meine Schwestern Greer und Olivia sind verheiratet und leben in Europa. Olivia hat erst kürzlich in Marbella geheiratet. Ich bin vor drei Tagen aus Spanien nach New York zurückgekommen.“

„Sie leben allein?“

Piper nickte. „In einem Erdgeschossapartment hier in Kingston. Nach Daddys Tod im Frühling hatten wir es zu dritt bewohnt.“

„Ist Ihre Familie sehr groß?“

„Nein. Unsere Eltern haben erst spät geheiratet, und ihre Verwandten sind alle verstorben.“

„Also sind Sie jetzt ganz allein.“

Wieder zog Pipers Kehle sich schmerzlich zusammen. „Ja. Das klingt ziemlich nach Selbstmitleid, nicht wahr?“

„Ganz und gar nicht. Die meisten Menschen haben zumindest Verwandte, die in der Nähe wohnen. Wo stehen Sie innerhalb Ihrer Familie?“

Piper glaubte zu verstehen, was der Arzt meinte. „In der Mitte, würde ich sagen, obwohl das irreführend klingt, weil meine Schwestern und ich Drillinge sind – wenn auch keine eineiigen.“

„Aha …“ Mehr sagte der Arzt nicht, doch offenbar war ihm einiges klar geworden.

„So einsam wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt. Damit meine ich nicht die räumliche Trennung von meinen Schwestern, sondern die seelische.“

„Die Herrschaft der drei Musketiere ist zu Ende?“, versuchte er, ihr weiterzuhelfen.

„Ja!“, rief Piper. „Genau so war es! Alle für eine, eine für alle. Aber nachdem meine Schwestern jetzt Ehemänner haben, wird nichts mehr wie früher sein.“

„Macht Sie das zornig?“

Sie senkte den Kopf. „Ja. Und ich weiß, es ist schrecklich, so etwas zu sagen.“

„Absolut nicht. Es ist ehrlich. Etwas anderes hätte ich Ihnen auch gar nicht geglaubt.“

„Und dabei ist es einzig und allein meine Schuld, dass sie verheiratet sind.“

„Soll das heißen, Sie haben die Ehemänner Ihrer Schwestern mit vorgehaltener Pistole zum Heiratsantrag gezwungen?“

Trotz der Tränen musste Piper nun lachen. Wenn der Mann wüsste, wie viele Tricks dazu nötig gewesen waren! „Nein.“

„Wieso sollten Sie dann schuld daran sein, dass Ihre Schwestern geheiratet haben?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Uns bleiben noch zwanzig Minuten.“

Piper beschloss, die restliche Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen. „Als Älteste hat Greer Olivia und mir immer gesagt, was wir tun sollten. Sie war es auch, die uns überredet hat, nach dem College unsere Internet-Firma zu gründen. Greer hatte uns zum Ziel gesetzt, dass wir Millionärinnen sein müssten, ehe wir dreißig sind. Deshalb sollte auch keine von uns heiraten, das würde nur alles verderben. Da Olivia und ich aber nicht so verrückt darauf waren, Millionärinnen zu werden, war uns klar, dass wir Greer erst unter die Haube bringen mussten, ehe wir auch heiraten und eine Familie gründen konnten, um so glücklich zu werden wie unsere Eltern.

Greers Einstellung beunruhigte auch Dad. Ehe er starb, haben Olivia und ich ihn überredet, das Geld, das er uns hinterlassen wollte, in einem Hochzeitsfonds anzulegen, mit der Auflage, dass wir es nur für die Suche nach Ehemännern ausgeben dürfen. Dad fand die Idee prima und hat Greer natürlich nicht verraten, dass wir dahintersteckten. Im Juni beschlossen wir, an die Riviera zu fliegen. Das erschien uns als der ideale Ort, einen aufregenden Mann kennenzulernen. Im Grunde genommen ging es mir und Olivia aber darum, dass Greer jemanden treffen sollte, der sie ihren Millionärinnentick vergessen lassen würde. Ahnungslos flog sie mit, um Daddys letzten Wunsch zu erfüllen. Sie hatte gar nicht vor zu heiraten, wollte an der Riviera nur einen Playboy finden, der ihr einen Heiratsantrag macht. Und sie freute sich schon darauf, ihn dann kalt lächelnd abblitzen zu lassen.

Olivia und ich spielten mit. Wir konnten es kaum fassen, als sie dort in Maximilliano di Varano aus dem Hause Bourbon-Parma ihren Traummann fand – und ihm schließlich einen Heiratsantrag machte! Innerhalb von sechs Wochen waren die beiden verheiratet und leben jetzt in Italien.

Damit war Olivias und mein Plan mehr als aufgegangen. Wir konnten nach New York zurückkehren und endlich unser eigenes Leben beginnen. Doch dann“, ihre Stimme bebte, „verliebte Olivia sich in Max’ besten Freund Lucien de Falcon, ebenfalls aus dem Hause Bourbon-Parma. Vor einigen Tagen haben die beiden geheiratet und wohnen jetzt in Monaco.“

Dr. Arnavitz nickte. „Und jetzt sind Sie frei und können Ihr eigenes Leben beginnen.“

Piper unterdrückte einen Schluchzer. „Nun ja, mein eigenes Leben … ich weiß gar nicht mehr, was das ist.“

Der Arzt beugte sich vor. „Das Ende der drei Musketiere mag das Ende Ihrer Mädchenzeit bedeuten, aber es ist auch der Anfang von Piper Duchess’ neuem Leben als Frau, die neue Welten erobert. Europa ist nur einen Flug entfernt.“

„Das weiß ich“, brachte Piper matt hervor.

Aber in Europa war Nic. Und nachdem er sie abgewiesen hatte, sollte er nicht glauben, dass sie auch nur einen Gedanken an ihn verschwendete.

„Betreiben Sie Ihr Internet-Geschäft weiter?“

„Ja.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Ich bin Grafikerin und entwerfe Illustrationen für Wandkalender mit feministischen Sprüchen wie: ‚Wenn du möchtest, dass etwas funktioniert, geh zu einer Frau.‘ Greer war für die Texte verantwortlich, Olivia fürs Marketing.“

Amüsiert lächelte der Doktor. „Können Sie davon leben?“

„Ja. In den Staaten verkaufen die Kalender sich gut. Demnächst werden sie in zwei europäischen Städten vertrieben.“

„Sie Glückliche. Warum drehen Sie den Spieß nicht einfach um?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ihre Schwester Greer wollte mit dreißig Millionärin sein. Sie wollten heiraten. Legen Sie sich jetzt ins Zeug, und versuchen Sie, bis dreißig viel Geld zu verdienen. Erweitern Sie Ihren Operationsradius. Da sind auch noch Südamerika, Australien, der Ferne Osten. Werden Sie Globalunternehmerin. Bauen Sie ein Imperium auf. Stellen Sie Leute ein. Wer weiß, was die Zukunft Ihnen zu bieten hat. Wenn Sie in dem Erdgeschossapartment hocken bleiben und sich hinter Ihrem Zorn verschanzen, wird niemand Sie bemitleiden. Nicht jede Frau besitzt Ihre Intelligenz, Ihr Talent, Ihre Gesundheit, Ihr wunderschönes blondes Haar, Ihre Möglichkeiten zu tun, wozu Sie Lust haben. Nichts kann Sie davon abhalten, nur Ihr läppisches Selbstmitleid.“

Oh.

Dr. Arnavitz verstand es, die wunde Stelle seiner Patienten zu finden. Aber dafür bezahlte sie ihm schließlich auch zweihundert Dollar für eine halbe Stunde …

Und diese halbe Stunde war jetzt um. Piper bedankte sich bei dem Psychiater und versprach, gründlich über seine Vorschläge nachzudenken.

Auf der Heimfahrt im alten Pontiac ihres Vaters gingen ihr die Worte des Arztes nicht aus dem Kopf.

Bauen Sie ein Imperium auf. Stellen Sie Leute ein …

Zu Hause angekommen, stand ihre Entscheidung fest. Vor ihrem dreißigsten Geburtstag wollte sie Millionärin sein und Nic beweisen, dass sie ihn nicht brauchte.

Im Apartment ging sie direkt ins Wohnzimmer, das sie und ihre Schwestern auch als Büro benutzten, und rief Don Jardine an, Greers Ex-Freund, der bei ihr nie eine echte Chance gehabt hatte. Don gehörte die Firma, die ihre Kalender für die Vereinigten Staaten druckte.

„Hallo, Don!“

„Piper … Ich wusste nicht, dass du aus Europa zurück bist. Wie war’s?“

Mit keinem Wort hatte er sich nach Greer erkundigt. Kluger Mann. Von ihm konnte sie lernen. Auf keinen Fall würde sie ihre Schwestern nach Nic fragen.

„Olivia ist jetzt mit Lucien de Falcon verheiratet. Ich überlasse es dir, Fred reinen Wein einzuschenken.“

Fred war Olivias Ex-Freund und ein Kumpel von Don.

Längeres Schweigen folgte. „Zwei von dreien. Die Varanos müssen etwas in den Genen haben, was die Duchess-Drillinge dahinschmelzen lässt.“

Don sprach aus, was Piper dachte. Sicher gab es eine wissenschaftliche Erklärung dafür, dass sie und ihre Schwestern sich in Männer aus derselben Familie verliebt hatten.

„Das gilt nicht für alle Duchess-Drillinge!“, erklärte sie bestimmt.

„Heißt das, dass Tom sich noch Hoffnung machen kann?“

„Nein.“

Tom war Pipers Ex-Freund und ebenfalls ein guter Freund von Don. Früher waren sie zu sechst begeistert Wasserski gelaufen und gemeinsam ins Kino gegangen. In der Gruppe sind wir sicher, hatte Greer immer gesagt.

Wie recht sie gehabt hatte! Max’ Hochzeit mit Greer war das Ende des lebenslangen Mädchentriumvirats gewesen und hatte wie ein Dominoeffekt gewirkt. Olivia hatte sich in Luc verliebt. Und was sie, Piper, betraf …

Sie hatte ihre Lektion gelernt und würde sich keinem Mann mehr an den Hals werfen.

„Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen, Don. Etwas wirklich Großes.“

„Wie groß?“

„Wenn du bereit bist, mit mir nach Sydney, Tokio und Rio zu fliegen, erfährst du’s. Je nachdem, wie die Dinge sich anlassen, gründen wir eine Aktiengesellschaft und gehen an die Börse. Bist du interessiert?“

Wieder folgte langes Schweigen. „Und wann wollen wir uns zusammensetzen, um die Sache zu besprechen?“

„Noch heute Abend, wenn du Zeit hast. Als Erstes müssen wir uns den besten, ausgebufftesten Firmenanwalt und Aktienrechtler suchen, den es hier gibt.“

„Einverstanden. Aber was ist mit Europa?“

Unwillkürlich verkrampfte Piper sich. „Vergiss es. Auf den Kontinent setze ich keinen Fuß mehr.“

„Das meinst du doch wohl nicht ernst, Piper. Dort leben deine Schwestern.“

„Wenn sie mich sehen wollen, müssen sie zu mir kommen.“

„Da muss mir etwas entgangen sein. Ich dachte, du warst letzte Woche in Spanien, um neue Märkte zu erschließen.“

„Das dachte ich auch, bis ich feststellen musste, dass das eine Falle war. Ich möchte nicht darüber reden.“

„Wenn du mich als Geschäftspartner haben willst, wirst du es wohl müssen. Was war das für eine Falle, und um was ging es da?“

Wieder packte Piper die Wut. „Die Varano-Cousins haben ihren Einfluss und ihr Geld in die Waagschale geworfen und Signore Tozetti dafür bezahlt, dass er unseren Vertrieb in Europa übernimmt. Das war ein raffinierter Schachzug von Luc. Mit einem viel versprechenden geschäftlichen Angebot hat er Olivia nach Europa zurückgelockt, um sie für sein grausames Verhalten um Verzeihung zu bitten. Sein schlauer Plan hat so gut funktioniert, dass sie jetzt auf Hochzeitsreise sind! Aber ich will nichts von dem Geld, das wir mit unseren Kalendern in Europa verdienen!“

Das konnten ihre Schwestern sich teilen. Sie wollte keinen Cent der Gewinne aus dem Vertrag, bei dem Nic die Finger im Spiel gehabt hatte!

„Das kann ich dir nachempfinden“, erwiderte Don leise.

„Danke für dein Verständnis.“

„Ich verstehe viel mehr, als du denkst. Immerhin bist du die Grafikerin, die hinter den Zeichnungen steckt. Eine überragende Grafikerin sogar, würde ich sagen.“

„Danke, Don.“

„Es ist doch wahr! Eines Tages wirst du berühmt sein, Piper.“

Genau das hatte Olivia auch gesagt, ehe sie feststellen mussten, dass sie in eine Falle gelockt worden waren.

Mom und Daddy wären so stolz, wenn sie miterleben könnten, dass deine Zeichenfiguren in ganz Europa berühmt werden.

Das wissen wir noch nicht. Bis jetzt sind das noch Wunschträume.

Signore Tozetti hätte uns keinen Reisevorschuss gegeben, wenn er nicht überzeugt wäre, dass deine Zeichnungen einschlagen. Warte, bis er deine neuesten Entwürfe gesehen hat, dann schickt er dich überallhin: nach Frankreich, in die Schweiz …

Piper packte den Telefonhörer fester. „Mit einer Hand voll Kalender wird man nicht berühmt, Don.“

„Deine Kalender sind doch nur der Grundpfeiler. Es wird Zeit, dass du dich vergrößerst.“

Jetzt klang Don beinahe wie Dr. Arnavitz. „Und wie?“

„Fernsehwerbung und das Internet sind im Augenblick das Wichtigste. Wenn du global denkst, gibt es keine Grenzen. Kontinente umspannende Megafirmen zahlen Grafikern von internationalem Format sieben- bis achtstellige Honorare.“

Dons Reaktion erstaunte Piper. „Wie lange findest du schon, dass ich ganz groß einsteigen sollte?“

„Seit ich angefangen habe, die Kalender für Duchesse Designs zu drucken. Bei deinen Zeichnungen springt einfach ein Funke über, Piper. Vielleicht können wir ihn gemeinsam zu einem Großfeuer anfachen.“

„Deine Denkweise gefällt mir. Könntest du um sieben bei mir sein?“

„Ich komme mit einigen Ideen, die ich schon sehr lange mit mir herumtrage.“

„Hast du schon mal mit Greer darüber gesprochen?“

„Wie bitte?“

„Du hast recht. Das war eine dumme Frage.“

Von niemandem außer Max hatte Greer sich je etwas sagen lassen. Auf der Piccione hatte er ihr mit seinen Küssen den Verstand geraubt, sie dann verhaften und eine Nacht in einem italienischen Gefängnis schmoren lassen, um ihr hinterher einen Heiratsantrag zu machen. Das war genau der richtige Weg zu ihrem Herzen gewesen, und sie hatte sich ihm bereitwillig an den Hals geworfen.

Luc war da etwas anders vorgegangen. Nachdem er Olivia wegen eines tragischen Missverständnisses das Herz gebrochen hatte, hatte er sie unter falschen Voraussetzungen nach Europa zurückgelockt. Dort hatte er sie in seiner selbst entworfenen Roboterlimousine namens Cog eingeschlossen, in die er so viele ausgeklügelte Erfindungen eingebaut hatte, dass Olivia prompt schwach geworden war und ihm verziehen hatte.

Es war zum Verrücktwerden!

Natürlich freute Piper sich über das Glück der vier. Doch sie wollte nicht an ihre beiden Schwäger denken, sonst spukte ihr gleich wieder Nic im Kopf herum … und das konnte katastrophale Folgen haben.

2. Januar, Marbella, Spanien

„Señor de Pastrana?“

„Si, Filomena?“

Nic war im Begriff, sein Büro in der Banco de Iberia zu verlassen. Seit er sein Zweigstellennetz umstrukturiert hatte, konnte die Bank erneut mit einem erfolgreichen Quartalsergebnis aufwarten, das seine Erwartungen übertraf. Dennoch empfand er keine Freude darüber.

„Ein Herr vom Auktionshaus Christie’s in New York ist am Telefon und möchte Sie sprechen.“ Die bloße Erwähnung New Yorks brachte Nics Puls zum Jagen. „Soll ich das Gespräch durchstellen oder eine Nachricht entgegennehmen?“

„Ich rede mit ihm.“

„Sehr wohl, Señor.“

Während Nic wartete, schloss er die Datei über die ausländischen Goldreserven der Bank und schaltete den Computer aus.

„Señor de Pastrana?“, meldete sich eine Stimme mit amerikanischem Akzent.

„Am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Hier ist John Vashorn von der Antikschmuckabteilung Christie’s. Sie werden sich erinnern, dass Sie uns vor einiger Zeit beauftragt haben, die Augen nach Stücken aus der Sammlung der Kaiserin Marie Louise offen zu halten, die aus dem Palast der Familie Varano im italienischen Colorno gestohlen wurde. Heute Morgen ist hier auf einer Auktion ein mit Edelsteinen besetzter Kamm eines anonymen Anbieters aufgetaucht. Daraufhin habe ich unsere Datenbank für verloren gegangenen Schmuck durchforstet und die Fotos ausgedruckt, die Sie uns überlassen haben. Das fragliche Stück scheint zur Kollektion zu gehören. Wie soll ich jetzt vorgehen?“

Erregt sprang Nic auf.

Auf wundersame Weise war ihm gerade ein Vorwand in die Hände gespielt worden, sich der teuflischen Verpflichtung gegenüber der Familie seiner verstorbenen Verlobten Nina Robles entziehen zu können. Den monatlichen Pflichtbesuch, vor dem ihm so grauste, würde er von nun an nie mehr absolvieren müssen.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie der Sache schleunigst nachgehen würden, Mr. Vashorn.“

„Ich werde mein Bestes tun.“

Befreit streifte Nic sich die schwarze Trauerbinde vom Arm und warf sie in den Papierkorb. Auf einmal konnte er sich kaum noch zügeln. „Ein CIA-Agent wird sich umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen. Warten Sie bis dahin, und sprechen Sie mit niemandem darüber.“

„Sie können sich auf mich verlassen.“

Nic blickte auf die Uhr. An der amerikanischen Ostküste war es jetzt halb zehn. „Ich komme sofort nach New York und müsste bis Auktionsschluss bei Ihnen sein. Geben Sie mir Ihre Handynummer, damit wir in Kontakt bleiben können.“

Während Nic sich die Nummer notierte, ging er im Geist die Leute durch, die er benachrichtigen musste. Sobald er aufgelegt hatte, rief er den Chefinspektor in Rom an, der die Arbeit der mit dem Fall beauftragten Polizeibeamten und verdeckten Ermittler koordinierte. Signore Barzini würde sich mit dem CIA in New York in Verbindung setzen.

Als Nächstes rief er den führenden Echtheitsexperten für italienische Nationalschätze, Signore Rossi, in Parma an und bat ihn, in einer Varano-Maschine nach New York zu fliegen. Nur er konnte entscheiden, ob der Juwelenkamm echt war.

Die Kollektion hatte der Herzogin von Parma gehört, der zweiten Frau Napoleon Bonapartes, auch bekannt als Marie Louise von Österreich aus dem Hause Bourbon. Der Diebstahl des Schatzes vor zwei Jahren hatte die gesamte Familie schwer getroffen. Seitdem hatten Nic und seine Cousins mit Hilfe der Polizei und verdeckter Ermittler weltweit Nachforschungen angestellt.

Ein echtes Stück war im vergangenen August auf einer Londoner Auktion aufgetaucht. Es hatte Nic ein kleines Vermögen gekostet, es wiederzubekommen. Bedauerlicherweise gab es jedoch immer noch keinerlei Hinweise auf die Person oder Personen, die hinter dem dreisten Schmuckraub steckten.

Doch nachdem nun ein weiteres Stück der Sammlung in den Vereinigten Staaten aufgetaucht war, hoffte Nic, dass sich in dem Fall endlich ein Durchbruch abzeichnete.

Er rief seinen Vater an, erreichte jedoch nur dessen Anrufbeantworter. Nachdem er die Situation kurz geschildert hatte, bat er seine Eltern, ihn bei der Familie Robles zu entschuldigen. Sein Vater würde verstehen, dass der Anruf des Auktionshauses wichtig genug war, um Nics Abwesenheit zu rechtfertigen.

Über das spanische Haus Bourbon waren die Familien Pastrana und Robles durch uralte Bande verbunden. Doch wenn Ninas Eltern glaubten, sie könnten ihm als Ersatz für Nina ihre siebenundzwanzigjährige Tochter Camilla andienen, hatten sie sich geirrt.

Nachdem Nic seinen Fahrer bestellt hatte, verließ er die Bank durch seinen Privatausgang und ließ sich auf den Rücksitz der Limousine sinken. Auf dem Weg zum Flughafen rief er den Piloten an und beauftragte ihn, den Jet der Pastranas flugbereit zu machen. Zu Hause brauchte Nic nicht vorbeizufahren, da sich an Bord stets Reisekleidung und Toilettenartikel befanden.

Erleichtert, die lästigen Fesseln endlich los zu sein, rief er Max an, um ihm von den jüngsten Entwicklungen zu berichten, doch auch hier erreichte er nur den Anrufbeantworter. Genervt hinterließ Nic eine Nachricht und rief Luc an, der sich nach dem dritten Klingeln meldete.

„Olivia und ich wollten dich gerade einladen. Am Wochenende segeln wir nach Mallorca. Hättest du Lust, Sonntag nach deinem Pflichtbesuch zu uns zu stoßen?“

In letzter Zeit wirkte Luc wie verwandelt. Seit er Olivia geheiratet hatte, sprühte er vor Lebensfreude. Im September erwarteten sie ihr erstes Baby. Nic konnte sich kein glücklicheres Ehepaar vorstellen … außer Max und Greer, die ein Kind adoptieren wollten.

„Nichts würde ich lieber tun, aber es hat sich etwas Wichtiges ereignet. Deswegen rufe ich dich auch an.“ In knappen Worten berichtete er Luc von der Benachrichtigung des Auktionshauses Christie’s.

Prompt entschied Luc: „Ich treffe dich in New York.“

„Nein. Genieße du deine Flitterwochen mit Olivia. Ich informiere dich nur, weil ich eine Weile verreist und mit den Ermittlungen beschäftigt sein werde.“

„Wie geht es dir jetzt?“

Nic atmete tief durch. „Meine Trauerbinde liegt in meinem Büro im Papierkorb und wird in wenigen Minuten mit dem Abfall entsorgt.“

„Gott sei Dank!“ Sein Cousin atmete hörbar auf. „Du hättest dich auf den verstaubten alten Brauch gar nicht erst einlassen dürfen. Wirst du jetzt tun, was ich hoffe?“

„Seit Max’ Hochzeit habe ich an nichts anderes mehr denken können“, gestand Nic.

„Du wirst Piper nur schwer aufspüren können“, warnte Luc. „Vorige Woche hat sie Olivia aus Sydney angerufen, und ich bin nicht sicher, ob sie schon wieder in den Staaten ist.“

„Ich finde sie, und wenn ich nach Australien fliegen muss.“

„Falls ich etwas Genaues hören sollte, gebe ich dir Bescheid. Willst du wirklich nicht, dass ich nach New York komme?“

„Warten wir erst mal ab, was Signore Rossi über den Kamm sagt. Wenn er echt ist, sollten wir eine Konferenzschaltung mit Max abhalten.“

„Na gut. Pass auf dich auf, und viel Glück, mon vieux.“

Nic wusste genau, wie sein Cousin das meinte. Seit Lucs Hochzeit hatte er Piper nicht mehr gesehen. Wegen der verhassten schwarzen Armbinde, die ihn brutal an die Schatten der Vergangenheit erinnerte, hatte er sich ihr nicht nähern können.

Elf Monate, fünfundzwanzig Tage und sieben Stunden hatte er diese Armbinde tapfer getragen … bis auf die vier Tage im Juni, als er verdeckt als Kapitän auf der Piccione gearbeitet hatte.

In den vier Tagen hatten ihn Pipers blaugrüne Augen verzaubert, während er mit seinen Cousins die Duchess-Drillinge verfolgt hatte, die sie irrtümlich für die Diebinnen des Familienschmucks der Varanos gehalten hatten.

In dieser kurzen Zeit hatte sein Leben sich für immer verändert.

„Das werde ich brauchen, Luc.“

„Was hast du vor?“

„Gute Frage. Eigentlich hätte ich die Armbinde erst in einer Woche loswerden können. Aber da ich länger außer Landes gehe, wird bis auf Piper niemand davon erfahren. Falls sie überhaupt noch mit mir spricht, heißt das.“

„Wenn jemand sie umstimmen kann, dann du. Bis bald.“

„Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mit ihr gesprochen habe“, erklärte Nic überzeugter, als ihm zu Mute war. Bei Piper wusste er nie, woran er war. Beim bloßen Gedanken, sie wiederzusehen, fühlte er sich atemlos.

Nachdem er seine Trauerzeit jetzt beendet hatte, würde nichts und niemand ihn mehr davon abhalten, um diese Frau zu kämpfen …

29. Januar, Kingston, New York

„Entschuldige die Störung, Piper, aber draußen ist ein Mann, der dich sprechen möchte.“

Jan, die vorher den Vertrieb von Duchesse Designs im Nordosten der Vereinigten Staaten geleitet hatte, war jetzt Pipers Assistentin in der Firma Cyber Network Concepts, die sie mit Don Jardine gegründet hatte.

Piper blickte nicht vom Zeichentisch auf. „Offiziell bin ich erst morgen zurück.“

Inzwischen war sie ins Firmengebäude von Jardine übergesiedelt, in der Don seinen Druckereibetrieb weiterführte. Er hatte ihr eine Flucht Räume neben seinen überlassen, und bisher hatte dieses Arrangement sich bestens bewährt.

„Das habe ich ihm auch gesagt, aber er besteht darauf, dich zu sprechen.“

„Wie heißt er denn?“

„Er behauptet, dich überraschen zu wollen.“

„Typische Taktik eines aufdringlichen Vertreters. Das könnte der Regionalleiter von Mid Valley Machines sein. Sie liegen uns schon seit Monaten wegen eines Auftrags in den Ohren. Schaff mir den Mann vom Hals, Jan.“

„Aber er will erst gehen, wenn er mit dir gesprochen hat.“

„Wenn es so wichtig ist, soll er mit Don reden.“

„Das will er aber nicht.“

„Er verschwendet nur unsere Zeit“, murrte Piper. „Ein Kunde hätte seinen Namen genannt. Und da wir unsere Rechnungen prompt bezahlen, kann er auch kein Gläubiger sein. Sag ihm, wir wären gerade aus Sydney zurückgekehrt und würden in Arbeit ersticken. Morgen ist Dienstag. Er soll morgen wiederkommen.“

Im letzten halben Jahr hatten sie und Don bereits vier einträgliche Werbeetats von amerikanischen Firmen ergattert, die auf australischen und südamerikanischen Märkten operierten. Im Moment lagen mehr Aufträge an, als Piper bewältigen konnte.

„Ich fürchte, der Mann lässt sich einfach nicht abweisen.“

Etwas in Jans Ton veranlasste Piper aufzublicken. Es war eine ausgezeichnete Entscheidung gewesen, Jan zur Bürochefin und Vertriebsleiterin für das Kalendergeschäft in den Staaten zu befördern. Da sie eine gewiefte Geschäftsfrau war, überraschte es Piper, dass ihre frisch verlobte Assistentin sich von jemandem einschüchtern ließ.

„Wieso hast du Hemmungen, ihn einfach vor die Tür zu setzen?“

„Er hat so etwas an sich, du weißt schon … so ein gewisses Flair. Vielleicht empfinde ich so, weil er Ausländer ist.“

Piper überlief eine Gänsehaut. „Ausländer? Woher kommt er?“

„Er spricht Englisch mit leichtem Akzent, als käme er aus einem Mittelmeerland.“

„Ist er dunkelhaarig?“

„Ja. Aber sehr groß und … na ja, ich finde, er ist ein Traummann. Ehrlich gesagt ist er der attraktivste Typ, den ich je gesehen hab. Aber verrate Jim bloß nicht, dass ich das gesagt habe.“

Die Zeichenkohle entglitt Pipers Fingern. Die Beschreibung passte auf drei Männer, die sie kannte. Und alle drei gehörten derselben Familie an.

„Spricht der Mann mit französischem Akzent?“

„Keine Ahnung.“

„Hat er glutvolle dunkle Augen?“

„Nein. Eher braune, und sein Blick geht einem durch und durch.“

Hilfe!

Pipers Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. „Trägt er eine Armbinde?“

„Eine was?“

„Eine schwarze Trauerbinde am Oberarm?“

„Nein. Er trägt einen eleganten anthrazitgrauen Anzug, und irgendwie hat er etwas … Aristokratisches an sich.“

Wie elektrisiert sprang Piper vom Zeichentisch auf. „Jan? Du hast gerade die Bekanntschaft des zukünftigen Herzogs de Pastrana aus dem Hause Bourbon-Parma gemacht. Nic ist ein Cousin ersten Grades von Greers und Olivias Ehemännern.“ Kein Wunder, dass Jan sich so schwer getan hatte, den Mann wegzuschicken!

In aufsteigender Panik fuhr Piper fort: „Wenn dir deine Stellung lieb ist, leihst du mir deinen Verlobungsring. Ich brauche ihn nur einige Minuten. Bis Nic wieder geht, bin ich nicht nur Dons Geschäftspartnerin, sondern auch seine Verlobte. Hast du mich verstanden?“

Zögernd nickte ihre Assistentin und zog sich den schlichten Diamantring vom Finger. Piper streifte ihn über. Er saß etwas locker, weil Jan grobknochiger war, aber was machte das schon? Verlobungsring war Verlobungsring.

„Danke. Dafür bekommst du mit dem nächsten Gehalt eine Prämie.“

Pipers Herz klopfte zum Zerspringen. Aufgeregt blickte sie an sich herunter. Sie trug Pullover und Jeans wie meist, wenn sie keine Kunden erwartete.

Hilflos setzte sie sich an ihren Schreibtisch, stand dann wieder auf. Wie sollte sie Nic begrüßen? Dann entdeckte sie seine imposante Gestalt an der Tür und setzte sich wieder, weil die Beine unter ihr nachzugeben drohten.

„Na, so was“, sagte sie gespielt locker. „Wenn das nicht der Kapitän der Piccione ist!“

2. KAPITEL

„Buenos dias, Señorita Piperrr.“

Wenn Nic das „R“ so rollte, ging es ihr durch und durch. Wie sehr sie auch versuchte, sich gegen seine geballte Männlichkeit zu wehren, es gelang ihr einfach nicht.

„Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hast du mir auf deinem Anwesen im Gebüsch aufgelauert und mich fortgelockt, damit Luc sein Spielchen mit Olivia treiben konnte.“

Damals hatte sie gehofft, Nic hätte seine Trauerzeit vergessen und würde mit ihr das Gleiche tun. Immerhin hatte er auf der Piccione für kurze Zeit auf die Armbinde verzichtet. Seitdem hatte Piper sich danach gesehnt, von ihm geküsst zu werden.

Stattdessen hatte er sie zur Familienkapelle geführt, wo nicht nur der Geistliche gewartet hatte, sondern auch Greer und Max und die gesamte Familie Bourbon-Parma, um einer weiteren Trauung beizuwohnen – diesmal der des jüngsten Duchess-Drillings mit dem ältesten Sohn des Herzogs de Falcon. Von ihren Schwestern wusste Piper, dass die Pastrana-Seite der Familie aus Andalusien, die der Varanos aus Italien stammte.

Außerdem hatte sie gehört, dass auch die Familie Robles dem spanischen Haus Bourbon angehörte, im Adelsrang jedoch nicht so hoch stand wie die Pastranas.

Nic schien ebenfalls an jenen unvergesslichen Abend zu denken, denn er strahlte sie auf jene Weise an, die sie immer wieder schwach machte.

„Wieso bist du in New York?“, fragte sie betont sachlich. „Wegen dringender Geschäfte?“

Stolz warf er den Kopf zurück und sah sie bedeutsam an. Er wirkte schlanker, trauriger – doch Piper fand ihn atemberaubender als je zuvor.

„Ich bin schon seit einigen Tagen hier, weil ein weiteres Schmuckstück aus der gestohlenen Kollektion im Auktionshaus Christie’s aufgetaucht ist“, erklärte er. „Wie sich herausgestellt hat, ist es echt.“

„Sag bloß, der Anhänger der Herzogin ist endlich aufgetaucht?“

„Nein. Aber dafür ein juwelenbesetzter Kamm.“

An die Schmucksammlung hatte Piper überhaupt nicht mehr gedacht. Hätten sie und ihre Schwestern ihre eigenen Herzoginnenanhänger auf ihrer ersten Italienreise nicht getragen, hätten sie vom Diebstahl des Anhängers, der den ihren aufs Haar glich, wohl nie erfahren und die drei Cousins auch sicher nicht kennengelernt.

Dann wäre ihr Nicolas de Pastrana nie begegnet, der Mann, an den sie ihr Herz verloren hatte.

Die bloße Vorstellung ließ sie erschauern.

Um ihre Gefühlsaufwallung zu überspielen, sagte sie: „Falls meine Schwestern dir geraten haben herzufliegen, um mich nach Europa zu locken, vergeudest du deine Zeit.“

Mit leicht gespreizten Beinen stand Nic da, die kraftvollen, gebräunten Hände vor sich gefaltet. „Deine Schwestern haben keine Ahnung, dass ich hier bin.“

Piper lächelte kühl. „Da deine Trauerzeit erst im Februar vorbei ist, wette ich, dass Ninas Familie davon auch nichts weiß.“

Absichtlich brachte sie seine tote Verlobte ins Spiel, um ihn daran zu erinnern, wie er sie an jenem schwülen Nachmittag nach Max’ Hochzeit zurückgewiesen hatte.

Sie hatte vorgeschlagen, bei der alten Mühle im kühlen Schatten der Bäume ein wenig zu schlafen, und ihm helfen wollen, sein Smokingjackett auszuziehen, doch er hatte sie von sich geschoben. Spöttisch hatte er nur bemerkt, sie wisse offenbar nicht, wie man sich in gewissen Kreisen benehme. Er würde Trauer tragen und entschuldige ihr Verhalten nur, weil sie eine von den allseits bekannten Duchess-Drillingen sei.

Die Beleidigung schmerzte selbst jetzt noch. Piper würde sie ihm nie verzeihen.

Nic schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er streifte das Jackett ab, sodass sie seine kraftvollen Schultern bewundern konnte. Auch an seinem Hemdärmel gab es keine Armbinde mehr.

„Wie du siehst, ist die Trauerzeit vorbei.“

„Sag bloß nicht, du hättest die Armbinde vorzeitig abgenommen, weil du jetzt Lust hast, mit mir zu schlafen, ehe du nach Marbella zurückfliegst.“ Spöttisch betrachtete Piper ihn. „Bei mir zu Hause nennt man das betrügen, und so etwas tue ich nicht.“

Nics Miene verfinsterte sich. Sie hatte einen Nerv getroffen und würde ihn weiter verspotten, bis sie ihn los war.

„Ich möchte dich um einen großen Gefallen bitten“, versicherte er ihr ernst.

„Tatsächlich?“ Ihre Wangen röteten sich. „Weiß Ninas Schwester Camilla davon? Soweit ich weiß, wartet sie hinter den Kulissen, um nächsten Monat deine neue Verlobte zu werden.“

Nic presste die Lippen zusammen. Es schien ihn zu ärgern, dass sein Privatleben kein Geheimnis mehr war, seit seine Cousins mit ihren Schwestern verheiratet waren.

„Ich bin gekommen, um über uns zu reden.“

„Uns?“, platzte Piper heraus. „Es gibt kein Uns! Ich habe mich in Sydney verlobt, und ob du es glaubst oder nicht, selbst ich weiß, dass es sich nicht gehört, sich hinter dem Rücken seines Verlobten mit anderen Männern zu amüsieren.“

Drückendes Schweigen folgte ihrer Enthüllung. Nics Augen waren nur noch schmale Schlitze. „Das glaube ich dir nicht.“

Ihr schlug das Herz bis zum Hals. „Was glaubst du nicht? Dass ich Prinzipien habe? Oder dass ich verlobt bin?“

Einen Moment lang genoss Piper ihren Triumph, dann bediente sie die Gegensprechanlage zu Don. Sie riskierte viel, aber er wusste von ihrer Herzensangelegenheit. Jetzt hing alles davon ab, ob er mitspielte.

„Don?“

„Hallo. Ich wollte dich gerade fragen, ob du Lust hast, mit mir bei Alfie’s zu essen.“

Du bist ein Schatz, Don! „Gern. Aber könntest du vorher einen Moment zu mir ins Büro kommen? Wir haben Besuch aus Spanien: Nicolas de Pastrana, Greers und Olivias angeheirateter Cousin, ist hier und möchte mich um einen Gefallen bitten. Und da ich inzwischen mit dir verlobt bin, würde ich euch gern miteinander bekannt machen.“

„Ich komme“, erwiderte Don prompt. So viel Geistesgegenwart verdiente einen Orden!

Sobald ihr Geschäftspartner durch die Verbindungstür eintrat, eilte Piper ihm entgegen und umarmte ihn innig. Dann blickte sie ihm tief in die Augen. „Liebling! Ich habe Nic gerade verraten, dass wir uns in Sydney verlobt haben.“

Während sie sich zu Nic umdrehte, ließ sie den Ring an ihrer linken Hand absichtlich aufblitzen. Beunruhigt stellte Piper fest, dass Nics Gesichtsausdruck geradezu bedrohlich wurde.

„Das ist mein Verlobter, Don Jardine.“

Nur knapp nickte Nic ihm zu, ohne ihm die Hand zu schütteln. „Jardine? Waren Sie nicht vorher mit Greer liiert?“

Einen Moment lang stockte Piper der Atem.

„Wir sind miteinander ausgegangen“, sagte Don.

Abschätzig presste Nic die Lippen zusammen, dann sah er Piper an. „Eine für alle und alle für eine“, bemerkte er zynisch. „Das Duchess-Motto.“

Ehe sie sich versah, hatte er ihre linke Hand ergriffen. „Ein hübscher Ring. Aber sitzt er nicht ein bisschen locker?“ Blitzschnell streifte er ihn Piper vom Finger und begutachtete die Inschrift des Reifes. „‚Ewig Dein, geliebte Jan‘“, las er laut vor.

Don drückte Piper kurz an sich, als wollte er ihr sagen: „Viel Glück. Du wirst es brauchen.“ Dann zog er sich unauffällig in sein Büro zurück.

Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, sagte Nic: „Der arme Kerl merkt gar nicht, dass die Duchess-Schwestern nur ihr Spiel mit ihm treiben. Im Grunde genommen tut er mir leid.“

Unwillkürlich verkrampfte sie sich. „Ich finde es grausam, wie du mit ihm umgesprungen bist.“

„Nicht grausamer, als deiner Assistentin zuzumuten, ihren Ring herzugeben, nur weil du die Chefin bist. Ich hatte ihn an ihrer Hand bemerkt, als sie draußen am Schreibtisch saß und mit mir sprach.“ Nic schloss die Finger um den Reif und steckte ihn ein.

Ich hätte wissen müssen, dass seinen Argusaugen nichts entgeht, dachte Piper. „Du hättest Detektiv werden sollen.“

„Das Gleiche könnte ich dir sagen. Jetzt bin ich ganz sicher, dass du die Einzige bist, die mir helfen kann.“

Gereizt lachte Piper und schüttelte den Kopf, sodass die blonden Locken ihr Gesicht seidig umflossen. „Ich wette, Camilla hat keine Ahnung, dass du diesen Abstecher nach Kingston gemacht hast, um etwas mit dem letzten ledigen Duchess-Drilling anzufangen.“

„Das werden Camilla und ihre Familie noch früh genug erfahren“, deutete Nic an.

Obwohl Piper vor Aufregung bebte, gab sie sich abweisend. „Was soll das nun wieder heißen?“

„Ich brauche deine Hilfe. Es ist wichtig.“

„Das hast du schon einmal gesagt.“

„Du wirst es nicht bereuen.“

„Wenn du Geld meinst, vergiss es. Ihr Cousins mögt Signore Tozetti bestochen haben, damit er Olivia nach Europa zurücklockt, aber der Trick zieht nur einmal. Don und ich haben inzwischen eine eigene Firma gegründet, und ich möchte mein Geld lieber auf altmodische Weise verdienen.“

Langsam kam Nic näher, und Piper konnte kaum noch atmen. „Ich dachte eher an ein Baby.“

„Baby …“

„Ja. Deine Schwestern werden bald jede eins haben. Da könntest du doch auch …“

Piper war völlig schockiert und verstand überhaupt nichts mehr. Wie meinte er das?

„Wenn du andeuten willst, ich hätte mit Don geschlafen, irrst du dich gewaltig! Erstens haben wir beide nicht das geringste sexuelle Interesse aneinander und würden Greer das niemals antun. Und zweitens würde ich kein Geld von dir brauchen, wenn ich ein Baby von Don erwarten würde, weil ich selbst genug verdiene.“

„So viel habe ich über dich und Don Jardine bereits erfahren.“ Nic lächelte sinnlich. „Ich dachte eher an ein Baby, das du von mir erwartest.“

Sie musste sich verhört haben! „Warum in aller Welt glaubst du, ich wollte ein Kind haben – und auch noch von dir?“

„Weil ich neulich bei Luc im Büro war, als Olivia dir von der Neuigkeit berichtet hat. Das Telefon war laut gestellt.“ Pipers Herz raste, sie versuchte, sich an ihre Worte zu erinnern. „Daraufhin hast du vor Freude geweint und deiner Schwester erklärt, sie müsse die glücklichste Frau der Welt sein.“

„Sicher habe ich das gesagt“, verteidigte Piper sich tapfer. „Olivia hatte das Glück, sich in einen Mann zu verlieben, der ihre Gefühle erwiderte und sie heiraten wollte. Nur unter dieser Bedingung würde ich auch ein Baby wollen. Du müsstest doch längst wissen, dass die Duchess-Schwestern ihre Prinzipien haben.“

Nic neigte den Kopf leicht zur Seite. „Es gab eine Zeit, da wolltest du deine Prinzipien vergessen und dich mit mir ins weiche Gras sinken lassen.“

Nachsichtig lächelnd, erwiderte Piper: „Das war etwas anderes und nicht so, wie du denkst. Ich wollte dich nur ein wenig herausfordern, weil ich dir die Trauerstory nicht ganz abgenommen habe. Wenn es dir mit der Trauerpflicht wirklich so ernst gewesen wäre, hättest du die Armbinde auch nicht abgenommen, als du verdeckter Ermittler gespielt hast.“

Nun kam Piper richtig in Fahrt. „Da ich nur nach Europa gereist war, um an der Riviera von einem Playboy einen Heiratsantrag zu bekommen und ihn dann kalt lächelnd abzulehnen, sah ich es als Herausforderung an, dich mit Küssen so weit zu bringen. Doch da hatte ich deine Liebe zu deiner verstorbenen Verlobten wohl unterschätzt.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Inzwischen hat sich die Sachlage geändert.“

Nics markante Züge wurden grimmig. „Nicht ganz. Dein Gefühl war richtig. Ich habe Nina Robles nie geliebt.“

Verunsichert schwieg Piper. Nics Geständnis schien aus ehrlichem Herzen zu kommen. Wenn er Nina wirklich geliebt hätte, hätte er sie schon vor Jahren geheiratet.

„Du hast die Trauerbinde also das ganze Jahr über nur getragen, um Buße für etwas zu tun?“, fragte sie kühn.

„Ja.“

„Aha. Ich verstehe …“ Sie lächelte ironisch. „Weil du königlicher Abstammung bist, musstest du dich auf eine Verlobung ohne Liebe einlassen und den Schein wahren? Armer Nicolas. Auf der anderen Seite: Verlobungen unter Adligen dürften selten Liebesverbindungen sein.“

„Manche schon“, widersprach er. „In meinem Fall war die Sache deshalb kompliziert, weil meine Familie und die Robles entfernt verwandt sind und sich seit langem sehr nahe stehen. Da haben alle es als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Nina und ich heiraten würden. Durch ihren Tod wurde alles noch komplizierter, weil Señor Robles erwartet, dass ich nach einem ungeschriebenen alten Gesetz jetzt Camilla heirate.“

„Biblische Zustände, kann ich da nur sagen.“

„Richtig“, pflichtete Nic ihr rau bei. „Mein Vater denkt genauso.“

„Für Camilla empfindest du also auch nichts?“

„Nein. Ich liebe eine andere. Aber ich kann nichts tun, weil sie meine Gefühle nicht erwidert.“

Dass Nic eine andere liebte, musste das bestgehütete Geheimnis des Hauses Bourbon-Parma sein, sonst hätten ihre Schwestern bestimmt davon erfahren. Zutiefst getroffen, ging Piper zu ihrem Schreibtisch und setzte sich.

Also war Nic für sie völlig unerreichbar …

Doch sie durfte sich keine Blöße geben! Mit ausdrucksloser Stimme fragte sie: „Warum bist du wirklich hier?“

„In drei Tagen ist meine offizielle Trauerzeit vorbei. Um die Pläne beider Familien zu durchkreuzen, möchte ich mit einer Ehefrau nach Marbella zurückkehren.“

„Einer Ehefrau, sagst du? Tja, da dürftest du doch keine Probleme haben. Sicher haben dich seit Jahren mindestens ein Dutzend Familien des Hochadels im Visier.“

„Für mich kommt keins von diesen Mädchen infrage. Du bist die einzige Bürgerliche, die ich nach Hause bringen kann. Meine Familie würde es kaum wagen, sich öffentlich gegen dich auszusprechen oder mich zu drängen, dich aufzugeben.“

„Du meinst, sie würde mich dulden, weil meine Schwestern bereits mit deinen Cousins verheiratet sind?“, höhnte Piper. „Sie würden sich notgedrungen mit mir abfinden, wenn du sie vor vollendete Tatsachen stellst?“

„Unter anderem“, erwiderte Nic ruhig. „Meine Eltern haben dich kennengelernt und finden dich reizend. Sie kennen die Geschichte der Duchess-Schwestern und wissen, dass wir beide während der Trauerzeit zwei Mal zusammengekommen …“

„Moment mal!“, unterbrach sie ihn empört und sprang so heftig auf, dass sie am Schreibtisch Halt suchen musste. „Das mit dem Baby … du willst doch nicht etwa vorschlagen, wir sollten vorgeben, uns heimlich getroffen zu haben – und dass ich jetzt von dir schwanger …“

„Wenn wir gleich heiraten und auf dem Rückweg nach Spanien Flitterwochen einlegen, brauchen wir nichts vorzugeben“, unterbrach Nic sie sanft. „Dann könnten wir der Familie sagen, es sei möglich, dass du schwanger bist. Damit wäre meine Ehe auf der ganzen Linie eine vollendete Tatsache.“

Fassungslos schüttelte Piper den Kopf. „Kommt nicht infrage! Den Gefallen kann ich dir nicht tun! Ich liebe dich nicht, und außerdem liebst du eine andere!“

„Macht das etwas?“

Nics kaltblütige Antwort verschlug ihr einen Moment lang die Sprache. „Dir offenbar nicht, aber mir! Ohne Liebe würde so etwas niemals funktionieren. Außerdem bin ich mit meinem jetzigen Leben höchst zufrieden. Meine Karriere läuft gerade erst richtig an, und ich bin gespannt, wie sie weitergeht. Im Übrigen kann ich mir nichts Idiotischeres vorstellen, als mit dir glückliches Ehepaar zu spielen, nur weil du dich mit einem Trick davor retten möchtest, Camilla heiraten zu müssen, und ich zufällig verfügbar bin.“

Drückendes Schweigen folgte. Endlich sagte Nic: „Ich verstehe, wie dir zu Mute sein muss.“ Sein gnädiger Ton machte Piper nur noch wütender. „Bitte entschuldige, dass ich dich um etwas gebeten habe, was nicht nur sehr selbstsüchtig ist, sondern auch gefährlich werden könnte. Ich werde dich nicht mehr belästigen.“

Höflich deutete Nic eine Verbeugung an und wollte gehen.

Das war zu viel.

„Oh nein, mein Lieber!“ Piper rannte voraus und lehnte sich atemlos gegen die Tür, sodass er den Raum nicht verlassen konnte. „Du kannst nicht einfach eine Bombe hochgehen lassen und dann verschwinden.“

Auf seinen Lippen glaubte sie so etwas wie ein zufriedenes Lächeln zu entdecken. „Ich wusste, dass es noch einen anderen Grund für deine weite Reise hierher geben muss. Erklär mir, warum es gefährlich werden könnte und für wen?“

„Für uns beide. Aber natürlich würde ich dafür sorgen, dass dir nichts passiert.“

Ein Schauer überlief sie. „Passiert?“ Der Ausdruck in seinen Augen beunruhigte Piper.

„Eine notwendige Vorsichtsmaßnahme“, erwiderte Nic feierlich und blickte ihr in die Augen. „Aber das steht ja nicht mehr zur Debatte. Wenn du bereit gewesen wärst, meine Frau zu werden, hättest du der ganzen Familie geholfen. Dann wäre das gesamte Haus Bourbon-Parma dir später zu Dank verpflichtet gewesen.“

„Auf Dank kann ich verzichten!“, rief Piper. Sie wollte, dass Nic sie liebte, doch das war nicht möglich.

„Verzeih, dass ich deine kostbare Zeit beansprucht habe, Piper.“ Er streifte sich das Jackett wieder über. „Ich finde selbst hinaus.“

Als er an ihr vorbei zur Türklinke griff, streiften ihre Arme sich, und Piper spürte einen Stromschlag.

„Vergiss nicht, Jan ihren Verlobungsring zurückzugeben, ehe du das Gebäude verlässt“, erinnerte sie Nic steif.

Nachdenklich betrachtete er sie. „Natürlich.“

Sie kämpfte gegen die Tränen an und blickte starr auf die Tür, die er hinter sich zugezogen hatte.

Was fiel ihm ein, sie einfach so zu überfallen! Dieser arrogante spanische Adlige tauchte nach all den Wochen plötzlich auf und erwartete ganz selbstverständlich, dass sie vor Seligkeit dahinschmolz!

Gefährlich, hatte er gesagt!

Verletzt und wütend ging Piper zur Verbindungstür und steckte den Kopf bei Don herein. Forschend blickte er auf. „Mein Gespür sagt mir, dass ich Gefahr laufe, meine Geschäftspartnerin zu verlieren. Wie ich schon sagte, die Varanos sind tödlich für die Duchess-Drillinge.“

„Da irrst du dich, Don. Nic ist für immer gegangen. Entschuldige, dass ich dich in diese unmögliche Lage gebracht habe. Ich wollte dir nur sagen, dass ich die Mittagspause durcharbeite.“

Niedergeschlagen schloss Piper die Verbindungstür und ging zu ihrem Zeichentisch. Ihr Kopf schmerzte, sie brauchte dringend eine Tablette. Danach würde sie sich in die Arbeit stürzen, das beste Heilmittel gegen Kummer.

Eine Dreiviertelstunde später kam Jan herein. „Ich treffe mich jetzt mit Jim zum Mittagessen.“

Piper stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch, auf dem ihre Handtasche lang. Sie nahm einen Zwanzigdollarschein heraus und reichte ihn ihrer Assistentin.

„Heute übernehme ich dein Mittagessen, als Dankeschön dafür, dass du mir deinen Verlobungsring geliehen hast.“

„Das musst du nicht tun.“ Jan nahm den Schein nicht an. „Ich habe dir gern ausgeholfen.“ Sie zögerte, ehe sie fragte. „Hat es denn funktioniert?“

„Der Mann wird mich nie mehr belästigen.“

„Du dürftest das einzige weibliche Wesen auf der Welt sein, das von ihm nicht belästigt werden möchte.“

„Lass dich nicht blenden. Hinter der Maske des flotten Spaniers steckt ein Teufel. Übrigens ist er zur Hälfte Italiener. Greer hat ihm gleich nicht getraut, als er im Juni an Bord der Piccione kam. Und ich gebe es nur ungern zu, aber ihr Gespür hat sie bei diesem vielsprachigen Don Juan wirklich nicht getrogen.“

„Vielsprachig?“

„Ja. Er kann eine Frau französisch, spanisch und italienisch lieben.“

„Das soll wohl ein Witz sein!“

„Ganz und gar nicht. Soweit ich weiß, spricht er ein halbes Dutzend Sprachen fließend. Neben seinen zahlreichen sinnlichen Talenten besitzt er auch die Spanisch-Portugiesische Banco de Iberia, er beherrscht Latein und Arabisch und hat Bücher über Erstgeburtsrecht und Wappenkunde geschrieben.“

„Ich wusste nicht, dass es so einen Mann überhaupt gibt.“

„Tja, er ist wirklich ein Original.“

„Wieso bist du so wütend auf ihn?“

„Er möchte, dass ich ihn heirate.“

„Nicht zu fassen!“, rief Jan. „Du Glückliche!“

Piper winkte ab. „Ehe du in Begeisterungsstürme ausbrichst, sollte ich dir sagen, dass er eine andere liebt, die seine Gefühle nicht erwidert. Aber das nehme ich ihm nicht ab. Ich wette, sie ist eine Adlige, die sich nicht scheiden lassen kann. Jedenfalls muss er jetzt schnell eine andere finden, damit er die Schwester seiner verstorbenen Verlobten nicht zu heiraten braucht. Das offizielle Trauerjahr hat er gerade hinter sich.“

„Daran halten Leute sich auch heute noch?“

„Die Familie Pastrana offenbar. Jetzt ist der Don Juan wieder frei und ledig. Und da er geschäftlich hier in New York zu tun hat, dachte er, der letzte Duchess-Drilling könnte ihm aus der Patsche helfen. Ach, und stell dir vor“, Piper lachte zynisch, „er sagt, es könnte gefährlich werden!“

„Das Lachen könnte dir vergehen, falls die Schwester der verstorbenen Verlobten eifersüchtig ist. Vorigen Monat waren Jim und ich in der Oper und haben uns Carmen angesehen. Die Hauptfigur war eine leidenschaftliche Südländerin, die einem wirklich Angst machen konnte. Vielleicht ist die Schwester der Verlobten deines Don Juan auch so besitzergreifend und will dir die Augen auskratzen. Wie heißt sie denn?“

„Camilla.“

„Klingt nicht gut.“

„Wie gesagt, er wird hier nicht mehr aufkreuzen. Viel Spaß beim Mittagessen.“

„Danke. Kann ich dir etwas mitbringen?“

„Nein, danke. Mir ist der Appetit vergangen.“

Doch statt zu gehen, blieb Jan unschlüssig an der Tür stehen. „Könnte ich meinen Ring zurückhaben? Sicher würde es Jim auffallen, wenn ich ihn nicht trage.“

Alles Blut wich aus Pipers Gesicht.

Verstört stand sie auf. „Ich … habe ihn nicht.“ Als Jan betroffen dreinblickte, gestand Piper: „Nic hat ihn. Hat er dir nichts gesagt?“

„Er hat sich für meine Hilfe bedankt, als er ging.“

„Hat er angedeutet, wohin?“

„Nein.“

Meine Güte! „Jan …“

Ratlos sah ihre Assistentin sie an. „Offenbar mag er es nicht, abgewiesen zu werden.“

„Ich bringe dir den Ring zurück“, versprach Piper grimmig und griff nach ihrer Handtasche. „Ehe du essen gehst … würdest du Don sagen, dass ich auf einen Sprung wegmuss? Wenn ich wiederkomme, habe ich deinen Ring.“

Eisige Luft schlug Piper entgegen, als sie zu ihrem Wagen hinausstürmte.

Natürlich, hatte Nic gesagt, als sie ihn daran erinnert hatte, Jan den Ring wiederzugeben. Einem Teufel wie ihm fielen immer neue Bosheiten ein.

Geduldig parkte Nic vor dem Gebäude, in dem Piper das Erdgeschossapartment bewohnte. Er hatte keine Ahnung, wie lange er auf sie warten müssen würde. Listig lächelte er. Alles hing davon ab, wann Jan ihren Ring zurückverlangen würde.

Unvermittelt entdeckte er Pipers Auto im Rückspiegel seines Leihwagens. Gut. Er wollte sie außerhalb des Büros abfangen, ehe er zum entscheidenden Schlag ausholte.

Sie hielt direkt hinter ihm und stieg aus. Im Seitenspiegel beobachtete er, wie sie auf ihn zukam.

Als Südländer faszinierte ihn ebenso wie seine Cousins das seidig schimmernde Blondhaar der Duchess-Drillinge. Selbst wenn die Sonne nicht schien, zog sein Glanz den Blick magisch an.

Darüber hinaus verfügte dieser Drilling über ein Paar leuchtender Augen, deren meergrüne Farbe ihn an die der Küstengewässer bei Cinque Terre erinnerte, wo er mit seinen Cousins so gern segelte.

Seit Piper im Juni auf der Piccione aufgetaucht war, hatte er sie nur ansehen, nie berühren können. Es hatte ihn all seine Selbstbeherrschung gekostet, gegen das Sehnen anzugehen, das sich seitdem in ihm regte.

Nachdem er seine Trauerbinde nun endlich losgeworden war, fühlte er sich herrlich frei und konnte es kaum erwarten, Piper in den Armen zu halten, sie zu lieben.

Vor seinem Wagen blieb sie stehen und klopfte entschlossen an die Scheibe. Er ließ sie herunter.

Der zarte Blütenduft, den Piper verströmte, machte ihn beinahe wahnsinnig.

Doch sie verzog ärgerlich die schönen Lippen. „Du hattest kein Recht, einfach mit Jans Ring wegzufahren.“

„Richtig. Deshalb habe ich ihn deinem Geschäftspartner ausgehändigt, mit der Bitte, ihn Jan zurückzugeben.“

Ihre Augen funkelten wie Nordlichter. Da Nic erwartete, dass sie jetzt zu ihrem Wagen zurückstürmen oder sich in ihrem Apartment verschanzen würde, verließ er blitzschnell den Wagen und verstellte ihr den Weg. Und plötzlich konnte er sein Verlangen nicht mehr zügeln, er nahm sie bei den Schultern und riss sie an sich.

Nur ein einziges Mal war er ihr so nahe gewesen – an jenem Abend im Juni, nachdem er und seine Cousins die Mädchen verfolgt hatten, die auf Fahrrädern geflüchtet waren.

Damals hatte Piper auf dem Rücksitz notgedrungen auf Nics Schoß gesessen. Zu sechst hatten sie sich ins Wageninnere quetschen müssen, während sie mit den Fahrrädern auf dem Dach hinter Genua zum Hafen hinunterfuhren.

Dreißig Minuten reinster Ekstase hatte er so durchlebt, während Pipers warmer, weiblicher Körper sich an seinen geschmiegt hatte. Gleichzeitig hatte er Qualen ausgestanden, weil sein Verlangen ungestillt blieb.

Jetzt hielt er sie in den Armen, und obwohl sie steif dastand, spürte er, dass sie bebte. Aber vielleicht zitterte sie auch nur, weil ihr bei dem schrecklichen Wetter kalt war.

„Bitte lass mich los. Die Leute sehen schon her“, drängte Piper.

„Lass sie doch. Ich habe dir noch so viel zu sagen, aber in deinem Büro wären wir nicht allein gewesen. Du kannst wählen: Entweder wir reden in deinem Apartment oder in meiner Suite im Kingston Hotel.“

„Nicht im Hotel!“, entschied sie schnell.

„Na gut. Dann gehen wir zu dir.“ Sie wollte sich ihm also auf eigenem Boden stellen. Und da Nic schon immer sehen wollte, wie sie wohnte, konnte ihm das nur recht sein.

Er gab Piper frei und folgte ihr zur Seitentreppe, die zu ihrem Apartment hinunterführte.

Nachdem sie aufgeschlossen hatte, erklärte sie: „Ich habe aber nur wenige Minuten Zeit, weil ich noch zu einer wichtigen Besprechung mit Don muss.“

„Die fällt aus. Ich habe ihm klar gemacht, dass du heute nicht mehr in die Firma kommst.“

Ehe Piper ihm die Tür vor der Nase zuschlagen konnte, betrat Nic das warme, gemütliche Wohnzimmer. Vor einem großen Ölgemälde blieb er stehen, das offenbar Pipers Eltern in späteren Jahren darstellte.

Seit längerer Zeit bewahrte er die Muster ihrer Kalender in seinem Arbeitszimmer in Marbella auf. Wenn seine Sehnsucht übermächtig wurde, nahm er sie aus der Schublade und betrachtete Pipers erstaunliche Kunstwerke, um sich ihr nahe zu fühlen.

Das Gemälde an der Wand bewies, dass sie auch eine begnadete Porträtmalerin war. Wie sie den beiden Menschen Leben eingehaucht hatte, denen sie und ihre Schwestern so vieles verdankten, verriet ihm manches.

Nic räusperte sich. „Komisch, wie Paare, die sich lieben, einander im Laufe der Jahre immer ähnlicher werden. Ich entdecke viele Züge deiner Eltern an dir.“

Mit verschränkten Armen war Piper am Couchtisch stehen geblieben. „Nachdem es dir also gelungen ist, mich in die Enge zu treiben, sollten wir es hinter uns bringen. Warum bist du wirklich gekommen, und was willst du? Bisher hast du nur um den heißen Brei herumgeredet.“

Lächelnd drehte er sich nun zu ihr um. „Du hast recht. Ich habe gewartet, bis ich dich endlich da hatte, wo ich dich haben will.“

Ganz traf das noch nicht zu, aber es war schon ein Wunder, dass er hier mit ihr allein war. Für den Anfang musste das genügen.

„Ich habe aus New York Informationen über den Schmuckdiebstahl erhalten, die eine völlig neue Sachlage schaffen.“

„Und?“, fragte Piper gelangweilt. Ihr war anzumerken, wie ungeduldig sie darauf wartete, dass er endlich zur Sache kam, sodass sie ihn anschließend vor die Tür setzen konnte. Aber er hatte wirklich Neuigkeiten für sie.

„Es hat sich herausgestellt, dass der Unfall in Cortina, bei dem meine Verlobte ums Leben gekommen ist, kein Unfall war. Verschiedenes deutet darauf hin, dass der Mörder vorhatte, uns beide umzubringen. Der Zufall wollte es jedoch, dass an jenem Nachmittag nicht ich, sondern Luc in der Gondel saß.“

3. KAPITEL

Piper hatte sich abgewendet, doch Nics Enthüllung war so ungeheuerlich, dass sie herumwirbelte.

„Nina ist ermordet worden?“, flüsterte sie ungläubig.

„Sie und andere unschuldige Opfer“, erwiderte er grimmig.

Unwillkürlich griff Piper sich an den Hals. „Wie habt ihr das herausgefunden?“

„Eine Überwachungskamera bei Christie’s hat den Überbringer des Juwelenkamms im Bild festgehalten. Als die CIA-Agenten ihn routinemäßig über eine internationale Datenbank überprüften, hat ein Interpolagent, der einem Kunstschieberring auf der Spur war, den Mann erkannt. Es handelt sich um einen dunkelblonden Dänen Mitte zwanzig, der verschiedene Decknamen benutzt. Unter anderem auch Lars. Das hier ist er.“

Betroffen betrachtete Piper ein halbes Dutzend Abzüge, die Nic aus der Tasche geholt hatte. Der kräftig gebaute Skandinavier schien viel Zeit in Fitnesscentern zu verbringen.

„Vor einigen Monaten wurden bei einem bewaffneten Raubüberfall, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, mehrere Monet-Gemälde aus einer französischen Privatsammlung in Giverny erbeutet. Wie sich herausstellte, gehörte dieser Lars zu den Mördern, die eine Kamera gefilmt hat. Zwei der Verbrecher hat die Polizei geschnappt, nur er konnte fliehen. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.“

„Wie schrecklich“, sagte Piper leise.

„Ich habe meinen Cousins die Fotos gefaxt, um sie über den neuesten Stand der Dinge zu informieren“, fuhr Nic fort. „Als Luc das Bild des Verbrechers sah, erkannte er in ihm eindeutig den Mann, der Nina an ihrem Todestag so leidenschaftlich geküsst hat.“

Fassungslos sah Piper Nic an. „Deine Verlobte hat dich mit einem Raubmörder betrogen?“

Er nahm die Fotos wieder an sich und steckte sie ein. „Es sieht so aus. Aber damals ahnte ich nichts von ihrer Untreue. Ich hatte Nina an dem Wochenende zum Skilaufen mitgenommen, um die Verlobung zu lösen.“

„Das verstehe ich nicht. Ich dachte, du konntest da nicht mehr heraus.“

„Eigentlich nicht. Aber je näher die Hochzeit rückte, umso klarer wurde mir, dass ich Nina nicht heiraten konnte.“

Piper überlegte fieberhaft. „Warum hast du dich dann überhaupt mit ihr verlobt?“

„Unsere Familien standen sich von jeher sehr nahe. Nina war eine attraktive Frau, dazu ledig, und ich hatte mit dreiunddreißig immer noch nicht die Richtige gefunden. Und da ich wusste, wie sehr mein Vater und Señor Robles sich eine Verbindung unserer Familien wünschten, habe ich mich dem Druck gebeugt und mich mit Nina verlobt. Wenigstens würde es in unserer Ehe keine Überraschungen geben, hatte ich gedacht. Doch je näher der Hochzeitstermin kam, umso klarer wurde mir, dass ich mir nur etwas vorgemacht hatte. Eine Ehe ohne Liebe war nichts für mich. Nachdem mein Entschluss gefasst war, habe ich Nina zu einem Skiurlaub nach Cortina eingeladen, bei dem ich mich mit ihr aussprechen und die Verlobung lösen wollte.

Nach einigen Abfahrten haben wir Max und Luc auf der Piste verlassen und sind ins Chalet zurückgekehrt, wo ich Nina reinen Wein eingeschenkt habe. Ich war auf Tränen und Vorhaltungen gefasst, stattdessen erklärte sie, sie wolle allein sein und über alles nachdenken, dann stürmte sie aus dem Chalet. Das war der Augenblick, als Luc sie mit dem anderen Mann sah. Er folgte den beiden und wurde Zeuge, wie sie sich küssten. Danach trennten sie sich, und Nina stellte sich bei der Seilbahn an. Statt auf Max zu warten, der kurz in den Skiladen gegangen war, ging Luc dem Paar nach, um Nina zur Rede zu stellen. Eine Stunde später rief Max mich auf meinem Handy an und berichtete mir von dem schrecklichen Seilbahnunglück, dem eine Gruppe Skiläufer zum Opfer gefallen war, unter ihnen auch Nina und Luc.“

Grauenhaft, das Ganze. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, es ist unfasslich.“

„Ja, das ist es“, pflichtete Nic Piper bei. „Natürlich ging Ninas Tod mir sehr nahe, es war, als hätte ich eine gute Freundin verloren. Aber ich habe sie nie geliebt. Was ich jetzt hier in New York erfahren habe, lässt den Unfall in einem ganz neuen Licht erscheinen, besonders nachdem Luc diesen Lars eindeutig wiedererkannt hat.“

„Sicher.“ Ein Schauer überlief Piper, sie rieb sich Wärme suchend die Arme.

„Jetzt wird auch verständlich, wieso die Polizei nie nachweisen konnte, dass das Unglück auf technisches Versagen zurückzuführen war. Ich habe mit Max und Luc gesprochen, wir glauben inzwischen, dass Nina möglicherweise in den Schmuckdiebstahl verwickelt war.“

„Meine Güte!“ Benommen schüttelte Piper den Kopf.

„Die Familie Robles hatte den Palast in Colorno lange vor unserer offiziellen Verlobung besucht. Ich erinnere mich, wie lebhaft Nina sich für die Schmucksammlung interessiert hat, doch damals habe ich dem keine besondere Bedeutung beigemessen. Falls Nina an dem Diebstahl beteiligt war, wurde sie vermutlich nervös. Vielleicht wollte sie aus der Sache aussteigen, worauf dieser Lars beschloss, sie umzubringen, damit sie ihn nicht verraten konnte. Möglicherweise hoffte er auch, mich bei der Gelegenheit ebenfalls loszuwerden.“

Entsetzt stöhnte Piper auf.

„Da der Skiurlaub seit Wochen angesetzt war, hatte er genug Zeit, um genau zu planen, wie er uns umbringen wollte. In letzter Minute muss sich dann jedoch etwas Unerwartetes ereignet haben, sodass alles anders lief.“

„Und wenn Nina unschuldig war?“, gab Piper zu bedenken.

Ein Schatten legte sich über Nics Züge. „Wenn sie dem Dieb nicht geholfen hat und nicht ahnte, dass sie einen Verbrecher liebte, wäre alles noch tragischer. Fest steht für meine Cousins und mich jedenfalls, dass Ninas Vater den Tod seiner Tochter als Druckmittel benutzt hat, um mich zu zwingen, seine Tochter Camilla zu heiraten.“

„Glaubst du das wirklich?“, fragte Piper zweifelnd.

Nic sah sie ernst an. „Es ist nicht neu, dass Señor Robles trotz der alten Freundschaft unserer Familien von jeher auf meinen Vater neidisch war. Wenn man die Geschichte der beiden Familien über Jahrhunderte hinweg verfolgt, stellt man fest, dass merkwürdige, oft teuflische Dinge passiert sind. Eins steht fest: Indem Señor Robles auf einer offiziellen Trauerzeit bestand, wollte er mich bei der Stange halten, bis ich frei sein würde, seine andere Tochter zu heiraten.“

„Finsterstes Mittelalter“, bemerkte Piper kopfschüttelnd.

„Für Señor Robles war Camillas Heirat mit mir der ideale Weg, sich offiziell mit dem Hause Bourbon-Parma zu verbinden.“

Aufgewühlt war Piper auf und ab gegangen. „Gut, dass Luc dir erzählt hat, was er gesehen hatte. Nachdem du jetzt weißt, dass Nina einen anderen liebte, wird alles für dich etwas leichter.“

„Das stimmt“, gestand Nic. „Dadurch sind meine Schuldgefühle wie weggeblasen. Immerhin war ich es, der Nina zu dem Skiurlaub eingeladen hatte. Nach ihrem Tod fühlte ich mich so schuldbeladen, dass ich mich widerspruchslos darauf einließ, die offizielle Trauerzeit einzuhalten.“

Obwohl Nic ihr damals mit seiner Zurückweisung sehr wehgetan hatte, verstand Piper seine Handlungsweise jetzt. Als Ehrenmann hatte er sich der Frau verpflichtet gefühlt, die er gar nicht hatte heiraten wollen. „Wenn Luc dir nicht die Augen geöffnet hätte …“