Julius oder die Schönheit des Spiels - Tom Saller - E-Book

Julius oder die Schönheit des Spiels E-Book

Tom Saller

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Beschreibung

Wimbledon, 1937. Das legendäre Daviscup-Match zwischen Deutschland und den USA. Nicht nur die Sportwelt hält den Atem an, als Julius von Berg den Ball vor tausenden von Zuschauern in den blauen Himmel wirft. Aufgewachsen auf einer Burg über dem Rhein, hat er sein Tennistalent im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre zur Reife gebracht; ein internationaler Star, auf dem alle Blicke ruhen. Gebannt verfolgt Julie, seine Ehefrau, das Geschehen auf dem Rasen - ebenso wie die NS-Größen in der Nachbarloge, denn es steht so viel mehr auf dem Spiel als der greifbare Sieg. Selbstbestimmung oder Mitläufertum? Ruhm oder Schande? Unten, auf dem Centre Court, trifft Julius eine folgenschwere Entscheidung ...

Julius oder die Schönheit des Spiels erzählt davon, was Menschen ausmacht, und erinnert – bei allem Eintauchen in eine andere Zeit – leise daran, dass Begriffe wie Anstand und Haltung zeitlos sind.

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Julius oder die Schönheit des Spiels

Der Autor

TOM SALLER, geboren 1967, hat Medizin studiert und arbeitet als Psychotherapeut. 2018 erschien sein Debütroman Wenn Martha tanzt und wurde umgehend ein Bestseller, Ein neues Blau knüpfte 2019 an den großen Erfolg an. Sein Roman Julius oder die Schönheit des Spiels ist eine Hommage an Gottfried von Cramm, den vielleicht ehrenwertesten deutschen Sportler – auf und neben dem Platz. Tom Saller lebt in Wipperfürth, einer kleinen Stadt im Bergischen Land.

Das Buch

»Weg da!«Die meisten Frauen machen ihren Partnern bereitwillig Platz, wenn im gemischten Doppel ein Passierball mit einer schnellen Vorhand oder ein Schmetterball mit viel Kraft ins gegnerische Feld gespielt werden soll. Nicht so Julie. Von daher trat ich beiseite.Sie hatte bereits ausgeholt und zog den Schlag mit der freundlichen Effizienz einer Henkerin durch. Auf der gegenüberliegenden Seite schrie Marita überrascht auf. Sie und Daniel waren ans Netz vorgerückt, wo es ihr gerade noch gelang, den Schläger zwischen sich und den Ball zu bringen, andernfalls hätte Julie sie getroffen. Mitleidig stöhnte das Publikum auf. Der Punkt ging an Julie und mich.»Bist du verrückt geworden?«, zischte Marita. »Wie kannst du auf meinen Körper zielen?«»Pardon, meine Liebe. Ich wusste nicht, dass du zum Blümchenpflücken da vorne bist«, konterte Julie.

Tom Saller

Julius oder die Schönheit des Spiels

Roman

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-2598-9© 2021 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München Umschlagabbildung: mauritius images / Old Visuals und www.buerosued.de Autorenfoto: © Karin Maigut E-Book Konvertierung powered by pepyrus.com Alle Rechte vorbehalten

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Inhalt

Titelei

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

NACH DEM SPIEL

1984, England, Wimbledon

DER ERSTE SATZ

- 1 - 1907 –1926, Deutschland, Mittelrhein

- 2 -

- 3 -

- 4 -

- 5 -

-

6 -

- 7 -

- 8 -

NACH DEM SPIEL

1984, Belgien, Brüssel

DER SPIELVERLAUF

1927, Deutschland, Berlin

- 9 – Ein Jahr zuvor, Deutschland, Berlin

- 10 -

- 11 -

- 12 -

- 13 -

- 14 -

- 15 – 1927 –1929, Deutschland, Berlin

- 16 -

- 17 -

- 18 -

- 19 -

NACH DEM SPIEL

1984, Deutschland, Mittelrhein

DER LETZTE SATZ

1938, Berlin, Gefängnis Tegel

Anhang

Anmerkung des Autors

Dank

Quellen

Ein Gespräch mit Tom Saller

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

NACH DEM SPIEL

Widmung

Für Birgit, Sebastian und Fabian

Inspiriert vom LebenGottfried Freiherr von Cramms

des vielleichtehrenwertestendeutschen Sportlers

auf und nebendem Platz

Kein anderer Spieler – die Lebenden und die Toten zusammengenommen – hätte einen der beiden an diesem Tag schlagen können.

(Walter Pate, Kapitän des amerikanischen Davis-Cup-Teams, 1937)

NACH DEM SPIEL

Wenn du auf Triumph und Niederlage triffst /Und beiden Blendern gleichermaßen widerstehst.(aus If von Rudyard Kipling; die beidenVerse stehen über dem Spielereingangzum Centre Court von Wimbledon)

1984, England, Wimbledon

Der alte Mann passte nicht. Hochgewachsen und immer noch schlank lehnte er an der Rückwand des voll besetzten Pressezentrums des All England Lawn Tennis and Croquet Club und passte nicht.

Er stand nicht als Einziger dort. Auch am Schlusstag der Offenen Englischen Meisterschaften, des bedeutendsten Tennisturniers der Welt, waren die Reihen vor ihm bis auf den letzten Platz gefüllt. Aber im Unterschied zu den Reportern, Berichterstattern und Journalisten um ihn herum baumelte kein Presseausweis um seinen Hals.

Etwa siebzig Jahre alt, das schüttere, einst flammend rote Haar – »so rot, dass es selbst unter Rothaarigen auffiel«, wie er zu sagen pflegte – zurückgekämmt, hätte er der Vater der meisten Männer und Frauen im Saal sein können. Sein faltiges Gesicht zeigte die Art jahreszeitenunabhängiger Gerbung, die man insbesondere bei Menschen, die viel Zeit im Freien verbringen, findet.

Es störte ihn nicht zu stehen. Im Gegenteil, er war gewohnt, nicht allzu oft zu sitzen. Sein ganzes Leben hatte er sich bewegt – und das Leben ihn.

Präzise drei Stunden und sieben Minuten war er, von seinem Platz an der Längsseite des Centre Court aus, dem Finale im Herreneinzel gefolgt. Hatte nicht eine Sekunde lang den Blick von den beiden Spielern unten, auf dem strapazierten braunen Rasen, abgewandt; keiner ihrer Schläge war ihm entgangen. In Gedanken hatte er ihre Laufwege vorweggenommen und jedes ihrer im Spielverlauf wechselnden taktischen Manöver analysiert. Nur wenige Menschen vermochten das Spiel so zu lesen wie er.

Im Übrigen gehörte er nicht zu den Offiziellen des Clubs, trug keinen der dunkelgrünen Anzüge der Stewards oder sonstigen Helfer. Möglicherweise hätte ein sorgfältiger Beobachter in ihm einen Mann von gestern in der Welt von heute erkannt; gleichermaßen fremd und nicht fremd an diesem besonderen Ort. Aber niemand würdigte ihn ernsthaft eines Blickes.

Die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesender war nach vorn gerichtet, wo gerade ein dunkelhaariger Teenager auf dem Podium erschien. Während er sich setzte, streifte er versehentlich mit dem Arm das Mikrofon auf dem Tisch. Ein dumpfer Ton hallte durch den Raum, und ein Lächeln trat auf seine Züge.

»Sorry, a little accident«, entschuldigte er sich. Seine Aussprache war gut, dennoch merkte man, Englisch war nicht seine Muttersprache.

Die Tatsache, dass er sich dort oben befand, war alles andere als ein Missgeschick, es war eine Sensation. Nicht zuletzt der geduldigen Aufbauarbeit seiner Eltern, seines Trainers und der seines Managers geschuldet, dachte der alte Mann, sowie eines unfassbaren Talents – und doch schien all das für den Moment unwichtig geworden und in den Hintergrund getreten zu sein.

In den vorangegangenen Wochen waren Teile der englischen Presse nicht müde geworden, den jungen Deutschen mit Gerüchten, Halbwahrheiten und vermeintlichen Enthüllungen zu bombardieren. Erwischt, Wer duscht mit wem? und Der Herr der (Tennis)Bälle? prangte es auf den Titelseiten der Boulevardblätter und Sportgazetten. Den Gipfel der Geschmacklosigkeit erklomm wie gewohnt die Sun. Die Schlagzeile der gestrigen Samstagsausgabe lautete: Gewinnt bei den Herren erstmals ein Mädchen?

Der alte Mann spannte die Kiefermuskeln an.

»Ich bin Tennisspieler«, hatte der frischgebackene Wimbledonsieger gebetsmühlenartig abgewehrt, »und so will ich wahrgenommen werden. Tennis ist mein Leben.«

Ein Satz, der auch von ihm hätte stammen können, schoss es dem alten Mann durch den Kopf. Gleichzeitig war ihm bewusst, er war einer der ganz wenigen, die sich in diesem Moment an ihn, den anderen Deutschen, erinnerten.

Ausgangspunkt der aktuellen Schmutzkampagne war, dass man den jungen Mann angeblich dabei beobachtet hatte, wie er in einem Pub die Hand auf das Knie seines unbekannten Begleiters legte. Daraufhin meldete sich ein pickeliger Siebzehnjähriger zu Wort und teilte der semiinteressierten Öffentlichkeit unaufgefordert mit, es sei schon »auffällig«, wie freundlich der Newcomer ihn und die anderen Balljungen beim Vorbereitungsturnier in Queens behandelt habe. Schlimmer noch: Seitdem gelte jener bei seinen Kollegen als ihr »Lieblingsspieler«.

Der alte Mann ließ den Blick durch den Raum wandern. Überall fand sich das charakteristische Grün/Violett des Clubs, aufgelockert durch etwas Holz und Glas. Der junge Profi hatte es verdient, da oben zu sein: Der erste Deutsche, der den Herreneinzelwettbewerb der englischen Tennismeisterschaften gewann.

Drahtig, von eher kleiner Statur, der Teint ein wenig dunkler, als man es vermutet hätte, reichten ihm die schwarz glänzenden Locken bis zu den Schultern. Sein Vater stammte aus Griechenland, war Ende der Fünfziger nach Deutschland gekommen und hatte im Ruhrgebiet die Tochter eines Stahlarbeiters kennen- und lieben gelernt; auch darum wussten seit präzise vierzehn Tagen die Leser der Tages- und Wochenzeitungen auf der Insel und dem Kontinent. Den Eltern sei daran gelegen gewesen, dass ihr Sohn es einmal besser hätte als sie, und so wurde dieser zu ihrem Hoffnungsträger, dessen Karriere sie alles unterordneten. Vierzehnjährig schickten sie ihn in die Staaten, wo er ein halbes Jahr bei einem braun gebrannten kalifornischen Tennisguru trainierte. Bei seiner Rückkehr hatte er einen unterschriftsreifen Vertrag im Gepäck, aus dem hervorging, dass er seine Einkünfte in den kommenden Jahren zur Hälfte an das Unternehmen Joyspring abzuführen habe, das besagter Guru gemeinsam mit seinem amerikanischen Geschäftspartner betrieb. Als Gegenleistung werde man sämtliche Kosten übernehmen, die nötig seien, um das Jahrhunderttalent an die Weltspitze zu führen. Die Eltern unterschrieben und sahen ihren Sohn fortan nur noch zu Weihnachten und im Fernsehen.

Wie schwer sich selbst das sportbegeisterte Deutschland mit seinem neuesten Helden tat, offenbarte die Erklärung, die der Präsident des Deutschen Tennisbundes wenige Minuten zuvor draußen vor laufenden Kameras abgegeben hatte:

»Wir freuen uns, dass unsere nationale Nummer eins hier in Wimbledon den Einzeltitel errungen hat. Er ist ein sehr, ähem … besonderer junger Mann, und so gesehen ist dies die … die Stunde null des deutschen Tennissports.« Hastig hatte er hinzugefügt: »Das ist nicht negativ gemeint, verstehen Sie?«

Ja, dachte der alte Mann, alle haben verstanden, wie du es gemeint hast. Als einen Affront, nicht mehr und nicht weniger.

An der Wand über dem Podium hing eine Uhr, die außer der Zeit das Datum anzeigte: Der 1. Juli 1984. Er schluckte. Zufall oder auch nicht – heute, auf den Tag genau, wäre Julius, sein ehemaliger Weggefährte und Rivale, siebenundsiebzig Jahre alt geworden.

Die Unterschiede in Herkunft und Werdung zwischen diesem, der in den Dreißigerjahren neben Max Schmeling der mit Abstand bekannteste deutsche Sportler gewesen war, und dem jungen Spieler, der dort vorne saß, hätten nicht größer sein können.

Julius von Berg stammte aus einem alten Adelsgeschlecht. Seine Kindheit und Jugend hatte er – wie immer befiel den alten Mann bei diesem Gedanken ein Gefühl der Unwirklichkeit – auf einer Burg hoch über dem Rhein verbracht. Zeit seines Lebens schien der Tennissport für ihn eine Mischung aus Passion und angemessener Beschäftigung für einen Gentleman gewesen zu sein. Dass Tennis für ihn aber wirklich sein »Leben« war, wie eben von dem jungen Athleten auf dem Podium behauptet, dass sich darin seine Haltung gegenüber der Welt, den Menschen und dem eigenen Schicksal gezeigt hatte, das wusste niemand – bis auf ihn.

»Ein Mensch ohne tief verankerte sportliche Werte ist ein Mensch ohne Moral. Auf und neben dem Platz«, hatte Julius gesagt und danach gehandelt.

Weiter vorn erkundigte sich jemand nach der Motivation der neuen Nummer drei der Weltrangliste.

»Ich gehe jedes Match so an, als ginge es um Leben und Tod«, antwortete der junge Mann ernst, »ich kann nicht anders.«

Eine kurze Pause entstand, bevor eine näselnde Stimme fragte: »Und wie halten Sie es mit der Frage der ›sportlichen Kameradschaft‹? Man liest da ja so einiges.«

Unversehens hätte man eine Stecknadel im Raum fallen hören können.

»Besser als ihr, ihr verdammten Heuchler!«, brach es aus dem alten Mann heraus.

Ruckartig drehte sich die versammelte Journaille zu ihm um. Blicke schossen durch den Saal, suchten, fanden und trafen ihn; neugierig, empört, in Teilen amüsiert.

»Ein halbes Jahrhundert ist ins Land gegangen, und nichts hat sich geändert!«

»Bitte, Sir, ich darf doch bitten«, mahnte der Pressekoordinator des Clubs im Versuch, die Wogen zu glätten, »bitte sprechen Sie nur, wenn Sie an der Reihe sind, Sir.«

Brüsk drehte sich der alte Mann um und wandte sich zum Ausgang. Der Steward an der Tür, der ihn vorhin erkannt und ohne Ausweis hatte passieren lassen, nickte ihm respektvoll zu.

»Gut gemacht, Sir«, flüsterte er.

Der alte Mann nickte und lenkte seine Schritte zum Fahrstuhl. Im untersten Geschoss des Gebäudes lag das Wimbledon Museum. Er war ein Pilger. Und wie immer würde er zum Abschluss seines Aufenthaltes der Vergangenheit einen Besuch abstatten. Zur Abbitte? Als Bestätigung? Dass manche Dinge sich nicht ändern ließen, sosehr man es sich auch wünschte?

Der Fahrstuhl stoppte mit einem leisen Pling. Die Türen öffneten sich, und er ging zu dem Drehkreuz am Eingang des Museums. Erneut wurde er umstandslos durchgewunken. Mit den Jahren war seine schlaksige Gestalt zu einem vertrauten Anblick geworden.

Im Museum selbst war es dunkel. Keine Fenster, nur einzelne Spots, deren Licht auf bestimmte, ausgewählte Objekte gerichtet war. Funkelnde Pokale, verzogene Holzschläger mit gerissenen Saiten, ein komplettes Tennisoutfit vom Beginn des Jahrhunderts, das einer Puppe mit leblosem Blick übergestreift worden war.

Gezielt bewegte er sich auf eine der Glasvitrinen im hinteren Teil des Raumes zu. Er trat näher und betrachtete die Schwarz-Weiß-Aufnahme, auf der die unverkennbare Patina eines längst gelebten Sportlerlebens lag. Auf diesem Bild war er zweiundzwanzig Jahre alt. Er holte tief Luft. Ein Jahr später sollte er als erster Spieler in der Geschichte des Tennissports den Grand Slam gewinnen; die vier wichtigsten Turniere der Welt innerhalb einer Saison.

Aber das Foto zeigte ihn nicht allein. An seiner Seite stand ein zweiter Tennisspieler, nur unwesentlich kleiner als er, das blonde Haar akkurat gescheitelt. Beide hielten sie Holzschläger in den Händen und trugen lange weiße Hosen und ebensolche Poloshirts, die sie bis zum Hals zugeknöpft hatten.

Die Aufnahme stammte aus dem Jahr 1937 und war unmittelbar vor ihrem Einzel, der letzten und damit entscheidenden Begegnung im Interzonenfinale zwischen Deutschland und den USA gemacht worden; dem Davis-Cup-Spiel, das, wie er seitdem unzählige Male zu hören bekommen hatte, unter Experten als das vermutlich beste Tennismatch aller Zeiten galt. Unvergleichlich. Das Duell zweier Giganten.

Er schaute genauer hin, versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. Wie immer, fand er, wirkte er auf dem Foto ein wenig unsicher, als wäre zu dem Zeitpunkt nicht er, sondern sein Freund Julius die Nummer eins der Weltrangliste gewesen. Jener strahlte regelrecht in die Kamera – trotz oder wegen der Ereignisse, die da kommen würden.

Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, es stimmte nicht. Es war schlicht nicht wahr: Ein halbes Jahrhundert ist ins Land gegangen, und nichts hat sich geändert! Sein Ausbruch war unbedacht, nicht wirklich überlegt gewesen.

Denn fest stand: Im Unterschied zu Julius war es für den jungen Sportler vorhin auf dem Centre Court nicht einmal annähernd um Leben und Tod gegangen.

DER ERSTE SATZ

- 1 - 1907 –1926, Deutschland, Mittelrhein

Das Klacken und Klingeln von Ventilen. Hektisch stampfende Kolben. Wie eine ratternde Nähmaschine hatte das an jenem Morgen, vor so vielen Jahren, geklungen und ganz bestimmt nicht nach dem vornehmen Brummen des Motors von Vaters Horch.

Außerdem schien es erschreckend nah.

Von den ungewohnten Geräuschen aus dem Schlaf gerissen, tappte ich zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und öffnete einen Flügel. Schlagartig wurde der Lärm lauter, der Geruch von Öl und verbranntem Kraftstoff stieg mir in die Nase.

Unter mir ein Hut. Unter dem Hut ein Gesicht. Ein mir wohlvertrautes.

Großvater thronte auf seiner neuesten Anschaffung. Mr Henry Ford hatte der Welt nicht nur erschwingliche Automobile geschenkt, er besaß auch ein Herz für Amerikas Farmer und deren harten Arbeitsalltag. Zufrieden hielt Großvater das Lenkrad des Fordson Modell F zwischen den sehnigen Händen. Drei Monate lang hatte er ungeduldig auf die Ankunft des Traktors gewartet, darauf, dass er seinen Weg aus dem Werk in Dearborn, Michigan, über den Atlantik und von Holland aus über den Rhein, zu ihm fand, auf seinen Hof. Natürlich käme er damit nicht in die Rebhänge. Viel zu steil. Aber unten, auf gerader Fläche, würde ihm das Fahrzeug die Arbeit erleichtern. Wie von Mr Ford beabsichtigt.

Weshalb der Trecker aber an diesem Morgen wie ein vorsintflutliches Monstrum über den sorgfältig geharkten Kies knirschte, der die Alte Burg umgab, erschloss sich mir nicht. Ebenso wenig, wieso Großvater plötzlich vom Kiesweg auf den gepflegten Rasen abbog. Und falls ich gedacht hätte, ich wäre Zeuge eines maximal verbotenen Tuns, sah ich mich getäuscht – es ging entschieden verbotener. Nicht genug, dass das knatternde Ungetüm zwei dunkelbraune Fahrspuren auf dem kurz geschorenen Rasen hinterließ, betätigte Großvater mit einer knappen Drehung des Handgelenks einen Hebel neben dem Steuer. Hinter dem Traktor war ein Pflug angehängt, dessen Pflugscharen sich wie das Fallbeil einer sehr langsamen Guillotine hinabsenkten. Scharfe Metallzähne fraßen sich in das Grün der Wiese und hinterließen eine tiefe Wunde im Untergrund.

»Großvater, was tust du da?«, brüllte ich von oben. »Bist du verrückt geworden?«

Trotz der lauten Betriebsgeräusche hatte er mich gehört. Er hob den Kopf, entdeckte mich am Fenster und stellte den Motor ab.

»Was sagst du?«, rief er hinauf.

»Ich will wissen, was du da machst. Warum ruinierst du unseren schönen Rasen?«

Breit grinsend schob er sich den Strohhut in den Nacken. »Stell dir vor, Julius: Es ist eine Überraschung!«

Und wie so oft hatte ich ihm nicht zu widersprechen vermocht.

Am nächsten Tag war ein halbes Dutzend Männer mit Schaufeln, Spitzhacken und Schubkarren angerückt. Großvater hatte mit seinem Trecker eine etwa zwanzig mal vierzig Meter große Fläche umgegraben. Zu klein für einen ernst zu nehmenden Acker, zu groß für ein schlichtes Blumenbeet, ganz zu schweigen von einem geeigneten Platz für ein paar Rebstöcke. Ich beobachtete, wie die Arbeiter die frisch aufgebrochene Erde ungefähr einen Fuß tief aushoben.

Diesmal brachte Großvater einen Anhänger mit. Keinen Pflug. Gottlob. Es brauchte einige Fahrten, bis er den Aushub weggekarrt hatte. Zurück blieb ein Fragezeichen in Gestalt einer Grube: dunkelbraun, mit vier Ecken.

»Was hat das zu bedeuten?«

»Gibt es einen tieferen Sinn für das Ganze?«

»Seid ihr in Großvaters Überraschung eingeweiht?«

Almuths und Viktorias Stimmen, die meiner beiden älteren Schwestern, und meine waren durcheinandergegangen.

»Nicht nur eingeweiht«, sagte Mutter lächelnd, und Vater ergänzte: »Sondern speziell für euch in Auftrag gegeben.«

Die geheimnisvollen Aktivitäten setzten sich fort, und das freigelegte Areal wurde gewalzt. So simpel, wie es klingt, war es nicht. Drei Männer mussten sich gewaltig ins Zeug legen, um die schwere Eisenwalze zu ziehen. Ihre nackten Oberkörper glänzten in der Sonne.

Ein dickes Rohr wurde verlegt. Muskulöse Arme schaufelten Kies und anschließend mehrere Schichten einer dunklen körnigen Substanz in die Grube – vulkanischen Ursprungs, wie mir erklärt wurde, was nicht eben zur Lösung des Rätsels beitrug.

Ich erinnere mich, wie ich früher unserer Köchin zugesehen habe, wie sie einen Baumkuchen buk. Im Rückblick glich die Angelegenheit dem frappant: der Herstellung eines etwa achthundert Quadratmeter großen Baumkuchens.

Weiter hüllten sich Großvater, Vater und Mutter in Schweigen, bis – bis eines Tages Großvater einen Haufen flammenden Rots antransportierte. Ich kann es nicht besser beschreiben; es war der roteste Haufen Sand, den ich je gesehen hatte. Eine einzige glühende Düne.

Bis dahin kannte ich ganz normalen Sand, hellgelb, dessen Farbe, wenn er nass wurde, sich in ein schmutziges Braun verwandelte. An einigen Stellen des Rheinufers fand sich beinah weißer Sand, von dem Vater uns erzählt hatte, es seien Muscheln und Steine, die im Laufe von Millionen Jahren durch den Druck des Wassers zerrieben worden waren.

Aber roter Sand, der wie die Glut eines Feuers leuchtete?

»Großvater, was ist das?«, flüsterte ich ehrfürchtig und zeigte nach hinten, auf seinen Anhänger.

»Das, Julius, ist feinstes Ziegelmehl. Eine Menge Dachziegel mussten dafür gebrannt und zerkleinert werden. Hast du langsam eine Idee davon, was hier entsteht?«

Die vollständige Liste meiner Vornamen lautet Julius Augustus Maximilian Wilhelm Karl. Gerufen wurde und werde ich jedoch schlicht Julius.

Mutter war eine Prinzessin – wenigstens nannte Großvater sie so – und die schönste Frau weit und breit. In ihrer Jugend ist sie Weinkönigin gewesen. Es heißt, die Mädchen in der Umgebung seien erblasst, sobald sie ihr begegneten. Im Gegensatz zu den jungen Burschen, deren Gesichter die Farbe reifer Trauben annahmen, wenn sie ihr – mehr oder weniger zufällig – über den Weg liefen.

Reifer Trauben?

Richtig. Reifer Trauben.

Der Mittelrhein gilt als eine der Weinregionen schlechthin in deutschen Landen. Hier lebte Großvater, ein wohlhabender und angesehener Mann; Winzer, Witwer, Mutter sein einziges Kind. Eine Kombination, die manch einem ihre Schönheit umso heller erstrahlen ließ.

Die Familienlegende sagt, als sie siebzehn war, habe er sich geräuspert, über den stoppeligen Bart gestrichen und laut gedacht. Laut gedacht und leise sinniert: »Es wird Zeit, dich zu verheiraten, Anna. Du sollst nicht an meiner Seite versauern.«

Aufmerksam habe Mutter ihn damals gemustert. Großvater sprach nicht viel, aber wenn, lohnte es sich zuzuhören.

»Für meine Prinzessin nur das Beste.«

Angeblich sei sein Blick bei diesen Worten über den Hof gewandert, vorbei an dem großen hölzernen Kelter, durch das offen stehende Tor über die staubige Straße und auf der anderen Seite den steilen Schieferhang empor, an dem schon sein Vater in ordentlichen Reihen Wein angebaut hatte, bis er an die hohe Bruchsteinmauer gestoßen sei, die seit jeher Befestigung und Grenze war. Befestigung für das Gelände oberhalb davon, Grenze zu dessen Bewohnern.

Die Landschaft zwischen Koblenz und Bingen ist reich an Klöstern, Schlössern und Ruinen; märchenhaften Gemäuern mit ebenso märchenhaften Namen: Löwenburg, Hammerstein und Stahleck. Die von Bergs lebten seit Jahrhunderten auf der Alten Burg über dem Strom. Geografisch gesehen befanden wir uns damit zu weit südlich und auf der falschen, der linken Rheinseite, um in direkter Linie vom berühmten Geschlecht der von Bergs abzustammen, deren Herzogtum sich vor allem in Richtung Niederrhein erstreckte.

Doch was solls?

Es wird erzählt, der alte Graf, der vor meiner Geburt verstarb, mein Großvater väterlicherseits also, habe unsere Ahnherren als »Rheinkiesel« bezeichnet, die – warum auch immer – flussaufwärts gespült worden seien.

»Wir sind quasi der erfundene Teil der Familie«, habe er zu sagen gepflegt, »der von der Geschichte geschaffene; nicht bergisch, nicht preußisch, nicht frankophil – sondern alles zugleich.«

Damit hatte er auf die wechselvolle Historie des Rheins als Grenzfluss angespielt. Er galt als glühender Liebhaber seiner Heimat, des Mittleren Rheintals, dessen Mythen und Erinnerungen, und hatte zu Beginn des Jahrhunderts den örtlichen Geschichtsverein gegründet. Von Anfang an dabei: Großvater, mein anderer Großvater, Mutters Vater.

Ich möchte anbieten, hatte dieser geschrieben, dass wir einmal eine Vereinssitzung bei mir zu Hause abhalten, nachdem sein Blick wieder von der Alten Burg zurück auf den Hof zu seiner Tochter gewandert war.

Der Adressat seiner Zeilen?

Karl Graf von Berg, auf den der Vorsitz des Vereins nach dem Tod seines Vaters übergegangen war, so wie er irgendwann auf mich übergehen würde.

Immer nur das Hinterzimmer der Dorfschenke scheint mir auf Dauer etwas unpersönlich, hieß es in Großvaters Nachricht. Meine Tochter Anna wird die Getränke reichen.

Meist nehmen sich die Dinge von oben betrachtet etwas kleiner aus: die Weinberge, die bewaldeten Hügel, die Lastschiffe auf dem Rhein und das Dorf zu Füßen der Alten Burg – mit einer Ausnahme. Als ältester Sohn hatte Vater nicht nur den Vorsitz des Geschichtsvereins, sondern auch den Titel, die Ländereien und den Stammsitz der Familie geerbt; außerdem lasteten seitdem gewaltige Hypotheken auf seinen Schultern, wie er Mutter noch vor der Eheschließung gestand.

Ein Vertrauensbeweis.

Nicht minder ein Akt purer Verzweiflung.

Und so war es fraglos ehrlich gemeint, als er nach der Hochzeit seinen ganzen Mut und alles an Gefühl zusammennahm, das ein Grafensohn, den man in der wilhelminischen Tradition erzogen hatte, in der Lage war zu zeigen. Eine Tradition, in der vermeintliches Nichtempfinden als standesgemäße Empfindung gilt.

»Ich fürchte, ich habe dich gekauft und mit meinem Stammbaum bezahlt«, sagte er mit ausdrucksloser Miene.

»Falsch«, hatte Mutter entgegnet, wie sie mir später erzählte, »Vater hat dich gekauft und mit etwas bezahlt, von dem wir beide nicht wissen, ob du es verdienst.«

- 2 -

Er spielt Ball«, sagten die Dorfbewohner und blickten sich kopfschüttelnd an.

Wir spielten alle Ball, auch Vater und Mutter. Von wegen »speziell für euch in Auftrag gegeben«. Wir waren die Ersten im Mittleren Rheintal, die einen privaten Tennisplatz ihr Eigen nannten – und nutzten.

Tatsächlich erwiesen sich meine Eltern im Hinblick auf den Tennissport nicht weniger begeistert als meine Schwestern und ich. Sie maßen sich sowohl im Einzel als auch im Doppel – mit uns und miteinander. Vaters größere Kraft und Reichweite wurden durch Mutters Schnelligkeit und Ballgefühl wettgemacht.

Waren wir unter uns, lieh sie sich eine von Vaters Tennishosen, krempelte deren Beine hoch und schnürte den Hosenbund mit einem Gürtel. »Glaubt ja nicht, das wäre undamenhaft«, funkelte sie uns an, »auf gar keinen Fall lasse ich mich durch so ein unpraktisches Ding wie ein Tenniskleid in meiner Bewegungsfreiheit einschränken!«

Nicht eine Sekunde lang bezweifelten wir, dass Mutter eine Dame war. Ob mit oder ohne Tenniskleid. Und dass sie sich durch irgendetwas einschränken ließ, stand gleichfalls nicht zu befürchten.

Wie sich herausstellte, verfügten wir alle über Talent – Mutter, Vater, Almuth, Viktoria und ich – aber was diesen speziellen Ball betraf, jene besondere Kugel aus Gummi und Filz, zeigte ich mich begeisterter und ausdauernder als der Rest der Familie. Sobald ich den Platz betrat, geschah etwas mit mir, erfasste mich eine mir selbst nicht erklärliche monomane Energie.

»Er spielt Ball«, sagten die Dorfbewohner in einer Mischung aus Spott und Respekt und kamen auf ihren Sonntagsspaziergängen eigens zur Burg herauf, um sich das ungewohnte Schauspiel anzusehen.

Spott, weil offenbar jemand Stunde um Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche versuchte, mithilfe eines apfelgroßen Gummiballes ein Loch in die Übungswand an der Stirnseite des Platzes zu schlagen. Respekt, weil offenbar jemand Stunde um Stunde, Tag für Tag und Woche für Woche versuchte, mithilfe eines apfelgroßen Gummiballes ein Loch in die Übungswand an der Stirnseite des Platzes zu schlagen.

Zu der Zeit war der Tennissport nicht sonderlich populär in Deutschland. Der Krieg war vorbei, dennoch gab es für die Menschen Wichtigeres, als ihre Kräfte bei einer scheinbar sinnentleerten Tätigkeit zu vergeuden, die vor allem darin besteht, eine Filzkugel mittels eines geformten Holzstückes, das mit ein paar Metern Tierdarm bespannt ist, eben dorthin zu schlagen, wo niemand steht – genau genommen die Antithese zu dem Gedanken des Miteinanderspielens.

Doch ich greife vor, denn in dem Moment, in dem ich beschloss, meinem Gegenüber den Ball nicht mehr zu-, sondern von ihm wegzuspielen, wandelte ich mich vom Liebhaber zum ernsthaften Wettkämpfer.

Eine scheinbar sinnentleerte Tätigkeit also, unangemessen und überflüssig, das Tennisspiel. Es sei denn, man war Sohn eines Grafen; ein Sohn, der das Glück gehabt hatte, dass die Sorgen und Nöte des Krieges und der Nachkriegszeit – mit Ausnahme der Besatzungstruppen – größtenteils außerhalb seines Blickfeldes geblieben waren. Dessen Welt nicht aus Hunger und Inflation bestand, sondern aus Spiel und Leidenschaft. Eine Welt, deren Grenzen nicht vom täglichen Überlebenskampf, sondern durch ein paar Kreidelinien auf einem Aschenplatz markiert wurden.

Man mag von unserer Familie halten, was man will; die Beckmessersche nicht sonderlich viel, behaupte ich. Ihr Credo lautete:

»Die von Berg’schen Mädchen sind Rowdys! Und dann gibt es Julius.«

Sie hieß nicht wirklich Beckmesser. Vater hatte sie seinerzeit als Erzieherin für uns eingestellt und ihr diesen Spitznamen verliehen. Ausgerechnet Vater. Zeit seines Lebens ein Wagnerfreund, stand er nicht zwingend im Verdacht, ein Witzbold zu sein. Als wir begriffen, worauf sich sein Wortspiel bezog, übernahmen wir den Scherz nur allzu gern.

Ihr echter Name war Beckmann. Fräulein Ernestine Beckmann. Vielleicht hatte es mit der Enttäuschung zu tun. Mit der über uns oder Edward. Natürlich denke ich dabei an den englischen Edward, auch wenn die gute Beckmesser zu der Zeit noch nichts von der Sache mit Wallis ahnen konnte. Wahrscheinlich hatte sie es als Abstieg empfunden, bei Kriegsausbruch das britische Eiland verlassen und bei uns anfangen zu müssen. Sie, die ehemalige Gouvernante der Windsors, sah sich plötzlich gezwungen, für ein rheinisches Adelsgeschlecht zu arbeiten, dessen Stammbaum zwar Ritter, Generäle sowie Minister verzeichnete, dem aber ebenso Knappen, Kammerherren und Küchenmeister entsprungen waren.

Das Fräulein Beckmesser stand für einen Kompromiss.

»Ich will nicht, dass unsere Kinder die Nasen hoch tragen und von dort oben auf die anderen hinabblicken. Schließlich habe ich selbst in der Dorfschule lesen, schreiben und rechnen gelernt, und schau, was aus mir geworden ist.«

Mutter hatte ihrer Ansicht in ruhigem Ton Ausdruck verliehen – dennoch lag ein leichtes Vibrieren in ihrer Stimme. Ein ungewohnter Klang, als wäre sie ihrer Meinung nicht ganz sicher.

Nicht weniger ruhig antwortete Vater: »Wir wissen beide, dass eine Landgräfin aus dir geworden ist. Ob eine Salonbolschewistin, sei dahingestellt.«

Auch seiner Stimme wohnte ein sanftes Vibrato inne, im Gegensatz zu Mutter schien er seiner Sache jedoch gewiss. Unzählige Stunden Privatunterricht, über Generationen hinweg, hinterlassen Spuren. Die Gegenwart und die Zukunft betreffend.

»Was sagst du Almuth, wenn sie später einmal einen lateinischen Text studieren möchte?« Vater deutete in Richtung Arbeitszimmer. »Das Familienarchiv ist voll davon. Oder falls Viktoria beabsichtigt, sobald sie älter ist, unsere französischen Nachbarn zu besuchen. Paris im Frühling soll sehr schön sein. Es wäre sicher kein Nachteil, wenn sie sich in der Landessprache verständigen könnte. Und was ist mit Julius? Unter Umständen wird er einmal eine Zeit lang in England leben, wer weiß? Die Sprache Shakespeares scheint mir nicht nur die der Vergangenheit, sondern auch die der Zukunft zu sein.«

Mutter verzog die Mundwinkel. »Ich bin keine Salonbolschewistin. Aber ebenso wenig bin ich bereit, meine Wurzeln zu vergessen.«