Jungen stärken - Eduard Waidhofer - E-Book

Jungen stärken E-Book

Eduard Waidhofer

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16,99 €

Beschreibung

Die Jungen von heute sind die Männer von morgen. Doch wie können sie auch zu glücklichen Menschen werden? Eduard Waidhofer erklärt umfassend die Persönlichkeitsentwicklung von Jungen sowie deren besondere Bedürfnisse und Nöte, gerade in der Lebenswelt von heute. Wie können Eltern sie einfühlsam begleiten und warum sind gerade Väter so wichtig? Anhand von Fallgeschichten und konkreten Tipps zeigt er, wie ein guter Erziehungsstil aussehen kann. Vor allem brauchen Jungen Grenzen, klare Ansagen, aber auch Halt und Sicherheit – und authentische, liebevolle Väter und Mütter.

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EPUB

Seitenzahl: 314




EDUARD WAIDHOFER

JUNGEN STÄRKEN

fischer & gann

Eduar Waidhofer

So gelingt

die Entwicklung

zum selbstbewussten

Mann

fischer & gann

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar.

© Verlag Fischer & Gann, Munderfing 2018

Umschlaggestaltung | Layout und Satz: Gesine Beran, Turin

Umschlagmotiv: © shutterstock | Phovoir

Gesamtherstellung | Druck:

Aumayer Druck + Verlag Ges.m.B.H. & Co KG, Munderfing

Printed in the European Union

ISBN 978-3-903072-68-8 | ISBN E-BOOK 978-3-903072-69-5

www.fischerundgann.com

INHALT

EINLEITUNG

1 WIE AUS JUNGEN MÄNNER (GEMACHT) WERDEN – AUF DER SUCHE NACH MÄNNLICHER IDENTITÄT

Kindheit und Pubertät von Jungen

Kleine Helden mit großen Nöten – die Hürden der männlichen Sozialisation

Wie sieht traditionell männliches Verhalten aus?

Wie gesellschaftlich dominante Männlichkeitsbilder wirken

»Moderne Männlichkeiten« als Modelle für Jungen

Die Vater-Sohn-Beziehung

Mütter und Söhne

2 JUNGEN UND IHRE SEELISCHE UND KÖRPERLICHE GESUNDHEIT

Jungen – das schwache Geschlecht?

Wenn Jungen sterben wollen

»Denn sie wissen nicht, was sie tun« – Jungen lieben das Risiko

Alkohol, Nikotin und andere Drogen

Umgang mit Handy, PC, Konsole & Co.

3 ELTERLICHE STÄRKE STATT MACHT

Jungen brauchen Grenzen und Regeln – Liebe allein genügt nicht

Jungen brauchen klare Ansagen

Überbehütete und verwöhnte Jungen

Gewaltfreie Erziehung – wie geht das?

Beziehungsfallen in der Familie

Von der Erziehung zur Beziehung

Wie kann Erziehung in schwierigen Situationen gelingen? – die »Neue Autorität«

4 JUNGEN UND SCHULE

Sind Jungen die Bildungsverlierer?

Feminisierung der Schule?

Null Bock auf Lernen?

Wie kann man Jungen fördern?

Jungengerechter Unterricht

Die »Neue Autorität« in der Schule

Achtsamkeit in der Schule

Jungen mit Migrationshintergrund

5 JUNGEN UND GEWALT

Zwischen Macht und Ohnmacht

Gewaltprävention

Jungen als Opfer

Radikalismus und Extremismus – eine neue gesellschaftliche Herausforderung

EXKURS: JUNGENARBEIT IMPULSE FÜR SOZIALARBEITERINNEN UND SOZIALPÄDAGOGINNEN

Was macht die Arbeit mit Jungen zur »Jungenarbeit«

Arbeitsprinzipien der Jungenarbeit

Beziehungsgestaltung

Beispiele von Jungenarbeit

Der Boys’ Day – »Was für Jungs«

AUSBLICK

ANHANG

Anmerkungen

Literatur

Anlaufstellen und Adressen

EINLEITUNG

JUNGEN, IN ÖSTERREICH UND IN DER SCHWEIZ heißt es auch »Buben«, fordern uns heraus. Lehrer, Erzieherinnen und Eltern klagen immer häufiger über Verhaltensauffälligkeiten, Unkonzentriertheit, Unruhe und zunehmende Aggressivität von Kindern, insbesondere von Jungen. Oft werden sie als »Problemfälle« bezeichnet, teilweise sogar als »Tyrannen«. Doch anstelle von problembehafteten Bildern brauchen wir positive Bilder des Lebens von Jungen. Wie kann das gelingen? Was sind die Bedingungen dafür? Und schließlich: Wie können wir die Lebenswelten von Jungen heute besser verstehen?

Manchmal beziehen sich meine Ausführungen auch auf Mädchen, dann rede ich von Kindern oder Jugendlichen. Wenn wir uns mit aktuellen Themen wie Schulproblemen, Sucht und Gewalt von Jungen beschäftigen, sollten wir uns immer auch dessen bewusst sein, dass es »die« Jungen nicht gibt. Kein Junge ist wie der andere. Jungen sind keine homogene Gruppe, sie befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen, haben unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse, Interessen und Lebenskonzepte.

Lange Zeit konzentrierte sich die Diskussion um Jungen auf die Probleme, die sie machen. In jüngster Zeit kommen mehr und mehr auch die Probleme in den Blick, die Jungen selber haben: Schwierigkeiten in der Schule, Identitätsprobleme, gesundheitliche Beeinträchtigungen, das Erleben von körperlicher und sexualisierter Gewalt. Auch das Thema Mannwerden kann zum Problem werden.

Jungen von heute stehen ganz anderen Herausforderungen gegenüber als noch die Generationen ihrer Väter und Großväter. Die Lebensbedingungen haben sich drastisch verändert; das beginnt schon im Alltag. Dort ist für Abenteuer und Freiheit in der Natur wenig Platz. Was Jungen heute verunsichert, sind die vielen widersprüchlichen Erwartungen und Männerbilder in der modernen Gesellschaft. Manche Vorstellungen sind durchaus traditionell und werden mitunter auch von Frauen geäußert. Es wird von Männern jedoch nicht nur erwartet, eine Frau zu beschützen und eine Familie zu ernähren, sondern sich auch emotional zu öffnen, partnerschaftlich zu kommunizieren und zu gleichen Teilen Hausarbeit und Kindererziehung zu übernehmen. In der Arbeitswelt hingegen sind traditionell männliche Ideale wie Durchsetzungsfähigkeit, Verfügbarkeit und Erfolgsorientierung gefragt. Dieser Widerspruch ist den Jungen durchaus schon bewusst.

Junge Frauen haben bereits großteils ein selbstbewusstes und moderneres Rollenverständnis von sich entwickelt; für die meisten jungen Männer ist das komplizierter. Von Jungen wird erwartet, männlich zu sein. In unserer Gesellschaft dominiert immer noch das Leitbild der »hegemonialen Männlichkeit«, was so viel bedeutet wie Führungsanspruch eines Mannes, seine Macht und Heterosexualität. Das drückt sich in Leitsätzen aus wie: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Steh deinen Mann! Sei ein echter Kerl!« Jungen stehen unter dem Druck, ihre Männlichkeit ständig »herstellen« zu müssen und immer zweifelsfrei erkennen zu lassen. Das erzeugt Stress. Wichtig ist, welche Männlichkeitsvorstellungen in der Umgebung zur Verfügung stehen. Viele Männer leben immer noch die traditionelle Männerrolle, definieren sich über den Beruf, über Macht, Ansehen und Status. Wieder andere sind bereits auf dem Weg zu einer neuen männlichen Identität. Sie sehen sich nicht mehr als die alleinigen Familienernährer, sondern leben eine gleichberechtigte Partnerschaft und sind als Väter für die Kinder auch emotional präsent. Männlichkeitsvorbilder sind für den Jungen also nicht mehr eindeutig. Es gibt eine Vielfalt von gelebten »Männlichkeiten«.

In der Schule sind manche Jungen – vor allem Jungen mit Migrationshintergrund oder Jungen aus niedrigen sozialen Schichten – die »Verlierer« des Bildungssystems. Sie haben durchwegs schlechtere Noten, müssen öfter die Klasse wiederholen als Mädchen, haben seltener einen Schulabschluss und besuchen seltener ein Gymnasium oder eine Hochschule.

Diese Benachteiligung der Jungen im Hinblick auf Bildungsund Zukunftschancen ist längst auch Thema in Presse und Medien. So lautete im Nachrichtenmagazin Focus bereits im Jahr 2002 eine Titelgeschichte: »Arme Jungs«. Der Spiegel formulierte 2004 in einem Beitrag provokant: »Schlaue Mädchen. Dumme Jungs«. In der Wochenzeitung Die Zeit war 2007 von der »Krise der kleinen Männer« zu lesen. Auch Frank Dammasch1 und viele andere Psychotherapeuten sehen »Jungen in der Krise«. Autoren wie Frank Beuster2 rufen sogar die »Jungenkatastrophe« aus. Sie kritisieren, dass die Erziehung von Jungen vorwiegend in Frauenhand liege, und beklagen das Fehlen männlicher Bezugspersonen und Vorbilder für die Jungen. Es ist mittlerweile auch die Rede vom schwachen (männlichen) Geschlecht, von »kleinen Machos in der Krise«3, von »Jungs im Abseits«4 und von Jungen als »Sorgenkindern«.5

Gegenüber all dieser Dramatisierung ist jedenfalls Skepsis angebracht. Denn man kann nicht von einer generellen Jungenkrise sprechen, da die meisten Jungen ihren Weg zu einer männlichen Identität dennoch schaffen. Die mediale Berichterstattung suggeriert, dass es »die« Jungen und »die« männliche Sozialisation gäbe. Auf die Vielfalt des Junge-Seins und die Potenziale von Jungen wird in dieser problemorientierten Sichtweise nicht eingegangen.

Es kann Eltern natürlich beunruhigen, wenn Jungen stundenlang am Computer sitzen und »keinen Bock« mehr auf Lernen haben. Besonders irritiert und verunsichert sind auch Eltern, deren Jungen Alkohol oder Drogen konsumieren, gewalttätig sind und einen »schlechten Umgang« haben. Gerade in der Pubertät merken Väter und Mütter, dass sie immer weniger Einfluss und Kontrolle auf ihre Kinder haben. Freunde und Medien werden in dieser Zeit für den Jugendlichen immer wichtiger. Wie können Eltern, die sich hilflos fühlen, unterstützt werden, ihre Autorität wiederherzustellen und ihre Erziehungskompetenz wiederzuerlangen? Auch darüber wird ausführlich zu reden sein.

Eine besondere Herausforderung für Lehrende in der Schule sind Jungen mit Migrationshintergrund. Hier – wie in der offenen Jugendarbeit – bedarf es insbesondere einer professionellen geschlechterreflektierenden oder geschlechtssensiblen Jungenarbeit durch Fachkräfte aus der Männerberatung und Sozialpädagogik. Dabei sollte das Thema Männlichkeit und Mann-Werden im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Auch darauf werden wir im Praxisteil für Fachkräfte eingehen.

Die vielfältigen Probleme und Lebensbedingungen von Jungen dürfen weder bagatellisiert noch dramatisiert werden, sondern bedürfen einer differenzierenden Betrachtung. Vor allem geht es nicht um den pauschalen Vergleich mit Mädchen. Dass Jungen gewaltbereiter sind oder schlechter lesen können als Mädchen, trifft ja nur auf eine bestimmte Gruppe von Jungen zu. Im Unterschied zum bisherigen eher problemorientierten Diskurs sollte es um das Thema gelingende Männlichkeit gehen. Welche einengenden Bilder von Männlichkeit hemmen die Jungen in ihrer Entwicklung, beeinträchtigen sie in ihrer Lernmotivation oder führen sogar zu sozial unverträglichen Verhaltensweisen? All dies sind Fragen, die hier gestellt werden müssen.

Die Stärken von Jungen müssen mehr Beachtung finden. Viele Jungen sind hilfsbereit, empathisch und sensibel. Sie sind ehrlich, gestehen ihre Fehler ein, stehen zu ihren Gefühlen. Wir brauchen positive Bilder von der Vielfalt der Jungen, wenn wir ihnen in ihrer individuellen Situation wertschätzend und verständnisvoll begegnen wollen.

Dieses Buch soll Eltern, Pädagogen, Lehrkräfte und berufliche Ausbilder dabei unterstützen, einen klaren und effektiven Erziehungsstil zu entwickeln und umzusetzen. Wie lassen sich für Eltern Konflikte gewaltfrei lösen, wie können sie Machtkämpfe vermeiden und liebevoll, aber dennoch klar Grenzen setzen? Jungen brauchen vor allem sichere Bindungen und verlässliche Beziehungen, eine klare Haltung der Erzieherinnen, die ihnen Halt und Orientierung gibt. Die Persönlichkeitsentwicklung von Jungen wird nicht nur durch den Einfluss der Gleichaltrigen und der Medien, sondern ebenso durch die elterliche Erziehung und das Verhalten von Lehrerinnen geprägt. Eltern wie auch Fachkräfte sollten lernen, sich in Jungen einzufühlen, um sie in ihrem Junge-Sein etwas besser zu verstehen. Dazu passt ein indianisches Sprichwort: »Bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.«

Das Buch soll helfen, Jungen gut durch die Kindheit und Jugendzeit zu begleiten. Was brauchen sie, um zu glücklichen und selbstbewussten Männern heranzuwachsen? Und was brauchen Eltern und Lehrerinnen, um sie in ihrer Entwicklung, in ihrem Mann-Werden zu unterstützen und zu begleiten?

1 WIE AUS JUNGEN MÄNNER (GEMACHT) WERDEN – AUF DER SUCHE NACH MÄNNLICHER IDENTITÄT

WER BIN ICH? WAS MACHT MICH UNVERWECHSELBAR? Was macht mich aus? Was unterscheidet mich von anderen Menschen? Das sind typische Fragen nach unserer Identität. »Psychische« Identität wird unter anderem dadurch hergestellt, dass man von sich selbst erzählt und sich mit etwas identifiziert. Die »soziale« Identität entsteht durch Zuschreibung von außen, von der Gesellschaft und durch die Rollen innerhalb unserer Gruppe. Jungen können je nach Kontext mehrere Identitäten haben, zum Beispiel: Sohn, Bruder, Freund oder Schüler. Es geht immer darum, eine Balance zwischen den Erwartungen der Außenwelt und dem eigenen Selbstbild herzustellen. Dazu schreibt Werner Stangl: »Identitätsentwicklung verläuft im Spannungsprozess zwischen Selbstverwirklichung und den Anforderungen der Gesellschaft. Bildung von Identität ist das Ausbalancieren der personalen und sozialen Dimension, es erfordert vom Individuum, seine eigenen Wertmaßstäbe, Bedürfnisse und Interessen einzubringen und sich gleichzeitig auf die Anforderungen und Erwartungen der Umwelt einzulassen«.6

KINDHEIT UND PUBERTÄT VON JUNGEN

»Die Jugend liebt heutzutage den Luxus.

Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.«

Sokrates, 470–399 v. Chr.

Die unruhigen Jahre

DIE VORPUBERTÄT BEGINNT OFT SCHON mit 9 bis 10 Jahren. Die Pubertät selbst ist eine Phase des Umbruchs, eine unruhige Zeit, die sich lange hinziehen kann. Im Extremfall kann sie vom 11. bis zum 20. Lebensjahr dauern. Die Adoleszenz kann sich schließlich bis zum Alter von 25 erstrecken. Da braucht man als Eltern schon einen langen Atem. Die Pubertät ihres Jungen kann auch Eltern ziemlich verunsichern und in eine Krise treiben. Manchmal hat man ein schlechtes Gewissen, vielleicht zu hart zu reagieren oder zu nachsichtig zu sein. Im Zuge der Pubertät verändert sich die Rolle der Eltern. Sie werden weniger gebraucht, der Kontakt zum Jugendlichen wird weniger, sie fühlen sich vielleicht sogar vom Kind abgelehnt. Denn der Weg des Jugendlichen lässt sich wie folgt beschreiben: »Um sich (…) lösen und sich selbst als Erwachsener spüren zu können, müssen Jugendliche ihre Mütter und Väter in ihrer Elternfunktion demontieren und entmachten.«7

Jungen kommen erst ein bis zwei Jahre später als Mädchen in die Pubertät. Gleichaltrige Mädchen wenden sich daher eher älteren Jungen zu. Das kann das Selbstwertgefühl von Jungen erheblich beeinträchtigen; sie fühlen sich gedemütigt und reagieren vielleicht in solchen Situationen mit sexistischen Sprüchen und mit Abwertung des Weiblichen.8 Doch auch das steigende Selbstbewusstsein und Selbstverständnis von gleichaltrigen Mädchen, die ein modernes Rollenbild leben, kann Jungen sehr verunsichern. Nicht zuletzt stellt auch eine verzögerte Pubertätsentwicklung für Jungen eine große psychische Belastung dar, welche zu Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstwertproblemen führen kann.

Gemeinsamkeiten mit der Familie werden nun langsam weniger, der Junge geht seine eigenen Wege, schließt sich immer mehr der Gruppe der Gleichaltrigen an. Mädchen pflegen eher intensive Einzelfreundschaften und Kontakte, Jungen hingegen sind gern in der Gruppe. Die gibt ihnen Sicherheit und Geborgenheit.

Gerade in der Gruppe reagieren Jungen in der Pubertät jedoch noch risikofreudiger als sonst. Es ist für sie reizvoll, Grenzen zu überschreiten, waghalsige Dinge zu tun, Gefahren zu suchen, Regeln zu missachten, etwas Verbotenes auszuprobieren. Möglicherweise kommen sie so auch mit dem Gesetz in Konflikt und gehen jedenfalls gesundheitliche Risiken ein (mehr dazu in Kapitel 2). Speziell für ängstliche Mütter ist es jedoch wichtig, nicht nur die Risiken, sondern auch die Stärken und Fähigkeiten ihres Jungen im Auge zu behalten.

Die größere Risikobereitschaft hat aber auch mit der Gehirnentwicklung zu tun. Aufgrund der großen Veränderungen im Gehirn in dieser Zeit fällt es Jungen schwer, Risiken und Konsequenzen eines bestimmten Verhaltens realistisch einzuschätzen. Die steigende Anzahl an Dopamin-Rezeptoren lässt sie vermehrt den Nervenkitzel und neue Erfahrungen suchen, die angenehme Gefühle auslösen. Die Bereiche für die bewusste Impulskontrolle im Gehirn sind hingegen noch nicht ausgereift.

Als Eltern sollten Sie ihren eigenen Einfluss in dieser Zeit nicht unterschätzen und vor allem nicht resignieren. Denn wenn Sie zu Ihrem Kind eine stabile, tragfähige Beziehung aufgebaut haben und mit ihm immer in Kontakt bleiben, kann eigentlich nicht viel passieren. Wenn Sie sorgsam auf seine Bedürfnisse achten, seine Wünsche respektieren und ihn nicht mit Ihren Erwartungen unter Druck setzen, kann Ihr Sohn gut seinen Weg gehen.

Es ist für Sie als Eltern sicher eine große Herausforderung, mit der plötzlichen Veränderung Ihres Jungen umzugehen. Ihr Sohn ist kein Kind mehr, aber auch noch kein Erwachsener. Er will auf jeden Fall nicht mehr als Kind behandelt werden (»Ich bin doch kein Kind mehr!«). Lassen Sie sich durch seine Rebellion nicht in Machtkämpfe verstricken und nehmen Sie nicht persönlich, was er Ihnen vielleicht im Streit alles an den Kopf wirft. Bleiben Sie mit Ihrem Sohn in Beziehung, versuchen Sie immer, den Dialog aufrechtzuerhalten und den Jungen mit seiner Perspektive zu verstehen. Denn wenn er sich nicht verstanden und mit seinen Nöten und Fragen allein gelassen fühlt, wird er sich in seine Welt der Tagträume und Fantasien zurückziehen, abkapseln, und die Beziehung wird sich verschlechtern. Erschwert wird diese Situation oft dadurch, dass Ihr Junge zwar Verständnis, Zuwendung und Unterstützung sucht, gleichzeitig aber mit betont coolem oder aggressivem Verhalten diejenigen zurückstößt, die ihm helfen wollen. Entscheidend ist, dass Sie bei Konflikten nach Möglichkeit ruhig bleiben und mit Ihrem Sohn auf Augenhöhe sprechen.

Zwischen Machogehabe und Unsicherheit

WAS STECKT HINTER DIESEM COOLEN AUFTRETEN? Wie fühlt sich Ihr Junge wirklich? – Mit Machogehabe, coolen Sprüchen und auffälligen Machtdemonstrationen überspielen Jungen häufig ihre Unsicherheit, ihre Hemmungen, ihre Selbstzweifel und Angst vor Versagen. Denn Schwächen und Niederlagen passen nicht zum Männlichkeitsideal. Auf der Suche nach ihrer männlichen Identität gebärden sie sich wie »echte Kerle«, gleichzeitig wollen sie aber beschützt werden. Wut und Zorn wechseln ab mit kleinkindhaftem regressivem Verhalten. »Oft (…) existiert neben der kämpferischen eine schutzbedürftige, Hilfe suchende Seite, die vernachlässigt wird und die geopfert werden muss, um ein bestimmtes Bild von Männlichkeit aufrecht erhalten zu können«, schreibt dazu Joachim Braun.9

Das zeigt die Zwickmühle, in der Jungen oft stecken. Sie fühlen sich hin- und hergerissen, wünschen sich eigentlich nur Anerkennung und Respekt. Sie können es einerseits kaum erwarten, endlich erwachsen zu sein, wollen andererseits eigentlich auch noch Kind bleiben und keine Verantwortung übernehmen. Diese Doppelbotschaften sind Zeichen von Hilflosigkeit.

Oft werden Pubertätskrisen bei Jungen gar nicht erkannt, weil diese ihre Hilflosigkeit nicht zeigen. Sie verstecken ihre bedürftige Seite hinter einer männlich-coolen Fassade, schlagen um sich, obwohl sie Schutz und Geborgenheit suchen. Ihre Provokationen und Grenzüberschreitungen sind eigentlich Hilferufe.

Körperliche und seelische Veränderungen

HEUTE KOMMEN JUNGEN WIE MÄDCHEN aufgrund einer allgemein beschleunigten Entwicklung immer früher in die Pubertät, wobei diese bei Mädchen etwa ein bis zwei Jahre früher eintritt. In der Pubertät kommt es dann zu einer sprunghaften körperlichen Entwicklung. Der Körper des Jungen wächst rasch (besonders Arme und Beine), Muskelmasse und Muskelkraft nehmen zu, die Schultern werden breiter, Bart und Schamhaare entwickeln sich, Hoden und Penis wachsen, die Stimme wird tiefer, es kommt zum ersten Samenerguss. Die Haut leidet unter Umständen an Akne. Das Körperempfinden verändert sich; viele Jungen fühlen sich verunsichert und reagieren gereizt. Zu den Stimmungsschwankungen kommen Selbstzweifel, Scham, leichte Verletzlichkeit und mangelnde Frustrationstoleranz.

Auch die Verhaltensgewohnheiten ändern sich. Hormone werden anders ausgeschüttet – etwa Melatonin, welches den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Deshalb gehen Jungen meist später zu Bett und schlafen dafür länger, was vielfach familiäre Konflikte erzeugt. Der Ablösungsprozess von der Familie führt häufig durch Protesthaltungen und gesteigerte Aggressivität zu Auseinandersetzungen mit den Eltern, aber auch mit den Geschwistern. Die Jugendlichen setzen sich nun mit Wertvorstellungen und Erwartungen anderer Menschen kritisch auseinander. Es beginnt die Suche nach der Identität; eigene Meinungen werden gebildet. Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? – all diese Fragen stellen sich nun mit Vehemenz.

Was Jungen im Lauf ihrer Entwicklung lernen müssen

WÄHREND DER PHASE DER PUBERTÄT und Adoleszenz entwickelt sich auch die Geschlechterrolle. Die emotionale Identifikation mit Personen, von denen Jungen fasziniert sind, ist hier von großer Bedeutung.

Folgende Entwicklungsaufgaben sind dabei zu bewältigen:

die eigenen körperlichen Veränderungen akzeptieren

seine Geschlechtsrolle übernehmen, erste intime Kontakte gestalten

sich von den Eltern lösen und emotional unabhängig werden

einen eigenen Freundeskreis aufbauen zu Gleichaltrigen bei derlei Geschlechts

sich selbst kennenlernen, Klarheit über sich selbst gewinnen

eine eigene Identität entwickeln (wer bin ich, wer möchte ich sein?)

berufliche Vorstellungen entwickeln, sich auf den Beruf vorbereiten

eigene Ziele und Zukunftsperspektiven (konkretes Lebensmodell) entwickeln

eigene Fähigkeiten und Grenzen erkennen

mit Autoritäten umgehen lernen

beziehungs- und liebesfähig werden

sich sozial verantwortlich verhalten

eine eigene Weltanschauung und ein Wertsystem entwickeln und sich daran orientieren (Handlungsprinzipien)

Von der positiven Bewältigung dieser Aufgaben hängt die Zufriedenheit mit sich selbst ab. Diese Entwicklungsaufgaben beschäftigen junge Männer heute noch weit über das 20. Lebensjahr hinaus. Die sogenannte »Generation Y« wohnt länger im Elternhaus und wird deutlich später erwachsen. Ausbildungszeiten verlängern meist die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern. Auch müssen junge Männer mit raschen und massiven gesellschaftlichen Veränderungen und mit vielen Ungewissheiten und Unsicherheiten umgehen lernen. »Internet, Globalisierung, Klimawandel, Finanzkrise und Terrorismus haben ihre Kindheit geprägt und für viel Unsicherheit gesorgt. Und auch in den kommenden Jahrzehnten erwarten sie einschneidende Veränderungen – gerade in Bezug auf die digitalisierte Arbeitswelt …«, schreibt Anne-Ev Ustorf.10 Es ist »normal« geworden, sich in Beruf und Partnerschaft erst später festzulegen. Die vielfältigen Möglichkeiten, die ihnen offenstehen, werden aber mitunter auch als belastend erlebt.

Wenn die Lust erwacht

IN DER PUBERTÄT ERWACHT, HORMONELL BEDINGT, das Interesse an der Sexualität. Jungen beschäftigen sich dann mit Fragen wie etwa: Wie soll man Mädchen ansprechen? Was erregt sie? Was ist der G-Punkt? »Die meisten Jungs machen endlos Pläne, wie sie Mädchen aufreißen können und was sie dann alles mit ihnen anstellen, es ist eines der Hauptthemen neben Sport. Aber in Wirklichkeit sind wir alle recht verklemmt« gesteht Frank, ein 14-jähriger Junge, in einem Interview.11

Sexualität ist für Jungen oft auch schambesetzt. Was tun bei morgendlicher Erektion, Samenerguss und Masturbationsflecken? Die beschleunigte Entwicklung führt auch zu früherem Geschlechtsverkehr. »Das erste Mal« kommt meist ungeplant und überraschend zustande. Jungen (und Mädchen) verhüten umso weniger, je jünger sie sind.12 Auch wenn am Schulhof viel über Sex geredet wird, wissen Jungen relativ wenig über Schwangerschaftsverhütung, zumindest weniger als Mädchen.13

Im Hinblick auf Sexualität kursiert unter Jungen viel Halbwissen. So weiß jeder dritte Junge zwischen 10 und 12 Jahren nicht, was beim Samenerguss geschieht. Jungen haben wenig Kenntnis von ihrem eigenen Körper und der weiblichen Anatomie.

Sexualaufklärung in der Schule ist nicht immer zufriedenstellend, und die Eltern kommen als Gesprächspartner für dieses Thema nicht unbedingt in Frage. Bleiben also die Freunde und das Internet. Dabei stoßen Jungen relativ rasch auf die allgegenwärtige Pornografie: »Und hier geht es um Sex pur, ums explizit Genitale – und dabei um Lust, aber auch um Macht und die Abgründe des Begehrens, die gesellschaftlich gern verdrängt werden. Diese Offenheit zieht viele Jungen an, sie ist für die männliche Wahrnehmung gemacht, aber sie trainiert und bildet eine einseitige Sicht aufs Sexuelle. Nicht zuletzt hat dieser Blick auch eine beschämende, demütigende Seite. Zudem kann Pornografie Jungen erheblich unter Druck bringen. Mit dieser Art von Leistungssexualität können sie nicht mithalten«, stellt Reinhard Winter14 fest. Gerade in diesem Punkt ist es für Eltern – insbesondere für den Vater – wichtig, mit dem Sohn über Pornografie zu sprechen und die eigenen Haltungen klar zum Ausdruck zu bringen. Da Jungen in Pornos keinen romantischen Sex sehen, sondern eher derbe Szenen, sind sie verunsichert, was nun »normaler« Sex ist. Pubertierende Jungen denken häufig an Sex; sie malen sich das erste (oder nächste) Mal aus und stellen sich Sex-Techniken und besondere Stellungen vor – und geraten so häufig unter Leistungsdruck.

Vielen Eltern fällt es schwer, über Sex zu reden. Doch sie sind die engsten Vertrauenspersonen des Kindes und sollten deshalb eine offene Atmosphäre schaffen und dem Kind signalisieren: »Ich bin für alle Fragen offen.« Ein Kind sollte das Gefühl haben: Ich bin mit meinen Fragen jederzeit willkommen. Jungen wie Mädchen haben eine natürliche Wissbegier und möchten verstehen, was in ihrem Körper vor sich geht. Dabei geht es nicht nur um »Aufklärung« im engeren Sinn, sondern darum, einen Zugang zum eigenen Körper zu bekommen. Das erfordert von den Eltern viel Behutsamkeit und Einfühlung.

Auch wenn Väter heute großteils bei der Geburt dabei sind, häufig Elternzeit nehmen und sich in der Erziehung engagieren, überlassen sie die heiklen Themen Körper, Liebe und Sexualität meist den Müttern. Das ist schade. Denn ein Junge will vor allem vom Vater wissen, wie er als Mann mit diesem Thema umgeht. Doch der emotionale Zugang zu den Themen Sex und Liebe fällt Männern immer noch schwer. Dennoch sind sie gefordert, offen und klar mit ihrem Sohn zu sprechen.

Testosteron & Co15

BEREITS IN DER ACHTEN SCHWANGERSCHAFTSWOCHE produzieren die Y-Chromosomen das männliche Hormon Testosteron. Nach dem ersten Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel wieder, verdoppelt sich jedoch um das vierte Lebensjahr erneut und erhöht sich schließlich während der Pubertät um das Zwanzigfache. Testosteron regt das Muskelwachstum an und erhöht das Energieniveau im jugendlichen Körper. Doch wohin mit dieser geballten Kraft? Jungen reagieren in der Pubertät oft heftig und impulsiv, was die Erwachsenen schnell verunsichern oder überfordern kann. Jungen neigen in dieser Phase vermehrt zu Positionskämpfen innerhalb der Peergroup, um ihren sozialen Status und Rang festzustellen und abzusichern. Bereits im Kindergarten kämpfen Jungen um Vorrechte, versuchen mit Imponiergehabe ihre Stärke zu demonstrieren und bilden Rangordnungen.

Die moderne Hirnforschung zeigt, dass das Testosteron bei Jungen zu einer erhöhten konstitutionellen Vulnerabilität führen kann, was in mangelnder Selbstkontrolle und Aggressivität zum Ausdruck kommt. Daher brauchen Jungen insbesondere eine Halt gebende und Grenzen setzende Erziehung und Fürsorge durch die Eltern.

Die Hirnforschung lässt uns viele interessante Details der menschlichen Entwicklung besser verstehen. So können wir das oft auffällige Verhalten und die Probleme von Jungen besser einordnen und angemessener darauf reagieren. Neben dem Testosteron wird im Körper auch das sogenannte Anti-Müller-Hormon (AMH) erzeugt, welches das Gehirn »maskuliniert«. Es entstehen mehr Vernetzungen, was Forscherdrang, Wissbegier, motorische Steuerung, räumliches Vorstellungsvermögen und wilde Spiele angeht. Auch der Spiegel des Hormons Vasopressin steigt an.

Die Vorliebe der Jungen für »männliches« Spielzeug wie Fahrzeuge und Waffen dürfte nicht nur mit der »männlichen« Sozialisation und dem Angebot an »männlichem« Spielzeug zusammenhängen, sondern möglicherweise auch mit Gehirnschaltkreisen, die männliches Verhalten steuern. Die männlichen Hormone bewirken einen stärkeren Aktivitätsdrang, aggressiveres Spielverhalten, Demonstration von Stärke, Dominanzstreben, Konkurrenzkämpfe, Risikobereitschaft, Wettbewerbsverhalten, Verteidigung des eigenen Reviers und Austesten von Grenzen.

Der Neurotransmitter Dopamin lässt Jungen immer wieder nach lustvollem Nervenkitzel (zum Beispiel durch Horrorfilme oder spannende Videospiele) suchen. Wenn das Belohnungszentrum so immer wieder aktiviert wird, kann auf Dauer sogar Suchtverhalten entstehen. Außerdem gewinnen Themen wie Hierarchie und klare Rangordnung in der Gruppe an Bedeutung. Meist werden sie durch Positionskämpfe, spielerisches Raufen oder eine entsprechende Körpersprache geklärt. Wenn ein Junge keine Führungsposition erreichen kann, demonstriert er nach außen hin Gleichgültigkeit. Untersuchungen zeigen übrigens, dass die Anführer von Jungengruppen einen deutlich höheren Testosteronspiegel haben.

Der Testosteronspiegel steht nicht so sehr, wie oft angenommen, mit Aggressivität in Zusammenhang, sondern mit Konkurrenzverhalten und Wettbewerbsorientierung. Zum Beispiel steigt vor einem Fußballspiel bei den Spielern der Testosteronspiegel sowie der Dopamin- und Vasopressinspiegel – ebenso das Selbstvertrauen. Nach einem sportlichen Misserfolg fallen diese Werte ab.

In der Pubertät bewirkt das Testosteron in der Gehirnregion des Hypothalamus, dass das sexuelle Verlangen doppelt so groß wird wie bei Mädchen. Kein Wunder, dass Jungen häufig durch sexuelle Fantasien abgelenkt sind und keine Lust auf Lernen und Hausaufgaben haben. Das Belohnungszentrum im Gehirn wird heute oft eher durch Computerspiele aktiviert als durch Lernerfolge.

Das Hormon Vasopressin fördert überdies das aggressive Verteidigen des eigenen Lebensbereichs, und das Stresshormon Cortisol sorgt für Kampfbereitschaft bzw. Fluchtverhalten. Erhöhte Reizbarkeit, Ungeduld, Jähzorn und Empfindlichkeit gegenüber potenziellen Bedrohungen oder Feindseligkeiten – je nach Gesichtsausdruck des Gegenübers – haben hier ihre Wurzeln. Eltern von pubertierenden Jungen wissen davon ein Lied zu singen, zum Beispiel wenn sie unaufgefordert das Zimmer des Jugendlichen betreten.

Auch der Schlaf- und Wachrhythmus verändert sich durch das vermehrte Testosteron: Männliche Jugendliche bleiben abends gern länger auf und schlafen dafür länger. Konflikte mit den Eltern sind damit vorprogrammiert.

Bevorzugte Gesprächsthemen sind bei Jungen Spiele, Aktivitäten und Gegenstände, weniger Menschen, Beziehungen und persönliche Themen. Bei Mädchen sieht das anders aus. Signale von außen – wie ständige Aufforderungen durch die Eltern – werden von Jungen als unerwünschter »Lärm« häufig ausgeblendet. Eltern berichten dann: »Hundertmal habe ich ihm das schon gesagt« – auch für dieses Verhalten dürften Hormone zuständig sein.

Soziale Anerkennung und Gruppenzugehörigkeit sind bei Jungen grundlegend für die Entwicklung von Selbstbewusstsein. Dementsprechend reagieren sie sehr empfindlich auf Kritik und Äußerungen zu ihrem Aussehen. Um dazuzugehören nehmen Jungen in Gruppen oft viel Risiko auf sich. Der für Affekte zuständige Gehirnbereich, die Amygdala, wird in Anwesenheit von Gleichaltrigen hormonell doppelt so stark aktiviert. Das Hemmsystem des präfrontalen Cortex (PFC), welches für die kognitive Informationsverarbeitung zuständig ist und die Risiken von Handlungen abwägt, ist in diesem Alter noch wenig ausgeprägt. Jungen glauben daher oft, alles unter Kontrolle zu haben.

Jugendliche selbst, sowie alle, die mit ihnen leben, benötigen viel Verständnis für diesen Hormon-Tsunami. Jungen sind jedoch den Hormonen nicht völlig ausgeliefert; das Gehirn ist sehr lernfähig und veränderbar, wenn die Umgebung anregend und förderlich ist.

Vorgegebene Rollen beeinflussen die Entwicklung zum Mann-sein. Wenn ein Junge dazu erzogen wird, ein »richtiger Mann« zu sein, stark, tapfer und selbstständig, wächst er mit der Erwartung auf, Ängste und Schmerzen zu unterdrücken. Seine weichen Seiten wird er verbergen. Männer wie Frauen sehnen sich gleichermaßen nach Nähe und Zärtlichkeit, doch Männer werden diese Bedürfnisse, die als schwach eingeschätzt werden, nicht äußern. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass sich diese Gefühlsunterdrückung in strukturellen Veränderungen der neuronalen Schaltkreise widerspiegelt.

Das Gehirn wird ständig von außen geformt und geprägt. Die Auffassung, dass wir ausschließlich oder überwiegend von unseren Genen bestimmt werden, ist längst durch die Erkenntnisse der Epigenetik überholt.

Wie Gleichaltrige die Entwicklung zum Mann prägen

IM LAUF DER ENTWICKLUNG ZUM MANN nehmen Beziehungen zu Gleichaltrigen, soziale Netzwerke und Cliquen bei Jugendlichen einen immer größeren Stellenwert ein. Die Gruppe der Gleichaltrigen, die Peergroup, vermittelt Gefühle der emotionalen Geborgenheit, Zugehörigkeit, Sicherheit und Orientierung. Sie stellt auch einen Freiraum zur Erprobung von Neuem dar.

Viele Jungen sind eher auf Gruppen bezogen und nicht so sehr auf persönliche Zweierbeziehungen wie Mädchen. In der Gruppe werden Hierarchien abgesteckt und Fähigkeiten der Einzelnen geklärt. Wer kann was gut? Wer ist der Stärkste? Wer ist der Schnellste? Wer kann sich durchsetzen? Es kommt zum Kräftemessen und Rivalisieren mit anderen Jungen. Provokation und Konkurrenz ist angesagt; jeder will seine Fähigkeiten demonstrieren.

Selbstbehauptung und Wettbewerb formen unter anderem die männliche Identität. Die Gruppe der Gleichaltrigen ist der primäre Ort, an dem Männlichkeit erprobt wird. Jungen sind dort hohem Erwartungsdruck ausgesetzt, ihre Anerkennung hängt davon ab. Mit Großspurigkeit und Abwertung von Mädchen und Homosexuellen zum Beispiel versuchen Jungen dort in Bezug auf ihre Männlichkeit zu punkten.

Ansehen und Status in der Peergroup, die besonders bei Jungen einen hohen Stellenwert haben, müssen ständig neu geklärt und überprüft werden. Sich dauernd behaupten und durchzusetzen zu müssen, macht jedoch enormen Stress. Es geht darum, anerkannt, cool und »in« zu sein. Sich beispielsweise in der Schule anzustrengen, gilt weithin als uncool und bringt keine Anerkennung in der Peergroup; sich oppositionell gegen die Erwartungen und Anforderungen des Systems Schule zu stellen, bringt hingegen einen Prestigegewinn in der Gruppe.

Gleichzeitig versucht jeder Einzelne seine Angst und Unsicherheit zu verbergen, da er meist annimmt, dass er der Einzige ist, der diese Gefühle hat. Um die eigenen Schwächen zu verbergen, werden die Schwächen der anderen oft lächerlich gemacht.

ALLGEMEINE TIPPS

Nehmen Sie Ihren Sohn ernst.

Bleiben Sie bei Konflikten nach Möglichkeit gelassen.

Stellen Sie klare Regeln auf, treffen Sie klare Abmachungen und bestehen Sie auf deren Einhaltung.

Zeigen Sie aber auch Verständnis und seien Sie auch einmal nachsichtig.

Vermitteln Sie Ihrem Kind ein gesundes Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit. Sprechen Sie immer wieder ein ehrliches Lob aus und geben Sie ihm Anerkennung für seine Fähigkeiten.

Versuchen Sie eine Balance zwischen zu großer Strenge und zu langer Leine gegenüber Ihrem Kind zu halten.

Geben Sie Ihrem Sohn genug Freiraum, damit er sich abnabeln kann.

Bleiben Sie aber für ihn präsent, wenn er Sie braucht.

Vermeiden Sie Machtkämpfe, wenn Sie in Ihrer Autorität infrage gestellt werden.

Lassen Sie sich nicht von Ihren Ängsten leiten.

Bleiben Sie Eltern und versuchen Sie nicht, sich auf die gleiche Ebene mit dem Jugendlichen zu stellen (etwa bezüglich Kleidung etc.).

KLEINE HELDEN MIT GROSSEN NÖTEN – DIE HÜRDEN DER MÄNNLICHEN SOZIALISATION

DIE MUTTER IST FÜR IHR KIND DAS ERSTE »LIEBESOBJEKT«; eine Art »Symbiose« entsteht, eine intensive Beziehung zwischen Mutter und Kind. Für die Lösung aus dieser Beziehung kann der Vater wichtig werden. Er kann dem Sohn helfen, aus der Zweierbeziehung mit der Mutter heraus und in eine Dreierbeziehung Vater-Mutter-Kind zu treten. Dieser Übergang von einer Zweier- in eine Dreierbeziehung beginnt bereits im Säuglingsalter und erfordert vom Vater, eine eigenständige Beziehung zum Jungen aufzubauen.16 Im zweiten bis dritten Lebensjahr beginnt der Junge von selbst, sich aus der symbiotischen Beziehung mit der Mutter zu lösen und sich mit dem Vater zu identifizieren, um langsam eine Ich-Identität auszubilden. Für die Mutter heißt das, sich bereits zu dieser Zeit aus der innigen Beziehung zum Sohn zurückzuziehen.

Für den Jungen bedeutet das Ende dieser symbiotischen Phase einen Identitätsbruch. Hatte er sich bisher mit der Mutter identifiziert, muss er nun eine neue (männliche) Identität finden. Wenn er ein Mann werden will, muss er sich von der Mutter abgrenzen. Jungen, die kein männliches Vorbild haben, nabeln sich in der Regel später besonders radikal von der Mutter ab. Gerade in der Pubertät werden nicht selten die Mutter und das »Weibliche« allgemein abgewertet. Allerdings gerät er hier in ein Dilemma. Er liebt ja seine Mutter und schätzt ihre emotionale Zuwendung, hat er doch im Alltag eine große Nähe zu ihr entwickelt und von ihr auch gelernt, wie sie mit ihren Gefühlen umgeht. Doch er darf nicht werden wie sie. So spaltet er seine Gefühle ab oder hegt zumindest ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter.

Jungen erfahren von Müttern wie Vätern seltener körperliche Nähe, emotionale Zuwendung und Trost als Mädchen, obwohl sie gleich bedürftig sind. Es wird stillschweigend angenommen, dass Jungen diese Erfahrungen weniger brauchen. Ab einem bestimmten Alter können sie mit ihren Problemen nicht mehr zur Mutter kommen (»Du wirst doch ein Mann und musst das Problem selber lösen«, ist dann die Antwort). Während Mädchen auch über die Zeit der Pubertät hinaus zu ihren Müttern gehen und Probleme besprechen können, werden Jungen mit ihren Nöten häufig allein gelassen. Die Mehrheit der Väter konzentriert sich außerdem nach der Geburt eines Kindes verstärkt auf den Beruf und ist zu Hause weniger verfügbar.

Jungen werden in unserer Gesellschaft vorwiegend von Frauen erzogen; meist umsorgt die Mutter den Jungen als Baby und Kleinkind, möglicherweise wird sie dabei von einer Babysitterin oder Großmutter unterstützt. In der Kinderkrippe und im Kindergarten betreuen dann Kindergärtnerinnen den Jungen und in der Grundschule Lehrerinnen. Erst in weiterführenden Schulen sind Jungen mit männlichen Lehrkräften konfrontiert. Jungen brauchen positive männliche Leitbilder, damit sie ihre männliche Identität entwickeln können: an erster Stelle den Vater.

WIE SIEHT TRADITIONELL MÄNNLICHES VERHALTEN AUS?

JUNGEN BEOBACHTEN DAS VERHALTEN VON MÄNNERN und lernen auf diese Weise, wie Männlichkeit gelebt werden kann.17 Wie läuft männliche Sozialisation ab? Zu den Grundmustern traditioneller männlicher Sozialisation zählen nach Böhnisch und Winter18 vor allem die Externalisierung, die Außenorientierung des Mannes in seinem Wahrnehmen und Handeln, die Stummheit im Sinne von emotionaler Sprachlosigkeit, das selbstgenügsame Alleinsein als Reaktion auf die Schwierigkeit, sich anderen mitzuteilen, und die Rationalität in Form von logischen Erklärungen und Rechtfertigungen. Als weitere typisch männliche Strategie gilt die zwanghafte Kontrolle, die der Aufrechterhaltung der männlichen Dominanz und der Gefühlsabwehr dient. In der Körperferne zeigt sich ein distanziertes Verhältnis zum Körper, der als Objekt bzw. als Maschine gesehen wird. Auch in der sogenannten Homophobie – in der Angst vor Homosexualität und in der Vermeidung von Körperkontakt mit anderen Männern – kommt die Körperferne zum Ausdruck. Schließlich werden Gewalt (gegenüber Frauen, Kindern und anderen Männern) und Benutzung (zum Beispiel Ausbeutung von natürlichen Ressourcen) als extreme Formen traditionellen männlichen Verhaltens gesehen.

Gefühlsunterdrückung und Entfremdung von der eigenen Innenwelt

DER DEUTSCHE PSYCHOTHERAPEUT und Buchautor Björn Süfke19 stellt fest, dass Jungen von Eltern und Erzieherinnen weniger »gespiegelt« werden als Mädchen. Vor allem »negative« Emotionen wie Trauer, Hilflosigkeit und Angst werden bei Jungen seltener erkannt und benannt, sie werden einfach ignoriert. Junge Männer nehmen deshalb diese Gefühle auch weniger wahr. Viele Männer haben einen »Mangel an Verbindung zu eigenen Gefühlen und der persönlichen Geschichte sowie eine eingeschränkte Empathiefähigkeit«.20 Es gibt aber auch viele gefühlsoffene und einfühlsame Männer, die selbst einen guten Zugang zu ihren Gefühlen haben. Von ihnen können Jungen sehr stark profitieren. Ein guter Kontakt zu den eigenen inneren Impulsen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und Wünschen fördert die psychische Gesundheit.

Kleine Jungen zeigen ihre Gefühle noch offen; mit zunehmendem Alter lernen sie jedoch unter dem Einfluss von außen (nach dem Motto: »Ein Junge weint nicht«), diese zu unterdrücken. Insbesondere werden Ängste verdrängt und verleugnet. Gerade schüchterne und ängstliche Jungen, die zum Beispiel mit Spielzeugpistolen herumschießen, versuchen möglicherweise, ihre Ängste auf diese Weise zu verarbeiten, wollen sich so groß, stark, unverletzlich und überlegen fühlen.

Jungen haben natürlich auch die Fähigkeit zu Einfühlung und Mitgefühl. Diese Gefühlskompetenz kann besser entwickelt werden, wenn Eltern und Pädagoginnen sich in Jungen einfühlen können, ihnen ihre Gefühle spiegeln und ihnen mit Anerkennung, Respekt und Wertschätzung begegnen. Jungen sind auf unser Mitgefühl angewiesen. Auch die Gleichaltrigen spielen eine Rolle. »Weil Jungen sich gegenseitig in ihrem Männlichsein bestätigen, kann es sein, dass sie sich den Umgang mit sensiblen Gefühlen abgewöhnen«, schreibt dazu Reinhard Winter.21 Die Fähigkeit zum Mitgefühl kann durch harte, reduzierte Männlichkeitsvorstellungen wieder verlernt und abtrainiert werden. Auch der exzessive Konsum von gewalttätigen Computerspielen kann das Mitgefühl verringern.

Jungen drücken Emotionen weniger über Worte, sondern vielfach über das Verhalten aus. »Ist man traurig, benimmt man sich schlecht oder ärgert seine Eltern, fühlt man sich unsicher, beginnt man zu prahlen oder mimt den Coolen, und ist man fröhlich, überkommt einen ein unbändiger Tatendrang«, so schreibt Allan Guggenbühl.22

Jungen verlernen, Gefühle der Traurigkeit, Überforderung, Hilflosigkeit oder Scham wahrzunehmen. Oft wollen sie sich nicht einmal eingestehen, dass sie diese Gefühle für unmännlich und für ein Zeichen von Schwäche halten. Sie haben gelernt, mit anderen Jungen nicht über Gefühle zu sprechen. Die Bedürfnisse nach Nähe, Intimität und Vertrautheit werden einfach abgewehrt und verdrängt. Dadurch wird traditionelle männliche Identität aufrechterhalten.

Jungen lernen laut Björn Süfke23 durch Beobachtung von den Männern folgende Arten der Gefühlsabwehr: Schweigen und Alleinsein (»Da muss man alleine durch!«), Selbstdarstellung, Rationalität, Handlungsorientierung (»Ich sprech nicht gern, ich mache lieber«), Ergebnis- statt Prozessorientierung (»Entscheidend ist, was rauskommt«), Konkurrenz und Leistung (»Wir müssen gewinnen«), Gewalt (Abwehr von Hilflosigkeit).

Außerdem beobachten Jungen bei Männern, dass diese scheinbar keine Angst haben. Die »(un)heimlichen Ängste der Männer« sind jedoch vielfältig, wie Björn Süfke24 feststellt: Angst vor Verlust der Leistungsfähigkeit oder Verlust der Anerkennung, Angst, in seiner männlichen Identität bedroht zu sein, Angst vor Demütigungen, vor Gewalt, vor Frauen, vor dem Verlassenwerden, vor den eigenen »schwachen« Gefühlen. Weitere Gefühle, die von Männern abgewehrt werden, sind: Hilflosigkeit, Überforderung und Trauer. Auch Schuldgefühle werden häufig verdrängt, und die Schuld wird nach außen projiziert. Ärger und Wut hingegen werden von Männern meist direkt und unmittelbar ausgedrückt. Sie symbolisieren männliche Stärke und schützen daher die männliche Identität.

Gefühlsabwehr erzeugt innere Leere und schließlich eine »männliche Depression«. Das erklärt möglicherweise die hohe Suizidrate von Männern. Der psychische Schmerz versteckt sich oft hinter sozialer Isolation, Arbeitswut, Alkoholmissbrauch, psychosomatischen Beschwerden oder Gewalttätigkeit.

Das herkömmliche Männlichkeitsideal verbietet es unseren Jungen, Überforderung, Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit auszudrücken. Vielmehr reagieren sie häufig mit Unruhe und Aktivität nach außen. Hier bedarf es der einfühlsamen und sensiblen pädagogischen Begleitung und Unterstützung durch Eltern und weitere Bezugspersonen, damit Jungen lernen, dass sie mit all ihren Gefühlen und Bedürfnissen akzeptiert sind.

Die meisten Jungen in unserer westlichen Gesellschaft werden entsprechend einem traditionellen Männerbild sozialisiert.25 Das bedeutet nichts anderes, als dass die »weichen« Seiten wie Empfindsamkeit, Mitgefühl und Zärtlichkeit abgelegt werden müssen. Die größten Ängste von Jungen sind: die Angst, kein richtiger Mann zu sein; Angst zu versagen; Angst vor der Gewalt anderer Jungen; Angst vor Einsamkeit; Angst, keine Freundin zu bekommen; Angst, Außenseiter zu sein; Angst, ein Weichei zu sein; Angst, von Mädchen kritisch beurteilt zu werden; Angst vor Zärtlichkeit.26

WIE GESELLSCHAFTLICH DOMINANTE MÄNNLICHKEITSBILDER WIRKEN