Junges Glück auf Zeit - Patricia Vandenberg - E-Book

Junges Glück auf Zeit E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. »Oh, là, là!« sagte Fee Norden, als sie die Post durchsah, »ist er also doch schon siebzig.« »Wer?« fragte Daniel kurz von der Zeitung aufblickend. »Konsul Vandevelde«, erwiderte Fee. »Wir sind zum Empfang eingeladen, und da er im Jagdschlössl stattfindet, könnten wir ja mal wieder ›große Welt‹ schnuppern. Was meinst du, mein Schatz?« »Ungern«, brummte er. »Wann soll das sein?« »Nächsten Freitag. Um Antwort wird gebeten. Ich möchte schon mal wieder sehen, was sich in diesen Kreisen so alles tut.« »Von mindestens zwanzig Leuten werde ich dir die diversen Wehwehchen aufzählen können, Fee. Mir wird die Ehre zuteil, der Hausarzt des engen Bekanntenkreises zu sein, und ich höre auch allen möglichen Tratsch.« »Aber davon erzählst du mir nichts.« »Ich vergesse es auch gleich wieder. Sorgen haben die Leute! Wahrscheinlich erwartet man von uns, daß wir auch einen Empfang zur Einweihung unseres neuen Hauses geben.«

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Norden Bestseller – 372 –Junges Glück auf Zeit

Patricia Vandenberg

»Oh, là, là!« sagte Fee Norden, als sie die Post durchsah, »ist er also doch schon siebzig.«

»Wer?« fragte Daniel kurz von der Zeitung aufblickend.

»Konsul Vandevelde«, erwiderte Fee. »Wir sind zum Empfang eingeladen, und da er im Jagdschlössl stattfindet, könnten wir ja mal wieder ›große Welt‹ schnuppern. Was meinst du, mein Schatz?«

»Ungern«, brummte er. »Wann soll das sein?«

»Nächsten Freitag. Um Antwort wird gebeten. Ich möchte schon mal wieder sehen, was sich in diesen Kreisen so alles tut.«

»Von mindestens zwanzig Leuten werde ich dir die diversen Wehwehchen aufzählen können, Fee. Mir wird die Ehre zuteil, der Hausarzt des engen Bekanntenkreises zu sein, und ich höre auch allen möglichen Tratsch.«

»Aber davon erzählst du mir nichts.«

»Ich vergesse es auch gleich wieder. Sorgen haben die Leute! Wahrscheinlich erwartet man von uns, daß wir auch einen Empfang zur Einweihung unseres neuen Hauses geben.«

»Wirklich? Du liebe Güte, daran habe ich nicht gedacht. Aber das kann man schließlich von einer kinderreichen Familie auch nicht erwarten. Wir sind ja noch lange nicht mit dem Einräumen fertig.«

Er warf ihr einen schrägen Blick zu und lachte leise. »Ich finde alles perfekt, und es ist hübscher geworden, als ich dachte.«

»Vor allem geräumiger, aber von den Kleinigkeiten und Feinheiten bekommst du ja nichts mit.«

Seit vier Tagen wohnten sie in der Parkstraße, und an den Tag des Umzugs wollte Fee schon gar nicht mehr denken. Obgleich es ja sozusagen nur um die Ecke und eine Straße weiterging, hatte ein solches Durcheinander geherrscht, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte. Es schien auch an diesem Tag so, als hätte sich alles gegen sie verschworen.

Einen Tag vorher hatte es noch genieselt, dann fror es in der Nacht, und es war Glatteis, und seit den frühen Morgenstunden schneite es unaufhörlich. Daniel hatte die Praxis für zwei Tage geschlossen, aber er wurde doch zu zwei Unfällen gerufen, weil bei dem Wetter Not am Mann war.

Zum Glück waren die Kinderzimmer und die Küche bereits neu eingerichtet und schon seit Tagen fertig, und so konnte Lenni mit den Kindern schon drüben sein, während Fee den übrigen Auszug beaufsichtigte.

Es wurden teilweise Rutschpartien, aber die Möbelpacker zeigten sich bei Laune, da sie gut versorgt wurden. Lenni hatte sich mit der neuen Küche, in der es an nichts fehlte, bereits vertraut gemacht, der Kühlschrank war gefüllt, heißer Kaffee und Tee ging nicht aus, und auch warme Suppe war da, so wie lecker belegte Brote.

Die Kinder hatten ihre neuen Zimmer und fanden alles toll. Das Haus war warm, sie konnten spielen, und am Nachmittag war das Schlimmste schon vorbei gewesen. Das Wohnzimmer war bereits ganz gemütlich, im Bauernzimmer war der Tisch gedeckt, und der Garten sah im weißen Winterkleid romantisch aus.

Lenni hatte ein hübsches eigenes Reich, geräumiger als im alten Haus, in die nun die Praxis verlegt werden sollte, wenn alles renoviert war, und Daniel trug sich mit dem Gedanken, sich mit einem anderen Arzt zusammenzutun. Diesbezüglich wollten sie aber alles reiflich überlegen, damit es dann nicht zu Differenzen kommen konnte. Sie mußten schon harmonieren, sich gegenseitig vertreten können. Es war ja auch Fees größter Wunsch, daß Daniel mehr Familienleben genießen sollte. Die Kinder wuchsen so schnell heran, und er hatte viel zuwenig von ihnen. Sie wollten auch mal längere, gemeinsame Urlaube machen und öfter mit der übrigen Familie zusammenkommen.

Aber ihr neues Haus konnten sie nun schon genießen. Zwei große Räume waren im Keller.

In einem war die Tischtennisplatte aufgebaut und die Trimmgeräte untergebracht, der andere war ein Tummelplatz für die Kleinen mit Kaufladen, Kasperltheater, einer kleinen Kegelbahn und all den Spielsachen, die sich angesammelt hatten. Es ging schon lustig zu, während Fee und Daniel noch in aller Ruhe ihr Frühstück genossen und auf ein ruhiges Wochenende hofften.

Fee brachte dann wieder die Einladung bei Konsul Vandevelde ins Gespräch, als Daniel die Zeitung weggelegt hatte.

»Ich kann doch zusagen?« fragte sie.

»Wenn du so gern hingehen willst, zwänge ich mich halt mal wieder in den alten Smoking«, meinte er seufzend.

»Ich darf dich erinnern, daß es ein neuer Smoking ist, der dir noch sehr gut paßt«, lächelte sie.

»Tatsächlich? Wann hatte ich ihn denn zuletzt an?«

»Auf dem Nikolausball waren wir heuer nicht.«

»Glücklicherweise, da muß es ein ziemliches Theater gegeben haben.«

»Wieso?«

»Brückmann hat es mir erzählt.«

»Wann hast du ihn getroffen, und was hat er erzählt?« fragte Fee.

»Vorgestern habe ich ihn in der Behnisch-Klinik getroffen. Dautz, Reinold und Müller hatten wohl etwas zuviel getrunken und sind sich in die Wolle geraten. Es muß sehr peinlich gewesen sein. Bei Dautz steht die Scheidung ins Haus.«

»Du liebe Güte, warum denn das?«

»Sie soll eine Affäre mit einem gewissen Brent haben, Neuzuzug, und Müller hat es Dautz gesteckt. Ich finde diesen Tratsch widerlich, noch dazu, wenn solche Sachen in aller Öffentlichkeit breitgetreten werden. Aber es ist wohl ausgeartet. Siehst du, wie brav wir leben, so was erfahren wir gar nicht.«

»Jetzt haben wir es erfahren. Ist dieser Brent auch Arzt?«

»Nein, anscheinend so ein Finanzier oder Banker.«

»Und was hat Brückmann damit zu tun?«

»Seine Frau war mit Lore Dautz befreundet, und er sollte bei dem Streit vermitteln. Aber vielleicht hat sich auch alles anders verhalten. Bei mir geht es zu einem Ohr rein, zum andern raus. Wieso sind wir eigentlich darauf gekommen?«

»Weil wir darüber sprachen, daß wir nicht zum Nikolausball waren.«

»Und am besten nie wieder hingehen und auch zu anderen Festen nicht.«

»Aber doch zum Empfang zu Konsul Vandevelde, da geht es bestimmt vornehm zu.«

»Hoffentlich nicht zu vornehm, sonst bin ich gleich wieder weg. Aber was tue ich nicht alles dir zuliebe…«

Fee konnte sich wirklich nicht beklagen. Sie wußte, wie ungern Daniel zu solchen Veranstaltungen ging, aber sie meinte, daß sie sich hin und wieder doch mal sehen lassen müßten, und sie selbst war tatsächlich neugierig, ab und zu mal zu hören und zu sehen, was sich so tat, und als Hausmütterchen wollte sie auch nicht bespöttelt werden.

Sie konnten sich beide sehen lassen, ja, sie machten Furore, wo immer sie gemeinsam in Erscheinung traten, ein Ehepaar, das man immer noch als Traumpaar bezeichnen konnte.

»Wir können dann ja im Sommer mal eine Gartenparty geben«, meinte Fee beiläufig.

»Damit dann gleich der frische Rasen zertrampelt wird. Wir geben für unsere engsten Freunde eine Einweihungsparty und damit hat sich’s, und wenn dann die neue Praxis fertig ist, gibt es für jeden, der kommen will, ein Glas Sekt.«

Sie widersprach ihm nicht. Wozu auch, denn bis dahin war es noch eine Weile hin.

*

Auch im Hause Bruggmann wurde über die Einladung gesprochen. Auch hier saß man am Frühstückstisch, Carlo Bruggmann und seine immer noch bildschöne Frau Caroline. Der Sohn Jochen, sechsundzwanzig Jahre und die neunzehnjährige Laura. Jochen stammte aus Carlo Bruggmanns erster Ehe. Seine Mutter war schon kurz nach der Geburt an Nierenversagen gestorben. Es war Carlo vor der Heirat verheimlicht worden, daß sie nicht gesund war. Sie selbst hatte es nicht wahrhaben wollen. Sie hatte Carlo abgöttisch geliebt und hätte schon deshalb nie auf ein Kind verzichtet, wie es die Ärzte geraten hatten.

Sie hatte dann auch ein gesundes Kind zur Welt gebracht, und heute war Jochen Bruggmann ein sportlicher, blendend aussehender junger Mann, seinem Vater sehr ähnlich.

Obwohl Caroline nur achtzehn Jahre älter war als er, hatte er sie von Anfang an akzeptiert, vielleicht nicht als Mutter, sondern eher als eine große Freundin, und so war es auch geblieben. Er hatte sich auch nicht zurückgesetzt fühlen müssen, als Laura geboren wurde. Da war er sieben Jahre alt gewesen, und nun konnte er sich als großer Bruder erweisen, was er auch tat. Wehe, wenn der Kleinen auch nur ein Härchen gekrümmt wurde, er war immer da gewesen, und später oft als ihr Beschützer in Erscheinung getreten.

Caroline wurde von allen Carry gerufen. Da Laura nie etwas anderes gehört hatte, sagte sie auch nicht Mami, oder nur ganz selten, wenn sie zu anderen über ihre Mutter sprach.

Auch in diesem Haus herrschte vollste Harmonie, obwohl Jochen, ebenso wie Daniel Norden, keine Neigung zeigte, zu diesem Empfang zu gehen.

»Da erscheinen doch bestimmt nur die älteren Semester«, meinte er anzüglich.

»Und wie komme ich mir dann vor?« begehrte Laura auf. »Dann gehe ich auch nicht mit.«

»Ihr kommt beide mit«, erklärte Carlo Bruggmann kategorisch, »das sind wir Vandevelde schuldig. Schließlich habe ich es ihm zu verdanken, daß ich meine liebe Carry kennenlernte.«

Und schnell griff er nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen, um es deutlich zu machen, wie glücklich er noch heute darüber war. Caroline schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln.

»Na ja, wenn das kein Grund ist«, meinte Jochen nachgiebig.

»Ihr habt noch nie erzählt, wie das damals eigentlich war«, warf Laura ein. »Erzähl du doch mal, Daddy, Carry sagt, daß sie ein ganz dummes und schüchternes Ding und sehr beeindruckt von dir gewesen wäre. Und daß sie nie und nimmer geglaubt hätte, daß du sie heiraten würdest.«

Carlo sah seine Frau wieder an, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Schüchtern war sie schon, aber dumm ganz bestimmt nicht. Immerhin war ich aber beträchtlich älter als sie und schon Vater eines fünfjährigen Sohnes. Caroline war zu Besuch bei den Vandeveldes, und Magnus meinte, daß sie sich ruhig ein bißchen um Jochen kümmern könnte, damit es ihr nicht zu langweilig würde. Er hat sie gar nicht erst gefragt.«

»Aber ich habe es sehr gern getan«, warf Caroline schnell ein, »und wir haben uns auch gleich

gut verstanden, nicht wahr, Jochen?«

»So gut, daß er Zetermordio schrie, als Carry eine Stellung in einer anderen Stadt annehmen wollte. Da hab’ ich sie halt gefragt, ob sie nicht immer bei uns bleiben wolle, und schließlich hat sie ja gesagt.«

»Ich war ein armes Mädchen«, sagte Carry leise. »Meine Eltern lebten nicht mehr und hatten mir nicht viel hinterlassen.«

»Und sie wollte nicht, daß man dachte, sie würde mich nur heiraten, um sich ein angenehmes Leben zu verschaffen, war es nicht so, Carry?«

»Ja, so war es. Seid ihr nun zufrieden?«

»Und dabei war es die große Liebe«, sagte Laura träumerisch. »Man merkt es ja heute noch.«

Und Carry wollte es gar nicht mehr anders wissen, obwohl es damals doch ein bißchen anders gewesen war, denn sie hatte die erste herbe Enttäuschung ihres Lebens hinter sich, und wenn sie Carlo auch sehr zugetan gewesen war, an Liebe wollte sie damals nicht mehr glauben. Sie begriff aber bald, daß wahre Liebe etwas ganz anderes war, als jenes Strohfeuer, an dem sie sich die Flügel verbrannt hatte. Aber sie war noch heute froh, daß sie Carlo auch dies erzählt hatte. Nichts stand zwischen ihnen, es gab keine Geheimnisse und auch später keine Heimlichkeiten. Sie führten eine Bilderbuchehe, die auf einem festen Fundament aufgebaut und durch nichts zu erschüttern war.

»Ich bin froh, daß du bei uns geblieben bist, Carry, und daß wir dann noch unsere Laura bekommen haben.« Er blinzelte zu seiner hübschen Schwester hinüber, die ihm schräg gegenübersaß. »Kommst du mit zum Tennis, Laura?«

»Mir ist es zu kalt, und ich spiele auch nicht gern in der Halle.«

»Da ist es aber warm«, meinte er.

»Ich laufe lieber ein Stück mit Baffy«, erklärte sie.

Der erhob sich gleich von seinem Platz am Kamin, gähnte laut und streckte sich. Er war ein hübscher Terriermischling und wurde von allen heißgeliebt. Er war treu und anhänglich, sehr gescheit und clever.

»Mit wem spielst du, Jochen?«

»Mit Theo und Florian. Hast du nicht doch Lust?«

»Nun erst recht nicht«, erwiderte sie mit einem spöttischen Unterton. »Diese Angeber.«

»Soll ich ihnen das sagen?« fragte Jochen neckend.

»Meinetwegen«, gab sie gleichmütig zurück.

Caroline und Carlo tauschten einen langen Blick. »Um Laura braucht uns nicht bange zu sein«, sagte Carlo lächelnd.

»Sie wird nicht den gleichen Fehler machen wie ich«, sagte sie leise.

»Ist doch längst vergessen, Liebes. Du hattest auch keinen großen Bruder als Beschützer.«

»Jochen ist rührend. Er ist dir so ähnlich, Carlo.«

»Wir lieben dich beide sehr, das ist das ganze Geheimnis.«

Und sie fühlte sich als die glücklichste Frau der Welt. Was einst gewesen war, hatte keine Bedeutung.

*

Draußen war es sehr kalt, aber den Unterschied merkte Jochen erst, als er die warme Tennishalle betrat. Er wurde mit großem Hallo begrüßt. Theo und Florian hatten sich schon mit einem Glas Punsch aufgewärmt.

»Unser Platz ist noch besetzt«, sagte Theo. »Erlauchte Gäste. Neuzugang aus England. Man will wohl erst testen, ob wir fein genug sind.«

»Red doch nicht solchen Schmarr’n«, warf Florian ein. »Brent ist doch schon länger in München und hat auch schon für den ersten Tratsch gesorgt.«

»Für den hat dein Vater gesorgt«, spöttelte Theo Müller.

Florian Reinold wurde etwas verlegen. »Der war halt mal wieder blau.«

Jochen hörte gar nicht mehr zu, und nicht nur deshalb, weil er nichts von Klatsch hielt und auch gar nicht wußte, worum es ging. Ein graziles junges Mädchen kam jetzt nämlich vom Platz, während zwei Männer sich noch am Rande unterhielten. Es war ein bezauberndes blondes Mädchen, knapp mittelgroß, sehr schlank. Sie hatte die schönsten Beine, die Jochen je gesehen hatte, und dabei konnte seine Schwester Laura sich wahrhaftig auch sehen lassen. Aber Jochen war noch nie zuvor auf den ersten Blick von einem weiblichen Wesen so fasziniert gewesen.

Das Mädchen ging in etwa zwei Meter Entfernung an ihm vorbei, aber sie sah zu ihm herüber. Ihre Blicke trafen sich, und ihn durchzuckte ein elektrisierender Schlag, als ein staunender Ausdruck über ihr Gesicht huschte.

»Wenn du scharf auf eine reiche Erbin bist, das ist eine«, sagte Theo anzüglich.

»Quatschkopf«, konterte Jochen bissig, »wir haben selbst Geld genug.« Er kehrte es sonst nie heraus, aber die Bemerkung brachte ihn auf die Palme.

»Sei doch nicht gleich so empfindlich«, lenkte Florian ein. »Wollen wir ein Doppel spielen? Da kommt Patrick.«

Momentan war Jochen abgelenkt. Er hatte Patrick Vandevelde, den Enkel des Konsuls, schon einige Jahre nicht mehr gesehen, und nun erfuhr er, daß Patrick frisch aus den Staaten zurück war. Er hatte an der Havard Universität studiert und bereits seinen Doktor gemacht. In Philologie und Philosophie, wie Jochen nun auch hörte. Die Begrüßung war lässig. Patrick sah schon aus wie ein Intellektueller, aber bald sollten sie eine Kostprobe bekommen, daß er auch sehr gut Tennis spielen konnte.

Er redete nicht viel. Er wurde erst gesprächiger als Theo und Florian dann noch ein Einzel spielen wollten, und Patrick sich mit Jochen zu einem Drink an die Bar setzte.

»Ihr kommt doch sicher auch zu dem Empfang«, begann Patrick. »Es wäre ganz nett, wenigstens ein paar bekannte Gesichter zu sehen.«

»Kommen Theo und Florian nicht?« fragte Jochen.

»Die Familien sind nicht eingeladen. Ich habe so was läuten hören, daß es da einen ziemlichen Knatsch gegeben haben soll. Dad hat das nicht so gern.«

Er hatte seinen Großvater immer Dad genannt, da er seinen Vater gar nicht kennengelernt hatte, da er bei einer Expedition auf tragische Weise ums Leben gekommen war, als Patrick noch keine drei Jahre alt gewesen war. Seine Mutter, die ihr zweites Kind erwartete, starb dann unter dem Schock stehend, an der Frühgeburt. Patrick wurde von seinen liebevollen Großeltern aufgezogen. Er entbehrte nichts, er vermißte nicht einmal Elternliebe, weil Magnus und Ingrid Vandevelde mit ihrem jugendlichen Aussehen und ihrer fortschrittlichen Weltanschauung für ihn die Eltern waren.