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Der Kölner Musiker Magnus Meister muss seine mageren Einnahmen aufbessern. Er soll für einen alten Freund Sabotagefälle auf den Baustellen der Bestkauf GmbH aufklären und gleich zu Beginn seiner Ermittlungen gibt es einen Toten. Der Abteilungsmacho der Firma ist nach einer Betriebsfeier ungebremst gegen einen Baum gefahren. Gibt es eine Verbindung zwischen seinem Tod und den dubiosen Vorgängen auf den Baustellen? Magnus Meister braucht Humor, seine Band und die Hilfe seiner Freunde, um die Fäden zu entwirren.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Susanne Grulich
K. o. durch Meister
Kriminalroman
K. o. mit Rock’n’Roll Der Kölner Musiker Magnus Meister bessert seine mageren Einnahmen mit einem Job als Detektiv auf. Während der Proben für einen Hochzeitsgig soll er für seinen alten Freund Benno Sabotagefälle auf den Baustellen der Bestkauf GmbH aufklären. Kaum mit den Ermittlungen begonnen, stolpert Meister auch schon über eine Leiche. Nach einer Betriebsfeier ist der Abteilungsmacho völlig nüchtern gegen einen Baum gefahren. Gibt es eine Verbindung zwischen seinem Tod und den mysteriösen Vorgängen auf den Baustellen? Magnus Meister tritt auf der Stelle, bis er eine Affäre zwischen dem Opfer und dessen Mitarbeiterin, der attraktiven Steffi Lindner, aufdeckt. Als er sie befragen will, ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Und als hätte er nicht schon Probleme genug, drängt Benno ihm noch die nervige Nadja als Assistentin auf. Auch im Proberaum kippt die Stimmung. Was ist nur mit Leadgitarrist Nick los? Magnus Meister braucht Humor, seine Band und die Hilfe seiner Freundin Eliza, um die Fäden zu entwirren.
Susanne Grulich wurde in Köln geboren. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik, Romanistik und Jura und verdiente ihr Geld zunächst als Rechtsanwältin. Seit ihrer Studienzeit musizierte sie in diversen Rockbands. Als Gitarristin, Schlagzeugerin und Sängerin schrieb sie zunächst die Songtexte. Daraus entwickelten sich später Kurzgeschichten und schließlich ihr Krimidebüt um den ermittelnden Rockmusiker Magnus Meister. Sie arbeitet aktuell als Dozentin für ein großes Kölner Einzelhandelsunternehmen. Hierbei trifft sie täglich auf die unterschiedlichsten Charaktere, die sie zu ihren Geschichten inspirieren. Sie wohnt mit Mann, Gitarre und Garten im Kölner Süden.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2017
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © shamm / fotolia.com
ISBN 978-3-8392-5482-0
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Sie hätte Emmi im Dunkeln nicht von der Leine lassen sollen. Was für eine Schnapsidee, die Hündin mit auf die Baustelle zu nehmen. Wo war sie? Sie pfiff leise, in der Hoffnung auf eine Reaktion. Nach dem Schauer war es kühler geworden. Carola Wolf zog den Reißverschluss ihrer Regenjacke hoch. Vom Rheinufer her wehte ein frischer Wind. Streng genommen war es nicht ihr Job, zu überprüfen, ob die Container abgeholt waren. Aber nach allem, was in den letzten Wochen vorgefallen war, konnte ihr niemand übertriebenes Sicherheitsbedürfnis vorwerfen. Morgen früh sollte die Vorabnahme für den neuen Supermarkt reibungslos über die Bühne gehen. In der Dunkelheit konnte sie nicht viel erkennen, obwohl sie die Baustelle kannte wie den Inhalt ihrer Handtasche. Sie trat auf dem lehmigen Untergrund in eine Pfütze und fluchte. Die neuen Sneakers sogen sich sofort mit Wasser voll. Aus den tiefen Taschen ihrer Jacke kramte sie eine kleine Taschenlampe hervor.
»Emmi! Bei Fuß!« Bisher gehorchte die junge Labradorhündin nur auf dieses Kommando, wenn es dafür zur Belohnung eine kleine Leckerei gab. Sie hatte sie mit ihrem Mann erst vor vier Wochen aus dem Tierheim abgeholt. Carola Wolf blieb stehen und lauschte. Außer dem Reifengeräusch der Autos auf dem nassen Asphalt der Rheinuferstraße und dem Rumpeln der Linie 16, die hier auf den Ubierring abbog, war nichts zu hören. Sie fror in den nassen Schuhen. Was, wenn Emmi durch ein Loch im Zaun zur Rheinuferstraße gerannt wäre? In ihrem Magen breitete sich ein Druckgefühl aus. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Sie wollte gerade das Handy aus der Jacke holen und Andreas um Hilfe bitten, als sie ein helles Bellen hörte.
»Emmi, hierhin! Komm zu mir!« Erleichtert eilte sie in die Richtung, aus der das Gebell kam. Emmi gab Laut, aufgeregt, als ob sie zwischendurch kaum Luft bekäme.
»Hier bin ich! Bei Fuß!« Die Hündin antwortete mit Gebell, sie musste am äußeren Rand des frisch asphaltierten Parkplatzes sein. Carola Wolf versuchte sich zu orientieren, aber der schmale Lichtkegel der Taschenlampe half ihr nur wenig weiter. Sie trabte quer über die Asphaltfläche in die Richtung, aus der sie das Gebell zuletzt gehört hatte, und übersah dabei eine Vertiefung im Boden. Sie trat mit dem linken Fuß in die Vertiefung, knickte um, verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Vor Schmerzen traten ihr die Tränen in die Augen.
»Mist, verdammter!«
Plötzlich leckte ihr eine warme Hundezunge über die Wange. Sie musste trotz der Schmerzen lachen. »Emmi, du dummer Hund, was machst du bloß?« Die Hündin umkreiste sie aufgeregt und winselte. Carola Wolf rappelte sich auf und tastete vorsichtig ihren linken Knöchel ab. Er schwoll bereits an, bestimmt waren die Bänder überdehnt. Sie versuchte mit dem linken Fuß aufzutreten und verzog das Gesicht, als ihr ein stechender Schmerz bis in die Wade hochschoss.
»Komm her, ich nehme dich an die Leine.« Dieses Mal gehorchte die Hündin. Carola Wolf bückte sich und hob die Taschenlampe auf, die ihr bei dem Sturz aus der Hand gefallen war. Sie brannte noch. Emmi zog an der Leine.
»Was ist denn da vorne so interessant? Ich hatte für heute genug Abenteuer.« Sie humpelte ein Stück in die Richtung, in die Emmi sie zog, und ließ ihr etwas mehr Leine.
»Am Montag melden wir dich in der Hundeschule an. Ich bin das satt.« Plötzlich setzte die Hündin sich vor ihre Füße und bellte ein Mal. Carola Wolf erschrak und blieb stehen. Zwei Schritte vor ihr endete die Asphaltdecke. Dahinter tat sich eine Baugrube auf. Wieso war hier nichts abgesperrt? An dieser Seite des Gebäudes sollte nächste Woche das Fundament für den Getränkemarkt gegossen werden. Daran hätte sie denken können, statt wie eine Anfängerin über die Baustelle zu laufen. Sie wich einen Schritt zurück, atmete tief ein und richtete den spärlichen Lichtkegel auf den Rand der Grube, aber es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Links von ihr stapelten sich die düsteren Gerippe der Stahlbewehrung, die die Fertigbauteile verstärken würden. Rechts von ihr flatterte das lose Ende eines rot-weißen Absperrbandes im Wind. Emmi nutzte die lange Leine, um am Rand der Grube auf und ab zu laufen. Carola Wolf näherte sich langsam der Mulde und lauschte. War da nicht ein Geräusch zu hören?
»Emmi, sei still!«, zischte sie. Sie ließ sich auf alle viere nieder und kroch auf den Rand zu, so gut es mit Leine und Taschenlampe in der Hand ging. Vorsichtig das Gewicht ausbalancierend reckte sie ihren Kopf über den Rand und spähte nach unten. Sie riskierte es, die Leine loszulassen, und richtete den Lichtkegel der Lampe in die Tiefe der Grube. Nur Sand und Geröll, soweit sie erkennen konnte. Da war das Geräusch wieder, ein leises Scharren auf der rechten Seite. Wahrscheinlich liefen in der Senke ein paar Mäuse oder Ratten herum.
»Hallo, ist jemand da unten?« Sie kam sich albern vor. Dann hörte sie ein leises Wimmern. Das klang nicht nach Ratten. Vielleicht ein verletztes Tier? Sie leuchtete mit dem Strahl ihrer Taschenlampe systematisch den rechten Teil der Grube ab, soweit das mit dem schwachen Lichtkegel möglich war. »Hallo?« Es war wieder still.
»Tut mir leid, Emmi, aber ich kann nichts sehen.« Sie kroch behutsam rückwärts, den Schmerz im linken Fuß ausblendend. Die Hündin winselte und stupste sie mit der Nase an.
»Weißt du was, Andreas soll uns abholen. Mir reicht es.« Sie setzte sich auf den nassen Asphalt und tippte die Handynummer ihres Mannes ein. Noch bevor sie eine Verbindung aufbauen konnte, hörte sie wieder ein Wimmern, diesmal lauter.
»Verdammt.« Sie steckte das Handy in ihre Jackentasche zurück, kroch erneut zum Rand der Baugrube und leuchtete in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatte. Da war etwas – ein heller Fleck hob sich vom Sand ab, ein ganzes Stück weiter rechts. Ein Stück Stoff? Sie erhob sich fluchend und humpelte am Rand der Grube entlang, den Lichtstrahl unverwandt auf den hellen Fleck gerichtet. Emmi blieb dicht hinter ihr. Beim Näherkommen gewann die helle Stelle an Schärfe. Ein Kleidungsstück – eine Jacke vielleicht? Carola Wolf blieb stehen, spähte hinunter und ließ den Lichtstrahl wandern. Sie konnte in der Tiefe kaum Umrisse mit dem schwachen Licht erfassen.
»Können Sie mich hören? Antworten Sie doch!« Doch es kam keine Antwort. Sie glaubte, eine Bewegung wahrzunehmen. In den Lichtstrahl schob sich langsam die bleiche Form einer geöffneten menschlichen Handfläche.
Carola Wolf zuckte zurück und verlor vor Schreck fast das Gleichgewicht. Dann bewegte sie sich vorsichtig vom Rand weg, rief die Hündin zu sich und tippte entschlossen die Notrufnummer in ihr Handy.
»Stopp! Aufhören! Die Braut soll am Tag ihrer Hochzeit nicht in Tränen ausbrechen. Der Shoop Shoop Song ist ihr Lieblingslied.« Magnus räusperte sich ins Mikrofon. »Noch mal den Refrain, mit mehr feeling. One, two, three, four! –
Hey, wo bleibt die Begleitung?« In die Stille hinein schrillte dreimal der Klingelton seines Handys, dann war Ruhe. Die Jungs grinsten ihn an.
»Wie wäre es mit einem modernen Handy, Meister? Smartphone, weißt du. Damit kannst du sogar ins Internet.« Sven drückte auf eine Taste am Keyboard. Künstliches Gelächter füllte den Raum.
»Nenn mich nicht Meister. Was ist los hier? Wir haben ein Repertoire von 150 Songs und scheitern an diesem albernen Popliedchen?«
»Du bist nicht Cher und ich keine schwarze Backgroundsängerin. Hat die Braut kein anderes Lieblingsstück?«, fragte Sven. »Meinetwegen ›Happy‹, das haben wir wenigstens schon geprobt, wie heißt der noch?«
»Pharrell Williams«, sagte Hotte. Er legte seine Sticks auf der Snare Drum ab.
Jasper streifte sich den Gurt über den Kopf und lehnte den Bass gegen den Verstärker. »Ich brauche ein Bier.«
»Okay, wir können den Gig auch absagen. Es ist sicher kein Problem für Franziska und Mark, eine Woche vor der Hochzeit eine andere Band zu finden.« Magnus schaffte es nicht, den Ärger in seiner Stimme zu unterdrücken.
»Jetzt spiel nicht die Diva«, murrte Jasper. »Du hörst doch selbst, dass es bescheiden klingt.«
»Schülerband.« Hotte sagte selten mehr als ein Wort. »Schülerband« war sein schlechtestes Urteil über ihre Bandleistung.
Magnus blickte zum Keyboard. »Sven?«
»Der Song basiert auf dem Wechsel von Leadstimme und starkem Background. Uns fehlt eine richtig gute zweite Stimme.« Sven öffnete sich mit dem Feuerzeug eine Flasche Bier. »Lass uns draußen weiter überlegen.«
Der Proberaum von »Till Dawn« lag in der Kölner Südstadt, im dritten Stock des Bürgerhauses Stollwerck. Sie spielten mit Aussicht auf den Rheinauhafen und die Spitzen des Kölner Doms, Traum jeder Band, die im Keller proben musste. Tagsüber nutzte ein gemeinnütziger Verein die Räume in diesem Stockwerk, abends waren sie hier unter sich. Magnus öffnete die Glastür mit der Beschriftung »Notausgang«. Ein kühler Aprilwind wehte ihnen einen Geruch von Frühling und die Abgase der Rheinuferstraße in die Nase. Sie quetschten sich auf das Plateau der Feuertreppe. Magnus ließ sich auf einer Treppenstufe oberhalb nieder und fischte sein Handy aus der Hosentasche. Eine Mitteilung von seiner Freundin Eliza, er möge sich dringend bei Benno melden. Drei Anrufe und eine SMS von Benno selbst. Benno war einer seiner ältesten Freunde, betrieb erfolgreich eine Detektei und verschaffte ihm gelegentlich Jobs. Magnus öffnete die letzte Nachricht und las: »Meister, wo steckst du? Probe? Morgen früh um acht bei mir im Büro. Sei pünktlich!«
Morgen? Morgen war Sonntag. »Spinner«, murmelte Magnus. Jetzt war Benno endgültig übergeschnappt. Magnus beschloss, ihn frühestens morgen Mittag zurückzurufen. Er angelte ein Päckchen Tabak aus der Brusttasche seines Hemdes und drehte sich eine Zigarette.
»Das war noch Rock ’n’ Roll, als wir im Proberaum rauchen durften.« Jasper schnippte die Asche über das Geländer nach unten.
»Der ganze Raum voll mit leeren Bierflaschen, wisst ihr noch?« Svens Augen bekamen einen verträumten Ausdruck.
»War das Benno? Hast du einen neuen Schnüffelauftrag?«, wollte Jasper von Magnus wissen.
»Keine Ahnung, was der will. Hey, können wir über den Song reden? Woher sollen wir bis Samstag eine Backgroundsängerin bekommen?«
Hotte, der sich hinter Magnus gesetzt hatte, tippte ihm auf die Schulter. »Eliza?«
Magnus schüttelte den Kopf. »Sie ist schon ewig nicht mehr aufgetreten. Außerdem soll sie auf der Hochzeit die Fotos machen. Das Brautpaar will professionelle Bilder.«
»Wo ist eigentlich Nick? Ohne Leadgitarre klingt der ganze Sound mau.« Jasper schnippte seine Kippe über das Geländer.
»Er hat noch einen Termin, kommt später«, antwortete Magnus zerstreut. Vielleicht könnte er Eliza dazu überreden, am Samstag aufzutreten?
»Wahrscheinlich ist der Termin blond und langbeinig«, sagte Jasper.
»Na und? Lass ihn doch! Fass dir an die eigene Nase. Du vergisst dafür dauernd, mir den Akustik-Bass mitzubringen«, sagte Magnus.
»Geht’s noch?«, schaltete Sven sich ein. »Wir wollen am Wochenende mit 2.000 Euro für den Gig nach Hause gehen, und ihr macht ein Fass wegen nichts auf!«
In diesem Moment öffnete sich die Glastür zum Plateau einen Spalt, und Nick schob sein breit grinsendes Gesicht durch die Tür.
»Nee, ist klar, ohne einen echten Gitarristen dreht ihr Däumchen. Was würdet ihr nur ohne mich, euren Superstar und Bandmotor machen?« Er quetschte sich neben Magnus auf die Feuertreppe.
»Wir haben uns gefragt, ob dein Termin blond ist«, sagte Sven.
Nick wurde rot und begann seine Haarsträhnen zu zwirbeln. »Äh – diesmal ist es anders.«
Schallendes Gelächter antwortete ihm. »Strichliste!«
»Wer führt die Strichliste?«
»Wie oft haben wir das schon gehört?«
Hotte deutete mit der Hand in den trübe beleuchteten Gang zum Proberaum. »Weiter?«
Nach der Probe ging die Band geschlossen ins »Alibi«, ihre Lieblingskneipe für den Absacker danach. Hannes, der Besitzer, war wie Magnus ein glühender Rolling-Stones-Fan und winkte ihnen vom Tresen aus zu. Sie drängelten sich an älteren Ehepaaren, Studenten und Alt-Hippies vorbei zu einem Ecktisch, den Hannes ihnen freigehalten hatte. Es roch nach den Frikadellen, die Hannes’ Frau in der Mini-Küche freitags und samstags am Fließband produzierte. Wer etwas anderes essen wollte, hatte Pech gehabt.
Ein paar Schülerinnen kicherten an einem Stehtisch über Fotos, die sie sich gegenseitig auf ihren Handys zeigten. Magnus schoss durch den Kopf, dass sie im selben Alter wie Clara waren. Ging seine Tochter auch schon samstags in solche Kneipen?
Magnus orderte am Tisch eine Runde Kölsch für alle. Sylvia, eine freundliche Mittfünfzigerin, die Hannes an den Wochenenden aushalf, stellte kurz darauf die Getränke und eine Schale Erdnüsse auf den Tisch. Sie zwinkerte Magnus zu. »Da wartet jemand auf dich, Hübscher. Dreh dich mal um.«
Vom Tresen winkte Magnus ein massiger, kahlköpfiger Mann im grauen Nadelstreifenanzug zu. Er fiel in dieser Kneipe auf wie ein Alien in der Fußgängerzone.
»Benno, das Metronom! Hey, warum kommst du nicht rüber? Lass deinen Glanz auf uns scheinen!« Nick brüllte quer durch die Kneipe.
»Der will nicht mit uns gesehen werden«, grinste Sven. »Der ist seriös.«
Magnus seufzte, trank sein Kölsch auf einen Zug aus und erhob sich. »Da muss ich wohl mal hin.« Er kämpfte sich durch die Menge an die Bar durch.
Benno hob ein Wasserglas hoch und prostete ihm zu. »Ich wusste, dass du nicht zurückrufst.«
»Hat dir Eliza gesagt, dass wir hier sind?«
»Ihr seid so berechenbar wie ein Haufen Wirtschaftsprüfer. Hast du meine SMS gelesen? Ich brauche meinen besten Mann.«
»Wovon zur Hölle redest du?«
»Ich habe unserer neuen Klientin erzählt, dass du mein bester Mitarbeiter bist.«
»Du meinst: deiner Klientin. Ich habe keine Zeit. Wir spielen am Samstag auf einer Hochzeit.«
»Lass mich raten«, sagte Benno spöttisch. »Für lächerliche 400 Euro schlägst du dir das Wochenende um die Ohren. Wie klingt das: 2.500 Euro, Spesen, eine, höchstens zwei Wochen Arbeit.«
Magnus zögerte. »Morgen früh um acht? Eliza macht mir die Hölle heiß!«
»Willst du nicht wissen, worum es geht?«
»Nein.«
»Warte ab, bis du die Klientin siehst, genau dein Typ.«
»Eliza ist mein Typ«, sagte Magnus.
»Tja, Wunderheilungen soll es geben. Hey, ich brauche dich. Die Dame solltest du unbedingt kennenlernen. Am Montag kannst du anfangen.«
»Was will sie denn?«
»Das erfährst du morgen.«
»Vergiss es.« Magnus stand auf. »Um acht Uhr bin ich morgen nirgendwo.«
Benno winkte Hannes herbei. »Ein Kölsch für meinen hitzigen Kumpel hier.« Er klopfte Magnus auf die Schulter und grinste. »Die Klientin kommt um elf Uhr. Ich wollte nur mal dein Gesicht sehen, wenn ich dich für acht Uhr bestelle.«
»Idiot.« Magnus grinste zurück und schnappte sich sein Bier. »Jetzt komm mit rüber an den Tisch, deine ehemalige Band hält dich schon für einen arroganten Sack.«
»Aber nur auf ein Getränk!«
Magnus zwängte die verklebten Lider auf und schloss sie sofort wieder. Zu hell. Er drehte sich auf den Bauch und merkte, dass er pinkeln musste. Der Drang ließ selten von alleine nach. Eigentlich nie. Mühsam richtete er sich auf. Ein sengender Schmerz schoss ihm hinter die Augen. Kurz bevor er sich gestern Abend verabschieden wollte, hatte Nick für alle ein Gesöff namens »Kettenfett« geordert, Wodka mit irgendetwas, das nach Lakritz schmeckte. An mehr konnte er sich nicht erinnern, auch nicht daran, wie er nach Hause gekommen war. Mit dem Taxi? Aus dem Erdgeschoss schepperte das Geräusch von Tellern und Tassen, mit denen Eliza den Tisch für das Frühstück deckte, bis hoch ins Schlafzimmer. Es roch nach gebratenen Eiern und Kaffee. Ihm wurde übel, und er hatte es plötzlich eilig, ins Badezimmer zu kommen.
»Alles in Ordnung, Süßer?« Eliza klopfte an die Badezimmertür.
»Fang schon mal ohne mich an.« Magnus’ Stimme war nur noch ein schwaches Krächzen.
»Benno hat wegen des Termins gleich angerufen.«
Verdammt, der neue Auftrag. »Wie spät ist es denn?«
»Viertel vor elf.«
Magnus fluchte und beeilte sich, unter die Dusche zu kommen. Unmöglich, noch pünktlich in Bennos Büro in der Südstadt zu erscheinen. Er musste halbwegs anständig aussehen, wenn ein neuer Klient im Spiel war. Er warf beim Rasieren einen kritischen Blick in den Spiegel und beneidete Frauen nicht zum ersten Mal darum, dass sie Make-up benutzen konnten. Sein Fahrrad stand vermutlich noch vor dem »Alibi«. Er würde mit dem Volvo fahren, falls noch etwas im Tank war.
Eliza rief von unten: »Ich habe Benno gesagt, dass du deiner Mutter dringend etwas aus der Apotheke vorbeibringen musst und daher etwa eine Stunde später kommst! War das richtig?«
Statt einer Antwort tapste er nackt die Treppe herunter, nahm Eliza in den Arm und küsste sie lange auf den Mund.
»Du hast eine Fahne, die nach Lakritz schmeckt«, murmelte sie. »Wann kommst du wieder? Ich habe eine Idee für eine schöne Beschäftigung am Nachmittag.«
»Nimm deine Hand da weg, sonst passe ich gleich nicht in meine Hose«, stöhnte Magnus.
»Na gut, Herr Meister, ich komme später darauf zurück. Kaffee?«
Magnus parkte den Volvo wenig später im Innenhof eines Altbaublocks aus der Gründerzeit. Im ersten Stock befanden sich die Büroräume von Bennos Wirtschaftsdetektei. Antiquitäten aus edlen Hölzern, Parkettboden, gemietete Grünpflanzen, ausgeliehene Kunst. Den Klienten gefiel es oder war es egal, jedenfalls kamen sie wieder und empfahlen die Detektei weiter. Benno konnte sich vor Aufträgen kaum retten, seit er ein DAX-Unternehmen als Kunden an Land gezogen hatte. Vor fünf Jahren, direkt nach Magnus’ Trennung von Carolin, hatte Benno ihm einen Job angeboten, ohne es wie ein Almosen aussehen zu lassen. Magnus war damals pleite, seelisch angekratzt und im Zweifel, ob er seine musikalische Karriere weiterverfolgen sollte. Magnus stellte sich als Idealbesetzung für den Job heraus. Selbst anspruchsvolle Kunden lobten gegenüber Benno sein Talent, auf einfühlsame Art den Finger in die Wunde zu legen.
An den Wochentagen saß Nadja für die Detektei am Empfang, eine professionell freundliche Schönheit, die Magnus wie lästiges Ungeziefer behandelte, das man am besten ignoriert. Er konnte auf ihren Anblick heute gut verzichten.
Benno öffnete ihm. »Geht es deiner Mutter wieder besser?« Was hatte Eliza ihm erzählt? Magnus murmelte etwas Unverbindliches. Er ging direkt durch in Bennos verqualmtes Büro und wedelte sich ein Luftloch frei.
»Wie halten deine Klienten den Gestank aus?«
»Mitrauchen.« Die Frau, die diese Feststellung mit nüchterner Stimme traf, saß auf einem schwarzen Ledersofa, halb verborgen hinter einer ausladenden Birkenfeige. Magnus sah deshalb zunächst nur schlanke, übereinandergeschlagene Beine in schwarzen Stiefeletten. Am oberen Rand des linken Schuhs ragte ein Streifen Verband heraus. Eine schmale, gepflegte Hand hielt eine Filterzigarette. Der Bildausschnitt war ein schönes Versprechen, das sich erfüllte, als sie aufstand, um ihn zu begrüßen. Ihre neue Klientin war zierlich, was der schmale Jeansrock mit dem kurzen Blazer unterstrich. Benno hatte nicht übertrieben, sie sah mit ihren hochgesteckten schwarzen Locken und dem hellen Teint gut aus, wenn man den Schneewittchen-Typ mochte. Magnus mochte ihn.
»Darf ich vorstellen«, sagte Benno, »Carola Wolf. Bitte setzen Sie sich doch wieder. Magnus Meister, mein bestes Pferd im Stall. Er wird Sie ab morgen unterstützen.« Sie setzten sich in die schwarzen Ledersessel, dem Sofa gegenüber. Auf dem Glastisch zwischen ihnen stand eine teuer aussehende hellblaue Ledertasche, in die ein Wocheneinkauf hineingepasst hätte.
»Frau Wolf, wenn Sie bitte für Herrn Meister zusammenfassen könnten, warum Sie uns beauftragen wollen«, sagte Benno.
»Sabotage.« Sie sog nervös an ihrer Zigarette, die sie bereits bis auf den Filter abgeraucht hatte.
Magnus verkniff sich ein Lächeln, die Ein-Wort-Sätze erinnerten ihn an Hotte. Er spürte, dass er gemustert wurde, und war froh, noch genug Zeit für Dusche, Rasur und ein sauberes Hemd gefunden zu haben. Falls sich Schneewittchen einen Wirtschaftsdetektiv anders vorgestellt hatte, ließ sie es sich nicht anmerken.
»Sie haben mir am Telefon erzählt, dass Sie vor Kurzem zur Leiterin der Bauabteilung befördert wurden«, sagte Benno.
»Seitdem gibt es Probleme?«, fragte Magnus.
»Probleme …« Sie ließ das Wort einen Moment im Raum stehen, als ob sie seinen Bedeutungsgehalt neu überprüfen wollte. Dann sah sie Magnus an. Ihre Augen tauchten in seinen Blick ein, und er spürte, wie ihm unter dieser Hypnose warm wurde.
»Seit drei Monaten leite ich diese Abteilung. Ich verantworte die Bauvorhaben unseres Unternehmens in Nordrhein-Westfalen, Umbauten wie Neubauten.«
»Wir reden von der Bestkauf GmbH, einem der größten Einzelhandelsunternehmen Deutschlands«, sagte Benno. »Frau Wolf baut Supermärkte.«
»Zuerst dachte ich an Fahrlässigkeit«, sagte sie. »Seit einigen Wochen verschwinden Planzeichnungen aus meiner Abteilung und tauchen nicht wieder auf. Bauaufträge, die ich schon unterschrieben hatte, sind nicht mehr auffindbar. Aktuell verschwindet gerade Baumaterial in erheblichem Umfang.«
»Kommt das nicht häufiger vor?«, warf Benno ein.
»Aber nicht immer an derselben Baustelle.« Sie griff nach ihrer Zigarettenpackung, ließ sie aber dann wieder auf den Tisch fallen. »Letzte Woche erhielt ich einen Hinweis von unserer Innenrevision. Wir bauen am Kölner Flughafen gerade bei laufendem Geschäft den Markt um. Die Kühlung der Molkereiprodukte fiel in der Nacht von Sonntag auf Montag aus.«
»Wird dann nicht Alarm ausgelöst?«, fragte Magnus.
»Richtig.« Sie bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick. »Vorausgesetzt, er funktioniert. Das war leider nicht der Fall. Auf einer der Kameras ist zu sehen, dass sich eine unbefugte Person in der Nähe der Alarmsicherung aufgehalten hat. Leider kann man nicht genug erkennen. Ich habe mir die Aufzeichnung bestimmt 20 Mal angeschaut.«
»Der Warenschaden für die verdorbenen Lebensmittel betrug rund 25.000 Euro«, sagte Benno. »Die Bestkauf GmbH hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet, bisher ohne Ergebnis. Frau Wolf, erzählen Sie Herrn Meister, was am Freitagabend passiert ist.«
»Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?« Sie wandte sich an Benno, der sofort aufsprang, um ihr das Gewünschte zu holen.
»Kennen Sie die Großbaustelle am Rheinauhafen? An den Kranhäusern?«
Magnus nickte. Er musste ihr ja nicht auf die Nase binden, dass er schräg gegenüber zweimal in der Woche mit seiner Band probte.
»Ein Traumstandort, falls wir ihn jemals eröffnen können. Kein Mitbewerber weit und breit.«
Benno kehrte mit einer Flasche Mineralwasser und drei Gläsern an den Tisch zurück. Ihre Klientin goss sich ein Glas Wasser ein, zündete sich eine Zigarette an und holte tief Luft.
»Morgen früh war ursprünglich der Termin für die Vorabnahme des Hauptmarktes angesetzt. Wir lagen gut im Zeitplan. Am späten Freitagabend wollte ich überprüfen, ob die Schuttcontainer wie vereinbart abgeholt waren. Ich hatte zum Glück Emmi dabei, unsere Hündin. Sie riss mir aus und lief auf eine Baugrube zu.« Sie hob den Blick und fixierte Magnus. »Haben Sie gestern die Zeitung gelesen?«
Benno schob ihm den Kölner Express vom Samstag über den Tisch zu. Die Überschrift auf der ersten Seite lautete: »Praktikant im Koma! Pfusch auf der Baustelle?« Auf dem Titelfoto waren der Teil eines Rettungswagens, ein paar Sanitäter und Feuerwehrleute abgebildet, die im Halbkreis standen. Im Hintergrund sah man die hell erleuchteten Kranhäuser am Rheinufer. Den Leser forderte man auf, den ausführlichen Artikel auf Seite 16 im Kölner Lokalteil nachzulesen.
»Was ist genau passiert?«, fragte Magnus.
»Wenn ich das bloß wüsste. Nils, unser Praktikant, ist in die Baugrube gestürzt. Das Absperrband an der Grube war beschädigt, als ich ihn fand. Er ist schwer verletzt und momentan nicht bei Bewusstsein. Eine Katastrophe.« Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, die Asche ihrer Zigarette gefährlich nah an einer Locke, die sich aus ihren hochgesteckten Haaren gelöst hatte. Dann fing sie sich wieder und richtete sich auf. »Ich musste am Samstagmorgen sofort bei unserer Geschäftsleitung antreten. Dass ich meinen Job noch habe, ist ein kleines Wunder. Aber ich stehe auf der Abschussliste.«
»Was macht Sie so sicher, dass es kein Unfall war?«, fragte Magnus.
Carola Wolf griff nach ihrer Tasche und begann darin zu wühlen.
»Ich habe mir angewöhnt, vor wichtigen Abnahmen Fotos von den Gewerken zu machen.« Sie fand ihr Smartphone in der Tasche, tippte etwas ein und reichte es Magnus. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas auf dem Display zu erkennen.
»Achten Sie auf den unteren Rand. Warten Sie, auf dem nächsten Bild sieht man es besser.« Sie stand auf, griff über ihn hinweg und tippte einen kleinen Pfeil an. Magnus hatte plötzlich den Duft von frischen Äpfeln in der Nase. »Da, rechts unten. Sie müssen es ins Querformat drehen.«
Er erkannte ein Stück grauen Randsteins hinter schwarzem Asphalt, daneben einen Haufen Sand. Weiter nach rechts wurde der Sand dunkler, die Grube vermutlich. Und dann sah er, was sie meinte: den rot-weißen Streifen eines straff gespannten Absperrbandes.
»Das Bild habe ich am Freitag um 17.15 Uhr gemacht. Außer mir war niemand mehr auf der Baustelle. Die Absperrung war intakt.«
»Frau Wolf hat natürlich die Polizei verständigt«, ergänzte Benno.
»Ich hatte den Eindruck, die nehmen mich nicht ernst«, sagte sie. »Aber ich weiß, was ich gesehen habe. Außerdem kann ich mir nicht noch mehr negative Presse leisten.«
»Wie geht es dem Praktikanten?«, fragte Magnus.
»Er liegt in der Uniklinik. Er hat schwere Knochenbrüche und vermutlich innere Verletzungen. Ich war gestern Abend bei ihm und habe mit seinem Bruder gesprochen.« Sie begann zu weinen. Benno und Magnus tauschten einen Blick, dann stand Benno auf und holte Papiertaschentücher aus seiner Schreibtischschublade.
»Danke.« Sie nahm ein Tuch entgegen und putzte sich die Nase. »Glauben Sie, Sie können mir helfen?« Sie wandte sich an Magnus.
»Möglich«, sagte er. »Bitte beantworten Sie mir eine Frage. Wer könnte ein Interesse haben, Ihnen oder Ihrer Abteilung zu schaden?«
Sie zögerte mit der Antwort. »Sicher bin ich mir nicht. Aber einige der Projektleiter waren nicht glücklich, als ich die Abteilungsleitung übernommen habe.«
»Ich könnte mir vorstellen, dass bei der Konkurrenz nicht jedes Ihrer Bauvorhaben auf Gegenliebe stößt«, sagte Magnus.
»Das stimmt.« Sie sah Magnus offen ins Gesicht. »Die Standorte sind zum Teil heiß umkämpft. Es gab viele Neider, als wir die Standortzusage für den Rheinauhafen bekommen haben.«
»Sie haben mir am Telefon gesagt, dass Sie über Ihre Abteilung ein Dossier zusammenstellen werden«, warf Benno ein.
»Daran habe ich gestern den ganzen Tag gearbeitet.« Aus den Tiefen ihrer Handtasche wühlte ihre neue Klientin einen USB-Stick hervor und schob ihn mit angewidertem Gesichtsausdruck in die Mitte des Tisches, als ob er giftig sei. Benno griff danach.
»Wie viele Leute arbeiten bei Ihnen?«, wollte Magnus wissen.
»Um die 20, aber Sie werden nicht alle befragen müssen. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie diskret vorgingen, ich meine …«
»Selbstverständlich«, versicherte Magnus ihr. »Wir geben vor, dass wir Ihre Mitarbeiter als Verdächtige ausschließen möchten.«
Carola Wolf nickte erleichtert. Zum ersten Mal in dieser Besprechung lächelte sie ihn an, ein erfreulicher Anblick, fand Magnus.
Benno wedelte mit dem USB-Stick. »Finden wir darauf die Daten aller Ihrer Mitarbeiter?«, fragte er.
»Ich habe mich auf die Projektleiter der betroffenen Bezirke beschränkt und die Sachbearbeiterinnen, die ihnen zuarbeiten.« Sie wandte sich an Magnus. »Sie finden Auszüge aus den Personalakten, Fotos, sogar die Kontaktdaten meines ehemaligen Vorgesetzten. Herr Wolter hat die Bauabteilung 20 Jahre geleitet und ist Ihnen gerne behilflich. Ihr Kollege hat mir versichert, dass Recherche Ihr Spezialgebiet ist.«
Magnus nickte, er hatte keinen Schimmer, was Benno ihr erzählt hatte.
»Sie mag dich«, stellte Benno fest. »Was hältst du von der Geschichte?« Sie arbeiteten sich an seinem Rechner durch das Dossier.
»Von der Sache oder von Schneewittchen? Selbstbewusst, zielstrebig, sexy – sie wirkt nicht wie eine Frau, die man leicht verunsichern kann.« Magnus durchsuchte seine Hosentaschen und stöhnte. »Gib mir mal eine von deinen Kippen, meine liegen im Auto.«
»Das ist genau der richtige Job für dich. Fragen und zuhören.« Benno schob ihm seine Zigarettenschachtel zu. »Außerdem arbeiten ein paar hübsche Frauen in der Abteilung, guck mal hier, die Blonde, die würde mir auch gefallen.«
Magnus warf einen flüchtigen Blick auf das Bild einer attraktiven Mittzwanzigerin mit hellen Augen. »Und wenn schon. Sind nur Baustellen im Kölner Gebiet betroffen?«
»Sieht so aus. Der zuständige Projektleiter ist immer derselbe, soweit ich weiß. Axel Hammer, hier, das ist er. Erinnert mich an einen Schauspieler.«
»Sabotage hatten wir noch nicht. Hoffentlich muss ich niemanden beschatten, ich hasse diesen Scheiß.« Magnus sah zerstreut aus dem Fenster und nahm einen tiefen Zug. Er begann zu husten. »Herrgott, was für ein Kraut ist das?«
»Leichtverdientes Geld, Meister. Denk an die Zeit, als du noch versucht hast, mit Sozialarbeit und Rock ’n’ Roll deine Brötchen zu verdienen.«
»Danke, dass du mich daran erinnerst. Hast du sonst noch einen Tipp für mich?«
»Mach es wie immer. Stell die richtigen Fragen.« Benno grinste und klopfte mit dem USB-Stick rhythmisch auf die Tischplatte.
»Sehr witzig, du Sackgesicht. Warum bearbeitest du den Fall nicht selbst?«
Benno seufzte. »Würde ich gerne, aber ich muss diese Woche nach Hamburg. Premium-Kunde. Your game.« Er warf ihm den USB-Stick quer über die Tischplatte zu. Magnus fing ihn mit links.
Um neun Uhr am Montagmorgen meldete sich Magnus frisch geduscht, aber müde am Empfang der Bestkauf GmbH, deren Verwaltungsgebäude in Hürth, kurz hinter der Kölner Stadtgrenze lag. Eine freundlich lächelnde Blondgelockte begrüßte ihn, als ob sie nur auf ihn gewartet hätte, und meldete ihn in der Bauabteilung an.
»Nehmen Sie einen Moment Platz, Sie werden gleich abgeholt.« Sie deutete mit der Hand in Richtung einer bequem aussehenden Sitzgruppe. Magnus ließ sich in einen niedrigen grauen Ledersessel fallen und betrachtete den Liveticker auf einem Wandmonitor. Die Nachrichten liefen ohne Ton. Der griechische Premierminister wurde interviewt, vermutlich versuchte er zu erklären, wie sein Land die Milliardenkredite zurückzahlen wollte. Magnus sah sich um. Neben dem Eingang gab es einen kleinen, verglasten Bereich für die Raucher. Er unterdrückte den Impuls, sich auf die Schnelle noch eine zu drehen. Er erhob sich, schlenderte an den hellgrün und weiß gestrichenen Wänden entlang und betrachtete eine Reihe von gerahmten Zertifikaten, die die Bestkauf GmbH als einen der besten Arbeitgeber Deutschlands auswiesen. Magnus fragte sich, wie man das feststellen konnte. Die beste Bezahlung? Die schönsten Büros?
»Herr Meister? Kommen Sie bitte mit mir?« Eine warme, etwas atemlos klingende Frauenstimme unterbrach seinen Gedankenfluss. Er wandte sich um. Vor ihm stand eine Frau mit kräftigen Schultern und rotgefärbten, kurzen Haaren. Das Gesicht mit der goldgeränderten Brille kannte er aus dem Dossier seiner Klientin. Sie war fast so groß wie er und trug eine auffällige Halskette aus unregelmäßig geformten grünen Steinen.
»Guten Morgen. Frau Kaiser?« Er streckte die Hand aus, doch sie hatte sich schon wieder umgedreht und eilte auf eine Treppe am Ende des Empfangsbereichs zu. Magnus beschleunigte seinen Schritt, um hinterherzukommen.
»Wir haben um halb elf eine Besprechung, die ich noch vorbereiten muss«, sagte sie und warf einen kurzen Blick über die Schulter. »Frau Wolf hat uns gerade erst informiert, dass Sie kommen.« Sie hielt kurz an einem Kopierer an, um ein paar Blätter aus dem Ausgabefach zu nehmen, und hastete weiter durch einen langgezogenen Gang, an dem die Büros der Bauabteilung lagen. Die meisten waren besetzt. Vor einer Glastür stoppte Frau Kaiser so abrupt, dass Magnus fast in sie hineingelaufen wäre. »Entschuldigung«, sagte sie und lächelte ihn von der Seite an. »Hier geht es heute Morgen wegen des Unglücksfalls am Samstag drunter und drüber. Ich muss wegen der Presse zurück an mein Telefon und habe keine Zeit.«
»Ich brauche jemanden, der mir die Arbeitsabläufe der Abteilung erläutert«, sagte Magnus amüsiert. »Bei wem ich anfange, spielt keine Rolle.«
Statt einer Antwort stieß Marita Kaiser ohne anzuklopfen die Tür vor ihr auf. Magnus warf schnell einen Blick auf das Türschild, auf dem Fotos von Stefanie Lindner und Olga Wieczorek abgebildet waren. Die Gesichter und Namen der Sachbearbeiterinnen kannte er aus dem Dossier. Rechts am Fenster saß eine hübsche Brünette mit kurzen Haaren, rosigen Wangen und erschrockenem Gesichtsausdruck.
»Olga, hier ist Herr Meister, du weißt ja Bescheid. Wo ist Steffi?«
»Sie kommt später. Sie besucht Nils im Krankenhaus.«
»Aha. Herr Meister hat Fragen zu unserer Arbeit, bitte unterstützt ihn dabei.« Sie schenkte Magnus ein kurzes Lächeln. »Wir sehen uns später.« Die Tür fiel mit einem Klirren ins Schloss.
»Die Kaiserin verbreitet am frühen Morgen schon wieder Hektik«, sagte Olga, aber sie grinste dabei. »Sind Sie der Detektiv, von dem die Chefin erzählt hat? Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.«
»Wie denn?«, fragte Magnus belustigt.
»Na – spießiger. Mit Hut, Anzug und Lupe.« Sie lachte. In ihrer Stimme klang ein weicher Akzent durch, polnisch, wie Magnus aus seinen Unterlagen wusste.
»Setz dich doch. Möchtest du einen Kaffee oder Cappuccino? Wir duzen uns hier im Büro, in Ordnung?«
Während Olga draußen an der Kaffeemaschine die Getränke holte, warf er einen Blick auf ihren aufgeräumten Arbeitsplatz. Auf einer Schreibtischunterlage unter ihrer Tastatur fanden sich Telefonnotizen und eine To-do-Liste, auf der einiges abgehakt war. Ein gerahmtes Foto zeigte Olga am Rheinufer mit einem bulligen blonden Typen, der einen winzigen weißen Hund an der Leine hielt. Dem Typ wollte Magnus nicht im Mondschein begegnen. Magnus zog seine Notizen vom gestrigen Abend aus der Tasche. Olga Wieczorek war verlobt und mit 23 Jahren die Jüngste im Team der Sachbearbeiterinnen. Seine Klientin beschrieb sie als zuverlässige Kraft. Als Olga mit seinem Cappuccino zurückkam, wies er auf das Foto. »Ihr habt einen süßen Hund.«
»Wir haben Diego von meiner Oma«, strahlte Olga. »Sie braucht jetzt einen Rollator. Mein Freund hätte lieber einen größeren Hund gehabt.«
Das glaubte Magnus sofort. Einen Pitbull am besten.
»Er ist so schlau, das kannst du dir nicht vorstellen«, plapperte Olga weiter. »Jurek bringt ihm gerade bei, Sachen wiederzufinden, die er versteckt hat. Er schafft es fast immer!«
»Ein Hund hat auch euren Praktikanten gefunden«, sagte Magnus.
»Das ist eine schreckliche Geschichte.« Sie war auf einen Schlag ernst. »Steffi ist völlig fertig deswegen.«
»Kennen sich die beiden gut?«, fragte Magnus.
»Sie sind nicht zusammen oder so.« Olgas gesunde Gesichtsfarbe wurde vor Verlegenheit eine Schattierung dunkler. »Sie sind auf eine Schule gegangen, da wo Steffi herkommt. Sie hat ihm das Praktikum hier vermittelt.«
Magnus erinnerte sich undeutlich, dass Stefanie Lindner aus dem Bergischen Land hierhergezogen war. Er hatte gestern Abend bei der Durchsicht des Dossiers eine Menge Informationen gleichzeitig verdauen müssen.
»Mit welchem der Projektleiter arbeitest du zusammen?«
»Ich schreibe die Aufträge für Herrn Grundmann und Herrn Dienst, der ist aber gerade in Urlaub. Sie sind beide sehr nett.«
»Die anderen Projektleiter nicht so?«
Olga wurde rot. »So war das nicht gemeint.«
Magnus ließ sich von ihr die Arbeitsabläufe erläutern. Wenn ein neuer Supermarkt gebaut wurde, erhielten die Projektleiter die Planzeichnung und prüften nach einer standardisierten Baubeschreibung das notwendige Investitionsvolumen.
»Ein kleiner Markt in der Düsseldorfer Innenstadt wird anders eingerichtet als ein großer Landmarkt mit einem großen Parkplatz.« In Olgas Erläuterungen klang Stolz auf ihren Job mit. »Wenn Herr Grundmann die Prüfung abgeschlossen hat, stellt er einen Investitionsantrag. Die Chefin genehmigt das Budget, und ab dann darf ich unsere Handwerker und Vertragsfirmen beauftragen.«
»Herr Grundmann betreut das Düsseldorfer Gebiet?«
»Düsseldorf, das Ruhrgebiet und die beiden Supermärkte an den Flughäfen Düsseldorf und Köln.«
»Dann hast du die Geschichte mit dem ausgefallenen Kühlalarm am Flughafen mitbekommen«, stellte Magnus fest.
Olga nickte. »So etwas ist noch nie passiert. Die ganzen Lebensmittel waren verdorben. Die Chefin war total sauer auf Herrn Grundmann, aber das war nicht seine Schuld.«
»Warum bist du dir so sicher?«
»Jemand hat absichtlich den Alarm ausgeschaltet. Das würde doch keiner machen, der hier arbeitet. Warum sollte jemand der eigenen Firma schaden wollen?«
Genau das ist die Frage, dachte Magnus.
Er machte sich auf die Suche nach Frau Kaiser, fand aber nur ein leeres Büro vor. Ihr Telefon zeigte eine Rufumleitung an, und ihm fiel ein, dass sie eine Besprechung erwähnt hatte. Es war halb elf. Sein Blick streifte die Postfächer an der linken Wand. Wenn Marita Kaiser die Tür offen ließ und aus dem Raum ging, konnte jeder sich an der Post bedienen. Kein Problem, in einem unbeobachteten Moment Bauaufträge oder andere Planzeichnungen verschwinden zu lassen, dachte Magnus. Er entschied spontan, die Besprechung abzuwarten und zuerst zum Krankenhaus zu fahren. Vielleicht konnte er etwas über den Praktikanten in Erfahrung bringen. Zum Beispiel, was er am Freitagabend auf der Baustelle verloren hatte. Auf dem Weg zum Parkplatz begegnete ihm eine hübsche Blonde mit hochgestecktem Haar und kurzem Rock, vielleicht Mitte oder Ende 20. Sie würde Nick gefallen, schoss es Magnus durch den Kopf, und er grinste vor sich hin. Die Blonde sah ihn kurz an und direkt wieder weg, vermutlich von seinem albernen Grinsen irritiert. Als er ins Auto einstieg, wurde ihm klar, dass er gerade an Stefanie Lindner vorbeigelaufen war. Live und in Farbe sah sie noch besser aus als auf dem Foto aus dem Dossier.
