Sendeschluss in Köln - Susanne Grulich - E-Book

Sendeschluss in Köln E-Book

Susanne Grulich

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Beschreibung

Der Kölner Musiker Magnus Meister arbeitet wieder als Privatdetektiv: Sein neuer Fall führt ihn hinter die Kulissen der Casting-Show »The Sexiest Song alive«. Wer gibt unerlaubt Informationen an die Presse weiter? Meister ermittelt undercover und beißt sich an ehrgeizigen Kandidaten, Helikopter-Eltern, eitlen Jurymitgliedern und einer gestressten Crew die Zähne aus. Kurz vor Ausstrahlung des Finales stürzt der Chef-Juror in den Tod. Im Dschungel des Showbiz sucht Meister nach Zusammenhängen ...

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Susanne Grulich

Sendeschluss in Köln

Kriminalroman

Zum Buch

Magnus Meister im Recall In seinem neuen Fall kommt der Musiker Magnus Meister dem Traum von einer Karriere als Rockstar näher: Er begibt sich undercover hinter die Kulissen der Casting-Show »The Sexiest Song alive« um zu ermitteln, wer unerlaubt Informationen an die Presse weitergibt – über den Rechner seiner Klientin. Meister erobert die Welt des Showbiz: Die Crew ist am Rande der Belastbarkeit, die Kandidaten verfolgen gnadenlos ihre Ziele und Helikopter-Eltern nerven ihre erwachsenen Kinder. Meister freundet sich mit den Kandidaten an, die er zu den Terminen chauffiert. Seine Tochter Clara, die zur gleichen Zeit ein Praktikum beim Sender macht, verliebt sich in einen der ehrgeizigen Kandidaten. Als Meister den Chef-Juror kennenlernt, macht der ihm ein unerwartetes Angebot, das seiner Karriere einen Schub geben könnte. Doch kurz vor der Ausstrahlung der Finalshow stürzt dieser auf die Bühne – tot. Meister kämpft sich durch einen Dschungel aus Motiven und Eitelkeiten, bis er die überraschende Wahrheit entdeckt.

Die Kölnerin Susanne Grulich studierte Germanistik, Romanistik und Jura und arbeitete zunächst als Rechtsanwältin. Seit ihrer Studienzeit musiziert sie in diversen Bands. Als Gitarristin, Schlagzeugerin und Sängerin schrieb sie Songtexte. Daraus entwickelten sich später Kurzgeschichten und schließlich ihr Krimidebüt um den ermittelnden Rockmusiker Magnus Meister. Sie arbeitet aktuell als Dozentin für ein großes Kölner Einzelhandelsunternehmen. Hierbei trifft sie täglich auf die unterschiedlichsten Charaktere, die sie zu ihren Geschichten inspirieren. Sie wohnt mit Mann, Garten und Gitarre im Kölner Süden. »Sendeschluss in Köln« ist ihr zweiter Krimi.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

K.o. durch Meister (2017)

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2018-01-14-Ehrenfeld_Luft-0572.jpg

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5924-5

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Samstag, 12. Mai

»Ich sterbe vor Hunger. Das riecht total gut – Parmesan, Knoblauch, Oregano?« Clara ließ sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl am gedeckten Tisch fallen. Seine Tochter tauchte in letzter Zeit häufiger ohne Ankündigung an den Wochenenden auf, meistens mit einem Loch im Bauch. Magnus freute sich insgeheim über die Besuche, auch wenn er nicht sicher war, ob sie ihm galten oder Eliza oder einfach nur ihren ausgezeichneten Kochkünsten. »Mama hat vergessen einzukaufen«, sagte sie und griff nach einer Käsestange. »Sie ist auf einer Fortbildung.«

»Und du selbst weißt nicht, wie das geht«, spottete Magnus, während er vorsichtig mit der Suppenkelle die heiße Minestrone auf drei Teller verteilte. »Geld einstecken, zum Supermarkt gehen, Einkaufswagen nehmen – Glück für dich, dass wir heute so früh zu Mittag essen.«

»Sehr witzig, Papa. Seit Montag bin ich voll im Stress mit dem Job im Studio. Ich war keinen Abend vor 9 Uhr zu Hause. Gleich muss ich auch hin.«

»Samstags? Ein Job? Was habe ich verpasst?«

Eliza und Clara tauschten einen kurzen Blick und begannen dann ihre Suppe zu löffeln. Schweigen senkte sich über den Esstisch. Magnus ließ den Löffel sinken und versuchte vergeblich, behindert durch zwei Vorhänge aus langen Haaren, einen Blick seiner beiden Lieblingsfrauen aufzufangen.

»Hallo? Ich bin es. Sprecht mit mir.«

»Clara macht ein Praktikum bei einem Fernsehsender.« Eliza schaute so konzentriert in die Minestrone, als ob sie die Bohnen darin zählen wollte. »Benno hat ihr geholfen, den Platz zu bekommen.«

»Das ist gar nicht so einfach, bei einem Sender unterzukommen. Nur mit Vitamin B wie Benno.« Clara lächelte Eliza an. »Danke für die gute Idee.«

»Mille Grazie.« Eliza vermied es, Magnus anzusehen. »Bei welchem Sender hat es denn geklappt?«

»Halt, Stopp, Pause.« Magnus ließ den Löffel mit einem klirrenden Geräusch auf den Teller fallen. Ein Spritzer Minestrone landete auf seinem Lieblingshemd. »Wiederholt das für mich, zum Mitschreiben. Meine Tochter macht wieder ein unbezahltes Praktikum, diesmal beim Fernsehen. Hauptsache irgendwas mit Medien. Keiner hält es für nötig, mich darüber zu informieren: Meine Tochter nicht, du nicht«, er fixierte Eliza mit einem finsteren Blick, »mein bester Kumpel Benno nicht, und meiner Exfrau ist das scheinbar auch egal.«

»Es spricht keiner mit dir, weil du immer die totale Welle machst«, murrte Clara. »Komm mal runter und mach Yoga oder so.« Sie schob ihren Teller weg. »Das Praktikum ist bezahlt. 500 Euro im Monat.«

»Clara hat recht«, sagte Eliza. »Du regst dich jedes Mal auf, wenn sie etwas Neues beginnt.«

»Kein Wunder«, knurrte Magnus. Er machte sich Sorgen um die Zukunft seiner Tochter. Nach dem Abitur vor drei Jahren hatte sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin begonnen und nach einem Jahr abgebrochen, weil die ganze Technik »nicht ihr Ding« sei. Mit seiner und der finanziellen Unterstützung seiner Exfrau Carolin war Clara danach als Au-Pair-Mädchen ein Jahr nach London gegangen. Seit dem Herbst jobbte sie ziellos in der Gegend herum – oder zumindest konnte Magnus darin kein Ziel erkennen. Allerdings fand er es alarmierend, dass seine Frauen sich nicht mehr mit ihm besprachen. Vielleicht müsste er wirklich etwas lockerer werden. Oder strenger?

»Wie heißt die Sendung, bei der du mitarbeitest?« Eliza nahm den Faden wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Diese Strategie bewährte sich häufiger bei den Reibereien von Vater und Tochter. Magnus bewunderte widerwillig, wenn auch gekränkt, ihr Taktgefühl.

Clara strahlte. »›The Sexiest Song Alive‹. Das ist eine Castingshow beim Sender STV. Die Show ist neu, letzten September ist die erste Staffel gestartet. Am Freitag wird das Finale ausgestrahlt – live!«

»Ich glaube, vor zwei Wochen haben wir kurz reingezappt.« Eliza öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Weißwein aus dem Seitenfach und prüfte die Temperatur. »Kalt genug. Selbst komponierte Songs, richtig? Aber dein Vater wollte nicht weitergucken.«

»Im Ernst, Clara, ein Praktikum? Was willst du damit anfangen?«

»Papa, es reicht! Der Sender hat mir im Anschluss ein Volontariat in Aussicht gestellt, wenn alles gut läuft. Deswegen mache ich das überhaupt.«

»Jetzt lass sie doch mal in Ruhe, sie weiß schon, was sie tut.« Eliza schenkte sich und Magnus ein Glas Wein ein. »Erzähl mal, welche Aufgaben du hast.«

»Ich darf Backstage mithelfen, das macht voll Spaß. Ihr kennt sogar einen der Kandidaten. Ratet mal.«

»Keine Ahnung«, brummte Magnus. »Ich kenne noch nicht mal den Namen der Show. Sitzt Dieter Bohlen da in der Jury?«

»Quatsch Papa, das ist bei DSDS. Und bei Supertalent, natürlich. In ›The sexiest Song alive‹ geht es darum, wer den besten Song schreiben kann. Voll seriös.«

»Erinnerst du dich wirklich nicht?«, fragte Eliza. »Du hast neben mir auf dem Sofa gesessen. Ich fand die Sendung besser als die ganzen Castingshows, bei denen es nur um Singen oder gutes Aussehen geht.«

»Papa, jetzt rate endlich, welchen der Kandidaten du kennen könntest!«

»Ich kenne keine talentfreien Teenager.«

»Eben. Denk nach. Übrigens ist die Show nicht nur für Kinder. Die Altersgrenze für eine Bewerbung liegt bei 40 Jahren.«

»Vielen Dank auch. Dann bin ich nur fünf Jahre über dem Limit.« Magnus wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Die Suppe war scharf. Eliza und Clara grinsten sich an.

»Also gut«, gab er nach. »Wen kenne ich, der das Zeug zum Songwriter hat? Mich natürlich. Zu alt. Nick? Aus meiner Band? Der ist aber schon 37, glaube ich.«

»Kalt. Ganz kalt. Viel jünger. Denk an deine Gitarrenschüler.« Clara erhob sich, ging zum Backofen und spähte hinein. »Hm. Sind das überbackene Tortellini? Die sind fertig, glaube ich.«

»Tobias, Martin, Laura, Vincent, Milan … Milan? Der hat echtes Talent. Im Ernst? Was will der bei einer Castingshow? Der sollte sich zu schade sein für diesen Zirkus.«

»Oh Mann, du bist voll retro! Auch wenn es das in deiner Jugend noch nicht gab – ein Casting macht dich berühmt!«

»Selbst, wenn man nicht gewinnt – man hat vielleicht die Chance, sich einem größeren Publikum vorzustellen«, stimmte Eliza ihr zu und räumte die Suppenteller ab. »Und man kann Kontakte knüpfen. Das freut mich für Milan. Wart ihr nicht zusammen auf der Schule?«

Clara nickte. »In derselben Stufe, aber andere Clique. Er hatte nur Leute um sich, die Musik gemacht haben.«

»Hey, hat jemand was dagegen, wenn ich mal kurz rausgehe? Ich gehe ein vor Hitze.« Magnus stand auf.

»Du willst bloß rauchen«, lästerte Clara. »Lass dich nicht aufhalten.«

Magnus trat durch die Terrassentür hinaus in den erstaunlich warmen Maitag und blinzelte in die Sonne. Die Stimmen seiner Lieblingsfrauen verschwammen zu einem hellen Hintergrundgemurmel. Auf der Fensterbank lag eine vorgedrehte Zigarette. Nach zwei Zügen entspannte Magnus sich etwas und beobachtete ein Amselpaar in der Hecke beim Füttern ihrer Brut. Eliza und er verscheuchten regelmäßig zwei neugierige Katzen, die dem Nest zu nahe kamen. Es war nirgendwo einfach, den Nachwuchs großzuziehen. Vermutlich sollte er seiner Tochter mehr Vertrauen entgegenbringen. Seine Erwartungen konnten nach ihrem tollen Abitur vielleicht nur enttäuscht werden. Alles, wofür sie sich früher interessiert hatte, spielte bei der Berufswahl plötzlich keine Rolle mehr. Eliza klopfte von innen gegen die Scheibe der Terrassentür und wedelte mit der Hand. Das Essen war fertig.

»Du könntest dich heute noch nützlich machen, Papa!« Die gereizte Stimmung von vorhin war einer wohligen Trägheit gewichen.

»Gib mir fünf Minuten«, sagte Magnus und strich sich über den Bauch. »Ich brauche dringend einen Espresso. Und ein frisches Hemd.«

»Fährst du mich zum Studio? Das ist in Ossendorf, im Coloneum. Sascha wollte mich mitnehmen, aber sein Auto muss in die Werkstatt.«

»Wer ist Sascha?« Magnus war mit einem Schlag wachsam.

»Den kennst du nicht. Einer der Kandidaten. Heißt das ja?«

Magnus warf über die Schulter einen Blick auf die Küchenuhr. Sein erster Gitarrenschüler kam um vier Uhr. »Ich fahre dich.«

Das Gewerbegebiet am Rand des Stadtteils Ossendorf lag im Kölner Nordwesten, nicht gerade Magnus’ Heimatrevier. Die Straßen sahen frisch asphaltiert aus, nirgends gab es die typischen Kölner Schlaglöcher oder Flickstellen. Rechts lag eine Tankstelle, links ein Baumarkt, um die Ecke ein großes Möbelhaus. Früher kannten viele Kölner Ossendorf nur deshalb, weil hinter stacheldrahtbewehrten Mauern die Justizvollzugsanstalt lag. Seit in Köln jeder Quadratzentimeter mit Eigentumswohnungen und Reihenhäusern bebaut wurde, galt Ossendorf als attraktiv für junge Familien, obwohl es kein klassisches »Veedel« war, mit Einkaufsstraßen und schönen Cafés oder Geschäften. Aber die Innenstadt war gut mit der Linie Fünf erreichbar. Eine Investorengruppe hatte vor einigen Jahren das ehemalige Gelände des Zivilflughafens, den sogenannten Butzweilerhof, als Sitz für Medienunternehmen erschlossen und das Ganze werbewirksam »Coloneum« getauft.

»Bist du noch sauer? Wir hätten es dir sagen sollen.« Clara tupfte sich mit dem Finger etwas Make-up auf die Nase und betrachtete das Ergebnis kritisch im Spiegel auf der Sonnenblende der Beifahrerseite.

»Schon gut. Ich bin ja selbst schuld, wenn ich mir zu viele Sorgen mache. Sag mir lieber, wo ich langfahren muss. Wer ist denn dieser Sascha, der dich immer mitnimmt?«

»Hier rechts abbiegen, Papa. Wieso hast du kein Navi?«

»Das Baujahr des Luxusgefährts, in dem du dich gerade befindest, ist 1988. Da gab es Navigation nur in der Seefahrt. Also: Sascha?«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen.« Sie steckte sich die Haare hoch, zupfte an der Schläfe eine dunkle Haarsträhne heraus, prüfte die Wirkung und klappte die Sonnenblende wieder hoch. »Er sieht super aus, kann gut singen, studiert nebenbei BWL und hat sich ein Urlaubssemester genommen, um die Show durchzuziehen. Bis heute hat er bei einem Freund in der Südstadt gewohnt und mich öfter mit ins Studio genommen. Ab Montag brauche ich eine neue Mitfahrgelegenheit.«

»Warum?«

»Sascha zieht bis zum Finale in die Wohngemeinschaft nach Ehrenfeld, zusammen mit den anderen Kandidaten.«

»Ist er denn gut? Musikalisch, meine ich? Es geht doch um den besten Song, oder?«

Clara kramte in ihrer Handtasche. »Alle Kandidaten sind megagut. Das sind die zehn Besten aus Hunderten von Bewerbern, verstehst du? Die, die alle Castings vor der Jury geschafft haben. Sascha ist angeblich einer der aussichtsreichsten Kandidaten. Ah, da ist es ja.« Sie zog ein winziges Parfumfläschchen heraus und bestäubte ihre Handgelenke damit. Eine schwere Süße durchzog augenblicklich den Wagen.

»Hey, mach das Fenster auf. Das ist kein Frisörsalon.«

Clara öffnete ihr Fenster einen Spalt. »Sorry. Der Duft ist ein bisschen schwer, oder? Jasmin mit Orangennote.«

»Mach das bitte nie wieder im Auto. Dieser Glaspalast hier, ist das das Coloneum? Das ist ja gigantisch!«

Clara nickte stolz. »Du siehst nur einen Bruchteil des Areals. Das ganze Gelände für die Film- und Fernsehproduktion ist über 160.000 Quadratmeter groß. Außenkulissen, 20 Studios, Technikräume, Lagerflächen und und und. Die Sendungen, die hier produziert werden, müsstest sogar du kennen.«

»Welche denn?«

»Zum Beispiel Big Brother, Das Supertalent, DSDS, Germanys next Topmodel, Let’s dance, Grill den Henssler, The Biggest Loser, Unter uns, Alles was zählt, Verbotene Liebe …«, sie stockte und begann zu grinsen. »Du guckst so was nicht, oder?«

Magnus hob ratlos die Schultern. Das meiste davon waren Sendungen, in die er aus Versehen reingezappt und dann schnell den Sender gewechselt hatte. Er mochte weder Talentshows noch Tanz- oder Kochsendungen, noch Serien, in denen sich junge Schauspieler mit glatten, austauschbaren Gesichtern nach unglaubwürdigen Drehbüchern ver- oder entliebten.

»Du bist ein Snob. Übrigens werden hier auch Filme gedreht, die du kennst. Was ist mit ›Der Medicus‹ oder ›Die fabelhafte Welt der Amélie?‹«

Magnus’ Gesicht hellte sich auf. »Der ist schön. Das war lange Elizas Lieblingsfilm.«

»Geht doch«, spottete Clara. »Da sind wir.«

Links von ihnen erstreckten sich mehrere futuristisch anmutende Bürogebäude mit kompakten Fassaden, von Fensterfronten mit viel Glas durchbrochen, in denen sich blau und weiß der Himmel spiegelte. Davor gab es Hunderte von Parkplätzen für Besucher und Mitarbeiter, die heute, am Samstag, frei waren. Über dem etwas zurückliegenden Haupteingang prangte in roten Riesenlettern die Aufschrift »MMC Studios«. Darüber schien die Skulptur eines springenden Einhorns zu schweben – im matten Grün angelaufenen Kupfers.

»Hey, das Tier da oben kenne ich. Hier arbeitest du? Ist hier auch der Sender?« Magnus war von der Größe und Anordnung der Gebäude widerwillig beeindruckt.

Clara schüttelte den Kopf. »STV mietet hier das Studio und die Technik an, denke ich. Du kannst hier in der Zufahrt anhalten.«

»Soll ich dich reinbringen?«

»Nicht nötig. Du darfst sowieso nur ins Foyer. Für alles andere brauchst du einen Ausweis.« Sie drückte ihm einen weichen Kuss auf die Wange, schnappte sich ihre Handtasche und verschwand in einer Wolke von Jasmin- und Orangenduft. Magnus sah mit einem Anflug von Stolz zu, wie sie mit energischen Schritten die Glastür passierte, als ob nichts sie aufhalten könnte. Er sollte sich wirklich lieber auf seine eigenen Probleme konzentrieren. Clara kam offensichtlich mit ihrem Leben klar. Magnus wendete den Volvo in der Zufahrt, aber noch bevor er sich in den Verkehr Richtung Autobahn einfädeln konnte, vibrierte sein Smartphone in der Hosentasche. Er fuhr ein Stück näher an den Bordstein heran, schaltete die Zündung aus.

»Meister! Ein Kunde droht mit Auftrag. Hast du am Montag Zeit?« Bennos Stimme klang gepresst und sehr weit weg.

»Rufst du von den Malediven an? Du klingst nach Blechbüchse.«

»So besser?«, rief Benno. »Das ist die neue Telefonanlage im Büro!«

»Schrei nicht so.«

»Die neue Klientin kommt übermorgen, die Uhrzeit habe ich noch offen gehalten. Kannst du oder kannst du nicht?«

Magnus ging im Geiste seine Termine durch. Nichts, was sich nicht verschieben ließe. Außerdem käme ein neuer Auftrag seinem extrem übersichtlichen Kontostand zugute. Benno war einer seiner ältesten Freunde, noch aus der Schulzeit. Er hatte ihm schon vor Jahren, als Magnus nach der Trennung von Carolin pleite und deprimiert war, mit kleineren Jobs für seine erfolgreiche Wirtschaftsdetektei aus der Patsche geholfen. Magnus erwies sich als überraschend gute Besetzung für den Ermittlerjob, wenn es um eine private Recherche oder um persönliche Probleme ging. In den letzten Jahren war eine klar geregelte Zusammenarbeit entstanden: Benno kümmerte sich mit seinen festangestellten Mitarbeitern um die lukrativen Großkunden, Magnus übernahm die kleinen Fälle, an denen nicht so viel zu verdienen war, die Benno aber nicht der Konkurrenz überlassen wollte.

»Meinetwegen – ja. Worum geht es denn?«

»Irgendwas mit Medien.«

»Sehr präzise. Rat mal, wo ich gerade bin.«

»Keine Ahnung. Warum?«

»Ich stehe vor dem Coloneum in Ossendorf und habe soeben meine Tochter bei ihrem Praktikum abgeliefert.«

Am anderen Ende der Leitung war es einen Moment lang still. »Tut mir leid, Meister. Ich hätte mit dir reden sollen, oder?« Benno klang reumütig. »Eliza meinte, du regst dich zu sehr auf.«

»Verstehe. Ich erinnere dich daran, wenn eure Tochter auf der Welt ist.«

Benno lachte. »Zum Glück haben Miriam und ich bis zum ersten Praktikum der Kleinen noch ein bisschen Zeit.«

»Du brauchst eben für alles etwas länger«, frotzelte Magnus.

Er grinste vor sich hin, nachdem er das Gespräch beendet hatte. Benno und Miriam, die ehrgeizige Kriminalkommissarin, waren seit fast drei Jahren ein Paar. Sie waren auch vorher schon gut befreundet gewesen, aber es hatte richtig gefunkt bei ihrer gemeinsamen Mordermittlung, bei der Magnus entscheidende Hinweise beisteuern konnte. Miriam war mittlerweile hochschwanger und würde bald in den Mutterschutz gehen. Magnus warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Sie ging zwei Stunden nach und zeigte Viertel vor zwei an. Er gab Gas, um pünktlich zum Gitarrenunterricht zurück zu sein.

*

Magnus öffnete Milan die Tür. »Komm rein, wir können heute hier unten bleiben. Eliza ist nicht da. Wo ist deine Gitarre?«

»So gut wie verkauft. Die andere steht in Ehrenfeld.« Milan zog ein Notenheft aus seinem Rucksack, warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel neben der Garderobe und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. »Die neue hole ich erst in zwei Wochen ab. Darf ich auf deiner Gibson spielen?«

Magnus grinste. »Ich wette, das hast du so geplant. Klar. Welche hast du dir gekauft?«

»Rate mal.« Milan folgte Magnus ins Wohnzimmer.

»Hm. Für dich immer nur das Beste. Von deiner Mutter gesponsert, keine Frage. Gibson?«

»Treffer.« Milans dunkle Augen begannen zu leuchten. »Ich fand deine so cool, dass ich Mama überreden konnte, mir 1.000 Euro dazuzuschießen. Als Belohnung dafür, dass ich bei ›The Sexiest Song Alive‹ in die Finalrunde gekommen bin.«

»Glückwunsch! Clara hat es mir eben erzählt. Jetzt zeig aber erst mal, was du drauf hast, wir reden später.«

Sie setzten sich in die Sofaecke und stimmten die Instrumente. Nach einigen Aufwärmübungen spielte Milan, von Magnus nur sparsam rhythmisch begleitet, fehlerfrei ein anspruchsvolles Flamenco-Stück.

»Sensationell«, lobte Magnus. »Da stimmt einfach alles. Tempo, Feeling, Technik. Du bist gut.«

Milan lächelte. »Ich weiß. Trotzdem schön, das zu hören.«

Bei jedem anderen Schüler wäre Magnus die Antwort überheblich vorgekommen, aber Milan war eine Art musikalisches Wunderkind, egal auf welchem Instrument. Gitarrenunterricht nahm er bei ihm erst seit zwei Jahren, vorher hatte sich Milan alles selbst beigebracht. Er spielte konzertreif Klavier, mittlerweile fantastisch Gitarre und, wenn Magnus sich richtig erinnerte, auch Trompete.

»Ganz ehrlich« – Magnus stellte seine Gitarre vorsichtig auf den Ständer zurück – »ich weiß nicht, was ich dir noch beibringen soll. Du bist jetzt schon besser als ich jemals werden könnte.«

Milans hübsches Gesicht wurde rot vor Freude. »Das ist doch Quatsch. Ich mag deine Songs, vor allem die alten, als ihr noch, wie soll ich sagen …«

»Angesagt wart?« Magnus stand auf und streckte sich, Milan traf einen empfindlichen Nerv bei ihm. Gelegentlich knabberte er noch an seiner auf halbem Wege stecken gebliebenen Rock’n’Roll-Karriere. Bis zum Ende der 90er-Jahre war er mit seiner Band eine lokale Berühmtheit in Köln gewesen. Für den ganz großen Sprung fehlte letztlich ein bisschen Glück, vielleicht auch Zeit oder Geld: So ganz genau ließ sich das nicht mehr feststellen.

»So meinte ich das nicht.« Milan senkte verlegen den Blick auf die Gitarrensaiten. »Das war ein Kompliment.«

Lass deinen Frust nicht an anderen aus, ermahnte Magnus sich selbst in Gedanken. Du hast keinen Grund, dich zu beklagen. Er ging hinüber in die Küchenecke zur Kaffeemaschine, stellte eine Tasse unter die Düse und drückte auf den Startknopf. Ein Cappuccino half immer.

»Sorry«, sagte er schließlich. »Die Blumen sind angekommen. Aber jetzt erzähl mal von dir. Willst du auch einen Kaffee?«

Milan verneinte. Er hielt die Gibson immer noch in der Hand und übte nebenbei eine komplizierte Tonfolge.

»Nach der Show bewerbe ich mich an der Musikhochschule«, sagte er, ohne aufzublicken. »Wahrscheinlich gehe ich in Richtung Komposition.«

Magnus staunte. Der Junge hatte klare Ziele. »Die Eignungstests sind schwierig, oder?«

Milan zuckte mit den Achseln. »Geht so. Ich habe mir im Internet eine Probeklausur ausgedruckt, das war echt easy.

Vor der praktischen Prüfung am Klavier habe ich mehr Respekt.«

»Wenn du nur halb so gut Klavier wie Gitarre spielst, müsste das reichen«, meinte Magnus.

Milan wurde wieder rot. »Klavier spiele ich viel besser.«

»Sag mal, verschwendest du nicht deine Zeit mit dieser Castingshow?«

»Im Gegenteil! An unseren Arrangements arbeiten echte Profis. Alleine, was die an Aufnahmetechnik draufhaben – das müsstest du mal sehen.«

»Zum Glück muss ich das nicht«, brummte Magnus. »Was soll ich bei einer Castingshow?«

»Tja, für eine Bewerbung als Songwriter bist du zu alt«, stellte Milan wenig charmant fest und grinste. »Aber wie wäre es als Studiomusiker? Die bezahlen nicht schlecht!«

»Lass mal stecken.«

»Jedes nette Gesicht Backstage zählt. Die Leute da sind alle total gestresst.«

»Clara würde mich steinigen, wenn sie mich da trifft.«

»Die macht doch sowieso ihr eigenes Ding.« Milans Gesicht verdüsterte sich. »Im Zweifel mit Sascha.«

»Sascha?«

»Ach, vergiss es. Frag sie lieber selbst. Was ist, spielen wir noch ein Stück?«

Nachdem Milan weg war, fragte Magnus sich, warum seine Tochter ihm nicht erzählt hatte, dass besagter Sascha mehr als eine Mitfahrgelegenheit für sie bedeutete. Aber sein nächster Gitarrenschüler forderte seine volle Aufmerksamkeit, und so vergaß er den Gedanken. Danach übte er ein neues Stück, bis es Zeit war, zur Bandprobe zu fahren. Eliza war noch nicht wieder aufgetaucht.

*

»Meister, der Song ist gut. Fast romantisch, für deine Begriffe. Ein Liebeslied für Eliza?«

Magnus hob die Schultern, etwas verlegen. Sven, ihr Keyboarder, war sparsam mit Lob, wenn es um selbst geschriebene Stücke ging. Sein häufigster Einwand war »das gibt es schon so ähnlich von …«, gefolgt von der Nennung einer Band oder eines Songwriters, von dem außer Sven noch niemand im Proberaum etwas gehört hatte.

»Das bedeutet mir viel aus deinem Mund«, witzelte Magnus, nahe an der Wahrheit. Sven zielte und warf als Antwort einen Kronkorken in Magnus’ Richtung. Er traf die Gitarre.

»Hey, lass das. Die ist noch nicht ganz bezahlt. Was ist, machen wir weiter oder schon wieder Pause?«

Die Band stieg erneut ein in die Ballade. Sie hatten noch zwei Wochen Zeit bis zum Gig im Pulheimer Walzwerk. Normalerweise sollte das kein Problem sein, sie spielten seit Jahren zusammen und das Repertoire saß gut, aber ihre Fans und Freunde hatten nach dem letzten Konzert zurückgemeldet, dass ein paar neue Stücke dem Programm guttäten. Und genau die waren im Moment so weit entfernt von gutem Sound wie Köln von Düsseldorf. Magnus brach mitten in der Strophe den Gesang ab, hob die Hand und warf Nick an der Leadgitarre einen Blick zu, der die gefühlte Raumtemperatur um zehn Grad sinken ließ. »Nick, was ist los? Nach der Bridge kommt fis-Moll, dann E-Dur. Weit und breit kein A in Sicht.«

Nick, sonst unempfindlich bis taub für Kritik aller Art, verzog das Gesicht und sah eine Sekunde lang wie ein Dreijähriger kurz vor einem Heulkrampf aus. Er zog den Gitarrengurt über den Kopf, klemmte sich die langen Haare ein, fluchte, stolperte über ein Kabel, riss die Kühlschranktür auf und verließ mit einer Flasche Bier den Raum. Die schwere Metalltür knallte hinter ihm ins Schloss. Die übrigen sahen sich an. Hotte, der Schlagzeuger, schüttelte den Kopf. »Unnötig.« Eine Erklärung, ob er Magnus’ Kritik oder Nicks Reaktion meinte, erwartete niemand.

»Ok, Abbruch«, meinte Sven. Sie folgten Nick nach draußen auf die Feuertreppe, ein gut eingeübtes Pausenritual für alle. Es war kühl, aber freundlich und noch hell draußen. Sven öffnete vier Flaschen Bier und verteilte sie. Sie hielten bewusst Abstand zu Nick, der sich etwas abseits an das Geländer lehnte und starr nach unten blickte. Seine Bierflasche war schon fast leer. Die Band hatte mit dem Proberaum im Bürgerhaus Stollwerck den Jackpot gewonnen: Preiswert, zentral in der Südstadt gelegen, oberirdisch mit Tageslicht und Blick auf den Kölner Dom. Drei Stockwerke unter ihnen floss ein stetiger Strom an Fahrzeugen parallel zum Rheinau-Hafen. Halb Köln schien auf dem Weg in die Innenstadt zu sein. Sven, Hotte und Jasper ließen sich auf den Stufen der Feuertreppe nieder. Magnus trat neben Nick an das Geländer. »Was ist los mit dir? So schlecht ist das Stück auch wieder nicht.«

Nick lächelte gequält. »Das hat nichts mit dem Song zu tun. Ich konnte zu Hause nicht üben, weil ich mir noch 30 neue Stücke draufbringen musste. Und die sind viel schwerer als das, was wir hier reißen.«

»Warum neue Stücke?«

»Ein Kumpel hat mich als Studiomusiker für eine Fernsehproduktion ins Spiel gebracht. Das ist ein verdammt gutes Angebot.«

Das Thema Fernsehen schien Magnus zu verfolgen. Er wusste, dass Nick ein fantastischer Gitarrist war, aber seine Ambitionen als Studiomusiker waren neu für ihn.

»Wie willst du das schaffen?«, meinte Magnus. »Ihr habt noch die Fahrradwerkstatt, und Steffi und der Kleine wollen dich bestimmt nicht nur von hinten sehen.«

»Das ist genau das Problem. Ich bin kaum noch zu Hause, weil ich dauernd proben muss. Steffi ist sauer, der Kleine schlecht drauf. Verdammt!« Nick war die Bierflasche aus der Hand gefallen. Sie landete drei Stockwerke unter ihm lautlos im Gesträuch. »Und trotzdem … so eine Chance kommt nicht so schnell wieder. Fernsehen! Die bezahlen gut.«

Magnus verstand ihn. So eine Gelegenheit bekam man als Musiker nicht jeden Tag auf dem Tablett serviert. Was sollte er Nick raten? Seine Musikerseele fühlte mit ihm, andererseits – eine Kleinfamilie wollte auch ernährt werden. Magnus konnte sich noch gut an die Zeiten vor 20 Jahren erinnern, als er kaum gewusst hatte, wie er sich selbst über Wasser halten, geschweige denn, Unterhalt für Clara bezahlen sollte. Er hatte sich damals für die Musik entschieden, was ihn seine Ehe und um ein Haar auch das gute Verhältnis zu seiner Tochter gekostet hatte.

»Was hältst du davon?«, meinte er. »Du kommst nur zur letzten Probe vor dem Auftritt. Dann müssen wir damit leben, dass nicht alles perfekt läuft. Oder, was meint ihr?« Magnus wandte das Gesicht zur Feuertreppe, wo ihm geräuschvolles Schweigen verriet, dass die Band mit einem Ohr gelauscht hatte.

»Geht klar.« – »Meinetwegen.« – »Warum nicht?«

Nicks Gesicht entspannte sich. »Ihr seid die Größten. Gibt’s noch Bier?«

Magnus spürte Druck in seiner Magengegend, als das Gespräch wieder in harmlose Gewässer geriet. Während er die leeren Bierflaschen einsammelte, horchte er in sich hinein. Das Gefühl kannte er, und er schämte sich dafür: Es war Neid. Er beneidete Nick tatsächlich um die Chance, als Studiomusiker arbeiten zu können. Das Gefühl begleitete ihn später noch ins »Alibi«, ihre Stammkneipe für das Bier nach der Probe, und verließ ihn bis zum Einschlafen weit nach Mitternacht nicht mehr.

Montag, 14. Mai

Magnus nutzte den Montagmorgen, um an neuen Songs zu arbeiten, sich unnötig mit Eliza über Geld zu streiten, einen untalentierten Gitarrenschüler zu unterrichten und einen neuen Job als DJ für eine Firmenfeier von Rechtsanwälten an Land zu ziehen. Um 4 Uhr fuhr er in die Südstadt zum Treffen mit Benno und der neuen Klientin. Sie hieß Anna Voss und arbeitete bei einer Fernsehproduktion, mehr wusste er nicht aus seinem gestrigen Telefonat mit Benno. Er umfuhr geschickt den stockenden Verkehr am Chlodwigplatz, parkte den Volvo auf dem Hinterhof des Altbaus, in dem die Büroräume von Bennos Detektei lagen, und lief die Treppen hoch in den zweiten Stock.

»Hey, was machst du denn hier?« Magnus freute sich, Nadja am Empfang zu sehen. »Hat Benno nicht genug Geld, um dir einen anständigen Job zu geben?«

Sie lächelte ihn an. »Ich vertrete heute Melanie. Ob ich jetzt an diesem PC oder meinem eigenen recherchiere, spielt für einen Tag keine Rolle.«

Nadja hatte sich gemacht, keine Frage. Nichts erinnerte Magnus mehr an die arrogante Studentin, die ihn früher am Empfang in Bennos Büro immer abgekanzelt hatte. Seit ihrem ersten gemeinsamen Fall vor drei Jahren hatte sie ihren Master in BWL in Rekordzeit und mit Bestnoten absolviert. Bennos Detektei hielt sie erstaunlicherweise die Treue. Vermutlich könnte sie überall einen Job bekommen.

»Du kannst durchgehen, er wartet schon mit der neuen Klientin. Die Tür ist offen.«

Magnus warf noch einen hastigen Blick in den großen Spiegel an der Garderobe, richtete seinen Hemdkragen und zupfte sich einen Fussel vom Jackett. Für heute war das Optimum an seriösem Aussehen erreicht. Er folgte mit der Nase dem Kaffeeduft, der aus Bennos Büro kam. Sein Freund saß mit einer elegant gekleideten Rothaarigen in den schwarzen Ledersesseln der Besprechungsecke. Auf dem Glastisch vor ihnen standen zwei leer getrunkene Espressotassen, Gläser und eine Flasche des teuersten Mineralwassers, das es zu kaufen gab. Benno übernahm die Vorstellung. Anna Voss arbeitete als Produktionsleiterin für Filmprojekte und diverse Fernsehformate. Ihr derzeitiger Arbeitgeber war eine TV-Produktionsgesellschaft namens Supra Media GmbH. Als sie ihr Problem konkret schildern sollte, erhob sie sich und begann mit einer Wanderung durch den Raum. Magnus folgte ihr mit den Augen. Sie war groß, schmal und hielt sich aufrecht wie eine Balletttänzerin. Die weiße Bluse verstärkte ihren blassen Hautton. Die Haare trug sie streng im Nacken zusammengebunden. Magnus fand sie eher beeindruckend als schön.

Anna Voss blieb vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie vom Rheinufer stehen. »Schönes Bild«, sagte sie. »Keine 0815-Aufnahme.«

Benno und Magnus tauschten einen Blick. Ihre Klientin war nervöser als gedacht. Sie mussten ihr Zeit geben.

»Ich habe das noch niemandem erzählt«, sagte sie schließlich und wandte sich um. Ihre blassgrünen Augen wanderten von Benno zu Magnus, als ob sie sich nicht ganz sicher wäre, wem sie vertrauen sollte.

»Für den Anfang genügt es, wenn Sie uns schildern, worin Ihre Arbeit besteht.« Magnus’ Sachlichkeit half. Ihre Klientin setzte sich wieder hin.

»Mein Team sorgt dafür, dass der technische Ablauf im Studio reibungslos funktioniert. Die einzelnen Gewerke müssen ineinander greifen, verstehen Sie?« Sie unterstrich mit energischen Gesten ihre Worte. »Wann hat wer wo genau zu sein? Beleuchtung, Ton, Kameras, Requisite. Erst, wenn alles steht, kann geprobt oder aufgezeichnet werden. Wir haben einen strikten Tagesplan, den meine Mitarbeiter jeden Tag neu erstellen. Alle, die an der Produktion beteiligt sind, arbeiten damit.« Ihre Stimme klang mit jedem Wort kräftiger. Magnus konnte sich gut vorstellen, dass alles spurte, wenn sie Anweisungen erteilte. »Außerdem bin ich als Produktionsleitung dafür verantwortlich, dass unser geplantes Budget eingehalten wird.«

»Das ist bestimmt ein sehr langer Arbeitstag«, meinte Magnus.

»Solange die Produktion läuft, sind zwölf Stunden keine Seltenheit«, sagte sie. »Um heute bei Ihnen sein zu können, habe ich einen dringenden Arzttermin vorgeschoben.«

»Und was passiert, wenn die Produktion beendet ist?«, wollte Magnus wissen.

»Dann kommt die nächste.« Anna Voss lächelte gequält. »Mein Vertrag ist immer für die Dauer einer Sendung befristet. Dieser hier läuft noch drei Wochen.«

Benno goss seiner Klientin ungefragt etwas Wasser ins Glas nach. Sie trank es in einem Zug leer. »Ich bin wirklich urlaubsreif. Eine Liveshow ist eine echte Herausforderung. Am Freitag wird das Finale ausgestrahlt.«

»Von welcher Show sprechen wir?«, fragte Magnus, plötzlich hellhörig. »Meine Tochter macht ein Praktikum beim Sender STV.«

»›The Sexiest Song Alive‹«, sagte sie. »Wir haben momentan nur eine Praktikantin im Team. Sie hilft in der Maske und bei der Requisite aus – Sarah?«

»Clara«, stellte Magnus richtig. »Es macht ihr großen Spaß.«

»Was genau ist das für eine Show?«, wollte Benno wissen.

»Ein Casting-Format für Komposition. STV hat die Lizenzrechte für die Show in den USA einkauft. Das ist die erste Staffel. Sie kennen die Sendung?« Sie richtete die Frage an Magnus.

»Meine Tochter ist natürlich ein großer Fan«, antwortete er. »Ich selbst habe vor drei oder vier Wochen eine Folge gesehen. Mal etwas anderes.« Magnus war dabei eingeschlafen, aber eine gut platzierte Halbwahrheit hielt er an dieser Stelle für klüger.

»Genau.« Anna Voss nickte zufrieden. »Weniger Teenie-Gekreische, mehr Qualität. Die Altersgrenze für die Bewerbung ist 40 Jahre. Herr Grass hat mir erzählt, dass Sie Musiker sind.« Sie lächelte Magnus an, aber ihre Augen blieben wachsam.

»Die Grenze habe ich schon vor ein paar Jahren gerissen«, sagte er freundlich. »Sprechen wir lieber über Sie. Was ist jetzt Ihr Problem?«

»Jemand versucht mir etwas unterzuschieben«, sagte sie und räusperte sich. Zwei steile Falten erschienen auf ihrer Stirn. »Alle Mitarbeiter in der Produktion sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Kein Detail darf vor der Ausstrahlung der Sendung nach außen gelangen. Das wissen auch die Kandidaten und alle Mitarbeiter am Set. Jeder unterschreibt eine Erklärung, und alle Angestellten haben Verschwiegenheitsklauseln in den Verträgen.«

»Irgendwer hat geplaudert«, stellte Benno fest. Anna Voss nickte. »Das Zweitschlimmste ist, dass er oder sie das gegenüber der Presse getan hat. Das Schlimmste ist, dass es so aussieht, als ob ich die undichte Stelle wäre.«

»Wie haben Sie davon erfahren?«, fragte Magnus.

Sie zog ein Tablet aus ihrer Tasche, die neben dem Sessel stand, tippte ihr Passwort ein, öffnete eine Datei und reichte ihm das Tablet. »Sehen Sie selbst.«

Magnus las eine Meldung aus dem Internet vom 8. Mai:

Sensation bei STV! Stargast im Finale von »The sexiest song alive« wird Mark Forster! Das haben uns die Vöglein heute Morgen gezwitschert. Wir haben alle einen Grund mehr, uns auf das Finale zu freuen! Verfolgen Sie jede Woche mit uns die Auswahl der zukünftigen Stars.

»Das hier ist die Online-Ausgabe der Best-West-News«, sagte Anna Voss. »Schwerpunkt Prominenten-Klatsch und Highlights aus dem Showbusiness. Ein paar Tage später wäre uns die Meldung hochwillkommen gewesen.«

»Wer ist der Verfasser des Artikels?«, fragte Benno.

»Ein Volontär, der erst seit einigen Monaten dabei ist. Ich habe mich sofort mit ihm in Verbindung gesetzt, aber selbst ein Volontär weiß, dass er seine Quellen nicht preisgeben darf. Das Einzige, was ich erfahren habe, ist, dass er am Tag vor der Veröffentlichung von jemandem aus der Produktion angerufen wurde.«

Magnus runzelte die Stirn. »Ich verstehe das Problem nicht. Warum ist es tragisch, wenn die Leser der Best-West-News eine Woche früher erfahren, wer der Stargast im Finale ist? Das ist doch gute Werbung für die Show!«

»Das Finale wird diesen Freitag ausgestrahlt. Die Meldung kommt viel zu früh! Die Fernsehtrailer für das Finale waren zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht gelaufen. Trailer, in denen Mark Forster eingespielt wird, sind verdammt teuer. Die Marketingabteilung ist sauer auf mich, die Agentur von Forster macht dem Sender die Hölle heiß …«

»Ok, verstanden.« Magnus reichte ihr das Tablet zurück. »Aber warum sind ausgerechnet Sie der Buhmann? Die Information hätte doch jeder Mitarbeiter aus der Produktion an die Presse weitergeben können?«

Ihre Wangen liefen zartrosa an, was ihr ausgezeichnet stand. »Leider ist das über meinen Account an die Öffentlichkeit gelangt. Das ist sehr peinlich für mich, selbst wenn ich mit dem Inhalt nichts zu tun habe. Jemand hat über meinen Rechner etwas verschickt. Unser IT-Service hat die ursprüngliche Nachricht zurückverfolgen können.«

»Aber Sie benutzen doch ein Passwort?«, hakte Magnus nach.

Der Rosaton ihres Gesichts vertiefte sich. »Kein Gutes, ehrlich gesagt. Jeder, der mich ein bisschen kennt, kann darauf kommen.«

Benno seufzte. »Der Vorname Ihres Sohnes? Oder Ihres Mannes?«

Sie nickte und zog dabei die Nase kraus. »Sehr originell, ich weiß. Mein Sohn heißt Joshua und ist am 18.01. geboren.«

»Joshua1801«, grinste Magnus. »Mein Passwort am Rechner zu Hause ist nicht besser, zugegeben.«

»Inzwischen habe ich es natürlich geändert. Aber die Geschäftsführung hat mir nicht geglaubt, dass ich nichts damit zu tun habe.«

»Wer hätte denn etwas davon, Interna weiterzugeben?«

»Genau das würde ich gerne herausfinden. Das ist keine Kleinigkeit. Ich bin darauf angewiesen, dass ich neue Projekte angeboten bekomme. In dem Job gibt es fast nur Zeitverträge. Wenn mir der Ruf anhaftet, ich könnte meinen Mund nicht halten, schadet mir das in der ganzen Branche. Da kennt jeder jeden. Können Sie mir helfen?«

Benno nickte. »Wir versprechen nichts, das wäre unprofessionell. Aber wir haben eine sehr gute Erfolgsquote. Und jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Ihre Namensliste mit den Mitarbeitern, die in der Produktion arbeiten. Noch einen Espresso, Frau Voss?«

Magnus versuchte seinem Gesicht einen zuversichtlichen Ausdruck aufzuzwingen. Dieser Auftrag würde nicht einfach werden.

Später verabschiedeten sie ihre Klientin und gingen zum Auslüften, wie Benno es formulierte, auf den Büro-Balkon, der zum Hinterhof hinausging. Das Wetter war warm, aber es fühlte sich an, als ob noch ein Gewitter käme. Magnus beobachtete eine ausgefranste graue Wolke, die sich zu verdichten schien. »Wie soll ich an die Infos kommen?« Er zündete sich eine Zigarette an. »Das ist Insiderwissen.«

»Du sagst es.« Benno qualmte aus einer E-Zigarette. Seit er vor einem halben Jahr umgestiegen war, versuchte er seinen noch rauchenden Freundeskreis zu bekehren. »Hier, probiere mal. Cappuccino-Vanille-Aroma.«

»Verschon mich.« Magnus verzog angewidert das Gesicht. »Wenn ich Vanille möchte, esse ich Kekse. Danke übrigens nochmal, dass du Clara das Praktikum verschafft hast. Es macht ihr richtig Spaß. Ich weiß nur nicht, was sie damit anfangen soll.«

»Meister, du machst dir zu viele Gedanken. Gegen dich in jungen Jahren ist Clara immer noch ein Senkrechtstarter.«

Benno lag richtig, auch wenn Magnus das nicht gerne hörte. Er hatte sein Studium als Sozialarbeiter kurz vor dem Abschluss aufgegeben, um eine halbwegs erfolgreiche Rock’n’Roll-Karriere zu starten. Und wo stand er heute? Ein paar Einnahmen aus den Gigs mit der Band, ein bisschen Geld für den Gitarrenunterricht, ab und zu ein Job als DJ. Ohne das zweite Standbein mit seinem Ermittlerjob käme er kaum über die Runden. Er verscheuchte diese Gedanken wieder.

»Im Ernst«, griff er seine Überlegung von eben wieder auf. »Wir können in diesem Fall keine offene Ermittlung durchführen. Du brauchst einen V-Mann für diese Recherche.«

»Jemand von der Produktionsfirma schuldet mir noch einen Gefallen«, grinste Benno. »Lass mich mal machen.«

Er verließ in einer Vanille-Dampfwolke den Balkon, um zu telefonieren. Magnus zog ein nagelneues Notizbuch mit Ledereinband, das Eliza ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, aus der Innentasche seines Jacketts und notierte ein paar Gedanken: Neidische Mitarbeiter. Konkurrenzsender.

Mitarbeiter, der Klassiker. Worum beneidete man Anna Voss? Konkurrenzsender? Wer sonst könnte wollen, dass die kostspieligen Werbetrailer für die Tonne produziert würden? Aber das würde bedeuten, dass es einen Spion in den Reihen der Mitarbeiter gäbe. Blödsinn. Magnus strich den Punkt wieder durch. Wie viele Leute arbeiteten eigentlich an so einer Produktion? Und bestimmt nicht nur Mitarbeiter der Produktionsgesellschaft, oder? Das war die berühmte Nadel im Heuhaufen. Eher schon im Getreidefeld.

Benno riss die Balkontür auf. »Was sage ich? Ein Anruf genügt. Der Klient schuldete mir noch einen Gefallen. Komm rein.«