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Die Offenbarung des Johannes ist kein Streichelbüchlein, sie huldigt keinem Harmonieideal, sie ist ein schroffes Buch. Sie will uns erschrecken, sie will uns beschämen, sie will, dass die Menschen merken, es wird ernst. Das letzte Buch der Bibel ist ein prophetisches Buch. Nicht Sätze oder abstrakte Wahrheiten sind Gegenstand der Offenbarung, sondern Gott selbst, der sich mitteilt. In seiner Offenbarung erschließt er sich als ein Gott der Menschen und für die Menschen, als der, der mit ihnen Gemeinschaft haben und zu ihnen in Beziehung treten möchte. Alle Auslegungen der Offenbarung des Johannes werden im Prinzip von zwei Leitfragen dominiert: welche Botschaft wollte Johannes den frühen Jesusgemeinden übermitteln und welche Bedeutung besitzt diese Botschaft für unsere heutige Lebenswelt? Beide Fragen sind gleichermaßen relevant und hängen durchaus miteinander zusammen. Dennoch sind sie klar voneinander zu unterscheiden, zumindest ist das der Anspruch dieses Buches. Es kann nicht nur darum gehen, ihre Botschaft mit Hilfe eines Codes zu entschlüsseln und in theologische Axiome oder allgemeine Wahrheiten umzusetzen. Die Bilder als Bilder sprechen zu lassen wird der Bibel und der Offenbarung gleichermaßen gerecht.
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Avant-propos
Grundsätzliches zum Verständnis der Offenbarung
Auf welche Zeit bezieht sich die Offenbarung?
Eschatologie und Apokalyptik
Die Vorworte der Offenbarung
Die Eröffnungsvision der Apokalypse
Exkurs: Die Lebenswelt der antiken Großstadt Ephesus
Summarische Einführung der sieben Sendschreiben
Auslegung der sieben Sendschreiben
Die Thronsaalvision
Das Buch mit den sieben Siegeln
Die Öffnung der ersten sechs Siegel
Die Versiegelten aus dem Volk Israel
Das siebente Siegel und die ersten sechs Posaunen
Der Engel mit dem Büchlein
Die siebte Posaune, Tod und Auferstehung der beiden Zeugen
Die Frau und der Drache
Die beiden Tiere
Das Lamm, drei Engel, die Ernte und Weinlese
Das Lied der Überwinder und die Schalen des Zorns
Die Ausgießung der sieben Schalen des Zorns
Die Zerstörung der Hure Babylon
Der Untergang Babylons
Jubel über den Untergang Babylons, das Ende des Tieres und des falschen Propheten
Das tausendjährige Reich, der letzte Kampf und das Weltgericht
Das Neue Jerusalem
Zeugnis und Mahnung des Sehers
Epilog: Warum dieses Buch?
Endnoten
Etwas gleich vorneweg: über die Frage nach dem Wann der Erlösung oder des Endes der Welt gibt die Apokalypse (Apk) keine Auskunft. Jahrhundertelange Bemühungen waren deshalb vergeblich, weil der Offenbarung des Johannes (Offb) keine Auskunft abzuringen ist, welche sie nicht geben will. Dennoch verrät und lehrt sie uns etwas viel Bedeutenderes: Der christliche Glaube und unsere Hoffnung richten sich auf Erlösung als Befreiung. Das ist die etwas andere Antwort auf die Fragen nach dem Wer, Wo, Wie, Wovon und Wozu. Das Wann hingegen wird nur indirekt beantwortet. Nach 1,1 und 22,20 geschieht die Rettung „bald, in Kürze“, was auch immer das heißen mag. Laut 6,9-11 erfolgt die Rettung, sobald der numerus perfectorum, die Vollzahl der Gerechten, erreicht ist.
Die grundsätzliche Message der Apk lautet: Gott und nur Gott kann und will Erlösung schenken. Das setzt nach biblischem Befund die Befreiung von menschenfeindlichen und tyrannischen Mächten voraus. Das lehren uns die großen heilsgeschichtlichen Erfahrungen Israels, welche das Christentum in seinen Liturgien sorgsam bewahrt hat.
Die Johannes-Offenbarung ist kein Streichelbüchlein, sie huldigt keinem Harmonieideal, sie ist ein schroffes Buch. Die Offb will uns erschrecken, sie will uns beschämen, sie will, dass die Menschen merken, es wird ernst. Das letzte Buch der Bibel ist ein prophetisches Buch. Es ist spricht über die Zukunft: „seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll“ (1,1). Das aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitete Wort offen baren bedeutet "offenlegen, aufdecken, enthüllen“, das griechische Äquivalent lautet ἀποκάλυψις apokalypsis, lateinisch revelatio. Mit diesen Formulierungen verbindet sich der Gedanke, dass Gott, der in der jüdisch-christlichen Tradition immer auch der verborgene Gott ist, etwas von sich preisgibt: „Um Jakobs, meines Knechts, und um Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen und gab dir Ehrennamen, obgleich du mich nicht kanntest. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. Ich habe dich gerüstet, obgleich du mich nicht kanntest, damit man erfahre vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, dass keiner ist außer mir. Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis, der ich Frieden gebe und schaffe Unheil. Ich bin der HERR, der dies alles tut.“ (Jes 45,4-7). Das er zumindest ansatzweise zeigt, wer und wie er ist, dafür steht die Offenbarung des Gottesnamens JHWH1 in Ex 3,115. Nicht Sätze oder abstrakte Wahrheiten sind Gegenstand der Offenbarung, sondern Gott selbst, der sich mitteilt. In seiner Offenbarung erschließt er sich als ein Gott der Menschen und für die Menschen, als der, der mit ihnen Gemeinschaft haben und zu ihnen in Beziehung treten möchte. Ihren schriftlichen Niederschlag findet seine Selbstmitteilung auch in der Offenbarung.
Was ist konkret prophetisch an der Offb? Die Wiederkehr der Erst- und Urzeit (21), die Zionshoffnung2 (14), die kritische Durchleuchtung der gegenwärtigen Verhältnisse (2-3; 17-18), die Schilderung des Überhangs von Leiden unschuldiger Menschen, das Botenspruch-Schema (2-3), die Thronvision (4) in der der Thronende wie ein Mensch geschildert wird Ez 1,4–28; Offb 1,17–18, die unbedingte Unheilsprophetie (Weherufe), die Wiederaufrichtung des Davidreiches (22,16), die Gottesehe (21,2), die Umkehr aufgrund der Katastrophe (9,21), der Tag JHWHs, Gott gibt, der Bezug auf Ez 1-3 (Vision, Essen der innen wie außen beschrieben Buchrolle), der schreibende Prophet (1,19), der Prophet als Mithörer der himmlischen Thronszenerie (5,1ff.), Entstehung der Prophetie am Ort des »Exils« (Ez 1,1; Offb 1,9), die dem Gericht entrinnen, tragen ein Kennzeichen, Gott wird unter Menschen wohnen (Ez 37,26 f.; Offb 21,3).
Nach christlichem Glauben ist Jesus Christus die Selbstmitteilung Gottes schlechthin, Offenbarung und Offenbarer zugleich. In ihm erreicht die Gottesoffenbarung deswegen ihren Höhepunkt, weil sich hier Gott in einem konkreten geschichtlichen Menschen, Jesus von Nazaret, mitteilt. Katholische und evangelische Theologie gehen in folgender Überzeugung konform: Nicht weil Gott den Menschen nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil er in Christus alles gesagt und sich in ihm ganz gegeben hat, ist sie vollendet. Darum ist mit ihm die Endzeit, die „Fülle der Zeit” (Gal 4,4) angebrochen; darum ist er „der einzige” (Joh 3,16; Apg 4,12), der „Letzte” (Lk 20,9-19) und die „Fülle Gottes” (Eph 3,19). In Jesus Christus offenbart sich Gott auf unüberbietbare Weise, macht sich so nahe und erfahrbar, dass die Menschen durch ihn Gemeinschaft mit ihm haben können. Und doch begegnet Gott in Christus nicht direkt und unvermittelt, sondern in menschlicher Gestalt bzw. bleibt Gottes Offenbarung in ihm den Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen. Endgültig abgeschlossen ist die Offenbarung erst eschatologisch3, am Ende der Zeit, wenn Gott „über alles und in allem“ herrscht (1.Kor 15,28), sein Reich aufrichten und die Vollendung herbeiführen wird.
Alle Auslegungen der Offenbarung des Johannes werden im Prinzip von zwei Leitfragen dominiert: welche Botschaft wollte Johannes den frühen Jesusgemeinden übermitteln und welche Bedeutung besitzt diese Botschaft für unsere heutige Lebenswelt? Beide Fragen sind gleichermaßen relevant und hängen durchaus miteinander zusammen. Dennoch sind sie klar voneinander zu unterscheiden, zumindest ist das der Anspruch dieses Buches. Der Grad der Differenzierung ist im Wesentlichen davon bestimmt, welcher »Auslegungsschlüssel« zur Deutung gewählt wird. In der exegetischen Historie haben sich verschiedene Interpretationsmodelle für die Deutung entwickelt.
Die welt- und kirchengeschichtliche Auslegung (auch bekannt als die historische Auslegung)
Die historische Schule geht davon aus, dass sich die Ereignisse der Offenbarung im Laufe der Geschichte entfalten. Diese Sichtweise kam besonders dem Denken der protestantischen Reformatoren entgegen, die das Papsttum ihrer Zeit mit dem Antichristen gleichsetzten. Diese Deutung war seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit vorherrschend. Eine Variante ist die reichs- oder heilsgeschichtliche Auslegung: die Offenbarung zeige nicht den Verlauf der Geschichte, sondern die Hauptwendepunkte der Heilsgeschichte auf. Generell führt diese Art der Auslegung jedoch oft zu widersprüchlichen Deutungen, da alle Ausleger ihre eigene Zeit im Blick haben.
Die überzeitliche Auslegung (die idealistische Auslegung)
Im Gegensatz zu anderen Interpretationsweisen hält sich die idealistische Sichtweise bei der historischen Einordnung der Symbolik aus der Offenbarung zurück. Die Vertreter dieses Ansatzes behaupten, dass die Offenbarung sich einer mythischen und poetischen Sprache bedient, um große Wahrheiten über Gott, das Böse, die Geschichte usw. auszudrücken. Somit interpretieren Ausleger dieser Schule die Offenbarung als bildhafte Darstellung zeitloser Wahrheiten. Die Offenbarung beschreibe keine zukünftigen geschichtlichen Ereignisse, sondern grundsätzliche Sachverhalte der Existenz der Gemeinde in der Welt. Mit ihren zukünftigen Bildern stelle sie dar, was der Sinn und Wesen des Glaubens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei. Eine Variante ist die sogenannte »typologische Auslegung«. Die Offenbarung zeichne keine Abfolge zukünftiger Ereignisse nach, sondern entwerfe Wesenszüge der Endgeschichte.
Dieser Ansatz setzt sich häufig kritisch mit anderen Auslegungstraditionen auseinander und reagierte auf wahrgenommene Missstände bei der Auslegung eines zukunftvoraussagenden Ansatzes, aber auch auf Unzulänglichkeiten einer rein historischen Lesart. Kirchenväter wie Origenes und in geringerem Maße Augustinus (354–430 nC), der sich wiederum auf die Arbeit eines Auslegers namens Tyconius4 stützte, lehnten die futuristische Auslegung klar ab und legten die Offenbarung größtenteils idealistisch aus. Da die Anhänger dieser Schule glauben, dass die Offenbarung zeitlose Wahrheiten präsentiert, sehen sie in der Geschichte immer wieder Parallelen zur Offb. Sie argumentieren also, dass die Bedeutung und die Wahrheit der Offenbarung weder auf ihre ursprüngliche Verbindung mit Rom und dem besonderen historischen Kontext, in dem sie geschrieben wurde, noch auf ihre angebliche Korrelation mit bestimmten zukünftigen Realitäten beschränkt ist.
Die religions- und traditionsgeschichtliche Deutung
Die Apokalypse wurde demnach nicht vom Gang erwarteter Ereignisse bestimmt, sondern von den Vorgaben traditioneller, teilweise mythologischer apokalyptischer Vorstellungen aus dem Tanach, dem apokalyptisch geprägten Judentum, aber auch von Mythen der im Alten Orient beheimateten Religionen.
Die endgeschichtliche Auslegung (die futuristische Auslegung)
Das futuristische Schema besagt, dass sich die Ereignisse in der Offenbarung noch weitestgehend unerfüllt seien und kommt deshalb zu dem Schluss, die Kapitel 4-22 bezögen sich auf die Endzeit und beschrieben die dann folgenden Ereignisse. Diese eschatologische Interpretation wird heute häufig von fundamentalen Evangelikalen und Kreationisten vertreten, welche die Apokalypse als eine codierte göttliche Dramaturgie der Endzeit verstehen. Dieser Ansatz geht im Grunde genommen auf einige der frühesten Ausleger der Offenbarung, wie Justin den Märtyrer5, Irenäus von Lyon und Victorinus6 zurück. Auf dieser Grundlage haben zahlreiche christliche Exegeten die Erfüllung der Drangsale und/oder der Figuren in der Offenbarung in ihrer eigenen Zeit oder in der nahen Zukunft gesehen. Das Problem dieses Ansatzes besteht in den Tausenden von gescheiterten Versuchen, die Offb zur Vorhersage der Geschichte zu benutzen. Jede Generation zwang die jeweiligen Geschehnisse in die Verse der Offb und sah jeweils die Endzeit anbrechen. Die Offb will aber gerade kein verschlüsseltes Werk sein: „Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung in diesem Buch“ (22,10).
Die zeitgeschichtliche Auslegung (die präteristische Auslegung)
Die präteristische, d.h. vergangenheitsorientierte Auslegung geht davon aus, dass sich die Ereignisse der Offenbarung im Wesentlichen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung erfüllt haben. Verschiedene Vertreter stellen die relevanten Ereignisse entweder in einen Zusammenhang mit dem Fall Jerusalems im Jahr 70 nC oder sowohl mit dem Fall Jerusalems als auch mit dem Fall Roms im fünften Jahrhundert nC. Die Vertreter dieser Schule verstehen die Offenbarung vor allem als ein Buch, das zum Trost der Christen geschrieben wurde, die unter der Verfolgung durch das Römische Reich als auch durch die Juden litten. Dies bedeutet in einem engeren Sinn, dass die Visionen der Offenbarung Ereignissen aus der Zeit ihrer Entstehung (starke Erdbeben, Hungersnöte, Tod Neros und Erwartung seiner Wiederkunft; Krieg mit den Parthern u.ä.) beschreiben. Im weiteren Sinn kann man die Aussagen vor dem Hintergrund der Situation der damaligen bedrängten Gemeinden verstehen (Aufkommen des Kaiserkults und Verfolgung unter den Kaisern Nero oder Domitian). Sie weisen aber über diese historische Situation hinaus.
Die heutige historisch-kritische Exegese arbeitet meist auf der Grundlage der zeit- und endgeschichtlichen Deutung im weiteren Sinne mit Aspekten der religionsgeschichtlichen und typologischen Interpretation. Dieser Ansatz wird auch im Rahmen dieses Buches verfolgt werden. Dennoch sind auch Erkenntnisse der sozialgeschichtlichen Forschung und Elemente tiefenpsychologischer Einsichten durchaus beachtenswert. Die nachfolgenden Zeilen werden sich redlich mühen, dass der gewählte methodische Weg offen bleibt für Aspekte, die unter Umständen auch an manchen Stellen eine andere Sicht legitimieren. Eine besondere Herausforderung wird zweifelsfrei darin bestehen, die Bilder der Visionen zu interpretieren. Es kann nicht nur darum gehen, ihre Botschaft mit Hilfe eines Codes zu entschlüsseln und in theologische Axiome oder allgemeine Wahrheiten umzusetzen. Die Bilder als Bilder sprechen zu lassen wird der Bibel und der Offb gleichermaßen gerecht. Das mit dem geschriebenen Wort zu vermitteln, ist keine leichte Aufgabe. Ob dies in dem vorliegenden Versuch einer exegetischen Kompilation aus unterschiedlichen Primär- und Sekundärquellenquellen in den nachfolgenden Kapiteln hinreichend oder ansatzweise gelungen ist, obliegt dem Urteil der Leser. Soweit nicht anders ausgewiesen, stammen die Bibelzitate aus der Lutherbibel 2017.
Pattaya, im August 2025 Pastor Peter Hirsekorn
Die Apokalypse oder die Offenbarung des Johannes ist ein sehr spezielles Buch. Es auszulegen ist eine besondere Herausforderung. Kaum ein Buch der Bibel wird so kontrovers beurteilt wie das des Sehers von Patmos7. Spricht Gott hier ganz direkt zu den Menschen oder handelt es sich um Rachephantasien eines urchristlichen Sektierers? Der Titel dieser Schrift geht auf ihr erstes Wort zurück: ἀποκάλυψις apokalypsis, wörtlich „Enthüllung, Offenbarung“. Es ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments (NT) und namengebend für eine ganze literarische Gattung und ihre Trägerkreise.
In den ältesten Manuskripten lautet die Überschrift Apokalypsis Ioannou [ΑΠΟΚΑΛΥΨΙΣ ΙΩΑΝΝΟΥ], „Offenbarung des Johannes“. Die Masse späterer Handschriften ergänzt dies zu Johannes des Theologen. Der Text selbst beginnt aber mit den Worten Offenbarung Jesu Christi: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes“ (1,1). Das zeigt, es geht um die Enthüllung einer Botschaft Gottes durch Jesus Christus. Das Buch erhebt also den Anspruch, dass sein eigentlicher Autor Jesus Christus ist, der aber nur weitergibt, was Gott ihm aufgetragen hat.
Das Buch leugnet aber keinesfalls seinen menschlichen Verfasser: „Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asia“ (1,4), „Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse“(1,9) und „Und ich, Johannes, bin es, der dies gehört und gesehen hat.“ (22,8). Die Offenbarung ist die einzige der (einem) Johannes zugeschriebenen Schriften des NTs, in der sich der Verfasser selbst mit diesem Namen vorstellt. Aber welcher Johannes spricht in der Apokalypse zu uns? Er selbst bezeichnet sich weder als Apostel noch als „Der Älteste“ (2.Joh 1,1; 3.Joh 1,1). Nach altkirchlicher Tradition stammen sowohl die Offenbarung wie auch das Johannesevangelium und die Johannesbriefe von dem Apostel Johannes, dem Sohn des Zebedäus, einem der Zwölf (Mk 3,17; Mt 10,2; Lk 6,14). Er soll später nach Ephesus gekommen sein und dort bis ins hohe Alter gewirkt haben.
Justin der Märtyrer (ca. 100-165 nC), der vermutlich kurz nach dem Tod des Johannes geboren wurde, nennt ihn ausdrücklich als Autor8. Ebenso Irenäus von Lyon (ca. 175195 nC)9, der von Polykarp10 gelernt hatte, der wiederum ein Schüler des Johannes war. Die im Jahr 1945 in Ägypten gefundenen und auf 150 nC datierten Papyri weisen den Vers 1,19 auf und besagen, dass dies von Johannes, dem Bruder des Jakobus und Sohn des Zebedäus, geschrieben sei. Weitere Zeugen sind Clemens von Alexandrien (ca. 150-215 nC)11 und Origenes (ca. 185-253 nC)12.
Die Frage der Verfasserschaft des Evangeliums und der Briefe soll an dieser Stelle nicht ausführlich erörtert werden. Jedoch lassen sich im Blick auf die Offenbarung zwei Aussagen treffen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Autor um den Apostel Johannes handelt. Er selbst nennt sich nie Apostel. Stattdessen betrachtet er die zwölf Aposteln als eine vergangene heilsgeschichtliche Größe: „Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.“ (21,14). Zum zweiten ist es aufgrund der großen Unterschiede in Sprache, Begrifflichkeit und Stil nahezu ausgeschlossen, dass der gleiche Autor sowohl die Apokalypse als auch das Evangelium und die Briefe geschrieben hat. Darüber hinaus beansprucht die Offb selbst auch nicht, von einem Apostel geschrieben worden zu sein. Der Verfasser nennt sich schlicht Johannes und wird in als Knecht bzw. Diener Gottes (δούλοις αὐτοῦ doulō autou) bezeichnet. Dieser Titel wird in der Hebräischen Bibel oft für die Propheten verwendet. „Gott der HERR tut nichts, er offenbarte denn seinen Ratschluss seinen Knechten, den Propheten (Am 3,7). Johannes war also ein »ur«christlicher Prophet, der in den kleinasiatischen Gemeinden gewirkt hat und dort auch als Autorität bekannt war. Er befand sich bei der Abfassung dieser Schrift auf der Insel Patmos, vermutlich weil er von den römischen Behörden wegen seiner Wirksamkeit in den nahegelegenen Gemeinden Kleinasiens dorthin verbannt worden war. „Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.“ (1,9).
Es handelt sich dabei nicht um eine Erzählung und auch nicht um einen lehrhaften Text. Johannes berichtet von einer Vision, die er erlebt hat und in den Kapitel 4-5 - die sogenannte »theologische Mitte« der Offenbarung ausführlich in wortgewaltigen und teils codierten Bildern schildert. Biblische Visionen verstehen sich als innere Bilder oder Bilderfolgen, die auserwählten Menschen Einblick in eine Dimension gewähren, die dem »Normalsterblichen« nicht zugänglich ist.
Der Autor dieses Buches geht davon aus, dass es sich bei den Visionen der Johannesoffenbarung um echte authentische Visionen handelte, die Gott bewirkt hat. Es geht also nicht um fiktionale Literatur, die Johannes in seiner Studierstube kreativ entwickelt und zu Papier gebracht hat. Grundsätzlich sollten bei einem Visionsbericht zwischen zwei Ebenen unterschieden werden: zwischen der Vision selbst, so wie sie beispielsweise Johannes erlebt hat und dem nachträglichen Bericht über diese Vision. Das ist nicht das gleiche, denn auch die Visionsberichte des Johannes lassen eindeutig erkennen, dass diese bewusst gestaltet wurden. Das gilt sowohl für die Johannesoffenbarung als Ganzes als auch für jeden einzelnen Visionsbericht. So werden durch den Autor bewusst immer wieder Akzente gesetzt, diverse Stilmittel verwendet und Leitbegriffe gebildet, die dann oft wiederholt werden. Die Visionsberichte des Johannes sind in einem nachträglichen Prozess der Verschriftlichung literarisch gestaltet worden, dürfen mithin auch zur literarischen Gattung gezählt werden.
Wie der Autor seine Berichte im Einzelnen angefertigt hat, wissen wir nicht. Ob er diese Visionen direkt hintereinander erhalten hat oder kleinere oder größere Pausen dazwischen lagen, ist nicht bekannt. Hat Johannes unentwegt stunden- oder tagelang geschrieben oder ergaben sich bei der Niederschrift kleinere oder größere Unterbrechungen wie bei Teresa von Ávila13? Hat er das Geschriebene einmal oder mehrfach überarbeitet? All das wissen wir nicht, was aber dem Wert dieser Schrift nicht abträglich ist. Denn dieses Buch zeigt uns verschiedene Gesichter und weist den Weg zu unterschiedlichen Perspektiven. Die Offenbarung ist:
schon immer ein sehr umstrittenes Buch gewesen. So wurde lange darüber disputiert, ob es kanonisiert
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werden sollte. Es gibt christliche Denominationen, welche die Apokalypse bis heute nicht als Teil der Bibel betrachten. Die Schweizer Reformatoren konnten wenig mit ihr anfangen. Zwingli
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meinte, sie sei „kein biblisches Buch“ und Calvin
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hat sie in seiner Auslegung des Neuen Testaments sogar übergangen. Und auch Martin Luther fand keinen rechten Gefallen an der Apokalypse und schrieb 1522 in der Vorrede zu diesem Buch: „
An diesem Buch der Offenbarung Johannes lass ich auch jedermann seines Sinnes walten, will niemand an meine Meinung oder Urteil gebunden haben. Ich sage, was ich fühle. Mir mangelt an diesem Buch verschiedenes, so dass ich‘s weder für apostolisch noch für prophetisch halte: aufs erste und allermeiste, dass die Apostel nicht mit Gesichten
[Visionen]
umgehen, sondern mit klaren und dürren Worten weissagen, wie es Petrus, Paulus, Christus im Evangelium auch tun. Denn es gebührt auch dem apostolischen Amt, klar verständlich und ohne Bild oder Gesicht von Christus und seinem Tun zu reden. Auch gibt es keinen Propheten im Alten Testament, geschweige denn im Neuen, der so ganz durch und durch mit Gesichten und Bildern umgehe, dass ich
[sie]
bei mir fast dem vierten Buch Esra gleich achte und in allen Dingen nicht spüren kann, dass es von dem heiligen Geist verfasst sei. Dazu dünkt mich das allzuviel, dass er so streng
[in Bezug auf]
solch sein eigenes Buch, mehr als irgendein anderes heiliges Buch tut - woran viel mehr gelegen wäre befiehlt und drohet, wer etwas davon tue, von dem werde Gott auch tun usw. Umgekehrt sollen selig sein, die da halten, was drinne stehet, obwohl doch niemand weiß, was es ist, geschweige, dass er‘s halten sollte, und es ebenso viel ist, als hätten wir‘s nicht, auch wohl viele edle Bücher vorhanden sind, die zu halten sind. Es haben auch viele der Väter dieses Buch vorzeiten verworfen und wenns auch Hieronymus mit hohen Worten anführt und sagt, es sei über alles Lob und so viel Geheimnisse drinnen wie Wörter, so kann er davon doch nicht beweisen und ist wohl an mehr Orten mit seinem Lob zu freigebig. Endlich meine davon jedermann, was ihm sein Geist gibt, mein Geist kann sich in das Buch nicht schicken, und ist mir dies Ursache genug, dass ich sein nicht hochachte, dass Christus drinnen weder gelehret noch erkannt wird, welches zu tun ein Apostel doch vor allen Dingen schuldig ist, wie Christus Apg. 1,8 sagt: ‚Ihr sollt meine Zeugen sein.‘ Darum bleibe ich bei den Büchern, die mir Christus hell und rein dargeben
“.
für viele ein faszinierendes Buch. Denn ihre gewaltige Bilderflut haben Künstler aller Zeiten zum schöpferischen Nachvollzug und zu neuen Visionen inspiriert. So fremd uns diese Bilder heute auch erscheinen mögen, sie berühren tiefe Schichten in der menschlichen Seele.
zugleich auch ein befremdendes Buch. Die brutal-drastischen Schilderungen der Bestrafung der Ungläubigen, der unüberhörbare Ruf nach Rache und Vergeltung und das Bild eines Gottes, dessen Sieg über das Böse vermeintlich mit Strömen von Blut erkauft ist, sind für manche Leser verstörend und schwer zu verstehen.
darum oft auch ein vergessenes Buch. Viele, die eigentlich gerne in der Bibel lesen, kennen es nicht wirklich. Es gibt große theologische Systeme, in denen es keine Rolle spielt. Und doch wird es in Krisenzeiten immer wieder neu entdeckt und meist mit heißem Herzen und weniger mit kühlem Kopf gelesen.
auch ein missbrauchtes Buch. Benutzt von Verschwörungstheoretikern und selbsternannten Untergangspropheten in fundamentalistisch-evangelikalen Kreisen für ihre oft als »einzig wahre und bibeltreue« proklamierte Interpretation der Heiligen Schrift.
aber auch ein höchst aktuelles Buch angesichts einer globalisierten Wirtschaft, die zunehmend inhumane und bedrohliche Züge annimmt, der zunehmenden Verfolgung von Christen insbesondere in islamischen Staaten und des islamistischen Terrors nicht nur im Heiligen Land, sondern auch zunehmend in Europa und Afrika oder auch der nicht enden wollenden Kriege weltweit.
ein unbequemes Buch. Sein prophetischer Charakter führt zwangsläufig dazu, dass es die Menschen mit dem Willlen Gottes konfrontiert. Indem es klar auf die Realität Wirklichkeit gottfeindlich wirkender Mächte hinweist und die Halbherzigkeit und Unentschiedenheit einer etablierten Christenheit in Frage stellt, zeigt es das Bild Gottes, der es ernst meint mit dem Himmelreich.
last but not least
ein gutes Buch. Es spendet den Verfolgten und Ohnmächtigen dieser Welt Trost und macht ihnen Mut. Und es ruft uns alle auf, Gott und unserem Glauben auch unter schwierigen Bedingungen die Treue zu halten.
Grundlegende Aspekte zum Verständnis der Offenbarung
Obwohl Johannes und seine Leser im Reichsgebiet des Imperium Romanums17 unter römischer Besatzung wohl eher schlecht als recht lebten, sucht man Worte wie Rom, Römer oder Römisches Reich in der gesamten Offb vergeblich. Auch wird an keiner Stelle der Name eines römischen Kaisers erwähnt. Erstaunlich ist, dass überhaupt keine Personen aus dem damaligen geschichtlichen Umfeld in der Offb erwähnt werden. Die Evangelien hingegen nennen neben Jesus noch weitere verschiedene Personen aus seinem geschichtlichen Umfeld, beispielsweise Herodes18, Johannes den Täufer19, Nikodemus20, Josef von Arimathäa21 oder Pontius Pilatus22. Dies könnte nach 2.000 Jahren bei heutigen Lesern den Eindruck erwecken, die Apk sei ein zeitloses, übergeschichtliches Werk, welches man deshalb auch direkt auf die Gegenwart beziehen könne. Dies wäre aber eine grundlegend falsche Annahme.
Der Grund liegt in der tiefen Überzeugung des Sehers, dass das Römische Reich satanisch geprägt ist und das kann er aufgrund der vorhandenen Machtkonstellation so direkt nicht schreiben. Er ist sehr vorsichtig, denn er will seine Leser, die sich ohnehin in einer Situation der Bedrückung und Bedrohung befinden, nicht noch mehr in Gefahr bringen. Deshalb vermeidet er konkrete Begriffe und Namen. Es handelt sich hierbei um einen historischen Grund und es gibt deshalb auch keine belastbaren Beweise dafür, dass es sich bei der Johannesapokalypse um eine zeitlose, übergeschichtliche Schrift handelt. Das Römische Reich ist höchstselbst der Grund dafür, dass Johannes jeden direkten Hinweis konsequent vermeidet. Ergo spricht vieles für und wenig gegen die These, dass das »Schweigen des Johannes« uns nicht aus der Geschichte heraus, sondern ganz im Gegenteil, tiefer in den historischen Kontext hineinführt. In der Offenbarung sind viele wichtige Bezüge zur geschichtlichen Situation in codierter Form enthalten, auf die im weiteren Verlauf des Buches eingegangen werden wird. Berücksichtigt man alle Aspekte, liegt der Schluss nahe, dass die Apokalypse viel staatskritischer als alle anderen Schriften des NTs ist.
Die Apk gehört zu den spätesten Schriften des NTs. Nach frühkirchlicher Tradition ist das Buch in den letzten Jahren der Regierung Kaiser Domitians (ca. 94-96 nC) geschrieben worden. Dieser Datierung folgt auch heute der Mainstream der Auslegungen. Daneben werden diverse frühere oder spätere Alternativen angeboten, die vom Ende der Herrschaft Neros (68 nC) bis zum Beginn der Herrschaft Hadrians (ab 117 nC) reichen. Nach dem Zeugnis der frühen Kirchenväter war die Offb zunächst weit verbreitet, aber ab dem Ende des 2. Jhs nC vor allem im »griechischen Osten« aus verschiedenen Gründen umstritten. Es war ichre Beliebtheit im »lateinischen Westen«, die dazu geführt hat, dass sie als einzige »ur«christliche Apokalypse in den Kanon aufgenommen wurde.
Auffällig ist des Weiteren, dass sich im ganzen Buch kein einziges Zitat aus dem Tanach findet, das als solches ausgewiesen wäre. Hingegen finden sich sehr viele, teils auch wörtliche, Anspielungen auf alttestamentliche Texte, mehr als in jedem anderen neutestamentlichen Buch. Johannes hat folglich in den prophetischen Texten des Tanach gelebt. Und unter dem Eindruck der Situation der Gemeinden haben sich für ihn die Bilder, die er dort fand, zu neuen Visionen geformt, die er weitergab.
Trotz ihrer vergleichsweisen späten Entstehung kommen in der Apokalypse die Begriffe Christ, christlich oder Christentum, wie übrigens auch bei Paulus, an keiner einzigen Stelle vor. Dies ist ein zweiter Aspekt zum Verständnis der Offb. Johannes war ein Jesusgläubiger Jude und auch sehr viele seiner damaligen Leser waren Jesusgläubige Juden. Und als Juden hatten sie eine andere religiöse Sozialisation wie die späteren Christen. Sie wurden beschnitten, die Synagoge war, von Kindesbeinen an, der Mittelpunkt ihres Lebens, sie haben Bar Mizwa und Bat Mizwa23 gefeiert und unsere christlichen Feste wie Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten kannten sie nicht, es gab sie damals auch noch gar nicht. Stattdessen feierten sie Pessach24, Jom Kippur25, Purim26 und Chanukka27. In unseren heutigen christlichen Gemeinden gibt es so gut wie keine Juden mehr. Im 1. Jh nC waren in den damaligen Jesus-Gemeinden ein großer Teil, oft sogar die Mehrheit der Mitglieder Juden. Dieser Unterschied wirkte sich zwangsläufig auf alle Ebenen des Glaubens aus, ein Christentum, so wie wir es heute kennen, gab es damals nicht.
Weil der Symbolgehalt des in der Offb Geschauten so dicht ist, bleibt zwangsläufig für die geistliche Deutung ein großer Spielraum, der sowohl in der alten Kirche als auch von heutigen evangelikal-kreationistisch Kreisen benutzt wurde und wird, die jeweilige Ideologie und das häufig damit zusammenhängende Geschäftsmodell zu befeuern. Die Grenzen der Deutung werden beispielsweise sichtbar, wenn Beda Venerabilis28 behauptet: „ecclesia semper … Christum parit.“ Nicht die christliche Kirche des 8. Jhs „gebiert“ Christus, sondern dies tat die alttestamentliche Gemeinde, nämlich Israel. Und in der Offb geht es gerade nicht um einen sich ständig wiederholenden »semper-Vorgang«, sondern um das einmalige heilsgeschichtliche Geschehen der Geburt des Messias. Diese Einmaligkeit des historischen Vorgangs droht auch dort verloren zu gehen, wo Johannes nur symbolisch bzw. spiritualisierend verstanden wird. Eine Grenze wird auch dort überschritten, wo man im Anschluss die Offb nach einem irdischen »Bergungsort« sucht, an dem die christliche Gemeinschaft vor dem Antichristen geschützt sei (z.B. Palästina).
Da es das Wort „Christen“ noch gar gab, ist auch der immer noch verwendete Begriff Judenchristen für die Jesusgläubigen Juden kritisch zu sehen. Der Begriff Judenchristen entstand erst im 19. Jahrhundert, als christliche Missionsgesellschaften damit begannen, die im Heiligen Land lebenden Juden zu missionieren. Für das 1. nachchristliche Jahrhundert wären Begriffe wie »Anhängerschaft Jesu«, »Nachfolger Jesu«, »Jesus Bewegung« oder auch »frühe Jesusgläubige« geeigneter. Das sich aus diesen zarten Anfängen einmal die größte Religionsgemeinschaft der Welt entwickeln würde, hat damals niemand ahnen können. In der Apostelgeschichte heißt es zwar: „In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt“ (11,26c); dieses Christianous (Χριστιανούς) ist aber eher als eine Fremdbezeichnung römischer Beamten zu verstehen, die erkannt hatten, dass hier eine neue Bewegung im Entstehen war. Bis aus dieser Fremdbezeichnung eine allgemein anerkannte Selbstbezeichnung wurde, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Die Begriffe Christ und Christentum haben sich erst im Laufe der zweiten Hälfte des 2. Jhs durchgesetzt.
Ein dritter zu beachtender Aspekt für das grundsätzliche Verständnis der Offenbarung ist die Frage: was können wir heute mit Sicherheit über die Situation der Juden Ausgangs des 1. Jhs nC sagen? Die damaligen Juden waren immer noch zutiefst traumatisiert von der großen Katastrophe, der Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 nC. Die römischen Legionen hatten in einem mehrjährigen Krieg ganz Galiläa und Judäa verwüstet und dann auch die Hauptstadt des damaligen Weltjudentums. Glaubt man der Darstellung des Flavius Josephus‘, dann hat dieser Krieg über eine Millionen Tote gefordert und 100.000 Juden in die Versklavung geführt. Das gesamte Judentum war nun gezwungen, sich neu zu formieren - ohne Tempel, ohne Jerusalem, ohne Hohenpriester und ohne Sanhedrin. Von diesen Fragen wurden die gläubigen Juden tief im Innersten bewegt und die Jesusgläubigen unter ihnen auf ihre Weise ebenfalls. Ein christliches Verständnis für diese Bedrängungen ist ebenso von Nöten wie die Frage nach der Bedeutung der Apokalypse in der Gegenwart. Denn bei den ersten Lesern der Offenbarung handelt es sich immerhin um unsere damaligen Schwestern und Brüder können und dürfen wir nicht von vorne herein ausblenden oder ignorieren, um begierig direkt in die Jetztzeit zu springen.
Ein letzter Gedanke sei den »Enthusiasten des Imperium Romanums« gewidmet. Unbestritten sind die kulturellen Leistungen der Römer. Beeindruckende Aquädukte über weite Entfernungen, eine hohe Bäder- und Wohnkultur mit den ersten Fußbodenheizungen, imponierende Prachtbauten wie beispielsweise das Kolosseum, das Römische Recht und die lateinische Sprache waren Meilensteine für die politische, wirtschaftliche und geistige Entwicklung Europas. Doch auch bei allem Staunen sollten wir nicht vergessen, welches immense Leid durch die Römer über viele Menschen und Völker gekommen ist. Neben den kulturellen Leistungen stehen auch die Verbrechen des Imperium Romanums, nicht zuletzt an den ersten Jesusgläubigen und frühen Christen. Auch die ersten Leser der Apk ging es nicht um die Errungenschaften der Römer, denn ihr Leib und Leben war ja unmittelbar durch die römische Besatzungsmacht bedroht.
Was bedeutet die Offb für unsere Gegenwart und für mich persönlich? Die Frage ist sowohl wichtig als auch berechtigt, darf aber nie gestellt werden, ohne dass wir das Leben und Leiden unserer damaligen Brüder und Schwestern ausblenden. Auf alle, welche deren Leiden und damit den Kontext der Entstehung der Apokalypse angemessen würdigen, warten nicht nur einige spannende Entdeckungen, sondern auch ein besseres Verständnis. Die Offenbarung will mit ihren eigenen Augen und aus ihrer Perspektive heraus gelesen werden. Wird die Entstehungssituation nicht ausreichend gewürdigt, dominieren die egozentrischen Fragestellungen nach dem Hier und Heute. Dann dürfte ein tieferes Verständnis der Offb kaum möglich sein.
„Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie gedeutet und gesandt durch seinen Engel zu seinem Knecht Johannes“ (1,1).
Dem ersten Satz kommt nicht zuletzt eine ganz besondere Bedeutung zu, weil es in antiken Texten keine Überschriften gab. So stammen auch die Überschriften (ebenso wie die Einteilung in Kapitel29 und Verse30) unserer Evangelien aus späterer Zeit. Da deshalb zwangsläufig der erste Satz mehr oder weniger die Funktion einer Überschrift hatte, musste jeder Autor in der Antike sich den ersten Satz sehr gut überlegen.
Jeder Leser, der damals die Schriftrolle öffnete (es gab noch keine Bücher) und las „was in Kürze [bald] geschehensoll“, muss zwangsläufig davon ausgegangen sein, dass das nachfolgend Geschilderte in naher Zukunft, möglicherweise noch zu seinen Lebzeiten, passieren werde. Das gesamte Vorwort ist ein Schlüsseltext der Apokalypse, in welchem Johannes seine Leser Schritt für Schritt zu fundamentalen Hinweisen für das Verständnis der Schrift führt. In fundamental-evangelikalen Kreisen, insbesondere in den USA, wird das Koine31-Griechische γενέσθαι ἐν τάχει genesthai en tachei gern mit „schnell“ anstelle von „bald“ oder „in Kürze“ übersetzt. Warum? In diesen christlichen Kreisen wird die komplette Offb nicht aus der Geschichte heraus verstanden, sondern für das 21. Jahrhundert ausgelegt. Grammatisch ist das möglich, denn der griechische Terminus hat hier zwei Bedeutungsebenen. Man kann dieses Wort räumlich verstehen wie Martin Luther, der es als „was in Kürze geschehen wird“ übersetzt. Also im Sinne einer nur noch kurzen Wegstrecke. Man kann dieses Wort auch dynamisch übersetzen, dann aber muss man es als „schnell, rasch“ übersetzen.
Die evangelikal-fundamentale Sicht legt nun die Formulierung in dem Sinne aus, dass wenn es dereinst zum Weltende kommt, dann ginge das Endgericht und der sich anschließende Weltuntergang sehr schnell über die göttliche Bühne. Die Naherwartung der zeitgenössischen Leser wird dann mit dem Spruch „dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind“ (2Petr 3,9) eliminiert. Damit glauben sich diese Exegeten theologisch abgesichert.
Hier legt jedoch ein fundamentaler theo»logischer« Irrtum vor. Für unseren Schöpfer sind tausend Jahre wie ein Tag, aber Gott ist doch nicht der Leser, sondern der eigentliche Autor der Schrift! Gelesen wird die Offenbarung von Menschen und bei Menschen sind tausend Jahre nicht ein Tag. Die evangelikal-fundamentalistische Exegese ist stark ideologisch konnotiert und wird weder der Bibel noch der Offb gerecht, welche aus ihren Entstehungskontexten heraus gelesen, verstanden und ausgelegt werden müssen.
Soweit zum ersten Satz des ersten Vorwortes, der dritte und letzte Vers schließt dieses Vorwort in Bezug auf die zeitliche Verortung mit nahezu den gleichen Worten ab. „Selig [glücklich] ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten [bewahren], was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.“ (1,3) Des Weiteren referenziert Johannes hier ganz offensichtlich auf die Lesung der Apokalypse im Gottesdienst. „Glücklich ist, der da liest“ [ὁ ἀναγινώσκων ho anaginōskōn] steht im Singular, gefolgt von „und die da hören“ [οἱ ἀκούοντες oi akouontes] im Plural. Dies ist ein weiterer belastbarer Hinweis auf die historische Tiefe des Textes, denn das verwendete Singular verweist auf gottesdienstliche Lesungen und der Plural auf die zuhörende Gemeinde. Diese Unterscheidung von Singular und Plural ist von fundamentaler Bedeutung für das historische Verständnis der Schrift. Johannes ist es sehr wichtig, dass die Offenbarung im Gottesdienst verlesen wird. „Glücklich“, Μακάριος makarios, in Koiné und aschrē im Hebräischen, sei der, welcher diese Schrift vorliest. Ergo muss der Text eine besondere Bedeutung für die damalige Jesusbewegung bzw. das frühe Christentum besessen haben. Lektor und Hörer waren zurecht der Überzeugung, dass die Apk ihnen galt, insbesondere weil sie die auch noch bewahren [τηροῦντες tērountes], man könnte auch sagen »ernst nehmen«, sollten.
Last but not least gestattet die wiederholte Glücklichpreisung „denn die Zeit ist nahe“ den theologischen Notausgang für evangelikale Exegese nicht. Denn das griechische γὰρ καιρὸς ἐγγύς gar kairos engys lässt eine dynamische zeitliche Interpretation wie beim Terminus „bald“ nicht zu. Die Offb ist tief eingebettet in die damalige Situation, andere Interpretationen sind wenig glaubwürdig. Eine Aussage wie glücklich ist, wer diese Schrift vorliest und jene, welche sie hören und bewahren, denn die Zeit ihrer Erfüllung ist ferne wäre völlig abstrus.
Allerdings gibt es in der Offb auch keinen Hinweis, dass Johannes seine Leser auf eine unmittelbar bevorstehende
Wiederkunft Christi vorbereiten wollte. Ihm geht es ja nicht zuletzt darum, dass sich seine Leser und Brüder bewähren, was wiederum eine gewisse Zeitspanne voraussetzt. Ausdauer, Treue und Standfestigkeit sind die geforderten Charaktereigenschaften, da kann es sich nicht nur um einige Wochen oder Monate gehandelt haben. Vielmehr ist eher von einigen Jahren auszugehen, wenngleich der Seher genaueres nicht mitteilt. Einen Countdown zum Reich Gottes kann und will er uns nicht an die Hand geben.
Eine antike Anekdote berichtet von der Frage Alexander des Großen an keltische Abgesandte, was sie denn am meisten fürchteten. Diese antworteten stolz und selbstbewusst, dass sie nichts und niemanden fürchteten, außer dem Einsturz des Himmelgewölbes. Wenn Paulus davon spricht, dass „Gottes Zorn vom Himmel her offenbart [wird] über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“ (Röm 1,18) und dies als Metapher für das anstehende Weltgericht verwendet, dann knüpfte er damit an bereits bekannte Vorstellungen in der paganen Umwelt an. Die Möglichkeit des Anbrechens einer völlig neuen Zeit - und genau darum geht es in der Thematik Eschatologie und Apokalypse - war weder geistiges noch geistliches Neuland.
In der Eschatologie geht es um Tod und die Auferstehung von den Toten, um die Ewigkeit und das Weltgericht, um Himmel und Hölle – also um all die Dinge, die in der Dogmatik als τὰ ἔσχατα ta és-chata bzw. novissimis - die „äußersten, die letzten Dinge“, bezeichnet werden. Wenn diese Zukunftsvorstellungen in antiken Quellen systemhaft beschrieben werden, lassen sie sich als »Eschatologie« in theologische Modelle unterschiedlicher Provenienz einordnen. Auch wenn es unterschiedliche eschatologische Überzeugungen im antiken griechischen, römischen, syrischen, jüdischen und ägyptischen Kontext gab, so erlauben die vorliegenden Quellen doch einige belastbare Aussagen über das Spektrum der Apokalyptik. Findet dieser Begriff im Judentum und Christentum Verwendung, so handelt es sich dabei um eine Form der Zivilisationskritik. Zukunft wird als eine von Gott geplante und veranlasste Abfolge von Ereignissen geschildert, die in einer endgültigen und umfassenden Heilszeit ihre Vollendung finden, welche sich radikal von der jeweiligen Ist-Situation unterscheidet.
Apokalyptik als Terminus für eine Textsorte ist ein Begriff der modernen Wissenschaftssprache und im Gegensatz zu Evangelium besora / εὐαγγέλιον euangélion), Gleichnis maschal / παραβολή parabolē) oder Hymnus hinnom - ὕμνος hymno) kein antiker Gattungsbegriff. In der Offb wird das Substantiv interessanterweise nur in der Inskription erwähnt, das zugehörige Verb (ἀποκαλύπτω apokalýpto) kommt an keiner Stelle vor. Insofern ist die Bezeichnung „Apokalypse des Johannes“ vielleicht nicht ganz passend. Des Weiteren gilt es, die Apokalyptik von eigenständigen Phänomenen wie den Messianismus33 oder Chiliasmus34, abzugrenzen. Millenarismus (millennium „Jahrtausend“) oder Chiliasmus (χίλια chilia, „tausend“) bezeichnet ursprünglich den Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Errichten seines tausendjährigen Friedensreiches, manchmal mit Israel als politisch und religiös dominierender Weltmacht. Der Begriff wird auch allgemein verwendet als Bezeichnung für den Glauben an das nahe Ende der gegenwärtigen Welt, manchmal verbunden mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses, oder für einen apokalyptischen Fatalismus im Zusammenhang mit einer Jahrtausendwende.
Eschatologie wird in der heutigen Forschung als Oberbegriff für allgemeine religiöse Phänomene gebraucht, die von den »letzten, den endgültigen Dingen« handeln. Apokalyptik ist dabei eine mögliche Gestalt von Eschatologie, die darauf abzielt, der jeweiligen Gesellschaft ein kritisches Gegenbild zu präsentieren. Dabei ist sie nicht primär spekulativ, sondern versteht sich als mahnend und orientierend eingreifende Offenbarung in die Gegenwart. Die Apokalyptik manifestiert sich nicht nur in Buchform, wenngleich dies natürlich ihre wichtigste Hinterlassenschaft darstellt. Die großen klassischen jüdischen Apokalypsen, wie das Buch Daniel, der äthiopische35 und slawische Henoch36, das dritte Esrabuch37, der syrische Baruch38 oder die Apokalypse Abrahams39, wurden auch von Christen gelesen und weiter tradiert. Daraus erwuchs dann eine reiche christliche apokalyptische Literatur, von der nur ein sehr kleiner Teil kanonisiert wurde. Apokalyptik steht auch, aber nicht ausschließlich, für Wissensvermittlung, welche die menschliche Erkenntnisfähigkeit übersteigt und deshalb auf übernatürliche Offenbarungen zurückgeht.
Apokalyptische Texte hatten und haben während Zeiten von sich häufenden Krisenphänomenen Hochkonjunktur. So entstand das Buch Daniel im Zeitraum des MakkabäerAufstandes, in den historischen Kontext der Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels 70 nC gehört der 2Bar und das 3Esra. Unter dem militärischen Ansturm des sich ausbreitenden Islam im 7. Jh nC zerbrachen viele der etablierten Machtkonstellationen, was wiederum das Entstehen zahlreicher apokalyptischer Werke sowohl jüdischer als auch christlicher Autoren zur Folge hatte.
Im Mittelpunkt der Apokalyptik stehen auch nicht primär die bekannten schrecklichen Hungersnöte, Erdbeben oder andersweitige Untergangsszenarien. Diese bilden »nur« die Vorgeschichte, denn die eigentliche Geschichte, welche Apokalypsen erzählen, ist die sich anschließende Heilsgeschichte. Allerdings konnte sich der Blick auch verklären, wenn die von der mittelalterlichen Kirche im Rahmen ihres Geschäftsmodells postulierten Jenseitsvisionen Hölle und Fegefeuer stärker als den Himmel betonten. Im NT hingegen stehen alle apokalyptischen Texte unter dem Vorzeichen des in Christus erschienenen Heilswillen Gottes und sind mithin allesamt Hoffnungstexte. Obwohl die Offb von der Realität einer Hölle überzeugt ist, wird diese kaum wortbildlich entfaltet. Überstrahlt wird sie von den Bildern der Himmelsstadt, welche sich auf die Erde senkt: „Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes, mitten auf ihrer Straße und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein.“ (22,2-3). Eine dominante Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde, eine Heilszeit in deren Schatten allerdings auch Unheil gedeihen kann.
Apokalyptik ist auch per se keine »Angstliteratur« in dem Sinn, dass sie durch die von ihr verwendete Bildsprache Angst erregen und Panik verbreiten will und die Religion für den Zweck der Manipulation instrumentalisiert. Das gilt allenfalls für die spätmittelalterlichen Phantasien und Jenseitsreisen. Die Apokalyptik artikuliert zwar die bereits vorhandenen Ängste, aber sie weist den Weg zu tröstendem Wissen um Gottes eschatologischen Heilswillen. Apokalyptik ist nicht zuletzt auch eine theologische Deutung der ablaufenden Zeit, also geschichtlich verortbar. Das Gegenmodell ist einerseits eine jeweilige imperiale Mythologie, die Imagination einer wiederkehrenden goldene Zeit, wenn sich Kaiser wie Augustus oder Nero als Heilsbringer feiern lassen. Andererseits kann dies auch eine an »oben und unten« orientierte transzendente Mystik sein, in der die Zeit gar keine Rolle spielt.
Eine 1970 erschienene Streitschrift des Theologen Klaus Koch lautet „Ratlos vor der Apokalyptik“. Die darin enthaltenen Thesen sind vor dem Hintergrund des heutigen Forschungsstandes kaum mehr haltbar. Die apokalyptische Geschichte kann mittlerweile gut eingeordnet werden, wir können viele ihrer Motive nachvollziehen und insbesondere das gewachsene Wissen um die vielgestaltigen Formen antiker Kulturen im Allgemeinen sowie des antiken Judentums im Besonderen haben neue Türen zum Verständnis der frühchristlichen Apokalyptik geöffnet.
Zur Frage der Plausibilitäten von Eschatologie und Apokalyptik für den antiken Menschen
In seiner Verkündigung des Evangeliums an die ehemals heidnischen Thessalonicher schrieb Paulus: „Denn sie selbst verkünden über uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns errettet von dem zukünftigen Zorn.“ (1Thes 1,9-10). In diesen beiden Versen werden grundsätzliche Themen wie Polytheismus40kritik, Umkehrruf, Christus-Kerygma41, Gotteszorn (Weltgericht), Parusie (Auferstehung) und Apokalyptik deutlich. Sein Brief an die ihm weitestgehend unbekannten Gemeindemitglieder in Rom zeigt, dass Paulus auch hier mit einem breiten Konsens eschatologischer und partiell auch apokalyptischer Themen rechnen durfte. „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.“ (Röm 8,18-22) Die durch das Pneuma, dem Heiligen Geist Christi, bestimmte Existenz der Christen ist dem zufolge eine eschatologische Existenz.
Nach Paulus werden sich alle Menschen einmal vor dem Richterstuhl Christi zu verantworten haben: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse.“ (2Kor 5,10). Den für uns gekreuzigten Jesus interpretierten bereits die frühen Christen als den Weltenrichter. Auch im Judentum war die Apokalyptik kein allgemein verbreiteter Selbstläufer. So scheint denn das stärker priesterlich-politische Judentum an apokalyptischen Motiven weniger interessiert gewesen zu sein. Neben der populären hellenistischen Moralphilosophie knüpften manche der apokalyptischen Gedanken an latent vorhandenen Weltängste, zeitkritische Niedergangsszenarien und kosmologische Spekulationen an. Neben der messianischen Theologie einer neuen Heilszeit nährten sie heidnische imperiale Ideologien von der Wiederkehr der saturnischen goldene Zeit42.
Welche volkstümlichen und philosophischen Motive gab es in der Umwelt des Neuen Testamentes, welche die apokalyptischen Botschaften für die damaligen Menschen plausibel machten? Zum einen waren und sind Naturkatastrophen, hier sei nur der Ausbruch des Vesuvs 79 nC erwähnt, ein steter Begleiter der Apokalyptik. Das diese Geschehnisse aber nicht nur apokalyptisches Gedankengut befeuerten, beweisen schon die Auswirkungen des verheerenden Erdbebens von Lissabon 1755 und dessen Folgen für die sich daraus entwickelnde Theodizee43-Debatte. Im Gefolge dieser vermeintlichen Vorboten sich ankündigender Weltuntergangsszenarien hatten auch – überwiegend Vertreter paganer Prophetie – Hochkonjunktur. Das wiederum rief das frühe Christentum kritisierende Philosophen wie Kelsos44 im späten 2. Jh nC auf den Plan, der die Apokalyptik als typisches Thema diverser syrischphönizischer Wanderprediger ausmachte. Im siebten Buch der „Contra Celsum“, einer Gegenschrift des christlichen Apologeten Origines, die im Zeitraum zwischen 244-249 nC entstanden, wird die Polemik des heidnischen Philosophen deutlich zum Ausdruck gebracht: die Art und Weise der Weissagungen in Phönizien und Palästina wolle er angeben, da er davon gehört und sie genau kennengelernt habe. Viele Leute ohne Ruf und Namen gäbe es, die mit größter Leichtigkeit und das aus ganz zufälliger Ursache, teils in Tempeln, teils außerhalb derselben, einige auch bettelnd während sie Städte oder Kriegslager heimsuchten, sich so gebärdeten, als ob sie weißsagen könnten. Ein jeder dieser Propheten pflege die Worte im Munde zu führen, sie seien Gott oder Gottessohn oder göttlicher Geist. Sie seien aber gekommen, denn schon bald ginge die Welt zugrunde und die Menschen seien wegen ihrer Ungerechtigkeiten dahin. Sie aber wollten sie retten und sie würden sie [diese Prediger] mit himmlischer Macht wiederkommen sehen. Selig alle, die sie jetzt ehrten, auf alle anderen werde ewiges Feuer geworfen und die Menschen werden, in Unkenntnis der ihnen bevorstehenden Strafen, vergeblich bereuen und seufzen. Jene aber, die ihnen Glauben schenkten, würden auf ewig bewahret. Nachdem sie diese Dinge drohend vorgehalten haben, führten sie der Reihe nach unverständlichem, verrücktem und ganz unklarem Worte hinzu, deren Sinn kein Verständiger herausbringen könnte. Denn sie sind dunkel und nichtssagend, gäben aber jedem Toren und Betrüger in jeder Hinsicht eine Handhabe, das Gesagte, so wie er will, sich anzueignen. Obwohl Kelsos hier die heidnischen Wanderprediger im Visier hat, sind Vergleiche mit dem Christentum beabsichtigt und der satirische Duktus will zum Ausdruck bringen, dass das Christentum weder etwas Neues noch ernst zu nehmen sei.
Die ältere stoische Philosophie lehrt einen allmählichen Rückzug des göttlichen Weltgeistes - des logos - aus der Welt, die dann schließlich in einem feurig-reinigenden Weltenbrand, der sogenannten Ekpyrosis (ἐκπύρωσις, „Ausbrennen“), untergeht. Davon erzählen Seneca in den Quaestiones naturales 3.29: „Ein Brand nämlich wird auf der Erde wüten, wenn alle Sterne, die jetzt in verschiedenen Bahnen wandern, im Krebs zusammenkommen“, aber auch die Orakel der Sibylle (II.253), die koptisch-gnostische Schrift Pistis Sophia (πίστις σοφία), apokryphe Apokalypsen wie z.B. das Testament des Isaak45 oder auch Schriften der Stoa46. Ein Dichter wie der Römer Horaz konnte spielerisch mit der Idee eines Weltbrandes in den Carmina („Oden“) umgehen, wenngleich diese keinen Glaubenssatz darstellen, sondern sich eher spekulativ als ungeheure Möglichkeit verstehen.
Die stoische Vernunftethik mit dem Ideal des Guten und bestmöglichen Menschen ist ein anspruchsvolles Konzept. Das frühe Christentum, das Konzept des Glaubens, des Lebens der externen Freiheit, der externen Gerechtigkeit, ist ebenfalls ein anspruchsvolles Denkmodell. Beide Systeme denken darüber nach, was das Wesen des Menschen, das Wesen des Lebens ist und das Leben sinnvoll und aktiv gestaltet werden kann. »Wie werde ich glücklich?« beschreibt das Hauptanliegen der Stoa. In der Antike gehörten Theologie und Philosophie zusammen. Jede Philosophie hatte religiöse Potenz und jede Religion hatte auch philosophische Potenz. Und zwar in dem Sinn, dass es darum geht, mit dem (Nach)Denken Lebensfragen zu thematisieren und zu beantworten Gott und ein gelingendes Leben, war sowohl ein zentrales Thema der Stoa als auch von Anfang an ein Fokus des frühen Christentums. Was für die Philosophie im ersten Jh nC zutrifft, dass trifft auch für das entstehende Christentum zu. Beide sind ein Heilmittel für sinnvolles Leben und glückliches Leben. Die Stoa sagt, der Mensch schafft das aus eigener Kraft, indem er seine eigenen Energien aktiviert und fokussiert, in Übereinstimmung mit Gott und der Natur lebt. Das frühe Christentum hat an diesem Punkt eine realistischere Sicht, welche aus den geschichtlichen Erfahrungen der Menschheit abgeleitet wurde. Es bedarf der Hilfe Gottes, um die unstrittige Destruktivität menschlichen Seins, die sich als Gier und Herrschaftsstreben artikuliert, zu überwinden. An diesem Punkte gehen beide Systeme auseinander. Der christliche Glaube war und ist keinesfalls wirklichkeitsfern, sondern sehr wirklichkeitsnah, weil er exakt das im Blick hat, was in der Bibel „die Sünde“ oder „das Böse“ genannt wird. Das war auch für einen Stoiker durchaus nachvollziehbar. Stoizismus und frühes Christentum standen sich also in vielen - wenn auch nicht allen - Grundgedanken zweifellos nahe. Das es Gott gibt, dass Gott die Welt regiert und das Gott mit den Menschen durch den Geist kommuniziert, dieses frühchristliche Gedankengut erschien den Anhängern der Stoa durchaus plausibel, ohne dass sie ihr bisheriges Denken völlig über Bord werfen mussten.
Im Kontext vorgenannter Ideen konnte die christlich-jüdische Apokalyptik weltanschauliche Plausibilität gewinnen. Apokalyptische Katastrophen wie Erdbeben, Hungersnöte, Kriege, moralischer Verfall oder kosmische Umwälzungen folgen dem Schema sich steigernder Vorzeichen, die in der Antike im Allgemeinen und besonders in Rom als Signale der Götter gedeutet werden. Vor dem Hintergrundverständnis eines antiken Römers Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts stellten sich diese Omen weniger dramatisch dar. Man deutete diese Vorzeichen als bekannte Phänomene und bezeichnete sie als prodigien. Ein prodigium („Wunderzeichen, Ungeheuerlichkeit“) war im Kontext der römischen Religiosität ein seltsames Ereignis, welches als Zeichen göttlichen Zorns interpretiert wurde und eine Störung der pax deorum („Friede der Götter“) zum Ausdruck brachte. Der erwünschte Friedenszustand zwischen dem römischen Volk, bzw. Staat und den Göttern war dann gefährdet, weil etwas den Göttern nicht gefallen haben musste und sie deshalb mittels dieser Zeichen ihren Unmut bekundeten. Die gleichen Phänomene, die in der Apokalypse wiederholt geschildert werden, befinden sich auch in gleicher Form in den antiken Prodigienlisten. Wie ging man nun vor, wenn so ein göttliches Unheilszeichen wahrgenommen wurde? Der Vorfall als solcher wurde zunächst dem römischen Senat gemeldet und der Senat hat dann wiederum seinerseits eine genaue Analyse in Auftrag gegeben. Dabei war das damalige Verständnis so, dass grundsätzlich davon ausgegangen wurde, dass diese prodigien gesühnt werden können, ergo eine procuratio („Sühnung“) durchzuführen ist. Der Senat beauftragte dann eine der beiden Priesterkollegien, entweder die quindecimviri (15 Männerkollegien, die Hüter der libri sybillini47) oder die haruspices (für die Opferschau zuständige Wahrsager), die dann darüber berieten, welche procuratio zu welchem Unheilszeichen durchzuführen sei. Das jeweilige Priesterkollegium gab dann seine Empfehlung an den Senat wieter, der seinerseits eine angemessene Sühnung anordnete. Das konnte ein Ritual, ein Opfer oder die Errichtung eines neuen Standbildes sein, teilweise sogar die Etablierung eines neuen Kults. Es gab also eine ganze Reihe von Optionen, den Frieden mit den Göttern wieder herzustellen. Aus der antiken Perspektive bedeuteten die vermeintlich furchteinflößenden Schilderungen zunächst einmal eine gewisse Normalität, die aber zum Handeln verpflichteten.
Neben diesen negativen und martialisch anmutenden Szenarien kennt die antike pagane Welt aber auch Heilsszenarien mit messianischen Zügen. Diese finden sich sowohl in künstlerischen als auch politischen Kontexten. Einige der bekanntesten Beispiele sind hier Vergils vierte Ekloge48, das Carmen Saeculare49 von Horaz oder auch die Hirtengedichte aus neronischer Zeit des Titus Calpurnius Siculus. Das kaiserzeitlich beliebte Motiv der neuen Goldenen Zeit (aurea aetas) nimmt enzyklische Züge an und ist gerade in der lateinischen Dichtung häufig anzutreffen.
Untergangsszenarien und die idealisierte Vorstellung einer Goldenen Zeit: das sind die beiden Motivfelder, welche für die Apokalyptik in der Antike Plausibilität schaffen. Ein Untergang Roms, dem Zentrum der Weltmacht Imperium Romanum, war zumindest - ungeachtet des eigenen Anspruches der »Ewigen Stadt« - nicht undenkbar. Polybios lässt beispielsweise Cipio weinend auf den Ruinen des völlig verwüsteten Karthago darüber lamentieren, ob es denn Rom nicht einmal ähnlich ergehen werde. Apokalyptik im geistigen Widerstand gegen Rom konnte derartige Gedanken befeuern und zu konkreten Untergangsszenarien steigern. So wird dem antiken Historiker Antisthenes von Rhodos, der um 200 nC wirkte, eine Prophetie zugeschrieben, der zufolge ein Heer aus Asien Rom dereinst zerstören werde. Dafür sorgten dann allerdings die Westgoten unter ihrem König Alarich zwischen dem 24.-27. August 410 nC. Die von vielen Christen des 2. und 3. Jhs nC gelesenen „Orakel des Hystaspes“, eine griechisch-iranische Romkritische Apokalypse aus dem späten 1. Jh nC, wird der Sieg »des Ostens gegen den Westen« angekündigt, wenngleich eine Herrschaft des Ostens über den Westen weder ein jüdisches noch ein christliches Hoffnungsgut war.
Apokalyptische Motive waren, ebenso wie legendarische Mythologien, durchaus auch in anderen religiösen Kontexten vorhanden. Die christliche Apokalyptik ist also nicht etwas grundsätzliches »Neues«, sondern sie knüpft an die virulent vorhandenen paganen mythischen Angst-, aber vor allem -, Hoffnungsvorstellungen an. Wenn Paulus vom Zorn Gottes als Metapher für das anstehende Weltgericht spricht, so kann er eine dabei an heidnische Vorstellungen anknüpfen. Die Gottheit lässt nicht mit sich spaßen, obwohl sie gegenüber dem Sünder geduldig ist, eine Idee, welche von Plutarch »übernommen« wurde. Für den griechischen Kulturphilosophen war die Gottheit sowohl Richter als auch wohlmeinender Arzt. Die jüdisch-christliche Apokalyptik unterscheidet sich von diesen paganen Unheilsbildern vor allem durch ihre monotheistische Konzentration, den Bezug auf Israel als dem auserwählten Gottesvolk und durch eine, im Judentum aber keineswegs immer integrierte, messianische Botschaft. Die Streuung apokalyptischer Vorstellungen auch in der heidnischen Welt ist also weniger als Einfluss auf das hohe Christentum zu verstehen, sondern als ideen- und symbolträchtiger Hintergrund, vor dem die spezifisch christlich-jüdische Apokalyptik an Plausibilität gewinnen konnte.
Es bestehen kaum Zweifel, dass die christliche Apokalyptik primär jüdisches Erbe ist (Buch Daniel), aber dabei neu interpretiert wurde. Im Gegensatz zur Apokalyptik wird das Reich Gottes von Jesus über Bilder aus dem Alltagsleben der Menschen evoziert, was insbesondere seine Gleichnisse hinreichend belegen. Traditionell ist dabei das Bild der Ernte für das Weltgericht (Mk 4; Mt 13). Neben den Gleichnissen veranschaulichen auch die Heilungen und Exorzismen den Heilsplan Gottes für die Welt auf unmittelbare Art und Weise. Wenn es in Lk 11,20 heißt: „Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen“, dann ist die Referenzierung auf Ex 8 „Recke deine Hand aus mit deinem Stabe“ und die nachfolgende Plagenschilderung kaum zu übersehen.
Dieses Gottesreich hat und ist aber Geheimnis, als mysterion (μυστήριον) in Koiné oder mit dem persischen Lehnwort ras) im Tanach bezeichnet. Das sind typisch apokalyptische Begriffe die auf das Geheimnis des göttlichen Weltplanes abheben. So erscheinen die widersprüchlichen Aussagen mysteriös, die einerseits alle Völker ins Reich Gottes einladen: „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ (Lk 13,29), andererseits aber in den Eingangssprüchen »Zulassungsbeschränkungen« formulieren. „Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Mk 10,23-25) und „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, die ihr das Gesetz übertretet!“ (Mt 7,21-23).
Auch die Darstellung der Kreuzigung Jesu weist apokalyptische Elemente auf. „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde“ (Mk 15,33). „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen“ (Mt 27,50-53). Was genau Jesus mit dem selbstreferenziellen Begriff Menschensohn gemeint hat, bleibt in der Forschung umstritten, insbesondere ob Jesus, wenn er vom Menschensohn spricht, die Danielische Weltrichterfigur voraussetzt: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Dan 7,13-14).
Der Begriff Reich Gottes, in Koiné βασιλεία τοῦ θεοῦ basileía toũ theoũ, im Hebräischen malkut haElohim, verweist einerseits auf die Königswürde. Im griechischen Wort basileía steckt auch der Begriff Basileus (βασιλεύς) „König“ und das hebräische malkut impliziert den Terminus melech ebenfalls König. Andererseits bezeichnet der Begriff malkut nicht irgendein beliebiges Reich, sondern referenziert auf ein Weltreich, welches die Herrschaft über alle anderen Königreiche ausübte. In der Historie bezieht sich das auf die verschiedenen Epochen wechselnder Antiker Weltreiche wie das der Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen oder das Imperium Romanum. Insofern ist das Reich Gottes ein durchaus radikaler Gegenbegriff zu den säkularen Weltreichen. Auch das frühe rabbinische Achtzehnbittengebet (schemone esre,„achtzehn“) aus dem 2. Jh nC, weist die Bitte um den Untergang der widergöttlichen irdischen Reiche aus, die im Kontrast zu Gottes ewigem Königtum stünden. „Der Herr der Welt, er hat regiert, ehe ein Gebild geschaffen war, zur Zeit, da durch seinen Willen das All entstand, da wurde sein Name König genannt, und nachdem das All aufhören wird, wird er allein, der Ehrfurchtbare, regieren. Er war, er ist, und er wird sein in Herrlichkeit. Er ist einzig, und kein Zweiter ist da, ihm zu vergleichen, zuzugesellen. Er ist ohne Anfang, ohne Ende, ihm ist die Macht und die Herrschaft.50“
Die Vorstellung eines unapokalyptischen Jesus, auf das Bild des wandernden Weisheitspredigers reduziert, wird den Quellen nicht gerecht. Die prophetischen und messianisch-eschatologischen Traditionen sind wie auch die »Wundertradition« organisch und zentral Teil der ältesten Jesusüberlieferung, dass sie kaum zu nachösterlichen Entwicklungen erklärt werden können.
Nachdem im vorangegangenen Kapitel statuiert wurde, das die Offb nicht als zeitlose Schrift verfasst wurde, sondern konkret in der Geschichte zu verorten ist und die damaligen Zeitgenossen die Adressaten waren, wird sich folgende Kapitel mit den außergewöhnlichen ersten acht Versen der johanneischen Apokalypse beschäftigen. Schon der Anfang zeigt, worum es in dieser Schrift geht. Sie beginnt mit einer Überschrift (1,1), die in eine knappe Inhaltsangabe übergeht (1,2) und in ein kurzes Vorwort in Form einer Seligpreisung (1,3) mündet. Auch dass dieser Anfang an die Einleitung mancher Prophetenbücher erinnert, setzt ein Signal (Jes 1,1; Hos 1,1). Die Überschrift „Offenbarung des Johannes“ gehört nicht zum ursprünglichen Textbestand. Sie stammt aus der Zeit ab ca. 150 nC. Die eigentliche Kennzeichnung des Buches mit den Worten als „Offenbarung Jesu Christi“ ist einzigartig und hat keinerlei Parallelen in der Bibel.
Der Einleitungsteil der Johannes Offenbarung liest sich wie ein kleiner theologischer Grundkurs und ist wie folgt aufgebaut: die Verse 1,1-1,3 und 1,4-6 sind zwei unterschiedlich geprägte Vorworte. Im ersten Vorwort gibt Johannes dem Leser wichtige Hinweise zum Verständnis seiner Schrift, während das zweite Vorwort brieflich geprägt ist. Auf diese beiden Vorworte folgen zwei Einzelsprüche, wobei 1,7 ein prophetisches Wort zur Wiederkunft Jesu beinhaltet und 1,8 den Einleitungsteil mit einer kurzen feierlichen Gottesrede beendet.
Das erste Vorwort 1,1-1,3
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