Kalaipa - Die Jack Schilt Saga - Michael Thiele - E-Book

Kalaipa - Die Jack Schilt Saga E-Book

Michael Thiele

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Beschreibung

"Um Zeit als Dimension zu begreifen, musst du außerhalb eines Körpers existieren können", wiederholte der Sentry. "Ich sagte bereits, dir steht eine unberührte Welt offen, eine Welt voller ungeahnter Möglichkeiten. Lass dir diese einzigartige Chance nicht entgehen!" Nichts ist unberechenbarer als eine Expedition durch Raum und Zeit. Diese Erfahrung muss auch Jack Schilt machen, der seiner Heimat Gondwana den Rücken kehrt und sich auf eine mehrjährige Reise durch das Weltall begibt. Nicht alles läuft jedoch nach Plan. Aus mysteriösen Gründen kommt sein Raumgleiter vom Kurs ab und zerschellt auf Kalaipa. Jack überlebt schwer verletzt und findet sich in einer rätselhaften Welt wieder, die zwar vage an zuhause erinnert, aber dennoch komplett anders tickt. Bald verdichten sich die Hinweise, nicht grundlos auf Kalaipa gestrandet zu sein… doch was wird von ihm erwartet? Und welches dunkle Geheimnis verbirgt sich in den tiefen Minenschächten? Existiert dort tatsächlich der sagenhafte Zugang in eine Parallelwelt, an der nicht nur die Toorags so interessiert sind? Infiziert mit einem heimtückischen Virus steht Jack vor einer schwerwiegenden Entscheidung, welche unweigerlich die Frage aufwirft, ab wann der Preis für das eigene Überleben zu hoch wird…

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Seitenzahl: 630

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Michael Thiele

KALAIPADIE JACK SCHILT SAGAEpisode 3

Impressum

Deutsche Erstveröffentlichung, Juni 2020

Copyright © 2020 Michael Thiele

All rights reserved

Lektorat/Korrektorat: Caroline Höhn

Herausgeber:Michael ThieleWodanstr. 4690461 Nürnberg

[email protected]

Weitere Bücher von Michael Thiele

SENTRY – Die Jack Schilt Saga (Episode 1)TOORAG – Die Jack Schilt Saga (Episode 2)

Inhalt

1Orbit

2Kontakt

3Flügge

4Neunundneunzig

5Andras Haus

6Akamora

7Nematoden

8Rilena

9Konjarga

10Unterlegenheit

11Viranga

12Botschaft

13Schattental

14Wrack

15Amataca

16Wandlung

17Spiegelsee

18Sphäre

19Am Abgrund

20Unterwelt

21Besessen

22Tyra

23Verdacht

24Viral

25Gebieter

26Ellipse

27Taroq

28Schuld

29Austausch

30Neuland?

31Stillstand

32Evolution

1

Orbit

Wir flogen… wir flogen wirklich!

Natürlich, das war ja genau das gewesen, was wir beabsichtigt hatten. Dennoch, ein kleiner uneinsichtiger Teil in mir erwies sich als überaus hartnäckig. Das konnte nicht gutgehen, mit diesem atemberaubendem Tempo, einer Geschwindigkeit, die mir das Blut in die Füße zerrte, wo es, wie es sich anfühlte, auch für immer bleiben wollte, gen Himmel zu rasen. Auf meiner Brust baute sich mit jeder Sekunde mehr und mehr Druck auf, als legte sich tonnenschweres Gewicht darauf, mit dem Ziel, Rippen und Rückgrat zu einer Einheit zu verschmelzen. Für atemberaubende Momente setzten alle Sinne aus, trübten grellweiße Schlieren die optische Wahrnehmung. Schon wünschte ich mir, das Bewusstsein zu verlieren, um diesem äußerst unangenehmen Zustand zu entfliehen… und dann war der Druck mit einem Schlag vorbei.

„Willkommen in der Weite des Universums“, hörte ich Gowindis Stimme aus dem Kommunikator dröhnen. „Wir haben soeben die Thermosphäre Gondwanas verlassen. Wie fühlt es sich für dich an? Ebenso befreiend wie für mich?“

Thermosphäre?

Ich wagte einen Seitenblick auf den kleinen Toorag, wobei mich im selben Moment unwiderstehliche Übelkeit packte. Angst mich zu übergeben musste ich nicht haben. Der Magen war leer, dennoch hatte ich das Gefühl, er stülpte sich soeben um, drauf und dran, auf Biegen und Brechen irgendetwas ans Tageslicht zu befördern.

„Okay, ich sehe schon, du bist augenblicklich schwer mit dir selbst beschäftigt.“ Lag da Schadenfreude in seiner Stimme? Würde zu ihm passen. Egal, ich wollte nur noch eins: dass es aufhörte. Einfach nur aufhörte.

„Gowindi…“, stöhnte ich. „Mach, dass es aufhört…“

„Keine Panik, Freund Jack, das wird es. Ganz von selbst. Immerhin sind wir mit annähernd fünf Meilen pro Sekunde gestartet. Für einen Menschen hältst du dich ganz tapfer.“

„Wie lange…?“ jammerte ich.

„Nicht mehr lange. Wir bleiben noch einige Zeit auf einer Parkorbitalbahn, damit du dich umgewöhnst.“

„Oh nein, bitte nicht!“ flehte ich. „Können wir nicht gleich in die kryptische Kapsel?“ Ich war überzeugt, keine Sekunde länger aushalten zu können, befürchtete in der Tat, den eigenen Magen oder am Ende noch einiges mehr hoch zu würgen.

„Aber das haben wir doch besprochen! Nein, dein Körper muss sich erst an die neuen Verhältnisse anpassen, bevor wir die nächste Phase angehen können. Schon vergessen?“

„Wie lange…?“ klagte ich erneut.

„Bis du dich wieder wohlfühlst. Du musst entspannen, darfst dich nicht wehren, bleib ganz locker!“

Wogegen, verdammt nochmal, glaubte er, würde ich mich soeben wehren? Mein Verdauungsorgan auszukotzen? Darauf durfte er getrost wetten! Entspannen? Beinahe hätte ich gelacht. Nie wieder würde ich entspannen,

davon war ich absolut überzeugt. Ergeben schloss ich die Augen und begann verzweifelt zu schlucken, um den rebellierenden Magen an Ort und Stelle zu halten.

„Gut so. Mach die Augen zu! Denk einfach an nichts. Es wird besser, das verspreche ich dir.“

Ich nickte schwach, glaubte dem verlogenen Toorag kein einziges Wort.

Stunden schienen vergangen zu sein, bis sich Linderung einstellte. Anfangs

hatte ich Schwierigkeiten, nur die Augen offenzuhalten, doch kehrte allmählich neue Stärke in meinen gebeutelten Körper zurück. Alle Organe waren offensichtlich an ihre angestammten Plätze zurückgekehrt, ein wohltuendes Gefühl der Leichtigkeit übernahm zögerlich. Das machte Mut. War ich etwa wirklich dabei, mich an die neuen Umstände zu gewöhnen?

„Ja, das wird langsam was.“ Gowindi sah mir prüfend in die Augen.

Ich lächelte schwach. „Wie viele Tage sind wir schon im Orbit?“

Toorags können nicht grinsen, doch hätte ich schwören mögen, in diesem Moment ein besonders breites auf seinen krötenähnlichen Zügen zu sehen.

„Tage?“ Fröhlich warf er einen Blick auf die in allen Farben blinkenden Messinstrumente. Unwichtige Einzelheiten, die mir erst jetzt auffielen. Oh ja, ich war wirklich auf dem Weg der Besserung! „Wir haben soeben die erste Umkreisung beendet, sind also noch nicht einmal zwei Stunden im Orbit. Wünschst du eine exakte Zeitangabe?“ Sein wie immer emotionsloses Gesicht flackerte im laubfroschgrünen Widerschein zuckender Konsolendioden.

„Verschone mich!“ Zum ersten Mal richtete ich meinen in sich zusammengesunkenen Körper auf und reckte den Hals, um einen Blick nach draußen zu erhaschen.

„Sehr gut, du zeigst bereits Interesse für deine Umgebung“, kommentierte Gowindi. „Warte, ich mache es dir ein wenig leichter.“ Was auch immer er tat, innerhalb von wenigen Sekunden löste sich ein Teil der Außenhaut des Raumgleiters in Nichts auf, hatte ich plötzlich nach allen Seiten unbehinderte Sicht hinaus in die grenzenlose Weite des Universums. Es verschlug mir den Atem.

„Was hast du getan?“ Der panische Unterton in meiner Stimme ließ Gowindi aufhorchen.

„Keine Bange, ich habe einzig und allein die Thermalabdeckung hochgefahren, damit du besser sehen kannst. Imposant, oder?“

Ich nickte stumm, völlig ergriffen von den unbeschreiblichen Eindrücken. Tatsächlich befand ich mich nicht mehr auf Gondwana, auf meinem Heimatplaneten, welchen ich bis dato noch nie verlassen hatte. Unter uns breitete er sich aus, ein immens riesiges, türkisfarbenes Gebilde, über und über von fantastisch geformten Wolkenbändern durchzogen. „Ist das tatsächlich Gondwana?“

Gowindi nickte. „Ja, natürlich. Du solltest mal blinzeln, damit deine Augen

nicht austrocknen.“

Ich bekam die Lider in der Tat nicht mehr geschlossen, konnte mich einfach nicht sattsehen an der gigantischen Sphäre, deren Ränder sich so scharf und deutlich von der allumfassenden Schwärze des Raums abzeichneten. Was hatte die Natur veranlasst, so etwas grenzenlos Unbegreifliches zu erschaffen? Eine durch das All rasende Kugel, in deren Innern auf welch mysteriöse Weise auch immer Leben entstanden war! Und nicht nur hier. Lebensinseln wie diese existierten, soweit ich wusste, zu Tausenden überall in der Galaxis, deren wahre Größe jenseits aller Vorstellungskraft lag.

„Dein Mund steht offen“, bemerkte Gowindi nüchtern.

Ich sah ihn überwältigt an. „Hast du je etwas Schöneres gesehen? Sieh doch nur!“

Das künstliche Glucksen in seiner Stimme sollte wohl Sympathie bekunden. „Man gewöhnt sich daran. Schade, dass du niemals Rantao aus dem Orbit sehen wirst. DAS muss ein Anblick sein! Gondwana ist ein Winzling im Vergleich zu Rantao.“ Der stolze Unterton beim bloßen Erwähnen des eigenen Heimatplaneten ließ sich schwer überhören, auch wenn Gowindi noch nie dort gewesen war. Seine Rasse stammte zwar von Rantao, er selbst allerdings hatte das Licht der Welt auf Gondwana erblickt. „Rantao hat die Größe eines Braunen Zwergs, ist damit also massereicher als Tauri, der größte Planet des Xyn-Systems.“

„Ja, ein deutlich zu groß geratener Schneeball“, konterte ich. „Warte nur, bis du dort bist, dann wirst du dich nach der Beschaulichkeit Gondwanas zurücksehnen.“

„Ah, da scheint es jemandem besser zu gehen, wenn er schon wieder lästern kann.“

„Kam das als Scherz rüber? Tut mir leid, so war das nicht beabsichtigt. Jetzt guck‘ nicht so beleidigt! Sag lieber, wie es weitergehen wird!“ Natürlich war Gowindi nicht eingeschnappt. Ich glaube, man kann einen Toorag überhaupt nicht kränken, so wie man einem Stein keine Schmerzen zufügen kann. Insofern beneidete ich die Toorags um diese spezielle Art der Unverletzlichkeit.

„Wir verbleiben noch eine gute Weile im Parkorbit, bis unsere Körperfunktionen die erforderlichen Parameter aufweisen und gehen danach

allmählich auf eine Fluchtbahn, von der aus ich den Kurs nach Sahul programmieren werde. Dann legen wir uns für die nächsten zwei Jahre

schlafen, Freund Jack.“

Es sollte also Realität werden. Zwei Jahre schlafen! Nun ja, kein ordinärer Schlaf, wohlgemerkt! Wenig Ahnung hatte ich, was es bedeutete, in einer kryonischen Hülse mittels eines Cocktails aus chemischen Substanzen, der sogenannten kryonischen Wolke, bis ins Knochenmark eingefroren zu werden. Meine Vorstellungen von mehrjährigem Schlaf waren eher romantischer Natur. Diesen Zahn sollte ich bald gezogen bekommen.

„Dann wird es jetzt wirklich wahr“, flüsterte ich in Gedanken versunken, immer noch ergriffen vom Anblick des zum Greifen nahe und doch so unerreichbar weit entfernten Heimatplaneten.

„Hast du daran gezweifelt?“

„Bis eben schon“, gab ich unumwunden zu. „Ich kann es mir noch gar nicht richtig vorstellen. Zwei Jahre Zwangsschlaf. Wie wird sich das anfühlen?“

„Auch nicht anders als normaler Schlaf. Nur tiefer. Ob du eine Nacht tief und fest durchschläfst oder ein Jahr, spielt keine Rolle. Du wirst einschlafen und wieder aufwachen. Nur eben nicht am nächsten Morgen sondern gute sechshundert Morgen später.“

„Unvorstellbar!“ Bekam ich Schiss vor der eigenen Courage?

„Findest du? Das Tollste daran kommt erst noch: du legst dich hin, schlummerst weg und wachst zwei Jahre später wieder auf, ohne einen Tag gealtert zu sein. Genial, oder?“

„Wenn alles klappt, ja“, erwiderte ich skeptisch.

„Was soll denn nicht klappen?“

„Du hast Nerven! Der Gleiter wird zwei Jahre ohne jeden Piloten mit irrsinniger Geschwindigkeit durch den Raum rasen. Zwei Jahre lang! Ich kann mir hundert Dinge vorstellen, die in diesem Zeitraum passieren könnten, ach was, tausend!“

„Ach ja? Welche?“

Ich sah Gowindi wie einen Schwachsinnigen an. „Wie viele Asteroiden werden wir in dieser Zeit passieren? Wie viele Meteoriten werden unsere Flugbahn kreuzen?“

„Zehntausend, wenn nicht mehr“, kam sogleich die völlig gelassene Antwort.

„Na siehst du! Die Gefahr, mit einem davon zu kollidieren, ist doch immens! Vielleicht rammen wir den ersten schon zehn Minuten, nachdem wir

eingepennt sind.“

„Möglich ist alles“, erwiderte Gowindi. „Ausschließen kann man nichts, da hast du ganz recht. Allerdings können wir uns felsenfest auf die Bordsysteme verlassen. Die kriegen uns durch jeden Meteoritenschwarm durch, keine Sorge. Und wenn nicht, bekommen wir sowieso nichts davon mit. Sollten wir mit 0,5 c gegen einen interstellaren Körper prallen, träumen wir einfach weiter bis in alle Ewigkeit.“

„Sehr beruhigend“, murmelte ich. „Was, bitteschön, ist 0,5 c?“

„Ich dachte, ich käme dir mit humanspezifischer Terminologie entgegen. Mein Fehler. Du bist einfach zu ungebildet, um mich zu verstehen.“ Mein drohender Blick amüsierte den Toorag nur noch mehr. „Kein Grund, auf mich einschlagen zu wollen, Freund Jack! 0,5 c bedeutet nichts anderes als halbe Lichtgeschwindigkeit. Sahul liegt gut ein Lichtjahr von Gondwana entfernt. Wenn wir mit 0,5 c reisen, erreichen wir den Planeten in zwei Jahren. Deswegen müssen wir auch zwei Jahre schlafen. Logisch?“

„Umwerfend logisch.“ Ich gab es auf. Natürlich konnte mir Gowindi keine Garantie geben, lebend am Ziel anzukommen. Hatte er nicht schon einmal gesagt, die einzige Garantie im Leben wäre der Tod? Insofern gingen wir also kein Risiko ein. Der Tod erwartete uns irgendwann und irgendwo allemal. Reduzierte man das Leben lediglich auf seine Erfüllung und ließ den Zeitraum zwischen Anfang und Ende außer Betracht, existierte plötzlich keine Angst mehr. Dennoch erschien es mir etwas zu banal, den Sinn meiner Existenz nur in seinem Ende zu sehen. Das mochte vielleicht Philosophen in Ekstase versetzen, mir rang es augenblicklich nur müdes Lächeln ab. Nein, ich hatte noch einiges vor. Deswegen traten wir ja auch die Reise nach Sahul an.

„Nun, da du dich offenbar ganz gut akklimatisiert hast, können wir allmählich die nächste Phase einleiten.“ Gowindi wurde sehr geschäftig und begann an allen möglichen Tasten und Hebeln herumzuspielen. Eine Lichtorgie in sämtlichen Spektralfarben explodierte auf der Bedienkonsole, untermalt mit akustischen Signalen, die nach Singvögeln auf einem dramatischen Drogentrip klangen.

„Das bedeutet?“ erkundigte ich mich.

„Wir steigen jetzt gemächlich höher, bis wir eine geeignete Fluchtbahn erreichen. Von dort aus programmiere ich unsere Weiterreise. Danach wird

geschlafen.“

„Und dann?“ Er hatte es mir zwar schon mehrmals erklärt, doch einmal mehr konnte nicht schaden. Gowindi gab auch geduldig Auskunft.

„Wenn wir tief und fest im Kälteschlaf liegen, übernehmen die Bordsysteme die Kontrolle. Dann geht es richtig los. Der Gleiter wird binnen kurzem auf 0,5 c beschleunigen.“

„Können wir nicht noch etwas länger wachbleiben? Würde mich interessieren, wie es sich anfühlt, mit dieser irrsinnigen Geschwindigkeit durchs All zu rasen.“

Gowindi bedachte mich mit geringschätzigem Blick. „Du bist schon beim Flug in den Orbit um ein Haar weggetreten. Was meinst du, was dich erwartet, wenn der Gleiter voll beschleunigt und du dich nicht in solidem Tiefschlaf befindest?“

Ich sah ihn direkt an. „Ist es das, was ich denke?“

„Schlimmer. Und jetzt lehn dich zurück und lass mich machen, sonst hängen wir hier noch länger untätig herum.“

Wenig sprach dagegen, noch länger untätig „herumzuhängen“. Viele weitere Stunden hätte ich ohne zu murren damit zugebracht, Gondwana aus dem All zu betrachten. Vielleicht sogar Tage. So ließ ich Gowindi hantieren und konzentrierte mich auf den Ausblick, solange er mir noch vergönnt war. In der Tat entfernten wir uns zügig von Gondwana, stiegen höher und höher, ohne uns jedoch aus dem Orbit des Planeten zu lösen. Gowindi gab völlig vertieft in seiner wenig nachvollziehbaren Tätigkeit lange Zeit keinen Ton von sich. Im Innern des Gleiters herrschte abgesehen vom Widerklang huschender Tooragfinger über klappernder Tastatur, elektronischer Fieplaute und hin und wieder wellenförmig auf- und absteigender Summtöne wohlige Stille. Als die Augen plötzlich zufielen und ich sie nur mit Mühe aufbekam, zerriss meine aufgeregte Stimme endlich die heilige Ruhe.

„Was geht hier ab? Eben war ich noch keine Spur müde und nun fallen mir die Augen zu!“

„Nur die Ruhe, ein kleines Sedativ, um dich einzustimmen“, gab Gowindi zur Antwort.

„Konntest du mich nicht darauf vorbereiten?“ rief ich vorwurfsvoll. „Wie hast

du es mir überhaupt verabreicht?“

„Über die Oxygenversorgung natürlich. Was dachtest du denn? Ich will verhindern, dass du in Panik gerätst, wenn dich nachher die kryonische Kapsel

umschließt.“

Ich wollte protestieren, doch gelang es mir nicht einmal mehr, den Mund zu öffnen. Angenehme Gelassenheit kam über mich. Mochte kommen was wollte, es war mir mächtig egal, solange ich nicht den Blickkontakt zu meinem geliebten Gondwana verlor. Doch auch das wurde mir relativ schnell schnuppe. Irgendwann bemerkte ich, mich in der Horizontalen zu befinden und nur noch blind nach oben zu gaffen. Irgendwie musste sich mein Sitz in eine Liege verwandelt haben. Nur wie? Diesen Gedanken weiterzuverfolgen, erschien noch mühseliger.

„Braver Junge, Freund Jack.“ Gowindi erhob sich. Mit überraschend geübten Handgriffen schälte er mich, der ich reglos dalag, aus dem schneeweißen Schutzanzug. „Keine Angst, ich gehe dir nicht an die Wäsche, auch wenn ich dir jetzt an die Wäsche gehe.“ Wieder dieses alberne Glucksen, das mich wohl belustigen sollte. Erst als ich splitterfasernackt vor ihm lag – was mich überraschend wenig berührte – ließ er von mir ab und nickte zufrieden. „Unter normalen Umständen hättest du es mir wohl etwas schwerer gemacht, hab ich recht? Du guckst wie ein gesättigter Säugling, weißt du das? So, jetzt bring ich dich ins Bettchen.“

Ich bekam alles mit, fühlte mich aber zu keiner Reaktion fähig. Auch als sich die Liege mechanisch ächzend wieder in einen Sitz verwandelte, die von oben herabschwebende Glashülse surrend meinen Körper vom Kopf abwärts bis hinunter zu den Füßen umschloss und mit einem saugenden Geräusch zum Stillstand kam, konnte ich nicht einmal mit den Zehen wackeln. Wollten wir im Sitzen schlafen? Und wieso völlig nackt?

„Ja, wir werden im Sitzen schlafen, Jack. Nackt deswegen, weil jede Art Stoff auf deinem Leib den Defrostprozess nachteilig beeinflusst. Außerdem möchtest du sicherlich nach dem Aufwachen in etwas Warmes, Trockenes schlüpfen.“ Seit wann konnte meine Krötenfresse Gedanken lesen? „Tja, Freund Jack, das war’s dann für die nächste Zeit. Wir sprechen uns in zwei Jahren wieder. Träum was Schönes!“

Meine trägen Augen folgten Gowindis weiteren Aktivitäten nur mühevoll, doch wollte ich unbedingt wissen, wie es weiterging, bevor alle Sinne für die

nächsten zwanzig Monate Urlaub machten. Es sollte nun auch nicht mehr lange dauern. Der kleine Toorag machte sich noch kurze Zeit an der Konsole zu schaffen, legte anschließend ebenfalls den Raumanzug ab und ließ sich von

seiner eigenen Glaskapsel umfassen. Es sah albern aus, wie er so dasaß, noch einmal herübersah und winkte. Einen Lidschlag später hörte ich aggressives Zischen über mir, als fielen Dutzende aufgebrachter Vipern auf meinen Kopf herab. Bevor ich auch nur daran denken konnte, nach oben zu blicken, setzte jegliche Wahrnehmung aus.

Die Lichter waren ausgegangen.

Nicht einen Augenblick war mir kalt geworden.

Leb wohl, Gondwana!

2

Kontakt

Ich war immer alleine gewesen. Seit ich denken konnte, war ich alleine gewesen. Zwar hatte ich sowohl Mutter als auch Vater und es fehlte mir im Grunde an nichts – dennoch fühlte ich mich stets verlassen. Von Anfang an.

Schwer zu sagen, was jemandem fehlt, wenn man es an nichts festmachen kann und doch trotzdem tief in sich diesen beißenden Mangel spürt. Anfangs war es nicht greifbar, nur ein unterbewusst nagendes, defizitäres Gefühl. Ich litt weder Hunger noch Durst, erhielt (wie ich annahm) ausreichend Nestwärme von meiner Mutter Jezzie und (wie ich ebenfalls annahm) genügend Zuwendung seitens meines Vaters. Es gab sogar noch eine Tante namens Ylvie, die Zwillingsschwester des Vaters, und einige weitere Siedler in unserem winzigen Dorf, die für mich da waren.

Eigentlich alles in bester Ordnung.

Doch irgendetwas fehlte.

Irgendetwas war nicht normal, was auch immer dieses Wort bedeuten mochte.

Eines Tages fand ich es heraus.

Ich war das einzige Kind in der Welt, in der ich lebte.

Auf Evu existierten zwei Siedlungen, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Eine wurde von Menschen bewohnt, die andere von Toorags. Toorags, so hatte ich von klein auf gelernt, stammten von Rantao, einem weit entfernten Eisplaneten. Wenig Ahnung hatte ich davon, wo genau dieses Rantao lag und warum sich Vertreter jener sonderbar aussehenden Spezies auf unserer Insel befanden. Es interessierte anfangs auch nicht besonders. Mein frühes Weltbild durfte man getrost als anthropozentrisch bezeichnen. Erst nach und nach sah ich mich gezwungen, meinen Standpunkt zu überdenken. Die Anwesenheit einer anderen Spezies – einer außerirdischen noch dazu – ließ sich nicht ewig ignorieren. Zumal mir, wenn auch erst später, eine verwirrend unangenehme Tatsache zuteilwurde: auch der Mensch stammte nicht von Gondwana. Wir waren also ebenfalls Fremdlinge, Außerirdische. Dieser gemeinsame Nenner brachte mir die Toorags zum ersten Mal näher.

Zu nahe, wie ich noch erfahren sollte.

Niemand außer mir hatte einen Toorag zum Freund, insofern stellte ich eine Besonderheit dar. Mich überhaupt mit einem abzugeben, deklassierte meine Person in den Augen meiner Mitmenschen. Viele gab es ohnehin nicht, was im Großen und Ganzen das Dilemma umschreiben dürfte, in welchem ich damals steckte. Auf Evu, der kleinen Insel am südwestlichen Rand des verbotenen Großkontinents Gondwanaland, lebten nur wenige Menschen. Da es abgesehen von mir keine weiteren Kinder gab, spürte ich lediglich die Ablehnung der Erwachsenen. Keine Ahnung, wie vernichtend ihr Urteil ausgefallen wäre, hätte es noch andere Kinder gegeben. Gowindi wäre dann aller Wahrscheinlichkeit nie zu einem Freund geworden. Ich durfte in dieser Richtung allerdings nicht wählerisch sein, das Sortiment war relativ überschaubar. Es gab keine Gleichaltrigen, mit denen ich hätte spielen oder Abenteuer erleben können. So etwas wie Haustiere, an die man das Herz vielleicht hätte verlieren mögen, gab es ebenso wenig. In meiner Situation fragte man also nicht lange: man nahm, was sich bot. Zum besten Freund wählte ich daher etwas nicht unbedingt Alltägliches: einen Außerirdischen. So jedenfalls bezeichneten ihn die wenigen Menschen, die außer mir auf Gondwana ihr Dasein fristeten. Das heißt, wenn sie guter Laune waren.

Mein kleinwüchsiger Kamerad war nicht gerne gesehen. Bestenfalls begegnete

man ihm mit Gleichgültigkeit, was mir auf die Dauer am besten gefiel. So ließ man uns wenigstens in Ruhe. Zuweilen jedoch reagierte meine Umwelt mit Ablehnung, dann fielen schon mal Begriffe wie „Rattengeburt“, „Biochemischer Abfall“, „Amöbenfratze“ oder, was mir am ehesten noch zusagte, „Krötenfresse“. Vielleicht, weil letzteres am treffendsten war: mein Freund Gowindi erinnerte in der Tat an eine viel zu groß geratene Unke. Jedenfalls was sein Gesicht betraf. Irgendwann gewöhnt man sich an alles, auch an die Fratze eines Außerirdischen. Toorags sind, menschliche Maßstäbe angelegt, sicherlich keine liebreizenden Wesen. Doch wie gesagt, wenn erst genügend Zeit verstrichen ist, findet man sogar so etwas wie Attraktivität in den Zügen eines Aliens.

Toorags sah man im Allgemeinen nur selten, ihre abgeschirmte Siedlung lag am südwestlichen Ende Evus, so weit wie nur irgend möglich weg von unserer. Menschen siedelten ausschließlich im Norden der Insel, am subtropischen Golfstrom, dort, wo das tiefblaue, angenehm temperierte Wasser der Tethys jahrein jahraus für behagliches Klima sorgt. Klar, dass die Toorags tief im Süden Evus lebten, jenseits der gemäßigten Zone, in den bereits subpolaren Breiten. Ihre allseits bekannte Vorliebe für Kälte, eine für mich fremdartige Eigenschaft, trug nicht wesentlich dazu bei, sie kennenlernen oder gar verstehen zu wollen. Hin und wieder sah man sie dann doch, wenn sie in der Nähe unseres Dorfes „patrouillierten“, wie Vater es immer nannte. Dieses Verb brannte sich in mein Gedächtnis als Synonym für „heimlich dahinschleichen“ oder „im Geheimen agieren“ ein, auch wenn sie sich keinesfalls so benahmen.

Ihre zeitweilige Anwesenheit beschäftigte meine Mitmenschen relativ wenig. Mich dafür umso mehr. In meinen Augen waren sie so exotisch wie Moas, eine seltene, auf Evu vorkommende Laufvogelart, die ich noch weniger zu Gesicht bekam. Erst spät bekam ich mit, wozu die Toorags auf Evu stationiert worden waren: zum Schutz der Menschen. Von diesem Moment an interessierte ich mich brennend für sie. Der Wunsch, mit ihnen in Kontakt zu treten, so unangebracht er auch sein durfte, ließ mich fortan nicht mehr los.

So lernte ich eines Tages Gowindi kennen, dessen unverhohlene, in den Augen seiner Sippe wahrscheinlich ebenso abartige, Begeisterung für homo sapiens dazu führte, dass wir einander begegnen mussten.

Normalerweise gingen sich Menschen und Toorags aus dem Weg. Zufällige Begegnungen fanden ein schnelles Ende, man vermied einander so gut es ging.

Gowindi stellte eine Ausnahme dar. Zuweilen hatte ich mir einen Spaß daraus gemacht, schnurgerade auf einen Toorag zuzumarschieren, wenn ich denn einmal einen sah. Üblicherweise zogen sie sich eilends zurück, als jagte ich ihnen Angst ein.

Nicht so Gowindi. Er blieb wie angewurzelt stehen und wartete ab. Noch niemals zuvor war ich einem Toorag so nahe gekommen und bekam zum ersten Mal aus nächster Nähe mit, wie sie eigentlich aussahen.

Der erste genauere Eindruck sagte mir wenig zu. Ihre pechschwarzen, lidlosen Augen stießen mich ab, sie wirkten leblos, tot. Die knöchernen, grünlich schimmernden Wülste, welche sie wie ein Wall umgaben, trugen auch nicht sonderlich dazu bei, Vertrauen zu fassen. Zudem flatterte in unheimlicher Regelmäßigkeit ein grauer Schatten über die tief in den Höhlen sitzenden Augäpfel, eine Nickhaut, ähnlich wie bei Moas. Allein ihre menschenähnliche Gestalt half dabei, nicht wieder den Rückwärtsgang einzulegen. Auch die Tatsache, dass sie Kleidung trugen (wenn man die schlichte dunkle Kutte so bezeichnen mochte), hatte etwas zart Vertrauenserweckendes an sich.

Beherzt wagte ich den ersten Schritt. Einfach umkehren konnte und wollte ich nicht. „Hallo“, krächzte ich also, räusperte mich und legte sogleich mit festerer Stimme nach: „Wie heißt du?“

Keine Reaktion. Lediglich eine flache Hautpartie, welche von der nicht vorhandenen Nase bis hinunter zur Lippe reichte, bewegte sich sacht im – wie ich annahm – Takt der nicht hörbaren Atemzüge.

„Kannst du nicht sprechen?“ fragte ich kühner. Nein, konnte er nicht. Wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Er schien mich jedoch zu verstehen, denn als er kaum merklich den Kopf schüttelte, war klar, was er mitteilen wollte.

Das Objekt meines Forschungstriebs, der halbwüchsige Toorag, reichte mir bis zum Hals, ich war also einen ganzen Kopf größer. So konnte ich die tiefen, kreisförmigen Einkerbungen, welche sich auf der Oberseite seines haarlosen Schädels wanden, besonders gut erkennen. Als wäre er irgendwann mit einer riesigen Stanze in Kontakt gekommen. Gruselig. Ich ließ mir allerdings nicht anmerken, wie ausgesprochen hässlich er mir vorkam.

„Du sprichst also nicht“, stellte ich daher einigermaßen frustriert fest. „Aber du kapierst, was ich sage, ja?“

Da hob er einen spindeldürren Zeigefinger und hielt ihn mir knapp unter die

Nase. Ich erschrak entsprechend, zuckte jedoch nur kurz zurück. Einen winzigen Moment legte sich der Finger auf meine Lippen, begleitet von erneutem Kopfschütteln. Die unerwartete Berührung ließ mich erschauern, doch mutete sie zu keiner Zeit unangenehm an.

„Du sprichst also nicht mit dem Mund?“ bemerkte ich folgerichtig. Jetzt nickte das Wesen. Okay, es verstand mich in der Tat. Mein Herz schlug schneller. Die Tatsache, mit einem waschechten Toorag in Kontakt getreten zu sein, der zudem auch noch mitbekam, was ich von ihm wollte, erfüllte mich mit heller Aufregung. „Womit dann?“

Flugs tippte sich der Toorag mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.

„Du sprichst mit deinem Kopf?“ Es klang idiotisch.

Da ging er in die Knie und begann mit Hilfe seiner mageren Finger (nur vier pro Hand, wie ich aufmerksam registrierte) etwas in den Sand zu zeichnen. Buchstaben! Er konnte schreiben! Und das in meiner Sprache! Mein Respekt wuchs.

„Morgen…“, las ich.

Der Toorag nickte heftig. Zum ersten Mal sah ich ihn den Kopf ordentlich bewegen. Eindeutig kopierte er menschliche Gesten, um sich verständlich zu machen. Mein Gesicht verzog sich anerkennend zu einem breiten Grinsen, welches er interessiert beäugte. Versuchte er etwa erneut, mich zu imitieren? Es gelang jedenfalls nicht.

„Was ist morgen?“ fragte ich ihn. „Willst du mich morgen wieder hier treffen?“

Sein neuerliches Nicken fiel schon menschlicher aus, wenn auch weiterhin gekünstelt. Dann hob er die Rechte und hielt mir vier gespreizte, knochige Finger entgegen. Eine Geste des Abschieds? Im Gegenzug reichte ich ihm die Hand, welche er jedoch nicht ergriff, sondern alarmiert begutachtete.

„Nimm sie, bitte!“ forderte ich ihn auf. „Nur keine Hemmungen!“

Keine Reaktion. Bevor er seine Klaue zurückziehen konnte, griff ich entschlossen zu und drückte sie sachte wie einen äußerst zerbrechlichen Gegenstand. Wie knochentrocken und kalt sich seine Pfote anfühlte! Ein Ruck ging durch den grasgrünen Körper des Toorags. Wahrscheinlich war es auch für ihn der erste direkte Kontakt mit einem Außerirdischen. Zu meiner Erleichterung ergriff er nicht die Flucht – oder schlimmer – schlug mich auf der Stelle zusammen.

„So sagen wir auf Wiedersehen“, legte ich nach. „Verstehst du?“

Für einen Moment schien er sogar den leichten Druck erwidern zu wollen, zog aber dann doch die knorrige Kralle zurück und lief eilig davon. Von hinten wirkte der hagere Körper noch fragiler.

Ich verharrte eine ganze Weile, bevor ich nach Hause zurückkehrte. Nicht ein Wort von dem, was ich erlebt hatte, kam über meine Lippen. Mir war klar, auf wenig Gegenliebe zu stoßen, würde ich das Erlebnis teilen wollen. So sollte es vorerst ein Geheimnis bleiben.

Anderntags kehrte ich zum vereinbarten Treffpunkt zurück, überzeugt davon, den Toorag niemals wieder zu sehen. Schon die ganze Nacht hatte ich so gut wie kein Auge zugemacht, war von einem schlafraubenden Extrem ins nächste gestürzt. Vorfreude hatte sich schleichend in Misstrauen verwandelt. Hegte das fremde Wesen am Ende einen düsteren Plan? Wollte es mir vielleicht Böses? Die Skala meiner Befürchtungen wäre der ideale Nährboden für düstere Alpträume gewesen, doch da ich ohnehin wenig Schlaf fand, blieb keine Zeit zum Träumen. Bei Sonnenaufgang betrachtete ich das Vorhaben wieder deutlich zuversichtlicher und fand für die albernen nächtlichen Ängste nur noch müdes Kopfschütteln.

Entgegen aller Erwartungen sah ich den kleinen Toorag schon von weitem. Er war also doch gekommen – und erneut allein. Mein Herz klopfte mächtig vor Aufregung.

Als wir uns gegenüberstanden, überreichte mir der Toorag ohne jede wie auch immer geartete Begrüßung ein Geschenk. Überwältigt nahm ich es in Augenschein. Ein dünnes, mehrfach ineinander verschlungenes Lederband mit Magnetverschluss. Wenig Ahnung hatte ich, was damit zu tun war und untersuchte es von allen Seiten wie das kostbare Gehäuse einer angeschwemmten Seeschnecke.

„Vielen Dank!“ sagte ich endlich. Insgeheim ärgerte ich mich, nicht an Ähnliches gedacht zu haben, was die eindeutig besseren Manieren des Außerirdischen bewies. „Was ist das, mein Freund?“

Der Toorag nahm es mir vorsichtig wieder aus den Händen und wedelte damit vor meiner Nase herum. Endlich verstand ich, was er wollte: mir das Band um den Hals legen. Intuitiv schreckte ich davor zurück, ließ ihn aber machen. Mit einem leisen Klickgeräusch schnappte der Magnet zu. Das Band lag locker um

den Hals, der kühle, bläulich schimmernde Verschluss ruhte einen Fingerbreit über meinem Brustbein. Noch immer nicht ganz überzeugt, blickte ich nach unten. Die wilden Befürchtungen der Nacht kehrten zurück. Was hatte es damit auf sich? Wieso um alles in der Welt beschenkte mich der…

Und dann fuhr ich wie zu Tode erschrocken zusammen!

Der vermeintliche Verschluss flackerte in dem Moment kobaltblau auf, als eine Stimme aus ihm drang. Hell und blechern. „Das ist ein Kommunikator. Freund.“

Entsetzt starrte ich auf das Teufelsding, drauf und dran, es abzureißen, bis ich endlich begriff. Aus großen Augen starrte ich den Toorag an, der völlig ungerührt vor mir stand.

„Du kannst ja doch sprechen!“

„Wir verfügen über unterschiedliche Kommunikationswege. Freund“, kam die Antwort, nicht mehr ganz so scheppernd wie eben noch. „Meine Spezies interagiert ausschließlich visuell, deine dagegen akustisch-auditiv. Du kannst meine visuellen Signale nicht empfangen, ich deine akustischen jedoch sehr wohl. Freund.“

Verblüfft glotzte ich den Toorag – wahrscheinlich immer noch ziemlich dümmlich – an, bevor ich mich endlich wieder unter Kontrolle hatte und die soeben übertragenen Informationen auszuwerten in der Lage sah.

„Wieso kann ich deine visuellen Signale nicht verstehen?“

Die Antwort kam umgehend. „Du besitzt dafür keine Rezeptoren. Freund. Der Kommunikator verwandelt meine visuellen Reize in akustische Schwingungen, die deinen Hörsinn stimulieren.“

Okay. Wie auch immer.

„Wie ist dein Name?“ fragte ich.

„Ich verstehe, was du meinst. Freund. Aber wir haben keine Namen.“

„Keine Namen?“

„Nein. Freund.“

„Sag nicht immer Freund zu mir! Ich heiße Jack.“

„Bist du nicht mein Freund? Freund Jack?“

Ich musste lächeln. „Natürlich bin ich dein Freund.“

„Das macht mich stolz. Freund. Freund Jack.“

„Und mich auch. Wahnsinnig stolz.“ Und das meinte ich durchaus ernst. Für

jemanden, der noch nie von sich behaupten konnte, einen Freund gehabt zu haben, allemal. „Du hast also keinen Namen. Wie nennen dich denn deine Artgenossen, deine Leute?“

„Meine Leute… wir haben alle keine Namen, Freund Jack.“

„Nur Jack! Sag einfach nur Jack!“ Dann deutete ich auf ihn. „Wenn du keinen Namen hast, werde ich dir einen geben müssen. Du brauchst einen Namen, glaube mir!“

„Ich brauche einen Namen“, wiederholte der Toorag nachdenklich. Es klang nicht völlig überzeugt.

„Ja, brauchst du. Wie soll ich dich nur nennen? Warte, mir fällt schon was ein.“

Der Toorag legte den Kopf einen Tick zur Seite. Seine schwarzen Augen funkelten im Sonnenlicht. Womöglich versuchte er weiterhin unbewusst, auf visuelle Weise mit mir zu ‚interagieren‘.

„Du willst mich nennen, Freund Jack?“ kam es dann zögerlich aus dem Kommunikator.

Ich grinste. Grammatikalisch nicht korrekt, aber egal. „Ja, ich will dich ‚nennen‘. Hast du Eltern? Geschwister?“

Der Toorag nickte. Es wirkte bedeutend glaubhafter als noch am gestrigen Tag. Er hatte wohl heimlich geübt.

„Gut. Wie nennt dich deine Mutter? Du musst doch irgendeinen Kosenamen haben? Jeder Mensch hat einen Kosenamen!“ Nur dass ich keinen Menschen vor mir hatte, was mir in diesem Moment allerdings komplett entging.

„Kosenamen…“ Ziemlich verloren kam das Wort aus dem Kommunikator gekrochen. Ich verwirrte den Armen völlig.

„Okay, kürzen wir das ab. Du weißt jetzt meinen Namen. Ich heiße Jack.“

„Jack. Freund.“ Und er deutete auf mich.

„Ja, genau. Ich bin Jack, dein Freund. Und du bist auch mein Freund. Du bist Toorag, mein Freund. Nur möchte ich dich nicht einfach Toorag nennen, so heißt deine ganze Sippschaft in unserer Sprache. Ich möchte dich individuell benennen, verstehst du? So wie es nur einen einzigen Jack unter den Menschen hier gibt.“

„Nur einen einzigen Jack. Freund Jack.“

„Richtig. Nur einen.“ Erst jetzt ging mir richtig auf, welch unmögliche Sache ich von ihm verlangte. Es war so, als wollte ich einem Blinden Farben erklären

(dieser denkwürdige Vergleich sollte mich Jahre später auf ganz andere Weise wieder einholen). Wenn Toorags nur über die Augen kommunizierten, existierte so etwas wie Sprache für sie logischerweise nicht. Sein Geschenk, der Kommunikator, verwandelte demnach Bilder in akustische Signale, die ich aufzunehmen in der Lage war. Und es funktionierte ganz offensichtlich auch umgekehrt. Meine gesprochenen Worte transformierte er in Bilder, eben jene visuellen Signale, die ein Toorag verstehen konnte. Wie fantastisch war das denn?

„Mir wird schon noch ein passender Name für dich einfallen.“ Ich beschloss, es nicht überstürzen zu wollen. Wieso auch? Plötzlich kam ich mir albern vor, dieser Nebensächlichkeit so viel Bedeutung beigemessen zu haben. Da machte mir ein Außerirdischer das Geschenk der Kommunikation und ich fand nichts Wichtigeres darauf zu erwidern, als ihm einen Namen verpassen zu wollen. Idiotisch!

„Hier, probiere mal!“ Unvermittelt fischte mein neuer Freund ein kleines, smaragdgrün schimmerndes Gefäß aus seiner Kutte und nahm den Deckel ab. Neugierig beobachtete ich ihn. Behältnisse dieser Art (vor allem aus jenem merkwürdig glatten Material) waren mir unbekannt. Naturgemäß interessierte mich die runde Büchse voll und ganz. „Nimm ruhig!“

Vorsichtig nahm ich das Teil entgegen, als könnte ich es mit bloßer Berührung kaputtmachen und beäugte es von allen Seiten. Es fühlte sich kühl an und lag gut in der Hand.

„Was ist das?“ fragte ich.

„Wir nennen es Otomak“, erklärte der Toorag freundlich. „Ihr Menschen würdet so etwas Naschwerk nennen. Schmeckt köstlich.“

Es dauerte einen Moment bis ich begriff. Er meinte nicht das Gefäß, sondern dessen Inhalt.

„Aus welchem Material ist es gemacht?“

Nun war es an ihm, einen Augenblick zu stutzen. „Aus amorphem Metall.“ Er sah mich prüfend an, wollte wohl feststellen, ob ich verstand, was er soeben von sich gegeben hatte. Am Ende befürchtete er sogar, ich würde mir das komplette Ding in den Mund stopfen und nicht eines von den vielen daumennagelgroßen Würfelchen, die es enthielt.

„Aha.“ Metall sagte mir etwas, den anderen Begriff hatte ich allerdings noch nicht gehört.

„Probiere schon!“ ermunterte er mich erneut. „Sag mir, ob es dir schmeckt.“

Mit spitzen Fingern nahm ich einen von den schneeweißen Würfeln heraus und musterte ihn ausgiebig. Wollte mich der Toorag womöglich vergiften? Machte eigentlich keinen Sinn, jemandem erst einen Kommunikator auszuhändigen, um ihn dann umzubringen. Dennoch, wohl war mir bei der Sache nicht.

„Ich will auch eins!“ Er hatte mein Zögern offensichtlich bemerkt und wollte mir versichern, keine bösen Absichten zu hegen. Schon verschwand ein „Otomak“ in seinem grasgrünen Schlund. Gleich darauf folgte wohliges Grunzen.

Ich tat es ihm also gleich, wenn auch entsprechend zurückhaltender. Schon beim Kontakt mit der Zunge entfachte das Würfelchen ein Reaktionsfeuer auf meinen Geschmacksknospen. Und nicht nur dort. Die komplette Mundhöhle wurde mit einem Mal in einen zuckersüßen Traum getaucht, der bis tief ins Gehirn strömte. Mit weit aufgerissenen Augen stand ich da und genoss dieses überragende Aroma in vollen Zügen. Nicht einmal eine überreife Tichina könnte auch nur annähernd eine derart intensive und doch delikate Süße liefern. Von diesem Moment an war ich hoffnungslos süchtig nach Otomak.

„Gut?“ fragte der Toorag.

„Ausgezeichnet. Was ist das?“

„Otomak“, kam die unschuldige Antwort.

„Ja, ist klar, aber aus was besteht es?“

„Ihr Menschen wollt immer alles genau wissen, nicht wahr? ‚Aus welchem Material ist dies gemacht‘, ‚aus was besteht jenes‘“, äffte mich der Toorag vergnügt nach. „Keine Bange, du darfst es behalten. Iss aber nicht zu viele davon, hörst du? Nicht dass dir schlecht wird und deine Mutter sich bei mir beklagen kommt.“

Ich grinste ihn an. Hätte der kleine Toorag gekonnt, würde er zurückgegrinst haben, darauf wettete ich. Verdammt schönes Gefühl, einen Freund gefunden zu haben.

In den folgenden Wochen trafen wir uns regelmäßig und lernten einander mehr und mehr kennen. Der Toorag hatte immer Zeit, egal welchen Tag oder welche Stunde ich vorschlug. Konnte ich einmal nicht, weil es Haushaltspflichten zu erledigen gab, Vater mich zur Jagd mitnahm oder meine

Mutter mich unterrichtete (was glücklicherweise selten vorkam), schien es für den Toorag kein Problem darzustellen. Er richtete sich komplett nach mir. Der Kommunikator stellte dabei ein wichtiges Bindeglied dar. Er funktionierte auch in Abwesenheit meines neuen Freundes. Wollte ich mit ihm sprechen, musste ich nur in den blauen Magneten quatschen und bekam meistens sofort Antwort. Anfangs überwältigte mich diese neue, aufregende Art der Kommunikation, doch empfand ich sie schon sehr bald als etwas völlig Normales. Leider schien es nur in eine Richtung zu funktionieren. Nicht ein einziges Mal trat der Toorag von sich aus mit mir in Kontakt. Vielleicht auch ganz gut so.

„Hast du keine Verpflichtungen bei dir zuhause?“ fragte ich ihn eines Tages. Der Gedanke, er durfte den ganzen lieben langen Tag tun, was ihm beliebte, stimmte mich neidisch.

„Nein“, tönte es aus dem Kommunikator. „Ich bin noch nicht alt genug.“

Interessant. Dieses Thema hatten wir bisher noch gar nicht angeschnitten. Da er kleiner als ich war, nahm ich bisher an, er wäre auch der Jüngere. Wie sehr ich danebengelegen hatte, sollte sich jetzt herausstellen.

„Ach so? Wie alt bist du denn?“ Und bevor er mir irgendeine fremdartige Zeiteinheit auftischen konnte, fügte ich noch schnell hinzu: „In Jahren, wenn ich bitten darf.“

„Siebenunddreißig Gondwanajahre, zwei Gondwanamonate und achtunddreißig Gondwanatage“, kam die präzise Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Ich glaubte mich verhört zu haben. „Ist nicht wahr!“

„Oh doch, Freund Jack.“ Hin und wieder vergaß er, mich nicht ständig ‚Freund‘ zu nennen, allerdings sah ich großzügig darüber hinweg. Mit jedem neuen Tag, den ich mit dem Toorag verbrachte, erweiterte sich mein Horizont. Was konnte besser dabei helfen, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, als der freundliche Kontakt zu Außerirdischen? Demnach lebten sie deutlich länger wie Menschen, was ihre überaus zeitraubende Kinderstube erklärte. Vor dem vierzigsten Lebensjahr galten sie zumindest nicht als „erwachsen“, was immer dieser Begriff auch genau aussagen mochte.

„In drei Jahren bist du dann also groß“, scherzte ich.

„Oh nein, ich werde nicht mehr größer. Ich bin bereits seit drei Jahren

gowindi.“

Zum ersten Mal bediente der Kommunikator ein Wort, welches keinen Sinn ergab.

„Wie bitte? Was bist du seit drei Jahren?“

„Gowindi“, wiederholte der Toorags standhaft.

„Was soll das bedeuten?“ Mein Gesicht formte das berühmte einzige Fragezeichen. „Ein solches Wort gibt es in meiner Sprache nicht.“

In der Tat existierte kein gleichbedeutendes Wort, das er mir hätte erklären können, wie sich schnell herausstellen sollte. Wir waren auf ein Novum gestoßen. Es gab also visuelle Signale, die sich zwar akustisch übersetzen ließen, aber dennoch null Sinn ergaben. Wie außergewöhnlich! So etwas hatte früher oder später passieren müssen. Die Erklärung erfolgte auch sogleich: auf dem Weg zum Erwachsenendasein durchschritten Toorags demnach drei Vorstufen: Kindheit, Adoleszenz und „Gowindi“, nichts anderes als ein zusätzlicher Zeitraum, in welchem der Heranwachsende den ultimativen geistigen Reifegrad erlangte. Der letzte Schliff sozusagen.

„Ich habe zwar wenig Ahnung, wovon du da sabbelst, aber immerhin hast du jetzt deinen Namen weg!“ rief ich triumphierend.

„Ich ‚sabbele‘ und habe meinen Namen ‚weg‘!?“ Bei derartigem Slang stieß augenscheinlich auch die ausgefeilte Tooragtechnik an ihre Grenzen. Unwillkürlich musste ich grinsen. Von nun an nannte ich den kleinen Toorag bei allen möglichen Gelegenheiten bei seinem neuen Namen: Gowindi. Mochte es für ihn noch so wenig Sinn ergeben.

Um diese Zeit veränderte sich mein noch junges Leben grundlegend. Mit dem plötzlichen Tod meiner Mutter fing es an. Maligne Neoplasie, wie Vater es nannte. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide, und ehe ich realisierte, was eigentlich los war, war sie gestorben. Damals war ich gerade fünfzehn Jahre alt geworden. Die Tragweite des Ereignisses überforderte mich komplett. Mein Vater tat sein Möglichstes, um den herben Verlust abzufangen, doch spürte ich, wie wenig er selbst mit der neuen Situation zurechtkam. Ich empfand damals nur Verachtung für ihn. Wie hatte er es zulassen können, dass Mutter einfach so von uns ging? Er hätte es verhindern müssen, egal wie, er hätte es niemals geschehen lassen dürfen.

Gleichwohl war es passiert.

Heute schäme ich mich dafür, doch in jenen Tagen hasste ich meinen Vater bis auf die Grundfesten seiner gebrochenen Existenz. Er litt unsäglich, womöglich mehr als ich. Zu keiner Zeit jedoch sah ich eine Möglichkeit, mich in seine Situation hineinzuversetzen. Im Mittelpunkt meines Lebens stand ich, ausschließlich ich. Da gab es niemand anderen. Symptomatisch für einen traumatisierten Jungen meines Alters? Vielleicht. Mir blieb nur Gowindi, meine Krötenfresse. Und er zeigte mehr Mitgefühl, als es irgendein menschliches Wesen hätte tun können. Er avancierte zur einzigen Bezugsperson, als ich meinen Vater aus dem Herzen verbannte und ihm jeden weiteren Zugang verwehrte.

Es wunderte mich auch wenig, dass er eines Tages ebenfalls fort war. Oh ja, ich kannte die Geschichte bereits, die er mir in seinem Abschiedsbrief auftischte: es gab da jemanden, dem er etwas schuldig war, einen gewissen Kincaid Sprent. Ich weiß nicht mehr, wie oft er von ihm gesprochen hatte, oft genug jedenfalls. An diesen Namen erinnerte ich mich bestens.

Kincaid Sprent!

Nun war mein Vater also nach Sahul unterwegs, um diesen mysteriösen Kincaid Sprent zu suchen, den er seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Dabei spielte der Umstand, mich alleine zurückgelassen zu haben, zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr beschäftigte mich die Tatsache, wie er es geschafft hatte, von Gondwana wegzukommen. Ohne Unterstützung der Toorags hätte er den Planeten niemals verlassen können. Sie hatten ihm dabei geholfen, Gowindi bestätigte dies unverhohlen. Er sah keinen Grund, mir die Wahrheit zu verschweigen, was ich ihm, wie so vieles andere auch, hoch anrechnete.

„Wieso habt ihr ihn unterstützt?“ wollte ich wissen. Vater hatte nie davon gesprochen, jemals mit Toorags in Kontakt gestanden zu haben. Und jetzt erfuhr ich, sie waren soeben dabei, ihn auf einen anderen Planeten zu verfrachten. Das machte wenig Sinn.

„Wie du bereits weißt, sind wir auf Gondwana, um euch Menschen zu beschützen, Freund Jack.“

„Vor wem, Gowindi? Vor wem beschützt ihr uns? Hier drohen keine Gefahren, höchstens ein Ichthyon könnte mir gefährlich werden. Du kannst mir nicht erzählen, ihr seid hier, um uns vor Bedrohungen aus den Tiefen der Tethys zu

bewahren.“

„Nein, davor sicher nicht.“

„Wovor dann?“

Gowindi zögerte. Welche Worte er sich auch immer zurechtlegte, sie schienen schwer zu finden zu sein.

„Dein Vater ist ein spezieller Mensch, wie du vielleicht schon weißt“, fing er schließlich an. „Im landläufigen Sinn ist er gar kein richtiger Mensch.“

Im landläufigen Sinn! Das geschwollene Gefasel aus dem Kommunikator ärgerte mich plötzlich.

„Worauf willst du hinaus? Sprich klar und deutlich mit mir!“

„Wirst du böse, Freund Jack?“

„Nein, natürlich nicht!“ wiegelte ich ab. „Nur... ich verstehe nicht, was du sagst. Wieso ist mein Vater kein... richtiger Mensch? Hat das etwas mit eurer mysteriösen Rolle hier zu tun?“

„Ich weiß, er belastete dich damit nie. Und doch gibt es etwas, das du wissen solltest, um zu verstehen. Jetzt, wo er fort ist, allemal.“

Pause.

Mein erwartungsvoller Blick schaltete auf fordernd um. Bisher hatte der kleine Toorag noch nie um den heißen Brei geredet, was mich besonders ungeduldig werden ließ.

„Okay, ich höre!“

Noch einmal zögerte Gowindi. „Dein Vater... er ist ein Hybrid.“

Ich sah ihn verständnislos an.

„Du weißt, was ein Hybrid ist?“

„Im Groben, ja.“ Kein Wort verstand ich.

„Hybriden sind Mischwesen. Sie weisen keine stabile Generationenfolge auf, was bedeutet, dass du nicht zwangsläufig auch einer sein musst.“

Pause.

„Soviel wir wissen, bist du jedenfalls keiner“, schickte er endlich hinterher. Sollte mich das etwa beruhigen? „Vielleicht werden deine Nachkommen welche sein. Das lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Aber du bist auf jeden Fall…“

„Lass mich einfach einen Augenblick aus dem Spiel“, unterbrach ich ihn. „Wir sind jetzt bei meinem Vater. Er ist also ein Hybrid. Super! Könntest du etwas genauer werden?“

Konnte er. „Hast du das Tagebuch deines Großvaters gelesen?“

Endlich fiel der Groschen. Zugegeben, ich hatte das Journal (oder vielmehr seine kläglichen Reste) einst gelesen, aber auch nur, weil meine Mutter immer darauf bestanden hatte. Sie wollte mir unbedingt Lesen beibringen, nobel von ihr, keine Frage, dennoch so sinnlos. Mein fehlender Enthusiasmus in diese Richtung hatte sie stets betrübt, nur ihr zuliebe war ich irgendwann dazu übergegangen, diese Thematik ein wenig ernster zu nehmen. Zwar konnte ich nicht behaupten, ein Meister geworden zu sein, doch sah ich mich heute in der Lage, wenigstens einigermaßen respektabel lesen zu können. Das Tagebuch meines Großvaters hatte dabei eine zentrale Rolle gespielt. Seine Chronik von Gondwanaland war mir vor langer Zeit ein Quell der Inspiration gewesen. Jedenfalls wusste ich jetzt, worauf Gowindi abzielte. Woher er aber überhaupt davon wusste, entzog sich meiner Kenntnis. Ich ging nicht näher darauf ein. Womöglich ein Fehler.

„Du sprichst von den Ermeskul, richtig?“

„Ja, Freund Jack, von den Ermeskul. Dein Vater trug einen davon in sich, einen sogenannten Sentry. Ebenso dein Großvater. Ich glaube, dir ist bereits bekannt, was es damit auf sich hat.“

„Mehr oder weniger.“ Womöglich war ich bei der holprigen Lektüre noch zu jung gewesen, um sie in ihrer Konsequenz nachzuvollziehen. Wie sehr es auch meine eigene Person betraf, wurde mir erst jetzt nach und nach klar.

„Deswegen sind wir hier. Toorags und Ermeskul sind immer Verbündete gewesen, über Jahrtausende hinweg. Sie haben uns gebeten, auf euch zu achten. Vor allem auf deinen Vater und seine Nachkommen. Du bist einer dieser Nachkommen. Die Ermeskul sind auf euch Menschen angewiesen, um zu überleben. Nun ja, natürlich nicht auf alle. Nur auf diejenigen, die einen Sentry in sich tragen. Du gehörst ja nun leider nicht dazu.“

Leider? So sah ich das ganz und gar nicht. „Ich kann nicht sagen, traurig darüber zu sein.“

„Solltest du aber. Du wärst ein weiterer Garant für das Fortbestehen der Ermeskul und stündest damit nicht nur unter ihrem, sondern auch unserem Schutz. So bist du nur ein Mensch... und Menschen sind, verzeih mir, heutzutage nicht mehr viel wert.“

„Wie darf ich das verstehen?“ Eigentlich kapierte ich es auch so. Nach der Niederlage der Menschen im Tooragkrieg (einer Auseinandersetzung, die sie

ohne jeden Zwang selbst angezettelt hatten), standen ihre Aktien nicht mehr sonderlich hoch. Vertrieben aus all ihren Kolonien, zusammengepfercht auf Sahul, dem sogenannten Exilstern, fristeten sie nur noch ein Schattendasein. Später verloren die Toorags Sahul an die Opreju, was die Situation der Menschen dort weiter verschlechterte. Aber das war eine andere Geschichte.

„Es gibt nicht mehr viele von euch“, schloss Gowindi. „Dein Vater hat es sich in den Kopf gesetzt, seinen alten Freund Kincaid Sprent von Sahul retten zu wollen. Und nicht nur ihn. Die Unterstützung der Ermeskul hat er. Ihnen ist viel daran gelegen, hier auf Evu weitere Menschen anzusiedeln.“

„Was bringen ihnen denn Menschen? So wie ich es verstehe, sind nur Hybriden für sie von Nutzen.“

„Ganz genau, Freund Jack. Der Deal steht. Dein Vater bekommt seinen Willen. Im Gegenzug verpflichtet er sich, für weitere Hybriden zu sorgen. Eine Hand wäscht die andere.“

„Das bedeutet, er kommt eines Tages zurück?“

„Davon darfst du ausgehen.“

Ich nickte, doch wollte sich keine Freude darüber einstellen. Noch nie zuvor hatte ich mich derart verloren gefühlt. Zwar hatte ich mit Gowindi einen einzigartigen Kameraden gefunden, der mir in allen Lebenslagen vertrauensvoll zur Seite stand, doch gelang es ihm nicht, das tiefe Loch zu füllen, welches der Tod meiner Mutter aufgerissen hatte. Nun also war auch Vater gegangen. Wie wenig ich ihm bedeutet haben musste! Wie verdammt wenig! Dennoch ließ sich der trostlosen Situation etwas Positives abringen: ich hatte eine Entscheidung zu fällen. Ich sah mich gezwungen, erwachsen zu werden, das verletzte Kind in mir ohne Wenn und Aber loszulassen – oder zugrunde zu gehen.

Mit Gowindis Hilfe wählte ich ersteres.

Damit endete im Alter von fünfzehn Jahren meine Kindheit.

3

Flügge

Ylvie, die Zwillingsschwester meines Vaters, war mit meiner Betreuung von Anfang an überfordert. Sie, die einzige lebende Verwandte, hätte mir eigentlich nahestehen müssen, doch empfand ich mehr Verbundenheit zu Gowindi als zu ihr. Wir hatten es gründlich versäumt, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen als ich noch kleiner war. Womöglich lag es aber auch an der offenen Abneigung zwischen ihr und Jezzie, meiner Mutter. Beide Frauen hatten einander misstraut, sehr zum Missfallen meines Vaters, dem es nie gelungen war, die beiden einander näherzubringen. Mir war nie ganz klar gewesen, wem ich die Schuld dafür geben durfte. Mit Mutters Tod waren die Würfel endgültig gefallen. Natürlich machte ich nun die ungeliebte Tante verantwortlich und ließ es sie spüren. Sie bemühte sich redlich, tat alles in ihrer Macht stehende, um mich, den traumatisierten Balg, aufzufangen. Doch hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Wie sollte man jemanden auffangen, der nicht aufgefangen werden wollte?

Niemand außer Gowindi fand noch Zugang zu mir. Er, der Außerirdische, mutierte zum Elternersatz. Wer immer es wagte, sich meiner annehmen zu wollen – und es gab einige wenn auch halbherzige Versuche besorgter

Mitmenschen – wurde gnadenlos weggebissen. Unnahbarer konnte ein Halbwüchsiger nicht sein.

Ylvie warf schließlich ein gutes Jahr nach dem Weggang meines Vaters das Handtuch. Kein Wunder. Ich hatte sie, die alles gab, mit Verachtung gestraft. Eines Tages teilte sie mir mit, meine Boshaftigkeiten nicht mehr auszuhalten. Sie fühle sich nicht länger verantwortlich. Ich dürfe tun, was ich wollte, sei nun alt genug. Lächerlich! Ich war gerade siebzehn Jahre und es gewohnt, die Hand, die mich fütterte, erbarmungslos zu beißen. Warnungen hatte sie genügend ausgesprochen, doch nahm ich sie zu keiner Zeit ernst. Im Gegenteil. Keine Sekunde ließ ich aus, sie zu verspotten, zu verhöhnen und zu verletzen. Jetzt, wo sie sich endlich zurückzog und ich vor den Konsequenzen meiner monatelangen Attacken stand, spürte ich merkwürdigerweise so etwas wie Reue. Doch niemals wäre es möglich gewesen, sie in Worte zu fassen oder mir sogar so etwas Undenkbares wie eine Entschuldigung abzuringen. Mein eiskaltes Lächeln im Moment der Wahrheit musste Beweis genug für sie gewesen sein, die richtige Entscheidung gefällt zu haben. Sie hätte mir die Sterne vom Himmel holen können, ich würde sie dafür verachtet haben. Mein Selbsthass überwog alles. Nichts und niemand, schon gar nicht eine liebende Hand, hätte mir helfen können. Mir war nur auf eine Weise zu helfen. Ylvie hatte es folgerichtig erkannt: ich musste ganz alleine zu mir finden, ohne jede Hilfe von außen.

Sie tat genau das Richtige und stieß mich endlich ins kalte Wasser. Ich sollte schwimmen oder untergehen. Schon mein verletzter Stolz zwang dazu, letzteres nicht zuzulassen. Ich schwamm. Wenn auch nicht auf die Art und Weise, wie sie es vielleicht erwartet hätte.

Der trotzige Entschluss, den Menschen den Rücken zu kehren, stand zwar auf tönernen Füßen, aber er stand. Ich packte die wenigen Habseligkeiten, die ich besaß, zusammen und verließ kurz entschlossen mein Heimatdorf. Wohin? Nach Süden. Wenn die Menschen mich nicht wollten, vielleicht legte man woanders mehr Wert auf mich.

Gowindi hatte diesen Tag kommen sehen. Immerhin war er ja schon seit längerem „gowindi“, befand sich also im Stadium fortgeschrittener emotionaler und sozialer Reife. Nach eigener Aussage erfährt ein Toorag in dieser sensiblen Phase der Entwicklung eine komplette Reorganisation des Gehirns. Manchmal

konnte ich mich des Verdachts nicht erwehren, er betrachtete mich als Studienobjekt, um seine geistige Überlegenheit an mir zu messen oder zumindest zu erproben. Oder er war wirklich ein Freund, der sich einfach nur sorgte. Letzteres sagte mir naturgemäß mehr zu.

„Du kannst nicht aus deiner Gemeinschaft ausscheren“, gab er zu bedenken. „So wird das nicht funktionieren. Du bist ein Gemeinwesen, in dieser Hinsicht unterscheiden sich Menschen und Toorags wenig. Wir können nicht ohne Unseresgleichen existieren. Jedenfalls nicht, ohne dauerhafte Schäden zu nehmen.“

„Wenn ich länger bleibe, werde ich schon morgen dauerhaften Schaden genommen haben“, hielt ich dagegen. Natürlich hatte Gowindi recht, mein Mütchen hatte sich schon abgekühlt, als die paar Meilen zu unserem regelmäßigen Treffpunkt hinter mir lagen. „Kann ich nicht mit zu dir kommen, bei euch Toorags leben? Und sei es nur für gewisse Zeit?“

Die Antwort kam umgehend. „Es würde dir dort nicht gefallen. Allein das Klima ist für euch Menschen ungeeignet.“ Die Ablehnung traf. Er wollte mich dort nicht bei sich haben. Doch bewies er mir seine geistige und soziale Überlegenheit auf angenehme Weise. „Aber gut, mach‘ dir ein eigenes Bild und entscheide dich dann.“

Ich starrte ihn aus großen Augen an. Sprach er in der Tat eine Einladung aus? Meines Wissens war noch keinem Menschen Ähnliches offeriert worden. Durfte er dies überhaupt? Handelte es sich am Ende nur um eine Idiotie, eine letzte widersinnige Kapriole vor der Reifung zum Vollmitglied in seinem Verein?

„Im Ernst?“

„Oh ja, natürlich. Dort hinter den Dünen steht der Gleiter.“

Meine Augen mutierten zu Glasmurmeln. „Ist nicht wahr! Du machst hier einen Jux mit mir, oder?“

„Nicht im Mindesten. Komm, sieh ihn dir an!“

„Du besitzt einen eigenen Gleiter und sagst nichts davon?“ Gewiss hatte ich mir zuweilen Gedanken darüber gemacht, wie Gowindi es anstellte, die Entfernung zwischen unseren Siedlungen zu meistern, ohne aus der Puste zu kommen. Selbstredend war ich auf den Gedanken gekommen, es musste irgendein Fluggerät geben, welches ihm dabei half, die annähernd hundertfünfzig Meilen zurückzulegen. Ich wusste von der Existenz dieser Gerätschaften, auch wenn ich wissentlich noch nie welche gesehen hatte.

Manchmal, in schlaflosen Nächten, waren mir vorbeiziehende Lichter am Firmament aufgefallen, die nicht in die Kategorie „Meteorit“ passten. Vater hatte mir dann anvertraut, um welche Art Sternschnuppen es sich handelte und dass die Toorags dahintersteckten. Doch noch nie war es mir vergönnt gewesen, einen dieser Flugapparate aus der Nähe zu sehen.

Bis heute.

Tatsächlich. Da stand er. In einer Senke, durch meterhohe Sanddünen vor neugierigen Blicken bestens versteckt. Eine gläserne Drachenfliege. Erstaunlich klein, ich hatte mir die Dinger wesentlich größer vorgestellt. Er maß drei Körperlängen, mehr nicht. Aus beiden Seiten des Rumpfes ragten flügelähnliche, nach unten geklappte Tragflächen hervor, auf denen das Gefährt augenblicklich ruhte. In dieser Position reichte es mir soeben bis zum Hals. Den Kopf der Drachenfliege bildete eine rundum transparente Kuppel, ganz offensichtlich die Flugkanzel. Viel Platz bot sie nicht. Einer von uns beiden würde sich verflucht kleinmachen müssen, und ich wusste auch schon, wem diese Aufgabe anheimfallen sollte.

„Und damit könnt ihr fliegen?“ Das filigrane Teil erweckte nicht gerade den Eindruck. Jetzt, aus der Nähe, wirkte es noch mickriger. Meine Linke glitt gleichwohl anerkennend wie skeptisch an der kühlen Außenhaut entlang, die silbrig schimmerte wie ein kieloben treibender Fisch. Kommentarlos betätigte Gowindi einen mir verborgenen Mechanismus und die Kommandokanzel flirrte, begleitet von einem surrenden Geräusch, ein Stück zur Seite und machte den Weg ins Innere frei.

„Bitte nach dir. Nimm hinten Platz!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Mittels sprossenähnlicher, in die Außenhülle eingelassener Tritthilfen schwang ich mich nach oben und zwängte meinen Körper in die Kanzel. Einen Moment lang beobachtete der kleine Toorag den ganzen Vorgang, als zweifelte er die Richtigkeit seines Vorhabens an, bevor er schließlich ebenfalls erstaunlich behände einstieg. Ganz klar, er tat das nicht zum ersten Mal. Wie vorhergesehen wurde es nun mächtig eng hier drinnen. Doch wenn es den Piloten nicht störte, sollte es mir nur recht sein. Hinter den Sitz geklemmt wie ein unhandlicher Fremdkörper, konnte ich es kaum abwarten, bis wir abhoben.

„Fliegt jeder von euch so ein Ding, so einen Gleiter?“ fragte ich.

„Ja, jeder von uns.“

„Und du darfst auch schon? Immerhin bist du ja noch nicht groß, wenn du

verstehst, was ich meine.“

„Hast du Bammel, Freund Jack?“

„Niemals, Freund Gowindi!“ Glatt gelogen! Aber er musste ja nicht alles wissen.

Zum ersten Mal im Leben flog ich. Und wie! Der Gleiter schoss kerzengerade in den Himmel, als hätte man ihn aus den Dünen katapultiert. Meine anfängliche Furcht schlug ins krasse Gegenteil um. Wie wild begann ich mit weit aufgerissenen Augen zu johlen. Dann erst zeigte Gowindi, was in dem Gerät steckte. Mit affenartiger Geschwindigkeit raste es gen Süden. Das Meer, die Insel, meine Heimat, alles schoss derart überstürzt an uns vorbei, man konnte nur entweder entsetzt schreien oder irr lachen. Ich wählte letzteres.

Überraschend schnell endete die atemberaubende Reise. Gowindi bremste den Gleiter herunter, was für meinen Geschmack etwas zu abrupt geschah, weswegen ich mich auch unangenehm gegen den Sitz gequetscht fühlte. Noch bevor ich protestieren konnte, drang eine merkwürdig verzerrte Stimme aus dem Kommunikator: „Wir sind angekommen!“

Sofort warf ich einen Blick nach unten, auf die der See abgewandten Seite. Nichts zu sehen außer schroffer Felslandschaft. Was hatte ich erwartet?

„Wo sind wir angekommen? Ich sehe nichts!“

„Falsche Seite, Freund Jack“, schepperte es aus dem Kommunikator. Hatte das Teil durch den hektischen Flug Schaden genommen oder weshalb klang es plötzlich so verzerrt? Meine Position verändernd, lugte ich nun neugierig aufs Meer hinunter – und stutzte entsprechend.

Entlang der Küstenlinie ragten riesige Glaskuppeln, in allen Farben schillernd wie Seifenblasen, aus der See. Zwanzig, dreißig, vielleicht mehr! Ich rang um Fassung, als ich endlich die Fähigkeit mich zu artikulieren wiederfand.

„Gowindi! Was ist das?“

„Willkommen bei mir zuhause!“ Die Stimme klang wieder etwas natürlicher, wenn auch weiterhin mit metallenem Unterton.

„Wohnt ihr da drin? Wohnt ihr im Meer? In den Kuppeln?“

Taten sie.

An diesem Tag erweiterte sich mein Horizont um Welten.

Schon beim Aussteigen bemerkte ich deutlich, warum Gowindi mich eingeladen hatte, mir selbst ein Bild zu machen. Die Temperaturen bewegten

sich in empfindlich niedrigem Bereich. Natürlich, der Südzipfel Evus ragte bereits in die subpolare Zone hinein. Bei uns im Norden wurde es jetzt langsam Herbst, die Blätter verfärbten sich allmählich. Die wenigen Bäume, die ich hier unten ausmachte, hatten ihr Laub schon abgeworfen. Zudem wehte rauer, eisiger Wind.

„Ziemlich kühl bei euch.“ Mein erster Kommentar. Ich war nur leicht bekleidet und fröstelte entsprechend.

„Noch viel zu warm“, erwiderte Gowindi trocken. „Wenn der erste Schnee fällt, so in drei bis vier Wochen, beginnt endlich die angenehme Jahreszeit.“ Er blickte mich von der Seite an. „Ich sagte dir bereits, du wirst dich hier nicht sonderlich wohlfühlen.“

Ich bekam eine genauere Ahnung von dem, was er meinte. „Lebt ihr in den Glaskuppeln?“ Die einzelnen Dome verfügten über Durchmesser von gut und gern zehn Metern und bestanden aus unzähligen achteckigen Waben, ähnlich wie Kammern eines Bienenstocks. Tausendfach reflektierten sie das Licht der Xyn in allen denkbaren Farben. Und es waren nicht mehr als dreißig, wie ich mich überzeugen konnte. Achtundzwanzig. Jede eine Kopie der anderen. Sie glichen einander aufs Haar.

„Ganz genau“, bestätigte Gowindi. „Diesen Teil der Küste haben wir zu unserem Lebensbereich erklärt. Hier fließt der kalte Golfstrom entlang und sorgt für erträgliche Temperaturen, auch im Sommer. Deswegen leben wir in den Glaskuppeln, wie du es nennst. Sie sind unterhalb der Wasseroberfläche miteinander verbunden. Das kalte Meerwasser sorgt im Innern für annehmbare Temperaturen. Du würdest das wahrscheinlich anders empfinden.“

„Weswegen seid ihr immer noch hier? Ich meine, wenn euch das Klima auf Gondwana nicht zusagt, aus welchem Grund bleibt ihr? Wirklich nur, um uns zu beschützen?“ Diese heikle Thematik hatte ich lange bewusst vermieden, schon allein aus Angst, Gowindi würde sich zurückziehen, wenn ich ihn damit konfrontierte.

„Du kennst die Zusammenhänge“, kam die knappe Antwort.

„Nur ansatzweise.“ Gab es einen Grund, damit hinter dem Berg zu halten? „Ihr seid hier, um uns zu beschützen. Nur... vor wem genau?“

Die Antwort kam ohne zu zögern und warf sogleich neue Fragen auf, schon weil Gowindi sie wie eine formulierte.

„Vielleicht vor euch selbst?“

Plötzlich fühlte ich mich längst mehr so selbstsicher wie noch vor dem Aufbruch hierher. Jetzt, auf fremdem Territorium, spürte ich die Barriere zwischen Gowindi und mir deutlich. Hatte ich unsere fragile Freundschaft, so ungewöhnlich sie ohnehin war, am Ende überanstrengt? Ich beschloss, so weit wie nur irgend möglich zu gehen, ihn herauszufordern.

„Darf ich mit hineinkommen?“

„Nein, du würdest erfrieren. Unsere Biosphäre entspricht nicht der deinen. Wir leben in grundverschiedenen Klimazonen. Wir Toorags sind in der Lage, die Hitze, in der ihr Menschen lebt, für einen gewissen Zeitraum zu tolerieren. Ganz gut sogar. Unsere Körper leiden dennoch. Schon nach kurzer Zeit beginnen sie zu sterben. Langsam. Sehr langsam. Doch sie sterben. Wir müssen jeden Tag in unser artifizielles Milieu zurückkehren, um uns wieder zu regenerieren.“

Ich verstand. Uns trennten Welten. Wie sehr, fiel mir erst heute richtig auf. Natürlich konnte ich nicht bei den Toorags leben, so sehr ich es vielleicht vor kurzem noch gewollt hatte. Von Mutlosigkeit gepackt, rief ich: „Aber wir bleiben Freunde, oder?“

Er sah mich mit seinem stets unergründlich ausdruckslosen Froschgesicht an. „Oh ja, das bleiben wir, Freund Jack. Ich werde dich besuchen kommen, so oft es geht. So wie immer. Nichts hat sich verändert.“

Erleichtert nickte ich ihm zu. „Danke fürs Herbringen. Eure Siedlung mit eigenen Augen zu sehen, bedeutet mir sehr viel. Jetzt weiß ich auch, nicht bei euch leben zu können.“

„Siehst du? Darum solltest du für dich selbst entscheiden.“

„Mach so weiter und du bist bald nicht mehr gowindi, dann lassen sie dich endlich als Vollmitglied in deine Truppe.“

„Ich kann es abwarten“, kam die Antwort. Und ich glaubte ihm. Keine Ahnung, welche Pflichten auf ihn warteten, würde er das Erwachsenenalter erreicht haben.

Ich ließ es mir nicht nehmen, wenigstens für ein paar Minuten die Felsenküste auf und ab zu spazieren, um den Glaskuppeln so nahe wie möglich zu kommen. Vom Ufer aus jedoch erwiesen sie sich als unerreichbar. Auch sah ich keinen anderen Toorag. Das hatte ich mir wohl am meisten erhofft, irgendwie einen Blick von ihnen zu erhaschen, irgendwo in ihren Glaskäfigen. Doch taten sie mir

den Gefallen nicht.

Schon allein die kriechende Kälte