Kalt ist der Abendhauch - Ingrid Noll - E-Book

Kalt ist der Abendhauch E-Book

Ingrid Noll

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Beschreibung

Die dreiundachtzigjährige Charlotte erwartet Besuch: Hugo, ihren Schwager, für den sie zeit ihres Lebens eine Schwäche hatte. Sollten sie doch noch einen romantischen Lebensabend miteinander verbringen können? Wird, was lange währt, endlich gut? Ingrid Nolls Heldin erzählt anrührend und tragikomisch zugleich von einer weitverzweigten Familie, die es in sich hat.

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Seitenzahl: 270

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Ingrid Noll

Kalt ist derAbendhauch

Roman

Die Erstausgabe

erschien 1996 im Diogenes Verlag

Umschlagillustration: Sofonisba Anguissola,

›Portrait einer Greisin‹, ca. 1620

(Ausschnitt)

Für meine Mutter

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2013

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 23023 9 (23.Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60330 9

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] 1

Mein Enkel Felix wohnt in einem ehemaligen Friseurladen; das Schaufenster dekoriert er stets ein wenig, obschon es natürlich nichts mehr zu verkaufen gibt. Meine uralten schwarzen Schnürstiefel setzte er zum Beispiel in einen Vogelkäfig, ein rosa Korsett stopfte er mit Watte aus und legte es in einen Puppenwagen, einen mit Nägeln gespickten Stuhl beschmierte er mit Margarine, womit er angeblich gleich zwei berühmte Künstler ehren wollte.

Lange Zeit vegetierte eine heruntergekommene Schaufensterpuppe in dieser Idylle, bis er sie leid wurde und alles neu gestaltete. Ich war versessen auf die Puppe.

Seitdem lebe ich nicht mehr allein. Die Puppe sitzt in meinem Schaukelstuhl, trägt Kleider aus meiner Jugendzeit, eine Perücke aus den sechziger Jahren und streckt ihre dünnen Beine von sich wie ein Kind. Sie heißt Hulda; wenn ich den Stuhl ein wenig antippe, wiegt sie sich fast fünf Minuten lang und scheint Freude an diesem Rhythmus zu haben. Einsame alte Leute pflegen gern Selbstgespräche zu halten, mir ist ein Gegenüber lieber. Hulda ist eine aufmerksame Zuhörerin, eine gut erzogene Tochter, eine Freundin der feinen Art, die nicht klatscht und hetzt und sich an fremde Ehemänner heranmacht.

Manchmal frage ich Hulda um Rat. Was sollen wir zum Beispiel heute essen? Hering in Tomatensoße, sagt Hulda, vielleicht ein Kartöffelchen dazu und fertig. Wir beide [6] brauchen nicht mehr viel. Alte Leute sollen aber viel trinken, sagt der Arzt; totaler Quatsch, meint Hulda, hör nicht auf ihn! Dieser Mann weiß doch gar nicht, wie schwer es fällt, nachts noch einmal ins Bad zu tappen. Selbstverständlich ist mir Huldas Rat wichtiger als der anderer Leute, denn sie spricht mir stets aus dem Herzen. Ja, ja, ich weiß schon, was man von derlei Zwiegesprächen zu halten hat. Aber wem schade ich denn damit? Wer hört es schon, und wen interessiert’s?

Warum sagst du ausgerechnet Hulda zu ihr? will mein Enkel Felix wissen.

Mein Bruder Albert hatte eine Puppe, die so hieß. Sie stammte von mir, und er liebte diese Puppe. Das war eine gefährliche Sache, denn er bekam zu Weihnachten stets Zinnsoldaten geschenkt. Albert haßte Soldaten. Ich hatte ihm Hulda abgetreten, damit wir heimlich Vater, Mutter, Kind spielen konnten.

Albert war von uns sieben Geschwistern das sechste und ein Jahr jünger als ich. Zum Glück waren wir so viele, daß keiner Zeit fand, uns allzusehr mit Pädagogik zu belästigen. Erst als ich längst erwachsen war, verriet mir unser ältester Bruder Ernst Ludwig, daß man Alberts Puppenspiele gelegentlich beobachtet hatte und sich Sorgen machte, er könnte einem gewissen Onkel nachschlagen.

Wäre Albert noch am Leben, er würde mich verstehen. Hulda ist unser gemeinsames Kind, zwar auch schon in die Jahre gekommen, aber noch schlank und rank, ohne geschwollene Gelenke und krummen Rücken, ohne tränende Nase, rote Augen und ohne orthopädische Schuhe. Einzig [7] die Farbe blättert von ihrem blassen Gesicht. Übrigens ist Hulda keine richtige Frau, was man auf den ersten Blick jedoch nicht erkennen kann. Zieht man sie aber aus, dann zeigt sich ein schneeweißer Leib bar aller weiblichen oder männlichen Merkmale; und nimmt man die Perücke ab, dann glänzt ein spiegelglatter Glatzkopf, der erst durch falsche Haare ein hübsches Gesicht bekommt. Hulda ist ein zwittriger Engel, ein Wesen, das durch Verkleidung in jede beliebige Rolle schlüpfen kann.

Eine Zeitlang bekam ich »Essen auf Rädern«, aber ich habe es wieder abbestellt. Es war allzu reichlich und schmeckte mir nicht. Nur um den jungen Mann, der es brachte, tut es mir leid. Er plauderte immer ein wenig mit mir. Ich weiß nicht mehr genau, ob er Philosophie oder Soziologie studierte. Jedenfalls hielt er mich nicht für verkalkt, denn zuweilen äußerte er sich zu Gedanken und Theorien, die mir ganz neu waren.

»Adorno fordert das Recht des Individuums, ohne Angst anders sein zu können…« Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben. In meiner Jugend war an ein solches Recht überhaupt nicht zu denken!

Warum sich Albert das Leben genommen hat, weiß niemand so genau, aber ich ahne dunkel, daß es etwas mit Hulda zu tun hatte. Bei unseren Spielen war Albert die Mutter und ich der Vater.

Der Soziologiestudent hat einen Pferdeschwanz und Ohrringe, weswegen ich alte Törin ihn vorschnell eingeordnet hatte; eines Tages brachte er seine Freundin mit, und ich mußte mein Weltbild revidieren. Als ich das Essen [8] kündigte, schenkte ich ihm Alberts Ring: eine Steinkamee aus Achat mit dem edlen Profil eines griechischen Philosophen. Es gibt geistige Verwandte, die ebenso wie die leiblichen erben sollten.

Genaugenommen gefallen mir die heutigen jungen Männer besser als die aus der Generation meiner Kinder oder gar die aus meiner eigenen Generation. Albert war der einzige Junge, mit dem ich kichern konnte. Man erzog die Männer dazu, Weinen und Lachen zu unterdrücken. Frauen durften ewige Kinder bleiben. Mit Albert hatte ich jene nicht endenden Lachanfälle, die für Lehrer wohl ein Kreuz sind, aber einem jungen Menschen so guttun. Felix und der philosophische Student haben damit keine Mühe. Sie können aus nichtigem Anlaß losprusten. Ich habe es fast ein Leben lang entbehren müssen.

Als ich zehn Jahre alt war, fragte mich Albert, ob ich lieber ein Junge wäre. Ich hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber mir fiel sofort ein, daß meine älteren Brüder größere Freiheiten hatten als die Schwestern. »Man darf mehr«, sagte ich.

»Man darf Soldat werden und sich im Krieg totschießen lassen«, sagte Albert, »man darf aber keine schönen Kleider tragen und keine Perlenketten auffädeln.«

Sein Hang zu schönen Kleidern, Parfüm, Puppen und weiblichen Handarbeiten wurde ihm wahrscheinlich zum Verhängnis. Mein Vater steckte ihn ins Internat. Es war gut gemeint, Papa hatte eine Reformschule ausgesucht, wo nicht preußischer Drill im Vordergrund stand, sondern die Förderung des ganzheitlichen Menschen. Damit war dem [9] Problem jedoch nicht abgeholfen, denn Albert, der pummelig und unsportlich war, wurde auch dort zu Leibesübungen herangezogen, die ihm zur Qual wurden. Sein einziger Trost war die Schulköchin.

Albert hätte sich bestimmt mit meinem Enkel Felix und dem Studenten – heißt er Patrick? – besser verstanden als mit den rohen Kameraden aus dem Internat. Manchmal schmiede ich kühne Pläne: ich möchte Felix und Patrick zu einer Gedächtnis-Teestunde für Albert einladen. Erstens sollen sich diese beiden jungen Männer einmal kennenlernen, zweitens möchte ich über meinen toten Bruder sprechen.

Aber zuvor müßte ich aufräumen. Das heißt, ich wollte schon längst ausmisten, seit meine Freundin Mielchen nicht mehr lebt. Die Wände hängen voller Kitsch, den sie mir im Laufe unserer langjährigen Freundschaft geschenkt hat und den ich aus Pietät zu ihren Lebzeiten nicht beseitigen konnte. Miele war eine herzensgute Frau, aber ohne Geschmack, das muß einmal gesagt werden. Mit Dürers Hasen, über den man ja noch streiten kann, fing es bereits in unserer Jugend an. Es folgten ein selbstgeklebtes Bild aus getrockneten Blumen, Hufeisen, Glastierchen, geschnitzte und bemalte Holzpantoffeln, Setzkästen mit Miniaturgeschirr, gehäkelte Elefantenkissen, Trachtenpuppen und schmiedeeiserne Barometer.

Wahrscheinlich glauben mir die jungen Männer erst, daß ich dieses Zeug noch nie mochte, wenn es wirklich verschwunden ist. Aber wohin damit? Und anschließend müßte man wahrscheinlich tapezieren oder zumindest streichen – [10] das alles sind Gründe dafür, daß ich meine Party mit Hulda und den jungen Männern noch nicht arrangiert habe. Vielleicht im Frühjahr, wenn es mir erfahrungsgemäß bessergeht, wenn ich mehr Energie und Lebenslust verspüre. Ich werde Waffeln backen, das müßte ich doch schaffen, dazu starken Kaffee servieren (oder trinken sie nur dünnen Kräutertee?) und viel Schlagsahne. Albert liebte Sahne. Hinterher einen Sherry – oder lieber vorher? Hulda soll mein lichtgelbes Seidenkleid mit dem Spitzenkragen und die elfenbeinfarbenen Spangenschuhe aus Papas Werkstatt anhaben. Ich selbst trage seit zwei Jahren Turnschuhe, das hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen, erst recht nicht unser Papa. Aber man kann sagen, was man will, sie sind erheblich billiger als Schuhe mit Fußbett, so bequem wie Pantoffeln und gleichzeitig völlig trittfest. Mielchen ist tot, ihre Benimmregeln habe ich hinter mir gelassen.

Mielchen war zwar eine Klassenkameradin, aber durchaus nicht meine Schulfreundin. Erst als sie sich mit meinem Bruder Heiner verlobte, kamen wir uns näher, denn seitdem erschien sie täglich in unserem Elternhaus. Sie war gerade zwanzig, als die Verlobung leider – oder Gott sei Dank – in die Brüche ging, weil Heiner sich in eine andere verguckte. Natürlich hatte unsere ganze Familie seinetwegen ein schlechtes Gewissen; ich tat alles, um Miele zu trösten. Bis zu ihrem Tod blieben wir Busenfreundinnen. Übrigens hat Mielchen nach dem Desaster mit Heiner ziemlich schnell geheiratet, einen braven Langweiler. Als sie mit siebenundvierzig Jahren Witwe wurde, machte sie die überwältigende Entdeckung der körperlichen Lust; von [11] da an wurde sie tragischerweise zur romantischen Nymphomanin. Jahrzehntelang mußten arbeitslose Kellner und windige Einzelgänger ihre gehäkelten und gestickten Liebesandenken ertragen. Habe ich schlecht von meiner Freundin gesprochen? Das wäre falsch. Mielchen hatte ein großes Herz, von wem kann man das schon sagen?

Mit ihr konnte ich über Albert sprechen. Damals, nach seinem Tod im Jahr 1933, rätselten wir Geschwister nächtelang über den Grund. Für die großen Brüder stand fest, daß Albert irgendwie »vom anderen Ufer« gewesen sein mußte, auch wenn sie sich nichts Genaueres darunter vorstellen konnten. Mangels Erfahrung mußten wir Schwestern ihre Theorie hinnehmen. Albert hatte nie einen Freund gehabt, er war ein einsamer Mensch gewesen. Vielleicht war ich die einzige, mit der er lachte und spielte. Obgleich er lange Zeit das jüngste Kind meiner Eltern blieb, war er keineswegs ihr Liebling – ich übrigens auch nicht. Meine Mutter war einfach überfordert nach insgesamt zehn Geburten, wobei drei Geschwister sofort starben. Meinem Vater hingegen gefiel dieser dickliche Knabe überhaupt nicht, und um nicht ungerecht gegen ihn zu sein, übersah er ihn meistens. Arm waren wir damals nicht, aber auch nicht besonders reich. Das Internat für Albert konnten wir uns eigentlich nicht leisten, doch wahrscheinlich wollte unser Vater mit dem hohen Schulgeld sein schlechtes Gewissen beruhigen.

Heute schaukelt Hulda wie eine Wilde, mir wird ganz schwindelig davon, ich rücke mir meinen Stuhl ans Fenster, um sie nicht mehr im Blickfeld zu haben. Meine Sehkraft [12] läßt immer mehr nach, ich brauche viel Licht. Es ist die Frage, wann ich erblinden werde. Um ihren Anblick noch ein wenig zu genießen, habe ich auf meine alten Tage damit begonnen, mir Blumen zu kaufen; früher hätte ich mir einen solchen Luxus nicht gegönnt. Allerdings trage ich auch jetzt keine breughelschen Prachtsträuße nach Hause, sondern nur wenige Einzelexemplare. Vor mir steht ein Glaskrüglein, das in meinem Elternhaus mit Öl oder Essig gefüllt war. In das Glas ist ein funkelnder Stern eingeschliffen, Henkel und Tülle sind aus Zinn. Um die Stiele der drei weißen Rosen schweben Hunderte von Luftbläschen, das Nordlicht meines Fensters verwandelt die Wasseroberfläche in flüssiges Silber. Ich verstehe die holländischen Maler, die solche Schönheit für alle Zeiten festhalten wollten und ihre Blumenstilleben mit Muscheln, Insekten und appetitlichen Früchten anreicherten.

Morgen muß ich mir neue Blumen kaufen, die drei Rosen welken in Schönheit dahin. Wahrscheinlich werde ich mich für weiße Lilien der Sorte Casablanca entscheiden. Ich habe mich ganz auf weiße Blumen spezialisiert, vielleicht erinnern sie mich an die vielen Gräber meiner Lieben, jedenfalls erscheinen sie mir edler als ihre bunten Schwestern.

Zum Einkaufen trage ich einen grasgrünen Jogginganzug, den mir meine Tochter Veronika aus Los Angeles mitgebracht hat, dazu die Turnschuhe und einen orangefarbenen Rucksack. Wie eine würdige Greisin sehe ich nicht aus, dafür bemerken mich die verblüfften Autofahrer schon von weitem. Durch den Rucksack habe ich für Stock und Blumenstrauß die Hände frei. Ich bin glücklich, daß mir [13] mein Alter die Freiheit gibt, niemandem mehr gefallen zu müssen. Nun, ich will nicht lügen, wenn ich Besuch bekomme, verwandle ich mich ganz gern in eine, wenn auch welke, Edelrose.

Sollte Felix in nächster Zeit einmal auftauchen, darf ich nicht wieder vergessen, ihn um eine Gefälligkeit zu bitten. Meine Küchenlampe füllt sich langsam, aber sicher mit toten Fliegen, ich mag nicht mehr auf die Leiter steigen, um die Glocke abzuschrauben. Außerdem muß der Myrtenbaum auf die Terrasse geschleppt werden, ich nehme an, daß es nun keinen Frost mehr gibt. Vielleicht könnte ich Felix auch um Rat fragen, wohin man Mieles Kitsch bringen soll, ich kann mich nicht entschließen, ihn in die Mülltonne wandern zu lassen.

Als mein Enkel das letzte Mal zusammen mit einem Freund den defekten Fernseher wegbrachte, habe ich die beiden mit einem Balladenstündchen belohnt. Die jungen Herren staunten nicht wenig, als ich sowohl den Handschuh, den Erlkönig als auch Bürgers Lenore aus dem Gedächtnis rezitierte. Sie lernen heutzutage andere Dinge. Sollte ich einmal blind werden, so besitze ich einen Schatz an Liedern und Gedichten, aber auch an inneren Bildern, die mich begleiten werden. Aber Briefe werde ich nicht mehr lesen können. – Hulda, haben wir heute Post zu erwarten? – Ich gehe mal an den Briefkasten. Meine Kinder sind natürlich längst hier ausgezogen. In Darmstadt lebt nur noch Regine, die Mutter von Felix. Von den Enkeln erhalte ich gelegentlich eine Postkarte aus fernen Ländern. Thailand, Mexiko, Indien, Australien – sie scheinen vor nichts [14] zurückzuschrekken. Ich überlege, ob ich einen der alten Goldrahmen mit diesen exotischen Bildern anfülle. Aber diesmal liegt keine Karte im Kasten, sondern ein richtiger Brief. Hugo hat geschrieben, er wird uns demnächst besuchen.

Wer ist das? fragt Hulda.

Hugo ist der rote Faden in meinem Leben, sage ich.

Darauf kann Hulda sich keinen Reim machen. Ich weiß übrigens nicht genau, wie alt sie ist. Wie früher die Puppen meiner Töchter ist sie aus Pappmaché gemacht, nicht etwa aus Plastik. Deswegen ist sie empfindlich gegen Nässe, und man sieht an ihrem linken Arm eine leichte Zerstörung, die wohl durch feuchte Lagerung entstanden ist.

Hugo kommt! Ich habe ihn seit Idas Tod nicht mehr gesehen. Als ich ihn kennenlernte, war ich fünfzehn und Alice, das Nesthäkchen, erst sieben. Fanni war siebzehn, Ida zwanzig. Da man die Kleine nicht rechnete, sprach man von einem Dreimädelhaus, das sehr anziehend auf junge Herren wirkte. Hugo kam häufig in unser Elternhaus und tat anfangs, als hätte er sich mit meinen beiden großen Brüdern angefreundet.

Ich war mir absolut sicher, daß er mich heimlich liebte, und glühte vor Begeisterung.

Hugo flirtete mit mir und der kleinen Alice; mit Fanni und Ida unterhielt er sich stundenlang. »Nun, wer ist denn die Auserwählte?« fragte sogar unser Papa eines Tages gut gelaunt und sah die großen Schwestern neugierig an.

Sie wurden beide rot, aber die Antwort kam von mir: »Ich!«

Alles lachte. Leider war ich nicht geistesgegenwärtig [15] genug, um mitzulachen. Ich lief hinaus und weinte. Später erfuhr ich, daß die älteste Schwester Ida bereits heimlich mit ihm verlobt war.

Hulda schüttelt den Kopf. Das ist lange her, sagt sie, du wirst ihn doch nicht immer noch lieben?

Nachdenklich sehe ich sie an. Übrigens Hulda, das Peinliche war nicht, daß die Eltern mein Geheimnis errieten, es war vielmehr die Angst, daß Ida ihrem Verlobten von meinem Liebestraum berichten würde. Gemeinsam würden sie sich über das naive Kind amüsieren. Von da an vermied ich Hugos Gegenwart. Erst einige Monate später, als ich vom Fenster aus zusah, wie er im Hof meinen großen Schwestern das Radfahren beibringen wollte, wagte ich mich aus meinem Versteck. Fanni und Ida stellten sich ziemlich dämlich an. Da ich viel sportlicher war, wußte ich genau, daß ich sie diesmal ausstechen konnte. Hugo hielt mich fest, aber schon bald sahen alle, wie ich ohne fremde Stütze triumphierend im Kreis herumfuhr.

Allerdings nützte mir diese Kunst nicht viel, denn meine Eltern hielten es für unschicklich, daß ein junges Mädchen allein mit dem Rad auf öffentlichen Straßen unterwegs war. Im Gegensatz zu meinen Freundinnen durfte ich nur in Gesellschaft meiner Brüder radeln. Und obwohl Albert mich sicher sehr gern hatte, kam er doch nie auf die Idee, sich meinetwegen auf einen Drahtesel zu schwingen.

Nun wird es also ernst mit dem Ausmisten. In zwei Wochen kommt Hugo, da soll nichts mehr an Miele erinnern. Kurz entschlossen hänge ich den Setzkasten ab, hole einen Waschkorb und bette den Miniaturkitsch hinein. Vielleicht hat irgendein Kind Freude an diesen Dingen. Wie zu [16] erwarten war, zeigt sich an der entblößten Tapete ein helles Viereck. Entmutigt höre ich wieder auf.

Heute ist es milde, Ende März fängt bekanntlich der Frühling an. Ich beginne wieder mit dem Blindentraining. Um mich nicht mißverständlich auszudrücken – ich kann noch ausreichend sehen, hören, riechen, nur weiß ich nicht, wie lange noch. Auf dem kurzen Weg zwischen den Schrebergärten hindurch bis zur kleinen Quelle versuche ich, immer wieder fünf bis zehn Schritte mit geschlossenen Augen zu gehen. Andererseits ist es natürlich schade: In allen Gärten blühen Forsythien, der Holunder grünt, Veilchen sind aufgeblüht, die Waldanemonen leuchten wie weiße Sterne. Wenn ich endlich auf der Bank sitze, schließe ich für längere Zeit die Augen. Das Brünnlein plätschert, Meisen zwitschern. Laut höre ich den Wind in den Baumkronen rauschen, und es gibt einen unheimlichen Ton, wenn zwei Äste aneinanderschaben. Auch ein Specht, ein Hund, ein Auto sind zu hören, schließlich ein Flugzeug, eine Motorsäge, die ferne Autobahn. Ich flüstere ein Gedicht von Theodor Storm:

»Kein Klang der aufgeregten Zeit

Drang noch in diese Einsamkeit.«

Vor über hundert Jahren gab es wohl noch einsame Orte in Deutschland, wo man tatsächlich nur Naturtöne vernahm. Beim nächsten Ausflug werde ich mir außerdem die Ohren zuhalten und nur mit Nase und Haut auf Wind, Gerüche und Wärme reagieren.

[17] Der Frühlingswind macht mich sehnsüchtig und romantisch wie eine Braut. Ich muß kichern. Albert war der einzige Junge, mit dem ich herumalbern konnte, Hugo der einzige Mann. In zwei Wochen kommt er endlich wieder zu mir, nur ist er mittlerweile nicht weniger als achtundachtzig Jahre alt.

[18] 2

Früher konnte ich Hugos Schrift ausgezeichnet lesen, aber jetzt habe ich schon beim allerersten Wort Probleme. Liebe Charlotte erwarte ich, aber mit diesem kleinen Schnörkel könnte man es auch als liebste auslegen. Allerdings hat er mich bisher nie mit liebste Charlotte angeredet. Soll ich dieser neuen Version eine tiefere Bedeutung beimessen? Ist es nur ein Trugbild meiner schwachen Augen oder gar eine Folge seiner zittrigen Hand? Überhaupt bin ich mir nicht im klaren darüber, in welcher Verfassung mir Hugo gegenübertreten wird. Er hört schlecht und will nicht mehr telefonieren, das weiß ich, und er trägt bei Gesprächen im allgemeinen ein Hörgerät. Vielleicht trägt er aber auch Windeln. Mit alten Männern habe ich wenig Erfahrung; im großen ganzen werden sie die gleichen Zipperlein wie wir Frauen haben, abgesehen davon, daß wir uns nicht mit einer Prostata herumquälen müssen. Aber das interessiert mich weniger, wichtig ist mir, ob Hugo geistig noch auf der Höhe ist. Andererseits könnte er sonst schwerlich allein auf Reisen gehen, oder kommt er womöglich am Arm seiner ältlichen Tochter?

Seit ich die Achtzig überschritten habe, bin ich voller Dankbarkeit, daß meine Kinder mir meine Selbständigkeit noch nicht genommen haben. Ist es nicht auch für sie einfacher, mich hier wohnen zu lassen? Ein Leben im Altersheim wäre für mich schwer zu ertragen. Im Gegensatz zu [19] mir wohnte Hugo nie allein; seit dem Tod meiner Schwester Ida wird er von seiner einzigen Tochter Heidemarie betreut, was ihn wohl weitgehend entmündigt hat. Warum ist er nicht bereits vor Jahren zu mir gekommen? Es ist fünf vor zwölf, liebster Hugo.

Nur noch wenige Menschen sind am Leben, die Albert gekannt haben, Hugo gehört zu ihnen. Als Hugo zum ersten Mal in unser Haus kam, war Albert bereits seit Jahren im Internat.

Bei einer Schulweihnachtsfeier hatte Albert seinen ersten Bühnenerfolg als Engel. Er war noch nicht im Stimmbruch und sang im weißen Gewand Vom Himmel hoch mit angeblich überirdischer Stimme. Als er in den Ferien heimkam, kannte er nur eines: mit mir zusammen »Maria und Joseph« spielen. Hulda, der wir längst entwachsen waren, gab sich noch einmal als Jesuskind die Ehre. Albert übernahm die Rolle der Maria, einiger Engel und des Ochsen, ich mußte für Esel und Joseph herhalten. Wir lachten dabei Tränen. Andererseits wußten wir, daß es ein ziemlich kindischer Spaß war, und hielten unsere Proben vor dem Rest der Familie geheim. Unsere Weihnachtskomödie fand auf dem kalten Dachboden statt.

Als Albert in seiner Theatergruppe die Rolle der Maria Stuart spielte, war er natürlich älter. Vielleicht war es der größte Erfolg seines Lebens, und es störte ihn nicht, daß er fortan in der Schule »Maria« genannt wurde. Ich war das Theaterspielen inzwischen leid und stieg daher in den Ferien ohne große Begeisterung mit Albert auf den Boden. Dort zog er mein Ballkleid an und deklamierte Dramen; [20] eigentlich betrachtete ich meinen Bruder als zu alt für derlei Unfug, aber aus Treue blieb ich ihm wenigstens als Publikum erhalten. Allerdings hatte ich den Verdacht, daß er auch mutterseelenallein vor dem Spiegel seine Rollen probte, denn immer wieder fehlten mir Kleider, Schmuck und Schuhe.

Unser Vater hatte ein steifes und zu kurzes Bein, das ihn im Ersten Weltkrieg vor dem Kriegsdienst bewahrt hatte. Da sein Bruder in Verdun gefallen war, schien er ein schlechtes Gewissen zu haben, denn seine beiden ältesten Söhne mußten mittels einer gewaltigen Zinnsoldatenschar historische Schlachten nachspielen und wurden von ihm zu martialischer Gesinnung herangebildet. Andere Eltern kauften ihren Söhnen damals in den Nachkriegsjahren lieber kleine Bauernhöfe oder Zootiere aus Elastolin. Ich will nicht unbedingt behaupten, daß Heiner und Ernst Ludwig bloß wegen dieser Erziehung im Zweiten Weltkrieg fielen. Doch hätte Miele meinen Bruder Heiner geheiratet, wäre sie noch früher Witwe geworden.

Mein Vater war zwar gelernter Schuhmacher (wobei seine besondere Liebe orthopädischen Schuhen galt, die er ja auch selbst benötigte), er hatte aber in einen großen Schuhladen eingeheiratet und arbeitete nicht mehr eigenhändig in der zugehörigen Werkstatt. Es war ein großes Problem, welcher der Söhne das Geschäft übernehmen sollte: Die Großen gaben sich uninteressiert, Albert wurde nicht für voll genommen. Als sich Ida mit Hugo verlobte, witterte mein Vater Morgenluft, denn Hugo stammte auch aus einer Kaufmannsdynastie; allerdings ging es dort um feinere Ware: [21] Sein Vater besaß einen Juwelierladen. Hugo durchkreuzte die Pläne beider Väter und studierte. Aus romantischen Gründen wollte er Förster werden. Als ich ihn kennenlernte, trug er bereits einen grünen Anzug, obgleich er die Forstakademie erst seit kurzem besuchte.

Ida begann damals, Lieder von Hermann Löns zu singen, Fanni begleitete sie auf dem Klavier. Ständig war von Wald und Heide, von roten Rosen und heißen Küssen die Rede. Ich hörte es voller Wut und störte sie durch alberne Fragen oder Poltern im Nebenzimmer. Eines Tages sang Ida:

»Was die grüne Heide weiß,

geht die Mutter gar nichts an,

niemand weiß es außer mir

und dem jungen Jägersmann…«

Früher hatte ich meine große Schwester, die fünf Jahre älter als ich war, geradezu verehrt, jetzt begann ich sie zu hassen. Ich stiftete die kleine Alice dazu an, Idas Abzieh- und Reklamebildchen von Stollwerk und dem Erdalfrosch zu stehlen. Albert und ich teilten ihre Künstlerpostkarten unter uns auf. Der Schwarm aller jungen Mädchen war damals der Schauspieler Lothar Müthel, und Ida besaß zwanzig Karten mit seinem Autogramm.

Ida war schlank und elegant, ein rechtes Stadtkind, sicherlich für ein Leben in einem Odenwälder Forsthaus völlig ungeeignet. Seit sie achtzehn war, half sie meinem Vater im Geschäft. Entweder saß sie an der Kasse, oder sie beriet besonders betuchte Kunden. Mein Vater hatte eine kleine Vitrine mit handgefertigten Schuhen – die große Masse [22] stammte damals bereits aus einer Fabrik –, die fast zu schön zum Tragen waren. Ida verstand es unnachahmlich, einen solchen Schuh mit dem Absatz in vier Finger der linken Hand einzuklinken und anzuheben, um ihn wie einen neugeborenen Prinzen dem Käufer überaus zierlich darzubieten. Und diese zarten Hände sollten Hasen abbalgen?

Übrigens konnte ich mir Hugo auch nicht gut bei solchen Tätigkeiten vorstellen, und ich sollte recht behalten. Bereits beim ersten Rehbock, den er schoß, wurde es brenzlich für Hugo. Er sollte das tote Wild aufschneiden und ausnehmen – wobei er sich bei seiner Erzählung weidmännischer ausdrückte. Es war ein entsetzlicher Augenblick, als alle Jagdkumpane sahen, wie ihm der Angstschweiß ausbrach und seine Hände zitterten.

Vielleicht war es ihm gar nicht so unrecht, daß Ida kurz darauf schwanger wurde. Ich erfuhr es von Fanni. Die Aufregung muß alles übertroffen haben, was meine Eltern in ihrem bürgerlichen Alltag bisher erlebt hatten, leider ließen sie mich nicht daran teilnehmen. Die beiden Familienoberhäupter tagten hinter geschlossenen Türen. Sofortige Heirat, forderte mein Vater. Sofortiger Abbruch des Studiums, verlangte Hugos Papa. Vielleicht wurde es von den Vätern sogar heimlich begrüßt, daß Hugo zur Strafe nun vor die Wahl gestellt wurde, in welchem der beiden Geschäfte er arbeiten sollte.

Er begab sich in die Dienste des Schwiegervaters. Mein Vater war glücklich; mit fortschreitendem Alter litt er stärker unter seiner Behinderung. Unser Elternhaus in Darmstadt lag direkt am Marktplatz; im Parterre befand sich das Geschäft, in der ersten Etage die Wohnung, im zweiten [23] Stock und in den Mansarden waren die vielen Schlafzimmer untergebracht. Die steilen Treppen setzten meinem Vater sehr zu. Ida war als einzige der Familie am Schuhgeschäft interessiert und entlastete ihn damals schon. Hugo war kein Dummkopf, die akademischen Flausen würden ihm sicher bald vergehen. Bei sofortiger Hochzeit konnte man in einigen Monaten ohne Skandal eine Frühgeburt anzeigen. Nur ich war über alle Maßen traurig : Hugo – ein Schuhverkäufer? Ida, die nicht gefragt wurde, wäre lieber im Juwelierladen eingezogen und hätte auf graziöse Weise Ringe und Ketten verkauft, aber sie mußte froh sein, so glimpflich davonzukommen.

Albert nahm die Dinge gelassen hin, er interessierte sich bloß für das Hochzeitskleid. Ich sehnte mich danach, mit meinem vertrauten Lieblingsbruder über Idas Schwangerschaft zu sprechen, ich war – heute glaubt mir das niemand – nur unvollständig aufgeklärt. Die großen Brüder und Schwestern getraute ich mich nicht zu fragen, mit Albert aber konnte ich wie mit einer guten Freundin reden. Aber er mochte nicht. »Ich bin in Trauer«, sagte er, »Valentino ist gestorben.«

Vielleicht hätte ich Hugo schnell vergessen und mich in einen anderen Mann verliebt, wenn er nicht täglich bei uns erschienen wäre. Seit er im Geschäft meines Vaters eingearbeitet wurde, saß er bei jedem Mittagessen dabei. Ich sehe unseren Tisch noch vor uns, groß genug für zwölf Personen. Am Kopf- und Fußende präsidierten Vater und Mutter. Die Jüngsten waren nach alter Tradition der Mama zugeteilt, die Ältesten dem Papa. Wenn Albert nicht im [24] Internat war, saß ich zwischen ihm und Fanni, Hugo bekam einen Platz neben Ida zugewiesen, mir genau gegenüber. Sobald ich von meiner Suppe hochsah, begegnete ich seinen Blicken. Er hatte schnell bemerkt, daß Albert und ich am lustigsten waren, und brachte uns mit allen möglichen Tricks zum Lachen. Wenn die Eltern nicht herübersahen, ließ Hugo die Messerbänkchenhasen wie Löwen durch die Serviettenringe springen oder am Salznäpfchen nuckeln.

Mein Vater war zwar in manchen Dingen sehr streng, aber beim Essen ging es einigermaßen ungezwungen zu. Er selbst diskutierte mit Heiner und Ernst Ludwig am oberen Tischende mit lauter Stimme über das Trauma seines Lebens: die inzwischen längst überwundene Inflation von 1923. Gern zeigte er einen Geldschein über eine Billion Mk. oder belehrte uns, daß ein Telefongespräch damals 500000,– Mk. gekostet habe.

Ein Dienstmädchen brachte die Speisen herein, aber für das Tischdecken war ich, für das Abräumen Fanni zuständig. Wir aßen nur sonntags vom Meißner Porzellan, an Wochentagen nahm man Steingutgeschirr. Die Messer lagen artig auf silbernen Messerbänkchen in Form eines springenden Hasen. Es gab langweiligerweise immer Suppe, Gemüse, gekochtes Fleisch, Kartoffeln und Kompott. Nur freitags konnten wir mit Reibekuchen und Apfelmus rechnen, an Waschtagen mit gelbem Erbseneintopf.

Einen von den alten blau-weißen elterlichen Desserttellern habe ich noch. Bis vor kurzem war er mit Nüssen gefüllt. Der Rand verläuft in zarten Bögen, an drei Stellen geht er in Flechtwerk über, dazwischen sorgen je drei [25] rosettenförmige kleine Blumenbilder für festen Halt im durchbrochenen Porzellan. In der Mitte ist mein Teller zierlich mit chinesisch inspirierten Blüten und Blättern bemalt. Von diesen Kunstwerken wurde einmal in der Woche Kuchen gegessen, sonntags zum Kaffee im Salon. Ein fragiler, kaum gebrauchter Schreibtisch aus Kirschholz fand sich dort, dazu ein Büfett und ein mannshoher Spiegel, der auf einer Konsole ruhte. Sofa und Sessel waren mit lindgrünem Plüsch bezogen, die schweren Vorhänge aus dunkelgrünem Samt.

Über dem Sofa hing ein Stich von Böcklins »Toteninsel«, über dem Büfett ein Bild der Königin Luise. Hier wurden alle Töchter mit ihren Verlobten fotografiert. Die Bilder machte unser Bruder Heiner, der eine Lehre bei einem Fotografen absolviert hatte und bei einer Zeitung arbeitete.

Auf Idas Hochzeit konnte ich nicht tanzen, denn ich wurde zwei Tage vorher krank. Es war eine schwere Lungenentzündung, aber ich selbst glaubte, Gott habe mir als Strafe die Schwindsucht geschickt. Bis zum letzten Moment hatte ich gehofft, gebetet und durch Zauberei versucht, Hugos Heirat zu verhindern. Da Ida aber schwanger war, konnte ich vom Schicksal nur noch ihren baldigen Tod im Kindbett erhoffen. Ich wollte Hugo über dieses Leid hinwegtrösten, ihn nach einem Jahr heiraten und das Kind meiner Schwester in Liebe aufziehen.

Gottes Strafe bestand nicht bloß aus einer Lungenentzündung. Mein Vater beschloß, da sich Ida nicht mehr im Laden zeigen sollte, mich zum Schuhverkauf heranzubilden. Eigentlich war Fanni die nächste, aber sie hatte ein Jahr [26] zuvor eine Ausbildung begonnen, besuchte das Fröbelseminar und wollte Kindergärtnerin werden. Fanni war stark genug, sich dem Ansinnen unseres Vaters zu widersetzen, allerdings auf meine Kosten. Ich hatte gerade die mittlere Reife bestanden, an Ostern 1926, und wollte auf jeden Fall das Abitur machen und am Ende sogar studieren. Schon bei den Söhnen hatten meine Eltern ein Studium abgelehnt, bei einer Tochter war eine solche Extravaganz indiskutabel. Ob ich wollte oder nicht, ich mußte Schuhe verkaufen, und zwar von morgens bis Ladenschluß Tag für Tag mit Hugo zusammen.

Meine kleine Schwester Alice, 1919 geboren, behauptet gern, unsere Eltern hätten das Ende des Krieges mit ihrer Zeugung gefeiert. Bei Idas Hochzeit war sie acht Jahre und durfte als Jüngste beim Ringtausch in der Stadtkirche den Blumenstrauß halten. Auch Fanni glänzte als Brautjungfer, während ich weinend und fiebernd im Bett lag.

Ich habe ein Foto von Alice in einem Messingrähmchen mit gewölbtem Glas, das Heiner bei Idas Hochzeit gemacht hat. Alice sitzt artig auf dem dicken Fauteuil und blickt genauso nachdenklich in die Welt wie heute. Wir älteren Schwestern trugen in ihrem Alter die Haare noch zu verschiedenen Zopffrisuren geflochten, bei Alice sieht man schon moderne Zeiten nahen. Das seidige Kinderhaar ist zu einem kurzen Bubikopf geschnitten, die Ponyfransen reichen bis zu den Augenbrauen. Für die Hochzeit und das Foto bekam sie ein neues kurzes Kleidchen, in der Taille gesmokt; über der Brust hängt ein niedliches Silbermedaillon mit einem eingelegten Vergißmeinnichtkränzchen aus [27] Email. Weiße Kniestrümpfe, schwarze Spangenschuhe und ein Teddy runden die Komposition ab.

Ach Hulda, ich lebe viel zu sehr in der Vergangenheit, das ist im Augenblick unangebracht. Bald kommt Hugo, ich möchte ihm nicht als sentimentale Greisin entgegentreten. Bevor er eintrifft, muß geputzt und aufgeräumt, ausgemistet und eingekauft werden. Ich werde heute noch Felix anrufen, schließlich ist er der einzige Enkel, der in der Nähe wohnt. Felix hat mir schon viel Arbeit abgenommen, mich zum Arzt gefahren – mein Gott, zum Friseur muß ich auch – und hat meine Rente abgeholt. Er kriegt jedesmal einen Geldschein, aber ich weiß, daß er auch ohne helfen würde. Vielleicht könnte er mit seinem Freund noch schnell die Wohnung streichen – ich werde nachher schon einmal alle Staubfänger abhängen, wenigstens im Wohnzimmer. Ob Hugo bei mir übernachten wird? Kann man einem so alten Mann das Klappbett im Kabäuschen anbieten?

Natürlich ist Felix nicht da. Er studiert Maschinenbau und besitzt vielleicht deswegen diesen entsetzlichen Anrufbeantworter, auf den ich meine Botschaft sprechen soll. Ich hänge sofort wieder ein, hole dann aber doch einen Zettel und schreibe auf, was ich sagen will. Ohne ein einziges »äh« und »hm« wird meine Nachricht aufgenommen. Meine Tochter Regine, die Mutter von Felix, hat mir wiederholt eingeschärft, daß man einen jungen Mann nicht vor zwölf Uhr mittags anrufen darf. Ich halte das aber für einen Scherz, denn die Vorlesungen werden ja wohl nicht samt und sonders am Nachmittag beginnen.

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