Kalt lächelt die See - Ellis Corbet - E-Book

Kalt lächelt die See E-Book

Ellis Corbet

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Beschreibung

Trügerische Idylle mit Blick aufs Meer - Band 1 der neuen Krimiserie mit Schauplatz Guernsey Die Nachricht von einem verlassenen Segelboot vor der Küste Guernseys veranlasst Detective Inspector Kate Langlois, sich an Bord der "Aventura" umzusehen, die von den Hamons gechartert wurde. Von dem Ehepaar, das seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer kleinen Tochter vor zwei Jahren täglich in der Presse war, fehlt jede Spur. Ein Blutfleck an der Reling stammt nicht von den Hamons, und Kate ist schon bald in einen weitreichenden Fall verstrickt, der sie quer über die Insel führt. Unterstützung leistet ihr dabei der geheimnisvolle französische Archäologe Nicolas Arture ... Ein raffinierter Kriminalfall mit dem einzigartigen britisch-französischen Flair der Kanalinsel Guernsey und einem sympathischen Ermittlerduo mit ganz eigenem Profil

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Seitenzahl: 495

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel

Über dieses Buch

Neue Krimireihe mit dem atmosphärischen britisch-französischen Flair der Insel Guernsey. Die Nachricht von einem verlassenen Segelboot vor der Küste Guernseys veranlasst Detective Inspector Kate Langlois, sich an Bord der »Aventura« umzusehen, die von den Hamons gechartert wurde. Von dem Ehepaar, das seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer kleinen Tochter vor zwei Jahren täglich in der Presse war, fehlt jede Spur. Ein Blutfleck an der Reling stammt nicht von den Hamons, und  Kate ist schon bald in einen weitreichenden Fall verstrickt, der sie quer über die Insel führt. Unterstützung leistet ihr dabei der geheimnisvolle französische Archäologe Nicolas Arture …

Über die Autorin

Ellis Corbet ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin, die mit KALT LÄCHELT DIE SEE ihre Liebe zum Krimi mit der zu den Kanalinseln verbunden hat. Ellis Corbet verbrachte während ihres literaturwissenschaftlichen Studiums auch längere Zeit in Südamerika und Italien. Ihre Erlebnisse inspirierten sie zum Schreiben, und inzwischen lebt sie als freie Autorin in Stuttgart. Ellis Corbet ist Mitglied der Mörderischen Schwestern und seit dem Sommer 2017 auch regelmäßig bei der Lesebühne Get Shorties dabei.

E L L I S  C O R B E T

KALTLÄCHELTDIE SEE

EIN GUERNSEY-KRIMI

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch dieLiterarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Marion Labonte, Wachtberg

Titelmotive: © parkerphotography/Alamy Stock Foto | © shutterstock.com /Olga Popova

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-1033-6

luebbe.de

lesejury.de

Prolog

St. Peter Port, Guernsey

Das Wasser glitzerte träge in der Sonne, und Rob hielt für einen Moment schützend eine Hand über die Augen. Er hatte den Eindruck, dass sie mit dem Alter empfindlich geworden waren. Obwohl er eine Schirmmütze trug, unter der er trotz der frühen Uhrzeit zu schwitzen begann, schmerzte das gleißende Licht.

Über den Bug seines Bootes hinweg konnte er vor sich die Umrisse der Insel Herm erkennen, etwas weiter entfernt das deutlich größere Sark. Wenn er sich umdrehte, ragten hoch die Mauern von Castle Cornet auf. Die Festung lag auf einer kleinen vorgelagerten Insel, die längst in die Hafenanlagen von St. Peter Port integriert war. Rob diente sie als Orientierungsmarke, ähnlich dem Stand der Sonne.

Er war oft hier draußen mit seiner Lady Anna, dem einfachen Fischerboot, das wie er selbst schon bessere Tage gesehen hatte. Er mochte die Ruhe und den Frieden auf dem Wasser, auf dem kleinen Stück Meer zwischen Guernsey und Herm. Vor hunderten von Jahren war dieser Teil des Ärmelkanals noch trockenes Land gewesen, jetzt war die See warm in der Bucht von Malo. Rob liebte das Meer mit einer tiefen Sehnsucht, und seitdem er pensioniert war, verging kein Tag, an dem er nicht fischen ging. Zumindest nicht bei schönem Wetter. Heute hatte er Hoffnung auf Steinbutt gehabt, aber die Angelrute blieb so ruhig wie lange nicht mehr. In den letzten Tagen hatten die Fische gut gebissen, an diesem Morgen war der Fang eher mau. Ein einsamer Dorsch schwamm in seinem Eimer enge Runden.

Außer Robs eigenem Boot trieb nur noch ein Segler hier draußen, wahrscheinlich Touristen. Auf jeden Fall niemand, den er kannte, und er kannte die meisten.

Rob kniff die Augen zusammen. Das reine Weiß der Yacht vor ihm blendete, kein Vergleich zu seiner blaurostigen Lady. Wahrscheinlich waren an Bord verwöhnte Oxford-Jungs, die ihre Sommerferien auf Guernsey verbrachten. Oder ein neureiches Pärchen vom Kontinent, das sein Leben lang noch keinen fangfrischen Fisch gegessen hatte.

Rob kratzte sich am Kopf. Den ganzen Morgen hatte das Segelboot schon im Wasser getrieben, ohne dass er jemanden an Deck gesehen hatte. Ob alles in Ordnung war? Es kam immer mal wieder vor, dass Boote unter der Hand auch an Menschen ohne Segelschein verkauft oder verliehen wurden. Alles eine Frage des Preises. Vielleicht wussten die Landratten nicht, wie sie zurück in den Yachthafen kommen sollten.

Komisch nur, dass niemand an Deck stand.

Rob warf einen Blick in Richtung der Angelrute, aber da bewegte sich gar nichts. Heiß war es geworden in der Sonne. Sie brannte immer unerbittlicher, und das immer früher im Jahr. Schon um diese Uhrzeit.

Seufzend stand er auf, stützte dabei für einen Moment eine Hand in den Rücken und zog dann die Angelschnur ein. Heute würde sowieso keiner mehr beißen. Mal kurz nachzufragen, ob auf dem Segler alles okay war, konnte ja nicht schaden.

1. Kapitel

St. Peter Port, Guernsey

Der Anruf kam genau im richtigen Moment – oder im falschen, wie man’s nahm.

Chief Inspector DeGaris schob gerade den Neuen nach vorn: »Das ist Detective Inspector Tom Walker.«

Kate stand inmitten ihrer Kollegen und musterte Walker interessiert. So steif, wie er in die Runde nickte, erwartete sie beinahe, dass er gleich die Hacken zusammenschlug. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, ein paar Jahre älter als sie selbst. Seine blonden Haare waren kurz und akkurat frisiert, die Hosenbeine in feste Bundfalten gepresst und seine Krawatte … Niemand außer dem Chief trug eine Krawatte, und selbst der tat das nicht gern. Nicht, dass der Rest seiner Truppe nachlässig gekleidet wäre, bei weitem nicht. Aber ja, aus Kates eigenem dunklen Pferdeschwanz löste sich hin und wieder eine Haarsträhne, selbst DeGaris krempelte mal seine Ärmel hoch … Walker hingegen wirkte so, als würde kein einziges Staubkorn es wagen, sich auf seiner Hose niederzulassen. Oder falls es das doch tat, hatte er sicher eine ebenso steif gepresste Ersatzhose im Auto. Überkorrekt, das war das Wort, das sie suchte.

»DI Walker wird uns hier im Criminal Investigation Department unterstützen«, fuhr der Chief fort. »In diesem Bereich hat er schon in London gearbeitet, und seine Expertise ist sicher willkommen.«

Kate stöhnte innerlich auf. London also, auch das noch. Nicht, dass sie etwas gegen London hatte. Nette Stadt, sie war schon zwei-, dreimal dort gewesen. Aber Londoner? Waren das Letzte. In den Pubs von St. Peter Port waren sie schon schwer zu ertragen, aber als Kollegen auf dem Revier, Himmel, verschone uns alle! Doch bevor sie mit den Augen rollen konnte, worauf DeGaris ihr diesen Walker ganz sicher ans Bein binden würde, klingelte glücklicherweise ihr Smartphone.

Sie trat zwei Schritte zur Seite und nahm den Anruf entgegen. Die abschätzigen Seitenblicke der Kollegen registrierte sie wie so oft, und sie fragte sich, wann ihr Verhältnis wohl wieder normal werden würde.

»Grandpa?«, begann sie das Gespräch.

»Du solltest mal zum Hafen kommen, Kleine.«

»Geht’s dir gut?« Dass ihr Großvater sie während der Arbeitszeit anrief, war ungewöhnlich.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, antwortete er unwirsch. »Aber Rob …«

»Was ist passiert?«, fragte sie schnell.

»Lass mich doch mal ausreden, Kind! Also, dieses Boot, das könnte dich interessieren«, sagte ihr Großvater.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Kate, dass DeGaris den Konferenzraum verließ. Sie konzentrierte sich auf das Gespräch. »Welches Boot?«

»Eine Slup, neu. Wahrscheinlich Touristen, jedenfalls war die Takelung völlig …«

»Grandpa. Komm zum Punkt.« Sie liebte ihn, aber manchmal verlor er sich wirklich in Nebensächlichkeiten.

»Das Boot ist der Punkt, Kate!«

Sie atmete tief durch.

»Rob war heute früh fischen und …«

»Langlois!«, rief DeGaris, der in diesem Moment wieder den Raum betrat.

»Es ist gerade schlecht, Grandpa. Ich ruf dich später zurück«, sagte Kate, unterbrach die Verbindung und blickte den Chief an. DeGaris deutete mit dem Zeigefinger zuerst auf sie, dann auf den Neuen. »Langlois, Walker, ich habe einen Einsatz für euch. Ich brauch euch am Hafen.«

*

Die Marina lag nur einen Katzensprung vom Polizeipräsidium entfernt, sodass sie aufs Auto verzichteten. Nachdem Kate sich Walker knapp vorgestellt hatte – DI Kate Langlois, 32 Jahre alt, geboren und aufgewachsen auf Guernsey, genauer gesagt direkt in St. Peter Port –, wartete sie auf eine Reaktion. Die jedoch ausblieb. Aha. Einer von der ganz schweigsamen Sorte, dachte Kate. Das konnte ja heiter werden. »Den Rest wirst du im Verlauf der Zeit kennenlernen«, fügte sie in dem Versuch, das Eis zu brechen, hinzu. »Im Team duzen wir uns übrigens alle. Ich bin also Kate.«

»Freut mich. Tom.«

Mehr nicht.

»Kriminalpolizei in London, hm?«, hakte sie nach. »Da wirst du dich auf Guernsey eher langweilen. Ihr habt wahrscheinlich alle naselang mit Mord und Totschlag zu tun. Wir auf Guernsey lieben es eher … gemütlich.«

»Gemütlich muss ja nicht gleich langweilig bedeuten«, antwortete er, aber was ein netter Kommentar hätte sein können, klang in Kates Ohren überheblich. Bildete sie sich das ein? Oder hatte Walker genauso viel Lust darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten, wie sie auf den Londoner?

Als sie das Constables Office in der Lefebvre Street passierten, beschloss Kate, ihm ein bisschen Nachhilfe zu geben. Den meisten Engländern waren die Kanalinseln fremd, und insbesondere das Verwaltungssystem der Vogtei führte oft zu Verwunderung. Wenn Walker schon hier war, sollte er sich auch mit dem Bailiwick of Guernsey beschäftigen. Auf ihre Frage, was er darüber wusste, murmelte Walker ein paar Phrasen als Antwort, die ziemlich offensichtlich von Wikipedia oder aus einem Reiseführer stammten.

Kate musste grinsen.

»Wir gehören nicht zum Vereinigten Königreich, stimmt. Das Bailiwick of Guernsey ist direkt der britischen Krone unterstellt, mit dem Rest von euch haben wir nichts am Hut«, sagte sie frech. »Wir haben ein eigenes Parlament und sogar eigene Banknoten.«

Er schwieg einen Moment, dann blieb er stehen und deutete mit der Hand geradeaus über die See. »Und da drüben liegt Frankreich, ich weiß. Schön hier«, fügte er dann hinzu, und es klang ein bisschen verwundert.

Aber er hatte recht. Im Meer ragte imposant Castle Cornet von der Sonne beschienen zwischen hellblauen Wellen hervor. Aktuell herrschte Flut, und viele kleine und große Boote wiegten sich an ihren Anlegestellen im Hafenbecken. Die Masten leuchteten hell in der Sonne, bunte Bojen tanzten zwischen ihnen auf dem Wasser. Kate sog tief die Luft ein. Der Salzgeruch des Meeres war hier besonders deutlich. Das Hafenbecken von St. Peter Port wurde von den Gezeiten stark beeinflusst, es konnte vorkommen, dass sich das Meer bei Ebbe so weit zurückzog, dass die Boote komplett auf dem Trockenen lagen – für die meisten Touristen ein ungewöhnliches Bild.

St. Peter Port selbst war an einem Hang erbaut, an den sich die Häuser schmiegten. Vom Hafen bot sich so ein herrlicher Blick auf die Stadt mit der hellen Architektur, den roten Dächern und der Town Church mit ihrem grau-braunen Turm direkt an der großen Anlegestelle.

Kate ließ ihren Blick über das Pier gleiten. Selbst aus der Entfernung erkannte sie Detective Constable Lucas im Gespräch mit Rob und ihrem Großvater. Ausgerechnet Lucas!

Sein Vater war lange Zeit der amtierende Bailiff des Bailiwick of Guernsey gewesen, und diese Tatsache war ihm zu Kopf gestiegen. Dass er außerdem kein großer Fan von DeGaris war, Kates Vorgesetztem, mit dem sie eng zusammenarbeitete und der sie rückhaltlos unterstützte, erschwerte ihre Beziehung zu dem Detective Constable zusätzlich.

Kate wappnete sich innerlich für die Begegnung, während sie auf die Dreiergruppe zugingen. Und dann, nachdem sie auf ihre Begrüßung einen feindseligen Blick kassiert hatte, erfuhr sie endlich im Detail, weshalb DeGaris sie hergeschickt und Grandpa sie angerufen hatte: Rob war in der Frühe beim Angeln ein Segelboot aufgefallen, das ziellos im Wasser trieb. Aus Neugier, und weil er es als ehemaliger Feuerwehrmann einfach gewohnt war nachzufragen, ob alles in Ordnung sei, hatte er nach den Bootsbesitzern sehen wollen. Hier legte Rob eine dramatische Pause ein, bevor er Kate und DI Walker berichtete, was er DC Lucas eine halbe Stunde zuvor schon erzählt hatte: »Das Boot war leer.«

»Bis auf das Blut«, ergänzte Kates Großvater.

Rob nickte bedächtig und nahm seine speckige Baseballmütze vom Kopf. »Bis auf das Blut. Hugh hat recht. Da dachte ich, sag ich euch besser Bescheid«, schloss er seine Ausführungen, kratzte sich an der Glatze und setzte das Käppi wieder auf. Er war ein kleiner, drahtiger Mann mit grauem Bart und einem wettergegerbten Gesicht. Kate kannte ihn seit ihrer Kindheit, er war nicht nur Arbeitskollege ihres Großvaters gewesen, sondern auch schon immer einer seiner besten Freunde. Sie angelten gemeinsam, tranken Bier und rauchten. Meist schwiegen sie dabei und waren glücklich.

»Danke.« Kate lächelte ihm zu. »Das war eine gute Idee.« Blut auf einer ansonsten völlig leeren Yacht. Viele positive Interpretationsmöglichkeiten gab es hier nicht.

»Es könnt’ schon ein Unfall gewesen sein«, meldete ihr Großvater sich erneut zu Wort. Hochgewachsen, mit noch vollem schlohweißem Haar beobachtete er mit geschürzten Lippen und Kennerblick das Boot, das jetzt im Hafen vertäut wurde.

Es schien tatsächlich brandneu zu sein, nirgendwo splitterte Holz ab, alles blinkte unbenutzt. Aventura stand in kursiver Schrift auf dem Bug. Abenteuer, dachte Kate, ja, das hatten die Segler offenbar gehabt. Mehr, als ihnen lieb war.

»Segelneulinge, die unsere Gewässer nicht gewohnt sind …«, fuhr ihr Großvater fort. »Also, wenn du mich fragst, Kate …«

»Entschuldigung«, unterbrach Walker nun. »Und Sie sind?«

Ausgerechnet jetzt hatte der neue Kollege beschlossen, zum ersten Mal etwas zu sagen. Kate unterdrückte ein Stöhnen.

Ihr Großvater zog die Augenbrauen zusammen. »Hugh Langlois, ehemals Chief Fire Officer«, sagte er und reckte das Kinn. »Und Sie?«

Da war er, Grandpas Stolz. Und sein Starrsinn. Die ihn, seit Kate denken konnte, begleiteten. Nach dem frühen Tod von Kates Vater hatte Hugh Langlois sich rührend um ihre Mutter Heidi, seine Schwiegertochter, und um Kate gekümmert.

Als Feuerwehrmann hatte ihr Großvater mehr als einmal in einer brenzligen Situation gesteckt, trotz seines Alters würde er sich von einem Jungspund wie Walker nicht beeindrucken lassen.

Bevor ihr Kollege sich also noch tiefer in die Nesseln setzen konnte, stellte Kate vor: »Mein Großvater. Grandpa, das hier ist Tom Walker, mein neuer Kollege. Gerade frisch auf Guernsey angekommen.«

»Na, das merkt man«, murmelte Rob, sicher nicht nur im Hinblick auf Walkers Londoner Akzent. Rob war, genauso wie sein Freund Hugh, ein urtypischer Einwohner Guernseys, starrsinnig, dickköpfig wie ein Esel und stolz darauf, ein solcher »Guernsey donkey« zu sein.

»Ich frage nur, wer Sie sind«, sagte Walker kühl und wandte sich an Kate. »Denn: Solltest du einen Fall bearbeiten, in den du so involviert bist?«

Involviert? »Du meinst, weil der Zeuge ein Bekannter meines Großvaters ist?«

»In London wärst du damit befangen. Wir würden jemand anderen einsetzen.«

Kate starrte Walker an. »St. Peter Port hat nicht mal zwanzigtausend Einwohner«, sagte sie. »Was glaubst du, wie viel ich hier zu tun hätte, wenn ich nur Fälle bearbeiten würde, in denen ich keinen der Beteiligten kenne?«

Walker setzte zu einer Entgegnung an, aber sie hatte jetzt wirklich keine Zeit für die Animositäten eines Londoners. »Wann hast du das Boot gefunden?«, fragte sie Rob.

Er blickte zum Himmel, kniff die Augen zusammen und wiegte seinen Kopf zweimal hin und her. »Halb acht. Plus minus ein paar Minuten. Ich bin dann hin, das hat auch ein paar Minuten gedauert, hab ein paarmal gerufen und ein bisschen geschaut, das Blut an Deck gesehen. Auf dem Boden und an der Reling. Da hat sich niemand in den Finger geschnitten, dafür war es deutlich zu viel. Ja, und dann bin ich zurück zum Hafen.«

»Haben Sie eine Uhr?«, fragte Walker. »Oder haben Sie die vergangenen Minuten am Stand der Sonne abgelesen?«

»Um acht habe ich im Boathouse das Telefon benutzt. Das ist das Restaurant da drüben«, erklärte Rob überdeutlich. »Das müsste ja nachzuverfolgen sein.«

DC Lucas blätterte eifrig in seinem Notizblock und bestätigte die Angabe. Jetzt war es kurz vor neun.

Walker reichte diese Information offenbar. »Wenn es ein Unfall war, ist es wahrscheinlich in der Nacht passiert«, sagte er dann.

Kate überlegte kurz. »Wenn es kein Unfall war, vermutlich auch.«

Ihre Gedanken wurden von der Ankunft des Scientific Support Department unterbrochen. Sie parkten ihren Van quer über zwei Parkplätze, und kurz darauf betraten drei Kriminaltechniker in Schutzkleidung den Pier. Kate erkannte Detective Inspector Rivers sofort: Dürr und hoch aufgeschossen stapfte er mit langen Schritten voran. Seine beiden Kollegen, ein älterer und ein ganz junger mit Brille, der wirkte, als sei er gerade eben mit dem Studium fertig, hasteten hinter ihm her in Richtung der Aventura und betraten schließlich das schwankende Schiff.

Erst wenn sie fertig waren, würden Kate und Walker die Yacht untersuchen dürfen. Bis dahin lohnte es sich herumzufragen, wem sie gehörte.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Rob in diesem Moment: »Die ist gemietet.«

Kates Großvater nickte zur Bestätigung.

»Okay.« Walker blickte die beiden alten Männer skeptisch an.

»Lass uns zum Büro des Hafenmeisters gehen«, sagte Kate eilig. Dort würden sie vielleicht erfahren, ob und wo das Schiff gemietet worden war, in Guernsey oder für einen mehrtägigen Trip, von England oder vom Kontinent aus. »Es ist dort drüben, am St. Julian’s Pier«. Dort, wo auch die Autoparkplätze waren und die Fähren nach England, Frankreich und Jersey ablegten.

Sie verabschiedeten sich von DC Lucas, der in der Zwischenzeit den Pier überwachen würde, und von Rob und ihrem Großvater, die beschlossen, im nächsten Pub ein Pint »auf den Schreck« zu trinken. Was für ein Schreck ein leeres Segelboot für zwei ehemalige Feuerwehrmänner war, verkniff Kate sich zu fragen.

*

Zum St. Julian’s Pier waren es zu Fuß auch nur wenige Minuten. Walker schwieg, und Kate fragte sich, was ihn nach Guernsey verschlagen hatte. Er wirkte nicht besonders interessiert an der Insel und ihren Gepflogenheiten. Fairerweise musste sie zugeben, dass sie sich auch nicht übermäßige Mühe mit ihm gegeben hatte. Aber irgendetwas an ihm – abgesehen von der Tatsache, dass er aus London stammte – störte sie. Überkorrekt nicht nur im Aussehen, überkorrekt auch im Verhalten, was seine Frage zu ihrer »Befangenheit« bewies.

Beinahe hätte sie missbilligend den Kopf geschüttelt, als er ihr die Tür zum Hafenbüro aufhielt.

Im Innern waren die Glastür und eine Wand mit den Fahrplänen der Fähren beklebt, eine Büropflanze fristete ihr Dasein auf einer Fensterbank zwischen Prospekten und Broschüren. Hinter der Theke saß zu Kates Überraschung Melanie Tardif und las in einer Broschüre. Kate überlegte, ob sie Walker darauf aufmerksam machen sollte, dass sie auch diese Zeugin kannte, diesmal aus der Schule.

»Hey, Mel«, begrüßte Kate die hoch aufgeschossene Brünette. »Lang nicht gesehen, wie geht’s dir?«

Melanie musterte sie überrascht, offenbar brauchte sie einen Moment, um Kate einzuordnen. »Kate, richtig?«, fragte sie dann aber lächelnd. »Aus der Theatergruppe.« Sie lüpfte einen imaginären Hut.

Kate hatte die Rolle des Inspectors im Agatha-Christie-Stück gehabt. Wie bezeichnend. »Lange her ist das, hm?«

»Kann man sagen. Ich hab mittlerweile zwei Kinder.« Melanie drehte das Foto auf ihrem Schreibtisch in Kates Richtung, um ihr zwei goldige Mädchen mit Zahnlücken und Zöpfen zu zeigen. Doch bevor Kate nach deren Namen fragen konnte, meldete sich Walker zu Wort.

»Detective Inspector Tom Walker, es geht um die Segelyacht Aventura.« Er zückte tatsächlich seine Marke!

Kate biss sich auf die Zunge, um ihn nicht anzufahren. Sie hätte es lieber auf ihre Art gemacht, die war erfolgversprechender, als Mel einzuschüchtern.

Wie erwartet, blickte die nun auch unsicher von Kate zu Walker.

»Sie wissen doch, wem die Schiffe gehören?«, hakte er nach. »Wir suchen die Aventura.«

»Boote«, korrigierte Mel automatisch, machte ansonsten aber keinerlei Anstalten, Walkers Aufforderung nachzukommen.

»Also gut, wem gehört das Boot Aventura?«

Das wird nicht gutgehen. Das mit Walker als Partner wird nicht gutgehen, dachte Kate. Ihr würde der Kragen platzen und das eher früher als später. Was zum Teufel hatte sich DeGaris dabei gedacht, ihr diesen Kollegen als neuen Partner ans Bein zu binden?

Mel zögerte. »Ich weiß nicht, ob das nicht unter Datenschutz fällt.«

»Ich denke, es wird unter Behinderung polizeilicher Ermittlungen fallen«, gab Walker zurück.

Kate konnte sich nur mit Mühe zurückhalten. Sie rang sich ein Lächeln ab und fragte ihre Schulkameradin freundlich: »Mel, ihr habt doch sicher eine Teeküche, oder? Ich würde sterben für einen guten Kaffee. Würdest du …«

»Klar.« Mel rutschte von ihrem Stuhl, warf Walker erneut einen verunsicherten Blick zu und verschwand nach hinten.

Ihr Kollege öffnete den Mund, doch Kate stoppte ihn mit einem Handzeichen. »So läuft das nicht auf Guernsey«, sagte sie bestimmt. »Die Leute reden, wenn du mit ihnen redest. Du brauchst niemanden einzuschüchtern. Zeugen wie Verbrecher zu behandeln, die einfach noch nicht erwischt worden sind, funktioniert vielleicht in London. Aber hier?« Sie schüttelte den Kopf. »Mach ein bisschen Smalltalk, frag nach den Kindern und Omas Schnupfen, dann erfährst du alles, was du wissen willst, und bekommst obendrein noch eine Zeugenaussage in drei weiteren offenen Fällen!«

Walker hielt ihrem Blick stand, während er seinen um Millimeter verrückten Ärmel zurechtzupfte. »Ich glaube nicht, dass …«, begann er arrogant, doch Kate war in Fahrt.

»Lass mich das mit Mel machen, okay?«, unterbrach sie ihn. »Wenn wir in London sind, lass ich dir den Vortritt und halt mich komplett zurück. Aber hier … lass mich das machen. Okay?«

Es war nicht okay für ihn, das war deutlich, so verächtlich wie er sie anblickte. Aber in diesem Moment kam Mel mit dem Kaffee wieder, und Kate hoffte einfach auf das Beste.

Und Walker hielt sich zurück, auch wenn der Blick, den er ihr zuwarf, mehr als finster war. Kate lenkte Melanies Aufmerksamkeit wieder auf ihre beiden Mädchen – Zoe und Ivy – und erfuhr schließlich, was sie wissen wollte: Die Aventura war tatsächlich ein Mietboot. Sie gehörte der Guernsey Boats, bei deren Inhaber, Captain Peter Mahy, man Yachten aller Art chartern konnte, mit oder ohne Skipper. Kate bedankte sich, auch für die Nummer von Captain Mahy, die Melanie ihr noch schnell aufschrieb, und verabschiedete sich. Walker folgte ihr ohne ein weiteres Wort.

Nun stand er neben Kate auf dem Pier und wippte von der Fußspitze auf den Ballen, während sie Mahys Nummer wählte. Um Walker würde Kate sich später kümmern. Und DeGaris überreden, ihr jemand anderen zur Seite zu stellen. So, wie es im Augenblick aussah, würden sie beide zusammen auf keinen grünen Zweig kommen.

Ihr Anruf wurde entgegengenommen, und eine sonore Stimme begrüßte sie.

»Peter Mahy?«, fragte Kate und stellte den Anruf laut, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sich außer ihnen nur zwei Möwen auf dem Steg befanden. »Wir bräuchten eine Auskunft.«

Captain Mahy war nicht glücklich, dass sie ihn am Telefon nach sensiblen Daten fragte, aber er kannte ihren Großvater – natürlich, wer kannte den nicht? –, daher wusste er, dass sie tatsächlich Polizistin war und stimmte schließlich zu.

»Würde es etwas ändern, wenn Sie jetzt persönlich bei mir antanzen müssten?«, fragte er, ohne eine Antwort abzuwarten. Im Hörer raschelte es. Offenbar kramte er schon in seinen Unterlagen.

Kate konnte sich gerade noch verkneifen, Walker ein triumphierendes »Siehst du? So geht das« zuzuraunen. Doch als der Captain ihr den Namen der Person mitteilte, die die Aventura übers Wochenende gechartert hatte, zuckte sie zusammen. »Stephanie Hamon? Die Stephanie Hamon?«

»Also, ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht noch eine davon gibt, das habe ich nicht gefragt«, antwortete Mahy. »Aber das werden Sie sicher rauskriegen. Dafür sind Sie ja bei der Polizei.«

Kate beendete das Gespräch, schob langsam ihr Smartphone in die Hosentasche und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Wir müssen DeGaris informieren«, sagte sie ernst. »Wir haben ein Problem.«

*

Am Victoria Pier kam ihnen wenige Minuten später DeGaris schon entgegen. Der Chief musste sofort losgelaufen sein, Kate hatte ihn noch am Telefon Befehle brüllen hören. Jetzt strich er sich unruhig über seinen Fünftagebart, während er in der anderen Hand eine nicht angezündete Zigarette drehte. Er sieht angespannt aus, dachte Kate. Vor einem knappen Jahr hatte er mit dem Rauchen aufgehört, aber alte Gewohnheiten legte man nur langsam ab. Erst recht in Situationen wie diesen.

Immer noch wuselten die Männer der Spurensicherung in ihren Plastikanzügen auf dem Deck der Aventura herum. DC Lucas verscheuchte eine Touristenfamilie, deren Teenagerkinder die Szene zu filmen versuchten.

In diesem Moment vernahm Kate aufgeregte Rufe vom anderen Ende des Piers. Sie bemerkte zwei Männer und eine Frau, die Handys in die Höhe hielten. Einer rief lauter als der andere nach Chief Inspector DeGaris. Kate stöhnte auf. Offenbar waren die ersten Journalisten eingetroffen.

»Scheiße, die müssen wir loswerden«, murmelte sie.

»Lass mich das machen«, sagte Walker zu ihrer Überraschung sofort. »Wenn man in London eines gewohnt ist, dann, wie man mit einer Meute aufdringlicher Journalisten umgeht.« Damit wandte er sich um und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Kate war froh, sich nicht selbst mit der Presse abgeben zu müssen. Sobald der Name »Hamon« durchsickerte, würden sowieso alle Dämme brechen. Selbst Walker war kurz zusammengezuckt, als ihm die Tragweite bewusst geworden war, auch wenn er zugegeben hatte, mit den Details des alten Falles nicht vertraut zu sein.

DeGaris stellte sich neben Kate. »Guter Junge.«

»Hm«, versuchte Kate es mit einer nichtssagenden Antwort. Jetzt war nicht die Zeit für Diskussionen.

»Blut, sagst du?«, fragte DeGaris, und Kate wusste genau, worauf er hinauswollte: auf Blut, das er vor zwei Jahren im Haus der Hamons gesucht und nie gefunden hatte.

»Denkst du, es hat mit der Sache von damals zu tun?«, fragte sie dennoch und hielt angespannt den Atem an.

Die Sache. Das Understatement des Jahrhunderts. Die Nachricht von der Entführung Ava Hamons aus ihrem Kinderbett war um die ganze Welt gegangen. Kaum ein Polizist, ganz sicher jedenfalls keiner von den Kanalinseln und wahrscheinlich nicht einmal ein britischer, der den Fall nicht kannte. DeGaris war der leitende Ermittler gewesen. Kate selbst war nur am Rande beteiligt gewesen, hatte Adressen recherchiert, Telefonate geführt, aber nicht an der eigentlichen Ermittlungsarbeit mitgewirkt. Zu sehr war sie noch eingebunden gewesen in die Aufklärung eines anderen Falls. Jetzt wünschte sie sich, dichter dran gewesen zu sein.

»Kann gut sein«, nuschelte DeGaris endlich als Antwort und bat sie um Feuer.

Kate schenkte ihm lediglich einen langen Blick, woraufhin er die Zigarette zu ihrer Erleichterung ins Hafenbecken schnippte. »Dreckszeug«, murmelte er.

»Dieser Familie klebt Pech am Schuh«, überlegte Kate laut.

»Vielleicht ist es die gerechte Strafe«, entgegnete DeGaris. Er war immer der Meinung gewesen, dass die Hamons Ava getötet und die Leiche fortgeschafft hatten. Dass sie mit der »Mär von der Entführung« nur vertuschen wollten, dass Ava tot war. Doch es hatte nie Beweise gegeben. Weder für eine Entführung durch einen Fremden noch für Avas Tod durch die Hand der Eltern.

DeGaris hatte Zeit, Nerven und seine Ehe an den Fall verloren, aber er hatte ihn nicht aufklären können. Kate kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie sehr die Situation ihn jetzt wieder anspannte. Aber wenn DeGaris eines war, dann entschlossen: Er würde sich nicht ein zweites Mal vergeblich die Zähne ausbeißen.

»Alles klar, ihr könnt«, rief Rivers ihnen in diesem Moment zu, dann verließen die Männer der Spurensicherung auch schon die Aventura, packten Tütchen, Kästen und Koffer in ihren Wagen und streiften sich die Schutzanzüge ab.

»Ich will die Ergebnisse heute Abend. Das hat allerhöchste Priorität«, sagte DeGaris bestimmt.

»Unmögliches wird sofort erledigt.« Rivers schlug mit einem Grinsen die Hacken zusammen. Er reichte ihnen Handschuhe, ebenso wie Walker, der im Laufschritt zu ihnen aufschloss.

»Wahrscheinlich ein Segelunfall unvorsichtiger Touristen«, sagte er atemlos. Die Schlagzeile würde auf jeden Fall morgen früh auftauchen, so viel passierte einfach nicht im Bailiwick of Guernsey. Ein Blick zum Ende des Piers verriet Kate aber, dass er mit seiner Londoner Taktik offenbar erfolgreich gewesen war, denn die Journalisten traten den Rückzug an. Nun würde ihnen zumindest niemand vor dem Präsidium auflauern.

»Gut gemacht«, murmelte sie und musste widerwillig anerkennen, dass er wirklich eine Hilfe gewesen war. Dann folgte sie ihm und dem Chief auf die leicht schwankende Aventura.

Das Boot war hell. Das war das Erste, was Kate auffiel. Der Schiffsrumpf war blendend weiß gestrichen, ebenso die Kajüte. Die Segel strahlten und der Boden an Deck war in einem so hellen Braun gehalten, dass er beinahe cremefarben schien. Die Yacht war so sauber, dass sie kaum jemals wirklich zur See gefahren sein konnte. Und genau deshalb sprang Kate sofort das dunkle Rot ins Auge. Am Heck, neben der Treppe, die in den Schiffsrumpf führte, war deutlich ein Fleck zu sehen. Sie ging daneben in die Hocke und schnupperte. Er war mittlerweile eingetrocknet, das Rot mehr ein Rostbraun als leuchtend, weshalb der Geruch nicht mehr ganz so stechend, aber dennoch unverkennbar metallisch war. Sie richtete sich auf, besah den Großbaum – ein unerfahrener Segler konnte leicht vom Wind überrascht werden, das Segel drehte sich plötzlich und der Großbaum streckte ihn nieder. Doch an dem Aluminium war nichts Auffälliges zu sehen, nicht das kleinste Tröpfchen Blut.

»Nichts«, sagte auch DeGaris, der mit Walker unter Deck gewesen war. Was hatten Rob und ihr Großvater gesagt? »Das Boot war leer. Bis auf das Blut.«

Mehr konnten auch sie nicht sagen.

2. Kapitel

Castel, Guernsey

Es waren Geister im Haus der Hamons. Geister der Vergangenheit, zu spüren in jedem Raum. Kate fröstelte trotz des sonnigen Tages, während sie jetzt durch die Zimmer schritt.

Es war unglaublich, wie schnell sich die Dinge in den letzten Stunden entwickelt hatten.

Zunächst waren sämtliche Versuche, die Hamons zu erreichen, fehlgeschlagen. Auch auf ihr Klingeln hatte es keine Reaktion gegeben, das Anwesen lag totenstill da. Stephanie und Greg Hamon waren nicht zu Hause und nicht erreichbar – entweder, weil sie auf dem von ihnen gemieteten Boot einem Unfall oder Schlimmerem zum Opfer gefallen oder weil sie einfach einkaufen, auf Verwandtenbesuch oder mit anderen alltäglichen Dingen beschäftigt waren.

Madeleine Perchard, die zuständige Richterin, war schon drauf und dran gewesen, den Antrag auf einen Durchsuchungsbeschluss abzulehnen, ein bisschen Blut und die Tatsache, dass zu Hause niemand öffnete, reichten ihr dafür einfach nicht, bis Kate am Telefon noch einmal darauf hingewiesen hatte, dass es sich um das Ehepaar Hamon handelte. Dem war eine kurze Pause gefolgt, dann hatte Madeleine Perchard gesagt: »In zehn Minuten ist das Fax bei Ihnen.«

Und so bearbeiteten sie, bei der Vorgeschichte, nun offiziell einen Vermisstenfall.

Das Haus befand sich im Parish Castel im Nordwesten der Insel, wo die Strände ausladend und breit waren, mit hellem Sand, vielen Touristen und jungen Familien. Im Sommer ein Traum. Kate konnte sich gut vorstellen, dass man mit einer kleinen Tochter hier wohnen wollte, auch wenn sie selbst die rauen Steinklippen mit den schmalen Buchten in St. Martin vorzog.

Nachdem der Schlüsseldienst die Tür geöffnet hatte, hatte Kate Rivers in seiner unförmigen Schutzkleidung den Vortritt gelassen, denn auch im Haus der Hamons war zunächst die Spurensicherung dran. »Wie sollen wir uns um eure Aufträge kümmern, wenn ihr alle paar Minuten mit einem neuen kommt?«, hatte er augenzwinkernd gefragt. Rivers war einer der Besten, und Kate war froh, ihn in diesem Fall an ihrer Seite zu wissen. Sie mochte den langen, dünnen Mann, der täglich mehrfach aus seinem Labor im Nebengebäude für einen Kaffee vorbeikam, seit DeGaris im letzten Jahr beschlossen hatte, dass die Zeiten von schlechtem Kaffee zumindest in seiner Abteilung vorbei waren, einen Kaffeevollautomaten spendiert hatte und stetig für gute Bohnen sorgte. Außerdem war Rivers einer der wenigen Kollegen auf der Polizeiwache, der unbefangen mit Kate umging. Den Forensiker interessierten »die Querelen und alten Geschichten«, wie er es nannte, im Criminal Investigation Department nicht.

Sein junger Kollege, der ihn am Morgen schon zum Pier begleitet hatte, trat hinter Rivers ins Haus, und aus der Nähe wirkte er mit seinen dunklen strubbeligen Haaren und der Brille ein bisschen wie Harry Potter. Kate hatte leider seinen richtigen Namen vergessen.

Als sie dicht gefolgt von Walker das großzügige Wohnzimmer betrat – natürlich ohne etwas zu berühren, dazu hätte es Rivers’ mahnenden Blick nicht gebraucht –, stand DeGaris schon dort, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, die Hände in den Hosentaschen.

Die Hamons gehörten mindestens zur oberen Mittelschicht, was nicht zuletzt die Größe des Hauses und die Einrichtung zeigten. Das Wohnzimmer besaß eine Fensterfront zum Garten hinaus, die Möbel waren geschmackvoll in hellen Farben gehalten, und auf der Armlehne des grauen Sofas lag eine Stoffkatze.

Die Sonne fiel durch die klaren Scheiben, und dennoch durchfuhr Kate ein Schauder. War die kleine Ava tatsächlich hier gestorben?

»Wir sollten unbedingt mit dem damaligen Ermittler sprechen«, sagte Walker. »Wer war nochmal für den Fall verantwortlich?«

»Ich«, antwortete DeGaris brüsk, öffnete die Schiebetür zum Garten und trat auf die steinerne Terrasse hinaus.

In dem Blick, den Walker Kate zuwarf, lag neben Überraschung mehr als nur eine Spur Frustration. Er hatte recht, es wäre fair gewesen, ihm diese Information gleich mitzuteilen.

Sie folgte den beiden Männern auf die Terrasse. Auf der Rasenfläche stand ein Sandkasten, gerade groß genug zum Spielen für ein Kind. Kate ließ den Blick durch den Garten wandern. Er war wunderschön: Um die Rasenfläche herum rankten sich Beete, deren Blumen jetzt, Ende Juni in bunter Pracht standen. Außerdem gab es ein recht großes Gemüsebeet, in dem runde und grüne Salatköpfe aus der Erde guckten, daneben Kohlrabiknollen, gesäumt von verschiedenen Kräutern. Kate erkannte auf den ersten Blick Dill, Schnittlauch und, wenn sie nicht alles täuschte, Zitronenmelisse. Rote Erdbeeren leuchteten ein Stück daneben zwischen dem Grün ihrer Blätter, einen Strauch Johannisbeeren konnte Kate ebenfalls entdecken, und sie stellte sich vor, wie die kleine Ava von den Beeren genascht hatte. Ungewöhnlich für ein vermögendes Ehepaar wie die Hamons.

Doch es war offensichtlich, dass jemand viel Zeit und Liebe investierte, um den Garten zu pflegen. Neben der Terrassentür stand ein Paar hellgrüne Gummistiefel mit buntem Blumenmuster, wahrscheinlich Stephanies. Daneben das gleiche Paar für sehr kleine Kinderfüße.

DeGaris, der ihrem Blick gefolgt war, räusperte sich. »Ava gilt bis heute offiziell als vermisst, das wissen wir alle.«

»Aber?« Er begriff schnell, der Neue.

»Aber ich habe nie an eine Entführung geglaubt«, antwortete DeGaris bestimmt. »Und das tue ich auch jetzt nicht. Es gab keinerlei Einbruchsspuren im Haus der Hamons. Kein eingeworfenes Fenster, keine aufgebrochene Tür … Ich glaube, das Mädchen ist tot und die Eltern sind schuld daran. Wahrscheinlich die Mutter, sie war diejenige, die zuletzt nach Ava gesehen hat. Vielleicht ist ihr ein Fehler unterlaufen, vielleicht war da aber auch mehr.« Er blickte Walker an. »Wir haben jede Zeugenaussage geprüft, sind jedem Indiz gefolgt, jeder Theorie. Wir haben jede Möglichkeit durchgespielt, und davon gab es wirklich viele. Aber alle führten ins Nichts. Kein Beweis, nicht der geringste.«

»Nehmen wir zum Beispiel die Zeugenaussagen«, erläuterte Kate. »Jemand wollte gesehen haben, wie ein verdächtig aussehender Obdachloser in der Siedlung herumschlich. Jemand anderes eine alte südländisch wirkende Frau. Aber keine einzige der Security-Kameras in der Gegend hat einen Eindringling aufgenommen.«

»Und am Ende bleiben bis heute nur zwei Möglichkeiten«, schloss DeGaris: »Entweder, der Entführer war so gut vorbereitet, so professionell, dass er nicht die geringste Spur hinterlassen hat. Oder es waren die Eltern.«

Walker murmelte etwas Unverständliches, wahrscheinlich hatte er einiges über den Fall in den Zeitungen gelesen.

»Es gab einige Ungereimtheiten.« DeGaris atmete tief durch. »Ich will euch mal was zeigen. Kommt mit«, sagte er dann entschlossen. Er durchquerte das Wohnzimmer und führte Kate und Walker zielstrebig in den ersten Stock. Bad, Abstellkammer, Schlafzimmer der Eltern, registrierte Kate. Und das Kinderzimmer.

Er öffnete die Tür.

*

Ein Museum. Das war Kates erster Gedanke, als sie den Raum betrat. Alles lag da wie von Kinderhand benutzt: ein Teddybär auf dem Fußboden vor dem Kinderbettchen, ein Stapel Bauklötze in der Ecke auf einem buntgemusterten Spielteppich. Darauf war ein Zoo aufgebaut, mit Löwen, Giraffen, Zebras und Eisbären. Auf der Fensterbank stand eine kleine Pflanze, deren Namen Kate nicht kannte, aber sie blühte rosa. Eine Gießkanne stand daneben, gerade eben groß genug für eine Zweijährige.

Alles war so, als hätte gerade eben ein Kind aufgehört zu spielen, als würde es gleich wiederkommen. Kate vermutete, dass hier seit damals nichts verändert worden war, und nahm sich vor, das anhand der Fotos von diesem schicksalhaften Abend zu überprüfen. Eine Sache allerdings war anders: Stephanie – oder Greg – Hamon hielt den Raum zwar sauber, die feine Staubschicht auf dem Jengaturm, den Geruch nach Staub und vor langer Zeit gewaschener Bettwäsche konnten sie jedoch nicht verhindern.

DeGaris öffnete ein Fenster. »Der 11. April 2019, 19 Uhr«, begann er. »Die Hamons waren bei den Nachbarn, Emily und David Baynes, zum Essen eingeladen. Die beiden waren enge Freunde der zurückgezogen lebenden Hamons. Mittlerweile sind sie wohl die einzig verbliebenen Freunde. David Baynes ist Unternehmer, hat ein Vermögen mit einer Software-Firma gemacht. Er müsste mittlerweile 46 oder 47 Jahre alt sein, Emily Baynes war bei ihrer Hochzeit vor knapp drei Jahren gerade volljährig.« Er hielt kurz inne, dann deutete er über die Gartenhecke auf das Haus dahinter. Von ihrer Position aus war nur die eine Seite zu sehen, doch das reichte aus, um dessen Größe zu ermessen. Es mochte ein Einfamilienhaus sein, aber Kate war sicher, dass eine Familie nicht so viel Platz brauchte. Auch die Hamons hätten mit deutlich mehr als drei Personen in ihrem Haus wohnen können, dachte Kate.

»Da sie nur zu den Nachbarn wollten, ein paar Schritte entfernt, und das Babyphone bei Ava mit entsprechender Reichweite am Bettchen stand, nahmen die Hamons ihr Kind nicht mit und brachten es hier ins Bett.«

»Wie alt war Ava?«, fragte Walker.

»Zweieinhalb.«

Walker nickte, doch seine Miene spiegelte, was er vom Verhalten der Hamons hielt.

Aus irgendeinem Grund verspürte Kate das Bedürfnis, das Ehepaar zu verteidigen. »Es ist ja wirklich nicht weit. Und wenn ich mich richtig erinnere, ist Stephanie Hamon auch ein- oder zweimal nach Hause gegangen, um nach ihrer Tochter zu sehen.«

»Das Babyphone«, sagte DeGaris. »Das Babyphone hat nichts gemeldet. Ava hat ruhig geschlafen, nicht geweint, nicht geschrien, sie scheint nicht einmal aufgewacht zu sein. Alles war ruhig. Bis 22:30 Uhr, als die Hamons schließlich nach Hause kamen.«

»Haben sie direkt die Polizei gerufen?«, fragte Walker.

DeGaris zuckte die Schultern. »Niemand hat so genau auf die Uhr geschaut. 22:30 Uhr ist eine Schätzung. David Baynes sprach von 22 Uhr, Stephanie Hamon konnte keine genaue Aussage machen, Greg Hamon und Emily Baynes meinten, es sei ›ungefähr‹ halb elf gewesen. Der Anruf bei uns ging um 22:52 Uhr ein.«

Walker zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Kate konnte förmlich sehen, wie er die Zeitspanne überschlug. Die hatte auch DeGaris und sein Team beschäftigt: Es waren über zwanzig Minuten vergangen, möglicherweise sogar eine knappe Stunde, nachdem Stephanie und Greg Hamon nach Hause gegangen waren und bevor sie die Polizei gerufen hatten.

Wenn man ihnen wohlgesonnen war, konnte man glauben, dass sie zunächst das Haus und den Garten abgesucht und erst danach die Polizei alarmiert hatten. Es konnte aber auch etwas passiert sein, und das war DeGaris’ Theorie: Das Kind war gestorben, und die Hamons hatten in Panik die Leiche versteckt und erst im Anschluss den Notruf gewählt.

Wie man es drehte und wendete, es gab kein eindeutiges Ergebnis.

»So viele Möglichkeiten«, schlussfolgerte auch Walker. »Ich hätte aber noch eine Frage zu den Aussagen der Zeugen, die Unbekannte auf dem Gelände gesehen haben wollen«, hakte er nach. »Deuten diese Beobachtungen nicht doch auf eine Entführung hin?«

DeGaris schnaubte. »Unbekannte! Die südländisch wirkende Frau, kaum verhohlener Antiziganismus, und sobald es um vermutete Kindesentführung geht, tauchen diese Vorurteile immer wieder auf. Die Großmutter eines Nachbarkindes war zum Babysitting da.«

»Und der unbekannte Obdachlose?«

»Der Landstreicher«, zitierte DeGaris die damalige Aussage. »Eine wenig glaubwürdige Zeugin.« Er deutete mit einer Handbewegung an, dass die Frau getrunken hatte. »Bei einer ersten Befragung will sie überhaupt nichts gesehen haben. Erst nachdem die Hamons ihre tränenreichen Fernsehauftritte absolviert hatten« – eine weitere Handbewegung deutete an, was DeGaris davon hielt –, »meldete sie sich mit dem Hinweis, dass sie doch einen Mann gesehen hätte. Und ja, er sei ihr gleich verdächtig vorgekommen, abgehalftert, was hatte er hier in dieser ›guten‹ Gegend zu tun gehabt?«

»Gleich verdächtig«, wiederholte Walker sarkastisch.

»Ja. Nur dass, wie schon erwähnt, keine einzige der CCTV-Kameras diesen angeblichen Landstreicher aufgezeichnet hat«, fuhr DeGaris fort. »Und an Sicherheitskameras herrscht hier in dieser Gegend wahrlich kein Mangel.«

»Könnte eine davon manipuliert worden sein?«

»Wir haben Spezialisten an die Sache gelassen: Nein, das ist ausgeschlossen. Ganz zu schweigen davon, dass es im Haus keinerlei Einbruchsspuren gab. Die Fenster waren zu. Und niemand sonst einen obdachlosen jungen Mann hier in der Siedlung gesehen hatte. Kurz und gut: Besagte Zeugin war eine Mischung aus Snobistin und Wichtigtuerin.«

Kate wusste nur zu gut, was er meinte. Mit Letzteren hatten sie es häufiger zu tun. Es gab die Wichtigtuer und die Hilfsbereiten, wobei Letztere die Polizeiarbeit mindestens ebenso, wenn nicht sogar schlimmer beeinträchtigten. Kindesentführungen setzten in jedem Menschen Mitgefühl frei, man wollte helfen, etwas tun, und die Hilfsbereiten waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort: Jeder zufällige Spaziergänger wurde zum Tatverdächtigen, jedes Kind zum Opfer. Und dann hatte die Polizei plötzlich über dreihundert Hinweise, von denen sie jedem einzelnen nachgehen mussten, während die Spur des wahren Täters immer mehr verloren ging. Wo die Hilfsbereiten nur vage Angaben machten und oft schnell klar war, dass sich dahinter eine Sackgasse verbarg, waren die Wichtigtuer sich absolut sicher, die gesuchte Person gesehen zu haben. Irgendetwas in ihrem Gehirn verknüpfte Erinnerungen falsch, und meist stellte sich, erst nachdem die Polizei eine ganze Arbeitswoche mit voller Belegschaft investiert hatte, heraus, dass sie eigentlich gar nichts gesehen hatten.

Kate stieß einen Seufzer aus. Wenn sie nicht aufpassten und die Presse Wind von den Hamons als Mieter des verwaisten Segelbootes bekam, dann würden sie sich die nächsten Wochen nur noch mit Wichtigtuern und Hilfsbereiten herumschlagen.

DeGaris war offenbar Ähnliches durch den Kopf gegangen. »Drei Tage hat sie uns gekostet. Drei verdammte Tage.«

»Hätte man die Kleine denn noch retten können?«

»Tja, das ist die Eine-Million-Pfund-Frage, nicht?« DeGaris trat einen Schritt vom Fenster des Kinderzimmers zurück. »Aber nein. Wenn ich ehrlich bin: nein. Irgendetwas ist an diesem Abend ganz fürchterlich schiefgelaufen bei den Hamons, und dann war Ava tot. Stephanie und Greg sind kluge Leute, sie Architektin, er Arzt. Sie haben alles daran gesetzt, dass man die Leiche ihrer Tochter nicht findet, und sie haben es geschafft.« Er atmete hörbar ein. »Nein, wir hätten Ava nicht mehr retten können. Aber wir hätten sie finden können, das ja.« Erneut unterbrach er sich, doch seine folgenden Worte schienen mehr an sich selbst gerichtet, als für Kate und Walker bestimmt zu sein. »Bergen«, sagte er leise. »Mehr nicht.«

Kate schwieg, auch Walker sagte nichts, während DeGaris seinen Blick aus dem Fenster schweifen ließ.

»Schon komisch«, murmelte Kate schließlich, »dass ausgerechnet die Hamons jetzt verschwunden sind. Das kann doch kein Zufall sein.«

Walker zuckte mit den Schultern. »Es gibt auch Leute, die werden zweimal vom Blitz getroffen.«

DeGaris jedoch schüttelte seine Starre ab. »Wir sollten uns anhören, was Freunde und Verwandte über die Ehe der beiden erzählen. Der Tod eines Kindes … selbstverschuldet … Das zehrt an den Nerven, die liegen dann auch schnell mal blank, irgendwann ist die Ehe zerrüttet, und dann reicht ein kleiner Anlass, um alles explodieren zu lassen.«

»Du meinst, er hat sie getötet? Oder sie ihn?«

Doch eine Antwort blieb DeGaris Kate schuldig, sie wurden unterbrochen von Rivers, der auf die ihm eigene charmante Art und Weise vom unteren Stockwerk aus fragte: »Hey, DeGaris! Seid ihr da oben festgefroren?«

*

»Wir sind so weit«, erklärte der Kriminaltechniker, als sie kurz darauf die blitzsaubere Küche betraten. Sein Kollege, das Harry-Potter-Double, ließ einen Koffer zuschnappen. »Auf den ersten Blick nichts Auffälliges, allerdings haben wir ein paar Dokumente gefunden, auch einige Briefe. Da könnte was Interessantes dabei sein.«

»Wenn ihr damit fertig seid …«, begann DeGaris, doch Rivers fiel ihm ins Wort und beendete den Satz:

»Bekommt ihr selbstverständlich alles auf den Schreibtisch.« Er winkte ab. »Habt ihr in den nächsten Tagen. Da wir hier durch sind, dachte ich, ihr wollt vielleicht selbst nochmal alles anschauen.«

Natürlich wollten sie das, auch wenn Kate sich unwohl fühlte in diesem unseligen Haus, in dem sie aus allen Fugen, Ritzen und Löchern Unglück zu vernehmen meinte.

»Weshalb sind die Hamons eigentlich nicht weggezogen?«, fragte sie DeGaris. Aus diesem Mausoleum der Trauer, wo jedes Möbelstück, sogar die Wände für immer an das Verschwinden, wenn DeGaris recht hatte, an den Tod der kleinen Ava zu erinnern schienen.

Ihr Vorgesetzter zuckte mit den Schultern. »Als Buße? Aus Reue? Ich kann es dir nicht sagen.«

Walker öffnete die Kühlschranktür, in der eine angebrochene Tüte Milch, fettarm, in der Tür stand. Die Spülmaschine war halb voll mit schmutzigem Geschirr. Jemand, der so reinlich war wie die Hamons, wenn man von den fleckenlosen Fliesen, der blank geputzten Arbeitsfläche ausging, würde vor einem längeren Urlaub die Spülmaschine laufen lassen, sei sie auch halb leer. Die Hamons hatten keine lange Reise geplant, das war Kate klar. Und es passte zu dem, was Captain Peter Mahy gesagt hatte: Die Hamons hatten das Boot übers Wochenende gemietet, vermutlich hatte es ein kurzer Trip sein sollen, ein kleiner Törn von einigen Stunden, raus aufs Wasser, den Tag genießen, vielleicht eine Nacht auf der Yacht verbringen. Kate überlegte, ob sie das wohl überhaupt noch konnten, die Hamons, den Tag genießen. So wie ihr Großvater und Rob, einfach sitzen, schweigen, Gott einen guten Mann sein lassen.

»Witzig«, murmelte Walker, klang aber alles andere als amüsiert, während er Rivers und seinen Leuten hinterhersah, die das Haus verließen. »Da muss ich mich von London auf die Kanalinseln versetzen lassen, um meinen ersten High Profile Case zu bearbeiten.«

*

Nachdem sie auch eine knappe Stunde später keine weiteren Hinweise entdeckt hatten, verließen sie ein wenig enttäuscht das Haus der Hamons. Kate fiel das Nachbarhaus ins Auge, das weiß über hohe Fuchsienhecken hinausragte. »Wir sollten den Baynes einen Besuch abstatten«, sagte sie.

Walker nickte und musterte sie. »Glaubst du, das Segelboot hat etwas mit damals zu tun?«, fragte er dann.

»Du nicht?«

»Gute Frage.« Er blickte zu DeGaris.

Doch ihr Vorgesetzter reagierte nicht. DeGaris bildete sich selten vorschnell eine Meinung. Er war ein hervorragender Polizist, der erst alle Fakten sammelte, bevor er anfing, Theorien zu entwickeln. Hatte er sich dann für eine entschieden, war es allerdings fast unmöglich, ihn von einer anderen zu überzeugen.

»Wir klingeln«, sagte er lediglich und ging voran über den geschotterten Weg zur weißen Haustür.

Doch auf ihr Klingeln regte sich nichts. »Wahrscheinlich sind sie bei der Arbeit«, murmelte Kate. Das war das Naheliegendste, und doch beschlich sie ein seltsames Gefühl. DeGaris wirkte ebenfalls skeptisch. Kate klingelte noch einmal, sie warteten.

»Du hast sicher recht«, sagte DeGaris nach einem Blick auf die Uhr.

Kate sah sich um. Der Garten der Baynes würde im Gegensatz zu dem der Hamons keinen Preis gewinnen, aber hier hatte jemand zumindest vor der Haustür liebevoll einen großen Topf mit Guernseylilien platziert. Kate war sicher, die gleichen drüben gesehen zu haben, vielleicht hatte Stephanie Hamon einen Ableger an ihre Nachbarn verschenkt.

»Ich schau mich mal um.« Sie betrat vorsichtig die Rasenfläche und stellte sich schließlich auf die Zehenspitzen, um in ein kleines Seitenfenster zu sehen. Doch sie konnte nichts erkennen. Auch als sie das Haus einmal umrundete, wirkte alles verlassen.

Sie würden später noch einmal wiederkommen. DeGaris würde ohnehin einen Streifenwagen vor dem Haus der Hamons postieren, der konnte auch die Baynes’ im Blick haben – schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass verschwunden geglaubte Personen wieder auftauchten.

3. Kapitel

St. Peter Port, Guernsey

Zurück in St. Peter Port ließ Kate ihre Kollegen schon einmal ins Präsidium gehen. Sie selbst huschte noch schnell in ihre Stammbäckerei in The Pollet, eine für Autos gesperrte und mit bunten Blumen und Wimpeln geschmückte Einkaufsstraße. Sie entschied sich für ein paar Cornish Pasties. Seitdem sie nicht mehr gemeinsam mit den Kollegen in die Kantine zum Essen ging, futterte sie sich durch die Bistros und Cafés des Viertels, und dieses Gebäck aus Cornwall war derzeit ihr Favorit. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihre Mittagspause heute ausfallen würde, da schlug sie besser gleich zu. Kate sog tief den Algengeruch des frischen Gebäcks ein. Meer zum Essen, dachte sie, und biss noch auf dem kurzen Weg ins Präsidium in das erste Pasty. Den Rest würde sie sich mit DeGaris und ja, selbst mit Walker teilen. Rivers mochte die mit Fleisch oder Muscheln gefüllten Teigtaschen ebenfalls gerne, damit konnte sie ihn immer leicht bestechen. Win-win, dachte sie, als sie durch das Tor der alten Steinmauer auf den Parkplatz des Präsidiums trat. »Island Police« war dort neben dem Wappen von Guernsey zu lesen, das aus drei goldenen englischen Leoparden auf einem roten Schild bestand. Kate lächelte. Die Verbrechensrate auf der Insel war niedrig, sogar vor Taschendieben mussten Touristen sich nicht besonders fürchten, auch wenn es natürlich immer ratsam war, auf seine Wertsachen zu achten. Die Sicherheit, welche die Polizei den Einwohnern von Guernsey vermittelte, weckte in Kate ein Gefühl von Geborgenheit.

Ganz in der Nähe, auf Herm, befand sich das kleinste Gefängnis der Welt, offiziell eingetragen im Guinness-Buch der Rekorde: Es hatte nur eine einzige Zelle, und selbst die stand schon seit langer Zeit leer. Auf Sark hingegen gab es seit 1856 eines der wohl kleinsten »aktiven« Gefängnisse: Es bestand aus zwei Zellen. Kate erinnerte sich an die Spannung, die sie als Kind empfunden hatte, als ihr Großvater ihr erzählt hatte, dass die erste Insassin eine junge Magd gewesen war, die zu drei Tagen Haft verurteilt wurde, nachdem sie ein Taschentuch gestohlen hatte. Da sie Angst vor der Dunkelheit in der fensterlosen Zelle hatte, ließ man ihre Zellentür offenstehen. Als »Wärterinnen« saßen drei Frauen auf Stühlen neben der Zelle, die während dieser Haftstrafe stickten, strickten und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschten, auch mit der jungen Magd. Heutzutage diente das Gefängnis hauptsächlich als Ausnüchterungszelle. Verurteilte, die mehr als drei Tage abzusitzen hatten, wurden nach Guernsey überführt.

Kate mochte diese Geschichten, auch wenn die Kanalinseln natürlich kein Idyll ohne jegliches Verbrechen waren. Gerade heute war das offensichtlich. Mit der Ruhe und Sicherheit war es erst einmal vorbei. Wie hatte Walker es genannt? Ein High Profile Case.

Nachdenklich betrat sie die Polizeistation. Im Flur begegnete ihr Detective Sergeant Claire Miller mit einer Dose Cola in der Hand. Kate war überrascht, denn Miller verabscheute das Getränk. Dafür konnte es nur einen Grund geben.

»Du hast mit DeGaris gesprochen?«, fragte Kate.

»Jup. Bin auch im Investigation Team.«

Also stimmte Kates Vermutung: Miller stellte sich auf einen langen Tag ein. Dem viele weitere folgen würden. Kate freute sich, dass die fröhliche Miller in ihrem Team war. Sie war ihr so viel lieber als einer der anderen Kollegen. Kate hatte ein paarmal hervorragend mit ihr zusammengearbeitet und war auch nach der Arbeit schon mehrfach mit der sechs Jahre älteren Miller auf ein Bier im Pub gewesen. Auch DeGaris schätzte ihre Professionalität, und so war es kein Wunder, dass er sie ins Team beordert hatte.

Jetzt griff die Kollegin mit dem rundlichen Gesicht und den ungestümen Locken beherzt zu, als Kate ihr die Tüte mit den Pasties entgegenhielt. »Ausgerechnet die Hamons«, nuschelte sie nach dem ersten Bissen. Ihre Miene wirkte besorgt, das Blitzen war aus ihren dunklen Augen verschwunden. Miller war kurz nach ihrer zweiten Elternzeit in die Crime Unit gewechselt, und nach der Geburt ihres Sohnes keine zwei Wochen zurück gewesen, als die kleine Ava Hamon verschwand. Ihre ältere Tochter Olivia war im gleichen Alter wie Ava. Kate wusste, dass das Verschwinden des Mädchens die sonst so lebensfrohe Miller sehr bewegt hatte, dennoch hatte sie stets ihre Professionalität bewahrt und wie alle anderen versucht, den Fall zu lösen. Leider bis heute vergeblich.

»Langlois!«, rief in diesem Augenblick DeGaris aus seinem Büro. Kate nickte der Kollegin kurz zu und eilte den Gang hinunter.

In DeGaris’ Büro legte sie die Tüte mit den Pasties auf den Schreibtisch und nahm Walker gegenüber Platz.

»Im Team sind wir drei und DS Miller, unterstützt von DC Lucas«, informierte DeGaris knapp und kam dann sofort zur Sache. »Das Haus der Hamons und nebenbei auch das der Baynes muss observiert werden. Miller organisiert das gerade, Lucas hilft bei den Laufarbeiten. Ihr beide müsst nochmal mit Peter Mahy und dem Hafenbüro sprechen«, wies DeGaris sie an. »Wann hat die Aventura den Hafen verlassen, wann ist sie gemietet worden, für wie lange?«

Kate, die sofort fürchtete, Walker könnte Mel endgültig verprellen, sagte schnell: »Ich kümmere mich darum.«

»Gut. Walker, du sprichst in der Zeit mit den Angehörigen. Und durchleuchtet unbedingt die Büros von Stephanie und Greg Hamon. Sprecht mit den Leuten, mit Freunden, mit Bekannten, und sucht nach allem, was mit diesem Ausflug zu tun haben könnte: Wie lange hatten sie frei, wo wollten sie hin und so weiter, jeder noch so kleine Hinweis ist hilfreich.«

Walker nickte kurz und erhob sich. »Sonst noch was?«, fragte er lediglich.

»Wirbelt keinen Staub auf«, sagte DeGaris. »Vor morgen Nachmittag will ich mich nicht mit Presseinterviews abgeben müssen.«

Mit diesen Worten war die Besprechung beendet. DeGaris griff nach einem Pasty und warf die Tüte mit dem letzten Stück Walker zu, der damit in den Flur verschwand.

Kate folgte ihm mit dem Blick. Ein ›Danke‹ wäre nett gewesen, aber mit Manieren schien es der neue Kollege nicht so zu haben. Und genau darüber, über Walkers Manieren und vor allem seine Arbeitsweise, die völlig inkompatibel mit Kates eigener war, wollte sie jetzt mit dem Chief sprechen. Sie erhob sich und schloss DeGaris’ Bürotür.

»Was hältst du von Walker?«, fragte er, bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte. Als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Kate atmete tief durch. »Na ja, das Abwimmeln der Journalisten hat er gut hingekriegt«, gab sie zu. »Und bei den Hamons hat er immerhin mal zugehört. Aber wenn du meine ehrliche Antwort hören willst: nicht viel.«

DeGaris zog die Augenbrauen hoch. »Er macht gute Arbeit. In London …«

»In London! Das ist vielleicht das Problem«, unterbrach Kate. »Hier auf Guernsey benimmt er sich unmöglich, verschreckt Zeugen und fährt mir dauernd in die Parade.«

DeGaris sagte nichts, sah sie nur schweigend an.

Kate wusste nur zu gut, was dies als Antwort bedeutete. »Wir brauchen ihn, stimmt’s?«, sprach sie ihre Vermutung laut aus und seufzte. »Verdammter Mist.«

»Er kommt mit Auszeichnung und auf Empfehlung seiner Vorgesetzten.« DeGaris hielt ihrem Blick stand, als er hinzufügte: »Ich werde einen Polizisten mit seinem Rang nicht von einem Fall abziehen, bei dem wir ihn bitter benötigen, nur weil du Vorurteile gegenüber London und dessen Einwohnern hegst.«

»Es geht nicht um meine Vorurteile gegenüber Londonern!«

»Kate.« DeGaris atmete tief durch. »Komm wieder zu mir, wenn du eine klare Beschwerde hast. Und bis dahin: Arrangier dich mit Walker. Vielleicht merkst du dann ja, dass er doch gar nicht so schlimm ist, wie du denkst.«

*

Als Kate ihr Büro betrat, das sie ab jetzt offenbar mit Walker teilte, war er fleißig bei der Arbeit. Ein Notizbuch mit eng beschriebenen Zeilen lag neben seinem Computer, an dem er aufmerksam den Bildschirm betrachtete. »Ihr habt einen Wissensvorsprung«, murmelte er, ohne hochzublicken. »Ich weiß viel zu wenig über diesen Fall. Also, außer den Schlagzeilen. Schon gar nichts Internes.« Er trug eine Lesebrille, deren Etui allerdings nicht auf seinem peinlich aufgeräumten Schreibtisch zu sehen war, wie Kate mit geschultem Blick erkannte. Offenbar hatte er es sogleich wieder weggesteckt. Kate fragte sich, ob dieser übertriebene Ordnungssinn nicht schon wieder mehr Arbeit verursachte, als er einsparte.

»Die IT hat dir schon alles eingerichtet?«, wollte sie wissen.

»Scheint so. Anmelden konnte ich mich auf jeden Fall, und Internet funktioniert auch.« Er starrte weiterhin konzentriert auf den Bildschirm. »Es gibt ein Buch über den Fall, wusstest du das?«

»Die ganze Wahrheit.« Kate nickte. »Von einem Journalisten, der sich in den Fall verbissen hat.«

»Er kommt aber zum gleichen Schluss wie DeGaris.« Walker sog die Unterlippe durch die Zähne ein. »Und das ist interessant, denn eigentlich dreht sich der Aufmacher des Buches nur darum, wie schlecht die Polizei ihre Arbeit gemacht hat.«

Auch eines von DeGaris’ Traumata, dachte Kate. Dieser Fall hat ihn echt fertiggemacht. »Ich weiß. Der Typ war ein Arschloch. Was er reißerisch als ›bahnbrechende Erkenntnisse seiner Arbeit‹ bezeichnet, war alles längst offiziell Grundlage der Ermittlungen.«

»Ja, er schreibt auch wie ein Arschloch«, bemerkte Walker trocken. »Ich hab mir kurz die Leseprobe angeguckt.«

»Ich hab’s mir erspart.« Kate schob den Berg Papiere von alten Fällen auf ihrem Tisch zur Seite. »Ich geb dir alle Infos zu dem Fall. Aber neben dem Hafen müssen wir dringend mit dem Umfeld Kontakt aufnehmen. Familie. Arbeitskollegen. Freunde. Wir brauchen eine umfassende Liste.« Anfangen konnten sie mit den Personen, die sie damals im Fall der vermissten Ava befragt hatten.

»Das Paar lebt zurückgezogen, seit dem Verschwinden der Tochter kann man beinahe von Isolation sprechen«, las Walker vor, was gerade auf seinem Bildschirm stand. »Die Liste wird also vermutlich recht überschaubar werden.«

»Die ganze Wahrheit? Sehr vertrauenswürdig«, sagte Kate. Er hatte dennoch nicht ganz unrecht: Die Laufarbeit damals hatte viel im Befragen von Nachbarn und Bekannten bestanden, vor allem dem befreundeten Ehepaar Baynes, Stephanies Familie und Gregs Partnern im Tennisclub. Die Liste war dennoch überschaubar. Aber besser eine kurze als keine Liste, dachte Kate.

»Zumindest weiß ich nun, dass Ava adoptiert war«, sagte Walker mit einem Blick, den Kate nicht ganz deuten konnte. Sollte das ein Vorwurf sein?

»Spielt das eine Rolle?«, fragte sie zurück und hörte selbst, dass ihr Ton leicht aggressiv war.

»Wenn es um DNS-Proben geht, ist das eine relevante Information«, sagte er und bedachte sie mit einem langen Blick.

In diesem Augenblick klingelte sein Telefon, und Kate atmete unmerklich auf. Offenbar die Personalabteilung, denn er gab seine Daten durch.

Sie musste sich zusammenreißen, DeGaris hatte klargestellt, dass Walker und sie gemeinsam am Fall arbeiten würden, damit war die Sache fürs Erste erledigt. Ein Kleinkrieg war unprofessionell, und wenn Kate etwas nicht war, dann unprofessionell.

Nachdem Walker nach wenigen Sätzen den Telefonhörer wieder aufgelegt hatte, rief er auf seinem Bildschirm das Aktensystem auf. So akribisch, wie Kate ihn kennengelernt hatte, würde er die Akte zum alten Fall im Laufe der nächsten Tage – oder sogar Stunden – komplett durchgehen, anstatt sich auf das zu verlassen, was er von ihr erfahren konnte.

Sie ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und nahm ihre eigenen Aufgaben in Angriff.

Zunächst wählte sie die Nummer des Hafenbüros und sprach noch einmal mit Mel. Akribisch notierte sie sich die abgefragten Informationen: Die Aventura war registriert worden, als sie am Samstagnachmittag um 16:30 Uhr den Hafen verlassen hatte. Vor zwei Tagen, dachte Kate.

»Und es war definitiv das Ehepaar Hamon selbst?«, hakte sie nach, um auszuschließen, dass Stephanie Hamon die Yacht für jemand anderen gemietet hatte.

»Sie haben ihre Ausweise vorgelegt. Soll ich dir die Kopie schicken?«

Kate bedankte sich für die Hilfsbereitschaft und gab Mel ihre E-Mail-Adresse. Es dauerte keine zwei Minuten, da meldete ihr Posteingang eine neue Nachricht, und Kate konnte überprüfen, dass kein Irrtum vorlag.

Kate rief noch einmal Captain Mahy an. Seinen Angaben entnahm sie, dass der Törn offenbar recht kurzfristig geplant gewesen war – Stephanie Hamon hatte das Boot am letzten Mittwoch gemietet und das Geld sofort überwiesen. »Bis wann hatte sie das Boot denn gemietet?«, fragte Kate.

Peter räusperte sich. »Eigentlich bis Sonntag.«

Kate merkte auf. »Und da ist Ihnen gestern gar nicht aufgefallen, dass das Boot fehlt?«

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete. »Ein ganz dummer Zufall«, gab er schließlich kleinlaut zu. »Ich bin erst gestern Abend von einem Törn zurückgekehrt, und meine Mitarbeiterin, die die Rückgabe der Yacht überprüfen sollte, ist krank geworden, was ich aber erst heute früh erfahren habe. Ich wollte gerade los, um selbst nachzuschauen, da haben Sie angerufen. Ich habe es dann trotzdem unter der von Stephanie Hamon angegebenen Nummer versucht, sie aber nicht erreicht.«

»Verstehe.« Die Hamons waren also mindestens seit fünfzehn Stunden vermisst. Kate klickte den Kugelschreiber, dessen Mine nicht wieder zurückfahren wollte, auf ihren Notizblock. »Wissen Sie, wo sie hinsegeln wollten?«

»Ein Trip um die Inseln. Sie hat von Papageientauchern geredet, deshalb bin ich von der Richtung Alderney ausgegangen.«

Ein klassisches Ausflugsziel also