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In einem Survivalcamp am Rande der Schwäbischen Alb treffen unterschiedliche Menschen aufeinander, darunter ein trauernder Witwer, ein skeptischer Oberarzt und drei Influencerinnen. Unter der Leitung des ehemaligen Soldaten Toni Fassbinder sollen sie lernen, im Wald zu überleben. Doch als eine der Teilnehmerinnen ermordet aufgefunden wird, wird das Abenteuer zum Albtraum. Für Kommissar Sepp Dreithaler sind alle Teilnehmenden verdächtigt - auch Fassbinder. Wer hatte ein Motiv? Was geschah wirklich im Wald?
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Claire Edwards
Kampf gegen die Alb
Kriminalroman
Überleben im Lonetal Anfang Oktober startet ein Survivalcamp am Rande der Schwäbischen Alb. Der erfahrene Scout Toni Fassbinder möchte die Teilnehmenden für ein Leben in der freien Wildnis wappnen. Nahrungsmittel und Wasservorräte sowie Feuerholz müssen im Team beschafft werden. Neben einer Familie aus Günzburg sind unter anderem drei Augsburgerinnen und ein Nördlinger dabei. Die Stimmung unter den Teilnehmenden ist anfangs gelöst, doch nach nur einer Nacht im Freien steigen die ersten aus. Mit jedem Tag im Camp werden die Bedingungen härter und die Stimmung droht zu kippen. Am letzten Tag verschwindet eine Teilnehmerin – und wird kurze Zeit später tot in einem Bachlauf aufgefunden. Kommissar Sepp Dreithaler übernimmt die Ermittlungen. Für ihn steht fest: Alle Teilnehmenden sind verdächtig, auch die, die bereits vorzeitig aus dem Camp ausgeschieden sind. Und auch Fassbinder steht als Scout im Zentrum der Ermittlungen.
Claire Edwards wurde 1989 geboren. Die dreifache Mutter ist verheiratet und lebt in Nordschwaben. Sie lernte in einem kaufmännischen Betrieb in Günzburg, arbeitete im Gesundheitswesen und war als Animateurin auf der Insel Kreta tätig. Seit frühester Kindheit denkt sie sich die unterschiedlichsten Geschichten aus und bringt diese zu Papier. Ihr britisches Pseudonym, das sie ursprünglich für Romane mit internationalem Setting wählte, ist inzwischen fester Bestandteil ihrer schriftstellerischen Arbeit. »Kampf gegen die Alb« ist ihr erster Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Franzfotohttps://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fohlenhaus_im_Lonetal.jpg
ISBN 978-3-7349-3392-9
Für Tom. Möge jeder Traum verwirklicht werden.
Die Stille an diesem Vormittag im Oktober war friedlich und angenehm, wie Josef fand. Nur das leise Rascheln der Blätter und das stetige Rauschen eines Bachs durchbrachen die Ruhe. Er war allein unterwegs, genoss die klare, frische Luft, die seine Lunge mit Leben füllte. Sein Weg führte ihn tiefer in den Wald, fernab der üblichen Pfade. Die Bäume standen dicht beieinander, ihre Kronen filterten das Licht, sodass der Waldboden in ein sanftes Halbdunkel getaucht war. Ab und zu wehte ein leichter Wind durch das Geäst und brachte den herrlichen Duft von Moos und Holz mit sich.
Nach einer Weile bekam Josef Durst. Seine Flaschen waren bereits leer, doch er wusste sich zu helfen, selbst wenn das bedeutete, seine Prinzipien über Bord zu werfen. Am Bach konnte er seine Flaschen auffüllen, wenngleich er an diesem Tag seinen Wasserfilter vergessen hatte, der eigentlich unverzichtbar war. Aber dieses eine Mal … es würde schon nichts passieren, hoffte er. Josef folgte einem schmalen Trampelpfad hinunter zum Ufer. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht, das durch die Baumkronen fiel, und doch zweifelte er, der Idylle Vertrauen schenken zu können. Soll ich es wirklich riskieren? Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte? Aber der Durst war stärker als die innere Stimme, die ihn eindringlich warnte. Er kniete sich hin, tauchte die Flasche ins Wasser und füllte sie bis zum Rand. Dann nahm er einen kräftigen Schluck. Es war eiskalt, aber erfrischend. Wird schon gut gehen, dachte er. Als er den Kopf hob, entdeckte er jedoch etwas Seltsames. Am Ufer des Bachs, halb verborgen unter Ästen und Laub, lag ein dunkles, unförmiges Etwas im Wasser. Stirnrunzelnd trat er näher, neugierig, was es sein könnte. Vielleicht nur Treibgut, dachte er, oder aber ein Tier, das im Wasser verendet war. Ihm wurde übel bei dem Gedanken, soeben aus diesem Wasser getrunken zu haben. Doch als er die Äste beiseiteschob, erstarrte er. Unter der Oberfläche, fahl und bleich, zeichnete sich ein menschliches Gesicht ab. Die Augen weit aufgerissen, der Brustkorb blutüberströmt. Der Wanderer stolperte zurück, das Herz schlug ihm bis zum Hals, er musste würgen. Das Wasser, das er gerade noch getrunken hatte, bekam in seinem Mund einen scheußlichen Nachgeschmack. Der Gedanke, verseuchtes Wasser getrunken zu haben, drehte ihm den Magen um. Leichenwasser! Sein Atem ging schwer, die frische Luft schien plötzlich stickig. Das Herz raste. Wie angewurzelt stand er da, unfähig zu handeln. Was, wenn der Mörder noch in der Nähe war? Ob eine zweite Person daran beteiligt war? So sah nur jemand aus, der kaltblütig umgebracht worden war, da war er sich sicher. Panik stieg in ihm auf, als er das Handy aus der Tasche zog.
»Notruf, Polizei?«, meldete sich jemand auf der Leitstelle, während er angestrengt versuchte, sich zu sammeln.
»Ich … ich bin im Wald … Richtung Ederheim … ich habe … eine weibliche Leiche gefunden.«
Sein Blick wanderte zurück zum Bach. Die Frau starrte ihn aus toten Augen an. Sie lag noch nicht sehr lange dort. Das Blut war frisch. Der Wald, eben noch ein Ort der Ruhe, hatte sich binnen Sekunden in einen Albtraum verwandelt.
Fassbinder
Es nieselte seit Stunden, als die letzten beiden Teilnehmer des Survival-Camps am abgelegenen Treffpunkt im Lonetal eintrafen. Toni Fassbinder beobachtete, wie sie sich breit grinsend zur Gruppe gesellten. Er wusste, dass sie wie alle anderen Gäste zuvor mit dem Bus von Ulm nach Lindenau gefahren waren und dann den Wanderpfad genommen hatten, der sie etwa dreißig Minuten später zum Herzen des Survival-Camps führen würde – denn es war der einzige Weg zur Lichtung im dicht bewachsenen Wald. Genau so, wie er es für sie geplant hatte. Eingefasst von Birken, Nadelbäumen und einem Bachlauf, erwartete er seine Schützlinge in einem Lager mit provisorischen Unterkünften aus Zweigen und Blättern, bedeckt mit Tarps, die als Dächer fungierten und Nässeschutz boten. Toni Fassbinder, der Inhaber des Camps und Guide des bevorstehenden Abenteuers, begrüßte Kjetil und Malte mit einem Handschlag und zeigte auf einen am Boden liegenden Baumstamm, der als Sitzgelegenheit diente. Die beiden Männer tauschten einen Blick aus, legten ihr Gepäck ab und nahmen mit aufgehellten Mienen auf dem Stamm Platz, der mit drei weiteren Stämmen und zwei Baumstümpfen eine Art Sitzkreis bildete. In der Mitte war eine mit Steinen abgegrenzte, von Ruß geschwärzte Feuerstelle zu sehen, die laut Fassbinder bei Nacht brennen sollte, um Wärme, Licht und Sicherheit zu geben. Die spärlichen Unterkünfte waren einige Schritte von der Feuerstätte entfernt, ringsum am Rande der Lichtung aufgebaut, im Schutz hoher Baumkronen.
»Willkommen im Camp 36. Um eine Frage vorwegzunehmen – warum 36? Ganz einfach, der 3.6. ist mein Geburtstag, und da habe ich einfach die Zahlen übernommen.« Fassbinder, der für jeden gut sichtbar neben der Feuerstelle stand, vernahm zufrieden das Schmunzeln seiner Schüler. Seine wetterfeste Tarnkleidung verschmolz mit der Umgebung, und schwarze Boots hielten seine Füße warm und trocken. Die olivgrüne Strickmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen; lediglich die Ohren spitzelten heraus. Mit seinem grau melierten Dreitagebart und den bernsteinfarbenen Augen war er eine markante Erscheinung, und das war ihm bewusst: In den Augen anderer musste er ein Baum von einem Kerl sein. Braunes Haar, groß, muskulös, mit starken Armen und zwei soliden Händen, deren handwerkliches Geschick sich nicht leugnen ließ. Man musste sich nur einmal umsehen. Die Stämme und Stümpfe waren gewiss nicht von alleine in die Mitte des Camps gelaufen, um dort einen Kreis zu bilden, und auch die Shelter erbauten sich nicht von Geisterhand. Seine Handflächen waren von Rissen und Schrunden übersät, und der Dreck unter seinen Fingernägeln deutete darauf hin, dass er unermüdlich schuftete. Fassbinder kramte eine Anwesenheitsliste aus der Jackentasche und bat seine Gäste mit kräftiger Stimme, die Hand zu heben, sobald ihr Name fiel.
»So, dann wollen wir mal schauen, ob auch alle da sind. Familie von Schwalbenstein?«
Eine vierköpfige Familie, bestehend aus Mutter, Vater und zwei Jungen im Teenageralter, hob gleichzeitig die Hände. Fassbinder nickte und setzte mit Rotstift einen Haken hinter ihre Vornamen Heinrich, Erika, Justus und Samuel. »Juliette Dupont?«, las er laut vor. »Ich hoffe, ich habe es richtig ausgesprochen«, warf er lächelnd hinterher.
Etwas verhalten und mürrisch dreinblickend hob eine junge Frau mit braunem Bob und grauer Regenjacke die zierliche Hand. Sie kauerte auf einem Baumstumpf und würdigte Fassbinder keines Blickes. Der Guide ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, grinste und sprang rasch zum nächsten Gast auf der Liste über. »Manni … Brenner?«
»Anwesend!«, gab ein schmächtiger Mann auf einem Baumstamm sitzend zurück. Er trug eine stechend grüne Jacke, die keinerlei Tarnung versprach.
»Perfekt. Mit deiner ›unauffälligen‹ Jacke gehst du sicher nicht verloren.«
Die Gruppe lachte. Na also, dachte er. Das Eis ist gebrochen. »Als Nächstes hätten wir: Melissa Stanzl, Lea Risch und … Caroline Müller.« Drei gut aussehende junge Frauen hoben kichernd die Hände.
»Wir sind am Start!«, ertönte es im Chor. Fassbinder setzte drei Haken hinter ihre Namen.
»Und last, but not least – Kjetil und Malte. Wie wunderbar – zwei Nordlichter!« Er nickte den beiden zu, die johlend ihre Hände in die Luft warfen. »Einwandfrei. Es sind alle anwesend! Wie ihr sicher schon bemerkt habt, ist der Wald kein Luxushotel – im Gegenteil. Die nächsten vierzehn Tage werden hart, aber ihr seid härter. Und falls noch nicht geschehen – verabschiedet euch nun von eurem gewohnten Komfort. Es gibt ein paar klare Regeln, und eine davon lautet: kein heimliches Essen im Camp. Das wäre zwar verständlich, aber hätte mit Survival nichts mehr zu tun.«
Ein plötzliches Rascheln im Unterholz ließ die Gruppe innehalten, und die Gespräche, die sie untereinander führten, verstummen. Toni Fassbinder hob die Hand, um zur Ruhe zu mahnen, und lauschte aufmerksam den Geräuschen des Waldes. »Ja, auch in einer scheinbar harmlosen Umgebung wie dieser gibt es Herausforderungen, die wir nicht unterschätzen dürfen«, sagte er mit ernster Stimme. »Die Natur ist unberechenbar, und jede Unachtsamkeit kann hier draußen Konsequenzen haben.« Heinrich von Schwalbenstein verzog skeptisch das Gesicht, als Fassbinder über die Unberechenbarkeit der Natur sprach. Er bemerkte es sofort. Wahrscheinlich einer von diesen Typen, die glauben, ein Camp wie dieses sei bloß eine überteuerte Freizeitbeschäftigung. Doch er ließ sich nicht beirren. Wenn Heinrich dachte, er wüsste es besser, würde er hier draußen schon bald das Gegenteil erleben. »Wer hier besteht, wird stärker zurückkehren. Aber wer sich nicht anpasst, wird die Wildnis in ihrer ganzen Härte erleben – so läuft das nun mal.« Ein Raunen ging durch die Runde, als er sich im Schneidersitz auf den feuchten Waldboden setzte und spitzbübisch auflachte. Die überraschten Gesichter seiner Gäste, die ihn mit großen Augen und offenen Mündern ansahen, entgingen ihm keineswegs. »Ich trage wetterfeste Kleidung, und ich hoffe, ihr tut das auch. Kontakt mit Matsch und Dreck lässt sich hier nicht vermeiden. Trocken bleiben ist in der Natur das A und O. Wer nass wird und es bleibt, wird schneller krank, als ihm lieb ist. Jeder von euch hat Ersatzkleidung und Wechselschuhe dabei, zumindest wenn er die Packliste befolgt hat. Wenn ihr eure Kleidung und Schuhe wechselt, stellt bitte sicher, die nassen oder feucht gewordenen Sachen zügig zu trocknen, bestenfalls am Feuer. Dass das nicht immer gelingen wird, werdet ihr am eigenen Leib erfahren. Dann heißt es durchhalten und kreativ werden. Na schön, weiter im Text … Die Natur gibt uns bekanntlich alles, was wir brauchen. Wasser, Nahrung, Material. Zu Beginn möchte ich euch etwas ans Herz legen. Survival ist en vogue – aber kein Spaziergang. Absolut nicht! Ihr habt hier keinen Strandurlaub all inclusive gebucht, im Gegenteil. Ihr werdet hart arbeiten müssen … für Feuer, Nahrung, Trinkwasser. Selbst eure Unterkünfte müsst ihr unter Umständen erweitern oder reparieren, falls es das Wetter erfordert. Ihr dürft weder Geräusche noch kreuchendes Getier fürchten. Wir werden lernen, wie ihr eine Karte lest und diese anwendet. Und: Es gibt keine Toilette, aber einen Spaten.« Einige in der Gruppe verzogen das Gesicht, ächzten, und Fassbinder verkniff sich ein Lachen. »Kleiner Scherz. Sogenanntes Wildscheißen wird bei uns nämlich nicht gerne gesehen. Es gibt eine Komposttoilette, die ich euch später zeige. So … wir befinden uns hier im sogenannten Gemeinschaftsbereich.«
»Ich dachte, wir sind im Camp, um Überlebenstechniken zu lernen. Nicht, um uns eventuell eine Lungenentzündung zu holen … In diesen primitiven Bauten ist das Krankwerden doch schon vorprogrammiert. Ich wusste, dass sie rustikal sind, ja …«, fiel Heinrich von Schwalbenstein Fassbinder ins Wort. Er räusperte sich und zeigte mit hängenden Mundwinkeln auf die Schlafgelegenheiten.
»Sind Sie aus der Gegend? Ich meine, das herausgehört zu haben. Dialekt und so …«, gab Melissa, eine gertenschlanke Blondine, unverblümt an von Schwalbenstein zurück.
»Das bin ich, zumindest ursprünglich …«, haspelte er, und Fassbinder fragte sich, ob die junge Frau oder aber die diesige Luft dessen Wangen auffällig röteten.
»Um zur Frage zurückzukehren: Ich bin keineswegs daran interessiert, dass einer meiner Teilnehmer krank wird, Ehrensache. Eure Isomatten, Schlafsäcke und das Feuer halten euch warm und bestenfalls auch trocken. Die Böden der Shelter sind mit weichem Moos und Blattwerk ausgelegt, um die Feuchtigkeit von euren Körpern fernzuhalten. Gegebenenfalls müsst ihr nachjustieren. Dennoch ist jeder nach der Einführung durch mich, euren Guide, für sich selbst verantwortlich. Es gilt jederzeit: Wendet euch mit Fragen oder Problemen stets an mich.« Von Schwalbenstein, ein hagerer Mann Anfang sechzig, nickte halbherzig, was wohl einem »In Ordnung« gleichkam, wie Fassbinder annahm. »In den nächsten vierzehn Tagen bin ich euer Ansprechpartner. Für all diejenigen, die es noch nicht wissen: Mein Name ist Toni Fassbinder, ich bin einundvierzig Jahre alt, waschechter Bayer und ehemaliger Soldat. Ich betreibe das Camp seit mehreren Jahren und kann nicht behaupten, damit erfolglos zu sein.«
»Warum ehemaliger Soldat?«, wollte dieselbe quirlige Blondine wissen, die zuvor schon von Schwalbenstein angequatscht hatte.
»Nun … ich fürchte, weil ich inzwischen ein Camp betreibe«, antwortete Fassbinder augenzwinkernd. »Bevor ich euch den weiteren Ablauf erkläre, möchte ich noch etwas anmerken. Ich freue mich wahnsinnig, dass ihr dabei seid. Das Camp 36 findet fünfmal pro Jahr statt, von Mai bis Oktober ist hier Halligalli, und es macht mir Spaß, Gruppen wie eure das Überleben in der Wildnis zu vermitteln. Die Gegend ist freilich kein lebensfeindlicher Ort wie die Arktis, ein verworrener Dschungel oder gar eine karge Wüste. Nichtsdestotrotz möchte ich euch nahelegen, dass es hier draußen keineswegs ungefährlich ist. Es gibt vielleicht keine wilden Tiere, die ihr fürchten müsst, dennoch herrscht vor allem nachts ein raues Klima, das ihr niemals, wirklich niemals unterschätzen dürft. Wir haben immerhin schon Oktober! Regen und Nebel sind somit allgegenwärtig. Es gibt Felsspalten, spitze Steine und steile Hänge. Seid also wachsam und passt auf, wo ihr hintretet!«
»Wir kamen spontan hierher, weil Malte unbedingt etwas Verrücktes machen wollte, bevor es für uns an die Atlantikküste geht …«, fiel Kjetil aufgeregt ins Wort und zog seine Mütze zurecht. »Wir konnten also gar nicht so packen, wie es in der E-Mail stand.«
»Keine Bange«, antwortete Fassbinder und strich sich durch den Bart. »Sollte euch wirklich etwas fehlen, kann ich das besorgen. Wir sind ja nicht im Knast. Soweit ich weiß, macht ihr einen Roadtrip durch Frankreich, stimmts? Gewiss tragt ihr schon die nötigsten Sachen bei euch.« Der Angesprochene nickte unentschlossen. Fassbinder stand wieder auf, klopfte Jacke und Hose ab und richtete seine Worte erneut an die Gruppe, die ihm gebannt an den Lippen hing. »Wir gehen euer Gepäck entspannt miteinander durch. Keiner von euch muss befürchten, dass er in den nächsten vierzehn Tagen im Camp erfriert. Wenn wir gut zusammenarbeiten und sich jeder verantwortungsbewusst verhält, gibt es sowieso keine schwerwiegenden Komplikationen. Der Spaß soll im Vordergrund stehen. Ihr werdet euch damit anfreunden müssen, in Teams zu arbeiten.« Die Teilnehmer blickten sich verdutzt an; einige flüsterten angeregt, andere tauschten besorgte Blicke aus. Diese Reaktionen kannte Fassbinder bereits von vorangegangenen Camp-Teilnehmern, weshalb sie ihn nicht weiter beunruhigten. Nicht jeder hatte Lust, sich einzubringen, doch in der Wildnis war dies unumgänglich und in dem Camp, das er leitete, sowieso. Ja, es war (s)ein Grundsatz! »Die meisten von euch sind mit mindestens einer Begleitperson hier, nur zwei kamen meines Wissens ohne.« Er visierte die brünette Frau mit der grauen Jacke und den Mann in Leuchtgrün, die sich flüchtige Blicke zuwarfen. »Funfact: Wir sind in einem kleinen Camp auf der Schwäbischen Alb zugange, aber wir haben auch zwei Jungs aus dem hohen Norden und sogar eine Französin hier. Schauen wir doch noch mal nach …« Er spickte erneut auf die von Feuchtigkeit durchweichte Liste. »In der Tat. Juliette ist aus Ulm, aber gebürtig aus Colmar. Habe die Ehre, Mademoiselle!« Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, den er unsicher weglächelte. Die veraltete Anrede sollte er wohl besser nicht mehr benutzen. »Okay, nun … normalerweise handhabe ich es so, dass sich jeder Teilnehmer der Gruppe kurz vorstellt und erzählt, warum er hier dabei ist. Es wäre also schön, wenn wir ebendies jetzt machen. Anschließend sprechen wir über unser Territorium und den groben Plan für die nächsten vierzehn Tage. Tja, und dann geht es auch schon ans Feuerholzsammeln … und nochmals: Bei Fragen könnt ihr euch jederzeit an mich wenden. Na schön – wollt ihr drei anfangen?« Fassbinder blinzelte in die Richtung der jungen Mädchen, die kichernd auf dem Baumstamm saßen, die Köpfe zusammensteckten und Blicke austauschten, ehe sie erneut losgackerten.
»Wir?« Die Blondine namens Melissa lachte auf und zurrte ihre pinkfarbene Kapuze fest.
»Okay, warum nicht? Wir sind Melissa, Lea und Caro und in Deutschland nicht gerade unbekannt. Wir kommen ursprünglich aus Augsburg und reisen am liebsten zu den angesagtesten Spots quer durch Deutschland. Ich bin einundzwanzig, Lea ist vierundzwanzig und Caro ist … ähm … wie alt bist du gleich noch mal?«
»Ich bin vierundzwanzig, du blöde Kuh!«, giftete Caro energisch zurück.
»Und warum seid ihr hier?«, fragte Justus von Schwalbenstein, ein sportlicher, junger Kerl, der schräg gegenüber auf einem Baumstumpf saß und die Mädchen skeptisch musterte.
»Hat sie doch eben gesagt.« Fassbinder grinste schief. »Sie reisen gerne zu den angesagtesten Spots Deutschlands. Et voilà.« Ein Juchzen machte die Runde.
»Das auch, aber … na ja … die Wahrheit ist zugegebenermaßen etwas … profaner. Wir haben eine Wette verloren«, antwortete Lea mit roten Wangen. »Wir sind nämlich Influencerinnen mit über one M Followern auf Instagram und … also, da war so ein bescheuertes Battle im Netz. Jedenfalls sind wir jetzt im Camp und ziehen das durch.« Melissa prustete los, und Frau von Schwalbenstein kratzte sich peinlich berührt am Kopf.
»Nehmt ihr das überhaupt ernst?«, wollte Juliette Dupont wissen und warf den Mädchen einen vernichtenden Blick zu.
Melissa hob eine Augenbraue. »Aber ja! Sie etwa nicht?«
Juliette schwieg. Stattdessen stützte sie ihre Ellen auf beiden Oberschenkeln ab und blickte schmallippig zu Samuel, der laut spottete: »Ihr seid nur gekommen, weil ihr eine Wette verloren habt? Das ist aber mutig von euch. Hoffentlich überschätzt ihr euch nicht.«
»Pass mal auf, Bubi …«, gab Caro frostig zurück und ballte ihre Hände zu Fäusten. Doch bevor die Situation eskalierte, unterband Fassbinder mit einer ruhigen Geste die aufkommende Aggression. Sie fing seinen Blick ein, rümpfte die Nase und warf ihr schwarzes, schulterlanges Haar zurück.
»Samuel«, entgegnete Frau von Schwalbenstein zeitgleich, die ihren Sprössling sanft in die Seite boxte. »Werde bitte nicht unhöflich, ja?« Sie hatte kurzes, rotes Haar und ein paar Kilo zu viel auf den Rippen.
»Er hat aber recht«, gab Fassbinder mit rauer Stimme zurück und zog die Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Das hier ist kein Spiel. Survival bedeutet zwar auch Spaß, aber eben nicht ausschließlich. Ihr werdet an eure Grenzen stoßen, immer und immer wieder, vor allem dann, wenn ihr den Trip ernst nehmt. Und Letzteres müsst ihr unbedingt, sofern ihr in der Wildnis überleben wollt.« Die Mädchen senkten ihre Köpfe. »Okay.« Fassbinder seufzte. »Dann weiter. Was ist mit dir? Warum bist du im Camp 36?« Er fixierte die allein reisende Juliette, die seinen Blick nur kurz erwiderte. Mit ihrem eleganten Bob und den dunklen Rehaugen war sie ausgesprochen hübsch, was ihn nicht unberührt ließ.
»Ich bin hier, weil es ein Geschenk meiner Schwester war«, erwiderte sie knapp. Fassbinder beobachtete, wie sich ihre Finger tief in die Oberschenkel krallten. Autsch! Das musste doch wehtun …
»Und? War es ein gutes Geschenk?«
»Nein.« Sie hob den Kopf, ihre Blicke trafen sich ein weiteres Mal, und Fassbinder vermutete, dass so viel mehr in Juliette steckte, als sie selbst ahnte.
»Wie ich gelesen habe, bist du Polizistin?«, fragte er weiter und schenkte ihr sein wärmstes Lächeln. »Vielleicht erzählst du uns ein bisschen von dir und deinem Alltag im Präsidium? Dein Job klingt in der Tat spannend …« Alle Augenpaare hefteten sich auf die schmale Französin und scannten ihre zarten Gesichtszüge.
Juliette schluckte und wich den aufdringlichen Blicken aus. Ihr war anzusehen, wie unwohl sie sich fühlte, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen. »Ich wusste nicht, dass diese Vorstellungsrunde einem Verhör gleicht«, entgegnete sie harsch, ließ von ihren Oberschenkeln ab und überschlug dann die grazilen Beine, welche trotz der weiten Hose rank und schlank wirkten.
»Nein, nein … es ist natürlich kein Verhör. Wir wollen uns nur besser kennenlernen. Es ist doch schöner zu wissen, mit wem man es in den nächsten Tagen zu tun hat, oder?«
»Das ist wohl jedem selbst überlassen, Herr Fassbinder!« Sie bedachte ihn mit einem bösen Blick.
Er spürte, wie seine Stirn unter der Mütze zu schwitzen begann. Fassbinder war ein gestandenes Mannsbild. Wie war es bloß möglich, dass ihn Juliette so nervös machte? »Entschuldige bitte. Ich dachte nur, du könntest Starthilfe gebrauchen, um …«
»Um was?«
»Um ein bisschen aus dir herauszukommen. Du wirkst schüchtern, darfst hier jedoch sein, wer auch immer du wirklich bist. Das ist ja das Großartige. In der Wildnis muss keiner eine Fassade aufrechterhalten.« Fassbinder sammelte sich und richtete seine Worte an die Gruppe. »Ihr werdet sehen, wie gut es tut, fernab jeglicher Digitalisierung zu leben. Wie ihr alle wisst, gebt ihr später noch eure Handys ab. Das ist wie Urlaub für euren Geist, glaubt mir, auch wenn es ein paar Tage dauern wird, bis ihr euch daran gewöhnt habt. Ach, und Juliette – ich bitte dich, mich zu duzen. Solche Höflichkeiten sind im Camp 36 nämlich fehl am Platz.«
»Ich werde Sie weiterhin mit Ihrem Familiennamen ansprechen, Herr Fassbinder. Und ich brauche keine Hilfe, um aus mir herauszukommen. Sie sagen, jeder darf so sein, wie er ist? Dann nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass dies auch für mich gilt. Ich habe keinerlei Interesse daran, irgendetwas aus meinem Privatleben mit Fremden zu teilen. Es hat schon gereicht, dass Sie meinen Geburtsort, Colmar, öffentlich gemacht sowie meinen Beruf genannt haben.«
Stille.
»Dann spreche ich jetzt für die Gruppe und sage, wir akzeptieren diese Entscheidung«, gab er nach kurzer Überlegung zurück und ließ seinen Blick über die Campteilnehmer schweifen, die allesamt zustimmend nickten. »Wir freuen uns jederzeit, falls du deine Meinung doch noch änderst, Juliette. Vergiss eines nicht: Wir sind ab heute ein Team. Einsame Wölfe tun sich schwerer als ein Rudel.« Sie spitzte die Lippen.
»Na schön, dann machen wir mal weiter. Manni? Möchtest du von dir erzählen?«
Der schmächtige Kerl nickte. Er wirkte in sich gekehrt, war aber darum bemüht, es nicht raushängen zu lassen. »Also … ich bin hier, weil ich die Natur liebe. Jeden Stock und jeden Stein. Draußen bekomme ich meinen Kopf frei. Schon immer. Ich … ich hatte es im Leben nicht leicht. Vor einigen Monaten starb meine Frau, Anne. Nierenkrebs.« Er rang um Fassung und sah zu Melissa, die gerührt seinen Worten lauschte. »Es ging so schnell, und wir hatten keine Zeit mehr, das zu tun, was wir noch erleben wollten. Amerika erkunden, nach Kanada reisen … Ich habe mich nach ihrem Tod zu Hause eingesperrt, alles andere um mich herum ausgeblendet. Es war eine harte Zeit, aber jetzt bin ich bereit, zurückzukehren. Ich muss herausfinden, wo ich im Leben stehe. Meine Hoffnung ist, dass mir das Camp dabei hilft.«
Fassbinder presste die Lippen aufeinander. Die Art, wie Manni tapfer seine Vergangenheit reflektierte, ging ihm ans Herz. Natürlich tat es das, hatten sie doch einiges gemeinsam! »Das hast du großartig gesagt. Wir werden dich unterstützen.« Alle Teilnehmer, außer Juliette Dupont, nickten wieder.
»Danke«, flüsterte Manni, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Das weiß ich sehr zu schätzen.«
»Ich möchte euch an dieser Stelle dazu ermutigen, eure Gründe für die Teilnahme offenzulegen. Sie geben nicht nur mir ein besseres Verständnis für eure Absichten, sondern auch euren Teamkollegen.« Fassbinder schielte heimlich zu Juliette, ehe er seinen Blick auf Heinrich, Erika und die Brüder heftete, die bis auf Justus dicht zusammengedrängt auf einem Baumstamm saßen. »Und Familie von Schwalbenstein? Was genau sind eure Absichten? Habt ihr ein gewisses Ziel vor Augen? Möchtet ihr als Familie näher zusammenrücken, ein Abenteuer erleben, Spaß in der Natur haben?«
»Es waren unsere Söhne. Wir sind hier, weil Samuel und Justus den Wunsch hegten, Sie aufzusuchen, Herr Fassbinder. Eigentlich sind mein Mann und ich lieber in historischen Städten unterwegs oder in der Provence, aber einmal im Jahr fahren wir in seine Heimat … nur diesmal eben nicht in die Ferienwohnung seines Bruders, sondern in dieses Camp.«
Toni Fassbinders Lippen formten ein bitteres Lächeln. »Bitte Leute – duzt mich. Das gilt für euch alle.« Erika rieb sich die Hände und schien erleichtert zu sein, als ihr Sprössling die Kommunikation übernahm.
»Ich sehe mir oft deine YouTube-Videos an und verfolge deinen Werdegang schon seit Jahren. Ich bin überzeugt, dass du es echt draufhast. Keiner erklärt Survival-Techniken so verständlich wie du«, schwärmte er und gab ihm einen Daumen hoch.
»Dann konntest du deine Familie überzeugen, sich all das näher anzusehen? Gratuliere!«
»Anfangs waren sie eher unsicher, Samuel mal ausgenommen, obwohl der noch ein Greenhorn ist«, gab Justus zu, »aber ich habe nicht lockergelassen. Ich versuche, mir auch einen Namen als Bushcrafter zu machen. Es kann also nicht schaden, deinen Kurs zu besuchen. Und hier ist es sowieso viel besser als in der immer gleichen Ferienwohnung von Onkel Gerhard.«
»Es schadet ganz bestimmt nicht«, erwiderte Fassbinder. »Und es ist toll, dass dich deine Familie begleitet. Ihr alle werdet von diesem Kurs profitieren.«
»Ich bin nicht überzeugt von diesem Programm«, widersprach Heinrich. »Keiner von uns hier Anwesenden wird jemals in eine Situation geraten, in der uns die hier erlernten Anwendungen tatsächlich das Leben retten. Wir haben weder vor, eine Dschungelexpedition zu starten, noch tagelang durch Wälder zu streifen. Ich bin Oberarzt in einem Augenzentrum, kein Nomade. Ich bin bereit, mich einzubringen, aber ich erkenne keinen Mehrwert.«
»Ich verstehe deine Bedenken. Du könntest deinen Fokus auch anders ausrichten, Heinrich. Wenn du dich nicht mit dem Überleben nach einer Katastrophe oder einer unvorhersehbaren Survival-Situation identifizieren kannst, dann ist es für dich vielleicht interessanter, dir die nächsten vierzehn Tage vorzustellen, wie die Menschen vor Jahrtausenden in der Wildnis zurechtkamen. Nur so als Überlegung …«
Heinrich runzelte die Stirn, als er die primitiven Unterkünfte betrachtete. »Ich habe ernsthafte Bedenken, dass diese Bedingungen nicht nur unangenehm, sondern sogar gesundheitsgefährdend sind«, sagte er scharf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich tue das hier nur für meine Söhne«, merkte er nach einer kurzen Pause an und fuhr sich durch sein ergrautes Haar. »Ich bin ein neugieriger Mensch, Toni Fassbinder, aber es liegt nicht in meiner Natur, Überlebenstechniken zu erlernen. Basta!«
»Family time is quality time«, konterte Fassbinder und ließ sich nicht anmerken, dass ihn die abwertende Haltung von Heinrich wütend stimmte. Er würde sein Gesicht als wohlwollender Guide wahren, aber es war ihm unbegreiflich, dass Menschen wie Heinrich kein Interesse daran hegten, wie man da draußen überlebt, wenn alles andere wegbricht. Wusste der Arzt denn nicht, wie instabil die heile Welt doch war? Aber wer wäre Fassbinder schon gewesen, Heinrich mit Worthülsen zu überzeugen? Er ahnte, dass Heinrich am Ende des Camps eine neue Perspektive gewonnen haben würde. »Okay. Malte und Kjetil, ihr beide kommt aus dem hohen Norden, richtig? Moin!«
»Moin«, antworteten die Männer gleichzeitig, und Fassbinder war froh, dass zwei gut gelaunte Kerle am Camp teilnahmen. Ihre heitere, ausgelassene Stimmung würde gewiss für Erleichterung unter den Teilnehmern sorgen, die dieses Mal zum Teil doch sehr ungewöhnlich waren. Einige von ihnen waren nicht freiwillig hier; vielmehr handelte es sich um Gründe wie verlorene Wetten, ungewollte Geschenke und jugendlicher Ansporn. Das hatte er in der Tat noch nie so erlebt. Fassbinder schaute die beiden Hamburger umso erfreuter an, denn wenigstens Kjetil und Malte schienen aus reiner Lebenslust mitzumachen.
»Wir probieren gerne neue Sachen aus und wollen endlich mal unsere Komfortzone verlassen«, gluckste Kjetil und nahm die Hand von Malte, der mit einem strahlenden Lächeln zustimmte.
»Aaaawww, wie süß«, ertönte die Stimme von Melissa, die beim Anblick des homosexuellen Pärchens aufgeregt hin und her wippte. »Gab es schon mal Schwule im Camp?«, wollte sie wissen.
Fassbinder hob die Schultern. »Vor einigen Jahren mal.« Er wandte sich wieder den Männern zu, die verliebte Blicke austauschten. »Ehrlich, Jungs. Ich freue mich sehr, dass ihr hier mitmacht. Es ist großartig, wenn ihr euch in unbekanntes Terrain wagt, um an neuen Aufgaben zu wachsen. Und all das vor eurem Frankreich-Abenteuer. An dieser Stelle: Respekt!« Dann sprach er wieder kräftig und laut, sodass jeder ihn hören konnte. »Okay! Zuletzt möchte ich euch noch kurz von mir erzählen, bevor wir dann loslegen. Ich mache das hier schon seit vielen Jahren. Anfangs war es eher ein Experiment, weil ich herausfinden wollte, ob andere Menschen in der Natur heilen können. Die Jahre haben gezeigt, dass dem so ist. Mittlerweile ist es für mich wie ein Lebenselixier, draußen zu sein und Menschen wie euch auszubilden. Wie ihr meiner Homepage sicherlich entnommen habt, war ich Soldat, und das war nicht immer einfach. Vor allem im Ausland wurden meine Kameraden und ich extrem gefordert. So manches Mal wünschte ich mir, in einem Camp wie diesem hier stationiert zu sein, anstatt tagtäglich um das Leben meiner Kameraden und meines eigenen zu fürchten. Ich war 2006 in Afghanistan …«
Fassbinder stockte. Ohne sich selbst sehen zu können, wusste er, dass sein Gesicht kreidebleich wurde – wie immer, wenn er seine Vergangenheit erwähnte. Für einen Moment drifteten seine Gedanken ab, zurück in die sengende Hitze. Er konnte das Dröhnen der Helikopter und das entfernte Echo von Schüssen hören. Vor seinem inneren Auge sah er, wie er zusammen mit seinen Kameraden durch staubige Straßen patrouillierte, immer auf der Hut, immer bereit.
»Toni?« Kjetils Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, denen er sich einen Moment hingegeben hatte. Erinnerungen, die selbst nach all den Jahren noch schmerzten und an ihm nagten. »Alles in Ordnung?«
Fassbinder blinzelte und setzte ein erzwungenes Lächeln auf. »Na klar, alles bestens. Ich wollte nur sagen, dass diese Erfahrung euch stärker machen wird. So, dann lasst uns anfangen. Eure persönlichen Gegenstände wie Handys, Kameras und andere Unterhaltungselektronik gebt ihr bitte jetzt ab. Ihr werdet sie am Ende des Camps heil zurückbekommen. Ehrenwort!« Toni Fassbinder präsentierte eine blaue, wasserdichte Box, die zur Lagerung der Smartphones, Dashcams und Tablets diente. »Glaubt mir, ihr werdet das Zeug nicht allzu lange vermissen«, versprach er. »Dafür werdet ihr nämlich gar keine Zeit haben.«
Justus von Schwalbenstein trat als Erster vor und legte sein Handy – ohne mit der Wimper zu zucken – in die Box. Dann blies er sich lässig eine aschblonde Strähne aus dem Gesicht und lächelte zufrieden.
»Ich freue mich schon auf die Herausforderungen, Toni!«
»Lobenswert. Genau so muss das sein.«
Samuel, sein jüngerer Bruder, gab sein Handy hingegen zögernd ab und warf einen skeptischen Blick auf seinen Bruder, der vor Euphorie regelrecht brannte.
»Ich werde meine Follower vermissen«, bemerkte Melissa, die schwer daran zu knabbern hatte, sich von ihrem Handy zu trennen. Fassbinder ahnte, dass ihr ganzes Leben an diesem Teil hing. Mitten im Wald gab es sowieso keinen Empfang – es ging also hauptsächlich um das Gerät, das Trennungsschmerz verursachte.
»Das wird euch befreien, Leute«, motivierte Fassbinder. »Ab jetzt gibts echtes Leben! Herzlich willkommen in der Realität.« Manni legte sein Handy wortlos in die Box und nickte Fassbinder stumm zu, der das Nicken erwiderte.
Lea und Caro standen abseits und flüsterten angeregt, bevor sie ihre Handys widerwillig in die Box legten. Dass sie seinen Satz in »Es heißt wohl eher: herzlich willkommen in der Steinzeit« umgeändert hatten, ignorierte er.
»Das wird die Hölle«, stellte Lea fest und verschränkte die Arme.
»Kann mir gar nicht vorstellen, wie ich das überleben soll«, fügte Caro tonlos hinzu.
»Hach, ich hoffe, das wird nicht allzu anstrengend. Der Ton in diesem Camp ist grenzwertig«, murmelte Erika von Schwalbenstein, als sie ihr Handy in die Box legte und reuig dreinblickte.
»Es wird für jeden herausfordernd, aber auch lohnend sein. Und es ist essenziell, dass ihr euch untereinander respektvoll begegnet«, gab Fassbinder geduldig zurück. Juliette Dupont warf einen missmutigen Blick auf ihr Handy, bevor sie es Fassbinder in die Hand drückte. »Und was, wenn ich hier gar nicht mitmachen will?«, fragte sie spitz.
»Nun, jeder ist hier, um was zu lernen und daran zu wachsen. Wenn du Hilfe brauchst oder dich überfordert fühlst, sprich mit mir. Aber bitte gib nicht auf, bevor wir überhaupt angefangen haben.« Sie schaute ihn starr an. Obwohl er eine gute Menschenkenntnis besaß, fiel es ihm schwer, hinter ihre Fassade zu blicken. Sie war hübsch anzusehen, keine Frage, aber was in ihr vorging, blieb ihm verborgen. Warum sie ihn so beschäftigte, wusste er selbst nicht. Er schüttelte sich, um wieder zur Sache zu kommen, als er im Augenwinkel vernahm, wie sich einer seiner Teilnehmer wegduckte. Was sollte das denn werden? Heinrich von Schwalbenstein dachte offensichtlich gar nicht daran, sein MacBook in die Box zu geben, und machte einen großen Bogen um Fassbinder. »Das kommt da auf gar keinen Fall rein. Nur über meine Leiche.«
»Dafür könnte man sicher sorgen …« Fassbinder warf Lea und Caro einen scharfen Blick zu, als er ihre Lästereien aufschnappte. Die beiden hatten wohl zu allem eine ganz eigene Meinung. Sie bemerkten ihn, sahen sich kurz an und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
»Tut mir leid, Heinrich. Für uns alle gelten hier die gleichen Regeln, ausnahmslos«, bedauerte Fassbinder.
»Dieses Gerät beinhaltet mein ganzes Dasein«, verteidigte von Schwalbenstein seinen Sonderwunsch. Doch Fassbinder blieb hartnäckig. Keine Ausnahmen. Unter dem Drängen seiner beiden Jungs knickte Heinrich schließlich ein und legte das MacBook vorsichtig in die Box, jedoch nicht ohne ein wütendes Funkeln in den Augen, das dem Guide galt.
»Wehe, es geht kaputt«, drohte er und wedelte mit seinem Zeigefinger vor Fassbinders Gesicht, der keine Miene verzog, denn er kannte die teilweise übertriebenen Reaktionen seiner Schützlinge nur zu gut. Das war schließlich nicht die erste Gruppe, die Probleme hatte, sich von Social Media und Co. zu trennen. Kalter Entzug.
»Eigentlich schade. Ich wollte liebend gern unsere Erlebnisse filmen«, bedauerte Malte, als er seine Dashcam ablegte, und doch gelang es ihm, dabei freundlich zu klingen.
»Vertraut mir, ihr werdet all das in euren Köpfen behalten.«
»Das glaube ich dir aufs Wort«, sagte Kjetil, als er sein Handy abgab. Er war einer der wenigen, der anscheinend keine Probleme hatte, sich anzupassen.
»Gut, dann sind wir ja alle abgekoppelt. Somit ernenne ich das Camp 36 offiziell für eröffnet. Servus, griaßt’s eich und hallo!« Es folgten Justus’ Jubelausrufe und ein müder Applaus. »Na schön, zuerst zeige ich euch die Wasserstelle. Wasser ist nämlich das Wichtigste überhaupt. Und bitte denkt daran: Immer erst filtern, bevor ihr es trinkt.«
»Wieso? Wir sind hier nicht im Amazonasgebiet«, warf Lea ein und verdrehte die Augen.
»Korrekt. Aber auch in unserer Gegend kann fließendes Wasser ungenießbar sein. Es reicht schon ein Tierkadaver im Bachlauf«, erklärte Justus.
Fassbinder nickte zufrieden. Offenbar hatte da jemand aufmerksam seine Videos studiert. Als Nächstes hob er ein einfaches Filterset in die Höhe. »Das hier ist euer Werkzeug für sauberes Wasser. Jeder von euch bekommt einen dieser Filter. Ihr sammelt Wasser aus dem Bach oder einer Pfütze, füllt es in den Behälter, setzt den Filter ein und pumpt, bis das Wasser durch den Schlauch kommt. Klingt simpel, ist es auch. Dieses Hilfsmittel hat ein Im-Nirgendwo-Gestrandeter, ein Flugzeugabsturz-Überlebender oder ein Im-Wald-Verirrter natürlich nicht bei sich … seht es deshalb als das, was es ist – Luxus.«
»Ein Flugzeugabsturz-Überlebender? Wie lächerlich! Sie sollten sich mal reden hören«, hörte Fassbinder von Schwalbenstein spotten.
»Es gibt natürlich auch andere Möglichkeiten, Wasser zu filtern«, fuhr er unbeirrt fort, »beispielsweise mit Chlortabletten.«
»Und was, wenn der Filter kaputtgeht? Oder wir nicht genug Wasser finden?«, wollte Caro wissen.
»Das hier ist nicht Afrika, dumme Tussi … dort drüben fließt ein Bach«, nuschelte Justus so leise, dass es nur Fassbinder hören konnte, der direkt neben ihm stand und sich ein Grinsen verkniff.
»Wäre es so, müsstet ihr eben improvisieren«, antwortete Fassbinder. »Das werdet ihr hier lernen. Die Natur ist unberechenbar, und ihr müsst die Lösungen finden. Mit meiner Hilfe.« Ein leises Murmeln ging durch die Gruppe, als er mit kräftiger Stimme erklärte, dass jeder seinen Wasservorrat selbst aufstocken müsse. Die anfängliche Begeisterung wich, als die Gruppe die tatsächliche Herausforderung erkannte, aber das war nichts, was ihn verwunderte. Er hatte schließlich nicht erwartet, dass sie vor Begeisterung in die Luft springen würden.
»Ich bin Arzt, kein Pfadfinder.«
»Es geht darum, sich anzupassen, Papa«, entgegnete Justus genervt.
Juliette betrachtete den Wald skeptisch. Ihre Haltung zeigte deutlich, dass sie hier war, weil es ihre Schwester wünschte, und nicht, weil sie es wollte.
Lea schnaufte. »Die meisten von uns haben keine Ahnung von dem ganzen Kram! Wie sollen wir das überhaupt schaffen?!«
»Wir sind doch nicht beim Militär«, maulte Caro. »Ein bisschen mehr Hilfe wäre echt nicht schlecht.«
Fassbinder rang sich ein gequältes Lächeln ab. Solch eine Meckergruppe hatte er in der Tat noch nie gehabt – und das nach nicht einmal einer Stunde.
»Wie wir bereits wissen: Es wird nicht einfach, aber das ist der Punkt. Nur wer an seine Grenzen geht, wächst daran.«
Doch Heinrich blieb unbeeindruckt. »Grenzen testen, schön und gut. Aber ich bin nicht hier, um krank zu werden oder mich zu verletzen. Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. Basta!« Die Anspannung in der Gruppe stieg, und das erste Misstrauen flackerte in ihren Augen.
Fassbinder nahm einen tiefen Atemzug und ließ seinen Blick über das Team, das noch gar keines war, schweifen, spürte die wachsende Unzufriedenheit und ahnte, dass es Zeit war, die Truppe endlich ein bisschen auf Trab zu bringen. Vielleicht sollte er sie einfach ins kalte Wasser werfen? Warum auch nicht? Das hier war schließlich kein Waldkindergarten. Möglicherweise würden sie dann verstehen, wie wichtig es war, auf ihren Leader – nämlich auf ihn – zu hören. Er krempelte die Ärmel seiner Windjacke hoch. »Gut, Leute, genug geredet. Ab jetzt wird gearbeitet. Jeder von euch bekommt eine Aufgabe. Das Camp können wir auch später erkunden.« Ungläubige Augen starrten ihn an, während er auf verschiedene Bereiche deutete. »Justus und Samuel, ihr kümmert euch gleich mal ums Feuerholz, es muss trocken sein! Manni und Juliette, ihr sucht Zunder. Der Rest von euch geht auf Nahrungssuche. Hardfact: Wir haben hier keine Fünf-Sterne-Küche, also haltet besser eure Äuglein offen. Und los!«
Justus nickte entschlossen und zog seinen jüngeren Bruder mit sich. »Das kriegen wir hin, Bro«, rief er aus. Samuel folgte ihm widerstandslos.
Juliette, die sich abseits hielt, rümpfte die Nase. »Zunder? Echt jetzt? Wir haben noch nicht mal das Camp erkundet und sollen sofort alles heranschaffen!?«
»Was hast du dir vorgestellt, Madame? Wir sind hier nicht im Clubhotel, sondern im Überlebenskurs.« Er wusste, dass seine Reaktion nicht gerade nett war, aber mit Wattebäuschchenwerfen kam er hier nicht weiter. Juliette war in seinen Augen eine Miesepeterin, wenn auch eine hübsche. Ob sich ihre Ansichten in den nächsten Tagen ändern würden? Das hoffte er zumindest. Fassbinder behielt sie ihm Auge, so viel war sicher. Doch er konnte sich nicht nur auf sie konzentrieren. Umgeben von Greenhorns, die bis auf Justus gerade erst am Anfang standen, wartete genug Arbeit auf ihn. Er musste dieser Gruppe die Survival-Grundkenntnisse beibringen. Dass Juliette ihn keines Blickes mehr würdigte, nahm er schweigend hin.
