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Ein traumhaftes Cottage und ein Neuanfang mit Herzklopfen
Der gefühlvolle Cornwall-Liebesroman an der malerischen Küste Englands
Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Ashley ein idyllisches Cottage in Cornwall – doch der Preis für das Erbe ist hoch. Sie muss ein Jahr darin leben. Entschlossen, ihrer kriselnden Beziehung mit Jack eine Pause zu gönnen, reist Ashley allein nach England. Im kleinen Dorf Zennor angekommen, begegnet sie dem charmanten Fischer Charlie, der nicht nur den verwilderten Garten des Cottages neugestaltet, sondern auch ihre Gefühlswelt ins Wanken bringt. Als dann auch noch sowohl Charlies Exfreundin als auch Jack auftauchen, ist das Liebeschaos perfekt. Wofür wird sich Ashleys Herz entscheiden? Wird sie den Weg in ein neues Leben wagen?
Erste Leser:innenstimmen
„Die Atmosphäre des idyllischen englischen Cottages wurde so lebendig dargestellt, dass ich mich fühlte, als wäre ich selbst dort – eine wundervolle Urlaubslektüre.“
„Die Liebesgeschichte zwischen Ashley, Charlie und Jack ist voller Emotionen und Intrigen, und ich konnte nicht aufhören zu lesen.“
„Ein wunderschöner Liebesroman über Vergebung und die Suche nach dem eigenen Glück vor der traumhaften Kulisse Cornwalls.“
„Die Autorin schafft es, die Gefühle der Protagonisten authentisch darzustellen, und ich habe mit ihnen gelacht und geweint. Die Entscheidungen, vor die Ashley gestellt wird, haben mich zum Nachdenken gebracht.“
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Ashley ein idyllisches Cottage in Cornwall – doch der Preis für das Erbe ist hoch. Sie muss ein Jahr darin leben. Entschlossen, ihrer kriselnden Beziehung mit Jack eine Pause zu gönnen, reist Ashley allein nach England. Im kleinen Dorf Zennor angekommen, begegnet sie dem charmanten Fischer Charlie, der nicht nur den verwilderten Garten des Cottages neugestaltet, sondern auch ihre Gefühlswelt ins Wanken bringt. Als dann auch noch sowohl Charlies Exfreundin als auch Jack auftauchen, ist das Liebeschaos perfekt. Wofür wird sich Ashleys Herz entscheiden? Wird sie den Weg in ein neues Leben wagen?
Erstausgabe September 2023
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98778-461-3 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-460-6
Covergestaltung: Verena Kern unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © TravnikovStudio, © Ginger_Cat, © Vivi_Smak, © kaiwut niponkaew, © Konmac, © Neil Bussey Lektorat: Manuela Tengler
E-Book-Version 04.11.2025, 12:26:32.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
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Für meine Mama, die immer an mich geglaubt hat
St. Ives verschwand Mitte Mai unter einem grauen Schleier. Eine Wolkenbank schob sich vom Meer kommend Richtung Küste und warf ihren Schatten auf die Bucht. Ich lebte seit sechs Wochen in England und die Sonne war bisher ein seltener Gast gewesen. Vom Wetter mal abgesehen, gab es keinen anderen Ort, an dem ich lieber verweilte als in Großbritannien. Cornwall, malerisch an der Nordküste gelegen, gehörte seit jeher zu meinem Leben. Obwohl meine Eltern, beide gebürtige Briten, berufsbedingt nach Amerika auswanderten und ich in Arizona aufwuchs, war mein Herz stets in England zu Hause. Es gab rückblickend nichts Schöneres als die Aufenthalte und Sommerurlaube, die wir bei meiner Granny Rose Williams in deren Cottage im beschaulichen Örtchen Zennor verbrachten. Für mich hielt dieser Ort bis heute einen ganz besonderen Zauber inne … etwas Segensreiches, das auch die schmerzlichen Erfahrungen der letzten Jahre heilen konnte.
Plötzlich klapperte es. Ich richtete mich auf und blickte nach draußen. Heftige Windböen peitschten gegen die Fensterscheiben des Cafés Magic Roof, das ich zu meinem Lieblingsplatz in St. Ives, der nächstgrößeren Stadt in der Umgebung, auserkoren hatte. Ein Frühjahrssturm fegte erbarmungslos durch die Straße, wiegte Bäume hin und her und wirbelte Blütenblätter durch die Lüfte, als gerieten sie in einen alles aufsaugenden Strudel. Ich saß in der hintersten Ecke des Kaffeehauses und beobachtete das ungemütliche Treiben auf dem Gehsteig, froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Magic Roof besaß eine einzigartige und heimelige Atmosphäre. Es schien, als würden seine Gäste – zwischen Blümchentapeten, antiken Möbeln und auf Chesterfield Sofas sitzend – dem Alltagstrott entfliehen, sobald sie durch die Eingangstür schritten. Vielleicht war es für sie wie der Gang in eine andere Welt, in der man heimlich seinen Träumen nachhing, kniffelige Kreuzworträtsel löste oder aber Musik und Hörbüchern lauschte. Alles, was es neben ein paar Minuten Zeit für das eigene Wohlbefinden benötigte, war eine Tasse heißer Apfelpunsch. So dauerte es meist nicht lange, bis jeglicher Stress wie durch Zauberhand aus ihren blassen Gesichtern verschwunden war. Im Laden duftete es nach einem Hauch Zitrus, gemischt mit Kaffeespezialitäten aus aller Herren Länder und frisch gebackenen Scones, die schon in der Schaufensterauslage verführerisch auf sich aufmerksam machten. Mein Stammcafé Magic Roof war innen wie außen aufsehenerregend und einladend gestaltet, sodass man kaum daran vorbeigehen konnte, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Ein Reihenhaus mit Spitzdach, himmelblauer Fassade und passend lackierten Fensterläden, die bei Wind und Wetter herrlich klapperten. Geranien zierten zumindest in den Frühlings- und Sommermonaten die davor angebrachten Blumenkästen und sorgten für einen erfrischenden Farbkontrast. Das Magic Roof lag im Herzen von St. Ives, der berühmten Künstlerstadt Englands und hob sich mühelos von den traditionellen, steingrauen Gebäuden der Gegend ab. Ein Ort, der Ruhe, Entspannung und das beste Shortbread in der Umgebung versprach. Und obwohl ich meinen Besuch im Café minutiös auskostete, schweiften meine Gedanken unwillkürlich nach Arizona. Denn zwischen Jack und mir kriselte es heftig. Jack. Unser Abschied war frostig gewesen und weder er noch ich wussten, wie und ob es mit uns beiden weitergehen würde.
Aus dem Augenwinkel heraus betrachtete ich ein Pärchen, das Händchen haltend und kichernd das Café betrat und sich vielsagende Blicke zuwarf. Er, ein gut aussehender Mittvierziger, strich ihr regennasses Haar zurecht, ehe er seiner Angebeteten die Stirn küsste. Sie gab ihm zwinkernd einen Klaps auf den Hintern, dann nahmen sie an der hohen Fensterfront Platz und ihre Gesichter verschwanden hinter den Getränkekarten. Ich verharrte mit neidvoller Miene. Wann waren Jack und ich das letzte Mal so gelöst und glücklich gewesen? Ob er mich vermisste? All den Fragen zum Trotz bereute ich meine Entscheidung, für einige Zeit nach Cornwall zu reisen, keine Sekunde. Das letzte Mal, als ich in England war, wohnte ich der Beisetzung meiner Granny bei. Ihre Asche wurde dem Meer übergeben. Diesmal war ich hergekommen, um zu heilen. Wir hatten ein inniges Verhältnis zueinander, also nutzten wir jede Gelegenheit, um zu telefonieren. Granny hatte stets gute Ratschläge parat und immerzu ein offenes Ohr, hinzukommend eine erfrischende Prise britischen Humor, der so mancher Situation in der Vergangenheit die Krone aufgesetzt hatte. Es war schrecklich, dass sie nicht mehr unter uns weilte und in jenem Augenblick, einsam im MagicRoof sitzend und über die Zukunft sinnierend, fühlte ich mich mutterseelenallein. Gleichwohl war ich stark und wusste, dass das Leben auf der Erde begrenzt war, die Liebe in meinem Herzen jedoch nicht. In meiner Erinnerung würde sie bis zu meinem letzten Atemzug weiterleben. So motivierte mich die Trauer, das Beste aus meiner Ausgangslage zu machen, auch wenn ich erschöpft und gewissermaßen traumatisiert von meiner Vergangenheit war. Trostspendend war allem voran das schnucklige Cottage meiner Granny, das von dieser einzigartigen Landschaft umgeben war, und nächstes Jahr in meinen Besitz übergehen würde. Das Häuschen in Alleinlage ließ Granny vor Jahren nahe der Klippen und einer einsamen Sandbucht errichten. Umgeben von Hecken und Sträuchern, Wiesen und Weiden bot es den idealen Platz zum Entschleunigen. Der Geruch des Ginsters, der im Frühling die Luft mit zarten Pfirsichnoten versah, gepaart mit dem Salz des Meeres, betörte jeden meiner Atemzüge. Das Rauschen der See und Branden der Wellen klang wie eine Melodie in meinen Ohren, die mich morgens sanft weckte und abends in den Schlaf lullte. Es war mein persönlicher ‚place to be‘.
Mir war klar, dass die Möglichkeit, ein Haus an der englischen Küste zu besitzen, ein sehr großzügiges Geschenk war. Unzählige Menschen wünschten sich fortdauernd an einen anderen Ort, um endlich eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen und neu anzufangen. Ich bekam diese Chance quasi vor die Füße gelegt und es lag an mir, trotz der Widrigkeiten in meinem Leben, das Beste daraus zu machen.
„Haben Sie noch Wünsche?“, fragte die Kellnerin und ich vernahm, dass in ihren Worten ein Hauch von Ungeduld mitschwang. Was war ihr Problem? War ich etwa schon zu lange in diesem Café? Ein Blick auf die Uhr bestätigte meine Annahme. Schamesröte stieg mir ins Gesicht, ehe ich verstohlen aufsah und ihr ein unschuldiges Lächeln zuwarf, das sie kühn erwiderte.
Der Akzent der Kellnerin brachte mich derweil zum Schmunzeln. Nach all den Jahren in Amerika redete ich längst nicht mehr wie eine Hiesige. „Nur die Rechnung bitte.“ Obwohl draußen weiterhin der Sturm tobte, wollte ich nach Stunden im Kaffeehaus wieder zurück nach Zennor. Das Einzige, was noch schlimmer war, als im Regen nach Hause zu laufen, war vermutlich den Weg ganz allein im Dunkeln zu gehen.
„Gerne. Einen Moment.“
Die Dame reichte mir den Kassenbon. Ich zückte mein Portemonnaie und legte das abgezählte Geld samt Trinkgeld vor mir auf den Tisch, zog mein Regencape über und verließ zügig das Café.
War es im Bistro noch mollig warm gewesen, blies mir nun der Wind gnadenlos ins Gesicht und pustete meine Haare in Augen und Mund. „Verdammt“, fluchte ich, denn ich hatte weder Gummistiefel noch einen Schirm bei mir, wobei Letzterer gewiss auf und davon geflogen wäre. Ich ließ mich am Vormittag vom Sonnenschein blenden, kleidete mich falsch und nun hatte ich den Salat. Englisches Wetter zu unterschätzen, war eigentlich ein typischer Touristenfehler! Die Bedingungen änderten sich stündlich. Ich sollte es besser wissen. Knurrend zog ich die Kapuze tief ins Gesicht und zurrte sie unter dem Kinn fest. In gebeugter Haltung und mit gesenktem Kopf stapfte ich die Stufen des Cafés hinab und quälte mich den ungeschützten Gehsteig entlang. Binnen weniger Minuten waren Boots und Jeans durchnässt. Es regnete Bindfäden. Bibbernd schlang ich meine Arme um den Körper. Mit einem Wolkenbruch musste man in Großbritannien zwar jederzeit rechnen, doch diesen hautnah mitzuerleben, war etwas ganz anderes. Der Wind pfiff mir um die Ohren und inzwischen prasselte der Regen so stark auf mein Gesicht ein, dass mir schier die Luft wegblieb. Es war eine Herausforderung, gegen die Böen anzukämpfen, die heulend durch die engen Gassen preschten und meinen Körper voranschoben. Meine Beine wurden bei jedem Schritt langsamer, als hätte ich Blei an den Füßen. Warum hatte ich mich an diesem Vormittag nochmals gegen das Autofahren entschieden? Der Fußmarsch nach St. Ives dauerte von meinem Cottage ausgehend etwa eine halbe Stunde. Da ich penibel darauf achtete, mich ausreichend an der frischen Luft zu bewegen, um fit und gesund zu bleiben, stellte das kein Problem dar. Eigentlich. Aber da meine Ausrüstung an diesem Tag jämmerlich war, wünschte ich mich just in ein Taxi, das mich schnellstmöglich und trocken in das mollig warme Cottage meiner Granny zurückbrachte. Wie blöd, dass weit und breit kein Fahrzeug in Sicht war und – wie sollte es auch anders sein – der Akku meines Handys streikte. In den Boots sammelte sich das Wasser schneller als mir lieb war. Ach, was hätte ich nur für ein Paar Gummistiefel gegeben. Lediglich mein Regencape hielt, was es versprach, doch was machte das noch für einen Unterschied? Der Mairegen roch irgendwie eigenartig. Erdig und markant, vermischt mit eisiger Kälte, die ich im Frühling so nicht mehr erwartet hatte. Temperatursturz! Unter dem Vordach einer Boutique legte ich eine Verschnaufpause ein. Wie würde ich nach Hause kommen, ohne in den gefluteten Straßen schwimmen zu müssen? Ich erspähte ringsum keine Menschenseele und die Boutique hatte bereits geschlossen. Sollte ich besser zur nahe gelegenen Hauptstraße gehen und Trampen, um sicher nach Zennor zu gelangen? Aber war Trampen überhaupt sicher? Hilf mir, flehte ich mit Blick in den Himmel, unwissend, wem diese stumme Bitte galt.
„Keine gut durchdachte Kleidung für einen Spaziergang im Regen.“
Ich wirbelte erschrocken herum. Ein fremder Mann, von dem ich lediglich die Umrisse erkannte – ein breitschultriger Riese mit wuscheligem Haar und tiefer Stimme – kam wie aus dem Nichts auf mich zugeschritten und reichte mir höflich seinen aufgespannten Schirm, der schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen war.
„Als würde der noch was nutzen! Ich bin patschnass“, gab ich bissig zurück und wich zur Seite. Ob dieser Kerl anständig und vertrauenswürdig war?
„Tatsächlich. Sie sind so nass wie ein begossener Pudel.“
„Ist das englischer Humor?“ Dumme Sprüche waren das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.
„Eher eine Redewendung.“ Er trat noch näher.
Ich spitzte die Lippen, denn im gedimmten Licht der Boutique sah der Fremde hinreißend aus. Gut gebaut, mit einem hübschen Gesicht und smaragdfarbenen Augen, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Seine Haare schimmerten rötlich, was für einen Briten nicht ungewöhnlich war und waren vom Regen ganz krisselig und zerzaust.
Er lächelte verschmitzt. „Suchen Sie Ihr Hotel?“
„Ich befinde mich auf dem Heimweg.“
Er neigte den Kopf zur Seite und blickte so sanftmütig drein – wie ein kleiner Welpe, der geknuddelt werden wollte.
„Auf dem Heimweg? Sie sind doch Amerikanerin, oder täusche ich mich?“
„Amerikanerin mit englischen Wurzeln“, ergänzte ich stolz.
Der Schönling weitete erfreut seine Augen und fuhr sich durchs Haar. Im selben Moment stieg mir ein Hauch von rauchigem Whisky in die Nase, der mich an das benachbarte Schottland erinnerte.
„Tatsächlich? Aber vermutlich sind Ihre Heimatkenntnisse eingerostet, wenn ich mir Ihre Kleidung so ansehe …“ Ich quälte ein Lächeln hervor. „Ich bin Charlie.“ Der Jungspund reichte mir die Hand.
„Brown?“
„Nein“, er grinste amüsiert, „O’Sullivan. Charles Peter O’Sullivan. Aber ich bitte Sie – nennen Sie mich einfach nur Charlie.“
„Nun, einfach-nur-Charlie. Ich bin Ashley. Hopkins.“
„Und Sie kommen aus Amerika?“
„Arizona.“
„Oh, Arizona? Bemerkenswert. Dieses Wetter muss ein echter Klimaschock für Sie sein.“
„Ist nicht mein erster Besuch in der Gegend“, gab ich plump zurück. Charlie blinzelte. Ich musste im Stillen zugeben, dass er wirklich umwerfend gut aussah.
„Hören Sie, Ashley Hopkins aus Arizona. Es wäre mir eine Ehre, Sie in meinem Wagen sicher nach Hause zu geleiten. Was halten Sie davon?“
Ich strauchelte. Natürlich war ich nicht abgeneigt, die Hilfe eines Einwohners anzunehmen. Das Wetter konnte ich wohl kaum noch ändern. Charlie war ein echter Kerl in seiner Lederjacke und den lässigen Regenstiefeln, die den Eindruck eines Cowboys am falschen Ort erweckten. Andererseits hatte ich Sorge, dass er mir etwas antun würde, weshalb ich skeptisch blieb. „Danke, aber ich komme schon zurecht“, log ich.
Er schüttelte schelmisch den Kopf. „Keine Bange, ich tue Ihnen nichts an. Als englischer Gentleman ist es mir ein Anliegen, Ihnen zu helfen. Ist das Wetter nicht Grund genug, meine Hilfe anzunehmen?“
Konnte er etwa Gedanken lesen? Ich sah ihm in die Augen und spürte kurzzeitig ein warmes, elektrisierendes Gefühl in meinem Unterleib aufflammen. Dieser O’Sullivan sah nicht nur ausgesprochen gut aus, er war ein anständiger Mann. Ja … mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich ihm ruhig trauen konnte. Immerhin war er die Direktantwort auf mein Stoßgebet gewesen.
„Na gut, einverstanden.“
„Perfekt – warten Sie hier. Mein Wagen parkt gleich da vorn um die Ecke.“
Ich nickte, doch kaum war er ein paar Schritte gegangen, lief ich ihm hinterher und blieb atemlos vor ihm stehen. „Aber Charlie – ich halte Sie doch hoffentlich von nichts Wichtigem ab?“ Der gut aussehende Retter zwinkerte mir ganz entspannt zu.
„Oh, nein. Ich hatte ursprünglich vor, meinem Onkel einen Besuch abzustatten, aber da ich unangemeldet gekommen wäre, spielt es überhaupt keine Rolle, wenn ich mich verspäte. Nun, da Sie jetzt schon hier stehen – begleiten Sie mich zu meinem Auto?“
„Ich … ähm, ja … natürlich!“, haspelte ich nervös. Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, dass es in Strömen regnete und wir in eine finstere Seitenstraße einbogen. Es war eher schicksalhaft mit einem Hauch Romantik, was nicht zuletzt an meiner gut aussehenden Begleitung lag, die sich als wahrlich ritterlich entpuppte. Ich fühlte mich wie eine Zeitreisende, als Charlie voller Stolz die Beifahrertür seines historischen Wagens öffnete. Ein Bentley S3 Steel Saloon aus dem Jahre 1963, wie er stolz anmerkte.
„Mylady …“
Mein Herz schlug Saltos, als diese Worte aus Charlies Mund kamen. Wie aufmerksam er doch war. Er streckte seine Hand aus, um mir gentlemanlike in den Wagen zu helfen. Störte es ihn denn gar nicht, dass ich pitschnass war? Keinesfalls wollte ich schuld sein, wenn das sündhaft teure Leder des authentischen Autositzes Schaden nahm.
„Kommen Sie?”
Ich zögerte, griff zu, duckte mich und nahm mit gemischten Gefühlen auf dem Beifahrersitz Platz. Das Leder unter mir schmatzte vor Nässe, als ich mich vorsichtig zurücklehnte. Wie peinlich! Die Sitze bestanden aus einer gemeinsamen Bank und erinnerten eher an eine gemütliche Couch. Auch in seinem Auto roch es nach kräftig herben Whiskynoten, was ich auf eine Flasche Scotch im Fußraum zurückführte. Mein aufmerksames Auge war Charlie nicht entgangen.
„Keine Bange, Mylady. Die Flasche gehört meinem Cousin Ed. Ich habe höchstens mal einen kleinen Schluck davon probiert.“ Ich nickte halbherzig und hoffte, dass mein unerwarteter Chauffeur die Wahrheit sagte und weder ein Trinker noch ein heimtückischer Mörder war.
Während er freundlich lächelnd die Beifahrertür schloss, kämpfte ich gegen eine plötzlich aufsteigende Panik an. Mir wurde heiß, kalt, dann wieder heiß. Meine Gedanken und Spekulationen drehten sich wie das Rad einer Kornmühle. Was, wenn er wirklich ein komplett durchgedrehter Killer war? Ein Serienmörder, dessen Masche, fremden Frauen seine Hilfe anzubieten, sein heimliches, unterirdisches Beinhaus mit den Knochen unschuldiger Opfer füllte? Ich schluckte schwer, als er die Fahrertür öffnete und breit grinsend neben mir Platz nahm. Eigentlich sah er harmlos aus. Aber jedes Kind wusste, dass man bei Fremden nicht mitfährt. Charlie schien mein verkrampftes Verhalten zu bemerken. Er sah mir direkt in die Augen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sein Blick war voller Mitgefühl und Sorge, sofern ich es richtig deutete. Und diese Augen … Sie waren leuchtend grün mit winzigen Goldsprenkeln und strahlten wie der Spiegel eines Waldes, über dem die Sonne aufging.
„Ich denke schon“, murmelte ich. Ohne Zweifel wäre ich ein leichtes Opfer. Nicht nur, weil hier weit und breit kein Zeuge war – auch die Tatsache, dass er sich in Cornwall bestens auskannte, spielte ihm in die Karten. Mein Herz raste. „Vielleicht sollte ich doch lieber laufen …“
„Tatsächlich? Keine so gute Idee. Da draußen tobt ein Jahrhundertsturm!“ Er startete den Motor seines Bentleys. Es holperte. „Ich bringe Sie wohlbehalten nach Hause, Ashley, vertrauen Sie mir.“
Wenn er ein Killer war, dann wenigstens ein verdammt gut aussehender!
Als der Wagen anrollte, ruckelte es wie in einem Flugzeug bei Turbulenzen. Nun war ich mir nicht mehr sicher, was gefährlicher war: Charlie oder aber sein historisches Fahrzeug. „Wo wohnen Sie eigentlich?“, fragte er, ehe er das Auto wieder zum Stehen brachte. „Ich weiß ja gar nicht, wohin ich Euch geleiten darf, Mylady.“
„Ich wohne im Williams-Cottage in Zennor, falls Ihnen das geläufig ist.“
Er horchte auf. „Sie sind die Erbin? Machen Sie Witze?“
Fast beleidigt starrte ich in das verwunderte Gesicht des hübschen Briten und entdeckte ein Grübchen oberhalb seiner Wange. Es schmeichelte seinen ohnehin perfekten Gesichtskonturen, die wie in Stein gemeißelt schienen.
„Ich nehme an, Sie kennen das Cottage?“
„Ich bitte Sie, jeder kennt es. Rose war eine gute Freundin meines Vaters. Ihr Verlust tut mir sehr leid. Sie war eine wunderbare Frau, immer freundlich und einen saloppen Spruch auf den Lippen.“
Ich lachte gelöst. Der Bentley bahnte sich in Schrittgeschwindigkeit seinen Weg durch den strömenden Regen. Ich atmete erleichtert auf. Meine wirren Gedanken, dass Charlie ein kaltblütiger Mörder war, schob ich vorerst beiseite.
„Leider konnte meine Familie bei der Beerdigung nicht anwesend sein. Zu diesem Zeitpunkt waren wir in Deutschland bei Verwandten.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln und als ich ihn genauer inspizierte, bemerkte ich plötzlich Schweißperlen auf seiner Stirn – dabei war es alles andere als heiß im Auto.
„Alles in Ordnung, Charlie?“
„Oh, ich versichere Ihnen, das haut mich aus den Socken.“ Er grinste. „Jeder im Ort liebt dieses außergewöhnliche Cottage und Sie sind die Glückliche, die es bewohnen darf. Es gäbe ein hervorragendes B&B ab, sofern man vorher den Wildwuchs bändigt und den Garten wieder auf Vordermann bringt. Sie wissen schon …“
Ich runzelte die Stirn. Der Garten war seit Jahren sich selbst überlassen. Sträucher, Büsche und Bäume schränkten nicht nur die Sicht auf das Haus ein, sondern verhinderten auch den Meerblick vom Cottage ausgehend. Grannys Garten wirkte eher wie ein Dschungelterrain, nur ohne all die exotischen Pflanzen und das Getier, das sich so im Regenwald tummelte. „Genau genommen habe ich erst einmal nicht vor, das Haus zu vermieten, wenngleich Ihre Idee wirklich interessant klingt.“ Charlie warf mir einen liebevollen Blick zu und die Worte, die daraufhin folgten, berührten mein Innerstes wie eine warme Umarmung, die von Herzen kam.
„Für mich sind Sie mit Ihrer toughen Art jetzt schon die perfekte Nachfolgerin! In diesem Sinne; herzlich willkommen in Cornwall, Mylady.“
Zennor, 2005
„Granny!“ Ich strahlte über beide Ohren, als ich sie vor ihrem Haus stehen sah. In der Ferne schien sie noch winzig klein zu sein, aber ihre Liebe erhellte längst das gesamte Territorium, das ich mit der Sonne verglich, die an jenem Tag außergewöhnlich hoch am Himmel stand und das Cottage in einen leuchtenden Schein lullte. Es war Ende Juli. Ich rannte voller Vorfreude barfuß über die saftig grüne Wiese, als wäre ich ein hoppelnder Hase in den frühen Morgenstunden. Ich spürte jedes einzelne Grashälmchen, das mich frech zwischen den Zehen kitzelte. Der Rasen unter mir war taufrisch und roch nach Abenteuer und Geborgenheit. Granny winkte mir freundlich lächelnd zu. Sie trug einen Dutt, die Brille war tief auf ihre Nase gezogen und ihr rotes Kleid wehte sanft im Wind. Zahllose Blumen leuchteten im Vorgarten des Cottages in ihrer ganzen Farbpracht und unterstrichen die einzigartige Atmosphäre. Es ähnelte einem Postkartenmotiv; ein schmuckes Cottage, umgeben von einem traumhaften Blütenmeer und im Hintergrund dramatische Felsformationen und die wilde, tosende See. Meine Eltern parkten stets auf einem Schotterstreifen einige Hundert Yard vom Haus entfernt. Das taten sie, weil sie den Anblick so sehr liebten, wenn ich mit offenen Armen auf meine Granny zustürmte. Ich war ein kleines Mädchen mit hellblauem Kleid und erdbeerblonden Zöpfen, streng gescheitelt, straff geflochten. Mit meiner Familie wohnte ich in Minions bei Liskeard, dem Heimatort meiner Großeltern. Etwa eine Fahrtstunde vom Örtchen Zennor entfernt. Jedes Mal, wenn ich das Cottage vor mir sah, spürte ich eine Leichtigkeit in mir aufsteigen, die mich wie auf Wolken davon trug. Umgeben von ländlicher Idylle grenzte das Häuschen an die imposanten Klippen Cornwalls, wildromantisch eingebettet zwischen Rosen, Flieder und Ginster. Für mich war der Anblick unwirklich schön. Wie ein nostalgisches Gemälde, das in einer Galerie für ‚die traumhaftesten Orte unserer Zeit‘ ausgestellt wurde. Granny hatte einfach alles richtig gemacht, als sie vor vielen Jahren Minions verließ und dieses Haus erbauen ließ. Und da stand sie nun und wartete auf unseren monatlichen Besuch, der längst zu einer Tradition geworden war.
„Mein Schatz“, säuselte sie überschwänglich in mein Ohr und drückte mich fest an ihre Brust, als ich in ihre Arme fiel. Sie duftete wie eine Honigblüte. „Wunderbar, dich wiederzusehen. Herzlich willkommen!“
Ich nickte besonnen und war unendlich glücklich, die nächsten zwei Tage hier an diesem himmlischen Ort zu verbringen. Alles wirkte so einladend und magisch. Ich war mir beinahe sicher, dass es nirgendwo auf der Welt schöner sein konnte als bei meiner geliebten Granny in Zennor.
„Hereinspaziert, meine Liebe.“ Sie öffnete mir die Haustür und als ich ihr Cottage betrat, fühlte ich mich sofort pudelwohl und heimisch. Kühle Luft schlug mir entgegen. Es roch nach frisch gebackenem Brot und den hübschen Schnittblumen aus ihrem Garten, die sie in einer weißen Vase auf dem Pinientisch im Wohnzimmer ansehnlich platziert hatte. Ich hörte das Surren der Spülmaschine, das Brodeln des Wassers auf dem Herd und wenn ich die Ohren spitzte und innehielt, sogar die brechenden Wellen des Meeres. Die Einrichtung war hell und freundlich, die Fenster blitzsauber und mein Bett im Gästezimmer des Obergeschosses bereits liebevoll hergerichtet. Seufzend ließ ich mich wenig später in die weichen Kissen fallen und schloss dankbar die Augen. Am allerliebsten wollte ich nie wieder weg von hier.
„Sagen Sie – haben Sie kein Auto, Mylady?“
„Der Umwelt zuliebe bin ich meist zu Fuß unterwegs.“
„Ein ordentliches Stück zu laufen“, stellte Charlie beeindruckt fest, als sein Wagen vor dem Cottage zum Stehen kam.
Ich kicherte. Kaum zu glauben, dass ich ihn anfangs für einen Mörder gehalten hatte. Charlie war wohl der netteste Mensch, der mir seit Langem begegnet war, sofern ich das nach der kurzen Zeit überhaupt feststellen konnte.
„Es war gut, dass wir uns getroffen haben. Vermutlich hätte Sie die Dunkelheit auf Ihrem Rückweg überrascht.“
„Wenn ich gekrochen wäre wie eine Schnecke, vielleicht schon“, witzelte ich und erntete sein Lachen.
„Wollen Sie mich wiedersehen?“, stieß er zum Abschied hervor.
Ich hob unwissend die Schultern, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Bat er mich soeben um ein Date? Gefiel ich ihm? „Ähm …“
„Nur … damit Sie schon jemanden im Ort kennen. Ich könnte Sie meinen Freunden vorstellen, Ihnen einen Job besorgen …“
„Ich habe schon einen Job“, erwiderte ich dankbar.
„Okay, ich dachte nur, dass … nun, vielleicht ergibt es sich ja mal zufällig. Zennor ist nicht besonders groß.“
Wurde er etwa nervös?
„Sie wohnen also auch in Zennor?“
„In St. Ives, aber ich kenne Zennor wie meine Westentasche.“
„Verstehe. Nun, unter diesen Voraussetzungen werden wir uns gewiss wieder über den Weg laufen“, japste ich verlegen.
Er blinzelte zufrieden, stieg aus und öffnete mir zum wiederholten Male die Tür. Was für ein Gentleman! Eine Böe erfasste Charlies Haar, spielte es wild in sein Gesicht und raubte ihm die Sicht.
Ich gluckste vergnügt. „Ich dachte immer, wer einen Bentley fährt, ist angemessen gekleidet“, scherzte ich mit Blick auf seine Regenstiefel.
„Mylady, erzählen Sie mir besser nichts von angemessener Kleidung in England.“ Er deutete amüsiert auf meine tropfnassen Klamotten.
„Vielen Dank für Euer Geleit, Sir.“
„Es war mir eine Ehre.“
„Ich hoffe, der nasse Autositz hat keine unangenehmen Folgen?“ Ich schielte auf das feuchte Leder.
„Das trocknet wieder. Machen Sie sich keine Gedanken.“
Ich nickte ihm höflich zu, ehe ich im Scheinwerferlicht des Bentleys zum Cottage eilte. War ich im Ort von hohen Gebäuden einigermaßen gut geschützt, so war ich abseits der Siedlung wehrlos den Launen der Natur ausgesetzt. Mit beiden Händen hielt ich meinen Kopf, um die Ohren warmzuhalten. Ich vernahm das laute Pfeifen des Windes, das Wiegen der Bäume und Sträucher, das Rauschen der See und den aufheulenden Motor des Bentleys.
Mit zusammengekniffenen Augen zwängte ich mich am Dickicht vorbei, kramte blindlings den Schlüssel aus meiner Jackentasche und sperrte auf. Ein kräftiger Windstoß erfasste die Haustür, schlug sie beiseite und schob mich regelrecht ins Cottage hinein. Ich drückte mich ächzend gegen die Tür. Geschafft! Sogleich zog ich die nasse Kleidung aus, schnappte mir eine Decke und kuschelte mich in den gemütlichen Ohrensessel meiner Granny ein. Er war mit grünem Samt bezogen, breit genug, um sich lang zu machen und aufgrund dessen auch noch überirdisch bequem.
„Was für ein Tag“, murmelte ich und schloss erschöpft die Augen. Wie gerne würde ich Granny erzählen, was ich heute erleben durfte. Dass ich Charlie O’Sullivan kennengelernt hatte. Ob sie ihn zu Lebzeiten mochte? Vermutlich schon; er war genau der Typ Mann, für den sie brannte. Charmant, gewitzt, anständig und natürlich gut aussehend. Würde ich Charlie wiedersehen? Das hoffte ich doch! Ich musste unbedingt meiner Freundin Rachel aus Phoenix von diesem unverhofften Kennenlernen berichten – wissend, dass sie Jack kein Sterbenswörtchen darüber erzählen würde.
Als in der Früh die Sonne durch einen Spalt meines Fensters spitzelte, streckte ich mich ausgiebig wie eine gelenkige Katze. Gähnend kippte ich das Fenster, sog die frische Morgenluft ein, stürzte zurück in meine bunte Kissenburg und lauschte aufmerksam der Natur. Herrlich! Der Gesang des Meeres war mein ganz persönlicher Wecker. Wäre da nur nicht all das dichte Grünzeug, das mir ausnahmslos die Sicht auf die See raubte.
Das Cottage bestand aus zwei Etagen, mit einem urigen Reetdach gedeckt. Der Eingangsbereich diente zugleich als Wohnzimmer und führte in die offene Küche mit Essecke, die mit andalusischen Kacheln gefliest und hochwertigen Geräten ausgestattet war. Die zeitgemäßen Möbel im Haus wurden auf Hochglanz poliert und farblich auf den Holzboden abgestimmt. Ein kleiner Ofen in der Mitte des Raums sorgte für Wärme und Behaglichkeit an ruhigen Abenden. Am Fußboden lagen längliche Teppichläufer aus; von meiner Granny handgearbeitet und farbenfroh gestaltet, schafften sie ein wahrhaftiges Wohlfühlambiente. Die Wände zierten Aquarellmalereien einsamer Strände, die Granny einst in St. Ives ersteigert hatte.
Rechts neben der Haustür führte eine Holzstiege in die obere Etage. Dort befand sich mein beschauliches Schlafgemach, in dem es in den Sommermonaten sehr heiß werden konnte. Mit einem Bett und einem Schrank war es vollkommen ausreichend und noch dazu urgemütlich. Ich hatte eine hübsche Tagesdecke und viele Kissen, die meiner Traumstube die Krone aufsetzten. Am Schlafzimmer vorbeigehend, erreichte man das Badezimmer mit ebenerdiger Dusche und zwei Zimmer, die mir derzeit als Ablageräume dienten. Granny hatte in einem der Räume ihr persönliches Nähzimmer eingerichtet, das andere nutzte sie stets als Gästezimmer. Bis heute waren ihre Utensilien darin zu finden. Wenn man links neben dem Haus durch das gusseiserne Türchen schritt, gelangte man schließlich in den Garten mit Meerblick – sofern das Grünzeug gestutzt war. Obwohl der Garten nach wie vor einen gewissen Reiz ausübte, hatte er seine besten Zeiten hinter sich und wollte nicht mehr so recht zum Rest des Anwesens passen. Kein Wunder – das Grünzeug hatte inzwischen das Zepter übernommen: Es hatte das Cottage über all die Jahre regelrecht verschluckt. Nun wucherte es wild und ungezähmt in die Höhe. Ich erinnerte mich, dass Granny einst ein fleißiges Bienchen war und ihren Traumgarten hegte und pflegte. Sie züchtete Rosen, liebte wohlduftenden Flieder und am liebsten genoss sie die freien Abende auf einer Bank unter dem Kirschbaum inmitten der Wiese, umgeben von bunten Stauden und feierte das Leben. Bis sie schwer erkrankte … Ein Trampelpfad führte vom Haus direkt zu den Klippen. Von dort aus schlängelte sich ein schmaler und steiler Weg an den Felsformationen vorbei, bis hin zu einer einsamen Sandbucht, die so versteckt und abgelegen lag, dass sie außer den Einheimischen kaum jemand kannte. Die Strecke dorthin war abenteuerlich und sicher nichts für schwache Nerven. Der Mut zahlte sich jedoch aus, denn wenn man die Bucht erreicht hatte, konnte man dort ganz für sich allein verweilen – lediglich der Rückweg blieb zu bedenken!
Nach dem Frühstück an diesem Morgen, bestehend aus Bohnen und Rührei mit Bacon, schlüpfte ich in meinen beigefarbenen Wollmantel und zog meine rote Baskenmütze tief ins Gesicht. Es war noch immer windig, aber die Sonne schien sich heute mühelos durchzusetzen. Diesmal nahm ich dennoch einen Schirm mit – nur um auf Nummer sicherzugehen! Mein Ziel war die Bücherei in St. Ives und ein anschließender Abstecher im Magic Roof. Insgeheim hoffte ich, unterwegs auf Charlie zu treffen. Umso enttäuschter war ich, dass wir uns nicht über den Weg liefen. Vielleicht hätte ich über meinen Schatten springen und mich mit ihm verabreden sollen, als er am Vorabend danach gefragt hatte. Natürlich dachte ich nicht, ihm zufällig auf einem der Feldwege zu begegnen, aber ich hätte mir vorstellen können, ihn zumindest in St. Ives anzutreffen. Zu dieser Uhrzeit waren kaum Touristen unterwegs und seine Statur wäre mir sofort aufgefallen. Auch Rachel hakte am Vorabend nach, warum ich mich gegen ein erneutes Treffen mit ihm sträubte. Einen Bekannten in meinem neuen Umfeld zu haben könnte schließlich nicht schaden. Gewissermaßen hatte sie recht und ich fing an, meine Entscheidung zu bereuen. Doch da ich das nächste Jahr in Cornwall verbringen würde, sozusagen vorübergehend hier lebte, liefen wir uns mit hoher Wahrscheinlichkeit eines Tages wieder über den Weg. Das war zumindest mein heimlicher Wunsch.
Nachdem ich den Vormittag in der Bücherei verbracht hatte, um sämtliches Insider-Wissen über St. Ives und die Umgebung zu studieren, brach ich mittags auf, um in meinem Stammcafé einzukehren. Der Laden war diesmal gut besucht. So gut, dass es unmöglich war, einen Platz zu ergattern. Zähneknirschend sah ich mich um, meinen Schirm unter die Arme geklemmt. Die Tische waren von Bankern und deren eleganten Begleitungen besetzt. Ohne Reservierung hatte ich während der Mittagspause wohl keine Chance, unterzukommen, doch gerade als ich das Café wieder verlassen wollte, winkte mich überraschend eine junge Frau zu sich. Sie war etwa in meinem Alter und schien mein Dilemma zu beobachten. Etwas schüchtern ging ich auf sie zu, lächelte verlegen und versuchte, mir nichts von meiner Unsicherheit anmerken zu lassen. Der Platz nahe am Kamin war einladend – der ideale Ort, um nach dem Essen meiner Arbeit am Notebook nachzugehen. Obwohl ich jetzt in Cornwall lebte, musste ich natürlich ganz normal weiterarbeiten. Seit Jahren war ich für ein globales Unternehmen tätig, das kräftig expandierte und hohe Umsätze erwirtschaftete. Als Personalberaterin musste ich unter der Woche rund um die Uhr erreichbar sein, konnte jedoch von überall aus arbeiten und war somit weder an ein Büro noch an einen bestimmten Ort gebunden. Diese Unabhängigkeit ermöglichte es mir letztendlich auch, ohne Kopfschmerzen nach England zu reisen.
„Hi, ich bin Amy“, stellte sich die hübsche Britin vor und streckte mir ihre zierliche Hand entgegen.
„Mein Name ist Ashley.“ Dankbar nahm ich ihr gegenüber Platz.
„Mittags wird es schwierig, im Magic Roof
unterzukommen. Umso besser, wenn jemand bereit ist, den Tisch zu teilen, oder?“, flötete das Mädchen mit den kastanienfarbenen Korkenzieherlocken.
Ich stimmte ihr nickend zu. Amys rehbraune Augen musterten mich neugierig. Was wohl in ihr vorging?
„Du bist Amerikanerin?“
„Ich schätze, mein Akzent hat mich verraten.“
Sie gluckste. Ihr lachsfarbener Pullover harmonierte perfekt mit den dunklen Haaren. Sie war eine Augenweide und hatte gewiss eine Handvoll Verehrer. „Machst du hier Urlaub?“
„Ähm, gewissermaßen ja, aber …“ Just wurde ich von der Bedienung unterbrochen und nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte – Scones und eine Tasse Apfelpunsch – schien Amy meine Antwort schon gar nicht mehr zu interessieren.
„Kommst du öfter her?“, wollte sie wissen.
„Ja, es ist mein Lieblingscafé in St. Ives. Obwohl es sich von den typischen englischen Kaffeehäusern abhebt“, ich hielt kurz inne, „oder vielleicht gerade deshalb“, fügte ich grinsend hinzu. „Die Atmosphäre ist einzigartig. In Phoenix gibt es so etwas nicht.“
„Stimmt. Es ist wirklich gemütlich und die Speisekarte kann sich auch sehen lassen. Themawechsel: Hast du schon Jungs kennengelernt? Ich hörte mal, ihr Amis haltet uns Briten für unwiderstehlich sexy. Ist da etwas dran?“
Meine Wangen erröteten. Mir entging nicht, dass Amy mich erwartungsvoll anguckte und wohl darauf hoffte, dass ich ihre Vermutung bestätigen würde. „Ich denke, es ist vor allem der Akzent, der den Amerikanern so gut gefällt.“
„Dir auch?“
„Nun, ich habe selbst englische Wurzeln, aber man hört es mir nicht unbedingt an. Wir wohnen schon lange nicht mehr in der Gegend …“
„Das erklärt allerdings deine Haarfarbe. Du hast so einen auffälligen Rotstich. Fiel mir gleich ins Auge!“
„Erdbeerblond, wie es meine Granny immer nannte“, sagte ich mit dem Anflug eines Lächelns.
„Deine Granny?“ Amy tippte mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln auf den Baumkantentisch und hob eine Augenbraue. „Lebt sie hier?“
„Lebte“, korrigierte ich.
„Dann ist sie tot?“
„Ja. Sie starb letztes Jahr.“
„Verstehe. Und? Kommst du damit klar?“
Was war denn das für eine dumme Frage? Ich ballte meine Hände unter dem Tisch empört zu Fäusten, sodass Amy es nicht sehen konnte.
„Natürlich“, log ich schließlich, löste meine Fäuste auf und nahm einen kräftigen Schluck vom Apfelpunsch, den mir die Kellnerin soeben serviert hatte. Die Wahrheit war, dass Granny mir unsagbar fehlte.
„Nun, erzähl mal. Hast du schon einen süßen Kerl kennengelernt? In Cornwall gibt es jede Menge heißer Typen; Künstler, aber auch attraktive Surfer und Tourguides.“
Ich dachte sofort an meine Begegnung mit Charlie, die ich an dieser Stelle lieber unerwähnt ließ. „Ich bin schon vergeben. Er heißt Jack und wohnt in Arizona.“ In meinem Kopf ratterte es. Waren wir überhaupt noch ein Paar? Jack und ich machten eine Pause. Wie ließ sich das also definieren? War ich tatsächlich in festen Händen? Eine Fremde ging es jedenfalls nichts an. Und wie sollte ich es auch verständlich umschreiben, wenn mir selbst die Worte dafür fehlten?
Amy horchte auf. „Oh, wieso kam er denn nicht mit?“
„Er muss arbeiten.“
„Du etwa nicht?“
Ich leckte mir über die Lippen. Amys Art, mir Löcher in den Bauch zu fragen, wurde langsam anstrengend. „Doch. Ich bin Personalberaterin und kann von überall aus arbeiten.“
„Wie praktisch. Dann führt ihr jetzt eine richtige Fernbeziehung?“
Ich wich ihrem Blick beklommen aus. Im Moment schien unsere Partnerschaft eher auf Eis zu liegen, Zukunft ungewiss.
„Wahrscheinlich telefoniert ihr rund um die Uhr und schickt euch Videos! Ich stelle mir das alles furchtbar romantisch vor. Die Sehnsucht nach dem Partner, heiße Lovemessages mitten in der Nacht, und wenn ihr euch dann nach langer Abstinenz endlich wieder in die Arme fallt, … hach.“
Meine Miene versteinerte. Es war nämlich nicht ansatzweise so, wie sie es beschrieb. Im Gegenteil. Es war wortkarg. In den letzten Wochen hatten wir nur sporadischen Kontakt. Wir wussten beide nicht so recht, was Sache war. Amys Worte hingegen stimmten mich nachdenklich. Denn vermutlich sollte es genauso sein, wie sie es darstellte. Aber bei Jack und mir herrschte seit Tagen Funkstille. Und es fühlte sich nicht so an, als könnte es je wieder anders kommen. In diesem Moment betrat ein Typ das Café, der eine gewisse Ähnlichkeit zu Jack aufwies. Groß, schlank, schwarzes Haar, markante Gesichtszüge, Schmollmund. Er winkte Amy lächelnd zu, als er sie erkannte, und sie erwiderte strahlend.
„Das ist Will“, sagte sie mit glänzenden Augen. „Er ist ein guter Freund.“ Sie zwinkerte vielsagend.
„Ein Freund oder ein guter Freund?“, forschte ich feixend nach.
„Eine echte Lady schweigt eisern, Ashley.“
Als ich am Nachmittag in mein Cottage zurückkam, nutzte ich die Zeit, um zu häkeln. Was mir anfangs schrecklich langweilig erschien, war inzwischen ein netter Zeitvertreib geworden. Rose war eine begnadete Handarbeiterin gewesen und hinterließ mir kistenweise Sortiment. Obwohl ich zuvor nichts mit Häkelarbeiten am Hut hatte, wurde ich mithilfe eines Tutorials schnell fit. Wahrscheinlich lag es mir im Blut. Bei gedimmtem Kerzenlicht saß ich in der Wohnküche am Esstisch wie Granny früher und versank regelrecht im Häkeln, das mich tiefenentspannte. Mein erstes Werk würde ein einfaches Deckchen werden. Konzentriert nahm ich die Häkelnadel und führte sie durch das hellblaue Garn. Die wiederkehrenden Schritte versetzten mich in eine Art Trance. Ich häkelte mit halben Stäbchen und hatte den Ablauf bald verinnerlicht. Ein Stäbchen, eine Luftmasche, ein Stäbchen in eine Masche häkeln, zwei der Maschen überspringen, in der dritten Masche wieder ein Stäbchen.
Ring!
Ich zuckte hektisch zusammen, als wäre ich soeben von einem Blitz getroffen worden. Murrend sah ich auf. Das Klingeln meines Handys hatte mich aus diesem Hypnose-ähnlichen Zustand geholt und ehe ich mich versah, war ich nicht mehr bei der Sache und machte Fehler. Ich hasste es zwar, mittendrin aufzuhören, doch wenn ich mein Deckchen nicht ruinieren wollte, blieb mir gar nichts anderes übrig. Genervt legte ich das Häkelzeug beiseite und schielte auf das Display. Es war meine Vorgesetzte. Trish. Auch das noch!
„Hallo? Trish?“
„Ashley! Wie schön, dass ich dich erreiche. Wie läuft es in Cornwall?“, ertönte eine schrille Stimme am anderen Ende des Hörers.
Ich lehnte mich zurück. „Einwandfrei.“ Das war nicht gelogen. Ich genoss mein neues Dasein in England und hoffte, es würde nie zu Ende gehen.
„Wie schön. Du weißt ja, dass du trotz allem keinen Urlaub hast, weshalb ich dir heute noch eine Menge Material zukommen lasse, welches du bitte zügig abarbeitest. Die Deadline beträgt zwei Wochen. Der Chef will es so, sorry.“
Ich bejahte und unterdrückte gleichzeitig ein mürrisches Stöhnen. In den nächsten Tagen würde es in Zennor ungewöhnlich warm werden. Ich hatte gehofft, die Tage entspannt am Strand zu verbringen und lange Spaziergänge zu machen. Außerdem wollte ich über eine mögliche Gartengestaltung nachdenken. Doch mit nur einem Anruf schienen sich all meine Pläne wieder in Luft aufzulösen.
„Ashley? Bist du noch dran?“
„Aber ja. Ich kümmere mich darum, schick' es einfach per Mail rüber.“ Ob mir mein Versuch, dabei motiviert zu klingen, von ihr abgenommen wurde?
„Super! Und nochmals: Es ist wichtig, dass der Termin eingehalten wird. Die Firma braucht dringend passende Bewerber.“
Nachdem ich den Auftrag entgegengenommen und mir ein paar Notizen gemacht hatte, plauderten wir noch über Gott und die Welt, als Trish mich urplötzlich abwürgte, weil sie angeblich zu einem Meeting musste. Ich grinste. In meinen Augen lag dieser abrupte Abschied nämlich eher daran, dass Mike soeben in ihr Büro geschlichen kam und Trish die Beine für ihn breitmachte. Eine nie endende Affäre zwischen den beiden, die irgendwann gewiss auffliegen würde und ihnen den Job kosten könnte. Es verstieß nämlich gegen eine altbewährte Regel innerhalb unserer Firma – no Sex in the company!
Als ich mich wieder dem Häkeln widmen wollte, schellte es erneut. Auf dem Display leuchteten Buchstaben auf, die ich besser nicht gelesen hätte. Jack! Ich bekam sofort einen Kloß im Hals, der mir die Luft abschnürte. Wir hatten uns eigentlich darauf geeinigt, auf Abstand zu bleiben. Warum also rief er mich an? War ihm vielleicht bewusst geworden, dass er ohne mich nicht leben konnte?
„Hallo? Jack?“ Stille. „Hörst du mich?“, krächzte ich, gegen den Kloß in meinem Hals ankämpfend.
„Hey Ash.“ Er klang längst nicht so erfreut, wie ich angenommen hatte.
„Hey.“ Dann schwiegen wir. Ich wurde nervös. Wieso sagte er denn nichts?
„Also, warum ich dich anrufe …“, er räusperte sich, als er endlich weitersprach. „Jenna und Taylor werden heiraten.“
„Oh, wow. Das sind wirklich tolle Neuigkeiten.“ Ich war erstaunt. Jenna war Jacks kleine Schwester und Taylor ihre Freundin. Die beiden waren noch nicht sehr lange zusammen, vielleicht ein paar Monate, weshalb mich ihr großer Schritt Richtung Traualtar wunderte. Andererseits freute ich mich, dass ihnen die gleichgeschlechtliche Ehe ermöglicht wurde.
„Wie auch immer, wir sind eingeladen. Du und ich. Es wäre cool, wenn du mich begleitest.“
Ich hielt die Luft an; ein Streit war nun vorprogrammiert.
„Wann ist die Hochzeit?“
„Nächstes Wochenende.“
Ich raunte. „Jack, ich kann nicht einfach so nach Amerika fliegen.“
„Sie ist meine Schwester“, unterbrach er mich harsch.
„Ich weiß und ich mag Jenna. Sehr sogar.“
„Sie will, dass du anwesend bist, egal, wie!“
Ich hielt inne. „Ich kann hier nicht weg. Es gibt einen Deal, an den ich mich halten muss.“
„Es ist nur ein verdammtes Wochenende, Ashley! Das wirst du doch wohl hinkriegen.“
„Jack, ich bitte dich. Ich bin nicht in Kalifornien und kann eben mal schnell nach Phoenix fliegen. So ein Flug von England nach Arizona dauert mit Umsteigen knapp 20 Stunden!“
„Ich weiß“, er machte eine Pause und ich konnte regelrecht hören, wie er verzweifelt nach passenden Argumenten suchte, die mich umstimmen könnten. „Aber du warst für Jenna immer wie eine Schwester.“
„Geht mir genauso. Trotzdem muss ich sie um Verständnis bitten, so leid es mir tut. Ich wäre gerne dabei gewesen.“
„Du lässt sie im Stich?“
Ich wurde sauer. „Es gibt ein Abkommen! Wenn der Notar das Cottage besucht und bemerkt, dass ich abgereist bin, kann ich mein Erbe vergessen! Zudem die Information, dass die beiden heiraten werden, echt kurzfristig ist!“
„Es geht dir ständig nur um dieses blöde Cottage!“ Auch er wurde fuchsteufelswild. „Du wirst hier in Phoenix gebraucht, verdammt noch mal! Was hast du dir dabei gedacht, einfach nach Cornwall zu verschwinden?“
So lief also der Hase. Jack machte mich dafür verantwortlich, dass ich einer einmaligen Chance folgte, statt für ihn alles kopflos hinzuschmeißen. Dieser Moment führte mir schmerzlich vor Augen, in welchem Verhältnis wir wirklich zueinanderstanden.
„Ich denke, wir beide haben uns diesbezüglich nichts mehr zu sagen, Jack. Ich wünsche deiner Schwester und Taylor von Herzen alles Gute und werde ihnen natürlich eine Karte schreiben …“ Kaum hatte ich den Satz beendet, legte er auf.
Ich war stinksauer. Nicht nur wegen Jacks Art und Weise, so ruppig mit mir umzugehen, sondern auch aufgrund der Umstände. Ihm hätte klar sein sollen, dass es mir unmöglich war, für ein paar Tage in die Staaten zu reisen. Insgeheim fragte ich mich, was er eigentlich bezwecken wollte. War es ein Versuch psychischer Manipulation? Sollte ich mich schlecht oder gar schuldig fühlen, ohne ihn in England zu sein? Benutzte er die Hochzeit als Vorwand, um mir durch die Hintertür zu sagen, dass er mein Verhalten zutiefst verabscheute? Dass er mich dafür verurteilte, weil ich in Cornwall war und meinem Herzen folgte, statt bei ihm in Phoenix rumzuhocken? Ich stöhnte und schielte auf mein Häkelzeug. Ich fragte mich, ob ich noch Lust hatte, weiterzuarbeiten, doch als die E-Mail von Trish reinkam, ließ ich es endgültig bleiben. Ich überflog ihr Schreiben und die Anhänge und vernahm im selben Moment eine fette Demotivation, die wie eine Lawine über mich hereinbrach.
Plötzlich klopfte es an die Haustür. Was war jetzt schon wieder los? Vielleicht der Notar? Es wurde mit ihm vereinbart, dass er hin- und wieder vorbeischauen würde. Ich quälte mich also auf, öffnete und schaute hinaus. Was ich dann sah, ließ mich kurzzeitig erschaudern. Ein toter Fisch baumelte an einem Haken – direkt vor meiner Nase. Dahinter erkannte ich Charlie, der meinen verdatterten Anblick zu genießen schien. Er trug wieder seine Gummistiefel, die bis zu den Knien reichten, und ein Regencape, dabei schien draußen die Sonne. Ich verzog angewidert das Gesicht, doch die Schmetterlinge in meinem Bauch waren schon unterwegs, um Erste Hilfe zu leisten, und flatterten tapfer gegen das Unbehagen an.
„Mylady!“ Er grinste.
„Kann ich etwas für Sie tun, Charlie?“, fragte ich verdutzt. Ich wusste, dass mein Auftreten nicht gerade höflich war, doch der Fisch gab mir den Rest. Ich hasste Fisch und meine Laune war seit dem Gespräch mit Jack sowieso im Keller; zudem hatte ich nicht mit einem Überraschungsbesuch von Charlie gerechnet, wenngleich ich mir Schlimmeres vorstellen konnte.
„Ich dachte eher, ich kann etwas für Sie tun“, sagte er und deutete auf den ausgenommenen Fisch am Haken. „Fangfrisch!“ Mir drehte sich bei dem Anblick fast der Magen um.
„Kommen Sie rein“, gab ich tapfer zurück und ging einen Schritt zur Seite. Ich war beeindruckt, als er seine Schuhe und das Cape vor der Tür auszog. Lediglich seine Bitte, den Fisch währenddessen zu halten, war zu viel des Guten, aber ich atmete tief durch und blieb cool. Endlich nahm Charlie den Fisch wieder an sich und warf mir im Vorbeigehen ein Lächeln zu, das meine Knie buttrig weich werden ließ. Dieses undefinierbare, elektrisierende Flattergefühl breitete sich in Sekundenschnelle in meinem Körper aus. Obwohl ich dieses Kribbeln im Bauch nicht zuordnen konnte, dachte ein Teil von mir, dass es dort besser nichts zu suchen hatte.
Als Charlie den Fisch vom Haken nahm und auf meiner Arbeitsfläche in der Küche ablegte, überkam mich das kalte Grauen. Was für ihn das Normalste der Welt war, trieb mich schier in den Wahnsinn. Ich mochte dieses Ding keinesfalls in meinem Haus haben.
„Hätten Sie nicht wenigstens den Kopf abnehmen
können?“, fragte ich und versuchte, nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen. Angeekelt starrte ich in die toten Augen des Fischs.
„Oh, gar kein Problem, der muss sowieso weg.“ Beherzt griff er in seine Umhängetasche, die er lässig über der Schulter trug.
„Was haben Sie vor?“, vergewisserte ich mich, als ich das Messer in seiner Hand erblickte. Er würde doch nicht etwa …?
„Den Fisch seines Hauptes entledigen, Mylady.“
Wenngleich seine Wortwahl vornehm gewählt war, war sein Vorhaben grausam. In meinem Cottage schnitt niemand irgendwelche Köpfe ab. „Vergessen Sie es, Charlie!“
„Die Küchenzeile bietet sich hierfür an, Mylady. Oder sollte ich mit dem Fisch lieber in Ihr Badezimmer gehen?“ Seine smaragdfarbenen Augen schauten schelmisch drein.
„Ihre Bemühungen, lustig auf mich zu wirken, scheitern kläglich.“
Er lachte. „Ihr Amerikaner scheint ja kein humorvolles Volk zu sein.“
„Dieser Ruhm gilt allein den Engländern“, antwortete ich schlagfertig. Vielleicht war ich in mancher Hinsicht amerikanischer, als ich bisher annahm. Mit seinem Wuschelkopf und dem Grübchen sah er jedenfalls umwerfend gut aus und das machte es erträglich.
„Ich dachte, Sie freuen sich über den Fisch.“ Er klang verwundert.
„Wie kommen Sie darauf?“
Charlie hob die Augenbrauen. „Nun, wir wohnen hier direkt am Meer. Viele von uns leben vom Fischfang und dieses Kerlchen ist sogar eine echte Delikatesse in St. Ives.“
„Also, in Arizona …“
„Doch sind wir in Cornwall, Mylady“, fiel er mir ins Wort. „Sehen Sie es als eine Art Willkommensgeschenk. Es gibt vielfältige Arten, den Fisch schmackhaft zuzubereiten. Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen dabei. Möglicherweise ändern Sie Ihre Meinung, wenn Sie erst einmal vom saftigen Fleisch gekostet haben. Was denken Sie?“
Ich nickte stumm. Wie konnte ich ein Gastgeschenk ausschlagen, ohne undankbar oder gar zickig zu wirken? Charlie war bisher meine einzige Bekanntschaft und ich wollte es mir keineswegs mit ihm verscherzen. Es war ohnehin mutig von ihm gewesen, bei mir aufzutauchen, ohne dass wir verabredet waren.
„Danke“, murmelte ich schließlich und beließ es dabei.
Er grinste und wechselte geschickt das Thema. Wahrscheinlich sah er mir an, dass er mit dem Fisch nicht punkten konnte. So kamen wir zügig ins Gespräch und die Stimmung heiterte sich schnell wieder auf. Wir redeten über das Wetter, die Royals, seine Hobbys Surfen und Wandern und Langstreckenflüge. Seine Gegenwart tat mir gut. So gut, dass mein Kummer bezüglich Jack rasch verflogen war. Charlie war lustig und wortgewandt. Er besaß diesen Charme, mit dem er mich federleicht um den Finger wickelte, beabsichtigt oder nicht – es funktionierte. Ich hing an seinen Lippen und lauschte, als er mir von einem Flug nach Kuba erzählte, der gleich zweimal notlanden musste. Die Art, wie er sprach, sich bewegte und artikulierte, machte ihn sehr attraktiv. Kein Wunder; als leidenschaftlicher Surfer verfügte er über eine perfekte Körperbeherrschung, die er nun gekonnt einsetzte. Er sprach voller Begeisterung von seinem Hobby und ich hörte ihm aufmerksam zu. Charlie schaffte es mit seiner Leichtigkeit und Lebensfreude, meinen Fokus wieder zu besänftigen. Jack war derweil gar kein Thema mehr. Je länger wir uns unterhielten, desto mehr fühlte es sich so an, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen.
„Wie alt sind Sie eigentlich, Ashley?“
„23. Und Sie?“
