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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Prima, dass ihr wieder hier seid.« Dominik von Wellentin-Schoenecker, genannt Nicki, schüttelte den Zwillingen Ria und Ruth die Hände. »Und was ist mit mir?«, fragte Volker Isselhorst etwas gekränkt. »Mich kennst du wohl nicht mehr, Nick?« Nick machte eine Verbeugung. »Willkommen auf Sophienlust, mein Herr. Hoffentlich gefällt es Ihnen diesmal bei uns besser als früher. Ich habe dafür gesorgt, dass man Ihnen das beste Zimmer einräumt.« »Bei dir piept's wohl«, lachte Pünktchen. »Das war doch damals nicht Volkers Schuld. Er hatte ganz einfach Sehnsucht nach seinem Vati.« »Wo ist Tante Isi?«, fragte Ria, die immer noch die Wortführerin der Zwillinge war. »Wir möchten ihr sofort guten Tag sagen.« »Sie ist drüben auf Schoeneich. Eure Eltern sind schon hingefahren. Ihr seht meine Mutti dann heute Abend oder morgen früh.« »Dann zeig uns unsere Zimmer.«
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2024
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»Prima, dass ihr wieder hier seid.«
Dominik von Wellentin-Schoenecker, genannt Nicki, schüttelte den Zwillingen Ria und Ruth die Hände.
»Und was ist mit mir?«, fragte Volker Isselhorst etwas gekränkt. »Mich kennst du wohl nicht mehr, Nick?«
Nick machte eine Verbeugung. »Willkommen auf Sophienlust, mein Herr. Hoffentlich gefällt es Ihnen diesmal bei uns besser als früher. Ich habe dafür gesorgt, dass man Ihnen das beste Zimmer einräumt.«
»Bei dir piept’s wohl«, lachte Pünktchen. »Das war doch damals nicht Volkers Schuld. Er hatte ganz einfach Sehnsucht nach seinem Vati.«
»Wo ist Tante Isi?«, fragte Ria, die immer noch die Wortführerin der Zwillinge war. »Wir möchten ihr sofort guten Tag sagen.«
»Sie ist drüben auf Schoeneich. Eure Eltern sind schon hingefahren. Ihr seht meine Mutti dann heute Abend oder morgen früh.«
»Dann zeig uns unsere Zimmer.« Volker strahlte über das ganze Gesicht. Es war noch gar nicht so lange her, dass er einmal recht unglücklich in dem Kinderheim Sophienlust gewesen war, aber inzwischen war allerlei Aufregendes passiert. Vor allem war Gitta Ahlfeld, die er schon damals schrecklich lieb gehabt hatte, inzwischen seine zweite Mutti geworden.
Pünktchen schüttelte missbilligend den Kopf. »Du könntest eigentlich bitte sagen«, erklärte sie. »Oder ist das bei euch zu Hause nicht üblich?«
Ruth legte beschützend den Arm um ihren kleinen Stiefbruder. »Er hat’s nur vergessen, Pünktchen. Schimpf nicht mit ihm.«
Pünktchen lachte. Dass sie auch einen richtigen Namen hatte, war nach und nach völlig in Vergessenheit geraten. Sie hatte so viele lustige Sommersprossen, dass sie eben Pünktchen heißen musste. Und da Nick diesen Namen erfunden hatte, Nick, dem Pünktchens Kinderherz seit eh und je mit ganzer Liebe zugetan war, mochte sie auf diesen Spitznamen auch nicht verzichten.
»Eure Familie ist beinahe wie die von Tante Isi«, stellte Pünktchen jetzt fest. »Drei Kinder und lauter verschiedene Eltern.«
»Das ist Quatsch, wir beide haben dieselben Eltern«, widersprach Ria. »Schließlich sind wir Zwillinge.«
»So meine ich es nicht. Aber Gitta hat euch mit in die Ehe gebracht, und Volker ist der Sohn von seinem Vati, während seine richtige Mutti gestorben ist.«
»Hm – unsere richtigen Eltern sind auch tot«, fügte Ruth leise hinzu. »Gitta hat bloß schon lange für uns gesorgt. Aber wir sagen jetzt Mutti zu ihr. Und in einigen Monaten kriegen wir noch einen Bruder oder eine Schwester.« Dabei wurde Ria ein kleines bisschen rot. Aber sie freute sich so sehr darauf, dass sie es unbedingt erzählen musste.
»Genau wie bei uns«, pflichtete Nick jetzt Pünktchen bei. »Sascha und Andrea sind aus Vatis erster Ehe, ich bin aus Muttis erster Ehe – aber Henrick gehört uns allen zusammen.«
Die Kinder, die vor dem Herrenhaus von Sophienlust gestanden hatten, traten nun ins Haus.
Dr. Gerd Isselhorst und seine Frau Gitta wollten einen längeren Urlaub antreten. Deshalb hatten sie ihre drei Kinder für die Zeit der großen Ferien nach Sophienlust gebracht.
Es gab ein frohes Wiedersehen nach dem anderen. In der Küche mit Magda und bei den Kleinen mit Schwester Gretl; im Büro mit Frau Rennert, der Heimleiterin, und im Neubau mit Wolfgang und Carola Rennert, Sohn und Schwiergertochter der Heimleiterin.
Nach und nach wurde der Trupp von Kindern immer größer, denn natürlich sprach es sich blitzschnell herum, dass die drei Isselhorsts angekommen waren. Malu kündigte sich durch das fröhliche Gebell ihres Bennys an.
Vicky und Angelika, die Schwestern, die sich nur ungern voneinander trennten, kamen Hand in Hand angelaufen.
»Bist du aber gewachsen«, staunte Volker. »Damals warst du kleiner als ich, Vicky. Jetzt hast du mich schon eingeholt.«
»Klar, ich esse doch immer zwei Teller voll.«
»Hm, und vom Pudding sogar drei, wenn sie sie kriegt«, ergänzte ihre ältere Schwester. »Dr. Wolfram sagt, sie muss viel essen, weil sie so wächst.«
Ria leckte sich die Lippen. »Hm, wenn ich an Magdas Cremespeisen und an die Torten denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen.«
»Ich glaube, heute Abend gibt’s Himbeergrütze mit Milch«, verkündete die esslustige Vicky.
Nun wollten die Feriengäste die Tiere ansehen. Habakuk, der Papagei, sträubte das Gefieder und schnarrte unhöflicherweise seinen ganzen Wortschatz an Schimpfworten herunter. »Oller Esel, oller Esel – doofes Mistvieh, doofes Mistvieh«, zeterte er immer wieder.
»Du bist selber ein Mistvieh«, lachte Nick unbekümmert.
»Lieber Habakuk«, flötete der freche Papagei jetzt.
»Man könnte denken, er weiß genau, wie unverschämt er ist«, kicherte Isabel.
»Klar weiß er das«, lachte Nick.
Danach wollten die Besucher zur Huber-Mutter. Aber Nick sagte, dass man nicht mehr einfach zu ihr gehen dürfe, denn sie fühle sich jetzt oft nicht wohl. »Sie erzählt auch nicht mehr so viel wie früher«, fügte er traurig hinzu.
»Du meinst, wir sollten zu ihr gehen, weil sie alles richtig vorausgesagt hat, was mit Vati und Mutti und uns passiert ist?«, fragte Ruth leise.
»Sie weiß immer im Voraus, was passieren wird. Aber sie ist halt alt geworden. Doch ihr kriegt sie schon noch zu sehen. Wenn wir sie stören, schimpft Mutti mit mir.«
Nick war manchmal etwas vorlaut, erstens von Natur aus, zweitens weil er sich in den sogenannten Flegeljahren befand und vor niemandem Respekt hatte – wenigstens fast vor niemandem. Vor seinen Etlern zum Beispiel hatte er doch Respekt, ganz besonders aber vor seiner Mutti. Denise von Schoenecker war eine Frau, deren Sanftheit auch Nick nicht gewachsen war. Außerdem liebte er seine Mutti viel zu sehr, als dass er es fertiggebracht hätte, sie zu kränken. Sein Stiefvater Alexander von Schoenecker, Herr auf dem nahegelegenen Gut Schoeneich, ließ ihm nicht allzu viel durchgehen. Doch da Nick seinen Vati glühend bewunderte und verehrte, wirkten sich die Flegeljahre mehr unter seinesgleichen aus und in gelegentlichen Entgleisungen, die ihm hinterher meist selbst leidtaten.
Nachdem die Feriengäste auch noch die Pferde, die Ponys, die Hunde und alle übrigen Tiere des Gutsbetriebes besichtigt und beim ehemaligen Verwalter Justus guten Tag gesagt hatten, kam der Wagen der Isselhorsts von Schoeneich nach Sophienlust zurück. Der Arzt und seine junge Frau konnten feststellen, dass ihre drei Kinder bereits wieder vollkommen auf Sophienlust zu Hause waren. Fast flüchtig verabschiedeten sich Ria, Ruth und Volker von ihren Eltern.
»Viel Vergnügen, erholt euch gut. Ihr könnt bleiben, solange ihr wollt.«
»Man weiß sie wahrhaftig geborgen und glücklich hier«, sagte Gitta leise, als sie mit ihrem Mann Sophienlust wieder verlassen hatte. »Wir können unsere Reise sorglos und unbeschwert genießen.«
»Dies Sophienlust ist so etwas wie ein Wunder in unserer hektischen Zeit«, versetzte der Arzt nachdenklich. »Frau von Schoenecker hat das Vermächtnis von Nicks Urgroßmutter Sophie von Wellentin wahrhaftig in der schönsten Weise erfüllt. Wer hier zeitweilig oder für immer eine neue Heimat findet, nimmt etwas fürs Leben mit.« Dr. Isselhorst verlangsamte das Tempo des Wagens und küsste seine Frau eilig auf die Wange. »Ich zum Beispiel dich, mein Liebes! Oder sagen wir, Volker seine geliebte zweite Mutti.«
Gitta lächelte versonnen. »Ja, wir haben unser Glück auf Sophienlust gefunden«, erwiderte sie glücklich.
*
»Wer ist nun eigentlich Tante Dagmar?«, fragte Nick.
Ria, Ruth und Volker waren nun schon fünf Tage auf Sophienlust, hatten sich vollkommen eingelebt und fühlten sich pudelwohl und glücklich.
Nick, dem Sophienlust später einmal gehören würde, weil seine Urgroßmutter das so bestimmt hatte, fühlte sich mit allen Kindern, die der Obhut des Hauses anvertraut waren, herzlich verbunden. Jedes Mal, wenn ein Kind Sophienlust für immer verließ, weil es heimkehren oder auch in ein neues Elternhaus gehen konnte, war Nick ein bisschen traurig, denn am liebsten hätte er alle Kinder in der großen glücklichen Familie, die sie bildeten, behalten.
Glücklicherweise blieb die Verbindung zu den Kindern jedoch fast immer bestehen, wie jetzt auch der Ferienbesuch der drei Geschwister Isselhorst bewies. Doch Nicks Anteilnahme – seine Mutter nannte das auch manchmal Neugier – ging so weit, dass er alles über das Leben der eben erst gegründeten Familie wissen wollte. Die Person aber, von der die Zwillinge und Volker am meisten sprachen, war eindeutig Tante Dagmar.
»Das ist Frau Degenhardt, weißt du, die Dame, die Volker damals an der Autobahn gefunden und zu Vati gebracht hat«, erklärte Ria. »Wir mögen sie schrecklich gern leiden. Mutti und Tante Dagmar telefonieren jeden Morgen miteinander. Leider hat Tante Dagmar nicht viel Zeit, wegen der Textilfabrik, die ihr gehört. Sie muss sehr tüchtig sein. Jedenfalls sagt das Vati. Als ihr Mann starb, hat sie die Fabrik allein weitergeführt, und das ist gar nicht so einfach gewesen am Anfang. Sie hat überhaupt viel Sorgen.« Ria seufzte.
»Was für Sorgen?« Wenn Nick etwas herausbekommen wollte, war er gründlich.
»Na, wegen Karina.«
Die Kinder saßen auf der Parkmauer und ließen die nackten sonnengebräunten Beine in der Luft baumeln.
»Ist das ihr Kind?«
»Ja. Aber es ist nicht gesund. Ich glaube, es ist durch einen Unfall passiert. Tante Dagmar spricht nicht gern davon, und wir haben Karina noch nie gesehen. Sie kann nicht gehen. Vati sagt, es ist eine Lähmung. Er muss es ja wissen, weil er Arzt ist. Tante Dagmar kam von einem Besuch bei Karina zurück, als sie unseren Volker an der Autobahn entdeckte.«
»Und wo steckt diese Karina, wenn sie nicht bei ihrer Mutti sein kann?«, setzte Nick seine Erkundungen fort. Er dachte dabei daran, dass er als kleiner Junge auch lange von seiner geliebten Mutti getrennt gelebt hatte. Es war zu dieser Zeit gewesen, bevor das große, unverhoffte Glück mit der Erbschaft eingetreten und auch bevor Denise von Wellentin Alexander von Schoeneckers zweite Frau geworden war. Denn sein richtiger Vater war noch vor seiner Geburt tödlich verunglückt.
»Sie braucht ziemlich viel Pflege und hat einen Rollstuhl. Deshalb muss sie in einem Heim leben, in dem auch andere Kinder mit Lähmungen sind«, gab Ria Auskunft.
Nick wurde ganz blass. »Das muss schlimm sein. Ist es weit weg?«
»Ja, sehr weit – aber es ist das allerbeste Heim, und deshalb hat Tante Dagmar Karina natürlich dorthin gegeben. Aber sie kann sie nicht oft besuchen, und darüber ist sie traurig.«
»Karina auch?«, fragte Nick, dessen gutes Herz sich sofort meldete.
»Ja, Karina auch. Aber man kann nichts machen, denn in der näheren Umgebung von Tante Dagmar gibt es für solche Kinder kein gut geführtes Heim.«
»Blöde Geschichte«, brummelte Nick. »Wirklich saublöd.«
Es war gut, dass Denise von Schoenecker diesen Kraftausdruck nicht zu hören bekam. Sie erfuhr jedoch noch am gleichen Abend am Esstisch von Gut Schoeneich die traurige Geschichte der kleinen gelähmten Karina und ihrer Mutter.
»Da müsste man doch was machen können, Mutti«, sagte Nick mit heißen Wangen. »Schau, wenn ihre Mutter Volker damals nicht in ihrem Auto mitgenommen hätte, hätte ihm sonst was passieren können. Könnten wir Karina nicht nach Sophienlust nehmen?«
»Ein gelähmtes Kind braucht besonders viel Hilfe und Pflege, Nick«, warf Alexander von Schoenecker ein. »Ich finde es sehr nett, dass du dir über Karina Gedanken machst. Es ist sicherlich für die Mutter hart, von ihrem einzigen Kind getrennt zu sein. Andererseits hätte die kleine Karina auf Sophienlust nicht die medizinische Betreuung, die sie sicherlich braucht. Ich könnte mir vorstellen, dass man hofft, dass das Kind durch eine Spezialbehandlung eines Tages wieder gehen kann. Da dürfen wir nicht dazwischentreten, selbst wenn wir es noch so gut meinen.«
Nick schob die Unterlippe vor. »Also weißt du, Ruth hat mir zugeflüstert, dass Karina wahrscheinlich nie wieder gesund wird. Sie hat einen Rollstuhl, und damit muss sie sich abfinden. Schau, den Rollstuhl könnten wir alle abwechselnd schieben. Und in den Ponywagen würde ich sie heben können. Es wäre ein ganz anderes Leben für sie. Du sprichst von medizinischer Betreuung. Dr. Wolfram ist ein guter Arzt. Oder willst du das etwa abstreiten, Vati?« Beinahe kampflustig sah Nick Alexander von Schoenecker an.
»Für Lähmungen und derartige Behinderungen gibt es Fachärzte, Nick«, belehrte Sascha seinen jüngeren Bruder. »Ich bin ziemlich sicher, dass die Dame ihre Tochter ganz bewusst in diesem Heim für körperbehinderte Kinder untergebracht hat, weil dort nämlich die allerbesten Chancen für eine Besserung oder Heilung vorhanden sind.«
»Wie alt ist denn Karina?«, erkundigte sich Andrea interessiert.
»Zehn. Sie soll sehr schlau sein, sagen die Isselhorst-Kinder. Immer die Beste in der Schule und so. Sie haben dort eine richtige Schule für die Kinder in Rollstühlen. Es muss ein trauriges Heim sein. Karinas Mutter ist immer ganz still und bedrückt, wenn sie von dort zurückkommt.«
»Sicher lachen die Kinder auch in diesem Heim, Nick«, tröstete Denise ihren warmherzigen Jungen. »Aber Karinas Mutter kehrt traurig heim, weil sie ihr Kind nicht mitnehmen kann. Ich weiß noch, wie es war, als ich dich immer wieder verlassen musste.«
Nick schluckte ein paarmal. Ihm war ganz elend zumute.
»Wenn man ihr sowieso nicht mehr helfen kann, wäre sie bei uns viel glücklicher, und ihre Mutter könnte jeden Sonntag nach Sophienlust zu Besuch kommen«, verteidigte er hartnäckig seine Ansicht.
»Ich glaube, dass unsere Kinder hilfsbereit sind und Karina es gut bei uns hätte«, räumte nun auch Denise nachdenklich ein. »Aber ob es auf die Dauer durchführbar wäre, kann ich im Augenblick nicht entscheiden. Die Schule wäre ein Problem. Kann sie mit dem Bus in die Stadt fahren? Sie ist zehn Jahre alt, geht also schon ins Gymnasium, wenn sie so klug ist, wie du erzählst. Wir sind mit Hilfskräften auf Sophienlust nicht überreichlich gesegnet …«
»Ach, Mutti – irgendwie würde jeder ein kleines bisschen helfen. Ein Mädchen von zehn Jahren hebe ich spielend in den Schulbus. Und die modernen Rollstühle kann man zusammenklappen. Das habe ich mal im Fernsehen in einem Film gesehen.«
»Möchte wissen, von wem du diese Starrköpfigkeit geerbt hast«, lachte Denise und fuhr Nick über das Haar. »Immerhin steht es uns nicht zu, uns in fremde Angelegenheiten einzumischen. Sollte die Mutter des kleinen Mädchens mit der Frage an uns herantreten, müsste man den Fall gründlich prüfen und einen Arzt fragen, ob so etwas zu verantworten wäre?«
Nick schluckte noch einmal. »Du hältst es also nicht für völlig unmöglich, Mutti, nicht wahr?«, fragte er diplomatisch.
Denise hob die Schultern, und lächelte. »Willst du mich festnageln, Nick? Das ist ausgeschlossen. Die ganze Geschichte klingt ziemlich unwahrscheinlich.«
Nick schwieg ausnahmsweise, aber sein Gesicht drückte dafür umso deutlicher aus, dass er mit dem, was das Gespräch ergeben hatte, nicht ganz zufrieden war.
»Lass dir bloß nicht einfallen, die Huber-Mutter damit zu belästigen, alter Freund«, warnte Sascha seinen jüngeren Bruder und zog dazu eine Grimasse. »Dir ist nämlich alles zuzutrauen.«
»Die Huber-Mutter braucht ihre Ruhe«, warf Denise sofort ein.
»Mein Ehrenwort – ich gehe nicht zu ihr.«
Wenn Nick das sagte, konnte man sich auf ihn verlassen. Dass es ihm schwerfiel, sich keinen Fingerzeig bei der allseits beliebten Huber-Mutter zu holen, wussten seine Eltern und Geschwister sehr wohl.
Damit war das Thema, das den zukünftigen Herrn von Sophienlust so sehr beschäftigte, für den Augenblick abgetan. Jedenfalls glaubten das Alexander und Denise von Schoenecker sowie Sascha und Andrea. Der kleine Henrik aber hatte nicht ganz erfasst, mit welchen Problemen Nick sich beschäftigte, obwohl er die Diskussion eifrig verfolgt hatte.
Doch Nick wurde den Gedanken an Karina Degenhardt einfach nicht mehr los. Er versuchte sich vorzustellen, wie es sei, immer nur in einem Rollstuhl herumfahren zu können und für jede Sache, die man unternehmen wollte, Hilfe zu benötigen. So richtig wollte es ihm nicht gelingen, sich das vorzustellen, denn er war ein gesunder Junge, dem kein Weg zu weit, kein Sprung zu gewagt, kein Baum zu hoch erschien. Aber was es bedeutete, sich immer und immer wieder von seiner Mutti trennen zu müssen – das wusste Nick. Er hatte es auch jetzt noch nicht vergessen, obwohl er nun schon einige Jahre durch das Testament seiner Urgroßmutter mit seiner Mutti glücklich vereint war.
Es war ein warmer heller Sommerabend. Denise und Alexander von Schoenecker wanderten nach dem Abendbrot in der langsam sinkenden Dämmerung durch den Park. Sascha hockte irgendwo über seinen Büchern, Henrik war zu Bett gegangen, und was Andrea trieb, interessierte Nick nicht sonderlich. Sie war jetzt eine junge Dame, wie sie selber behauptete, und er fand das manchmal ein bisschen komisch.
Nick hockte auf dem Fensterbrett seines Zimmers. Das war sein Lieblingssitz, wenn er nachdenken wollte. Die Knie bis unters Kinn angezogen und die Arme um die Beine verschränkt, so konnte Nick stundenlang sitzen und zum Wald hinüberschauen, der sich an dieser Seite des Gutshauses scheinbar endlos ausdehnte. Auf diesem Fensterplatz waren ihm schon manchmal recht gute Ideen gekommen, die er später mit seiner Mutti besprochen und auch verwirklicht hatte. Aber in der Sache mit Karina konnte seine Mutti tatsächlich von sich aus kaum etwas unternehmen. Je gründlicher Nick darüber nachdachte, desto mehr leuchtete ihm das ein.
Plötzlich schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Ich hab’s«, rief er ziemlich laut aus und lauschte dann erschrocken, ob ihn auch niemand gehört habe. Er kletterte vom Fensterbrett ins Zimmer zurück, zog den Vorhang vor das Fenster und schaltete das Licht neben seinem Arbeitstisch ein.
Nick suchte mit dem größten Eifer nach einem anständigen Briefbogen. Leider fand er keinen.
So pirschte er sich die Treppe hinunter und stiebitzte aus dem Schreibtisch seines Vaters zwei Bogen mit dem Aufdruck von Sophienlust, von denen Alexander von Schoenecker selbstverständlich immer einen Vorrat im Hause hatte, falls er für Denise etwas Schriftliches erledigen musste.
Nick nahm zwei Bogen, weil man sich schließlich mal verschreiben konnte. Und so einigermaßen anständig sollte der Brief natürlich auch aussehen. Den Entwurf verfasste er auf ein paar Blättern, die er aus seinem Lateinheft herausgerissen hatte, brauchte aber ziemlich lang, bis das Werk vollendet war. Sorgsam vernichtete er alle Spuren, als er fertig war. Er zerriss seinen Entwurf in winzig kleine Papierschnitzel, damit ihm niemand auf die Schliche kommmen sollte. Dann legte er sich befriedigt und ungewaschen ins Bett.
Die genaue Adresse von Frau Dagmar Degenhardt verschaffte er sich am anderen Morgen rein gesprächsweise beim Ponyreiten von Ria, ohne dass diese dabei etwas von Nicks Plan ahnte.
Das Briefblatt knisterte in Nicks Tasche. Mehrmals sagte er die Adresse in Gedanken vor sich hin, ehe er sich bei Frau Rennert mit Unschuldsmiene einen Briefumschlag erbat.
