Karis magischer Sommer - Åsa Anderberg Strollo - E-Book

Karis magischer Sommer E-Book

Asa Anderberg Strollo

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Beschreibung

Sommer, Spannung, Schweden. Die perfekte Ferienlektüre! So hat sich Kari die lang ersehnten Sommerferien nicht vorgestellt! Statt wie sonst zum Opa nach Spanien geht es diesmal in den Norden Schwedens, wo ihre Mutter ein Häuschen geerbt hat. Dort angekommen regnet es pausenlos, ihre Eltern streiten dauernd und ihre große Schwester ist zickig. Doch dann findet Kari heraus, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Sind sie etwa in einem Spukhaus gelandet? Mit viel Scharfsinn kommt Kari einem spannenden Geheimnis auf die Spur ...

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EPUB

Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Åsa Anderberg Strollo

Karis magischer Sommer

Aus dem Schwedischenvon Annika Ernst

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

1

Mein schlimmster und schönster Sommer begann mit einem Streit.

Es war spät am Abend und ich hörte Mamas und Hakims Stimmen durch die Wand.

»Nie geht es um uns!«

»Aber Anna, ich kann nicht den ganzen Sommer mit euch verbringen.«

»Ich habe Großmutter versprochen, dass wir Svärtan übernehmen, Hakim.«

»Du hast nur leider vergessen, mich zu fragen.«

Sie stritten um ein Häuschen, das Svärtan hieß. Mamas Großmutter Kari – nach der ich benannt bin – war gestorben und Mama hatte ihr altes Zuhause im Wald geerbt.

»Wir haben doch immer von einem Sommerhäuschen geträumt und jetzt haben wir eines, weshalb freust du dich denn nicht?!«

»Weil ich nach diesem anstrengenden Schuljahr müde bin und mich ausruhen will, statt ein altes Haus zu renovieren. Ich möchte in den Ferien in die Sonne, ans Meer nach Spanien. Aber du verlangst, dass wir ein altes Haus im hintersten Winkel von Schweden renovieren!«

Mama ist allein bei ihrer Mutter aufgewachsen. Ihren Vater und dessen Mutter, ihre Großmutter Kari, hat sie erst nach meiner Geburt kennengelernt. Vielleicht interessiert sich Mama deshalb so sehr für Verwandtschaft und all das und ist deswegen auch Geschichtslehrerin geworden. Sie hat ganz einfach zu wenig Altes in ihrem Leben gehabt.

Klar freute ich mich auf die Sommerferien, aber genau wie Hakim wollte ich einen normalen Urlaub. Zu Opa nach Spanien fahren oder auf einen Campingplatz auf der Insel Öland, wo wir Freunde haben, oder in das Sommerhaus von meiner besten Freundin Fanny. Aber Mama plante plötzlich, dass wir in dieses Haus fuhren. Alle vier. Den ganzen langen Sommer.

Hakim klang jetzt flehend: »Ich wünschte, ich könnte deine Freude teilen, Anna. Aber es wäre schön, wenn du auch uns ein bisschen verstehen würdest. Weil weder ich noch Wilma noch Kari wollen …«

Da presste ich mir das Kissen auf die Ohren und lauschte nicht weiter.

2

Am ersten Ferientag saßen wir im Auto.

Ich, unsere Prinzessin, die Hündin Victoria und meine Schwester Wilma mit Kopfhörer und Handy. Und auf den Vordersitzen Mama und Hakim, die sich schon wieder stritten.

»Deine Großmutter ist tot, ihr ist es egal, wo wir unsere Ferien verbringen!«

»Aber es geht doch nicht nur um sie! Es geht auch um mich, ich sehne mich nach einem Sommer in Schweden. In der Gegend, aus der meine Verwandtschaft stammt.«

»Du sehnst dich nach Regen?«

Ich hatte das Feriengeschenk unseres Klassenlehrers auf den Knien. Ein Notizbuch mit einem kleinen Schloss. Alle hatten das gleiche bekommen, wenn auch in unterschiedlichen Farben. Wir sollten darin aufschreiben, was uns in den Sommerferien gefiel, hatte unser Lehrer Emil gesagt.

Meines würde leer bleiben. Das wusste ich.

Ganz einfach, weil es sonnengelb war, kükengelb, glücksgelb und ich hier saß und weiteren Streitereien zuhören musste und dem Regen, der nicht aufhörte, auf das Autodach zu prasseln, als wollte er es zertrümmern. Und Hakim, der brummelte, dass dies erst der Anfang sei, weil wir in die regenreichste Landschaft Schwedens fuhren.

Ich blickte zu Wilma. Wir sind im Moment nicht gerade beste Freundinnen, meine Schwester und ich. Sie ist ein typischer Teenie.

Doch als Mama von Svärtan, dem Häuschen, und dem Sommer erzählt hatte, hatte sie gebrüllt, dass sie zu Matilda ziehen würde, sollten wir sie zwingen mitzukommen.

In dieser Frage waren Wilma und ich also einer Meinung.

Aber jetzt saß sie doch mit im Auto. Dabei ist sie immerhin vierzehn. Wenn man zwölf ist (oder es zumindest bald wird), hat man NOCH weniger zu melden, sofern das überhaupt möglich ist.

 

»Will jemand was essen? Oder aufs Klo? Wir haben schon die halbe Strecke hinter uns.«

Hakim rollte auf eine Tankstelle zu und Wilma hob die eine Seite ihres Kopfhörers zwei Millimeter.

»Was?«

»Ich frage, ob jemand etwas möchte.«

»Vielleicht vier Tickets nach Spanien?« Wilma blickte zu Mama. »Oder jedenfalls drei.«

»Jetzt hör endlich auf!«, fauchte Mama sie an.

»Du hast aber auch gar keinen Humor.« Wilma löste ihren Sicherheitsgurt. »Ich komme mit.«

Hakim und Wilma liefen durch den Regen zum Tankstellenkiosk und Mama und ich blieben zurück.

»Kümmere dich nicht um sie, Mama.«

»Danke, Liebling. Keine Sorge.«

»Aber fahren wir mal wieder nach Spanien? Irgendwann?«

»Na klar. Mach dir keine Gedanken, Kari.« Doch als Mama sich zu mir umdrehte, sah sie aus, als würde sie sich selbst riesige Sorgen machen. »Mir fällt da eine Kreuzstich-Stickerei ein, die in Svärtan in der Küche hängt. Wichtig ist nicht, wie es einem geht, sondern wie man damit umgeht, steht darauf. Das ist buddhistisch.«

»Wichtig ist nicht, wie es einem geht, sondern wie man damit umgeht?«

»Genau. Das war der Lebensgrundsatz meiner Großmutter Kari. Und ich denke, so sollten wir das Häuschen in diesem Sommer annehmen.«

Hm, das klang ja ganz toll.

»Ich meine, wenn es regnet, können wir doch Feuer machen und es trotzdem gemütlich haben! Du wirst den Wald dort lieben, das ist ein richtiger Tausendmeilenwald. Und man kann zu einem Campingplatz radeln, dort gibt es eine Minigolfanlage und einen Kiosk. Außerdem können wir ins Dorf und zur Badestelle fahren. Und Matilda wird kommen und Wilma besuchen. Das wird lustig.«

»Mm.«

Wilmas beste Freundin würde also kommen, aber meine nicht.

Fannys Familie hatte nämlich beschlossen, die Ferien in Holland zu verbringen. Und Mama war offenbar ganz froh, nur einen Sommergast zu haben.

»Aber was ist an dem Häuschen selbst denn gut?«

Immerhin versuchte ich, mich an Urgroßmutter Karis Sprichwort zu halten, oder wie man dieses Gestickte nennen sollte. Ich wollte das Beste aus der Situation machen. An das Positive denken. Mama lächelte mich über die Schulter hinweg an.

»Also, mein Vater ist ja dort aufgewachsen. Und Großmutter Kari, bevor …« Jetzt lachte sie. »He, ich bin da erst einmal gewesen.«

»Stimmt, warum sind wir eigentlich nie hingefahren?«

»Es ist eben eine ganze Strecke bis dorthin. Und Großmutter war schon krank, als ich sie das erste Mal traf. Wir haben uns nur in verschiedenen Seniorenheimen und Krankenhäusern gesehen. Ich weiß, dass sich irgendein alter Mann um das Häuschen gekümmert hat, aber ich kenne ihn nicht …«

»Gibt es da Pferde?«

»Pferde?«

»Oder Waldbeeren oder nette Nachbarn?«

»Nein, das Dorf ist ein Stückchen entfernt.«

»Dann vielleicht eine gemütliche Veranda? Eine Hollywoodschaukel? Kirschbäume?«

»Äh …« Mama dachte eine Weile nach. »Wir können ja Kartoffeln anpflanzen.«

Ich wollte wirklich positiv denken. Ehrlich. Aber dazu brauchte ich etwas, das EINBISSCHEN spannender war als Kartoffeln.

3

Swisch. Es dauerte dreißig Sekunden, um vom einen Ende des Dorfes zum anderen zu fahren. Eine halbe Minute, ich schwör’s, so klein war der Ort. Eine Kirche, ein Lebensmittelgeschäft und einige Häuser, die im Regen kaum zu sehen waren.

Und swosch. Hinter dem Dorf bogen wir auf einen schmalen Kiesweg ab und der Wald legte sich wie eine kalte, nasse Decke um uns. Es war ein so dichter, ungemütlicher Wald, dass man nichts darin erkennen konnte, und wir wurden alle fünf ganz still, sogar Victoria, die sonst im Auto nie die Klappe hielt. Ich schaute aus dem Fenster und spürte, wie sich die Härchen auf meinen Armen sträubten.

Es wird schon irgendetwas Schönes auf der anderen Seite geben, redete ich mir ein. Bald kommen wir aus dem Wald heraus und sehen wieder etwas Schönes, und da ist dann vielleicht auch dieser See, von dem Mama gesprochen hat.

Aber der Weg schien kein Ende zu nehmen, die Scheinwerfer schweiften über regenblanke Baumstämme und Büsche entlang der sumpfigen Strecke. Und das einzige Lebewesen, das ich sah, war eine Kröte, die aus einer Pfütze kroch und uns anstarrte. Tut das nicht! Dreht um!, schien sie leise zu unken, als Hakim vorbeifuhr.

Ich schloss die Augen. Aber das half nicht. Es roch lehmig und ich hörte Äste, die hohl über den Autolack kratzten. Passt auf!, wisperten sie. Seid vorsichtig!

»Schau, Kari, ein geköpfter Zwerg.«

Wilma stupste mich und deutete auf eine Reihe alter Briefkästen auf Pfählen. Einer war neben seinem Pfosten auf den Boden gefallen und das sah in der Tat so aus, als stünde da ein Zwerg von Schneewittchen – ohne Kopf.

Meine Schwester und ich kicherten hysterisch. Bis Hakim vom Weg abbog und das Auto anhielt.

»Jetzt sind wir da, Mädchen!«

»Hier? Sollte da nicht ein Haus stehen …?«

Nie im Leben, dachte ich.

Aber Hakim stieg aus dem Wagen und Mama und Wilma folgten ihm. Sie öffneten und schlossen die Autotüren, klappten den Kofferraum auf und holten die Taschen und Beutel heraus. Mama sagte, dass es zum Glück aufgehört habe zu regnen und sie einen Stern durch die Wolkendecke schimmern sehe. Mit einem Knall schlugen sie den Kofferraum wieder zu.

 

Dann ließen sie mich einfach zurück.

Sie nahmen ihre Taschen und Handys und Victoria und ich saßen plötzlich ganz allein im Auto. Da hockten wir also und sahen, wie sie zwischen den Bäumen verschwanden.

Wenn ich Rentnerin bin, werde ich auch in Spanien wohnen.

Dort gibt es nicht so viel Wald. Und die Sonne scheint und überall sind Leute. Man hört Stimmen und Gelächter und einmal haben wir Delfine gesehen. Opa schwimmt jeden Morgen in einem Pool in der Nähe und dann kauft er Brötchen und die Zeitung in einem Kiosk, der ganz großartige Süßigkeiten hat.

Wenn man Rentner ist, kann das Leben jeden Augenblick zu Ende gehen. Deshalb muss man tun, worauf man Lust hat, sagt Opa. Aus dem Grund kommt er auch nicht mehr nach Schweden, sondern wir fahren zu ihm. Er will einfach nur lesen und Golf und Schach spielen mit anderen alten Männern in karierten Shorts und mit einem Stückchen Papier auf der Nase.

Außerdem hat sein Freund Chimo zwei unglaublich süße Pudel, die man nicht allein lassen kann.

Ich spürte, wie es in meinem Hals brannte vor Sehnsucht nach Opa und den Pudeln. Und vor Angst. Denn wenn man verlassen in einem großen Wald ist, kann das Leben auch jeden Augenblick zu Ende gehen.

Warum?

Ich klappte das Notizbuch auf und schrieb das Wort wütend in riesigen Buchstaben über die ganze Seite. Warum war dieser Ort hier so wichtig für Mama? Und warum hatte Urgroßmutter Mama das Häuschen vererbt? Normalerweise erben doch die Kinder, nicht die Enkel.

Gründe

Ich schmierte quer über eine neue Seite im Buch und starrte dann aus dem Fenster, während ich versuchte, Urgroßmutter Karis Gründe herauszufinden. Aber mir fiel kein einziger ein.

Da kam Hakim zurück, er öffnete meine Autotür und erneut den Kofferraum.

»Kari, komm jetzt!«

Sofort wurde es im Wagen zugig und kalt. Und plötzlich machte Victoria einen Satz über meine Beine hinweg und verschwand nach draußen.

Sie auch! Alle in der Familie verließen mich!

Ich wollte nicht mitkommen, aber auch nicht ganz allein im Auto sitzen bleiben. Daher zog ich an Victorias Halsband, um sie wieder in den Wagen zu zwingen, aber sie sträubte sich. Also nahm ich seufzend meinen Rucksack und stieg aus.

 

Wir gingen einen Kiesweg entlang und dann einen schmalen Pfad durch den Wald. Es regnete wieder und roch nach Pilzen und Lehm und wir folgten dem Pfad einen Hügel hinab. Schließlich sahen wir das Häuschen. Eine Lichtung im Wald und eine dunkle Silhouette in Form eines Hauses. Als wir näher kamen, erkannte ich Mama, wie sie gerade die quietschende Tür aufsperrte. Und dann Wilma, die eine Glühbirne in der Diele anknipste.

Svärtan war eine dunkle und knorrige Hütte. Die Fenster waren klein und blinzelten verkniffen und die Wände waren aus schwarzen Baumstämmen gezimmert. Das Dach hing schwer über den rauen Wänden, die aussahen, als hätte man sie schon tausendmal gestrichen, mit zähem schwarzem Teer. Und der Steinboden unter den Baumstämmen schien aus der Wikingerzeit zu stammen.

Ich griff wieder nach Victorias Halsband und blieb im Regen stehen. Die Hündin hielt ebenfalls an. Aber dann hörte ich das Fiepen von Fledermäusen und stürzte ins Haus.

Natürlich roch die Luft alt und verbraucht, aber im Inneren sah das Häuschen schon besser aus. In der Diele gab es einen ganz gewöhnlichen Steinboden, Garderobenhaken und eine Hutablage. Und in der Küche standen ein Holzofen und ein blauer Schrank, auf dem Boden lag ein Flickenteppich. Von der Küche ging ein Zimmer ab, dessen Tür Mama gerade öffnete.

»Das ist die Mägdekammer, Kari. Hier könnt ihr schlafen.«

Sie deutete auf zwei schmale Betten in dem kleinen Raum und ich nickte. Aber Wilma kam angerauscht und schrie: »Sollen wir uns etwa ein Zimmer teilen? Mein Gott, wie winzig, muss ich das wirklich?!«

Was heißt da ich? Das galt ja wohl für uns beide! Für mich spielte es keine Rolle, bei Opa teilten wir uns ja auch ein Zimmer, aber Wilma klang so verzweifelt, als hätte Mama gesagt, dass Justin Bieber Hodenkrebs habe. Und dann warf sie sich auf das eine Bett, an dessen Fußende ein Tischchen stand.

»Meins!«

Oh Mann. Ich setzte mich auf das andere, das exakt gleich war, und Victoria schnüffelte in einer Ecke und ging dann hinaus. Ich betrachtete die orange gemusterte Tapete, die Betten, die Spitzengardinen und die blauen Paneele an der Decke. Das Zimmer war eigentlich ganz in Ordnung.

»Wir können es neu streichen, Wilma. Wenn du willst … Oder die Gardinen austauschen.«

Mama blickte meine Schwester bekümmert an und sie begannen über Farben und Tapeten zu diskutieren. Ich öffnete meinen Rucksack und packte meine Sachen aus. Plötzlich schnupperte Mama in die Luft.

»Riecht es hier nicht irgendwie komisch?« Sie ging zum Fenster und öffnete es sperrangelweit in den Regen hinaus. »Na dann.«

Ich lächelte sie an.

»Wichtig ist nicht, wie es einem geht, sondern wie man damit umgeht.«

4

»Ist es okay, wenn ich meine Sachen aufs Fensterbrett lege?«

Ich stand mit dem Rücken zu Wilma, die mit dem Handy auf ihrem Bett saß. Ich platzierte meinen Spiegel, die Haarbürste und die Büchereibücher in einer Ecke am Fensterrahmen.

»Weil du ja den Tisch hast, meine ich.« Das Notizbuch und das Schlampermäppchen verstaute ich unter dem Bett, und da Wilma immer noch nicht antwortete, drehte ich mich um.

»Wilma, ist es …«

Ich japste erschrocken auf. Das Zimmer war leer. Wilma war weg.

Stumm setzte ich mich auf das Bett und blickte auf die Gardinen, die im Wind tanzten, und auf den Regen, der wie ein Vorhang dort draußen aussah. Was war das hier für ein Ort? Mitten im Wald, ein dunkler Garten und ein schwarzes, düsteres Häuschen. Dazu dieser Name. Svärtan. Schwärze. Das klang irgendwie Unheil verkündend.

Ich stand auf und pfiff nach Victoria. Ein schwarzes Häuschen in einem dunklen Wald. Wahrscheinlich hieß es wegen der mit Teer behandelten Baumstämme so, versuchte ich mich zu beruhigen. Nein, hier war nichts merkwürdig, nichts gefährlich.

»Victoria?«

Ich ging in die Küche hinaus. Victoria war normalerweise immer an meiner Seite, und sonst kam sie, wenn ich sie rief. Aber jetzt nicht. Ich pfiff noch einmal. In der Küche war sie nicht. Und auch nicht im Wohnzimmer oder im Bad.

Aha. Auf der Treppe. Draußen im Regen.

»Was machst du hier?!« Ich zog an ihrem Halsband, damit sie wieder mit ins Haus kam. »Na, mach schon!«

Aber nein. Victoria wollte absolut dort sitzen bleiben, wo sie saß. Dummer Hund! Ich ließ das Halsband los. Was hatte sie bloß?

Und was war mit mir los? Warum bekam ich Angst, weil der Hund unbedingt auf der Treppe hocken wollte?

 

Ich ging in Mamas und Hakims Schlafzimmer. Hakim kniete vor dem Heizkörper und zuckte zusammen, als ich hereinkam.

»Was machst du da? Oh, entschuldige! Habe ich dich erschreckt?«, fragte ich.

»Nein, ich habe dich nur nicht gehört. Aber ich versuche, uns etwas Wärme zu verschaffen. Und du? Ist die Mägdekammer für euch in Ordnung?«

»Klar. Prima.«

Ich setzte mich auf das Doppelbett, fuhr aber in die Höhe, als plötzlich Blut über Hakims Hände und seinen Pullover spritzte. Es sah dünner aus als gewöhnliches Blut, aber es spritzte ihm auch ins Gesicht und er wandte sich ab und prustete.

Panisch schrie ich auf und Hakim versuchte, das Spritzen abzustellen, aber zwei Hände reichten nicht aus, es hörte einfach nicht auf. Da war wirklich überall Blut!

Hakim brüllte, ich solle das Rohr halten, und rannte in die Küche. Aber ich wollte nicht allein sein in diesem Blutbad, also raste ich hinterher. Und Hakim kam mit Klebeband zurück, presste die Rohrenden zusammen und wickelte das Band darum, während er das Gesicht abwandte.

»Was ist das für Zeug?!«

Hakim eilte erneut in die Küche, um einen Lappen und einen Eimer zu holen, und ich lief ihm wieder nach. Mein Herz hämmerte in meiner Brust und ich konnte kaum atmen.

»Das ist Rost. Im Heizkörper muss Wasser gewesen sein und er ist über den Winter verrostet.«

Rost? Ich schnupperte an meinen Händen und erkannte den Geruch wieder.

»So etwas passiert in alten Häusern, die Heizkörper verrosten.«

»Was machen wir dann jetzt?«

»Stattdessen den Ofen einheizen. Und das Rohr muss ausgetauscht werden.«

Ich nickte, fühlte mich aber immer noch ganz zittrig und elend. Hakim wischte die letzten Spuren im Schlafzimmer auf und ich blieb ihm auf den Fersen. Plötzlich drehte er sich um.

»Was hast du denn, Mädchen? Du siehst ja aus, als wäre dir ein Gespenst begegnet.«

»Ein Gespenst …«

Ich starrte ihn an. Warum sagte er so etwas?

5

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, goss es noch immer in Strömen. Nach dem Frühstück fand ich meine Schwester im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie saß vollkommen still da und starrte durch das Fenster auf den Regen. Ohne Fernseher, Kopfhörer, Handy, CD, Zeitung oder Buch auf den Knien.

»Was machst du?« Ich flüsterte. »Bist du krank?«

»Nein, noch nicht.« Sie warf mir einen Blick zu. »Aber ich weiß nicht, ob meine Seele hier sterben wird oder ob wir bei all dem Regen verrotten werden. Was glaubst du?«

»Wie?« Ich setzte mich neben sie auf das Sofa. »Bist du etwa draußen gewesen?«

»Nein, aber hier gibt es kein WLAN! Außerdem hat Hakim das Ladekabel fürs Handy. Und anständiges Fernsehen gibt es hier auch nicht, echt nur Provinzkanäle!«

Ihre Stimme klang ganz zittrig und ihre Augen wurden feucht, als sie auf den klobigen Fernseher vor uns deutete.

»Und das Zweite rauscht.«

»Aber das ist doch nicht so …« Ich versuchte, die passenden Worte zu finden. »Wir sind doch erst gestern Abend angekommen.«

»Darum geht es nicht!« Sie warf die Arme in die Luft und seufzte. »Ich verpasse mein Leben hier, meine Jugend, die vielleicht wichtigste Zeit, in der alles eigentlich nur super sein sollte.«

Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf.

»Aber für dich ist das anders, du bist klein.«

»Das ist es gar nicht. Ich will auch nicht hier sein!«

»Ja, ja …« Sie wedelte mit der Hand vor meiner Nase herum. »Kannst du jetzt gehen? Ich will meine Ruhe haben.«

 

Ich ging. Es machte mich traurig, wenn meine Schwester so mit der Hand fuchtelte und sagte, dass ich klein sei. Ich füllte Victorias Schüsseln mit Wasser und Futter und dachte, dass mich die Hündin trösten würde. Bei dem Geräusch kommt sie immer angelaufen, mit wedelndem Schwanz und glücklichen Augen, und genau das brauchte ich jetzt. Aber sie erschien nicht.

Hörte sie es nicht?

»Es gibt Essen, Victoria!«

Ich ging auf die Vortreppe hinaus. Dort saß sie.

»Du lief Futter in der Küche! Komm, komm! Bist du denn nicht hungrig?«

Sie roch nach nassem Hund und ihr Fell war ganz lockig. Trotzdem weigerte sie sich, mit ins Haus zu gehen. Hatte sie die ganze Nacht hier draußen verbracht?

Ich beschwerte mich bei Hakim, der sich in der Küche über eine auf der Bank ausgebreitete Karte beugte.

»Victoria hat ja schon gestern Abend dort gesessen!«

»Sollen wir einen Ausflug machen, Kari? Hier in den Wäldern gibt es vorgeschichtliche Stätten und Wikingergräber.«

»Aber es regnet doch? Und Victoria will nicht reinkommen!«

»Hm. Vielleicht ist es für sie spannend, draußen zu sitzen.«

»Ja, klar, sie mag das sicher total …«, entgegnete ich ironisch. Als ob unser Hund gern im Regen säße! Aber Hakim hörte mir gar nicht zu. Gerade wollte ich ihn fragen, was mit ihm los war – als ich etwas Neues, Merkwürdiges entdeckte.

»Ist das hier eine Luke?«

Genau da, wo ich stand, war eine Spalte im Boden. Ich schob den Flickenteppich beiseite und stellte fest, dass die Ritze am Boden ein Quadrat bildete. Tatsächlich, eine Luke! Mit schwerem Vorhängeschloss.

»Was ist da unten?« Ich trat einen Schritt zur Seite und zog an dem Beschlag und dem Schloss. Dann starrte ich Hakim an.

»Weshalb ist sie verschlossen?«

»Das ist ein ganz gewöhnlicher Erdkeller, Kari.«