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Karl Klammer war mit seinen Übersetzungen von François Villon und Arthur Rimbaud ein Wegbereiter des Expressionismus im deutschen Sprachraum. Durch diese zwei Bücher hat auch Bertolt Brecht die damals kaum bekannten französischen Autoren kennen und schätzen gelernt. Der Plagiatsstreit rund um die Dreigroschenoper, entfacht von Alfred Kerr, wurde laut Klammer in finanzieller Hinsicht gütlich bereinigt. Von der ersten Abrechnung der deutschsprachigen Bühnenrechte kaufte er seiner Frau einen kleinen Weingarten und ließ einen "Dreigroschentropfen" keltern. Aber die Filmrechte blieben unerwähnt. Brecht war nach außen hin ein kaltschnäuziger Plagiator, der sich seiner "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" rühmte und auf sein Konzept der "Intertextualität" pochte: Zitate aus alten Werken anonymisiert in einen neuen Rahmen zu stellen. Gegenüber Klammer zeigte sich Brecht allerdings als reuig und war um Wiedergutmachung bemüht. In diesem Buch werden erstmals die Briefwechsel zwischen Klammer und Brecht sowie Klammer und Kerr veröffentlicht, zugleich auch Klammers umfangreiche Korrespondenz mit Stefan Zweig, in der die beiden sogar ihre Erfahrungen mit der "Maladie" austauschten: "Auch meine war natürlich von einem 'anständigen Mädchen'." Warum wurde Zweig letztlich zu einem Feindbild Klammers? In einem Brief vermerkte er, dass er mit Zweig "aus rassischen Gründen" gebrochen habe. In hohem Alter war Klammer dann mit Felix Braun eng befreundet, mit genau jenem Felix Braun, der Zweigs exhibitionistische Eskapaden in Wiener Parks mit einer nur schwer zu übersehenden Andeutung literarisch verarbeitet hatte. Das Buch ist auch die Lebensgeschichte eines vergessenen Österreichers, der die Zeit vom Zusammenbruch der Monarchie bis zum Wiederaufbau in den 1950er Jahren erlebte. Er war als Dragoneroffizier in Ostgalizien, dicht an der Grenze zu Russland, ein genialer Übersetzer französischer Lyrik, später führte er als geschäftsführender Gesellschafter den kartografischen Verlag Freytag & Berndt durch zwei Diktaturen. Als überzeugter Altösterreicher hasste er die Deutschnationalen und weigerte sich der NSDAP beizutreten. Brecht war für ihn allerdings ein "Mordsbolschewik" - es war auch die Zeit des Brecht-Boykotts an Wiener Bühnen. Rahmenhandlung des Buches ist Wolf Biermann: Er hatte bei einem Liederabend in Wien den Anstoß gegeben, die genaue Lage des Weingartens zu erkunden. Robert Sedlaczek zeigt, in welch hohem Maße Biermann von Villon und von Brecht beeinflusst war.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Karl Klammer (1879-1959)
Wie die Recherche begann
Kerr deckt auf, dass es Brecht verabsäumt hat, „den treuen Dolmetsch K. L. Ammer“ zu nennen
Die Suche nach der „Klammer-Riede am hohen Eck ob Grinzing“
Carl Hocheneggs Bruder als Vorlage für Dr. Ebenwald in Schnitzlers Professor Bernhardi
Wer besitzt die Klammer-Rechte?
Klammer übersetzte schon als Jugendlicher französische Lyrik
Der „dichtende Reiteroffizier in Polen“ erzählt
Lernet-Holenia diente im Regiment des reitenden Dichters
Klammer heiratet Gretel Hochenegg, die Liebe seines Lebens
Karl Kraus ergreift Partei für Bert Brecht
Brechts Singender Steyrwagen: ein Gedicht mit der Erzählperspektive von Das trunkene Schiff
François Villon. Des Meisters Werke– die Erstausgabe aus dem Jahr 1907
K. L. Ammer – ein durchsichtiges, aber gelungenes Pseudonym
War Brecht ein reueloser Plagiator?
Im Dickicht der Städte– Klammer und Zweig als Ideenvermittler für Brecht
Karl Klammer und Stefan Zweig – eine Männerfreundschaft geht zu Bruch
Klammer wird geschäftsführender Gesellschafter von Freytag & Berndt
Karl Klammer und Josef Weinheber – Lyrik verbindet
Hans Fronius illustriert Das große Testament von Villon und die Bettelsängerin von Corbière
Tod, Begräbnis und Nachrufe
Das trunkene Schiff: ein Blick in die Übersetzerwerkstatt Karl Klammers
Siegfried Unseld über Klammers Bedeutung für Die Dreigroschenoper
Eine Recherche von Wien über Marbach nach Berlin
Nachwirkungen und Einschätzungen: Klammer als Wegbereiter des Expressionismus
Paul Zech schreibt von Klammers Rimbaud ab und veröffentlicht eine „Nachdichtung“ Villons
Der Dreigroschenweingarten hat auch eine Zukunft
Wolf Biermann – ein Nachgeborener Bert Brechts und als Villon „der Mann mit der Harfe“
Die Buchdeckel zu und alle Fragen offen
Zeittafel zur Geschichte Österreichs
Zeittafel zur Person Karl Klammer
Die Rekonstruktion des Plagiatsstreits
Zitate einer Ausstellung
Zum Weiterlesen
Danksagungen
Wolf Biermann im Stadttheater Walfischgasse, eine kleine Spielstätte in der Wiener Innenstadt, unweit des Stephansdomes. Der linke Liedermacher ist erstaunlich jung geblieben, ein Entertainer, er hat sein Publikum sofort fest im Griff. Zwischen den Liedern Gescheites und Amüsantes.
Biermann referiert die Geschichte des Plagiatsstreits zwischen Bertolt Brecht und dem österreichischen Übersetzer Karl Klammer, soweit dieser Streit damals bekannt war.
Der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr1 hatte aufgedeckt, dass Brecht in der Dreigroschenoper einige von Klammer übersetzte François-Villon-Texte wortwörtlich übernommen hatte, ohne den Übersetzer zu nennen. Am Ende kam es mit Brechts Bühnenverlag zu einer gütlichen Einigung. Sie sah vor, dass Klammer, der seine Übersetzungen unter dem Pseudonym K. L. Ammer veröffentlicht hatte, honorarmäßig abzugelten sei. Aus der ersten Abrechnung kaufte sich Klammer einen Weingarten im Wiener Weinbauort Grinzing und etikettierte den aus den dortigen Trauben gekelterten Wein als Dreigroschentropfen.
So weit, so bekannt. Aber Wolf Biermann wollte mehr wissen. „Kann mir jemand von euch sagen, wo sich dieser Weingarten befindet?“ Schweigen im Publikum. „Wenn ich wieder nach Wien komme, würde ich diesen Ort gerne aufsuchen.“
Ich treffe nach der Veranstaltung Wolf Biermann im Foyer. Wir reden über die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine und über die Gefahr eines Weltkriegs. Biermann hat die Kopie eines selbst verfassten Theaterzettels an die Besucher verteilt. Dort wird unter anderem das Kriegslied von Matthias Claudius zitiert, „ein Stoßgebet in tiefer Not“:
’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!
Weiter heißt es auf Biermanns Theaterzettel: „Putin nennt seine Okkupation der Ukraine ,eine militärische Friedensmission gegen ein paar ,drogenabhängige NATO-Faschisten in Kiew’. Das Wort Krieg ist verboten, es kostet seine Bürger in Russland Knast.“ Das erinnere an Walter Ulbrichts Wort: „Niemand hat die Absicht, in Berlin eine Mauer zu bauen.“ Als die DDR-Mauer errichtet war, habe er verlangt, das Volk solle sie im Orwellschen Neusprech „Antifaschistischer Schutzwall“ nennen.
Biermann signiert mein Exemplar, die Unterschrift ist in Spiegelschrift, eine Eigenheit des Lyrikers und Sängers
Er gibt mir seine private E-Mail-Adresse. Bei der Verabschiedung verspreche ich ihm, den Weingarten aufzuspüren. So schwierig wird es wohl nicht sein..2
Zu Hause angekommen, halte ich den Theaterzettel vor einen Wandspiegel und lese:
Für Robert Wolf B. 25. III. 2022
Es ist der Beginn einer dreijährigen Recherche.
Zunächst will ich wissen, wie und wo Alfred Kerr den Plagiatsvorwurf erhoben hat. Es war ein Beitrag im Berliner Tageblatt vom 3. Mai 1929, er trägt den Titel „Brecht Copyright“.
Berliner Tageblatt vom 3. Mai 1929, Seite 3, abgerufen auf zefys.staatsbibliothek-berlin.de
Es ist ein unspektakulärer Beitrag, ein Zweispalter links unten, mit der unspektakulären Überschrift „Brecht Copyright“, und genau dieser Beitrag hat zu einem der spektakulärsten Plagiatsfälle der Literaturgeschichte geführt.
Kerr hat wieder einmal die Absätze mit römischen Zahlen durchnummeriert, seine Theaterkritik sieht dadurch wie ein Gesetzestext aus. Er beginnt mit dem Hinweis, dass die Dreigroschenoper demnächst wieder aufgeführt werden wird.
Die hübsche Dreigroschenoper, getragen von Weills ausgespart-lockender Musik, entschlief nicht für immer: Im wunderschönen Monat Mai soll sie zu neuem Dasein erwachen. Sie ist ein Werk Brechts, das John Gay vor zweihundert Jahren schrieb. Für die eingelegten Balladen zeichnet Brecht ebenfalls. Er hat sie nun bei Kiepenheuer herausgegeben. Doch bei wem hat er sie herausgenommen? Sind leichte Verse der Erholung. Brecht spannt aus. Aber wem?
Die Uraufführung der Dreigroschenoper hatte am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin stattgefunden. Literarische Vorlage war The Beggar’s Opera von John Gay und Johann Christoph Pepusch. Auf den Stoff war Brechts Mitarbeiterin und Geliebte Elisabeth Hauptmann gestoßen; sie hatte Presseberichte über die erfolgreiche Wiederaufführung von Beggar’s Opera gelesen, das Stück übersetzt und Brechts Interesse für dieses Werk geweckt. Gemeinsam erarbeiteten sie eine erste Textfassung.
Erst Monate nach der Uraufführung, und zwar im Jahr 1929, erschien Brecht. Die Songs der 3-Groschenoper – ein unscheinbares Heftchen in Kleinformat, 26 Seiten dünn, kein Vorwort, kein Nachwort, Preis: 60 Pfenning. Ausgangspunkt des Plagiatsvorwurfs war diese unspektakuläre Veröffentlichung – und nicht jener Theatertext, der Basis für die Uraufführung der Dreigroschenoper gewesen war.
Brecht. Die Songs der Dreigroschenoper, Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 1929.
Wie so oft bei Brecht kam es gleich nach der Premiere zu Kontroversen: Brecht ein Plagiator?
Kerrs einleitende Formulierung „ein Werk Brechts, das John Gay vor zweihundert Jahren schrieb“ deutet schon darauf hin, worauf er hinauswill.
Am 1. September des Vorjahres hatte Kerr im Berliner Tageblatt die Premiere des Stücks zwar lau, aber doch positiv rezensiert:
Kaum heimgekehrt, bewundert man als Provinzler das Theater von Berlin: Mit Brecht. […] Wie das alles klappt. Wie Erich Engel, Einrichter des Abends, das etwas lange Stück (bis halbe zwölf ) zu kirren weiß. Wie fast andauernd Unterhaltendes vorfällt. […] Brecht, Jazz, Volkstexte, von Weill durchtrieben gesetzt. Inhalt von 1728. Kleidung von vielleicht 1880. […] Wollen Sie, so haben wir ein neues Drama oder einen angenehmen Zwischenfall.
Doch dann hat Kerr das gerade bei Gustav Kiepenheuer erschienene Heftchen Brecht. Die Songs der Dreigroschenoper zur Hand genommen, Kerr blätterte darin und entdecktes Ungeheuerliches: „Manchmal steht unter einer Ballade schlicht ,Nach F. Villon‘. Das ist alles.“ Kerr war empört, dass der Übersetzer unerwähnt blieb.
Brecht hat Verse von Villon kaum gesehn. Es gibt aber deutsche Verse des Villon in der Übertragung durch den treuen Dolmetsch K. L. Ammer. Dessen Arbeit ist verschollen, vergriffen, im Buchhandel nicht zu haben.
Kerr hatte sich wohl ein Exemplar des 1907 erschienenen oder des 1918 wiederaufgelegten Buches besorgt – oder er hatte eines im Regal stehen. Kerr konnte vergleichen.
Ich bringe in der Folge Kerrs Beispiele, ergänzt um einige weitere Belegstellen. Sein eingereichtes Manuskript ist offensichtlich von der Redaktion aus Platzgründen gekürzt worden. So fehlt beispielsweise in der „Abbitte“-Ballade die zweite Strophe beginnend mit „Nicht so die Polzistenhunde/Wachsoldatenhunde“ und ferner der bedeutsame „Schlusschoral“, den Brecht eins zu eins übernommen hat. Kerr ließ daher am Ende des Beitrags die Worte „In dieser Art“ setzen.
Zum Verständnis der linken Spalte (Bert Brecht): Kerr zitiert nach dem 26-seitigen Heftchen Die Songs der Dreigroschenoper, dies ist die erste Seitenangabe; im Anschluss findet sich in Klammer der Hinweis auf die Stelle in der zurzeit im Handel erhältlichen Ausgabe der Dreigroschenoper in der Edition Suhrkamp.
Zum Verständnis der rechten Spalte (Karl Klammer): Die erste Belegstelle stammt aus François Villon/des Meisters Werke, Julius Zeitler, 1907, bzw. Hyperion 1918 – so zitiert Alfred Kerr. Die folgende, in Klammer gesetzte Zahl ist der Verweis auf die Stelle in dem Reclam-Band Die sehr respektlosen Lieder des François Villon. Diese Leipziger Ausgabe war weit verbreitet, und sie ist heutzutage in Antiquariaten erhältlich.
Brecht, Seite 16 (59)
Klammer, Seite 87 (71)
Die Ballade vom angenehmen Leben
Ihr Herren, urteilt jetzt selbst, ist das ein Leben? Ich finde nicht Geschmack an alledem. Als kleines Kinde schon hörte ich mit Beben: Nur wer in Wohlstand lebt, lebt angenehm.
Ballade vom angenehmen Leben
Ihr Herrn, urteilt selbst, was mehr mag frommen! Ich finde nicht Geschmack an alledem Als kleines Kind schon hab ich stets vernommen: Nur wer im Wohlstand schwelgt, lebt angenehm.
Kerr vermerkt, dass Brecht in der vorletzten Zeile das Wort Beben eingefügt hat, um den Rhythmus zu verbessern. Klammer: „als kleines Kind schon hab ich stets vernommen“, Brecht: „als keines Kinde schon hörte ich mit Beben“.
Die letzte Zeile wird später oft als Beispiel dafür gebracht werden, dass Brecht die Übertragungen Klammers in einigen Fällen verbessert hat. Ich möchte hier die komplette Urstelle wiedergeben, was Kerr nicht getan hat: Lors je congneus que, pour deuil appaisier, / il n’est tresor que de vivre a son aise – (wörtlich: Da sah ich, dass es, um die Trauer zu besänftigen / keinen anderen Schatz gibt, als ein bequemes Leben zu führen). Klammer entfernt sich recht weit vom Original, trifft aber den Sinn der Urstelle: „Da löst sich für mich das Glücksproblem: / Nur wer im Wohlstand schwelgt, lebt angenehm“. Brecht ersetzt schwelgt durch lebt: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.“ Er gibt dem Spruch damit jene Form, mit der er später in den deutschen Zitatenschatz Eingang finden wird.3
Brecht, Seite 16 (59)
Klammer, Seite 87 (70)
Die Ballade vom angenehmen Leben
Kein Vögelchen, von hier bis Babylon Vertrüge diese Kost nur einen Tag.
Ballade vom angenehmen Leben
kein Vögelchen, von hier bis Babylon vertrüge diese Kost nur einen Tag.
Die Urstelle lautet: Tous les oyseaux d’icy Babiloine / a tel escot une seule journée /ne me tendroient, non üne matinée. Das in der Urstelle verwendete escot (heutiges Französisch écot) bedeutet „finanzieller Beitrag zu einem gemeinsamen Mahl“, im mittelalterlichen Französisch aber auch „Festmahl“. Die neueren Editionen ziehen escolle vor, also école (Schule). „Von hier bis Babylon“ bedeutet „auf der ganzen Welt“.
Tous les oiseaux d›ici à Babylone A telle école / escot ne me tiendraient Une seule journée, pas même une matinée. (Modernisierte Fassung)
Zu deutsch:
Alle Vögel der Welt (von hier bis Babylon) würden mir bei dieser Schule / bei einem solchen Festmahl nichteinen einzigen Tag durchhalten, ja nicht einmal einen Vormittag.
Die Rede ist von einer Kost, die aus Brot und Wasser besteht, die Ballade ist als Kritik an der Glorifizierung des asketischen Lebens zu verstehen.4
Brecht, Seite 25 (94/95)
Klammer, Seite 22 (21–22)
Ballade, in der Mcheath jedermann Abbitte leistet
Grabschrift in Form einer Ballade, die Villon für sich und seine Kumpanen gemacht, als er erwartete, mit ihnen gehängt zu werden
Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt Lasst euer Herz nicht gegen uns verhärten
Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt lasst euer Herz nicht gegen uns verhärten
Ihr Menschen, lasst euch uns zur Lehre sein, Und bittet Gott, er möge uns verzeihn.
Drum, Brüder, lasst euch dies zur Lehre sein, Und bittet Gott, er möge uns verzeihn!
Kerr: „Die Urwendung heißt: ,Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre‘ (Aber betet zu Gott, dass alle freigesprochen werden), von Ammer geschickt übertragen durch ,Und bittet Gott, er möge uns verzeihn‘, hier macht Brecht eine Fortsetzung, die Bärten auf verhärten reimt, nämlich: ,Und lacht nicht, wenn man uns zum Galgen hebt, ein dummes Lachen hinter euren Bärten.‘“
Brecht, Seite 24 (87, 89)
Klammer, Seite19-20 (20-21)
Ruf aus der Gruft, Mac singt
Nun hört, die Stimme, die um Mitleid ruft Macheath liegt hier nicht unterm Hagedorn Nicht unter Buchen. Nein, in einer Gruft Hierher verschlug ihn des Geschickes Zorn.
Epistel an seine Freunde in Balladenform
Nun hört, die Stimme, die um Mitleid ruft Villon liegt hier nicht unterm Hagedorn Nicht unter Buchen, nein, in einer Gruft Hierher verschlug ihn des Geschickes Zorn.
Die dicksten Mauern schließen ihn jetzt ein
und dicke Mauern schließen ihn fest ein
Ach, seine Zähne sind schon lang wie Rechen Wollt ihr, dass seine Marter ewig währt?
und seine Zähne sind so lang wie Rechen Ich wollt, dass seine Marter ewig währt?
Kerr bemerkt dazu: „Ob Macheath oder Villon ruht, unter Kameraden egal.“
Brecht, Seite 25-26 (95)
Klammer, Seite100 (87)
Ballade, in der Macheath jedermann Abbitte leistet
Ballade, in der Villon jedermann Abbitte leistet
Die Mädchen, die die Brüste zeigen, Um leichter Männer zu erwischen Die Lumpen, Huren, Hurentreiber, Die Tagediebe, Vogelfrei’n Die Mordgesellen, Abtrittsweiber Ich bitte sie, mir zu verzeihn
Die Mädchen, die die Brüste zeigen, um leichter Männer zu erwischen die Lumpen, Dirnen, Hurentreiber, die Tagediebe, Vogelfrei’n Die Mordgesellen, Gauner, Räuber Ich bitte sie, mir zu verzeihn
Nicht so die Polizistenhunde Die jeden Abend jeden Morgen Nur Rinde ließen meinem Munde Auch sonst verursacht Müh’n und Sorgen Ich könnte sie ja jetzt verfluchen Doch will ich heute nicht so sein. Um weitere Händel nicht zu suchen Bitt ich auch sie, mir zu verzeihn.
Nicht so die Wachsoldatenhunde die jeden Abend, jeden Morgen nur Rinde ließen meinem Munde auch sonst verursacht Müh’n und Sorgen ich möchte gerne sie verfluchen obgleich ich sterbenskrank. Allein um weitre Händel nicht zu suchen bitt ich auch sie, mir zu verzeihn.
Brecht hat in diesem Fall vierzehn Verszeilen mit nur geringfügigen Änderungen übernommen.
„Huren“ statt „Dirnen“, auch wiederum mit der Absicht, eine verstärkende Wortwiederholung herbeizuführen: „Lumpen, Huren, Hurentreiber“, statt Klammers „Lumpen, Dirnen, Hurentreiber“. Klammer war meist bemüht, Wortwiederholungen zu vermeiden, Brecht nicht.
Außerdem ersetzt Brecht „Wachsoldatenhunde“ verallgemeinernd durch „Polizistenhunde“.
„Abtrittweiber“ verbessert den Reim zu „Hurentreiber“; Klammer reimt „Räuber“ auf „Hurentreiber“. Dies geht nur dann, wenn Räuber nach den Grundsätzen des Wiener Dialekts ausgesprochen wird: Reiwa – Huandreiwa.
Brecht, Seite 15-16 (55)
Klammer, Seite (75)
Die Zuhälterballade
In dem Bordell, wo unser Haushalt war. (3 Mal)
Ballade von Villon und der dicken Margot
in dem Bordell, in dem wir beide hausen. (3 Mal)
Hier geht es um die Schlusszeile der drei Strophen. Das deutsche Wort „hausen“ war ursprünglich nicht abwertend gemeint, sondern wurde im Sinn von „wohnen“ verwendet. Brecht wollte offensichtlich die heutige Bedeutung „unter schlechten Wohnverhältnissen leben“ vermeiden und entschied sich für „wo unser Haushalt war“.
Brecht, Seite 26 (96)
Klammer, Seite110 (88)
Geleit
Man schlage ihnen ihre Fressen Mit schweren Eisenhämmern ein, Im Übrigen will ich vergessen, Und bitte sie, mir zu verzeihn.
Geleit
Man schlage ihnen ihre Fressen mit schweren Eisenhammern ein. Im Übrigen will ich vergessen, und bitte sie, mir zu verzeihn.
In diesem Fall hat Brecht vier Verszeilen ohne wesentliche Änderungen übernommen. Klammers Pluralform die Hammer ist dialektal beeinflusst, Brecht verbessert auf standardsprachlich die Hämmer.
Brecht, Seite (26/98)
Klammer, Seite (110/88)
Schlusschoral
Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt. Bedenkt das Dunkel und die große Kälte In diesem Tale, das von Jammer schallt.
Schlusschoral
Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt. Bedenkt das Dunkel und die große Kälte In diesem Tale, das von Jammer schallt
Brecht hat auch außerhalb der Songs einige Texte Klammers in die Dreigroschenoper aufgenommen, hier ein Beispiel:
Brecht, Seite -- (92)
Klammer, Seite -- (21)
Hier hängt Macheath […] An einem klafterlangen Strick gehängt Spürt er am Hals, wie schwer sein Hintern wiegt.
Vierzeiler, den Villon machte, als er zum Tode verurteilt wurde
Ich bin Franzose […] an einem klafterlangen Strick gehenkt Und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.
Die Urstelle lautet: Et de la corde d’ une toise / Saura mon col que mon cul poise (wörtlich: Und durch das Seil von der Länge einer Toise / wird mein Hals er kennen, wie schwer mein Arsch wiegt). Toise ist ein altes, französisches Längenmaß, und col ist hier die alte Form von cou mit der damaligen Bedeutung „Hals“, die
heutige Bedeutung ist „Kragen“.
Klammer entscheidet sich für die Formulierung „… und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.“ Kerr gibt seinem Beitrag die Überschrift „Brecht Copyright“, bezeichnet die Balladen-Ausgabe als „Copyrightbuch“ und kommentiert mit Häme: „Brecht hat den wirklichen Nachdichter des Villon verhehlt. Die volkstümlich gewordenen Refrains der Dreigroschenoper, copyright, stammen von dem nie genannten K. L. Ammer. Mit ehrfürchtigem Staunen erkennt man: dass der vergriffene K. L. Ammer 1907 geahnt hat, was der Zeitdichter Brecht einst dichten würde.“
Und weiter: „Der Wahlspruch ,Nur wer von Fremdem lebt, lebt angenehm‘ ist eine Überzeugung – aber auch ein Grundsatz? Jeder Schriftsteller (ob er nun Bert heißt oder Klemens) bedenke das.“
Außerdem weist Kerr darauf hin, dass zwei Passagen auf Rudyard Kipling zurückgehen; er nennt die Stellen nicht, aber gemeint sind Der Kanonensong und Hübsch, als es währte. Kerr resümiert: „Man fragt sich nun: Vergaß Brecht auch bei den verdeutschten Kipling-Songs in seinem Copyrigthbuch den wirklichen Autor anzugeben?“
Es war nicht der erste Plagiatsvorwurf, den Kerr gegen Brecht erhoben hat. 1924 hatte er kritisiert, dass Brecht in dem Stück Im Dickicht der Städte Rimbaud-Zitate verwendet hatte, ohne sie kenntlich zu machen. Auch deshalb wollte Brecht über den erneuten Vorwurf Kerrs nicht einfach hinweggehen. Der Zeitschrift Die schöne Literatur im Verlag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels teilte er lakonisch mit:
Eine Berliner Zeitung hat spät, aber doch noch gemerkt, dass in der Kiepenheuerschen Ausgabe der Songs zur Dreigroschenoper neben dem Namen Villon der Name des deutschen Übersetzers Ammer fehlt, obwohl von meinen 625 Versen tatsächlich 25 mit der ausgezeichneten Übertragung Ammers identisch sind. Es wird eine Erklärung von mir verlangt. Ich erkläre also wahrheitsgemäß, dass ich die Erwähnung des Namens Ammer leider vergessen habe. Das wieder erkläre ich mit meiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums.
Einige Literaturkritiker bissen sich an dem letzten Teil seiner Erklärung fest, und kommentierten mit dem simplifizierten Grundtenor: Brecht erklärt das Fehlen des Namens Ammer „mit seiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ – er hat also den Übersetzer aus ideologischen Gründen nicht genannt.
Die Vossische Zeitung schreibt in einem Kommentar: „Laxheit in Eigentumsfragen ist bedenklich, grundsätzliche Laxheit heißt auf Deutsch: ausgesprochener Wille, sich auf fremde Kosten zu bereichern.“ Wer ein leichtfertiges Vorgehen so provokant entschuldigt, werde sich nicht wundern dürfen, „wenn sein künftiges Schaffen von vornherein mit wachsamem Misstrauen betrachtet werden wird.“
War Brecht ein reueloser Plagiator? Hat er sich bei Karl Klammer entschuldigt?
Meine Recherche zum Hintergrund des Dreigroschentropfens beginnt auf der Webseite der Österreichischen Nationalbibliothek. Mit ein paar Klicks finde ich heraus, dass es einen „Splitternachlass Karl Klammer“ gibt. „Es ist nicht viel, was wir haben, aber für Ihre Recherche könnte es interessant sein“, sagt der freundliche Bibliothekar des ÖNB-Literaturarchivs, „ich kann Ihnen ein paar Sachen mailen.“
Unter den Materialen, die mir Martin Wedl zur Verfügung stellt, findet sich ein illustrierter Zeitungsbericht aus den 1950er Jahren: Zu sehen ist eine Dame, die eine Flasche des „3-Groschen-Weines“ in die Kamera hält, ferner der Weingartenbesitzer zusammen mit seiner Ehefrau im gediegenen Ambiente der Grinzinger Villa.
Im Bildtext heißt es: „An der Wand hängt ein prachtvoller Perser, der ,Villon-Teppich‘, gekauft aus dem Honorar der Villon-Übersetzung, das Gegenstück bildet der ,Rimbaud-Teppich‘. Auch ein ,Dreigroschenpferd‘ gibt es, eine der bekannten Plastiken aus der Augarten-Manufaktur. Herr Klammer hat sie allein aus den Wiener Tantiemen erstanden.“
Später werde ich erfahren, dass ein Ururgroßvater in der „Wiener Porzellanmanufaktur“ in Wien-Alsergrund gearbeitet hat – der Straßenname Porzellangasse erinnert daran. Sie existierte von 1718 bis 1864, stand ab 1744 unter staatlicher Verwaltung. Die heutige „Porzellanmanufaktur Augarten“ wurde 1923 gegründet, sie verwendet teilweise Designs der „Wiener Porzellanmanufaktur“.
Ein ähnlicher einseitiger Bildbericht war zuvor am 2. Februar 1957 in der Kölner Neuen Illustrierten erschienen. Zu dieser Zeit war Klammer offensichtlich bereit, das Pseudonym K. L. Ammer zu enthüllen. Schließlich erschien auch 1957 bei Holzhausen sein Sammelband Aus französischer Lyrik. Übersetzungen von Karl Klammer, es enthält auch die jeweiligen französischen Originaltexte. Da die Auswahl von Klammer wohl selbst vorgenommen wurde, gibt sie Aufschluss darüber, welche Nachdichtungen aus seiner Sicht besonders bemerkenswert waren. Von Villon sind dies:
Wiener Bilderwoche, 15. Juni 1957, links oben die nach dem Bombenangriff neu erbaute Villa. Klammer soll von dem Theaterverlag „ein Viertel Prozent der Einkünfte“ erhalten haben. Privatarchiv und Foto: Robert Sedlaczek.
Ballade von den Frauen von Paris
Ballade vom angenehmen Leben
Ballade von den Frauen von ehedem
Ballade, die Villon auf Verlangen seiner Mutter
machte, um zu Maria zu beten
Rondeau für den armen Villon
Vierzeiler den Villon machte, als er zum Tode
verurteilt wurde
Grabinschrift in Form einer Ballade, die Villon für
sich und seine Kumpane gemacht, als er erwartete,
mit ihnen gehängt zu werden
Unter den gemailten Materialien aus dem Literaturarchiv der Nationalbibliothek findet sich auch ein grafisch schön gestaltetes Weinetikett. Grün ist die Farbe der Weinreben, und mit grüner Farbe ist das Papier bedruckt. Ein Federkiel durchsticht eine Rebe, aus dem Schreibgerät fällt ein Tropfen in ein Weinglas herab. Auf dem Etikett steht: „Klammer-Riede am hohen Eck ob Grinzing“.
Grinzing ist heute ein Stadtteil des 19. Wiener Gemeindebezirks, Döbling. Der frühere Vorort Wiens „entwickelte sich im Vormärz zu einem viel besuchten Heurigenort; der Eigenbauwein wurde in den zahlreichen entstandenen Buschenschanken, die sich bald größter Beliebtheit erfreuten und in denen sich Volkssänger produzierten, ausgeschenkt“, heißt es auf „Wien Geschichte Wiki“ mit Hinweis auf das Weinbaumuseum im Döblinger Bezirksmuseum.
Weinetikett Dreigroschentropfen; Privatarchiv Herwart Ankershofen und ÖNB-Literaturarchiv, Foto: Robert Sedlaczek.
Neue Illustrierte, Köln, 2. Februar 1957; Privatarchiv und Foto: Robert Sedlaczek. Aus dem Weingarten wird in diesem Beitrag ein „Grinzinger Weingut“. Der Theaterverleger soll Klammer „zweieinhalb Promille von den Einnahmen“ angeboten haben.
Ich rufe im Bezirksmuseum an, zu meiner Überraschung meldet sich jemand, der sich als ein Studienkollege herausstellt – als einer, den ich aus den Augen verloren hatte. Auch er ist hilfsbereit. Wolfgang Kolin lässt die Riedenkataster durchforsten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Es gibt in Grinzing keine Riede dieses Namens, und es gab auch in der Zwischenkriegszeit keine.
Wer hat dem Literaturarchiv der Nationalbibliothek den Klammer-Nachlass übergeben? Der Bibliothekar sagt am Telefon, er müsse sich erst kundig machen, müsse auch klären, ob dieser mit mir reden wolle. Am Tag darauf meldet er sich per Mail: „Ich bin mit Herrn Dr. Herwart Ankershofen, einem Großneffen von Karl Klammer, in Kontakt getreten. Er freut sich auf Ihren Anruf.“
Der Bibliothekar hat einige Zeitungsmeldungen über Karl Klammer eingescannt und auf einen Server gestellt. Aus ihnen geht hervor, dass Klammer nicht nur Gedichte von François Villon, sondern auch von Arthur Rimbaud und Maurice Maeterlinck übersetzt hatte; es sind „Nachdichtungen von sprachlicher Meisterschaft und großer lyrischer Ausdruckskraft und Konzentriertheit“ – so die Zeitung Neues Österreich – die übersetzten Gedichte erschienen in den angesehenen Verlagen Insel, Hyperion und Diederichs.
Als Leutnant im k.u.k. Dragonerregiment Erzherzog Albrecht Nr. 9 war Klammer in Ostgalizien stationiert gewesen. Klammer veröffentlichte seine Nachdichtungen unter dem Pseudonym K. L. Ammer, und diese waren so perfekt, dass er in Kreisen der Verleger, Redakteure und Literaten bald als „der dichtende Leutnant in Polen“ galt. Außerdem mag viele überrascht haben, dass ein k.u.k. Offizier ausgerechnet die Gedichte des zweimal zum Tode verurteilten und zweimal begnadigten Außenseiters übersetzt hatte.
Klammer wertete die Übernahme der Nachdichtungen durch Brecht als Beweis für deren Güte und ertrug es mit Gleichmut, ja sah in dem Disput einen heiteren Zwischenfall – „bis sich eines Tages der Inhaber eines Wiener Theatervertriebs bei mir einstellte, nachdem er mein Pseudonym K. L. Ammer gelüftet und meine Adresse im Fahndungsabteil der Wiener Polizeidirektion ermittelt hatte.“ Bald darauf sei der leitende Teilhaber von Felix Bloch Erben in Wien erschienen und habe zu den von Klammer als „mäßig“ bezeichneten Bedingungen abgeschlossen.
So beschreibt Klammer 1955 in den Erinnerungen, erschienen in der Münchner Kulturzeitschrift Hochland, den zweieinhalb Jahrzehnte zurückliegenden Vorgang.
Die vereinbarten Tantiemen bescherten mir einen derart hohen Betrag, dass ich mir dafür einen Weingarten in Grinzing kaufen konnte. Seine goldflüssige Lese taufte ich pietätvoll Dreigroschentropfen. Wenn ich auch schon früher keine geradezu schlechten Honorare verdient hatte, mein Anteil an den Erträgnissen der Dreigroschenoper stellte alle in den Schatten. Ich beruhigte mein Gewissen damit, dass ich ein Viertel davon für wohltätige Zwecke hingab. (Erinnerungen, Seite 369)
Von Herwart Ankershofen erfahre ich dreierlei:
Die merkwürdige Bezeichnung auf dem Etikett war eine Hommage Klammers an seine Frau, an Margarete
Hochenegg:
„Klammer-Riede
am hohen Eck
“.
Die Klammer-Villa befindet sich in Grinzing am Unteren Schreiberweg.
Unmittelbar vor der Villa liegt die Parzelle bestehend aus Weingarten, Garten und Acker.
Genau genommen war nicht Klammer der Käufer des Weingartens, sondern seine Frau Margarete, wie aus dem Kaufvertrag hervorgeht. Der damalige Kaufpreis von 9.000 Schilling entspricht in heutiger Währung rund 35.000 Euro. Mit anderen Worten: Klammer hat aus dem Erlös des Tantiemenstreits seiner Gemahlin einen kleinen Weingarten geschenkt – im heutigen Wert eines gut ausgestatteten Mittelklassewagens. Wenn wir auf dem Etikett „am hohen Eck“ lesen, so ist damit die Besitzerin Margarete Hochenegg, verheiratete Klammer, gemeint.
Margarete Klammer hatte in ihrem Testament zunächst vorgesehen, dass Herwart Ankershofen, ihr Großneffe, den Weingarten erbt; sie entschied sich aber schon vor ihrem Tod, das Grundstück in Form einer Schenkung an ihn zu übergeben.
* * *
Wir treffen einander in Hietzing und fahren mit dem Auto nach Grinzing, Herwart Ankershofen kennt die Schleichwege von seinem Zuhause zur Klammer-Villa am Unteren Schreiberweg. Dort angekommen, fürchte ich, dass mein Vorhaben scheitern wird; denn der Weingarten ist straßenseitig eingezäunt und mit Büschen völlig zugewachsen. Ich habe vorgehabt, für die Wiener Zeitung ein Foto des Weinbergs zu machen, anscheinend ein aussichtsloses Unterfangen.
Da öffnet sich plötzlich das elektrisch gesteuerte Tor des Hauses und ein Mann erscheint, sein Fahrrad neben sich herschiebend. Er wirft fragende Blicke auf uns zwei, und wir erklären, warum wir hierhergekommen sind und ratlos vor dem Tor stehen. Sofort entspinnt sich zwischen ihm und Ankershofen ein interessantes Gespräch über die Geschichte des Hauses.
Mein Urgroßvater Carl Hochenegg hat die Villa in den Jahren 1911 und 1912 erbauen lassen, direkt neben der Trasse der Kahlenbergbahn, einer mit Dampflokomotiven betriebenen Zahnradbahn.5 Er wurde 1917 zusammen mit seinem Bruder „auf Lebenszeit“ in das Herrenhaus des Österreichischen Reichsrates berufen. Aber ein Jahr später wurde die Republik ausgerufen und das Herrenhaus war Geschichte.
Carl Hochenegg (1860-1942) war ein berühmter und vielfach ausgezeichneter Elektrotechniker. Als ordentlicher Professor für Elektrotechnik an der k.k. Technischen Hochschule erwarb er sich große Verdienste um die Gründung und Gestaltung der elektrotechnischen Institute sowie um die Errichtung einer elektrischen Straßenbeleuchtung Wiens mittels Bogenlampen, um die elektrische Straßenbahn in Wien, die Budapester Straßenund Untergrundbahn, um die elektrischen Bahnen in Lemberg und Laibach sowie um die Bergbahn Triest-Opicina. Er stammte aus einer angesehenen Tiroler Familie, die sich bis 1427 nachweisen lässt. Seine Eltern waren der Hof- und Gerichtsadvokat Johann Baptist Hochenegg (1814–1899) und dessen Ehefrau Cäcilia von Winiwarter (1831–1862). Sein Großvater Joseph von Winiwarter (1780-1848), ab 1846 Joseph Edler von Winiwarter, war ein österreichischer Jurist und Hochschullehrer.
Julius Hochenegg (1859-1940), das ist Carl Hocheneggs Bruder, war ein berühmter Chirurg, ab 1894 Universitätsprofessor für Chirurgie an der Universität Wien und ab 1904 Vorstand der dortigen II. Chirurgischen Klinik. Er entwickelte eine innovative Behandlungsmethode von Darmkrebs und wurde am 12. November 1914 von Kaiser Franz Josef in den Adelsstand erhoben. Er war Ritter hoher Orden und Herrenhausmitglied. Julius Hoche- negg gründete am 20. Dezember 1910 die Österreichische Gesellschaft für Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit, die Vorläuferorganisation der Österreichischen Krebshilfe. Arthur Schnitzler kannte Hochenegg persönlich; auf Wikipedia lese ich, dass Hochenegg in dem Stück Professor Bernhardi die Vorlage für den deutschnationalen Abteilungsleiter Dr. Ebenwald war.
Im Jahr 1960 wurde im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling die Hocheneggasse nach den zwei Brüdern benannt. Die Schreibweise wird bei Straßennamen nicht an die neue Rechtschreibung angepasst, nach der es Hochenegggasse heißen müsste.
Ein Urgroßvater von Margarete Hochenegg, Generalmajor Philipp Germanus Schmitt von Kehlau (1770-1848), war an zahlreichen Kriegsschauplätzen eingesetzt, wofür er 1824 mit dem Prädikat „von Kehlau“ in den österreichischen Adelsstand erhoben wurde. Er hat fast 50 Jahre lang Tagebuch geführt, es umfasst rund 400 Seiten und befindet sich im Kriegsarchiv, einem Teil des Österreichischen Staatsarchivs.
In einem Buch über das Leben und Wirken von Carl Hochenegg mit dem Titel Diese Stadtbahn ist eine Schnellbahn (2011) hat Roman Hans Gregor Details der Villa beschrieben. Die verbaute Fläche umfasste 180 m2, es gab drei Stockwerke. „Im Gegensatz zu den formtypischen Villen im Heimatstil verzichtete man auf jeglichen hölzernen Zierrat oder holzverkleidete Giebelfeder.“
Villa Carl Hochenegg, nach 1922; Bildpostkarte „Prof. Carl Hochenegg. Wien–Grinzing“; Privatarchiv Christian Hochenegg.
Die stattliche Villa sollte nicht lange von der Anhöhe des Kahlenbergs auf Wien hinunterblicken. Herwart Ankershofen erzählt:
Weinlese vor der Villa Carl Hochenegg am 23. Oktober 1932, es ist jener Weingarten, den Karl Klammer später aus den Tantiemen der Dreigroschenoper für seine Frau Margarete erwerben wird; Privatarchiv Hartmut Schandl.
Im März 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde sie von US-Bombern dem Erdboden gleichgemacht. Die Amerikaner wollten das nahe gelegene Wasserwerk zerstören, damit die zahlreichen Brände in der Stadt nicht gelöscht werden können – und zerbombten versehentlich die Villa Carl Hochenegg und auch die Villa Julius Hochenegg auf der anderen Seite der Trasse; in einem Sachbuch über den Bombenkrieg in Wien ist der Angriff ausführlich dokumentiert.
Ankershofen hatte sich damals in der Villa Carl Hochenegg befunden. Er konnte sich mit anderen Familienmitgliedern gerade noch in den Keller retten.
Mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern Heidi und Helga befanden sich in dem Haus, außerdem meine
Die Villa Carl Hochenegg nach dem Bombenangriff 1945; Privatarchiv Christian Hochenegg.
Großtante Margarete Klammer, ein von uns geschätztes Hausmädchen aus der Sowjetunion und ich. Mein Großonkel Karl Klammer kam etwas später die Straße hinauf, sah von weitem das zerbombte Haus, und als er näherkam, rief er immer wieder den Namen seiner Frau: „Gretel! Gretel! Gretel!“ Das Haus hatte einen bombensicheren Raum. Mein Vater schloss die Eisentür, kurz danach schlugen zwei Bomben ein. Wenn mein Vater nicht zufällig zu Haus gewesen wäre, wären wir aus der Ruine nicht lebend herausgekommen. Mein Vater war der einzige erwachsene Mann im Keller, konnte uns mit Brachialgewalt einen Weg ins Freie bahnen, gerade noch rechtzeitig, ehe uns das Wasser der geplatzten Heizung verbrüht hätte. Die Zerstörung war katastrophal. Ich erinnere mich, dass zum Beispiel eine Badewanne ganz oben auf dem höchsten Baum im Garten hing. Nur der Mercedes meines Vaters blieb weitgehend unbeschädigt auf einem Schuttkegel stehen.
Nach dem Krieg begannen die Aufräumarbeiten. Die zerstörte Villa Julius Hochenegg wurden geschleift, die Villa Carl Hochenegg wurde von der Familie Ankershofen neu erbaut, Margarete und Karl Klammer bekamen ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Ein Foto aus dem Herbst 1953 zeigt die imposante Villa, auf dem Parkplatz des Hauses steht Friedrich Ankershofens Opel Kapitän, unmittelbar vor der Villa ist jener kleine Weingarten zu sehen, der aus den Tantiemen der Dreigroschenoper finanziert wurde. Auch dieses Mal hat der Fotograf die Perspektive so gewählt, dass im Hintergrund der Kahlenberg mit der Kirche St. Josef zu sehen ist.
Dann wechselte die Villa mehrmals den Eigentümer. Unter ihnen war auch Resi Hammerer, die erfolgreiche Skirennläuferin und Gründerin einer hochwertigen Modelinie. Der Herr mit dem Fahrrad, der uns das Gartentor geöffnet hatte, war Resi Hammerers Schwiegersohn.
Die neu erbaute Villa in Grinzing, Herbst 1953; Privatarchiv Herwart Ankershofen.
Auch der Weingarten ist inzwischen in neuen Händen.
Ich musste ihn in den 1960er Jahren verkaufen, weil ich keinen Weinbauern fand, der bereit war, ihn in Drittelpacht zu bewirtschaften – zu Zeiten Klammers Zeiten ging das noch problemlos.
Drittelpacht?
Ein Drittel des Ertrags erhält der Eigentümer des Weinbergs, zwei Drittel der Pächter. Der Pächter keltert aus dem Ertragsteil des Eigentümers einen Wein.
Der Weingarten war recht klein, laut Grundbuchauszug misst er gerade mal 1.500 Quadratmeter. Der aus den dortigen Trauben gekelterte Wein kam wohl nicht in den Verkauf, sondern wurde in der Familie konsumiert und an Freunde und Bekannte verschenkt.
Der Vater von Herwart Ankershofen, Friedrich Freiherr von Ankershofen, ließ die Villa nach dem Bombenangriff neu erbauen, Eigentümerin wurde die Mutter von Herwart Ankershofen, Ingeborg. Sie war in erster Ehe mit Friedrich von Ankershofen verheiratet, in zweiter Ehe mit Franz Graf von Eltz.
Maria Schandl, geborene Hochenegg, war die Großmutter meines Zeitzeugen Herwart Ankershofen.
Margarete Klammer, geborene Hochenegg, war seine Großtante, Carl Hochenegg war sein Urgroßvater. (Siehe Stammbaum Seite 37.)
Margarete Hochenegg und Karl Klammer, die ein Wohnrecht auf Lebenszeit hatten, wohnten im ersten Stock.
Herwart Ankershofen vor dem Dreigroschenweingarten, Sommer 2022; Foto: Robert Sedlaczek
Foto der Familie Carl Hochenegg, 1936: sitzend von links nach rechts: Margarete Klammer, Maria Hocheneggg, Carl Hochenegg, Maria Schandl, Hadmar Schandl; stehend von links nach rechts: Karl Klammer, Franziska A., Liesl Hochenegg, Julius Hadmar Schandl, Franziska Schandl mit Tochter Karin; ganz rechts oben: Hilde Hochenegg, die Mutter von Verena Vesenmayer und von Wolfgang Kubesch; Privatarchiv Hartmut Schandl.
Der Verleger und Druckereitykoon Adolf Holzhausen, der Jüngere, sollte für Klammers Karriere von großer Bedeutung werden. Auf der Webseite Geschichte-Wiki Wien lese ich:
Adolf Holzhausen, der Jüngere (1868-1931), Sohn des Verlegers Adolf Holzhausen, der Ältere (geb. 1827 in Braunschweig, gest. 1892 Salzburg), der Vater war ab 1864 Alleineigentümer der gemeinsam mit Hermann Jacob angekauften Manz’schen Buchdruckerei. Holzhausen, der Jüngere erlernte auch den Satz orientalischer Schriften und bereicherte – nachdem er den Betrieb 1892 übernommen hatte – die Offizin [Buchdruckerei, Anm. R. S.] mit orientalischen Lettern. Holzhausen gründete die Universitätsbuchdruckerei und einen eigenen Verlag, in dem vor allem Kunstbücher und Geschichtswerke erschienen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Leiter des Militärgeographischen Instituts. Bereits 1918 initiierte er den Zusammenschluss österreichischer Schulbuchverleger in der Hölder-Pichler-Tempsky AG sowie 1923 den der Kartographischen Anstalt Freytag & Berndt mit Artaria. Holzhausen war Vorsteher des Buchdruckergremiums und Präsident des Hauptverbands der Druckereibesitzer; einen Großteil seines Vermögens vermachte er der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für den Druck vorwiegend orientalischer Werke („Holzhausen-Legat“). Holzhausen war auch Alpinist und trug wesentlich zur Erschließung der Ostalpen bei. Nach ihm ist der Holzhausenplatz in Weidlingau, Teil des 14. Wiener Gemeindebezirks Penzing, benannt.
Stammbaum der Familie Hochenegg
Die drei Kinder von Carl Hochenegg: Julius Hochenegg, Gretel Hochenegg und Maria Hochenegg (von links nach rechts); K.u.k. Hof-Photograph Carl Pietzner; Privatarchiv Hartmut Schandl.
Das Foto zeigt die Kinder von Carl Hochenegg. Karl Klammer heiratete Gretel (in der Mitte im Bild), Maria einen Schandl, Julius eine Tochter von Adolf Holzhausen.
Felicitas Seebacher ist Mitglied der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und leitet zusammen mit einem Kollegen die Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin und Medical/ Health Humanities. Im Internet finde ich ihren Beitrag ,Professor Bernhardi‘ revisited. Arthur Schnitzlers literarische Analyse der Wissenschaftskultur an der Allgemeinen Poliklinik in Wien». Ich vermute, dass dort auch der Name Julius Hochenegg auftauchen wird.
Seebacher schildert den historischen Hintergrund des stärker werdenden Antisemitismus, geschürt von Bürgermeister Karl Lueger. Unter seiner Führung stellte die Organisation „Vereinigte Christen“ 1889 am ersten Katholikentag ein antisemitisches Programm vor: Gefordert wurde der „Ausschluss der Juden“ vom Lehrberuf sowie vom Beruf des Arztes und des Anwalts und „die Entfernung von allen zivilen und militärischen Ämtern“.
An den Universitäten trat Lueger 1894 für einen Numerus Clausus zugunsten der „Deutschösterreicher“ ein. 1904 forderte er einen „deutschen Charakter der Universitäten“. Antisemitische Netzwerke in Luegers Partei begannen durch ihre Personalpolitik jüdische Kollegen an akademische Institutionen auszuschließen und nur mehr „arischen“ Wissenschaftern Karrierechancen zu bieten.
Arthur Schnitzlers Vater, der Laryngologe Johann Schnitzler, war Leiter der Allgemeinen Poliklinik Wien, sie sollte vor allem den ärmeren Bevölkerungsgruppen offenstehen, betreut wurden Patienten ohne Rücksicht auf ihre ethnische oder konfessionelle Herkunft. Bald entwickelte sich die Poliklinik zu einem exzellenten sozialmedizinischen Zentrum, aufgrund ihrer Offenheit galt sie als „jüdisch“.
Im Gegensatz zu den Universitätskliniken legte die Poliklinik großen Wert auf Praxisbezug und bot als eine Art Gegenuniversität auch jüdischen Ärzten sowie Ärzten aus den nicht-deutschsprachigen Kronländern Karrierechancen. Deshalb wurde sie von den einen bewundert, geachtet und unterstützt – zu den Sponsoren zählten auch Adelige wie Fürstin Pauline von Metternich und der Augenarzt August Leopold von Reuss, ferner Weihbischof Godfried Marschall, der Kinderarzt Alois Monti und der Biochemiker Julius Mauthner –, von anderen wurde sie angefeindet. Die Universitätskliniken betrachteten die Poliklinik als unerwünschten Konkurrenten.
Seebacher belegt anhand von Zahlen, dass Konkurrenzangst eine der Triebfedern für antisemitische Haltungen war: Die Mehrheit der Medizin-Dozenten an der Universität Wien war jüdischer Herkunft, was mit dem Boom von jüdischen Medizinstudenten aus den östlichen Kronländern der Habsburgermonarchie zu erklären war. Seit den Staatsgrundgesetzen von 1867 erhielten sie mit den Bürgerrechten einen freien Zugang zur höheren Bildung, wobei die jüdischen Studenten und Dozenten nicht nur zahlreicher als die christlichen waren, sondern auch strebsamer und im Studium und im Beruf erfolgreicher. Den Antisemiten war jedes Argument recht, Juden auszugrenzen, zu drangsalieren und später auch zu ermorden. Seebacher resümiert:
Aus Konkurrenzangst richteten sich Mediziner aus dem deutschnationalen Milieu an der Universität Wien mit einer gezielten Ausgrenzungspolitik gegen das Kollektiv der „jüdischen“ Ärzte an der Wiener Poliklinik. Sie gaben die Richtung der neuen politischen „Bewegung“ des modernen Antisemitismus vor.
Der berühmte Chirurgie-Professor Theodor Billroth (geb. 1829 in Bergen auf Rügen, gest. 1894 in Abbazia, heute Opatija, Kroatien) vertrat 1875 in seinem Werk Lehren und Lernen die Auffassung, Juden seien eine scharf definierte Nation, ein Jude könne daher niemals Deutscher werden. „Ostjüdische“ Studenten bezeichnete er als „das leider nicht ganz auszurottende Unkraut der Wiener Studentenschaft“. Ob Hinweise auf eine späte Läuterung Billroths stimmig sind, ist umstritten. Jedenfalls wurde er 1891 Ehrenmitglied des „Wiener Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“.
Julius Hochenegg war ein Schüler Billroths und er folgte ihm als Leiter der II. Chirurgischen Klinik der Universität nach. Für Billroth war sein ehemaliger Schüler der „Anatomus [et] Chirurgus purus“. Der Zeitzeuge Herwart Ankershofen erzählt:
Julius Hochenegg war mit einer Jüdin verheiratet, mit Julie Mauthner von Mauthstein. Im Gegensatz zu seinem Bruder Carl war er nicht Mitglied der Burschenschaft Libertas, Karl Klammer übrigens auch nicht.
Dies geht auch aus der Kriegschronik der Wiener akademischen Burschenschaft Libertas für das Wintersemester 1914/15 und das Sommersemester 1915 hervor. Sie ist digital archiviert, und zwar in der Oberösterreichischen Landesbibliothek. In den „Mitteilungen über die zum Kriegsdienst einberufenen Liberten“ ist Carl Hochenegg ein eigenes Kapitel gewidmet.
Die Familie unseres lieben
Carl Hochenegg
wurde durch die letzten Kriegsereignisse besonders in Mitleidenschaft gezogen: sein Neffe Rudolf Hochenegg, Leutnant i. R. im Dragonerregiment Nr. 7, der einzige Sohn des mit vielen Liberten befreundeten, und von allen Liberten geehrten Universitätsprofessors Hofrates Prof. Dr. Julius Hochenegg, fiel bei Horodenka (Bukowina). Carl Hocheneggs Sohn Julius, Leutnant im Dragonerregiment Nr. 9, welcher sich die silberne Tapferkeitsmedaille erworben hatte, erlitt infolge einer Granatenexplosion eine Nervenerschütterung, befindet sich erfreulicherweise auf dem Wege zur Besserung, sein Schwiegersohn Karl Klammer, Rittmeister im Dragonerregiment Nr. 9, war durch einen Lungenschuss schwer verwundet, ist aber ebenfalls in bester Genesung begriffen. Unser lieber „Perkeo“ aber leistet als Obmann der elektrotechnischen Kommission des Handelsministeriums seinem Vaterlande auch im Kriege die wertvollsten Dienste.
Einen Lebenslauf Carl Hocheneggs finde ich später auch in Helge Dvoraks Buch Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I: Politiker, Teilband 9: Nachträge. Demnach ist Carl Hochenegg 1879, ein Jahr nach Beginn des Studiums an der Technischen Hochschule Wien, der Libertas beigetreten.
Die Libertas hatte 1878 als erste Burschenschaft den „Arier-Paragraphen“ eingeführt, durch den Juden aus Studentenverbindungen und damit aus dem Netzwerk, das den Zutritt zur bürgerlichen Gesellschaft und höheren Positionen im akademischen Bereich steuerte, ausgeschlossen werden konnten. Ab 1881 galt in der Libertas das Prinzip, dass Juden nicht satisfaktionsfähig seien, dass also Duelle mit ihnen verboten sind. Das war eine Vorwegnahme der später allgemein gültigen „Waidhofener Erklärung“ (1896).
Arthur Schnitzlers Vater war von 1884 bis 1893 Leiter der Allgemeine Poliklinik, er selbst war von 1988 bis 1893 dessen Assistent. Für ihn war Dr. Julius Hochenegg eine Symbolfigur für Antisemitismus und für die Ausgrenzungspolitik der Lueger- Getreuen. Er verfremdete im Theaterstück die Namen: Aus Julius Hochenegg wurde Dr. Ebenwald, aus der Allgemeinen Poliklinik das Elisabethinum.
Die „Arisierungstendenzen“ machten übrigens später auch vor der Poliklinik nicht halt; es sollte nicht lange dauern, bis auch dort ein Großteil der Juden entfernt war.
Aus einer Tagebucheintragung Arthur Schnitzlers geht hervor, wie sehr er Julius Hochenegg mit seiner literarischen Figur Dr. Ebenwald verband. Als Julius Hochenegg die Bestellung von Juden an seiner Klinik zu verhindern trachtete, indem er noch rasch eine Umstrukturierung vornahm, hat aus Arthur Schnitzlers Sicht „das antisemitische Professorenklüngel mit Hochenegg-Ebenwald an der Spitze“ wieder einmal zugeschlagen:
7/7 S. Spazierg.
Pötzleinsdorf – Sophienalpe – Hameau – Salmannsdorf.– Nm., ein seltner Fall, sitzen wir, Olga, Heini, ich auf meiner Terrasse.
– Hajek z. N.– (Nachfolgerschaft Chiari. H., als bedeutendster käme vor allen in Betracht;– wie Alexander für die Otologie.– Um diese beiden Juden womöglich zu umgehen, erklärt das antisem. Professorenklüngel mit Hochenegg-Ebenwald an der Spitze – es sollen nun statt der laryng. und otol.– zwei lar.-otol. Kliniken geschaffen werden – wofür man einen von draußen berufen müsste.) – Kriegerische und politische Zustände. Hoffnungslosigkeit.– Mit Heini Beethoven Trio Ser. 8.
Geschrieben wurde die Tagebucheintragung am 7. Juli 1918. Professor Bernhardi
