Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Karmageister - Simone Gütte

Mitteldeutschland, anno 1525. Die 13-jährige Kaufmannstochter Brunhilda verliert durch den Landsknecht Dederich von Lohe ihre Mutter. Der abergläubische Raubritter fürchtet sich vor Hexen, Flüchen und Weissagungen. Als ihm die Hebamme Berthe in die Hände fällt und diese ihr Leben mit einer Prophezeiung retten will, überlegt Brunhilda, wie sie die Worte nutzen könnte, um ihn mit seinen eigenen Ängsten zu vernichten. Siebzehn Jahre später: Der Schöpfer schickt ihr die Karmageister zu Hilfe. Sie haben sich damals in Brunhildas Schicksal eingemischt und einiges wiedergutzumachen. Nun erhalten sie ihre zweite Chance, um der jungen Frau zu helfen. Fragt sich nur, ob sie jetzt dafür bereit sind.

Meinungen über das E-Book Karmageister - Simone Gütte

E-Book-Leseprobe Karmageister - Simone Gütte

Inhaltsverzeichnis

Buch 1 - 1525

Die Prophezeiung

Der Heilungssegen

Der Verrat

Karmageister

Buch 2 - 1542

Die Fädenzieher

Das Urteil der Gerechten

Die Herrin der Ebnisburg

Vor dem Schöpfer

Buch 1

1525

Die Prophezeiung

≈ 1 ≈

Berthe schürte das Feuer unter dem Kupferkessel.

»Nimm Frauenmantelkraut, füge es dem Sud hinzu, dann rührst du alles um, bis sich eine zähflüssige Masse bildet«, erklärte sie ihrer Tochter Gesine, als die Tür zur Holzhütte aufgerissen wurde und eine Magd hineinstürmte.

Erschrocken drehten sich die beiden um.

»Beeil dich, Wehmutter! Die Wehen unserer Herrin kommen bereits jede Stunde!« Die Magd war vom Laufen völlig außer Atem und japste nach Luft.

»Beruhige dich«, sagte Berthe. »Wir werden es rechtzeitig schaffen.«

»Es ist etwas geschehen. Er ist wieder da«, berichtete die Magd.

»Wen meinst du?«, fragte Berthe.

Die Magd nahm Berthe ein Stück beiseite. Mit einem Blick auf das Mädchen flüsterte sie: »Drei Eichenblätter über einer blauen Welle, das ist sein Wappen.«

Berthe überlegte eine Weile. Dann lachte sie auf. »Du meinst das Wappen des Verschmähten.«

»Nenne ihn nicht so. Wir müssen uns vorsehen!«

»Ängstige meine Tochter nicht«, sagte Berthe, als sie sah, wie Gesine die Ohren spitzte.

Aufmerksam sah das Mädchen seine Mutter an.

»Lass das Feuer nicht ausgehen, Gesine. Wenn alles fertig ist, kannst du den Kessel vom Haken nehmen, um den Sud abkühlen zu lassen. Hab keine Angst, ich bin bald zurück.«

Das Mädchen nickte und sah seiner Mutter zu, die sich eilig ihr blaues Leinentuch um die Schultern legte. Sie steckte die blonden Locken zurück, die widerspenstig unter ihrer Haube hervorlugten.

Als die Tür hinter Berthe zufiel, stellte Gesine sich auf die Zehenspitzen und warf eine Handvoll getrocknete Blätter Frauenmantelkraut in den Kessel. Gespannt verfolgte sie, wie sich diese mit dem ausgelassenen Schweineschmalz vermengten und hoch schäumten. Mit beiden Händen griff sie sich einen Holzlöffel und rührte das sämige Gemisch um.

Dies ergab eine besonders große Menge an Salbe. Sie wurde den schwangeren Frauen auf den Bauch gestrichen, damit sie weniger Schmerzen hatten, wusste sie.

Ein feiner würziger Duft stieg aus dem Kessel empor. Er breitete sich in der Holzhütte aus, die aus einem einzelnen Raum mit einer Feuerstelle bestand. Direkt daneben stand ein Tisch mit zwei Stühlen und zwei Schemeln. Unter dem einzigen Fenster der Hütte befand sich eine große Truhe und eine Bank. Nur ein Vorhang unterteilte das Zimmer in eine Arbeitsstube mit Schlafecke.

Gesine hatte sich daran gewöhnt, dass ihre Mutter die schwangeren Frauen auf der Ebnisburg oder im südlich gelegenen Löhnsfelde besuchte. Seit ihr Vater vor wenigen Monaten unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen war, lebten sie allein mitten im Larawald. Zwischen den hohen Bäumen, die mit ihren Blätterdächern das Häuschen abschirmten, fanden sie alles, was sie zum Leben und Herstellen ihrer Salben und Tinkturen brauchten.

Gesine begann ein Lied zu singen, als sie an ihren Vater dachte.

»Mein Vater war ein Köhlersmann,

schichtete Holz für Kohle an.

Wachte Tag um Tag, Nacht um Nacht,

hat den Menschen Wärme und Freude

gebracht.

Ruht nun tief im Larawald,

umgeben von Buchen, Eichen, sehr alt.

Verbirgt den Blick auf unser Haus

durch Äste und Zweige voller Laub.

Dass er uns behütet, ist unser Glück,

so bleiben wir beschützt zurück.«

Der Reim zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht, während sie die Masse umrührte.

≈ 2 ≈

Marie lief den dunklen Gang hinauf. Er führte direkt aus dem kuppelförmigen Rondell zum Ausgang des Mauselochs. Einzelne Wurzelenden hingen von der Decke herab und kitzelten sie an der Nase.

Am Ende des Ganges hielt sie inne und streckte den Kopf hinaus. Hier öffnete sich ein zweiter größerer Hohlraum, bevor man die Kuhle verlassen konnte. Marie befand sich in der Eingangshalle.

Getreideähren stapelten sich an den Wänden der Kuhle. Stück für Stück pflückte Jo, der Pförtner, die Körner von den Halmen und sortierte sie auf einzelne Haufen. Er unterbrach seine Arbeit, als er Maries Atem im Rücken spürte.

Mit schwarzen runden Kulleraugen schaute er sie an und faltete die Pfoten. »Was ist denn vorgefallen, Marie Laruu?«, fragte er.

»Na, was wohl?«, gab Marie patzig zur Antwort. »Hiero mal wieder. Wir hatten schon weit bessere Loherren als ihn.«

Jo schüttelte den Kopf. Er betrachtete die braune Waldmaus vor sich. In seinen Augen war sie wunderhübsch. Sie war etwas kleiner als er selbst, hatte ein haselnussbraunes Fell und einen weißen Unterbauch, blitzende schwarze Knopfaugen und einen zarten Flaum weicher Kopfhärchen, die vor dem Hintergrund des Mauselochs fast durchsichtig schimmerten.

Er seufzte. Wie konnte eine so hübsche Maus nur so streitlustig sein?

Marie sah zum Ausgang und schnaufte. »Ich bin eine Waldmaus«, sagte sie, und Jo bereitete sich auf einen Vortrag vor, als er den ärgerlichen Unterton vernahm. »Die Laruu-Mäuse haben sich dem Loherrn Hiero untergeordnet, aber das heißt nicht, dass wir uns alles von ihm gefallen lassen müssen!« Sie drehte ihren Kopf zu Jo und sah ihn herausfordernd an.

»Er heißt Hieronymus, Marie. So solltest du von ihm sprechen.« Als Marie schwieg, hakte Jo nach. »Was hat er dir denn getan?«

»Er behauptet, ich halte mich am falschen Ort auf«, erwiderte Marie und verschränkte die Arme.

Jo wartete. Sonst fing Marie immer mit Monologen an, aber diesmal betrachtete sie ihn nur. Er strich sich über sein hellgraues Fell.

Ob sie mich hübsch findet?, ging es ihm durch den Kopf.

Er senkte den Kopf und blickte auf seine Füße. Auch diese, einfach nur grau, nicht schwarz wie bei seiner Mutter oder weißbläulich wie bei Hieronymus, kein besonderes Unterfell, nichts.

»Ich lebe bei Menschen«, erinnerte Marie ihn daran, dass sie vor ihm stand.

Jo hob den Kopf und lächelte. Wenigstens habe ich die gleichen schwarzen Knopfaugen wie sie.

Er nickte. »Jo, du lebst bei Menschen«, wiederholte er ihre letzten Worte.

»Dem Loherrn passt das nicht«, setzte Marie ihren Bericht fort. »Er verbietet mir, zurückzugehen, obwohl sie mich mögen. Sie stellen mir Milch und Brotkrümel hin. Gesine lässt mich über ihre Hand krabbeln.«

»Du kennst sogar ihre Namen?«, fragte Jo erstaunt.

Marie nickte. »Nicht nur das. Ich kenne ihre Sorgen und Nöte.« Sie ließ ihren Blick zum Ausgang wandern. »Hiero ... Hieronymus sagt, es bringe Unglück, wenn ich mich bei Menschen aufhalte. Was für ein Unsinn! Ich tue doch nichts, ich interessiere mich für sie. Es sind gute Menschen.«

»Jo, aber warum bist du so gerne bei Menschen?«

Marie hob die Schultern und sah zur Decke, als ob sie dort die Antwort finden würde. »Es sind besondere Menschen. Sie leben wie meine Familie und ich im Larawald. Sie ...« Marie unterbrach sich mitten im Satz und kratzte sich am Hinterkopf. »Sie sehen mich«, fügte sie schließlich hinzu.

»Aber hast du keine Aufgabe in deiner eigenen Familie? Vielleicht Futter sammeln, das Wetter beobachten oder vor Feinden warnen?«

»Das mache ich nebenher«, sagte Marie, ohne ihn anzusehen.

»Jo, aber jede Maus hat eine spezielle Aufgabe. Welche ist deine?«

Marie gab einen Laut von sich, den Jo nicht einordnen konnte.

»Ich bin zum Beispiel der Pförtner der Feldmäuse«, versuchte er, Marie auf die Sprünge zu helfen. »Ich halte Ausschau nach Feinden und warne sofort unsere Scharen.«

»Das weiß ich, Jo«, sagte sie versöhnlich. »Das ist eine besonders schöne Aufgabe.« Sie mochte die graue Feldmaus mit den riesigen Kulleraugen und den langen seidigen Wimpern.

Sie lächelte ihn an, und Jo senkte den Kopf.

»Ich kehre in den Wald zurück. Berthe und Gesine warten sicher auf mich«, sagte sie.

»Jo, aber was ist mit deiner Familie?«, hakte er nach.

Marie winkte ab. »Sie wissen, wo ich bin, sie vertrauen mir.« Sie blickte hinab in den Gang, aus dem sie eben gekommen war. »Was man von diesem Loherrn nicht behaupten kann.«

»Er versucht nur, uns zu beschützen. Das ist seine Aufgabe.«

Marie hatte die Stirn in Falten gelegt. »Du musst mich nicht daran erinnern, was seine Aufgabe ist.«

Jo zog den Kopf zwischen die Schultern.

Es donnerte über ihnen, dass die Erde erbebte. Die beiden hoben die Köpfe.

»Reiter«, flüsterte Jo. »Mehrere.«

Die Mäuse drängten zum Ausgang.

»Menschen«, flüsterte Marie.

Jo verzog das Gesicht. »Riechst du das?«

Marie schnüffelte durch die Luft. Sie nickte.

»Das sind keine guten Menschen, nicht wahr, Marie?«

Sie gingen in Deckung, als die Pferdehufe über ihre Behausung preschten. Entsetzt hielten sie sich die Ohren zu. Ihre Körper bebten.

Nein, das sind gewiss keine guten Menschen, ging es Marie durch den Kopf.

»Was ist hier los?« Hinter ihnen war eine weiße Maus aufgetaucht. Sie stützte die Arme in die Hüften und hatte sich zu voller Größe aufgerichtet. Fast den gesamten Höhleneingang füllte sie aus.

»Jo, da waren Reiter, drei an der Zahl, Hieronymus«, meldete Jo aufgeregt. Er machte eine Verbeugung vor seinem Loherrn.

Hieronymus beachtete ihn nicht weiter, sondern musterte Marie, die am Ausgang saß und den Reitern hinterher blickte.

»Marie Laruu, ich hatte dir gesagt, du sollst zu deiner Sippe in den Wald zurückkehren. Was tust du hier noch?«

»Mich nicht von den Pferden tottrampeln lassen«, zischte Marie ihm zu.

Jo sah zu ihr hinüber und legte eine Pfote auf die Lippen.

Marie ruckte vom Ausgang weg und stellte sich vor dem Loherrn auf. Sie ging ihm nur bis zur Hüfte und musste den Kopf weit zurücklehnen, um ihn anzusehen. Das Restlicht am Ausgang ließ sein Fell weißbläulich schimmern, seine hellblauen Augen funkelten wie zwei Saphire. Bereits zu Lebzeiten eilten ihm Legenden voraus, wie er die Scharen an Feldmäusen unter den Weizenfeldern, die Waldmäuse im Larawald und sogar die Bergmäuse der Ebnisburg zusammenhielt und anführte. Ganze fünfundzwanzig Lo umfasste sein Refugium. Eine Maus brauchte selbst im Trippelschritt einen ganzen Tag, um nur einziges Lo abzulaufen.

Marie hielt dem Blick stand. Sie wusste, dass sie ihren Kopf hätte beugen müssen, aber sie hatte endgültig genug von seinem Befehlston. Sie war eine Waldmaus, und nur, weil er eine hünenhaft große und obendrein weiße Feldmaus war, hatte er ihr überhaupt nichts zu sagen.

»Jo, sie wollte gerade gehen, als die Reiter kamen«, mischte sich Jo ein. »Sei bitte nicht böse auf sie, Hieronymus, wir können keine Maus hinauslassen, wenn das passiert.« Er nickte eifrig dabei.

»Natürlich nicht«, erwiderte Hieronymus, ohne Marie aus den Augen zu lassen. »Die Luft ist rein, du kannst gehen. Suche dir eine sinnvolle Aufgabe, bei der du dich nützlich in unsere Mäusegemeinschaft einbringen kannst.«

Hoch erhobenen Hauptes wandte er sich um und verschwand im Gang, der nach unten führte.

Marie sah ihm hinterher. »Weißt du nun, was ich meine, Jo?«, fragte sie, ohne den Blick vom Gang zu nehmen. »In diesem arroganten Tonfall hat er mir vorgeworfen, ich hätte keine sinnvolle Aufgabe und würde mich bei den Menschen herumdrücken. Das ist gewiss nicht mein Loherr!«

Jo rieb sich nervös die Pfötchen. »Jo, das kannst du nicht einfach so sagen, Marie. Er ist unser aller Loherr.« Er machte einen Schritt auf sie zu und wollte ihr über das Fell streicheln.

Marie wirbelte herum. »Nein, ist er nicht. Ich akzeptiere ihn nicht! Und was das Nützlichmachen betrifft, ich habe gerochen, dass die Reiter nach Rauch stanken, sie bringen das Feuer mit! Diese Botschaft werde ich meinen Menschen überbringen.«

Sie stieß sich ab und huschte aus dem Mauseloch.

Jo sah ihr hinterher. »Doch, doch, das habe ich gerochen. Es ist meine Aufgabe, das zu bemerken. Ich bin der Pförtner, Marie Laruu«, flüsterte er in die leere Höhle.

≈ 3 ≈

Berthe folgte der Magd, die bereits die Steigung zur Ebnisburg genommen hatte.

Sie ging auf die dreißig zu, die Magd dagegen war sicher zehn Jahre jünger und schritt kräftig aus. Berthe brauchte die Puste, um ihr zu folgen. Keuchend legte sie eine Hand auf die Hüfte.

Der längste Tag des Jahres, die Sommersonnenwende, war angebrochen. Das passte. So um diesen Zeitpunkt herum, hatte sie errechnet, würde Heidrun von Ebnisburg niederkommen. Es freute sie, dass die junge Frau ihr erstes Kind erwartete.

Die Magd drosselte ihr Tempo und blickte sich nach allen Seiten um.

Berthe runzelte die Stirn. »Was hast du?«, fragte sie.

Die Magd wartete, bis Berthe aufgeschlossen hatte. »Ich wollte es nicht vor deiner Tochter sagen, aber es ist etwas Furchtbares passiert. Unser Herr Lothar sollte bereits vor einer Woche auf die Burg zurückgekehrt sein. Aber nun fand man ihn mit durchschnittener Kehle am Waldrand, in der Nähe der Gerstenfelder. Seine Wachen lagen tot daneben.«

»Was?« Berthe japste nach Luft.

»Bereits seit Wochen lagert der Unsägliche am Fuße der Ebnisburg, zusammen mit fünf Männern und zwei Frauen. Die Herrin konnte sie von der Wehrmauer aus beobachten. Als man unseren Herrn Lothar fand, war an seinem Rock sein Wappen befestigt. Daher wissen wir, dass er es war. Er kam aus der Schlacht bei Frankenhausen, zu der er im letzten Jahr aufgebrochen war«, berichtete die Magd.

Berthe schluckte trocken. Sie wusste, wen die Magd meinte, auch wenn sie seinen Namen nicht aussprach.

»Kurz vor Lothars Tod sahen wir Rauch aus dem Wald aufsteigen, hörten unmenschliche Schreie. Es war furchtbar. Die Herrin erzählte, es erinnere sie an die Geschichte von damals.«

»Das ist schrecklich«, brachte Berthe hervor. »Mir ist sie auch noch allzu gut bekannt.«

»Die Herrin wird die Verteidigung der Burg übernehmen, sobald das Kind geboren ist«, fuhr die Magd fort. »Zurzeit ist es still unten am Fluss. Aber sie weiß, dass die Belagerer nur einen passenden Augenblick abwarten. Verstehst du unsere Sorge, Wehmutter?«

Berthe nickte unbehaglich.

Die Magd raffte ihre Röcke und lief weiter.

Heidrun ist jung, sagte sich Berthe. Sie wird schnell wieder zu Kräften kommen. Aber der Verschmähte, wie weit wird er diesmal gehen?

≈ 4 ≈

Bald tauchten zwischen den Baumkronen die Türme der Ebnisburg auf. Friedlich eingebettet in Laub- und Nadelhölzern breitete sich die Burg auf Kammhöhe aus. Der hoch aufragende Bergfried wies den Ankommenden den Weg.

Die Magd hatte gut einhundert Schritt zwischen sich und Berthe gebracht und befahl den Wachen, das erste Tor zu öffnen.

Berthe erkannte Konrad, der aus Löhnsfelde stammte, und nickte ihm kurz zu. Auch er grüßte sie mit einem Kopfnicken.

Eilig folgte sie der Magd über die heruntergelassene Brücke, überquerte den Zwingergang und lief durch das Tor der Schildmauer, bis sie auf dem Burghof stand.

Sie atmete stoßweise aus, beeilte sich jedoch, der Magd zu folgen, denn aus einer der oberen Kemenaten drangen Schmerzensschreie nach draußen.

Heidrun wand sich auf ihrem Bett und blickte ihr mit verzerrtem Gesicht entgegen.

»Tu irgendwas!«, schrie sie und umklammerte mit einer Hand den Bettpfosten, in der anderen hielt sie einen Knebel, den sie sich zwischen die Zähne schob.

»Macht Wasser heiß und bringt mir so viele weiße Laken, wie ihr finden könnt«, befahl Berthe den herum eilenden Mägden.

Sie bemühte sich um Ruhe, aber ihr Atem kochte in den Lungenflügeln und das nicht nur vom Laufen.

Gründlich wusch sie sich die Hände, erst dann sah sie nach, was Heidrun so große Schmerzen bereitete. Schnell stellte sie fest, dass das Kind sich nicht gedreht hatte. Sie spürte die Füße statt des Kopfes und nickte fast unmerklich.

Heidrun hatte es dennoch gesehen.

»Was?«, zischte sie unter dem Knebel hervor.

Berthe tastete erneut nach dem Körper des Kindes. Sie vermied es, Heidrun anzusehen und versuchte vorsichtig mit den Händen, das Kind so zu drehen, dass der Kopf als erstes durch den Geburtskanal kam. Es war mühevoll, und die Hebamme spürte, wie sich Heidrun immer mehr verkrampfte.

»Das Kind lässt sich nicht drehen, Herrin. Ich werde es an den Füßen herausziehen müssen. Arme und Hände lege ich eng an den Körper des Kindes an«, erklärte sie, um Heidrun zu beruhigen. »Ich werde versuchen, es anzuheben, um die Füße zu strecken. Bitte atmet ruhig.«

Eine Weile hörte man nur Heidruns gepressten Atem und die Schritte der Bediensteten. Sie holten warmes Wasser aus der Küche und gossen es in die bereitstehenden Kupferschalen.

»Holt einen Schemel, wir werden sie hinsetzen!«, wies Berthe die Mägde an.

Sie blickte in das kalkweiße Gesicht der sonst so schönen Herrin und erschrak. Ihr Atem ging stoßweise, der Knebel rutschte aus ihrem Mund.

Eine Magd griff Heidrun unter die Arme, zwei weitere stützten sie auf dem Schemel.

Konzentriert zog Berthe an den Füßen des Kindes, tastete nach den Ärmchen und drückte sie sanft gegen das Gesäß. Sie spürte, wie Heidrun sich anstrengte, sah das Blut, was sie verlor. Zwei Zofen wuschen es abwechselnd ab.

Das ist zu viel, schoss es ihr durch den Kopf.

Berthe wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie es endlich geschafft hatte, das Kind herauszuziehen. Sein dünnes Stimmchen hallte durch das Zimmer.

»Es ist ein Mädchen«, flüsterte Berthe glücklich. Sie kappte die Nabelschnur und wusch es. Sorgsam wickelte sie es in die bereitliegenden Leinentücher.

»Holt mir den Pfarrer«, wies Heidrun ihre Dienstboten an. Ihre Stimme klang gepresst, und sogleich lief eine der Zofen los. Die Mägde räumten die Laken und Kupferschalen weg, knicksten und verschwanden ebenfalls aus dem Zimmer.

»Die Kleine hat Hunger. Möchtet Ihr versuchen, sie zu stillen?«, fragte Berthe.

Heidrun nickte. Berthe half ihr, das Kind anzulegen, was sogleich gierig zu saugen begann.

Heidrun sah blass aus, hatte rotgeäderte Augen und eingefallene Wangen.

»Ihr habt Euch lange nicht mehr ausgeruht, Herrin«, sagte Berthe.

»Ich hatte keine Zeit.« Es klang fast barsch, aber Berthe spürte, dass sich Heidrun Sorgen machte. »Sobald das Kind getauft ist, werde ich mich rüsten. Wie du sicher gehört hast, ist mein Gemahl ermordet worden.«

Berthe erschrak über den rauen Tonfall. Sie kannte Heidrun seit drei Jahren, als sie das erste Mal nach Löhnsfelde kam, um ihr Erbe auf der Ebnisburg anzutreten. Sie hatte keine Scheu gezeigt, mit anzupacken. Die Bauern hatten sie schnell ins Herz geschlossen. Berthe hatte ihr Lachen im Ohr, ihre ansteckende Fröhlichkeit.

Nun lag sie matt auf dem Bett, ihr lockiges rotes Haar hing ihr verschwitzt ins Gesicht.

Sanft tupfte Berthe Heidruns Gesicht ab, strich ihr Haar beiseite und legte es über die Kissen, damit es trocknete.

Nachdem das Kind getrunken hatte, nahm sie ihr die Kleine ab. Das Kind war vorerst satt. Müde von der anstrengenden Geburt hatte es die Augen geschlossen.

Als der Pfarrer eintrat, knickste sie.

Mit einem Blick hatte der Geistliche die Lage erfasst und wandte sich an Heidrun. »Vertraue mir dein Kind zur Taufe an, meine Tochter.«

»Tauft es auf den Namen Loredana, Vater«, antwortete Heidrun. »Das ist der Name von Lothars Großmutter.«

Berthe wiegte das Kind im Arm und hielt es dem Pfarrer entgegen, während er die Taufsakramente sprach.

»Berthe, kümmere dich um Loredana bis sie volljährig ist und ihr Erbe als Burgherrin antreten kann«, hörte sie Heidruns Stimme, die auf einmal leise und wie aus weiter Ferne klang.

»Aber nein, Herrin, Ihr müsst Euch nur ausruhen. Bald könnt Ihr Euch selbst um Eure Tochter kümmern.«

Heidruns Augen flackerten. Schweiß war auf ihre Stirn getreten. Langsam schloss sie die Augen. Ihr Kopf drehte sich leicht zur Seite, als ob sie eingeschlafen wäre.

Berthe blickte sie lange an. Sie wusste, dass die Herrin der Ebnisburg nicht mehr aufwachen würde.

Es war still geworden in der Kemenate.

Der Pfarrer schlug das Kreuz über Heidrun und wandte sich Berthe zu. »Wehmutter, tu bitte, um was dich die Herrin gebeten hat. Ich werde mich um die Sicherstellung der Besitzurkunde und des Ringes für die Erbin kümmern. Bleibe bitte solange an ihrem Bett.«

Berthe schluckte. Dann nickte sie. »Natürlich.«

Eine kleine Hand legte sich auf ihre Brust, die andere klammerte sich an ihr Kleid. Zärtlich drückte Berthe das Kind an sich.

Der Pfarrer trat zur Tür. Noch ehe er sie vollständig öffnen konnte, brach er lautlos zusammen.

Berthe starrte ihn an. Jemand hatte ihm einen Kerzenleuchter über den Kopf geschlagen.

≈ 5 ≈

Marie lief den Feldweg entlang. Der aufwirbelnde Staub nahm ihr die Sicht. Sie hustete und blieb stehen. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Verfluchter Staub«, murmelte sie und rieb sich die Augen. Aber sie wusste, dass es nicht nur vom Staub kam. Es waren die Worte des Loherrn.

Sie wäre die einzige Maus unter den tausenden Wald- und Feldmäusen, die keine sinnvolle Aufgabe hätte. Die wirklich gar nichts dazu beitragen würde, die Gemeinschaft der Mäuse zu bereichern. Sie würde sich von Menschen durchfüttern lassen. Das waren seine Worte. Alle versammelten Mäuse-Familien hatten sie gehört: Die Mäuse der Mae-Familie, der Ka- und der Wher-Familie. Nicht zu vergessen die königliche Loherren-Familie höchstpersönlich. Nur ihre Laruu-Familie war nicht anwesend. Sie zog es vor, unscheinbar und zurückgezogen in den Tiefen des Larawaldes zu leben.

»Sie wissen schon, warum«, sagte Marie laut, als sie daran dachte. »Hochnäsige Feldmäuse.«

Sie blickte sich um und schnupperte durch die Luft. Ein Schauer fuhr durch ihr seidig braunes Fell und ließ die feinen Härchen zittern.

»Feuer und Rauch«, flüsterte sie.

Abrupt bog sie vom Feldweg in den Wald ab. Marie kannte jeden Grashalm, jedes Laubblatt. Hier war sie aufgewachsen als eines der acht Laruu-Geschwister.

Eilig hüpfte sie über das Laub, duckte sich unter Zweigen hindurch und umrundete im Zickzack die im Weg liegenden Steine. Zwischen den Bäumen zeichneten sich die Konturen eines Hauses ab. Rauch stieg aus dem Schornstein empor. Ihre Menschen waren zu Hause.

Marie kletterte wie stets die drei Stufen nach oben und krabbelte unter dem Türspalt hindurch.

Gesine stand vor einem Kessel und rührte eine Flüssigkeit an. Das Gemisch stieg Marie sofort in die Nase.

Das wird eine Heilsalbe, wusste sie.

Sie hockte sich zu Gesines Füßen und blickte zu ihr hoch. Das Mädchen hatte sie bemerkt und lächelte ihr zu. Dabei summte es eine Melodie.

»Sing mit, kleine Maus«, hörte Marie.

Tatsächlich kannte sie das Lied, was Gesine stets summte, wenn sie allein war. Sie schloss die Augen und wiegte den Kopf. Plötzlich durchzuckte es sie wie ein Blitz. Das war es. Gesine war allein, ihre Mutter Berthe war an diesem Abend gar nicht zu Hause.

Sie huschte über Gesines Füße und sah zu ihr hinauf. Gesine bückte sich und ließ sie auf ihre Handfläche krabbeln. Vorsichtig setzte sie die Maus auf das gegenüberliegende Regal ab.

»Ich beschütze dich!«, piepste Marie. »Ich habe Pferdemenschen gesehen, die zur Ebnisburg ritten. Sie bringen das Feuer mit!«

Gesine summte weiter und beobachtete die Flüssigkeit im Kessel, die sich mehr und mehr zu einem Brei verdickte.

Maries Fellhärchen zitterten, als sie zur Tür blickte.

Hoffentlich kommt Berthe bald heim, dachte sie, während sie ihr beim Rühren zusah.

≈ 6 ≈

Berthe hielt einen Aufschrei zurück und sprang hinter den Vorhang der Ankleide, die sich neben Heidruns Bett befand.

Auf dem Burghof brach Lärm aus. Laute Männerstimmen brüllten sich einander etwas zu. Berthe hörte, wie Waffen auf Eisen und Holz gegeneinander schlugen. Mägde und Knechte, die bis eben ihre Arbeit verrichtet hatten, stoben auseinander und schrien.

Vor Heidruns Kemenate kreischte eine Frau auf, dann wurde es still.

Vorsichtig spähte Berthe hinter dem Vorhang hervor. Ein Mann war ins Zimmer getreten und vor dem Bett stehengeblieben.

Das Kind an Berthes Brust wurde unruhig, und sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn.

Der Mann zog den Helm vom Kopf und schmutzig dunkelbraunes Haar kam zum Vorschein. Lange starrte er auf die tote Frau im Bett. Ohne sich umzudrehen, winkte er jemanden herbei.

Berthe duckte sich hinter den Vorhang. Sie hörte Schritte, die flink über den Boden tapsten.

»Was ist das? Hol mir das her!«, befahl der Mann.

Berthe erkannte die Stimme. Nun war es Gewissheit. Es war niemand anderes als Dederich von Lohe. Der Verschmähte, wie sie ihn heimlich genannt hatte.

Berthe schloss die Augen. Sie fasste die zarte Hand des Kindes und begann zu wispern: »Wenn nicht wir, dann heilt die Zeit die tiefsten Wunden durch der Hoffnung Kleid.« Es war das Einzige, was ihr jetzt einfiel.

Als es still blieb im Raum, schob sie den Kopf nach vorne und versuchte, einen Blick ins Zimmer zu erhaschen.

Direkt vor dem Vorhang, den Rücken ihr zugewandt, stand ein Mädchen. Es war von schmächtiger Statur, dunkelbraunes Haar fiel ihm in Wellen über die Schultern bis auf den Rücken.

Sie ist nicht viel älter als Gesine, ging es Berthe durch den Kopf.

Das Mädchen blickte ebenfalls auf das Bett, in dem die tote Herrin der Ebnisburg lag. Es stand leicht nach vorn gebeugt, die Arme hingen herab, seine Hände hielt es zu Fäusten geballt. Eindringlich schien es die tote Frau zu betrachten.

Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel und ließ Heidruns rotes lockiges Haar wie Feuerschein leuchten.

»Mach dich nützlich«, grunzte Dederich. »Es sollte doch einen Sinn gehabt haben, dass dir deine Mutter, die Hexe, das Lesen beigebracht hat.«

Das Mädchen ging auf das Schreibpult zu, erkannte Berthe. Mit beiden Händen griff es eine Rolle und zog sie auseinander. Fast sah es so aus, als hielte sie sich daran fest, dann las sie stockend, aber mit fester Stimme vor:

»Besitzurkunde betreffend das Lehen an der Ebnisburg, den Dörfern Löhnsfelde und Stede im Süden, Bramrode und Westerode im Westen, der umliegende Larawald bis hin zur Begrenzung durch die Lara im Norden und im Osten. Der jeweilige Besitzer und dessen Erben, die an dem schwarzen Turmalinring der Ebnisburg zu erkennen sind, sind berechtigt und verpflichtet, die Dörfer zu verwalten, die Bauern in ihre Dienste zu rufen, zur Verteidigung zu verpflichten sowie die Früchte der Äcker und der erwirtschafteten Güter der Dörfer zu einem Zehnt für sich zu beanspruchen. Ferner darf er die Holz- und Wildbestände des angrenzenden Larawaldes für sich beanspruchen. Im Gegenzug gewährt er Schutz und Schirm für ...«

»Das reicht! Das ist die Urkunde. Aber wo ist dieser Ring?«

Er trat zu ihr und zog hektisch die Schubladen des Schreibpultes auf und tastete mit den Fingern darin umher.

»Steh nicht so rum!«, fuhr er das Mädchen an. »Hier soll ein Neugeborenes sein! Such es!«

»Hier ist kein Kind«, wimmerte das Mädchen.

»Loredana von Ebnisburg, hat die Magd gesagt. Es ist die Erbin, verstehst du? Sie kann ja wohl nicht weggelaufen sein!«

Berthe beugte sich erneut nach vorne und sah den breiten Rücken des Mannes. Dieser hatte das Mädchen rüde an seinen schmächtigen Armen gepackt und zog es mit sich.

»Der Korb ist leer«, antwortete es mit bebender Stimme.

»Das sehe ich auch. Los, mach dich auf die Suche. Irgendeine Magd wird sie wohl versorgen. Das wird dein neues Heim, also bringe sie mir.«

»Ja, Stiefvater«, erwiderte das Mädchen.

»Ja, Herr!«, korrigierte der Mann. Er schubste sie aus dem Zimmer. »Ansonsten ergeht es dir wie deiner Mutter!«

Berthe presste sich an die Mauerwand hinter dem Vorhang. Sie hörte, wie der Mann Schränke aufriss und Truhen durchwühlte.

Die Amme hielt den Atem an. Sie wusste, wenn er hinter dem Vorhang nachsehen würde, wären sie und das Kind tot.

»Dederich!«, schrie jemand von draußen.

Berthe hörte Dederich aufstöhnen, dann wurde die Tür geöffnet und fiel sogleich wieder ins Schloss.

≈ 7 ≈

Berthe atmete schwer. Zitternd trat sie aus ihrem Versteck und sah sich suchend im Zimmer um. Auf dem Pult lag die Urkunde, die das Mädchen vorgelesen hatte. Berthe griff zu. Ihr Blick fiel auf das Körbchen, das Heidrun für ihr Kind vorgesehen hatte. Es war aus Weidenzweigen geflochten und mit einem Henkel versehen. Liebevoll war es mit blauen und hellgelben Leinentüchern ausgelegt. Auf einem kleinen Kissen waren die Initialen L v E eingestickt. Loredana von Ebnisburg. Die Amme schlug die Tücher zurück und wollte das Kind hineinlegen. Sie stutzte. Ein kleines Holzkästchen lag dort. Sie klappte es auf. Der schwarze Turmalin, der Siegelring der Ebnisburg, blinkte ihr entgegen.

Kurz entschlossen legte sie das Kind in das Körbchen und hüllte es in die Tücher. Die Urkunde verbarg sie am Kopfende des Tragekorbs neben dem Siegelring.

Sie warf einen letzten Blick auf Heidrun, die so aussah, als schliefe sie nur.

Mit ihrem Schultertuch verdeckte sie den Korb und öffnete leise die Tür.

Von unten drang Tumult zu ihr herauf, aber vor Heidruns Kemenate befand sich derzeit keiner.

Eilig lief sie die Stufen nach unten. Auf halber Höhe blieb sie wie angewurzelt stehen.

»Findest du überhaupt irgendetwas? Hol mir die Besitzurkunde aus dem Zimmer, wird’s bald! Nichtsnutziges Balg!«, vernahm Berthe die Stimme Dederichs.

Das schmächtige brünette Mädchen, welches Dederich die Urkunde vorgelesen hatte, hastete mit eingezogenem Kopf an ihr vorbei.

Berthe hörte ihre kurzen Atemstöße und drückte sich an die Wand. Das Mädchen achtete nicht auf sie, sondern verschwand in Heidruns Zimmer.

Die Amme setzte ihren Weg nach unten fort. Erleichtert öffnete sie die Tür, die zum Burghof führte, als eine piepsige Stimme über ihr ertönte. »Bleib stehen!«

Die Amme blickte nach oben. Mit großen runden Augen sah das Mädchen auf sie hinab. Erstaunen und Entsetzen wechselten sich ab, dann riss es sich zusammen und zeigte mit dem Finger auf den Korb. »Das da gehört uns!«

Berthe umklammerte den Korb und suchte nach Worten.

»Dies alles gehört Loredana von Ebnisburg, merk dir das!«, rief sie, riss die Tür weit auf und rannte quer über den Burghof auf das südliche Haupttor zu, durch das sie vor wenigen Stunden gekommen war.

Im Zickzack durchquerte sie den Burghof, um nicht zwischen die Gefechte der Söldner des neuen Herrn und der Diener der Ebnisburg zu geraten. Entsetzt bemerkte sie, welches Gemetzel diese angerichtet hatten. Sie erkannte einige Mägde, die ihr bis vor kurzem bei der Geburt der kleinen Loredana geholfen hatten. Sie lagen tot auf dem Burghof.

Zwei der Söldner trieben die Knechte und Mägde in der Mitte am Burgbrunnen zusammen. Die, die sich wehrten, wurden gnadenlos niedergestochen, der Rest hatte vor dem neuen Burgherrn niederzuknien.

Berthe beugte sich tief über das Körbchen und bedeckte es mit ihrem Oberkörper. Sie hoffte, dass sie unbemerkt blieb in dem Getümmel.

Vor sich sah sie das Burgtor, was den Innenhof begrenzte. Dazwischen lag der Zwinger. Wenn sie den überwunden hatte, konnte sie geradeaus über die Zugbrücke direkt in den Wald entkommen.

Sie nahm all ihre Kraft zusammen und setzte zum Lauf an. An der Zugbrücke wurde heftig gekämpft, und sie musste mehrmals zur Seite ausweichen. Direkt vor ihren Füßen landete einer der Wachen, der sie hindurchgelassen hatte.

Ein erleichtertes Lächeln huschte über ihr Gesicht, das sofort erstarb. Der Wachhabende sank vor ihr auf die Knie und sie erkannte das Schwert, das in seinem Rücken steckte. Mit leblosen Augen sah er ihr entgegen.

Sie drehte auf halbem Absatz um und rannte den Zwingergang ein Stück zurück, bis er nach rechts abbog. Hier befanden sich die Stallungen, wusste sie.

Atemlos stürmte Berthe hinein und sah sich um. Die Pferde im Stall schnaubten und schüttelten ihre Mähnen. Auch sie waren von der Unruhe angesteckt. Die kleine Loredana in Berthes Armen war aufgewacht und bewegte sich.

»Schschsch«, beruhigte Berthe das Kind. Leise fing es an zu wimmern. Nicht mehr lange, und es würde laut weinen. Sanft wiegte sie es im Arm.

Eine braune Stute stupste sie mit den Nüstern an, und Berthe strich ihr über den Kopf. Sie stutzte.

Das Kind war still geworden. Die Stute hob und senkte den Kopf, als ob sie nicken würde.

Berthe klopfte ihr den Hals. An der Wand entdeckte sie Zaumzeug. Auch einige Sättel wurden im Stall aufbewahrt. Sie legte der Stute einen der Sättel auf und packte das kleine in Tücher gewickelte Mädchen in die Satteltasche. Daneben legte sie die Pergamentrolle und das Kästchen, in dem sich der Siegelring befand. »Bring sie ins Dorf, egal wie«, flüsterte sie dem Pferd ins Ohr.

Sie band das Tier los und beförderte es mit einem Klaps zum Tor hinaus. »Lauf, meine Schöne, und warte unten auf mich«.

Dann versteckte sie sich zwischen den Strohballen, die hinter den Boxen aufgetürmt lagen.

≈ 8 ≈

Berthe wusste nicht, wie lange sie im Stall ausgeharrt hatte, als es endlich ruhiger wurde.

Sie lugte um die Ecke hinüber zum Ausgang. Die Sonne senkte sich bereits in den Larawald, warf aber genügend Licht auf den Burghof. Am Brückentor waren die Gefechte eingestellt. Zwei fremde Wachen standen mit gekreuzten Hellebarden davor. Noch war die Zugbrücke heruntergelassen.

Sie schluckte ihre Angst hinunter und konzentrierte sich auf Gesine, die zu Hause auf sie wartete. Ich muss zu ihr, egal wie.

Sie legte sich ihr Tuch um Kopf und Schultern. Gebeugt wie ein altes Mütterchen hinkte sie auf das Tor zu.

»Wo kommst du jetzt her, Alte?«

Berthe blickte den Wachhabenden an, der sie angesprochen hatte. Es war ein hochgewachsener Landsknecht. Er trug eine lange, dunkelbraune Schaube über seinen Hosen und ein schwarzes Barett auf dem Kopf, unter dem lockige braune Haare hervorlugten. Fast hätte er edel gewirkt, wenn nicht ein schiefes Grinsen seinem Gesicht etwas Verschlagenes verliehen hätte.

Sie nahm eine geduckte Haltung ein, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

»In Gottes Namen, lasst eine alte Frau hindurch, die vor Einbruch der Dunkelheit im Dorf sein muss.«

»Was macht eine alte Vettel zu so später Stunde hier oben?«, fragte der Hochgewachsene.

Berthe dachte angestrengt nach.

»Ich sage Eurem Herrn schon seit Jahr und Tag die Zukunft voraus, wisst Ihr das denn nicht?«

»Aber ja«, hörte Berthe. Die andere Wache war zu ihr getreten. Berthe blickte auf seine Beine. Sie steckten in ausgetretenen Stiefeln, deren Schäfte auf beiden Seiten aufgeschnitten waren. Nur so passten die kurzen, stämmigen Beine hinein.

Berthe hielt den Atem an und hob den Kopf, um dem Mann ins Gesicht zu sehen. Zwei Schweinsäuglein in einem fleischigen Kopf, der auf einem fetten Körper saß, blickten ihr entgegen. Auch er war wie ein Landsknecht gekleidet, trug ein buntes Barett auf dem Kopf und war in einen roten Mantel gehüllt, der schon bessere Tage gesehen hatte. Eine Mischung aus Rauch und Schweiß schlug ihr entgegen. Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

»Dederich und die Hexen! Was haben wir eigentlich mit der letzten gemacht, Hauert?«, rief er aus.

Der Angesprochene lachte auf. »Nun, ich denke, sie wird niemandem mehr schaden. Aber sie sterben nicht aus, Röttger. Wieder hat es eine auf unsere Burg geschafft. Lass sie uns zu Dederich bringen.«

Die beiden packten sie an den Armen und zogen sie mit sich.

Berthe stemmte sich dagegen. »Halt!«, rief sie. »Ich habe ein Omen gesehen und brachte diese Kunde Eurem Herrn. Lasst mich augenblicklich los!«

Die beiden scherten sich nicht darum und schleppten sie weiter.

Das Pferd, fiel ihr plötzlich ein. Es war nicht mehr in den Stall zurückgekehrt. Auf dem Burghof schien es nicht mehr zu sein.

»Ein Pferd, mutig und schnell, wird die Zukunft bewahren«, sagte sie vielsagend.

»Ein Pferd?« Der Hochgewachsene stoppte, so dass Berthe zurückgerissen wurde.

Der Untersetzte ließ sie ebenfalls los.

»Verdammt«, vernahm Berthe und senkte den Blick.

»Ich habe ein herrenloses Pferd gesehen, das in den Wald gelaufen ist. Ich konnte es nicht einfangen!«, hörte sie.

»Es ist ein Omen!«, orakelte Berthe. »Es gehört den früheren Herren der Ebnisburg und wird deren Zukunft bewahren.«

Der Mann mit den zerschnittenen Stiefeln beugte sich zu ihr herab und zog ihren Kopf hoch.

Hastig zog Berthe ihr Tuch tiefer in die Stirn.

»Eine Hexe, die ein Omen bringt, hast du das gehört, Hauert? Sie will uns Angst machen. Was tun wir in der Regel mit solchen Wesen?«

Hauert lachte auf. »Wir sehen zu, wie sie mit all ihrem schlechten Werk in Flammen aufgehen!«

»Nur wenn die Lara sie nicht vorher haben will!«, stimmte Röttger mit ein.

»Bringen wir sie zu Dederich, er weiß, wie man mit Hexen umgeht.« Er packte sie am Arm und zog sie hinter sich her.

»Au!«, entfuhr es Berthe. Es war nicht klug, was sie von sich gegeben hatte, das merkte sie nun.

Der Hochgewachsene schleppte sie quer über den Hof hinter sich her. Vor dem Brunnen ließ er sie fallen.

»Dederich!«, schrie er und blickte zu den Kemenaten hoch. »Ich habe was für dich!«

Dederich steckte den Kopf aus dem Fenster und betrachtete die zusammengesunkene Frau, die vor dem Brunnen kniete.

Er nickte kurz. »Benn!«, rief er.

»Er bringt Benn, den Teufel mit, Frau. Lass dir eine gute Erklärung einfallen!«, zischte Berthes Bewacher.

≈ 9 ≈

Berthe war umringt von vier Männern. Sie blickte auf die Stiefel mit den langen Mänteln darüber. Für mehr wagte sie nicht den Blick zu heben. Seitlich von ihr erkannte sie den Mann in den zerschnittenen Stiefeln. Hinter den Vieren stand eine kleinere Gestalt. Berthe sah nur ihre nackten Füße. Dederichs Stieftochter, erinnerte sich Berthe.

»Eine Wahrsagerin, auch Hexe genannt.« Dederich war vor sie getreten. Sie sah es an einem Paar schwarzer edler Stiefel und einem dunkelroten Umhang.

Langsam ging er auf und ab. »Du behauptest also, dass du mir seit Jahr und Tag die Zukunft voraussagst?«

»Sie hat dir von einem Omen erzählt«, mischte sich der Hochgewachsene ein.

Dederich zog Berthe auf die Beine und riss ihr das Tuch vom Kopf. Sie sah ihm in die Augen. Schwarz wie die Nacht starrten sie Berthe an. Sein Gesicht war kantig und von dunkelbraunen Strähnen umrahmt. Sein Blick schien sie durchbohren zu wollen.

Erkennt er mich?, schoss es ihr durch den Kopf.

Er trat ein paar Schritte zurück und betrachtete sie. »So eine junge feine Wahrsagerin! Wie ist dein Name?«

Berthe überlegte, ob sie ihm ihren richtigen Namen nennen sollte, da bekam sie einen Stoß von hinten.

»Berthe Hathwehren«, entfuhr es ihr.

Sie hörte, wie jemand aufstöhnte.

»Die Hebamme aus dem Dorf Löhnsfelde!«, rief Dederich aus. »Du betätigst dich nebenbei als Hexe?« Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte er sie am Arm gepackt und zischte ihr zu: »Mein Getreuer Hauert sagte mir, du hättest mir von einem Omen berichtet. Das ist eine glatte Lüge!«

»Ich bin keine Hexe!«, wandte Berthe ein. Aber sie war sich bewusst, was diese Anschuldigung bedeutete. Sie sah nach rechts. An der Ostseite der Burg ging es steil hinab. Dort floss die Lara. Fünf unnatürlich hohe Trauerweiden standen an diesem Ufer. Stets schwankten sie in einem leichten Rhythmus, als würden sie ein Eigenleben führen. Im Volksmund nannte man sie die Gerechten. Trotzdem mied sie jeder. Keiner wollte ausprobieren, ob sie wirklich gerecht waren oder doch eher unberechenbar. Gleich dahinter stürzten mehrere Wasserfälle, die Larabrüche, in die Tiefe.

»Ich sehe, du siehst in die richtige Richtung«, sagte Dederich, der ihre Blicke verfolgt hatte. »Ich habe in der oberen Kemenate die tote Burgherrin vorgefunden. Ich nehme an, du warst es, die sie erst vor kurzem von einer Tochter entbunden hat. Das Kind ist wie vom Erdboden verschluckt. Ich hoffe, du weißt, was auf Tötung und Kindesentführung steht? Egal, was mir die Zukunft bringt, deine ist verwirkt.«

Ihr habt längst Eure Zukunft verwirkt, wollte Berthe ihm entgegen schleudern, biss sich aber auf die Zunge. Jetzt wollte jedes Wort wohl überlegt sein.

»Glaubt mir, ich weiß nicht, wo das Kind ist«, log sie. »Eine der Mägde muss es an sich genommen haben und ist mit ihm geflohen. Was die Herrin der Ebnisburg betrifft, die Geburt war für sie so anstrengend, dass sie im Kindbett verstorben ist.«

Plötzlich kam Berthe eine Idee. Wenn sie ihm weismachen könnte, dass er für alle Zeiten der Herrscher der Ebnisburg bliebe, würde er sie dann mit dem Leben davonkommen lassen? Es war zwar eine Lüge und widersprach all ihren Gefühlen, aber womöglich war es ihre einzige Chance.

Sie sah ihm ins Gesicht. »Es gibt für jeden Burgherrn, der auf der Ebnisburg herrscht, eine Prophezeiung. Sie kündet entweder von ewiger Dauer der Herrschaft oder von einem vorzeitigen Ende. Ich werde Euch die Zeichen deuten.«

»Als die wären?«

»Nun«, Berthe schluckte. Sie blickte zur Spitze des Bergfrieds hoch, über der ein schwarzer Rabe flog. Dunkel hob er sich vor dem aufgegangenen Mond ab und krächzte ein heiseres »Raah«.

»Für Euch lautet sie:

Ein Pferd wird Eure Zukunft wahren,

denn in all den folgenden Jahren,

stets zur Sommersonnenwendezeit,

werden Euch beim letzten Glockenschlag

die Zeichen leiten und Euch sagen,

ob Ihr herrscht auf Lebenszeiten:

Leuchtet der Mond hell, dürft Ihr bleiben.

Leuchtet der Mond rot, müsst Ihr weichen.

Bleibt der Tag still, führt Ihr fort Euer Leben.

Wird der Tag beben, ist Eure Zeit um,

Ihr müsst gehen.

Erscheint am Himmel der schwarze Rabe,

betrachtet es als gute Gabe.

Erscheint am Himmel der weiße Rabe,

steht Eure Herrschaft in Frage.

Die Weiden werden allzeit gerecht urteilen.

Nutzt die Zeit gut, um hier zu verweilen.«

»Was faselst du da?«, rief Dederich. »Was soll dieser haarsträubende Blödsinn! Du hast gerade selbst bewiesen, dass du eine Hexe bist.«

Er beugte sich zu ihr und beschrieb mit der Hand einen großen Bogen.

»Die Lara«, flüsterte er in ihr Ohr. »Sie beweist es uns allen. Morgen werden wir uns ihrem Urteil beugen. Spuckt sie dich aus, lasse ich dich verbrennen. Zieht sie dich in die Larabrüche, bist du rein und geborgen.«

Er stieß sie zur Seite. »Benn, wirf sie ins Verlies!«, ordnete er an und verließ den Burghof.

Berthe zitterte. Ein riesiger Mann stellte sich vor sie. Er war größer als der Landsknecht am Tor, den Berthe als Hauert in Erinnerung hatte. Eine schwarze Ledermaske verdeckte sein Gesicht, die mit roten und gelben Flammen bemalt war. Auf der rechten Seite des Kopfes fiel dichtes schwarzes Haar auf seine Schultern. Die linke Seite war dagegen kahl, sie wirkte wie eingefallen. Ein gurgelndes Geräusch drang aus seiner Kehle, das Berthe erschaudern ließ. Mit einer raschen Bewegung packte er sie und schleppte sie hinüber zum Bergfried.

»Aber Herr!«, rief Berthe Dederich nach. »Bedenkt, die Prophezeiung kann sich niemals erfüllen! Die Zeichen sprechen für Euch. Ihr werdet ewig auf der Burg herrschen!«

Dederich blieb stehen und zeigte nach oben. »Der Mond wird bleich vom Himmel scheinen in allen folgenden Jahren. Weder wird unter meinen Füßen die Erde beben oder werden über mir weiße Raben schweben. Das sind Omen, die nur eine Hexe heraufbeschwören kann. Nichts und niemand wird meine Herrschaft auf der Burg beenden!«

Der Gedrungene raunte ihr zu: »Vielleicht hättest du ein paar weisere Worte wählen sollen, als deinem neuen Burgherrn so einen Unsinn zu erzählen!«

»Lass gut sein, Röttger. Morgen schauen wir uns an, was das Wasser mit der Hexe macht! Das wird sicher ein Spaß! Heute Nacht wird erst mal gefeiert!« stimmte Hauert mit ein.

Im Turm des Bergfrieds führte eine Treppe hoch in die Zuflucht, eine weitere hinunter ins Verlies.

Benn zog eine Holztür auf. Ein Gestank aus Moder und Schlamm schlug ihnen entgegen. Berthe wusste, dass Heidrun und Lothar diesen Ort niemals genutzt hatten. Umso erbärmlicher war sein Zustand.

Er schob Berthe in eine der Zellen, legte eine Eisenkette um die verrosteten Stäbe und verschloss die Tür.

Ohne ein weiteres Wort entfernte sich ihr Peiniger. Oben rastete die Holztür ein.

»Eines Tages werdet ihr dafür büßen!«, rief Berthe in die einsetzende Dunkelheit.

Was habe ich getan? Meine Gesine ist allein. Ob das Kind überlebt hat, weiß ich auch nicht.

Zitternd hockte Berthe sich auf den Boden und umschlang mit den Armen ihren Körper. Nur ein Spalt in der Mauer ließ das fahle Mondlicht hinein.

Warum musste mir so ein dummer Spruch einfallen?, schalt sie sich. Warum habe ich nicht einfach gesagt, Herr, Ihr werdet für immer auf der Ebnisburg herrschen?

Sie schüttelte den Kopf. Unruhig, wie sie war, stand sie auf und rüttelte an der Eisentür. »Lasst mich raus, ich muss mich um mein Kind kümmern!«, rief sie.

Von oben hörte sie das Grölen der feiernden Raubritter. Niemand konnte sie hören. Sie versuchte, durch den schmalen Durchlass zu spähen. Sogar der Mond hatte sich verhüllt, nichts war mehr zu erkennen.

Eine Weile lauschte sie dem donnernden Wasserfall. Sie spürte, wie ihre Lider schwer wurden. Das beständige Rauschen hüllte die erschöpfte Frau ein. Bald trug es sie in einen unruhigen Schlaf.

≈ 10 ≈

Am nächsten Morgen erwachte Berthe durch ein knarrendes Geräusch. Sie rieb sich die Augen. Ein einzelner Sonnenstrahl hatte sich den Weg durch den Mauerspalt gebahnt und zeigte ihr, dass die Sonne aufgegangen war.

Erstaunt blickte sie zur Eisentür. Die Kette war entfernt worden. Die Tür stand offen. Von oberhalb der Treppe, die sie gestern hinabgestiegen war, drang ein Windhauch, der die obere Tür leicht bewegte und das Knarren erzeugte.

Sie erhob sich rasch und zog die Eisentür einen Spalt breit auf. Eine Weile blieb sie stehen und lauschte nach oben. Es war vollkommen ruhig. Sie öffnete die Eisentür nun vollständig, als sie zu ihren Füßen ein Stück Pergament entdeckte. Hastig griff sie danach und las. Ein Fünfzeiler war darauf gekritzelt.

Berthe schluckte und schüttelte den Kopf. Sie ließ es fallen, als hätte sie sich die Finger verbrannt und hastete auf Zehenspitzen nach oben. Sie stieß die Holztür des Bergfrieds auf und lauschte in den Burghof. Inständig hoffte sie, dass die neuen Burgherren ausgiebig gefeiert hätten und lange schlafen würden.

Als sich draußen nichts rührte, legte sie ihren Umhang über Kopf und Schultern und eilte über den Hof.

Abrupt blieb sie stehen, als ihr Blick auf die Wachen am Haupttor fiel. Zum Glück standen dort nicht Hauert und Röttger, sondern zwei unbekannte Söldner. Sie klammerten sich an ihre Lanzen, ließen die Köpfe vornüber hängen und gaben laute Schnarchgeräusche von sich.

Es gibt keinen anderen Weg als durch dieses Tor, wusste Berthe. Sie nahm all ihren Mut zusammen und rüttelte die beiden wach.

»Eilt Euch, ich muss dem Herrn Medizin für seine Stichwunde am Oberschenkel bringen, die er sich gestern beim Kampf zugezogen hat«, log sie. »Die Wunde beginnt bereits zu eitern.«

Die Wachhabenden schraken auf und blickten sie schlaftrunken an.

»Eilt Euch, oder wollt Ihr den Tod Eures Herrn?«, keifte Berthe. »Der Eiter wird sein Bein zerfressen!«

Als die beiden sie mit trüben Augen musterten, stemmte sie die Hände in die Hüften. »Wollt Ihr gar selbst sterben? Was meint Ihr, wird er mit Euch tun, wenn er erfährt, dass Ihr am Burgtor eingeschlafen seid, statt zu wachen?«

Sofort standen die Wachen aufrecht und sahen sich fragend an.

»Tor auf!«, kommandierte Berthe. »Wenn ich mit der Medizin zurückkomme, könnt Ihr was erleben!«

Endlich lösten sie die Kette der Zugbrücke und ließen sie herunter. Es machte einen Heidenlärm, und Berthe blickte sich um. Einige Vögel flogen auf, sonst regte sich nichts auf dem Hof.

Kaum war die Zugbrücke heruntergelassen, humpelte sie, krummgebeugt wie ein altes Mütterchen, zum Waldrand hinüber. Sie spürte die Angst in ihren Knochen, aber kaum hatte sie die erste Wegbiegung hinter sich gelassen, nahm sie das Tuch vom Kopf und rannte, so schnell sie konnte, den Weg zum Dorf hinab.

≈ 11 ≈

Laut nach Luft japsend blieb Berthe stehen. Endlich war sie am Waldrand angelangt. Vor ihr erstreckten sich die Gerstenfelder. Gleich dahinter tauchten die Dächer von Löhnsfelde auf.

Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sie die braune Stute aus dem Stall der Ebnisburg auf sich zutraben sah.

»Du hast es geschafft und auf mich gewartet. Gib mir meine kleine Loredana.«

Das Pferd blieb stehen und stupste sie an. Sie strich ihm über die Nüstern. Dann jedoch verdunkelte sich ihr Blick. Der Sattel lag ohne Satteltasche auf.

Sie griff darunter, strich dem Tier über den Körper und suchte. Nichts. Die Satteltasche mit dem Kind war fort.

»Wo ist es?«, flüsterte sie heiser.

Das Pferd schüttelte seine Mähne und setzte seinen Weg zur Ebnisburg fort.

Sie lief ihm hinterher, bis sie plötzlich eine Stimme hörte.

»Mutter! Wo warst du so lange? Die ganze Nacht warst du weg!« Es war Gesine, die auf sie zurannte.

»Es tut mir so leid, es tut mir so leid!«, flüsterte Berthe, schloss ihre Tochter in die Arme und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. »Es ist etwas Furchtbares passiert. Du musst zurück in unseren Wald, da bist du sicher. Ich muss mich um etwas kümmern ...«

Das Mädchen nickte schluchzend. »Aber ...« Es wies mit dem Finger in das Getreidefeld.

»Was ist denn?«

»Es hat so lange geweint, jetzt schläft es.«

»Du meinst ...?« Berthe spürte ihr Herz höher schlagen. Sie folgte Gesine, die sich einen Weg durch die Ähren bahnte.

Da lag die kleine Loredana und schlief ruhig und friedlich. Eine braune Waldmaus saß an ihrem Kopfende. Als Berthe die Hand nach dem Kind ausstreckte, richtete sie sich auf.

Berthe strich dem Kind über den Kopf.

»Meine Gebete wurden erhört, ich danke Gott«, flüsterte sie.

Die Kleine lag in ihre Tücher gewickelt auf der Satteltasche.

Berthe nahm das Kind auf den Arm und durchsuchte die Tasche. Sie atmete erleichtert auf. Die Besitzurkunde und das Kästchen mit dem Turmalinring lagen gut verwahrt darin.

»Ich habe mich gestern Abend auf den Weg zur Burg gemacht, weil du nicht nach Hause gekommen bist«, erzählte Gesine.

Sie zeigte auf die Maus. »Plötzlich lief ein herrenloses Pferd den Weg entlang. Die Maus ist ihm einfach zwischen die Beine gelaufen. Da hörte ich ein Kind weinen, es kam aus der Satteltasche des Pferdes. Ich habe es auf dem Arm geschaukelt, bis es eingeschlafen ist. Und ich auch.«

Berthe sah sie entsetzt an. »Hast du im Feld übernachtet?«

Ihre Tochter nickte. »Mit unserer Maus.«

Berthe nahm sie in die Arme. »Du musst müde sein von dieser anstrengenden Nacht. Ich erzähle dir auf dem Nachhauseweg, was geschehen ist.«

Gesine griff nach der Satteltasche. »Ist es das Kind, was du auf die Welt geholt hast, Mutter?«

Berthe nickte. »Es ist die kleine Burgerbin. Heidrun ist bei der Geburt verstorben. Wir müssen um unser Leben fürchten, Gesine. Ab jetzt werden wir uns verstecken müssen.«

Unsicher sah das Mädchen seine Mutter an. Die Spuren der vergangenen Nacht, das tränenüberströmte Gesicht, waren deutlich zu sehen.

»Haben wir denn etwas Schlimmes getan?«, fragte es.

Berthe schüttelte den Kopf. »Nein, aber kannst du dich an Dederich erinnern?«

»Den Feuerteufel von Löhnsfelde?«

»Genau der. Er ist zurückgekehrt und gefährlicher denn je.«

Gesine schluckte. »Mutter, wir müssen sie mitnehmen und beschützen. Sie gehört zu uns«, sagte sie und wies auf die Waldmaus.

Sie bückte sich und streckte die Hand aus, damit die Maus auf ihre Hand klettern konnte. Aber diese machte kehrt und huschte ins Gerstenfeld. Sie piepste lautstark und schien sich gar nicht beruhigen zu wollen.

»Was hat sie bloß?«, murmelte Gesine kopfschüttelnd.

»Komm, Gesine, lassen wir sie im Feld. Wir müssen uns beeilen, bevor Dederich aus dem Schlaf erwacht. Im dichten Unterholz an der Lara wird er uns nicht finden.«

Sie wandten sich um und liefen auf den Wald zu. Die lautstark protestierende Maus beachteten sie nicht mehr.

≈ 12 ≈

»Nein, Herr, bitte bestraft uns nicht!«, bettelten die beiden Wachhabenden, die am Morgen die Amme zum Tor hinausgelassen hatten. Röttger und Hauert hatten die Wachen zu Dederich geschleift. Zusammengekauert lagen sie auf dem Boden vor ihrem Gebieter.

»Sie sagte, sie hole Euch Medizin für Eure Stichwunde. Sie eitere bereits! Wir mussten sie doch durchlassen! Bitte um Gnade, mein Herr!«

Der neue Burgherr ging in schnellen Schritten auf und ab. Er hatte geschrien, als er das leere Verlies gesehen hatte. Höchstpersönlich wollte er die Hexe der Lara übergeben, um sich von ihrer Schuld zu überzeugen. Und nun berichteten diese nichtsnutzigen Wachen, dass die Amme heute Morgen völlig ungeschoren zum Burgtor hinaus spaziert war.

Der Zorn brachte sein Gesicht zum Erröten. »Habt ihr vielleicht gesehen, dass ich mir eine Stichwunde zugezogen habe! Wie konntet ihr auf einen so einfachen Trick hereinfallen!«

Sein Körper bebte vor Wut. Mehr als das interessierte ihn jedoch die Frage, wer die Kette vor dem Eisengitter entfernt hatte, damit die Amme entkommen konnte.

Er blieb stehen. Langsam drehte er sich zu seinen drei verbliebenen Landsknechten um. Hauert, Röttger und Benn warteten auf weitere Befehle.

»Zu den Gerechten mit ihnen, sie sind zu nichts mehr nutze!« Er wies auf die beiden Häufchen Elend.

Röttger und Hauert gehorchten und packten zu. Hauert verpasste ihnen einen gezielten Schlag, so dass ihre Körper kraftlos zusammensackten. Er legte sich den einen über die Schulter, Röttger schleifte den anderen Wachhabenden hinter sich her.

Dederich wandte sich an Benn. »Du holst mir Brunhilda.«

Benn knurrte unter der Maske und verließ den Raum.

Er zerrte Brunhilda am Arm hinter sich her und stellte sie vor Dederich hin. Wie ihr Wächter positionierte er sich direkt hinter ihr.

Brunhilda senkte den Kopf. Sie hatte eine schlaflose Nacht hinter sich und zitterte vor Angst und Müdigkeit.

»Hast du sie entkommen lassen?« Dederichs Tonfall war leise, aber scharf.

Brunhilda schüttelte den Kopf und biss die Zähne zusammen.

Er kostete die Angst des Mädchens aus, ließ sich Zeit mit seiner Befragung. Er sah in den Burghof hinunter, den Hauert und Röttger soeben durchquerten.

Dann wandte er sich dem Mädchen zu. »Ich frage mich, was du dir dabei gedacht hast. Aber plötzlich erinnerte ich mich an deine Mutter«, sagte er und lächelte, als er Brunhildas erschrockenen Blick sah.

Er beugte sich zu ihrem Ohr. »Wie vielen Menschen, die mit uns derzeit auf der Burg leben, würdest du zutrauen, dass sie einer Hexe zur Flucht verhelfen?«

Brunhilda spürte den stinkigen Atem auf ihrer Wange und kniff die Augen zu. Kaum merklich zuckte sie mit den Schultern.

»Auch deine Mutter war eine Hexe«, sprach er weiter.

»Das ist nicht wahr«, flüsterte Brunhilda. »Sie hat Euch geliebt.«

»Sie hat mich verflucht«, zischte Dederich zurück. »Soll das Liebe sein?«

Brunhilda antwortete nicht.

Er hob ihren Kopf an, so dass sie ihn ansehen musste. »Das ist der wahre Grund, warum du das Weib aus dem Kerker befreit hast. Du hilfst den Hexen, weil deine Mutter selbst eine war.«

Er blickte zu Benn hinüber. »Hol mir den Stock!«, befahl er.

Dederich wurde jäh unterbrochen, als es draußen laut wurde. Er sah aus dem Fenster und lachte auf. »Sie sind aufgewacht! Die Gerechten werden sie in Empfang nehmen.«

Brunhilda hörte die Schreie der Gefangenen, die sich offensichtlich ein letztes Mal zu wehren versuchten. Aber sie kannte Hauert und Röttger. Hauert war groß und kräftig, für ihn war es ein Leichtes, einen Mann über eine Mauer zu werfen. Und auch wenn Röttger hinter seinem Rücken als plump bezeichnet wurde, so war sie schon Zeugin seiner Kräfte geworden. Er zögerte nicht zu töten. Die beiden waren Landsknechte aus Dederichs ehemaliger Rotte, die sich für ihre Söldnerdienste bezahlen ließen.

Die Schreie draußen verstummten.

Dederich wandte sich seiner Stieftochter zu. »Gestehe also. Es ist deine letzte Chance, sonst endest du wie deine Mutter!«