Karussell des Schicksals - Patricia Vandenberg - E-Book

Karussell des Schicksals E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »War das nicht ein herrliches Fest?«, seufzte Fee Norden zufrieden und lehnte sich entspannt auf dem Beifahrersitz der Familienlimousine zurück. Ihr Mann Daniel warf ihr einen lächelnden Seitenblick zu. »Ich bin zwar froh, dass es nicht spät geworden ist, aber gefallen hat es mir sehr. Besonders dieser Flamenco-Gitarrist und die Tänzerin. Das war ein einmaliges Erlebnis.« »Du genießt es schon sehr, dem Alltag einmal zu entfliehen, nicht wahr, mein Liebes?« »Ach Daniel, ich bin mit Leidenschaft Hausfrau und Mutter, das weißt du doch. Trotzdem sind diese kleinen Zerstreuungen wie Inseln im Alltag. Es ist immer wieder schön, neue Leute kennenzulernen und mit Bekannten, die man lange nicht gesehen hat, zu plaudern.« »Mir ist aufgefallen, dass du dich sehr eingehend mit diesem Musiker unterhalten hast. Beinahe wäre ich eifersüchtig geworden«. »Eifersüchtig? Auf Pasqual?« »Keine Ahnung, wie er heißt. Auf jeden Fall warst du sehr in das Gespräch vertieft«, erklärte Daniel schmunzelnd und richtete den Blick konzentriert auf die vor ihm liegende Straße. Der Straßenrand wurde links und rechts von dunklen Baumschatten flankiert und war berüchtigt für die lauernden Gefahren. Immer wieder unterschätzten Autofahrer die mitunter steilen Kurven und überholten leichtsinnig. Schon manche Fahrt hatte ihr Ende an einem der mächtigen Stämme gefunden.

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 103 –Karussell des Schicksals

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»War das nicht ein herrliches Fest?«, seufzte Fee Norden zufrieden und lehnte sich entspannt auf dem Beifahrersitz der Familienlimousine zurück. Ihr Mann Daniel warf ihr einen lächelnden Seitenblick zu. »Ich bin zwar froh, dass es nicht spät geworden ist, aber gefallen hat es mir sehr. Besonders dieser Flamenco-Gitarrist und die Tänzerin. Das war ein einmaliges Erlebnis.«

»Du genießt es schon sehr, dem Alltag einmal zu entfliehen, nicht wahr, mein Liebes?«

»Ach Daniel, ich bin mit Leidenschaft Hausfrau und Mutter, das weißt du doch. Trotzdem sind diese kleinen Zerstreuungen wie Inseln im Alltag. Es ist immer wieder schön, neue Leute kennenzulernen und mit Bekannten, die man lange nicht gesehen hat, zu plaudern.«

»Mir ist aufgefallen, dass du dich sehr eingehend mit diesem Musiker unterhalten hast. Beinahe wäre ich eifersüchtig geworden«.

»Eifersüchtig? Auf Pasqual?«

»Keine Ahnung, wie er heißt. Auf jeden Fall warst du sehr in das Gespräch vertieft«, erklärte Daniel schmunzelnd und richtete den Blick konzentriert auf die vor ihm liegende Straße. Der Straßenrand wurde links und rechts von dunklen Baumschatten flankiert und war berüchtigt für die lauernden Gefahren. Immer wieder unterschätzten Autofahrer die mitunter steilen Kurven und überholten leichtsinnig. Schon manche Fahrt hatte ihr Ende an einem der mächtigen Stämme gefunden. All das wusste Dr. Norden und lenkte den Wagen mit besonderer Umsicht durch die Nacht, während er der Antwort seiner Frau lauschte.

»Es war recht interessant, was er erzählt hat. Stell dir vor, er ist Krankenpfleger in der Behnisch-Klinik.«

»Ein Krankenpfleger mit künstlerischen Ambitionen, das ist in der Tat ungewöhnlich. Und jetzt hast du beschlossen, einen Flamenco-Kurs zu absolvieren.«

»Für wie alt hältst du mich, Dan?«, lachte Fee über die gespielte Eifersucht ihres Mannes. »Du brauchst dir überhaupt keine Sorgen zu machen. Als Pasqual hörte, dass ich verheiratet und Mutter von fünf Kindern bin, hat er sich sofort diskret zurückgezogen.«

»Wenigstens hat er Anstand. Das ist für einen feurigen Südländer ja nicht gerade gewöhnlich.«

»Er ist überhaupt ein eigenartiger Typ. Alleine mit ihm würde ich mich nicht wohlfühlen. Dieser stechende Blick war mitunter doch furchteinflößend. Als wollte er durch mich hindurchsehen.«

»Dann war es ja gut, dass ich dich heute Abend nicht aus den Augen verloren habe.«

»Ich habe nie etwas anderes behauptet«, erklärte Felicitas lächelnd und legte die Hand sanft in Daniels Nacken, um mit den Fingerspitzen seine verspannten Muskeln zu massieren. »Bist du müde, mein Lieber? Für dich sind diese Festivitäten wohl eher eine Belastung denn eine Abwechslung, oder?«

»Ganz so würde ich es nicht sagen. Alleine zu wissen, wie sehr du diese Gelegenheiten genießt, bereiten auch mir Freude. Aber ich gebe zu, dass ich froh bin, wenn wir endlich zu Hause sind.«

»Das bin ich auch. Erst jetzt merke ich, wie müde ich eigentlich bin.« Felicitas gähnte, bis ihr das Wasser in die Augen trat. Ihr Blick war einen Moment lang getrübt, und sie sah nicht, was die Augen ihres Mannes erfassten. Erst als der Lichtkegel des Scheinwerfers auf eine Gestalt fiel, die regungslos auf der Straße stand, erkannte sie die Gefahr. Daniel reagierte zur selben Zeit. Er trat auf die Bremse. Der Asphalt war feucht, der Wagen geriet ins Schlingern, fing sich aber dank Daniels geschicktem Manöver sofort wieder. Mit quietschenden Reifen kam das Auto zum Stehen. Plötzliche Totenstille umgab sie. Für einen Moment regte sich nichts. Fees Herz schlug vor Aufregung hart gegen ihre Brust. Ihre Finger waren in den Sitz gekrallt, ihre Augen starrten schreckgeweitet in die dunkle Nacht. Nicht mehr als einen Meter entfernt stand der Mann, regungslos und pechschwarz gegen den Lichtstrahl des Scheinwerfers, der ihn seitlich streifte. Langsam entspannte sich Fee, ihre Hände ließen locker, während Daniel ausstieg und auf die starre Gestalt zutrat.

»Was um alles in der Welt machen Sie denn um diese Zeit am Straßenrand? Das ist lebensgefährlich. Wenn ich nur einen Meter weiter auf der rechten Seite fahre, kann ich Ihnen nicht mehr ausweichen«, erklärte er, bemüht, seiner zitternden Stimme Ruhe und Festigkeit zu verleihen. Doch der andere gab keine Antwort. Stumm und beinahe verständnislos starrte er den Autofahrer an, das Weiß seiner Augen leuchtete gespenstisch in der Dunkelheit. Langsam gewöhnten sich Dr. Nordens Augen an das trübe Licht, und er erkannte, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen Motorradfahrer handeln musste. Der Mann trug eine Lederkombi, den Helm hatte er abgestreift. Achtlos lag er im Gras des schmalen Seitenstreifens. Daniels Blicke wanderten weiter. Schemenhaft erkannte er endlich, wonach er suchte. »Ist das Ihre Maschine? Oder ich sollte wohl besser fragen, ob sie das war. Sie scheinen wirklich einen Schutzengel gehabt zu haben.«

Der Mann antwortete immer noch nicht. Ganz offensichtlich stand er unter Schock. Voller Mitgefühl und ärztlicher Sorge trat Daniel Norden näher und fasste ihn sanft am Arm. »Kommen Sie. Ich bin Arzt und habe Medikamente im Wagen, die Ihnen helfen werden, sich wieder zurechtzufinden.«

Zum ersten Mal, seit die Nordens an der Unfallstelle angekommen waren, zeigte der Mann eine Reaktion. Er schüttelte Daniels Arm unwirsch ab und drehte sich um. Langsam ging er an der Maschine vorbei in den Wald hinein. Erst als er stehen blieb und sich nach Dr. Norden umsah, setzte Daniel sich in Bewegung.

So vorsichtig, wie er in den Wald hineingegangen war, so eilig waren seine Schritte, als er ihn kurz darauf wieder verließ. Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er den Wagen erreichte, in dem Felicitas ihn ungeduldig erwartete.

»Dan, um Gottes willen, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Was ist denn passiert?«

»Für lange Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Schnell, gib mir das Handy. Ich muss in der Behnisch-Klinik anrufen. Wir brauchen sofort einen Wagen«, gab er eine knappe Anweisung. Ohne weitere Fragen zu stellen, tat Felicitas, wie ihr geheißen. Sie wusste, wenn Daniel so bestimmt sprach, dass Gefahr drohte. Dennoch fühlte sie sich sicher bei ihm. Trotz seiner Eile hatte seine Stimme eine Souveränität, die beruhigend auf sie wirkte, obwohl das, was Dr. Daniel Norden kurz zuvor gesehen hatte, alles andere als beruhigend gewesen war.

*

»Hast du schon von diesem schrecklichen Unfall gehört, der vor Kurzem im Forst passiert ist?«, fragte Hannes Stolze seine Tochter Lara, die zu fortgeschrittener Stunde von ihrer Arbeit nach Hause kam. »Die Bundesstraße durch den Forst war geschlagene drei Stunden gesperrt.«

»Woher soll Lara denn das wissen? Sie kommt gerade aus der Klinik und hat wahrscheinlich anderes im Kopf«, tadelte Evi Stolze in dem bissigen Tonfall, der im Hause Stolze seit einiger Zeit an der Tagesordnung war.

Lara verdrehte die Augen und warf die langen, schwarzen Haare in den Nacken.

»Könnt ihr euch eigentlich nicht mehr normal unterhalten? Wenn das so weitergeht, muss ich mir wirklich endlich eine eigene Wohnung suchen.«

Diese Drohung wirkte immer. Hannes, der eine scharfe Erwiderung auf den Lippen gehabt hatte, schluckte seine Worte hinunter und seufzte.

»Schon gut. Allein der Gedanke daran, Tag und Nacht mit deiner Mutter hier ganz alleine zu sein, reicht mir vollkommen. Außerdem kannst du dir das Geld für eine Wohnung sparen, bis Mathias mit seinem Studium fertig ist. Ihr wollt doch ohnehin endlich zusammenziehen und euch ein eigenes Nest bauen, damit Bastian endlich eine richtige Familie bekommt.«

»Natürlich wollen wir das. Allerdings solltet ihr mit gutem Beispiel vorangehen. Sonst traue ich mich am Ende nicht mehr, diesen entscheidenden Schritt zu tun. Es ist nicht schön, zu sehen, was aus einer großen Liebe werden kann, wenn sie erst einmal zur Gewohnheit geworden ist«, seufzte Lara deprimiert. »Aber wie geht es denn meinem kleinen Sonnenschein? Ist er schon im Bett?«

»Natürlich. Er hatte einen guten Tag heute. Stell dir vor, ich glaube, er hat zum ersten Mal Oma gesagt«, erzählte Evi begeistert.

»So einen Unsinn kannst auch nur du daherreden«, maßregelte Hannes seine Frau kopfschüttelnd. »Das weiß sogar ich, dass Babys in diesem Alter nicht sprechen können.«

»Unser Bastian ist halt ein besonders intelligentes Kind. Kein Wunder, bei so klugen Eltern.«

»Na ja, so klug sind wir nun auch wieder nicht. Immerhin hat Mathias ein paar berufliche Umwege gemacht, bis er endlich gewusst hat, dass er Ingenieur werden will.«

»Aber er war immer ehrgeizig und fleißig. Schon das zeugt von seiner unbestrittenen Intelligenz. Und du hast es auch bis zur Stationsschwester gebracht. Eine ganz beachtliche Leistung, wie ich finde.«

»Wenn ich mehr von Mathias’ Ehrgeiz gehabt hätte, wäre ich heute Ärztin«, gab Lara zu bedenken und holte eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank. Sie schenkte sich ein Glas voll und trank es genussvoll.

»Hast du nicht selbst behauptet, eine Karriere als Medizinerin wäre doch nichts für dich?«, hakte Evi mit verständnislosem Blick nach.

Lara nickte.

»Natürlich. Es genügt, dass mit Lynn wenigstens eine in der Familie eine Akademikerlaufbahn eingeschlagen hat. Und ich stehe nach wie vor zu meiner Entscheidung, das Studium abgebrochen zu haben. Der direkte Kontakt zu den Menschen, das Gespräch mit ihnen und die Pflege sind mir doch viel wichtiger als alles andere. Darüber hinaus habe ich als Oberschwester viel mehr Kompetenzen, führe Personalgespräche, erstelle Dienstpläne. Das bringt etwas Abwechslung in meinen Alltag, die ich sehr genieße.«

»So wie Bastian Abwechslung in unseren Alltag bringt«, lächelte Evi in Gedanken an ihr sechsmonatiges Enkelkind, das tief und fest in einem der zahlreichen Zimmer der großen Jugendstilvilla schlief.

»Was daran Abwechslung sein soll, weiß ich allerdings auch nicht. Du sitzt den ganzen Tag vor dem armen Kind und betest ihm allen möglichen Unsinn vor«, bemerkte Hannes übellaunig.

»Mit Kindern muss man sprechen. Die Kleinen brauchen ebenso Unterhaltung wie unsereins.«

»Ich könnte auf eine Unterhaltung mit dir gut verzichten«, brummte Hannes und verzog sich in seinen Ohrenbackensessel.

Evi blickte ihm mit funkelndem Blick nach, sagte jedoch nichts mehr. Aus Erfahrung wusste sie, dass jedes böse Wort ein weiteres nach sich zog, bis die schönste Streiterei im Gange war. Das wollte sie weder sich noch ihrer Tochter zumuten, zumal Hannes die Kunst des Beleidigtseins vortrefflich beherrschte. Es kam nicht selten vor, dass er ihr nach einer solchen unsinnigen Auseinandersetzung, das Leben tage- und wochenlang zur Hölle machte. Stattdessen ließ sie sich lieber von Lara dazu überreden, ihr in das Fernsehzimmer zu folgen.

»Komm, Mama, lass uns noch schnell im Regionalsender Nachrichten sehen. Vielleicht erfahren wir ja mehr über diesen Unfall und sind Papa einen Schritt voraus. Erfahrungsgemäß ist er ja immer besonders verträglich, wenn er neugierig ist«, lächelte Lara und zog Evi mit sich. Mutter und Tochter machten es sich auf dem Sofa gemütlich. Lara griff nach der Fernbedienung und schaltete den Sender ein, der Nachrichten aus der näheren Umgebung brachte. Aufmerksam verfolgte sie die Berichterstattung, bis die Sprache tatsächlich auf den Unfall kam. Die Motorradspritztour zweier junger Menschen hatte ihr jähes Ende an einem Baum gefunden. Als Lara das Bild des völlig zerstörten Fahrzeugs erblickte, erstarrte sie zu Eis. Obwohl von der Maschine nicht mehr viel zu erkennen war, wusste sie die schreckliche Wahrheit im Bruchteil einer Sekunde. Sie stieß einen heiseren Schrei aus.

Evi, die vor Müdigkeit die Augen ein wenig geschlossen hatte, schrak zusammen.

»Du liebe Zeit, Lara, was ist denn passiert?«

»Das Motorrad!«, stammelte die aufgelöst, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. »Siehst du das Motorrad? Das ist Mathias’ Maschine. Eine dunkelgrüne Yamaha. Ich erkenne sie genau.« Evi starrte auf die Fotografie, die immer noch hinter der Nachrichtensprecherin eingeblendet war. Schließlich schüttelte sie den Kopf.

»Unsinn. Das kann man doch gar nicht erkennen. Mehr als ein Haufen Schrott ist es ja nicht mehr. Außerdem ist die Abbildung mehr als unscharf.«

»Du siehst es vielleicht nicht. Aber ich weiß es genau. Ich fühle es. Das ist die Maschine von Mathias«, stammelte Lara noch einmal. Ihre Augen schwammen in Tränen. Evi rückte näher an ihre Tochter heran und legte den Arm um ihre Schultern.

»Jetzt sei doch mal vernünftig. Mathias ist bestimmt zu Hause und verbringt seine Zeit mit Lernen. Ruf ihn an, dann hast du Sicherheit.«

Lara dachte einen Augenblick nach. Dann erhob sie sich seufzend und wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über das Gesicht.

»Das werde ich tun. Gott gebe, dass du recht hast und ich nichts weiter bin als völlig hysterisch.« Mit diesen Worten verließ Lara das Zimmer, und Evi blickte ihr nach. So aufgelöst hatte sie ihre jüngere Tochter noch nie zuvor erlebt. Ihr Blick wanderte zurück auf den Bildschirm. Aber die Nachrichtensendung war eben zu Ende gegangen, und der Wetterbericht flimmerte über die Mattscheibe. Trübes Herbstwetter war angesagt, und Evi konnte in diesem Augenblick nicht ahnen, wie düster die kommenden Wochen wirklich werden sollten, in jeder Hinsicht.

Als Lara den Flur der Villa durchqueren wollte, bemerkte sie ihren Vater, der an der Tür stand und sehr ernsthaft und leise mit einem Mann sprach. Im blassen Schein der Außenbeleuchtung konnte sie erkennen, wie bleich Hannes war. Ohne sich Gedanken über die Ungehörigkeit ihres Tuns zu machen, trat sie zu ihrem Vater und sah ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Der Mann, der vor der Tür stand, war niemand anderer als ein uniformierter Beamter. Lara schlug die Hand vor den Mund.

»Mathias«, entwich ihren Lippen ein schmerzerfüllter Aufschrei.

Langsam wandte ihr Vater ihr das eingefallene Gesicht zu. War er zuvor noch der Inbegriff männlicher Autorität und Stärke gewesen, so war er jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst.

»Mathias geht es den Umständen entsprechend gut. Es geht um Lynn ... sie liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen in der Behnisch-Klinik.«

»Lynn?« Verständnislos starrte Lara von dem Beamten zu ihrem Vater und zurück. »Ich verstehe kein Wort. Was um alles in der Welt hat Lynn mit diesem Unfall zu tun?«

»Der Unfallhergang ist noch nicht geklärt. Gesichert ist nur, dass Ihre Schwester mit auf dem Motorrad saß«, erklärte der Polizist mit betretener Miene.

»Lynn saß auf Mathias’ Maschine?« Laras Stimme war nicht mehr als ein tonloses Flüstern. »Ich verstehe nicht.«

»Für lange Spekulationen ist jetzt keine Zeit«, herrschte Hannes seine jüngere Tochter ungehalten an. »Wir müssen so schnell wie möglich in die Klinik. Los, sag deiner Mutter Bescheid. Und zieh dich an. Ich geh schon mal vor zum Wagen.« Angesichts des Entsetzens in Laras Gesicht kam Farbe in Hannes Stolzes Miene. Mechanisch tat seine Tochter, wie ihr geheißen worden war. Die aberwitzigsten Gedanken spukten ihr im Kopf umher, als sie in Begleitung ihrer aufgelösten Mutter die Villa verließ. Und so unfair es im Augenblick Lynn gegenüber war, ließ Lara eine Frage überhaupt nicht mehr los: Warum um alles in der Welt hatte ihre Schwester auf dem Motorrad ihres zukünftigen Schwagers Mathias gesessen?

*

Die lebenserhaltenden Geräte auf der Intensivstation der Behnisch-Klinik machten die vertrauten Geräusche. Dennoch fühlte Daniel eine vage Beklemmung, als er auf den leblosen Frauenkörper hinabstarrte, der vor ihm im Klinikbett lag. Durch die vielen Kabel und Schläuche, Verbände und Pflaster war die junge Frau beinahe nicht zu erkennen. Dr. Norden konnte ihre ungewöhnliche Schönheit nur erahnen. Während er so in Gedanken versunken vor dem Bett stand, trat eine Ärztin hinter ihn und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter, um ihn nicht zu erschrecken. Dennoch zuckte er leise zusammen und wandte sich um.

»Ach, Jenny, du bist es. Ich habe dich gar nicht bemerkt«, begrüßte er seine Kollegin und langjährige Freundin Jenny Behnisch, Chefin der gleichnamigen Klinik.

»Kein Wunder bei dem Lärm, den diese Maschinen machen«, gab die so unbeschwert wie möglich zurück. Doch in ihren Augen stand eine tiefe Sorge geschrieben. Sie seufzte. »Fee hat mir erzählt, wo ihr den Abend verbracht habt. Leider war es kein schönes Ende nach einem gelungenen Fest.«

»Wie so oft im Leben kann man sich das nicht aussuchen. Und ich bin froh, dass wenigstens wir an der Unfallstelle vorbeigekommen sind. Nicht auszudenken, was aus Frau Stolze geworden wäre, wenn sie noch längere Zeit auf dem feuchten, kühlen Boden gelegen wäre.«