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Ein urkomischer Krimi voller schräger Typen, Schießereien und Verfolgungsjagden Friseur und Barbershop-Sänger Jimmy Luntz steckt in Schwierigkeiten. Weil er seit Jahren das Geld zwielichtiger Kredithaie verspielt, sind ihm nun skrupellose Geldeintreiber mit großkalibrigen Waffen auf den Fersen. Auf der Flucht wird die schöne Indigene Anita seine Gefährtin – und plötzlich geht es nicht mehr nur um ein paar Riesen für Lotterie und Poker, sondern um sein Leben, Sex und 2,3 Millionen Dollar. In Keine Bewegung! entführt Denis Johnson die Leser in die abgründige Welt eines Kleingangsters. Mit schwarzem Humor und einem Gespür für schräge Charaktere inszeniert er ein rasantes Roadmovie à la Tarantino. Ein Krimi, der Genrefans begeistern wird. Wie Philip Roth treffend formulierte: «Ein großer, finsterer, ernster Spaß.»
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2010
Denis Johnson
Keine Bewegung!
Roman
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Jimmy Luntz war nie im Krieg gewesen, aber ganz genauso stellte er sich das vor – achtzehn Männer in einem Raum, und Rob, ihr Chorleiter, der sie gleich rausschicken würde; achtzehn Männer, Schulter an Schulter, die auf Befehl ihres Anführers ausrücken, um zu tun, was sie Tag und Nacht geübt haben. Die schweigend im Dunkeln hinter den schweren Vorhängen warten, während der Ansager auf der anderen Seite einen flauen Witz erzählt, und dann: «DIE ALHAMBRA CALIFORNIA BEACHCOMBER CHORDSMEN!», und schon lächelten sie in heiße Scheinwerfer und trugen ihre beiden Nummern vor.
Luntz war einer von vier Leads. Firefly kriegten sie ziemlich gut hin, fand er. Ihre Vokale harmonierten, bei den Konsonanten nahmen sie sich zurück, und er wenigstens, das wusste Luntz, strahlte und bestach mit starker Körpersprache. Bei If We Can’t Be the Same Old Sweethearts lief es dann wie geschmiert. Gleichtakt, voller Klang, leidenschaftlicher Ausdruck, alles, was Rob je gefordert hatte. So gut hatten sie es noch nie gemacht. Rechts um, Treppe runter und in den Keller des Kongresszentrums, wo sie erneut in Reihe antraten, diesmal für Erinnerungsfotos.
«Selbst wenn wir Zwanzigste von zwanzig werden», sagte Rob hinterher zu ihnen, während sie die weißen Smokings, karierten Westen und karierten Fliegen auszogen, «sind wir in Wirklichkeit Zwanzigste von hundert, nicht, Jungs? Schließlich haben sich einhundert Chöre für die Teilnahme hier beworben. Und nur zwanzig haben es ganz bis nach Bakersfield geschafft, vergesst das nicht. Wir sind einer von hundert, nicht von zwanzig. Merkt euch das, klar?» Man bekam ein bisschen den Eindruck, als hätte Rob sie nicht besonders gut gefunden.
Fast Mittag. Luntz zog sich gar nicht erst wieder die Straßenkleider an. Er schnappte sich seine Sporttasche, versprach den anderen, ins Best Value Inn nachzukommen, und eilte in voller Montur nach oben. Es juckte ihn, eine Wette abzugeben. Er fühlte sich, als wäre das Glück ihm heute hold. In der Tasche seines blendend weißen Smokings steckte ein zusammengefalteter Santa-Anita-Wettschein. Um halb eins liefen sie los. Also schnell ein Münztelefon finden und irgendwen anklingeln.
Auf dem Weg hinaus durch die Lobby sah er, dass die Ergebnisse schon angeschlagen waren. Die Alhambra Chordsmen waren Siebzehnte von zwanzig geworden. Egal, in Wirklichkeit hieß das schließlich Siebzehnte von hundert, nicht?
Also schön – in Ordnung. Sie waren baden gegangen. Aber trotzdem hatte Luntz noch dieses gute Gefühl. Rasur, neuer Haarschnitt, Smoking. Monte Carlo ließ grüßen.
Als er durch die großen Glastüren nach draußen trat, stand da doch der alte Gambol gleich neben dem Eingang. Kontrollierte, wer so kam und ging. Ein baumlanger, trauriger Mensch mit teuren Hosen und Schuhen, Kamelhaarsakko, weißem Strohhut, wie ihn ältere Golfer tragen. Einem riesigen Schädel.
«So, so», sagte Gambol, «du bist also in einem Barbershop-Chor.»
«Was machst du denn hier?»
«Bin extra hergekommen, um dich zu sehen.»
«Nein, im Ernst jetzt.»
«Das ist mein Ernst. Kannst du mir glauben.»
«Ganz nach Bakersfield?»
Das gute Gefühl. Es hatte ihn schon öfter getrogen.
«Ich parke da drüben», sagte Gambol.
Gambol fuhr einen kupferfarbenen Cadillac Brougham mit weichen weißen Ledersitzen. «An der Seite vom Sitz ist ein Knopf», sagte er, «damit kannst du ihn verstellen.»
«Man wird mich vermissen», sagte Luntz. «Ich fahr mit den anderen nach LA zurück. Ist alles organisiert.»
«Ruf jemanden an.»
«Gut, klar – such mir ein Münztelefon, dann hüpf ich schnell raus.»
Gambol hielt ihm ein Handy hin. «Hier wird nirgendwohin gehüpft.»
Luntz klopfte sich auf die Hosentaschen, fand sein Notizbuch, öffnete es auf einem Knie, drückte mit dem Daumen auf die Tasten. Robs Anrufbeantworter sprang an, und Luntz sagte: «He, alles klar. Ich hab eine Mitfahrgelegenheit. Nach Alhambra runter.» Er dachte kurz nach. «Hier ist Jimmy.» Was noch? «Luntz.» Was noch? Nichts. «Alles paletti. Bis Dienstag dann. Dienstag ist doch Probe, oder? Klar. Dienstag.»
Er gab das Handy zurück, und Gambol steckte es in die Tasche seines eleganten italienischen Sakkos.
Luntz sagte: «Kann ich rauchen?»
«Klar. In deinem Wagen. In meinem nicht.»
***
Gambol lenkte mit einer Hand, während er mit dem anderen Arm nach hinten langte, um in Luntz’ Sporttasche zu wühlen. «Wozu ist das hier?»
«Zum Schutz.»
«Wovor? Grizzlybären?» Er griff über Luntz’ Schoß und schob das Ding ins Handschuhfach. «Das ist eine richtig große Knarre.»
Luntz machte das Fach auf.
«Klapp das Ding zu, verdammt.»
Luntz machte es zu.
«Du brauchst Schutz? Dann bezahl deine Schulden. Das ist der beste Schutz.»
«Ganz meine Meinung», sagte Luntz, «und soll ich dir von einem Onkel von mir erzählen? Ich bin heute Nachmittag mit ihm verabredet.»
«Ein reicher Onkel.»
«Zufällig ja. Ist gerade erst von der Küste hergezogen. Hat einen Haufen Geld in der Müllbranche verdient. Der Mann kauft sich jedes Jahr einen neuen Mercedes. Ist gerade nach Bakersfield gezogen. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, wohnte er noch in La Mirada. Der Müllkönig von La Mirada. Wenn ich mal Geld brauche, soll ich mich jederzeit melden, hat er gesagt. Wir waren zusammen essen, im Outback Steakhaus in La Mirada. Mann, was die da auffahren. Erstklassige Steaks, so dick wie dein Arm. Warst du mal im Outback?»
«In letzter Zeit nicht.»
«Also, mit anderen Worten: Lass mich den Mann anrufen, bevor wir zu weit aus der Stadt draußen sind.»
«Mit anderen Worten: Du kannst nicht zahlen.»
«Doch, doch, auf jeden Fall», sagte Luntz. «Klar kann ich zahlen. Lass mich nur mal kurz dein Handy benutzen und einen kleinen Zauber wirken.»
Gambol benahm sich, als hätte er nicht gehört.
«Komm schon. Der Mann fährt Mercedes. Lass mich zu ihm hinfahren und mit ihm reden.»
«Gequirlte Scheiße, Mann. Dein Onkel.»
«Na gut. Er ist Shellys Onkel. Aber es gibt ihn wirklich.»
«Und gibt es Shelly wirklich?»
«Die – ja. Shelly? Mit der hab ich mal zusammengewohnt.»
«Der Onkel von irgendeiner Schlampe, mit der du mal zusammengewohnt hast.»
«Gib mir eine Chance, Kumpel. Eine Chance, meinen Zauber wirken zu lassen.»
«Das versuchst du ja gerade. Er wirkt nicht.»
«Hör zu, Mann, hör zu», sagte Luntz, «lass uns Juarez anrufen. Lass mich mit dem Meister persönlich reden.»
«Juarez redet nicht gern.»
«Komm schon. Wir kennen uns doch. Was ist los?»
Gambol sagte: «Mein Bruder ist gerade gestorben.»
«Was?»
«Genau vor einer Woche.»
Luntz wusste nichts von einem Bruder. Wie führt man ein vernünftiges Gespräch mit jemandem, der so was in die Debatte wirft?
Sie fuhren Richtung Norden. Bakersfield stank nach Öl und Erdgas. Wo man es am wenigsten erwartete, mitten in einer Ladenpassage oder neben einer dieser neumodischen Kirchen, die nur aus Glas und schwindelerregenden Kurven bestanden, sah man plötzlich Bohrtürme, deren Köpfe sich auf und ab bewegten.
***
«Hier war ich früher mit meinem Bruder angeln», sagte Gambol, «irgendwo in dieser Gegend jedenfalls. Am Feather River.»
Luntz löste die im Schoß verschränkten Hände und betrachtete sie. «Was?»
«Einmal, um genau zu sein. Einmal sind wir angeln gewesen. Hätten wir öfter machen sollen.»
Die Straße war vierspurig, aber eine Interstate war es nicht. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 16:00 an.
«Wo sind wir?»
«Wir fahren nur so rum», sagte Gambol. «Wieso? Hast du noch was vor?»
Luntz legte die Hände auf die Knie und setzte sich gerade hin. «Wo fahren wir hin?»
«Bei so einer Fahrt sollte man lieber nicht fragen, wo sie endet.»
Luntz schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, fuhr auf der Gegenfahrbahn eine Horde Biker auf Harleys an ihnen vorbei.
Gambol sagte: «Hast du das gesehen? Die Hälfte von denen hatte Oregoner Kennzeichen. Ich glaube, die haben ein Treffen in Oakland oder so. Soll ich dir was sagen? Ich bin noch nie Motorrad gefahren.»
«Scheiße», sagte Luntz.
«Was?»
«Nichts. Die Biker da. Scheiße», sagte er, «der Feather River. Gibt’s hier irgendwo eine Kneipe, die Feather River Tavern heißt oder so ähnlich?»
«Der Fluss ist ganz woanders. Weiter im Norden. Soll ich dir was sagen? Mich kriegst du nie im Leben auf eine Harley.»
«Nicht?»
«Helm hin oder her. Was nützt dir ein Helm?»
«Der Drecks-Feather-River», sagte Luntz.
***
Jimmy Luntz stand am Münztelefon, drückte die Neun und die Eins, hielt inne. Er konnte den Wählton nicht hören. Ihm dröhnten noch die Ohren. Der alte Colt-Revolver knallte, dass man bekloppt davon wurde.
Luntz ließ den Hörer fallen und ein paar Sekunden lang an der Schnur baumeln. Kopfschüttelnd wischte er sich die Hände an den Oberschenkeln seiner Jeans ab. Dann stach er noch einmal mit spitzem Finger auf die Eins und nahm den Hörer ans Ohr. Eine Frau sagte: «Notrufzentrale Palo County, wie können wir Ihnen helfen?»
«Ein Mann. Dieser Mann», sagte er. «Hier ist ein Mann angeschossen worden.»
«Ihr Name und Ihr Standort, bitte, Sir?»
«Also, wir sind hier an diesem Rastplatz nördlich vom Tastee-Freez an der 70, irgendwo hinter Ortonville. Weit hinter Ortonville.»
«Sir. Meinen Sie Oroville?»
«Bingo», sagte er. Mit der freien Hand kramte er nach einer Zigarette.
«Sehen Sie irgendwo einen Kilometerstein, Sir?»
«Nein. Hier sind so riesige Kiefern gleich neben der Straße. Quasi dahinter.»
«Der Rastplatz nördlich vom Tastee-Freez und nördlich von Oroville. Wie ist sein Zustand, können Sie mir das sagen?»
Luntz sagte: «Er hat einen Schuss ins Bein abgekriegt. Wie macht man einen Druckverband?»
«Üben Sie einfach direkten Druck auf die Wunde aus. Ist er bei Bewusstsein?»
«Ja, alles in Butter, Schätzchen. Aber das Blut kommt nur so rausgeströmt.»
«Üben Sie Druck aus. Legen Sie ein Stück sauberen Stoff auf die Wunde und drücken Sie mit der Handfläche fest darauf.»
«Klar, mach ich, aber ich meine – können Sie möglichst schnell hier sein?»
Sie fing wieder an zu reden, und er hängte ein.
Er holte sein Feuerzeug heraus und zündete sich die Camel an. Nahm mehrere tiefe Züge, warf sie weg.
Er ging über den Rastplatz unter den Nadelbäumen zu Gambol, der an das linke Hinterrad seines Cadillacs gelehnt auf dem Boden saß und sehr bleich aussah. Sehr groß. Er hatte den weißen Golfhut abgenommen. Was für ein Schädel. Ein gewaltiger Schädel. Sein ganzes rechtes Hosenbein war schwarz von Blut. Der weiße Hut lag neben ihm.
Luntz beugte sich vor und machte Gambols Gürtel auf, und Gambol öffnete seine großen, fremdländisch wirkenden Augen.
Luntz sagte: «Ich brauch mal deinen Gürtel, für einen Druckverband.»
Er stellte den Fuß zwischen Gambols kräftige Beine und zog den Gürtel aus den Schlaufen rund um seinen dicken Bauch. «Also, pass auf, Bruder», sagte er zu Gambol. «Ich hoffe, du verstehst das hier richtig.»
Gambol holte ein paarmal tief Luft, schien aber nicht sprechen zu können.
Luntz sagte: «Soll ich hier sitzen und warten, bis du mir den Arm brichst? Wann hast du dir das letzte Mal was gebrochen?»
Gambol keuchte und stöhnte. Er tastete nach seinem Hut, nahm ihn vor die Brust und hielt ihn dort fest. «Soll ich dir was sagen?», brachte er heraus. «Ich habe ganz aktuell einen zerschmetterten Oberschenkelknochen.»
«Ich hab den Notruf gewählt, also halt einfach durch.»
Mit überraschender Kraft warf Gambol plötzlich seinen weißen Hut von sich. Er wurde vom Wind erfasst und segelte gut zehn Meter weit zwischen die Bäume. Dann schien Gambol das Bewusstsein zu verlieren.
Luntz ließ den Gürtel in seinen blutigen Schoß fallen. Er schlug die Revers von Gambols Kamelhaarsakko auseinander, fischte sein Portemonnaie aus der Innentasche und steckte es ein.
Er zog sich die Hosenbeine ein Stück hoch, ging in die Hocke und tastete unter dem Wagen nach dem alten Revolver, der dort gelandet war, fand ihn und richtete sich, die Knarre fest in beiden Händen, wieder auf. Er hielt Gambol die Mündung an die Stirn und legte den Daumen an den Hahn.
Gambol schien von alldem überhaupt nichts mitzukriegen. Seine Hände lagen, mit den Handflächen nach oben, neben den ausgestreckten Beinen, sein Bauch hob und senkte sich.
Luntz nahm den Daumen vom Hahn, atmete aus und ließ den Revolver sinken. «Scheiße. Bind ihn dir ums Bein. Den Gürtel, Mann. Wach auf, Mann.» Gambol zog ein Gesicht wie ein debiles Kind, als er mit jeder Hand ein Ende des Gürtels packte, um ihn sich unter das blutige Bein zu zerren. «Durch die Schnalle da, die Schnalle», sagte Luntz. «Das ist ein Druckverband», sagte er, als er in den Wagen stieg.
Er setzte sich auf dem weißen Leder des Cadillacs zurecht. Drehte den Zündschlüssel. Ließ die Fensterscheibe herunter und rief: «Rutsch mal zur Seite, Gambol, der Caddy hier schwirrt nämlich gleich ab.»
Er knallte den Gang rein, trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und bremste kurz vor der Highway-Auffahrt scharf ab.
Sie würden von Süden kommen, nahm er an, aus dem Krankenhaus von Ortonville, Oroville, was auch immer. Er fuhr Richtung Norden.
Nachdem eine Streife der Highway-Polizei mit Blaulicht an ihm vorbeigerast war, konnte er einfach nicht mehr weiterfahren und bog auf den Parkplatz eines Cafés im Randgebiet einer kleinen Stadt ein.
Er parkte den Caddy hinter dem Gebäude und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Schweiß tränkte sein Hemd und seine Weste. Behutsam, benommen tastete er über die Knöpfe der Klimaanlage, ohne daraus schlau zu werden. Stieg aus, legte Jacke, Fliege und Weste ab und stand in der Brise, packte den Türrahmen, krümmte sich und erbrach saure grüne Flüssigkeit zwischen seine schwarzen Schuhe.
Auf der Männertoilette stand Luntz eine geschlagene Minute am Pissoir, aber es kam nichts aus ihm heraus. Er spülte trotzdem. Er stützte die Hände auf das Waschbecken, senkte den Kopf und atmete mehrmals ein und aus, bevor er den Blick zum Spiegel hob.
***
Gegen elf Uhr am Vormittag ging Anita Desilvera, einen Viertelliter Popov-Wodka in der Handtasche, ins Kino. Als sie sich dem Gebäude näherte, sah sie aus dem Augenwinkel das Plakat für das Epos, das gerade lief: Der letzte wahre Champion.
Nachdem sie bei dem Mann mit dem steinernen Gesicht bezahlt hatte, ging sie hinein. Sie kaufte sich eine große pinkfarbene Limonade und schüttete auf dem Weg in den Zuschauerraum die Hälfte davon mit klackernden Eiswürfeln in den Trinkbrunnen. Tastete sich im Dunkeln den Gang entlang bis zu einer der vorderen Reihen. Ohne den Mantel auszuziehen, setzte sie sich, lehnte den Kopf ein paar Sekunden lang an den Sessel vor ihr und richtete sich dann weinend wieder auf.
Schraubte die Flasche auf und goss den Wodka in ihr Getränk, kickte die leere Flasche unter den Nachbarsitz.
Der Film handelte anscheinend von Berufsboxern. In extremer Nahaufnahme pflügten gigantische Boxhandschuhe riesige Schweißklackse von Stirnen und Wangen. Ein Mann, der ganz allein zwei Reihen vor ihr saß, folgte dem Geschehen mit ruckartigen Bewegungen und hervorgestoßenen Geräuschen – «Hu! Ha! Ho!»
Während die Männer auf der Leinwand einander die Gesichter kaputtschlugen, saß sie im Dunkeln und ließ sich zu dreißig Prozent volllaufen, kramte in ihrer Manteltasche nach einem Taschentuch, verbarg ihr Gesicht darin und weinte noch hemmungsloser als vorher. Für die Frau des Bezirksstaatsanwalts von Palo County gab es tatsächlich keinen anderen Ort, um sich zu betrinken und zu heulen. Sie besaß nicht mal mehr einen Schlüssel zu ihrem eigenen Haus. Außer dem Wagen hatten sie ihr alles genommen.
Als ihre Armbanduhr zehn vor zwölf zeigte, ging sie zur Toilette, brachte ihr Gesicht in Ordnung und fuhr sich mit der Bürste durchs Haar, bevor sie auf die gleißend helle Straße hinaustrat.
Der Packard Room war zwei Querstraßen vom Kino entfernt. Sie ging schnell und atmete tief ein und aus. Vor dem Restaurant strich sie sich den grauen Rock glatt und richtete ihren Mantel, und als sie in das kühle Licht des glashausartigen Speisesaals trat, hielt sie sich gerade und achtete darauf, mit dem ganzen Gesicht zu lächeln.
Hank Desilvera saß ganz hinten in der Ecke und sah reich aus. Er erwiderte ihr Lächeln wie der Prinz aller künftigen Tage, während er sich bückte, um Dokumente aus seiner Aktentasche zu nehmen.
Als sie ihren Mantel über den freien Stuhl gelegt und sich gesetzt hatte, war die gemeinste Mahlzeit ihres Lebens bereits serviert: das Schuldanerkenntnis. Die Kündigung. Die Verzichtserklärung. Alles in dreifacher Ausfertigung.
Sie nahm den Stift in die Hand und unterschrieb. Ihr Leben wegzuspülen dauerte fünfundvierzig Sekunden.
Hank lachte nur und steckte alles wieder in die Aktentasche, die neben seinem Stuhl stand. Er zuckte mit den Schultern. Er schaffte es, das Ganze für sie wie eine einzelne herbe Niederlage in einer ansonsten sicherlich glanzvollen Saison aussehen zu lassen.
Er konnte einen vögeln, verladen und auf die Straße setzen – und erwarten, dass man seinen Spaß dabei hatte.
«Den Rest hat Tanneau», sagte er. Tanneau war der Richter. Der Rest waren die Scheidungspapiere.
«Hank», sagte sie, «können wir es nicht nochmal versuchen? Wir kriegen das wieder hin. Komm», sagte sie, «ich kann verzeihen. Ich glaube daran, dass man einander verzeihen kann.» Sie hatte vorgehabt, während des ganzen Mittagessens mit erhobenem Kopf dazusitzen, ein wenig Stil zu beweisen, aber nun hatte sie sich schon nach zwei Minuten zur Bettlerin gemacht.
«Es geht nun mal nicht jeder Tag glatt auf, Babylove.»
«Nenn mich nie wieder so.»
«Babylove», sagte er, und das Wort ging mitten durch sie hindurch. «Wie wär’s mit dem Cajun-Hühnchen?»
«Was?»
«Es ist neu auf der Karte.»
«Neu?»
«Ja. Probier doch mal das Cajun-Hühnchen.»
«An sich gern! Aber ich hab da ein Problem.» Sie war schon dabei, sich den Mantel anzuziehen. «Schickst du mir meine Exemplare mit der Post?»
«Wohin?», fragte er.
«Wohin?»
«Wie lautet deine Adresse? Wo lebst du dieser Tage dein Leben?»
Sie stand da und starrte ihn an, während ihnen beiden bewusst wurde, dass sie auf diese Frage keine Antwort hatte.
«Und wo willst du jetzt hin?»
«Ich habe einen Termin beim Richter.»
«Der Richter ist nicht da», sagte Hank.
«Ich habe aber einen Termin.» Sie raffte die Papiere zusammen, stopfte sie in die Manteltasche und ging.
Tanneau hatte sein Büro in einem renovierten Backsteingebäude, einst ein Kraftwerk, heute eine hochpreisige Festung der Wirtschaft und des Rechts. Es gehörte ihm. Allem Wodka zum Trotz fing bei dem Gedanken, ihn zu sehen, ihr Herz an zu klopfen, während sie in der Sonne, im Duft der Nadelhölzer, in all den Aromen der Luft, die den Gestank überlagerten, durch die Straßen lief. Sie würde die Treppe hinaufsteigen, sich ankündigen, in die Aura seiner Großartigkeit vorgelassen werden, und er würde sich höflich erheben, während sie vor seinem Schreibtisch Platz nahm. Er würde sich wieder setzen, die Hände falten, sich zu ihr vorbeugen und sie mit milder Verwunderung und Trauer ansehen, als könne er sich keinen einzigen Grund ausmalen, warum sie gekommen war. Mit seiner üppigen weißen Haartracht sah er wie ein Fernsehprediger aus, gefühlsselig und telegen. Es hatte nur eine Frage der Zeit sein können, bis er und Hank Desilvera sich aneinander rieben und Feuer fingen und jeden zu verbrennen begannen, der dumm genug war, einem von ihnen nahezukommen. Und sie war beiden nahegekommen: Sekretärin des Richters, Frau des Bezirksstaatsanwalts.
Als sie Tanneaus Büro betrat, behauptete die brandneue Sekretärin, er sei nicht da. «Entschuldigen Sie – haben Sie einen Termin?»
«Er braucht eine Unterschrift von mir.»
Aber diese neue Sekretärin, Anitas Nachfolgerin, eine nicht mehr ganz junge Frau im kastanienbraunen Kleid, fand in den Unterlagen nichts, was eine Anita Desilverio betraf.
«Desilver-a. Herrgott nochmal. Mrs.Henry Desilvera? Die Scheidungsvereinbarung?»
«Oh. Gott. Ja», sagte ihre Nachfolgerin.
Sie hatte die Dokumente in ihrem Eingangskorb liegen. Anita unterschrieb alle drei Ausfertigungen und behielt eine davon. «Gestatten Sie.» Sie legte die beiden anderen in den Korb mit der Aufschrift AUSGANG. Noch sechs Monate – dann war das alles Vergangenheit. An einem einzigen Vormittag hatte sie sich mit ein paar Dokumenten und ein bisschen Tinte zu einer Vagabundin, einer Verbrecherin und einer künftigen Geschiedenen gemacht.
Sie wandte sich um und klatschte mit der flachen Hand dreimal gegen die Tür des Richters. «Sie wissen, dass ich hier draußen bin.»
Ihre Nachfolgerin holte scharf Luft. «Ich habe Ihnen doch gesagt, der Richter ist nicht da.»
Anita legte beide Hände flach an die Tür. Sie drückte die
Wange ans Holz. «ACHTHUNDERT PRO MONAT. LEBENSLANG.»
Ihre Nachfolgerin griff nach dem Telefon.
«Wenn ich bis ans Ende meines Lebens Entschädigung zahlen soll, ist es ja wohl kein Wunder, dass ich Aua schreie, oder?»
«Dann schreien Sie draußen. Der Richter ist nicht da. Er ist im Krankenhaus.»
«Wirklich?»
«Er ist am Freitag zu einer Biopsie in die Klinik gefahren, und sie haben ihn gleich dabehalten und operiert.»
«Hoffentlich stirbt er.»
«Sie sind ja betrunken.»
«Noch nicht. Aber mir gefällt Ihre Art zu denken.»
***
Gambol gab sich eine Minute, um auf dem Pflaster liegend auszuruhen; er schaute genau auf die Uhr, rollte sich dann auf den Bauch und legte die Hände auf Höhe seiner Schultern flach auf den Asphalt. In dieser Stellung ruhte er noch einmal dreißig Sekunden lang aus, bevor er sich hochstemmte, um auf zwei Händen und einem Knie mit hängendem Kopf vorwärtszukriechen und, stoßweise atmend, sein verwundetes Bein in den Schutz der Kiefern zu schleppen.
Gegen einen Baumstamm gelehnt, verschnaufte er zwei Minuten lang. Als er die Augen wieder öffnete, schienen die Äste über ihm in den Himmel zu rasen.
Er bekam sein Handy zu fassen und rief Juarez über die Kurzwahl an.
«Alter– Mistah Gambolino.»
«Ich brauche einen Arzt.»
«Dann ruf einen.»
«Ich brauche einen netten Arzt. Ich bin angeschossen worden, Mann.»
«Angeschossen?»
«Von diesem Arschloch Jimmy Luntz.»
«Was?»
«Jimmy Luntz hat mich angeschossen.»
«Was?»
«Ich brauche einen Arzt. Und jemanden, der mich hier abholt. Er soll herkommen. Er soll mich hier abholen.»
«Ist es so schlimm? Kannst du nicht mehr fahren?»
«Der Wichser hat meinen Wagen mitgenommen.»
«Was?»
«Scheiß auf ‹was›. Er hat mir durchs Bein geschossen. Durch den rechten Oberschenkel. Durch den Knochen, glaube ich.»
«Durch den Oberschenkel?»
«Ich bin ausgestiegen, um den Kofferraum aufzumachen, und er – peng, Mann.»
«Wo bist du?»
«Oh, Mann.»
«Gambol, halt durch jetzt. Wo bist du?»
«In der Nähe von Oroville.»
«Wo ist Ortonville? Bist du in San Diego County oder was?»
«Nicht Ortonville, Mann. Oroville. An der Route 70. Irgendwo meilenweit hinter Sacramento und dem ganzen Scheiß.»
«In welcher Richtung denn von Oroville aus? Osten, Westen oder was?»
«Norden, glaube ich.»
«Norden. In der Nähe von Madrona? Ich kenne jemanden in Madrona.»
«Hol mich hier weg, verdammte Scheiße.»
«Ich arbeite ja dran. Wo hat er dich erwischt?»
«Am Oberschenkel. Das hab ich doch schon gesagt.»
«Luntz?»
«Luntz.»
«Jimmy Luntz? Scheiße, Mann. Scheiße. Der ist fällig. Mein Ehrenwort.»
«Da kannst du deinen Arsch drauf wetten.»
«Mein Ehrenwort und mein Geschenk an dich. Der Mann ist tot.»
Gambol schaltete sein Handy aus und ließ es in seine Brusttasche fallen. Er wartete eine halbe Minute, bevor er Anstrengungen unternahm, den Gürtel fester um sein Bein zu schnallen. Das Bein war taub, und ihm war kalt.
Er lehnte den Kopf an den Baumstamm, überlegte, was er als Nächstes tun sollte, und ging diese Überlegungen noch einmal sorgfältig durch, bevor er sich nach rechts auf den Ellbogen fallen ließ und sich nach und nach herumwuchtete, bis er auf dem Bauch lag. Als er die Arme durchdrückte, sich hochstemmte und loskroch, fiel ihm das Handy aus der Brusttasche, und er hielt inne. Er ließ sich auf die Ellbogen hinab und packte das Handy mit dem Mund.
Das blutverschmierte Handy zwischen den Zähnen, schleppte er sich ein paar Meter weiter zwischen die Kiefern und das Gestrüpp und blieb dort auf dem Bauch liegen, während Sirenen aufheulten und sich näherten.
Als er Stimmen hörte, die immer näher kamen, drehte er sich auf die Seite, sodass er, nicht weit von der Stelle entfernt, wo er in den kleinen Kiefernhain hineingerobbt war, einen Krankenwagen und drei Pfleger sehen konnte, die sich unter Flüchen und Gelächter mit zwei uniformierten Polizisten unterhielten. Der Streifenwagen parkte direkt über dem großen Fleck auf der Teerdecke. Selbst aus dieser Entfernung konnte Gambol seine eigene Blutspur erkennen.
Er drehte sich auf den Rücken, knöpfte das Handy in die Innentasche seiner Jacke und manövrierte sich wieder in Kriechstellung, um sein Bein weiter vom Parkplatz wegzuschleppen, fand einen Durchlass, in dessen Öffnung er sich legen konnte, und wartete ab, den Blick geradewegs nach oben gerichtet und in rascher Folge blinzelnd, damit er bei Bewusstsein blieb, während die beiden Crews zu dem Schluss kamen, das Ganze sei wohl so was wie ein Streich gewesen, mit dem man sie hierher gelockt hatte.
Sie hielten sich nicht lange auf. Als sie den Durchlass überquerten, hörte er ihre Fahrzeuge über sich auf den Highway rumpeln.
Es kostete ihn Mühe, die Innentasche seiner Jacke aufzuknöpfen, und genauso viel Mühe, die Tasten seines Handys zu bedienen. Er erreichte erneut Juarez. «Hast du jemanden gefunden?»
«Ich bin ja dran. Halt durch. Wir kriegen dich da schon weg. Ich kenne da einen Vet in Madrona.»
«Ich liege hier in so einem Durchlass. Ich kann die Beine nicht bewegen.»
«Herrgott, Mann, ruf einen Krankenwagen.»
«Hat Luntz schon gemacht. Die waren hier und sind wieder weggefahren.»
«Ruf sie zurück!»
«Einen Scheißdreck tue ich.»
«Rufst du sie gefälligst zurück?»
«Ich liege da, wo der Asphalt aufhört, zwischen ein paar Bäumen.»
«Wo war das noch gleich – Route 70?»
«Der Rastplatz beim Tastee-Freez nördlich von Oroville.»
«Ich schreib’s auf.»
«Ich liege in einem Durchlass unter der Straße. Hast du das?»
«Behalt das Handy bei dir.»
«Hab ich. Schick jemanden her.»
«Ich versuch’s. Und wenn ich es nicht schaffe?»
«Dann isst du die Leber von dem Wichser und lässt ihn dabei zugucken.»
«Versprochen.»
Gambol klappte das Telefon zu.
