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In den nebelverhangenen Wäldern Nordkaliforniens kreuzen sich die Wege eines lebensmüden Seemanns und eines mörderischen Drogenfarmers. Mendocino, Sommer 1990: In dieser einsamen Küstenregion Nordkaliforniens, Zufluchtsort für Aussteiger, Schamanen und Paranoiker, hält sich trotz wochenlanger Trockenheit dichter Nebel über den steilen Klippen und den märchenhaften Wäldern der Redwoods. Hierher verschlägt es den Exmatrosen Van Ness, der einen Ort sucht, um seinem ziellosen Dasein ein Ende zu setzen. Doch stattdessen fischt ihn ein Drogenfarmer aus der See und unterbreitet ihm ein dubios-verlockendes Angebot: Für 10.000 Dollar und auf die Gefahr des elektrischen Stuhls hin soll Van Ness dessen Frau beseitigen. Aber der eigentlich schon mit dem Leben Abgeschlossene durchkreuzt diesen perfiden Plan und verstrickt sich immer tiefer in eine Schattenwelt aus Esoterik, Drogen und Gewalt. Mit subtiler Spannung und hypnotischer Sprache zeichnet Denis Johnson in Schon tot das eindringliche Psychogramm verlorener Seelen, die in einer nebelverhangenen Zwischenwelt gefangen sind. Ein Meisterwerk der Schauergeschichte, das den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht.
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Seitenzahl: 837
Veröffentlichungsjahr: 2018
Denis Johnson
Thriller
Sommer 1990: Mendocino heißt die einsame nordkalifornische Küstenregion, wo die Aussteiger, Schamanen und Paranoiker siedeln. Obwohl seit Wochen kein Regen gefallen ist, hält sich dichter Nebel über den steilen Kliffen und in den Märchenwäldern der Redwoods. In dieser Einöde taucht der Exmatrose Van Ness auf, der einen Platz sucht, um seinem ziellosen Dasein ein Ende zu setzen. Doch ein Drogenfarmer fischt den Lebensmüden aus der See und schlägt ihm einen Deal vor: Van Ness räumt seine Frau aus dem Weg; als Lohn winken 10000 Dollar und der elektrische Stuhl. Aber der «schon Tote» durchkreuzt diesen Plan.
Denis Johnson, 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, galt nach neun Romanen und der legendären Story-Sammlung «Jesus‘ Sohn» als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für sein Vietnamkriegsepos «Ein gerader Rauch» wurde ihm der National Book Award verliehen, die Novelle «Train Dreams» stand – wie auch «Ein gerader Rauch» – auf der Shortlist des Pulitzer-Preises. 2017 erhielt er posthum für sein Gesamtwerk den Library of Congress Prize for American Fiction. Er lebte zuletzt in Idaho, USA, und starb im Mai 2017.
Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel «Already Dead. A California Gothic» im Verlag HarperCollins, New York.
Einige Passagen sind, ohne dass dies ausgewiesen würde, Zitate aus Pedro Meseguer, S.J., «The Secret of Dreams», Westminster, MD 1961.
© für das Poème Noir auf Seite 628; (Printausgabe) Bill Knott.
Das Gedicht erschien erstmals in «Becos», New York 1983, und ist nun wieder greifbar in «Laugh at the End of the World: Collected Comic Poems 1969–1999, Rochester, NY, 2000.
Dieses Buch hätte nicht erscheinen können ohne die tatkräftige Unterstützung, den Rat und die Hilfe von Sigrid Ruschmeier, William Turnage, Jonathan Galassi und Lorin Stein. Der Verlag dankt ihnen dafür. Außerdem dankt er Bill Knott für die großzügige Erlaubnis, sein «Poème Noir» in die editorische Notiz aufzunehmen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juni 2018
Copyright © 2000 by Alexander Fest Verlag, Berlin
«Already Dead» Copyright © 1997 by Denis Johnson
Lektorat Eike Schönfeld
Umschlaggestaltung any.way, Hamburg
Umschlagabbildung Paul Nicols/Getty Images
ISBN 978-3-644-40485-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Es ist mir ein Vergnügen, der Charles Engelhard Foundation und der Lannan Foundation für die Unterstützung zu danken, ohne die dieses Buch nicht entstanden wäre. Und es ist mir ein besonderes Vergnügen, dem Dichter Bill Knott zu danken, auf dessen Genie die Handlung dieses Romans zurückgeht.
Für Cindy Lee
In Albträumen, die nichts anderes sind als Verdichtungen eines Kummers durch Angst, wird die furchtbare Erwartung stets erfüllt: Der Stier holt dich ein, das Messer trifft dich, die Axt pfeift dir um die Ohren – doch genau in dem Moment, in dem du dich schon mit dem Tod abgefunden hast, wachst du auf. (Obwohl ich einmal tatsächlich den kalten Stahl eines in mich eindringenden Schwertes gespürt habe.)
Pedro Meseguer, S.J., «The Secret of Dreams»
Van Ness empfand etwas wie Glück und Erstaunen, als er auf der U.S. 101 im Norden Kaliforniens an abgeschiedenen Städtchen vorüberfuhr, auch eine gewisse Neugier, ja Sehnsucht, weil er spürte, dass dies Orte waren, in denen man verschwinden konnte. Sie kamen ihm vor wie kleine Nickerchen, aus denen man womöglich nicht mehr erwachte – ein Reifen konnte platzen, man lief zu einer Tankstelle und stieß unvermutet auf den Rest seines Lebens, auf die Menschen, die einem endlich etwas bedeuten würden, eine Frau, einen wahren Freund, eine rettende Gemeinschaft unter den Gläubigen einer obskuren Kirche. Doch an solch einen kleinen Umweg zu tiefgreifenden, bleibenden Veränderungen war in Van Ness’ Welt, jedenfalls zu der Zeit, als er die Küste von Seattle zum Mendocino County hinabfuhr, nicht einmal im Traum zu denken.
Der Abstecher, den er von der 101 aus ins Humboldt County machte, bestätigte dies nur. Er verließ seine Route in Redway, fuhr fünf Meilen westlich nach Briceland, von dort etwa sechs Meilen zum Mattole River, vorbei an einer unsichtbaren Ortschaft namens Ettersburg (er entdeckte lediglich eine Dorfschule an der Ecke eines Feldes) und noch ein paar Meilen weiter durch hügeliges Gelände bis zu einer unbefestigten Straße, die mitten durch den King Range National Forest schnitt.
Und während er seinen Volvo langsam und ruckweise den steilen Zickzackweg zwischen staubigen Redwoods hinablenkte, sah er den Himmel über dem Meer, aber nicht das Meer. An einer scharfen Biegung, die ihm einen Blick über den Abhang gewährte, hielt er zwei Minuten lang an, aß eine Packung Käsecracker und wischte sich die Krümel vom Bart, einem Schnauzer, der sich in einem gewaltigen Fu Manchu abwärts schwang und zusammen mit einer dicken randlosen Brille beinahe alles Persönliche aus seinem Gesicht tilgte. Die Cracker waren der letzte Rest seines Proviants gewesen. Er warf die leere Packung in den Fußraum und fuhr weiter.
Er hatte den vagen Vorsatz, in dieser entlegenen Gegend, die man die «Verlorene Küste» nannte, eine Art Läuterung zu erlangen, am Ufer des Pazifiks zu fasten, die ganze Nacht in Hörweite der krachenden Brandung auf dem Rücken zu liegen und einen Meteoritenschauer zu beobachten. Zehn bis fünfunddreißig Sterne pro Minute, so der Wetterbericht im Radio, sollten diese Nacht vom Himmel fallen.
Doch als er schließlich den Pazifik erreichte, stellte er fest, dass er bloß wieder beim sogenannten Shelter Cove gelandet war, einem riesigen gescheiterten Wohnungsbauprojekt an der verlassenen Küste, Hunderte winziger leerer Grundstücke zwischen Asphaltwegen mit grünen Straßenschildern – CLAM AVENUE, BEACH DRIVE und so fort –, an deren sandgesprenkelten Pfosten der Wind rüttelte. Ein halbes Dutzend Häuser reihten sich am Strand, daneben ein paar umgedrehte Motorboote und ein Deli, aber gelebt hatte hier eigentlich nie jemand. Das Meer brannte in herzlosem Blau, während über ihm Hubschrauber flogen, an Bord Nationalgardisten und FBI-Agenten, die – das hatte er jedenfalls im Radio gehört – in einer großangelegten Aktion gegen den Marihuana-Anbau in den menschenleeren Bergen, durch die er gerade gefahren war, vorgehen wollten. Van Ness kaufte sich im Deli etwas zu essen und schimpfte im Stillen über den dünnen Kaffee und den Möwendreck auf dem Picknicktisch. Die einzige Person, mit der er sprach, war eine hübsche Frau; als er auf dem Weg zum Mülleimer an ihrem Tisch vorbeikam, fiel ihr die Sonnenbrille herunter, und er trat darauf. Sie war verärgert, denn die Brille war nicht mehr zu retten. Er gab ihr fünfzehn Dollar, obwohl sie behauptete, sie sei das Doppelte wert gewesen. Nur wenige Stunden, nachdem er den Highway verlassen hatte, war Van Ness wieder unterwegs. Er war im Kreis nach Redway zurückgefahren, wo er vorhin abgebogen war. Für den Gedanken, ihm könnten womöglich große Veränderungen bevorstehen, hatte die ganze sinnlose Exkursion ihn nur noch unempfänglicher gemacht. Und doch traf er die Frau, Winona Fairchild, später wieder, sogar mehr als ein Mal, und am Ende zwangen ihn diese Begegnungen, anzuerkennen, dass es so etwas wie Schicksal gab und dass den Dingen der Phantasie eine Wahrheit innewohnte.
Kurz vor Leggett, wo er von der 101 wieder nach Westen abbiegen wollte, Richtung Küste, winkte ihn ein Polizist der kalifornischen Highway Patrol heraus. Van Ness wusste, dass er zu schnell gefahren war; er tat es gewohnheitsmäßig, ja beinahe zwanghaft. In Redway hatte er eine Tramperin aufgegabelt, ein Mädchen, das wie eine litauische Bäuerin gekleidet war, mit langem Rock, leuchtendem Schal und spitzen, purpurroten Schuhen. Ihr Name war eine poetische Schöpfung, die auch auf eine Geschmacks- oder Duftnote gepasst hätte, «Rainbow Day» vielleicht oder «Temple Jasmin». Er hatte ihn im selben Augenblick vergessen, als sie ihn nannte. Und seit sie an der Texaco-Tankstelle eingestiegen war und er «Willkommen, Fantasy-Lady» gesagt hatte, hatten sie keine zehn Worte miteinander gewechselt.
Jetzt wünschte er, er hätte nichts gesagt. Als der junge Polizist sich an der Fahrerseite herunterbeugte und seinen Führerschein verlangte, lehnte sich das Hippie-Mädchen über Van Ness’ Schoß zu ihm hinüber: «Sind’s noch ungefähr zehn Meilen bis Leggett?»
«Ja, Ma’am, bisschen mehr als acht.»
«Er macht mir echt Angst», platzte sie heraus.
«Wer?»
«Der Mann hier», sagte sie. «Er hat so Bemerkungen gemacht. Und mir ans Bein gefasst.»
«Wann denn?», fragte Van Ness. «Als ich das Radio einschalten wollte? Das war ein Versehen.»
Mit sinnloser Intensität konzentrierte sich der Polizist auf Van Ness’ Führerschein. «Sind Sie befreundet, Sie beide?»
«Nein», sagte Van Ness, und das Mädchen: «Ich bin getrampt.»
«Gehen Sie zu meinem Wagen», sagte der Mann zu ihr.
Van Ness schaltete den Motor aus. «Das ist ja wohl das Letzte», sagte er, während sie dem Mädchen hinterhersahen, das, die Füße leicht nach innen gekehrt, in ihren purpurnen Schuhen zu den rotierenden Lichtern des Streifenwagens ging. «Ich weiß gar nicht, was das soll. Ich hab überhaupt nichts getan. Hören Sie, ich bin doch kein Casanova.»
«Wissen Sie, wie schnell Sie gefahren sind?»
«Ja – klar, ich war zu schnell, keine Frage. Aber das hier? Nein.»
«Ich muss Ihnen einen Strafzettel geben», sagte der Polizist. «Dann kümmer ich mich um das Mädchen. Dann um Sie. Wenn Sie sie bloß angemacht und ihr ans Bein gefasst haben, ist mir das so egal wie nur was.»
«Ich hab sie aber nicht angemacht.»
«Wenn Sie allerdings gegrapscht haben, wenn sie ’n blauen Fleck oder ’ne Schramme hat –»
«Hab ich nicht. Würd ich auch nicht.»
«Ich red mal mit ihr.»
«Sie ist verrückt.»
«Ich treffe kaum jemanden, der das nicht ist», versicherte ihm der Polizist. «Nicht in diesem Job.»
«Klar.»
«Sie sind’s wahrscheinlich auch.»
«Ja», sagte Van Ness.
Während der andere sein Opfer befragte, spürte Van Ness in den Autos, die an ihnen vorbei durchs Humboldt County rasten, all die Entbehrungen und Sorgen, die ganze angestaute Wut der Leute: Leidenschaften, eingesperrt hinter Wänden aus Glas.
Ein paar Minuten später hatte die Sache sich im Sand verlaufen. Nicht einmal wegen überhöhter Geschwindigkeit war er belangt worden. Von der Tramperin erlöst, fuhr er allein durch Leggett und dann auf der California 1 über die Hügel, bis er wieder das Meer erreichte. Hier fing das Mendocino County an.
Etwa achtzig Meilen lang folgte er, ohne anzuhalten, dem Highway die Küste entlang, und während er in den unzähligen Kurven seine Reifen testete, dachte er ein ums andere Mal, wie schön es wäre, einen Sportwagen zu haben. Gelegentlich tauchte eine Häuserreihe oder eine kleine Ortschaft auf und verschwand wieder, nichts, was irgendwie bemerkenswert oder auch nur deutlich zu erkennen gewesen wäre, mit Ausnahme von Fort Bragg und Mendocino. Die Gegend erinnerte ihn an Irland, oder besser: an seine Vorstellung von diesem Land, in dem er nie gewesen war. Weite Felder, die im schrägen Lichteinfall fremdartig wirkten, merkwürdig blaugrau, und die hier, wenn das Sonnenlicht sie bleichte, «Palomino» genannt wurden. Nicht ganz zu Recht, dachte er, als er in einer Gruppe Pferde, die am Rand einer Weide unter immergrünen Bäumen Schatten suchten, zwei Palominos sah, deren Blässe viel einförmiger war. Die Feuchtigkeit der Küste hielt die Wiesen auch während der Dürreperioden am Leben, die Möglichkeit einer Wiedergeburt, die hier –
Eine scharfe Kurve ließ ihn auf die Bremsen steigen. Plötzlich war er in Point Arena. Er erschrak vor dem Echo seines eigenen Motors, das von den Gebäuden widerhallte. Drei Querstraßen weiter, wo die Stadt unversehens endete, als öffne sich ein Fenster auf die Felder hin, bog Van Ness rechts ab und fuhr in Richtung Hafen weiter, nur weil ihm alles so gefiel. Er kannte etliche solcher Ortschaften, mochte die schäbigen Hausboote, die Segler und die Gefolgschaftsgrüppchen, die ihnen von Hafen zu Hafen nachzogen. Hier fiel das Land ab und ging in ein flaches, gewundenes Tal über, das in der Eiszeit einmal ein gewaltiges Strombett gewesen sein mochte, während jetzt, so weit er sehen konnte, nicht einmal ein Bach davon übrig war. Dafür wirkte die Reihe der Wohnwagen und Müllhaufen so, als wäre sie von der Flut angeschwemmt worden. Keine Menschenseele. Und das Meer war gewaltig. Bevor er zum Highway zurückfuhr, saß er eine Minute lang bei laufendem Motor im Auto und blickte auf das Ganze hinab. Er sah Häuser, ein großes halbfertiges Restaurant, eine schöne neue Pier, Boote, die vor Anker lagen. Alles schien darauf zu warten, dass man es berührte, erkundete – betastete, zerbrach.
Van Ness’ lethargische Pilgerfahrt – vorgeblich war er unterwegs nach Süden, um in den Yachthäfen des L.-A.-Beckens Arbeit zu suchen, in Wirklichkeit aber hatte er andere Pläne – endete im südwestlichen Winkel vom Mendocino County in Gualala, einer Stadt, die einmal zu den zehn hässlichsten Ortschaften der kalifornischen Küste gezählt worden war. Aber eigentlich war Gualala gar nicht so schlimm, jedenfalls nicht in seinen Augen, es wirkte nur planlos, wie die Geschäfte und Motels entlang den Meeresklippen aufgereiht waren, ohne das geringste Gefühl für die Schönheit der Landschaft, die sie umgab, der dicht mit Redwoods bestandenen Hügel über ihnen und der Wellen unter ihnen, die sich im Dunst gegenseitig in Stücke schlugen.
Frankenstein, ein alter Freund aus der Handelsmarine, wohnte eine Meile entfernt in dem unübersichtlichen Gebiet oberhalb Gualalas auf einer langen Hügelkette, wo es eine weitere Nord-Süd-Straße und eine weitere Ansammlung verstreut liegender Häuser gab, die meisten davon Privatvillen – ein zweites, erhabeneres Gualala. Frankenstein hatte ein kleines Haus auf zweitausend Quadratmetern Land mit Fernblick, vielleicht aufs Meer, schwer zu sagen: So, wie die Wolken an diesem Tag auf dem Pazifik lagen, schien von Kalifornien nur noch der Himmel übrig.
Niemand kam zur Tür, als Van Ness zwischen den Redwood-Stümpfen, die die Auffahrt markierten, und Haufen von Trödel und undefinierbarem Altmaterial hindurchfuhr, Besitztümer einer eindeutig exzentrischen Persönlichkeit, niemand machte auf, als Van Ness an die Tür trat und klopfte, obwohl Frank durch das Panoramafenster zu sehen war – er saß neben dem dunklen Schlund seines Kamins, die Beine weit von sich gestreckt, ein langer, gut zwei Meter großer Mann.
«Es wird hier bald dunkel», rief Van Ness durch die Fensterscheibe. «Aber ich gehe nicht weg.»
Eine Minute später stand der Riese im Türrahmen und sah auf ihn herunter. «Ich gehe nicht mehr zur Tür», sagte er. «Ist sowieso nie jemand da.»
«Ich bin da.»
«Wenn du’s sagst.»
Van Ness wünschte schon jetzt, er wäre nicht gekommen. Sein Freund war erst kürzlich aus dem Drogenentzug oder der Psychiatrie entlassen worden. In den letzten Jahren hatte er immer wieder Rückschläge erlitten.
Drinnen fühlte er sich noch unbehaglicher. Frank hatte sein Wohnzimmer offenbar mit einem schweren Werkzeug kurz und klein geschlagen, möglicherweise einem Brecheisen, wodurch um ihn herum lauter irrwitzige kleine Löcher entstanden waren, aus denen die Isolierung herausquoll wie gelber Rauch. Weite Teile des Bodenbelags waren bis auf das Sperrholz herausgerissen.
Bevor er sich wieder hinsetzte, zog der Gastgeber mit einem Ruck einen Stecker aus der Wand und sagte: «Hab grad Radio gehört. Schon gewusst? Wir schicken zigtausend hirnkranker Marines an den Golf.»
«Ich weiß nur, dass drüber nachgedacht wurde.»
«Jetzt nicht mehr. Ist beschlossene Sache. Wir haben Krieg, Mann.»
«Ist es nicht ein bisschen zu früh, das zu sagen?»
«Die Pequod ist schon drüben.»
«Jetzt schon?» Pequod, das war ihr Spitzname für die Peabody, das Handelsschiff, auf dem sie vor Jahren zusammen angeheuert hatten, ein kleiner Frachter, der die Häfen im arabischen Golf und im Indischen Ozean abklapperte.
«Ja, genau, jetzt schon. Benhurtz hat seiner Frau telegraphiert, und die hat mich letzte Woche angerufen. Kurz nachdem der Irak über die Grenze war.»
«Kurz bevor du wieder zur Truppe gestoßen bist.»
«Ich war ziemlich am Arsch, aber die Unterhaltung hab ich grade noch verstanden. Benhurtz ist auf der Pequod, und die Pequod ist im Golf. Die haben Angst, dass der Irak Minen auslegt, die Schiffe bombardiert und so weiter.»
«Schwer vorzustellen, dass wir mal da waren.»
«Wir könnten auch jetzt da sein. Peng, mitten im Krieg.»
«Setz ich mich hin?»
«Da, nimm meinen Stuhl», sagte Frankenstein und sprang auf.
Van Ness zog einen Stuhl vom Esstisch – wahrscheinlich war es der Esstisch – und stellte ihn neben den kalten Kamin. Der Rost lag voller Bonbonpapier und splittriger Eichendielenstücke.
«Der Nebel ist da», sagte Frank, näher ans Fenster rückend.
«Auf dem Weg die Küste lang schien die ganze Zeit die Sonne.»
«Letzten Monat hatten wir einundzwanzig Tage Nebel hintereinander. Normalerweise kommt er bis hier hoch, dann drängt der Vormittag ihn ein paar Meter zurück. Aber letzten Monat hielt er sich.»
«Seit wie vielen Tagen bist du zurück?»
«Hab sie nicht gezählt.»
«Seit sechs.»
«Okay», sagte der Riese, «sechs.» Er drehte sich um, nahm eine Dose Brennflüssigkeit vom Sims und bespritzte damit das Holz im Kamin. Er zündete sich eine Zigarette an, warf das Streichholz in den Kamin. Das auflodernde Feuer färbte ihn vorne orange, der Raum füllte sich mit violetten Schatten. «Ich war überhaupt nur drei Tage da», sagte er.
Beinahe ein Jahrzehnt lang waren sie Schiffskameraden gewesen. Van Ness hatte die Handelsmarine nach genau zehn Jahren verlassen, ein «Karriereschritt» – eine Floskel, hinter der sich eine Fülle kleiner Fehlschläge verbarg. Frankenstein war ein bisschen früher rausgeflogen, nachdem er einem Offizier eine verpasst hatte. Van Ness war später Hafenmeister in Florida gewesen, hatte Boote am Champlainsee und zuletzt am Pugetsund verkauft, während Frankenstein eine Klempnerei aufgebaut hatte, die er inzwischen allerdings nicht mehr betrieb.
«Ich war während der ganzen Zeit hier drin mit Yvonne», sagte Frank, «die ganzen einundzwanzig Nebeltage. Jeden Morgen schauten wir aus dem Fenster und sahen nichts als die Wahrheit – formlose Einförmigkeit, die Fülle der Leere. Wow, wurde mein Schwanz davon hart! Wir haben unablässig gevögelt! Dann änderte sich die Thermodynamik vor der Küste, und der ganze Affentanz fing von vorn an, das ganze System von Relationen, Progressionen, Transaktionen. Der Name, den sie dafür haben, ist gutes Wetter. Sie sagen: Es ist heiter. Es ist schön draußen.» Während er sprach, machte er die Tür auf, nahm Holzklötze von einem Stapel gleich beim Haus und warf sie in die Flammen. Schwer atmend setzte er sich wieder hin, stieß den Aschenbecher um, zog an einer Zigarette, hustete. «Macht komische Geräusche, was?», sagte er. Er meinte das Feuer. «Greint und quäkt, rasselt und stöhnt. Du hättest vor zwei Wochen hier sein sollen. Unerhörte Akustik.» Er räusperte sich, spuckte in die Flammen. «Aber unsere nette kleine Sache ging in die Binsen.»
«Wessen Sache?»
«Yvonne ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat sich ’n neuen Namen ausgedacht, um die Erinnerung an ihre Eltern auszuradieren, ihren Vater zu kastrieren.»
«Hast du nicht ’ne Therapie bei ihr gemacht?»
«Das war ja das Wunderbare, diese Kombination – Geliebte, Therapeutin, Göttin. Erzfeindin.»
Er hatte dem Mann, einem frisch ernannten Leutnant zur See, einen einzigen Schlag mit der geschlossenen Faust versetzt und danach sechsunddreißig Stunden im Korridor vor der Krankenstation gehockt, um zu hören, ob der Leutnant es überleben würde oder nicht. Eingebuchtet hatte man ihn nicht – der Kapitän mochte ihn, und außerdem fand man, er sei einfach zu groß für den Bau.
«Sie hat’s geschafft», sagte er, «mich mit Unterwäsche kleinzukriegen.»
«Sie hat sich von dir getrennt», sagte Van. «Ist das verboten? Was hat sie verbrochen?»
«Was hat sie verbrochen, genau. Heilige Gegenstände hat sie gestohlen.»
Es war ein Leichtes gewesen, ihn aus dem Dienst zu feuern: Er hatte gelogen, was seine Größe betraf, war dann, als es zum Messen ging, irgendwie geschrumpft. Eine förmliche Anhörung war deshalb gar nicht nötig gewesen. Sie brauchten nur die Zahlen zu korrigieren und ihn als zu groß zu entlassen.
Frankenstein war der Hausintellektuelle der Peabody gewesen, jedenfalls unter Deck, möglich, dass es ein, zwei Offiziere gab, die belesener waren als er, vielleicht auch der Mann, den er geschlagen hatte. Er las viel, zitierte alles Mögliche und ereiferte sich über Dinge, die den meisten seiner Kameraden gleichgültig waren. Die anderen hatten dem hochaufgeschossenen Mann, wegen seiner Größe, Intelligenz und Sanftmut ein geborener Führer, immer Raum gegeben.
«Ich bin gekommen», sagte Van Ness vorsichtig, «weil ich dachte, ich könnte noch was von dir lernen.»
«Was von mir lernen? Hast du je was von mir gelernt? Wir haben ein paar Bücher gelesen. Und weiter?»
«Keine Ahnung – was weiter?»
«Glaubst du etwa, wir sind gebildet? Ich hab in meinem ganzen Leben noch mit keinem College-Professor gesprochen. Ich hätt’s auf ’nem Basketballticket zur UCLA geschafft, aber da hab ich lieber die Kurve gekratzt. Was haben wir schon von Wittgenstein begriffen?»
«Ich weiß, was uns an ihm gefiel –»
«Ja, ja, dass er sein ganzes Gedankensystem über den Haufen geworfen und nach der Hälfte seines Lebens noch mal von vorn angefangen hat.»
«Seine Unabhängigkeit, sogar von seinen eigenen Lehrsätzen –»
«Aber diese Lehrsätze haben wir gar nicht verstanden. Damals auf der Pequod waren wir bloß zwei Arschlöcher, die große Worte gesammelt haben. Alle wussten, dass wir Scheiße reden, nur wir selber nicht.»
Van Ness war erstaunt. «Ganz schön traurig.»
«Nein. Es hat keinerlei Bedeutung, so oder so.»
«Ich bin krank», eröffnete ihm Van Ness.
«Krank?»
Van Ness sagte: «Mir geht’s nicht gut.»
«Nicht gut – das klingt ja noch schlimmer.»
«Ist es auch.»
«Klingt nach ‹langer Krankheit›.»
«Genau.»
«Ist nach langer Krankheit gestorben.»
Van Ness legte das Gesicht in die Hände.
«Du stirbst also, hm? Wie animalisch.»
«Ist das alles, was dir dazu einfällt?»
«Alles? Nö. Ich könnte noch bis Weihnachten weiterlabern. Könnte ganze Bandwürmer ausspeien, wenn du willst.»
Frankenstein wirkte nervös, er wippte mit dem Fuß, rieb sich mit dem Daumen hektisch über die Fingerkuppen, kaute auf seiner Lippe. Van Ness erkannte daran, dass er verärgert war. Von seiner eigenen Größe eingeschüchtert, versagte Frank sich jede heftigere Ausdrucksform.
Hier gab es also für Van nichts zu holen, aber er konnte die Sache auch nicht begraben, nicht nachdem er sich diese Gedanken achthundert Kilometer lang immer wieder vorgesagt hatte. «Okay, vielleicht haben wir nur ’ne Show abgezogen. Aber du hast die Tür für mich aufgestoßen. Wittgenstein, Spinoza –»
«Nietzsche.»
«Ja.»
«Ja? Und warum nicht Hobbes oder Locke? Warum nicht Marx?»
«Keine Ahnung.»
«Weil sie den entpersönlichten Roboter-Zombie Erde im Visier hatten, den wir jetzt bewohnen. Aber mir ging’s schon immer ums Persönliche, ums Subjektive, um das Wirkliche, das viel tiefer liegt. Und ich bin weiter in diese Richtung gegangen. Du dagegen – du jammerst und heulst und willst ’ne Theorie, die du wie ’ne Pille schlucken kannst, damit alles gut wird.»
«Du verstehst mich nicht. Arschloch.»
«Wenn du stirbst, dann gibt’s nur eins, was du tun musst, Mann, was du jetzt wirklich dringend tun musst, ist schlicht und einfach sterben. Ganz direkt und animalisch drauflos. Nett, dich gekannt zu haben.»
Ein paar Minuten sagte Van Ness nichts, während der Riese sich am Stummel der letzten Camel gleich die nächste anzündete, sie mit einer Reihe kleiner Zuckungen wegrauchte und sich dabei mehrmals in den Schein des Feuers beugte, um die Asche abzuschnipsen.
«Die Golfschläger hab ich seit Jahren. Hab mit Eisen neun auf die Wände eingedroschen, weil ich die Dinger dadrinnen rumhuschen und flüstern gehört hab. Klar», sagte Frankenstein, «’n Teil davon war Psychokacke. Aber es sind auch ’n paar Leute aus Fleisch und Blut im Spiel. Denen wollt ich die Schädel spalten. ’n paar von denen kenn ich. Die schießen nachts irgendeinen Nebel, so ’n Spray, durchs Fenster. Ich hör ihn ins Auto tropfen, wenn ich fahre, Mann. O ja! Ja! Ich spür’s auf der Haut. Ich hab das ganze Zeugs unter dem Hottub rausgerissen, das Wasser rausgelassen, das Scheißding umgekippt – nichts. Dann hab ich Eisen neun genommen und im Chevy den Boden aufgehackt und tatsächlich einen getroffen, Mann! Hab sein Gesicht mit dem Schraubenschlüssel zu Brei gestampft, die Hände waren ganz blutig, das Hemd, alles, der reinste Wasserfall. Am andern Morgen war das Blut weg. Keine Spur. Die haben alles von mir abgewaschen, während ich geschlafen hab. Und sie beschießen mich mit mikroskopischen Pfeilen.»
Er hielt inne, um sich eine neue Zigarette anzuzünden.
«Ich spiel kein Golf», sagte Van Ness.
«Neunzig Prozent sind Psychokacke, ich weiß. Aber zehn Prozent stimmen.» Frank zeigte mit dem Finger auf Van Ness’ Hals. «Und das sind die zehn Prozent, auf die wir ein Auge haben müssen.»
Im Kamin summten Redwoodscheite vor sich hin. Das Feuer war halb heruntergebrannt. Wie er so vor- und zurückschaukelte, um mit seiner großen Hand die Zigarettenasche abzuklopfen, sah es aus, als geriete Frank regelmäßig in den flackernden Fackelschein einer primitiven Inkarnation, und zwar in einem jener raucherfüllten Höhlenräume, die, wie er gern behauptete, sein Gehirn vergessen, seine Seele sich jedoch eingeprägt habe.
Frank hatte schon früher einen persönlichen Glauben gepredigt, den er auf gelehrtenhafte Weise an die Seelenwanderung knüpfte. Aber vielleicht, dachte Van Ness jetzt, hatte er ja recht, vielleicht hatte Franks Seele sich verabschiedet, hatte irgendwo in diesem großen, abgewrackten Haus einfach den Fernseher laufenlassen und sich davongemacht.
Und doch war es damals, vor zwanzig Jahren, Frank gewesen, der Van Ness, den Einundzwanzigjährigen, ins Licht der Philosophie geführt und über ihn gewacht hatte, während er heranwuchs.
Bei den Matrosen unter Deck war Van Ness als persönliche Schöpfung des großen Mannes angesehen worden, eine Art Haustier – daher der Spitzname: Als er bei der Auskunft anrief, um sich nach der Nummer seines Freundes zu erkundigen, hatte Van Ness Mühe gehabt, sich zu erinnern, dass Frankenstein in Wirklichkeit Wilhelm Frankheimer hieß.
Frank fragte: «Was hast du?»
«Du verstehst mich nicht, oder?»
«Was für eine Krankheit hast du?»
«Scheiße, Mann. Nenn es Strahlenvergiftung.»
«Du hast überhaupt nichts. Du stirbst gar nicht.»
Van sagte: «In spätestens achtundvierzig Stunden bin ich tot.»
«Kurzer Trip.»
«Trotzdem: Ich könnte dich leicht überleben.»
Auf seiner Weiterfahrt Richtung Süden fand Van Ness sich auf einem geraden Abschnitt der Küstenstraße wieder und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Und sah, dass er in eine gleißend helle Wand aus Nebel und Scheinwerferlicht hineinfuhr. Er hatte keine Ahnung, wie weit der Asphalt vor seiner Windschutzscheibe geradeaus ging, bevor er sich nach links oder rechts krümmte und seine Flugbahn sich über 25 Faden Luft hinwegbiegen würde. Einen halben Kilometer lang brachte die Maschine es auf 105 Sachen, glaubte er, obwohl die Nadel seines Tachos sich selbständig gemacht hatte und wie wahnsinnig zwischen 120 und null hin- und herpeitschte, während der Volvo selbst erst eine Weile rhythmisch zitterte, dann dermaßen rüttelte, dass er die Zähne zusammenbeißen musste, und schließlich schaukelte wie ein Krähennest im Sturm, sodass er auseinanderzubrechen und in der Luft zu zerspringen drohte. Van lockerte seinen Griff um das Lenkrad, bis er es nicht mehr ganz berührte, und wärmte sich die Hände am Feuer des Kontrollverlusts. Dann knallte irgendetwas in ihm – Willenskraft war es nicht – seine Hände wieder aufs Steuer und lenkte ihn mit zulässiger Geschwindigkeit durch den Nebel.
Van hatte es sich angewöhnt, freundlich zu sein, wo er auch hinkam, und als er später in der Bar eines Restaurants nahe am Kliff saß und überlegte, ob er noch zu Abend essen sollte, spendierte er einem Mann, einem Wildschweinjäger, der fremd in der Gegend war wie er, einen Drink. Nachdem sie zuerst gemeinsam mit der Kellnerin gefrotzelt hatten, waren sie ins Reden gekommen. «Nehmen Sie ’n Doppelten», drängte er den Mann. «Ich kann nichts trinken – Entzündung der Bauchspeicheldrüse.»
«Ach, alles Mögliche», sagte der Jäger, als Van ihn fragte, was er so mache. «In letzter Zeit hab ich meist als Holzfäller gearbeitet.»
«Und wo? Hier in Kalifornien?»
«Del Norte County hauptsächlich, ja. Praktisch überall.»
Sein Jagdkumpan, noch so ein bärtiger, klobiger Waldarbeiter, kam herein und gesellte sich zu ihnen. Er kam von ihrem Zeltplatz und schimpfte über den Nebel, die Kurven, die Steilküste.
Der andere bestellte seinem Freund einen Drink und Van ein Sodawasser. «Was haben Sie noch mal? Irgendwas mit der Bauchspeicheldrüse?»
«Ja. Krebs, genauer gesagt.»
«Oh.»
Die Männer schwiegen und nahmen einen Schluck.
«Scheiße», platzte der andere heraus. «Ich wär ja fix und fertig, wenn ich so was hätte. Unheilbar, oder?»
«Kann man nie wissen. Ich könnte Sie leicht überleben.»
«Mann» – der Holzfäller suchte nach Worten. «Das ist wie – wie ein großes blaues Licht.»
«Wirklich», sagte Van.
«Ja.»
«Also, apropos Steilküste: Der Mann meiner Schwester», begann der erste Mann, «hat hier in Santa Rosa ’ne Ausbildung als Schweißer gemacht. Eines Tages fuhr er die Küste lang, die Steilküste nördlich von Jenner. Sind Sie da mal gewesen? Da geht’s zwei-, dreihundert Meter grade runter, kein Bankett – man könnte sich bequem in die Hosen scheißen und neue anziehen, bevor man unten aufschlägt. Da fuhr er also längs, hinter ’ner schwarzen Corvette her. Die Corvette schaltet runter, die Corvette beschleunigt, die Corvette segelt ’n Viertelkilometer runter zum Pazifischen Ozean. Einfach so über ’n Rand weg. Später kam raus, dass der Typ am Steuer die Corvette am selben Morgen erst gekauft hatte. Brandneue Corvette. Hatte ’n Laufpass gekriegt, der Junge. Die Bremslichter», sagte er, «haben nicht mal kurz geblinkt.»
Sein Partner fragte: «Welches Baujahr?»
«’n Jahr, das uns nichts angeht», antwortete der Erste gereizt. «’n Jahr, von dem du wahrscheinlich noch nie was gehört hast.»
Die Atmosphäre zwischen den beiden war Van Ness auf einmal vertraut. Von ihrer Verbindung stieg saurer Dampf auf wie von einer alten Verdrahtung. Er spürte, dass sie mal zusammen im Gefängnis gesessen hatten oder unter Deck.
Wilhelm Frankheimer war wohler, als sein alter Schiffskumpan den Besuch abkürzte und ging. Er hatte draußen bei der Schmiede Kohle ins Wasser gelegt und wollte nachsehen, was daraus geworden war.
Zu der Schmiede war er genauso gekommen wie zu seiner Steinsäge, dem Lieferwagen und ein paar anderen größeren Gegenständen – er hatte sie von Leuten geerbt, für die er als Klempner gearbeitet hatte und die jetzt zu alt oder zu tot waren, um sie zu benutzen.
Schon als Kind hatte er davon geträumt, Schmied zu sein, sich im mächtigen Licht der Schmiedeesse zu schinden. Aber die hier war nicht größer als ein Gartengrill. Man hätte sie auch fast für einen halten können, wäre das Ofenrohr nicht gewesen und das Handkurbelgebläse, das wie ein überdimensionaler Bleistiftspitzer seitlich an ihr befestigt war. Obwohl er sie schon seit Jahren besaß, hatte er die Schmiede erst jetzt, als er von den Priestern der Vernunft ein letztes Mal zurück nach Hause gekommen war, installiert. Die Arbeit mit dem Stahl war ihm schnell zur zweckfreien Obsession geworden, zum reinen Spaß. Er hatte ein schlichtes Messer gemacht und ein paar schiefe Hufeisen, meistens jedoch stellte er gar nichts her, erhitzte den Stahl nur und hämmerte auf ihm herum, prägte, bearbeitete und veränderte ihn jenes bisschens Freude wegen, die er darin fand, verbrannte auch manchmal einfach die Stücke, indem er das Feuer zu heiß werden ließ, und sah zu, wie das Metall Sterne sprühte, bis es verschwunden war. Produkte oder Formen interessierten ihn nicht im Geringsten. Es war die Zeit der geschmolzenen Dinge. Er war in eine private, ganz persönliche Eisenzeit eingetreten, tauchte in die Tiefen der Elemente hinab.
Der Tag war beinahe zu Ende, als er ums Haus herum zur Werkstatt ging, einer Lehmbodenhütte, die die Leute gebaut hatten, von denen er das Grundstück gekauft hatte.
Der Nebel war schlimm heute Abend. Wenn er nicht genau gewusst hätte, wo der Schuppen stand, hätte er ihn nicht gefunden.
Hinter dem Haus hielt Frankenstein kurz inne und horchte auf das ferne Brüllen der Robben auf Shipwreck Rock, ein Geräusch wie von irgendwas Ungeöltem – Kolben, Flaschenzügen, Scharnieren –, dessen Echo der Wind über fast zwei Meilen zu ihm herübertrug. Manche der Geräusche waren Worte. Manche der Wesen dadraußen auf dem Felsen waren keine Robben. Aber auch nicht die sagenumwobenen Geister jener ertrunkenen Fischer, die die letzten siebenundachtzig Jahre ohne Erlösung um Hilfe geschrien hatten; auch die Holzfäller nicht, die hilflos an der sturmgepeitschten Küste standen und weinten, als sie eines Mitternachts im Jahre 1903 sahen, wie die Flotte aus siebzehn Schonern unterging, von einem Orkan aus der Bodega Bay auf Grund getrieben, sodass am nächsten Tag nicht einmal mehr ein Stückchen Feuerholz von ihrem Leben und ihrer Arbeit zeugte. Nein, dies waren seine eigenen Geschöpfe …
Er lauschte aufmerksam. Kein Wort zu hören. Heute Abend schliefen sie in seinen Adern.
Sobald er seine Werkstatt betrat und das Licht einschaltete, fühlte er sich erleichtert. Er stocherte in der Asche vom Vortag, holte die knorrige Schlacke heraus und ließ nur die Stücke, die zu Koks heruntergebrannt waren, liegen. Dann kratzte er den Rost in der Feuerstelle frei, schüttete drei Handvoll Holzkügelchen darauf und übergoss sie mit Kerosin. Doch irgendetwas lastete in ihm … Warum war ihm das Herz so schwer? Er zündete ein Streichholz an, setzte die Kügelchen in Brand. Eigentlich wollte er das Feuer gar nicht wieder anmachen, das war der Grund dieser kleinen Traurigkeit. Man wird die endlosen Anfänge leid.
Er hätte die Verbindung zu Van Ness schon vor Jahren abbrechen müssen. Sicher, sie waren beide allein, aber auf völlig verschiedene Weise, und sie hatten einander nicht verdient. Van, du bist ein Dämon, dachte er, während er den Koks vom Vortag mit einer metallenen Kelle wieder in die Mitte der Feuerstelle auf die brennenden Holzkügelchen schob. Dann häufte er feuchte Kohle aus dem Eimer in einem Kreis rings um sein Feuer, damit der Schwefel langsam daraus entwich.
Ja, Schlacke und Schwefel mussten weg, weil alles, was nicht brennt wie die Hölle, was nicht starke Hitze erzeugt, diese bloß sinnlos absorbiert. Nur der Stahl soll die Hitze aufnehmen. Weiße Hitze … Er zog sich bis auf seine abgeschnittenen Shorts und Arbeitsstiefel aus, setzte eine bernsteinfarben getönte Skibrille auf und kurbelte stumpfsinnig am Gebläse, bis die Kohle kupfern leuchtete.
Er wollte ein Kaminwerkzeug machen, was für eins, wusste er noch nicht genau, irgendein improvisiertes, vermutlich nutzloses Kaminwerkzeug. Er stieß das Ende einer meterlangen Armierungseisenstange in das Sonnenherz des Feuers … Das Feuer hatte ein Herz, einen Mund und ein Lied … er kurbelte am Gebläse, bis die Flammen weiß glühten.
Frankenstein nahm einen Drei-Pfund-Hammer von der Wand und fand die handtellergroße Stelle des Ambosses, die den reinsten Klang erzeugte und dem Hammerkopf die größte Schwungkraft gab – seinen «wunden Punkt». Alles hat zwei Bedeutungen, dachte er, noch unsere simpelsten, kleinsten Worte verzweigen sich in die Stürme und Strudel von Sex, Krieg, Religion. Deshalb funktionieren die Worte nicht. Er atmete flach, während die feuchte Kohle an den Rändern des Feuers verkokte und der daraus aufsteigende Schwefel die Werkstatt mit Schwaden füllte, die ihm in die Lunge stachen. «Verkokte» – noch so eine verbale Parallele. Sie brachte ihn auf den Gedanken, dass er womöglich nur hier stand, um zu koksen, dass der Teil von ihm, der alle Worte wörtlich nahm, der nicht entziffernde, träumende Teil von ihm, glaubte, er sei im Grunde hier, um high zu werden. Mehrere Nächte wahnhaften Träumens waren seinem Rückfall vorausgegangen. Verschiedene Träume, die jedoch alle am selben Ort spielten, in einer Stadt, in der er einmal gewesen sein musste, an die er sich aber nicht mehr erinnerte, jetzt menschenleer, mit großen, stillen Stadien, reglosen Straßen. Der Mann im Traum war nicht er selbst, sondern irgendein anderer Idiot, ein bekiffter Irrer, und er, Frankenstein, beobachtete den Rest von außen wie ein Kinobesucher: ein Traumbesucher. Bisher war er in jedem Traum auch selber vorgekommen.
Van Ness dagegen – Van hatte genau diese Eigenschaft schon immer gezeigt: Er war eine Figur außerhalb der Szene, die sogar sich selbst beobachtete. Sobald er ins Bild kam, war er gefährlich. Van grübelte nicht lange; jeder Scheißdreck musste in die Tat umgesetzt werden.
Als seine Therapeutin, als Heilerin und Schamanin, hatte Yvonne sich mit seiner träumenden Seite befasst. Wie sie mich auf Jung’sche Weise aufgerissen hat … die ganze Schale aufgebrochen – Mann, schön ist das heute nicht mehr, die Erinnerung daran widerwärtig, obszön –
Okay, Van, du willst dich also umbringen. Gut. Alle zerren mit ihrer Todesangst an mir, aber deine schmerzt mehr als die der meisten. Der einzige Mensch, dessen Leid ich nirgendwo an der brennenden Oberfläche berühre, ist Yvonne. Ich dachte, das läge daran, dass wir etwas Besonderes waren, dass unsere Verbindung gesegnet war, den Schmerz ausschloss. Aber in ihr war von Anfang an kein Schmerz. Ihre Mitte ist nadelspitzengroß, ein mikroskopischer Stern ohne Leben, auf dem absoluten Nullpunkt vor sich hin glühend. Sie hat alles aus mir herausgesogen, den Stoff, den ich mir wiederhole, indem ich das Feuer dieser Schmiede inhaliere – die Hitze. Sie hat mir die Hitze genommen, hat sie dem Teufel im Tausch gegen irgendwelchen Krempel angedreht.
Ein Schmerz wand sich von seinem Handgelenk hinauf bis zur Schulter. Sein Schweiß tropfte zischend auf den heißen Stahl. Was waren das für Gegenstände in seiner Hand? Der Amboss erklang, als Frankenstein die orange Spitze des Armierungseisens, einer Stange, wie man sie im Betonbau verwendet, flach hämmerte. Was für ein Werkzeug war das? Vielleicht wieder ein Messer. Ein Schwert. Die Schreie des Ambosses waren weiblich, opernhaft.
War da nicht noch ein anderes Geräusch? Er hielt inne, den Kopf vornübergebeugt, der Hammer hing ihm von der Faust herab – das Schlagen gewaltiger Flügel? Die Zukunft, die seine Wände mit ihrem Schnabel zerhackte. Da war ein Aufleuchten außerhalb des Raums, Scheinwerfer vielleicht, die den Nebel streichelten. Obwohl viele der Funken und Schwingungen um ihn her nichts bedeuteten und die meisten ihm immer weniger sagten, wenn er nach vielen Tagen und Nächten in den Klauen eines wundersamen fliegenden Tieres endlich zur Ruhe kam, waren doch manche Geräusche real: Samen, die zu Ereignissen aufblühten.
Dieses zum Beispiel ließ sich schnell festmachen: Da war jemand aus dem Bereich des barfüßigen Sozialhilfelebens in seiner Auffahrt – er kannte das spielzeugartige Volkswagengeknatter. VW-Busse aus den Sechzigern hatten in diesem Land auf unerklärliche Weise überlebt, wie zerbrechliche Drachen auf einem Speicher. Das Geräusch des kleinen Motors verstummte.
Den Hammer in der rechten Hand, streckte er, in der Tür seiner Werkstatt stehend, die linke aus, um das Deckenlicht zu löschen.
Eine dünne Stimme rief: Hilfe!, als das Licht ausging.
«Was wollen Sie?», fragte er laut und rückte in der Dunkelheit ein paar Schritte von der Stelle weg, wo er gesprochen hatte.
«Ich kann nichts sehen – und so sehr ich möchte etwas sehen!» Eine Frau – eine Frau mit ausländischem Akzent. «Bitte mach Licht, sonst kann ich keinen Schritt machen, weil sonst falle ich hin.»
Nach der ungeschriebenen Logik seiner Kriege war jeder, der sich ihm offen näherte, neutral, also ließ er den Lichtschalter wieder hochschnappen.
«Danke, ja!» Wer tauchte da aus dem nebligen Dunkel auf? Sie kam in einer Art Diagonalen auf ihn zu, wie ein kleiner Hund. «Ich bin hier vorbeigefahren», sagte sie, «und da hab ich dich gesehen. Ich hab dich leuchten sehen.»
Jetzt erkannte er sie. Das Eiserner-Vorhang-Mädel, eingewandert aus den gepeinigten Ländern. Mager, durch und durch New Tribe – ätherisch, ja. Sie hatte ein schönes Gesicht. Auf dem Kopf trug sie einen weißen Turban.
Ein-, zweimal hatte er mit ihr zu tun gehabt, allerdings nicht in letzter Zeit. Der Bus, in dem sie vorgefahren war, musste der Sheep Queen gehören.
Sie sah ein bisschen ramponiert aus, Mascara lief ihr in Rinnsalen die Wangen herunter. Vielleicht kam sie von einer Party, war dort nach einer schrecklichen Szene Hals über Kopf abgehauen. Verwirrt, weinend. Er fand sie anziehend. Er wollte an ihrer flüchtigen Chemie teilhaben.
«Mein Gott», sagte sie, «bist du schön! Verschwitzt, halbnackt, die Kleider zerrissen!»
«So? Vielleicht sollte ich dir auch die Kleider vom Leib reißen.» Seit Yvonne hatte er niemanden mehr begehrt.
Es war nicht das erste Mal, dass eine Frau einfach so zu ihm kam, aus dem Nichts. Seine Größe und Kraft, seine pulsierende Schönheit – Van Ness hatte vor Jahren einmal gesagt, sie fühlten sich von ihm angezogen wie von in der Sonne stehenden Pferden.
«Hier stinkt’s. Schlimme Luftverschmutzung», sagte sie. Aber sie lächelte.
«Das ist Schwefelrauch.» Er spürte keinen Grund, Zeit zu verlieren. «Ich steig mal kurz in den Hottub», sagte er und zog seine Shorts aus. Jetzt hatte er nur noch die Arbeitsstiefel an, seine Wolverines.
«Kein bisschen Fett», sagte sie. «Dein Körper ist vollkommen.»
Ihr nüchterner Ton enttäuschte ihn. «Warum bist du hier?»
«Keine Yvonne mehr, hab ich gehört. Du bist einsam.»
Sie machte einen Schritt auf ihn zu, und er hob sie hoch und drückte sie an sich, sodass ihre Gesichter dicht beieinander waren.
«Ist die aus Seide?», fragte er, während er den Bund ihrer Pluderhose befühlte.
Sie wackelte mit den Füßen, bis ihre Riemensandalen abfielen. «Seide aus Indien», sagte sie und küsste ihn sehr sanft. Ihr zweiter Kuss war leidenschaftlich, fordernd. Er schmeckte Zitrone und Tequila.
«Ach ja», sagte er, «du heißt Melissa. Ich erinnere mich dunkel, wie wir’s letzten Winter getrieben haben, bei den heißen Quellen.»
«Und jetzt wieder!»
Melissa wohnte bei der Sheep Queen unten am Fluss, dem Garcia, und vögelte, wie alle Welt wusste, Nelson Fairchild, einen Trinker und Potpflanzer, schwerreich. Wahrscheinlich fuhr sie sogar jeden Tag hier an seinem Haus vorbei, auf dem Weg zu oder von dem Hof in der Senke, wo die Sheep Queen ihre blökende, zottige Herde hielt.
Sie umklammerte seinen Hals, einen halben Meter über dem Lehmboden, auf den er jetzt ihre indische Seidenhose warf, nachdem er sie ihr von den Beinen gestreift hatte. Das weiße T-Shirt und den Turban ließ er ihr.
«Dein Licht hier macht eine Kuppel im Nebel. Es ist weich.» Sie küsste ihn erneut. «Ich möchte darin schweben.»
Die Sheep Queen hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Typen wie sie von der Straße zu holen, bei sich aufzunehmen und sich um sie zu kümmern, bis sie starben oder vollends durchdrehten. Na, er würde es diesem psychotischen, mageren, verwahrlosten Ding schon besorgen. Wahrscheinlich hatte sie drei Dutzend Krankheiten, aber schließlich ist keiner von uns vollkommen. Um hart zu werden, musste er an Yvonne denken. Er stellte sie sich nackt im Lotussitz vor. Es war wie Pornographie, wenn sie so dasaß – erregend, nicht weil es obszön war, sondern weil er selbst obszön war. Er bewegte Melissa an sich auf und nieder, und sie schien sofort mehrere Höhepunkte hintereinander zu haben. Was ihn betraf, so merkte er voller Verzweiflung, dass er nicht kommen würde, egal, wie lange sie weitermachten. Trotzdem war er glücklich dabei, hätte die ganze Nacht so stehen und diesem anderen Menschen Lust bereiten können, diesem Wesen aus Form und Fleisch, das kreischte wie ein Amboss. Allerdings nicht in dieser Atmosphäre. Der Abzug war kaputt, der Raum voll schwefliger Wolken, Hitze. Seine Augen brannten von den Dämpfen. Melissa schrie, hustete aber auch. Sie lehnte sich in seinen Armen zurück. Tränen liefen ihr über die Wangen. «Wir vögeln in der Hölle! Wir vögeln in der Hölle!», kreischte sie. Doch Frankenstein dachte an Yvonne. Warum liebte sie ihn nicht mehr? Warum liebte er sie mehr denn je?
Er trug Melissa hinaus in die feuchte Finsternis. «Ich kann atmen!», sagte sie und holte mehrmals tief Luft. Dann legte sie den Kopf an seine Brust, und er spürte, wie sie ein paar Schweißtropfen von seiner Brustwarze leckte. «Schmeckt nach Wahnsinn», behauptete sie. Er setzte sie ab. Sie jaulte auf, als ihre Füße den taufeuchten Rasen berührten; dann stand sie zitternd im gelben Licht, das aus der Tür der Werkstatt drang.
Er ging kurz hinein, kam mit ihrer zerknautschten Hose wieder. «Übrigens», sagte er, «der Hottub funktioniert nicht.»
«Nein? Hat er ein Loch?»
«Ich dachte, ’n paar Feinde von mir hätten sich da versteckt.»
«Ach, diese verrückten alten Feinde», sagte sie, während sie sich die Hose anzog und, vornübergebeugt, in dem Fleckchen Licht beinahe verschwand. Sie sah aus wie eine kleine Elfenbeinskulptur.
«Was ist das für ’n Akzent? Wo kommst du her?»
«Aus Österreich.»
«Wie Hitler.»
«Ja. Und viele Dichter und Philosophen.»
«Wittgenstein?»
«Ich weiß nicht, wie sie heißen.»
Sie zog ihre Sandalen an, küsste ihn, fuhr sofort weg. Dafür war er dankbar.
Vor Anbruch der Dämmerung war das Feuer in der Schmiede ausgegangen, und Frank lag schlaflos in seinem Bett. Schlimmer noch: Er träumte, er könne nicht schlafen. Er horchte aufmerksam auf die Wände … nichts. Heute Abend hatte er aus drei Kilo Armierungseisen einen kleinen, flachen, hundert Gramm leichten Briefbeschwerer gefertigt.
Zwei Besucher an einem Tag, beide möglicherweise noch durchgeknallter als er. Die Deutsche – oder was sie auch war – war nicht grad die Hellste. Aber er mochte sie, und vielleicht würde er sie wiedersehen, wenn er nicht vorher an Kokain oder an Yvonne einging. Und Van Ness: nur ein Gespenst aus einem Traum. Und hässlicher denn je mit seinen vergrößerten Augen und diesem Kung-Fu-Bart, der wie Dschungelranken aussah. Frank war sicher, dass Van Ness als Dämon bei ihm aufgekreuzt war – aber zum Glück keiner von meinen, dachte er. Diesmal hat ihn jemand anderes herbeigelockt. Mir hat’s schon vor Jahren gereicht, ich hatte es längst satt, dass die Welt uns die Macht gibt, Kreaturen wie Van Ness zu erschaffen.
Seine Dämonen flüsterten hinter den Wänden, unter den Dielen. Sie waren ziemlich schlau, und ihre Feigheit war sagenhaft. An Van Ness gab es ganz andere Zeichen. Er hätte aus einer östlichen Parabel, einem buddhistischen Märchen entsprungen sein können, besonders einem, an das Frank sich nun erinnerte und das von einem Pilger im Nordland handelte. Vom Reisen erschöpft, saß dieser Mann eines Tages in der Nachmittagshitze im Schatten eines Baumes und meditierte über die sich wandelnde Leere des Lebens. Die Luft schmeckte gut in seiner Kehle, aber nach einer Weile hatte er Durst, und Luft konnte er nicht trinken. Er wünschte, er hätte ein kühles Getränk. Augenblicklich stand ein großer Krug voller Fruchtnektar vor ihm auf dem Boden, denn der Zufall wollte es, dass der Baum, unter dem er sich ausruhte, der sagenumwobene Wunschbaum war. Er nahm einen langen, köstlichen Schluck. Dann verspürte er Hunger und dachte, wie gut es jetzt wäre, etwas zu essen. Sogleich fand er einen Teller Weizenpfannkuchen auf seinem Schoß. Er aß und trank, bis er genug hatte. Was für ein wunderbarer Ort!, dachte er. Und ihm kam der Gedanke, dass dies der richtige Platz für ein kleines Heim sein könnte. Schon stand eins da, von hellem Sonnenlicht beschienen, ein Häuschen aus weißen Steinen. Wenn ich jetzt noch eine Frau hätte, dachte er … Da kam eine wunderschöne Frau angeschlendert, setzte sich neben ihn und ergriff seine Hände. Sie schliefen miteinander, lagen zusammen im Gras, sein Kopf in ihrem Schoß. Als der Mann gerade im Begriff war einzuschlafen, fragte er sich plötzlich erschrocken, ob ihm all diese Wünsche nicht vielleicht von einem Teufel erfüllt wurden. Und siehe da, ein schrecklicher Teufel erschien, rot wie der Zorn, riesengroß, nach Fäulnis stinkend. Und vor den Augen seiner Frau, direkt vor seinem schönen Heim, riss das Ungeheuer ihn in Stücke und verschlang ihn.
Ich habe eine bezaubernde Frau, und das Haus, das wir uns gebaut haben, gehört zu den schönsten hier in der Gegend.
Das Haus ist neu, aus echten Adobe-Ziegeln, Paneele aus Redwood, Solarheizung, offener Kamin, zwei Schlafzimmer, dazu sechzehn Hektar Land: beileibe keine Riesenranch, aber genau das Richtige für einen Mann und eine Frau ohne Kinder, vorausgesetzt, sie lieben sich. Doch wir lieben uns nicht.
Winona liebt Kalifornien. Winona liebt ihren Traum vom goldenen Westen. Und ich liebe Melissa.
Melissa: deine Augen: Abdrift und Aufwind unter diesen Himmeln …
Melissa kam den ausgefahrenen Weg heraufgeweht. Ihre Musik: traurig. Doch als ich sie dort gehen sah, weich und fremd, blinzelnd unter der Härte des Himmelsblaus, da schwor ich mir wie damals, als ich ihr zum ersten Mal gegenüberstand, dass ich für diese Frau alles wegwerfen würde. Und ich sage es euch allen: Wenn ihr mich dazu zwingt, werde ich es tun.
«Wie bist du von der Stadt hierhergekommen?»
«Per Anhalter.»
«Das darf doch nicht wahr sein, Melissa. Irgendwann gerätst du noch an den Falschen.»
«Und was macht der dann mit mir?»
«Alles Mögliche», sagte ich.
«Alles, was du gern mit mir machen würdest?»
Sie war ein Blumenkind, durch Drogen ein bisschen verrückt geworden, lebte ständig ohne Strom und fließendes Wasser und suchte sich ihre Klamotten bei Ramschverkäufen zusammen. Nur für mich legte sie manchmal Lidschatten auf und bemalte sich die Lippen mit einem blassen, schlampigen Rosa, nur für mich trug sie lange, knallige Fetzen, nichts drunter, Modeschmuck, hochhackige Sandalen – und dann jagten wir in meinem Cabriolet die Küste entlang, irgendwohin, wo man direkt am Wasser eiskalte Margaritas bekam. Wir ließen uns volllaufen und küssten uns mitten auf den Holzterrassen der Lokale, während die Sonne unterging und die ganze Welt errötete und bebte. Verstehen Sie? Glauben Sie vielleicht, das könnte ich auch mit Winona? Meiner gedankenschweren, sehnigen, vom Kunstehrgeiz besessenen Winona? Nein, mit ihr war es ganz anders, schon am Anfang unserer Liebe, als wir nächtelang über Europa redeten und womöglich alles sagten, was es darüber zu sagen gibt. Dabei war ich nie dort gewesen. Später fuhr ich hin, und es war phantastisch, absolut begeisternd. Doch Melissa mag ich sogar noch lieber als Europa.
Lassen Sie mich von diesem Mädchen erzählen. Ihre Augen sind braun und feucht, und wenn sie lächelt, verzieht sie den Mund, damit man ihre schlechten Zähne nicht sieht. Nach ein paar Drinks allerdings wird ihr Lachen voll; ihre Goldkronen blitzen; Barkeeper beugen sich zu ihr hin, um ihr die Zigarette anzuzünden und sie im Schein des Streichholzes wie Liebhaber zu betrachten. Und alles ist da, ganz genau: das geprügelte Kind im gestohlenen Make-up. Augen, die niemanden ein zweites Mal anblicken werden. Dann lehnt sie sich zurück, verschwindet in dieser wundervollen Pose, die linke Hand im Schoß. Oder sie hängt einfach so da, über ein Glas gebeugt, und trommelt mit den Fingern auf den Tresen wie eine Hure. Sie kann einen eiskalt abfahren lassen. Eine Frau, die so verletzlich und launisch ist, hat normalerweise was Besseres zu tun, als sich von einem Mann, der genauso aussieht wie ihr Vater, langsam zu Tode quälen zu lassen. All das sehe ich in Bildern. Ich sehe einen Mann, der eine Orchidee würgt. Ach, Blumen!
Den Küstenhighway weht ihr auf und ab, ihr Orchideen und Azaleen, und eure Blüten werden zertreten.
Sie guckte den Kellner zu lange an – blaue Augen, Pferdeschwanz, das Hemd unter dem kräftigen Adamsapfel weit geöffnet. Seine Musik: asiatische Flöte und Bambushölzer, die aneinandergeschlagen werden. Ach, sie kannte ihn vermutlich! Wahrscheinlich hatte er sie irgendwann gehabt, auf dem Holztisch seiner miesen kleinen Hütte, neben Apfelsinenkisten voll stinkendem Müll am Fenster, oder im kühlen Wind am Strand von Schooner Gulch, wo seine prachtvollen Zähne sich in ihre Gänsehaut gruben.
«Was ist los?», fragte sie.
«Hast du mit dem gefickt? Ach was, nein» – ihr Lachen klang ängstlich, ertappt –, «aber du wirst schon noch. Noch vor dem letzten deiner Tage wirst du sie alle gehabt haben.» Der Tequila schoss mir ins Blut, meine Gedanken funkelten wie Messer, ich wollte eine große Rede halten, wollte ihr hier auf der Stelle sagen, wie sehr ich sie hasste, weil sie eine Frau war, weil sie sich öffnen und empfangen konnte. Doch alles, was ich herausbrachte, war: «Irgendwann wird die ganze Welt in dir sein, du bist wie das Meer …»
Und dann rase ich im gelben, offenen Porsche dahin, im donnernden Luftzug wird mein Kopf klar, und während ich in meinem Herzen noch nach Worten der Entschuldigung suche, brüllt Melissa neben mir: «Zerberstet, zerplatzt, fliegt davon! Galaktisch! Sternenregen! In Stücke! …»
Seit drei Generationen lebt meine Familie in Nordkalifornien, im Schatten seiner Wesensarten – der großen Erdbewegungen, der gewaltigen, bizarren Gebärden der Zypressen entlang der schroffen Küste – schroff: Irgendwie trifft der Klang dieses Worts zu. Man meint, die Anstrengung Gottes darin zu hören, als er die riesigen Felswände an ihren Platz gewuchtet hat.
Und diese natürliche Größe zieht die besten, die redlichsten Leute an, Menschen, die mit dem Leben bewusst und freundlich umgehen.
Doch es ist auch ein Land des Dauerregens und übermächtiger Dürren, ein Land des Nebels, dicht und zäh, besonders im Juli und August. Einundzwanzig Tage lang hüllte er in diesem Sommer den nördlichen Teil der Küste ein, ununterbrochen, als läge da … als läge da am eiskalten Ozean der zusammengeballte Stoff des amerikanischen Traums. Jetzt wollen wir dort draußen Bohrinseln bauen, wollen unsere Träume direkt aus dem Meeresgrund pumpen, unsere schwarzrinnenden Träume, damit wir auch künftig unseren Traumdeal weiterfahren können, schneller und schneller, die engen Straßen entlang. Ich selbst fahre nicht nur den gebrauchten Porsche, sondern auch einen Jeep mit schnittigem Heck, beide sehr schnell. Das heißt: ich fuhr. Inzwischen hat Winona den Jeep.
Um unsere Träume wahr werden zu lassen, würden wir alles tun. Es ist ein paar Jahre her, da beauftragte ein Mann aus unserer Gegend einen Gangster, seine Frau umzubringen; er wollte ihre Lebensversicherung kassieren und mit seiner Geliebten zusammenleben. Der vermeintliche Gangster aber war ein verdeckter Ermittler. Der Mann wurde wegen Verabredung eines Mordes angeklagt und musste für drei Jahre ins Gefängnis. Nach wenigen Monaten vergaß ihn seine Geliebte. In seinem dritten Jahr besuchte ihn seine Frau ab und zu. Heute sind sie wieder zusammen.
Melissa ist seit Oktober meine Geliebte. Sie kommt aus Österreich, ein wunderschönes Hippiemädchen. Ich glaube, sie hat Magersucht; sie ist wie ein Vögelchen; wenn wir uns lieben, bin ich versucht, ihr die Knochen zu brechen. Ich lernte sie letztes Jahr bei einer Theateraufführung unserer Highschool kennen. Der letzte Dreck natürlich, und es war mir peinlich, dass auch meine Frau dabei mitmachte, Winona. Sie hatte hinter der Bühne zu tun. Ganz vorn aber, auf dem Boden unter dem Bühnenrand und umgeben von kleinen Kindern, saß Melissa. Ich sah sie den ganzen Abend an.
Ich will mich vereinigen mit diesen Augen, den Augen meiner Liebe, Melissa, und gleichzeitig wie nebenbei Winona zerstören – ich will sie fallen sehen, am Boden zerdrückt neben der festlichen Tafel unserer Lust.
Winonas Musik ist gewaltig, vielstimmig – Vivaldi zum Beispiel, ‹Die vier Jahreszeiten›, jede für sich oder alle auf einmal. Sie ist klein, ein wenig kompakt, doch ihr steht es. Ihr Gesicht: was man so süß nennt, lieb. Sie ist kuschelig.
Auf einer Wiese unseres Grundstücks hat Winona ein verlottertes Atelier, in dem sie an ihren Skulpturen werkelt. Rundum im sonnigen Gras stehen ihre Arbeiten, klar in der Klarheit des Küstenlichts, dem die Nähe des Ozeans etwas Betäubendes gibt: gigantische hölzerne Totems und anderes modernistisch-sinnleeres Zeug, auch Eisenklötze ohne jede Anmut, Halbmonde und Parallelogramme wild ineinander verkeilt, alles zwei, drei, vier Meter hoch. Winona ist stark. Sie macht die Sachen durchweg selbst, stutzt sich das Holz mit einer großen Kettensäge zurecht und stemmt die Eisenstücke zum Verschweißen in die richtige Lage. Schweißen ist gefährlich – Starkstrom, schon ein kleiner Fehler macht Kroketten aus dir. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich eines Abends nach Hause komme und Winona mit weggebrannten Kleidern zwischen ihren Plastiken finde, ein verkohltes, schwarzes Selbstporträt. Ein angenehmer Gedanke. Ich überlege, wie er Wirklichkeit werden könnte.
Übrigens hegt sie ganz ähnliche Wünsche. Sie liebt unsere sechzehn Hektar und würde nichts unversucht lassen, sie zu halten oder zu vergrößern. Scheidung? Ohne mit der Wimper zu zucken. Ich bin überzeugt, sie würde mich sogar erschießen, würde alles dafür geben, was sie hat, ihr bisschen Talent sowieso, aber ihre unsterbliche Seele vermutlich gleich mit.
Von unserem Land reicht der Blick bis zum Pazifik. Darunter breiten sich viertausend Hektar Wald aus, vor allem Redwood. Der Wald gehört meinem Vater.
Sollten Sie hier bei uns jemanden nach meinem Vater fragen, er würde Ihnen bestimmt ohne Zögern sagen, mein Vater sei ein abscheulicher, mieser Kerl. Und er hätte recht; mein Vater hat noch jedem, der ihn als Freund ansah, ihn brauchte oder ihm vertraute, übel mitgespielt; und wenn mit mir einiges nicht in Ordnung ist, dann bin ich eben ein Beispiel für so etwas wie ererbte Verstörtheit, ein Bild der Risse und unheilbaren Brüche, die eine kindheitslange Liebe zu so einem Vater mit sich bringt. Stimmt schon, ich weiß – die Welt hat ihre Schrecken, und meine zählen zur privilegierten, amerikanischen Art. Trotzdem bleibe ich dabei: Schuld an mir ist mein Vater.
Vaters Verkorkstheit wiederum geht auf das Konto unserer Großmutter, einer monströsen, beharrlich fetter werdenden Italienerin, einer Hexe aus Palermo. Bei ihrem Tod wog sie über dreihundert Pfund, was uns, als wir sie beerdigten, die Peinlichkeit einiger zusätzlicher Sargträger nicht ersparte. Nie war sie darüber weggekommen, ausgerechnet mit einem Mann aus Wales verheiratet worden zu sein, dem einzigen britischen Rancher und einem der ersten Schafzüchter der Region, nie hatte sie es verwunden, dass sie die Weingärten von Sonoma verlassen und hierher an die Küste ziehen musste. Als sie starb, war ich vier, mein Bruder Bill sieben. Wir haben lebhafte Erinnerungen an sie – in unseren kindlichen Augen war sie ein Albtraum wabernder Fleischesfülle. Unseren Großvater, ihren bedauernswerten Mann, sehe ich nicht so deutlich vor mir; er stammte aus Cardiff und starb mit fünfundfünfzig Jahren, ein bisschen früher als sie, obwohl er zehn Jahre jünger war; länger konnte selbst stählerne britische Härte ihren Wutausbrüchen, Klagen und nächtelangen religiösen Exzessen nicht standhalten. Dieser wahnwitzigen Verbindung also entsprang mein Vater. Eine vollkommenere Verkörperung der elterlichen Spannungen hätte sich in der Tat kaum denken lassen: Sein italienisches Temperament blieb ihm im britisch versteiften Hals stecken. Das machte ihn böse. Wann immer er enttäuschen, Zweifel säen oder Hass schüren konnte, war ein Funkeln in seinen Augen. Und weil er in dem, was normalerweise Familienleben heißt, keinerlei Erfahrung hatte und in die Vaterschaft mehr oder weniger hilflos hineingestolpert war, versuchte er, meinen Bruder Bill und mich zu erziehen, indem er uns, sobald wir etwas falsch gemacht hatten, rätselhafte Fragen stellte, etwa: «Wär’s nicht schön, wenn das Pferd hier aufginge wie ein Pfannkuchen? Wenn’s sich hinlegen, auf die Seite rollen und morgen früh krepieren würde?» Dann wussten wir, dass wir bei der Fütterung was vermasselt hatten. Nie aber sagte er uns, worin unser Fehler bestand, es sei denn, wir fragten. «Was glaubst du, wie weit würde dein Gehirn wohl durch die Landschaft spritzen, wenn ein Baum wie der da draufkracht?» Offenbar waren wir beim Holzfällen nicht vorsichtig genug gewesen. «Ach, du hast also Lust, dir ein Bein zu brechen?» Da standen wir wohl, während eine Ladung Baumstämme auf einen Lastwagen gehievt wurde, am falschen Platz. Aber wohin, Vater, soll ich mich stellen? Wohin in aller Welt? Wo willst du mich haben, was soll ich tun? Egal, was – sag es mir! Ich weiß nicht, was du von mir willst – bitte, sprich! Für ein Kind nämlich (es fällt mir nicht leicht, das auszusprechen), für ein Kind ist der Vater ein allmächtiger Gott im Himmel. Warum also verurteilst du mich dazu, dich zu enttäuschen?
«Zerberstet, zerplatzt, fliegt davon! Galaktisch! Sternenhagel! In Stücke!» Melissa hatte Spaß daran, solche Worte in die Luft zu schreien, während wir in meinem Porsche, einem cremegelben 356er, die Küste entlangjagten. Der Wagen war über dreißig Jahre alt, lief aber auf den geraden Abschnitten des Küstenhighways mühelos über 160. Nur in den engsten Kurven, wenn der Motor leiser lief, konnte ich etwas sagen.
«Tut mir leid», begann ich. Dann eine kurze Gerade. Ein Porsche ist kein Auto für Weicheier: Er ist aggressiv, beschleunigt hart. Eine Kurve: «Ich weiß, dass du nicht mit ihm vögeln würdest.» Ich sprach noch immer von dem Kellner, unserem Streitobjekt. «Oder doch, klar, wir beide wissen es. Aber trotzdem muss ich dich lieben. Das ist meine Aufgabe.»
«Ist doch egal.»
«Mir nicht. Ich zeige dir, wie wenig egal mir das ist. Ich zeig dir was, was ich noch niemandem gezeigt habe.»
«Mir wird schon wieder übel», sagte sie. Wir waren an einem Teil der Strecke angelangt, an dem Haarnadelkurven in dichter Folge bergab führten. Unten kam man zu einem Bach, der unter dem Highway hindurch ins Meer floss.
Ich fuhr von der Straße ab. Unmittelbar über dem Durchfluss riss ich den Wagen herum.
«Warum biegen wir hier ab? Da steht: Unbefugten ist das Betreten verboten.»
«Nur mal was nachsehen.»
«Was denn? Ob da einer reingefahren ist? Gehört das Land etwa dir?»
«Halt die Klappe, bitte. Achte lieber auf das Schild.»
Ein Pick-up mit Campingaufsatz kam gemächlich die Zickzackkurven herunter, fuhr an uns vorbei und die andere Seite der Schlucht wieder hinauf. Er blieb auf der Straße. Die Leute hatten uns nicht gesehen.
«Schild?», fragte Melissa.
«Ja, Schild! Schild! Nummernschild! War das Oregon? Das Schild war blau, könnte Kalifornien gewesen sein. Und wie viele saßen drin? Ich hab zwei gesehen, und du?»
«Ob die was im Schilde führen?»
«Hatten sie Hunde hinten drin?»
«Eure Sprache» sagte sie, «ist ja unmöglich!»
«Die Leute da sind nämlich hinter mir her. Die haben Hunde.»
