Keine Menschenseele - Faye Hell - E-Book
Beschreibung

Ein Waisenkind findet in einer streunenden Katze einen echten Seelenverwandten, einem charismatischen Fernsehmoderator fliegen alle Herzen zu, für eine junge Frau geht ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung, eine einsame Liebesbuchautorin findet einen Menschen, mit dem sie ihr Leben und ihr Heim teilen kann und jemand ist unterwegs, um sich endlich seinem Peiniger zu stellen. So einfach könnte es sein. Aber nichts im Leben ist so einfach. Fünf Menschen, fünf Leben. Eine gemeinsame Geschichte. Ein gemeinsamer Albtraum. "Bin traurig, weil ich bald mit "Keine Menschenseele" fertig bin. So etwas Großartiges hat man selten auf dem Bildschirm. Das ist Kunst!". "Was für ein Hammerwerk!" Gewinner des Deutschen Phantastik Preis 2016 in der Kategorie "Bestes deutschsprachiges Debüt". Mit einer XXL-Leseprobe des aktuellen Romans von Faye Hell "Tote Götter"!

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Seitenzahl:796

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KEINE MENSCHENSEELE

Faye Hell

Inhaltsverzeichnis
KEINE MENSCHENSEELE
Teil 1: Blanke Zahlen
Teil 2: Makellos
Teil 3: Vier Minuten
Teil 4: Stillschweigend
Teil 5: Im Fegefeuer

© 2015 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein Covergestaltung: Mark Freier Lektorat: Carmen Weinand Alle Rechte vorbehaltenISBN –978-3-95869-222-0

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Alexander.

Wie grausam meine Gedankenwelt auch ist, du scheust sie nicht. Mehr noch bist du mir im Schatten die Muse wie im Leben das Licht.

Teil 1

Blanke Zahlen

Herzlich Willkommen.

»Falls Sie noch etwas brauchen, frische Handtücher, ein weiteres Kopfkissen, Briefpapier, eine Waffe, eine Überdecke …«. Das fahle Gesicht der jungen Frau verändert sich kaum merklich, aber ihr unbewusstes Zusammenzucken unterbricht meine einstudierte Höflichkeit. Es ist dieser eine Teil einer Sekunde, dieser Bruchteil Wirklichkeit, in dem sie etwas gehört hat, das für sie nicht in ihre momentane Welt passt. Der Ausdruck elementarer Verblüffung auf ihrem Gesicht ist von bitterer Süße und unendlich kostbar. Doch bereits der nächste Moment versichert ihrem blassen Geist, dass es nicht die Welt um sie herum sein kann, die mit ihrer profanen, über Lebensabschnitte hinweg einstudierten Erwartung bricht. Dass zu Gunsten der Sicherheit nicht die Wirklichkeit an sich verrückt geworden ist, sondern ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit verrücktspielt. So wankt ihr Dasein, wankt ihr Selbstverständnis nur für einen Moment.

Sicherheit.

Alle seid ihr so armselig in eurer selbstverordneten Sicherheit. Beton an euren Füßen.

Ich lächle, obwohl mir nicht danach ist. Aber es gehört sich so, deshalb lächle ich.

»Ich habe gedacht, Sie hätten vielleicht gerne eine Überdecke. Es kann sehr kalt werden in diesen alten Mauern. Nachts. Da lernt die Kälte zu kriechen. Wir haben zu dieser Jahreszeit nicht viele Gäste. Es werden nicht mehr alle Räumlichkeiten beheizt. Sie besuchen uns in einer Phase des Übergangs. Eine Decke?«

Ich bin ein geduldiger Mensch. Kaum jemand versteht auf Anhieb, was ich ihm zu sagen habe. Also spreche ich, zum Beispiel jetzt in diesem Moment, über Decken. Vorerst. Aber es ist die Zeit, um genau zu sein die vergangene Zeit, die auf meiner Seite ist. Und irgendwann verstehen sie.

Sie verstehen alle.

»Danke, sehr freundlich von Ihnen«, antwortet die Frau zögernd. Ihre zarte Stimme ist durscheinend wie ihr Gesicht.

In der Tat, ich bin sehr freundlich, auch wenn es keine meiner Eigenschaften ist. Es ist mehr ein Talent, kein Teil von mir. Freundlichkeit ist überflüssiger Tand.

»Sie wollen also eine Decke?«

»Ich glaube, ich … danke nein. Ich brauche keine.«

Mein nachdrückliches Offerieren mag den Anschein erwecken, dass mir sehr viel an dieser Decke liegt. Tut es nicht, aber das Gespräch ist noch nicht vorbei und die unerwünschte Decke ist das Durchatmen vor dem Nachsatz. Ich bleibe und lächle weiterhin. Meine unbeirrbare Höflichkeit zwingt die Fremde dazu, das Gespräch wieder aufzugreifen und in eine andere Richtung zu lenken. Weg von der Decke. Obwohl, Zwang? Niemand muss hierher kommen.

Doch wer schon einmal hier ist, der muss auch hier sein.

Die Mundwinkel der Frau mit dem unscheinbaren aber ebenmäßigen Gesicht zucken. Eine Sympathiebekundung, möglicherweise Unsicherheit, vielleicht sogar Verwunderung über das Zimmermädchen, das in seiner unnatürlich steifen und altmodischen Uniform eher an ein Relikt aus einer hochherrschaftlichen Zeit, als an eine Reinigungskraft erinnert. Streng gebundener Pferdeschwanz, strenger Gesichtsausdruck. Schwarzer Rock, weiße Bluse, weiße Schürze. Um den steifen Hals eine dünne, silberne Kette mit einem spiegelnden Herzanhänger, der zwischen den abgerundeten Kanten des hochgeschlossenen Blusenkragens hervorblitzt.

Spiegelglatte Dienstbarkeit.

Verwechselbar, ungreifbar, fremd - bereits beim Verlassen des Zimmers vergessen.

Ich.

»Es wundert mich nicht, dass Sie um diese Jahreszeit wenige Gäste haben«, fährt die Frau fort. »Eigentlich würde ich mich eher wundern, hätten Sie viele Gäste, egal zu welcher Jahreszeit. Ich persönlich fahre diese Strecke mehrmals im Jahr, und das seit Jahren, aber dieses Hotel ist mir bisher noch nie aufgefallen. Es liegt sehr versteckt.«

»Es ist nicht versteckt. Es liegt an der Straße. Die Leute sind es. Sie haben verlernt, auf das Hotel zu achten, sie achten nur auf die Straße.«

Sie verliert sich beinahe im Gedanken, doch spricht sie weiter. Abwesend, sich an eben erst Geschehenes, kaum Vergangenes bereits nur noch erinnernd.

»Ich war … ich habe mich in einem vagen Bild verloren, wollte nicht nach Hause fahren. Es ist wohl nur ein paar Kilometer weiter die Straße lang, doch ich konnte nicht. Das Hotel war meine Rettung.«

»Das tut das Hotel. Es rettet Menschen.«

Die Frau lacht ungläubig. »Davon bin ich überzeugt.«

»Ich weiß.«

Das Gespräch verebbt, bis die Sprechenden schließlich verstummen, und zärtlich kriecht die prophezeite Kälte ins Zimmer. Ein zeitgerechtes Willkommen. Ich kann sehen, wie das vage, kleine Tier Ahnung am Rücken der Frau hinaufkriecht, sich an ihre linke Schulter schmiegt und wispert:

»Ich bin es. Ich bin da.«

Als könnte man die Ahnung kichern hören. Sie kichern sehen. Scharfe kleine Zähnchen, die durch ein verschlagenes Lächeln blitzen. Einfach da. Die Frau fasst sich irritiert an den Nacken. Unfassbar. Die beinahe ertappte Ahnung lässt sich fallen, wie Tau, gleitet den Rücken hinab wie ein beinloser, silbern schimmernder Nerz, verzieht sich hinter die einen Spaltbreit geöffnete Schranktür.

Mir gefällt deine sanfte Zurückhaltung.

Eigentlich will ich mich nicht trennen, aber es ist an der Zeit. Und es gilt Besorgungen zu machen. Ich habe mich zu kümmern. Ich nicke zum Abschied höflich, wende mich zum Gehen, doch die wiedererwachten Worte der Frau halten mich zurück.

»Haben Sie an der Rezeption Broschüren über die Umgebung? Wenn ich schon hier bin, und wenn ich Zeit habe. Ich könnte spazieren gehen, vielleicht rund um den Teich auf der anderen Seite der Straße. Oder gibt es ein Museum, eine Ausstellung? Kunsthandwerk?«

Man muss nachsichtig sein, muss Geduld haben mit den Menschen. Und wie gesagt, ich bin ein geduldiger Mensch. Ich gebe unseren Gästen gerne die Zeit, sich der Erinnerung hinzugeben. Selbst den ungläubig Ahnungslosen. Denn alles braucht seine Zeit. Und alles geschieht zu seiner Zeit.

»Bitte glauben Sie mir, Sie werden das Hotel erst gar nicht verlassen wollen.«

Die Frau sinkt auf den brokatbezogenen Ohrensessel neben dem zierlichen, ebenhölzernen Schminktisch. Plötzlich ist sie unendlich müde. Sie weiß, dass der Schlaf auf sie wartet, dass er dazu bereit ist, ihr für die nächsten Stunden einen sicheren Unterschlupf zu gewähren. Doch auch der Schlaf wird vergehen, der Unterschlupf dem Erwachen nicht standhalten. Aus dem sich mit jedem bleischweren Wimpernschlag verkleinernden Augenwinkel sieht sie noch, wie das eigentümliche, das echsenglatte Zimmermädchen ihr zunickt und sich anschickt, das Zimmer zu verlassen.

»Ich bringe Ihnen später die Decke, die Sie wollen.«, flüstere ich.

Und ich weiß, dass sie versteht.

DRITTER STOCK, ZIMMER 314

Mir scheint, selten zuvor habe ich das Bedürfnis verspürt, einen Gast bevorzugt zu behandeln. Jeder Gast zu seiner Zeit. Einer nach dem anderen. Und jetzt eben ein anderer. Nicht nach meinen Regeln oder meinen Vorlieben. Weder meiner Weisung noch Wertung unterworfen. Dennoch, ich kann mich nur schwer trennen, etwas bindet mich an diese Frau, brennt für ihre Erinnerung, ihre Geschichte. Etwas Persönliches. Obwohl es das immer ist, etwas Verborgenes, etwas Persönliches. Und es ist diese Hingabe an jede einzelne Geschichte, die mich zu dem macht, was ich bin. Es ist diese Hingabe, die mich zu dir geführt hat. Du bist die Idee, ich bin das Werkzeug. Und es ist noch keine Erinnerung verloren gegangen, blieb keine Geschichte unerwähnt. Ich habe sie alle gehört, und ich habe keine vergessen. Gehasst, verdrängt und unterdrückt. Lauernd, bohrend, um Gehör und Leben ringend. Emotionale Stiefkinder, Lücken in einer gequälten Seele.

Die weiße Stelle.

Wir lassen die Erinnerungen frei. Befreien sie aus dem Gefängnis Mensch.

Die, die hierher kommen, sprechen nie wieder darüber.

Oder sie sprechen nie wieder.

Den Gang entlang. Der schwere, weinrote Samtteppich, die Ecken von der Zeit zerschlissen, die Struktur von den Menschen zertreten, dämpft meinen besonnenen Schritt. Matte Seidentapeten, heute vergilbt, damals froh. Alte Bilder auf altem Leinen, die Fenster zu einer alten Welt. Eine Szene am See, kleine Boote, Menschen am Ufer, Seerosen. Ein sonniger Tag in verblassten Farben. Ein Sonntagnachmittagsausflug in impressionistisch unaufdringlicher Manier. Die Frau trägt einen Sonnenschirm, der Hund tollt voraus, die Kinder ziehen sich an den Händen. Gelächter. Wenige Schritte weiter eine idyllische Landschaft. Ländlich, in der Ferne eine Kirche, vielmehr Kapelle. Kleiner Turm, Zwiebeldach. Dahinter eine Wiese. Das Heu steht hoch, ein saftiger Herbst, der auf einen strahlenden Sommer folgt. Reiche Ernte. Bedeutungsleerer Frohsinn, an den Ecken Schimmel angesetzt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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