Kieler Dämmerung - Kay Jacobs - E-Book

Kieler Dämmerung E-Book

Kay Jacobs

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Beschreibung

1911, Kiels größter Stolz ist das neu erbaute Rathaus. Zur Einweihung hält sogar Kaiser Wilhelm II. Einzug. Durch einen Polizeispitzel erfahren Kriminalobersekretär Josef Rosenbaum und seine Kollegen, dass während der Einweihung ein Attentat auf den Kaiser verübt werden soll. Die Ermittler finden nur wenige Spuren und die neuen Hinweise scheinen den bisherigen Erkenntnissen zu widersprechen. Attentäter, Hintermänner und vor allem der Anschlagsplan bleiben weitgehend im Dunkeln. Eine Katastrophe bahnt sich an.

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Kay Jacobs

Kieler Dämmerung

Kriminalroman

Impressum

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© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild

ISBN 978-3-8392-5032-7

Gedicht

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.

Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.

Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.

Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

(aus: Die Dämmerung von Alfred Lichtenstein)

I. Kapitel

An einem frischen Spätsommertag im Jahre 1911 lag ein Mann unter einem Mercedes 38/70 und eine Rändelmutter fiel ihm aus der Hand. Sie fiel einen knappen halben Meter tief auf sauberen Asphalt, den neuartigen dunklen Straßenbelag aus Bitumen und Splitt, stieß an einen Schraubenschlüssel und an noch einen, näherte sich einem Gully, zog wie zum Abschied vom verblüfften Publikum einen Halbkreis darum und entschwand darin. Der Mann unter dem Automobil war durch physische Beengungen daran gehindert, das Schicksal der Mutter noch entscheidend zu beeinflussen. So kroch er hervor und fast hätte er ›Ja, Kümmeltürken noch einmal!‹ gerufen, hielt sich aber angesichts der hohen Herrschaften, die ihn umgaben, im letzten Moment zurück. Dort standen ein Graf, ein Freiherr und ein Admiral nebst ihren Gattinnen, und da konnte der höchstgeborene von ihnen, der Prinz von Preußen, Albert Wilhelm Heinrich, kurz Prinz Heinrich, Bruder des Kaisers, Großadmiral und Generalinspekteur der Marine, also nahezu das Höchstdurchlauchtigste, was das Deutsche Reich zu bieten hatte, dieser Mann konnte sich jetzt nicht mit unangemessenen Kraftausdrücken besudeln.

Aus Platzgründen und ein wenig auch, weil Prinz Heinrich seinen neuen Mercedes gerne selbst steuerte, hatte man auf einen Chauffeur verzichtet. Und so mussten die hohen Herren das Reparieren des Automobils und die Suche nach der Mutter untereinander aufteilen.

»Mein lieber Albert, würden Sie sich bitte kümmern«, forderte der Prinz den noch immer irritiert blickenden Freiherrn von Seckendorff auf, nach der Rändelmutter zu schauen. Der Freiherr war des Prinzen Hofmarschall und mithin für die Organisation aller Wirtschaftseinrichtungen des Hofes verantwortlich, also auch für die Beschaffung. Über die Reichweite dieser Verantwortung hatte es im Detail schon die eine oder andere Meinungsverschiedenheit zwischen dem Prinzen und dem Freiherrn gegeben. Zum Schluss setzte sich stets der Prinz durch, indem er darauf hinwies, dass der, der für die Beschaffung verantwortlich war, die Dinge halt zu beschaffen hatte. Und jetzt hatte der Freiherr eine Rändelmutter zu beschaffen.

»Ich habe aber keine passende Mutter dabei und auch keinen Bediensteten, den ich danach schicken könnte«, antwortete Seckendorff. Obwohl er ein fortgeschrittenes Alter vorweisen konnte, klang er trotzig wie ein kleiner Junge. »Und die alte Rändelmutter ist jetzt in der Kanalisation, da bekomme ich sie auch nicht mehr heraus.« Subtil schwang der Vorwurf mit, dass der Prinz nun gerade hier, auf der Kanalbrücke bei Levensau mit diesem neumodischen Asphalt, direkt neben einem Gully anhalten und unter das Auto kriechen musste, wo doch einen Kilometer weiter weder Gully noch Kanalisation gedroht hätten. Und der Straßenbelag bestand dort aus Kopfsteinpflaster, was jede Rändelmutter sofort gestoppt hätte, und die dortige Schankwirtschaft hätte eine Panne deutlich angenehmer gestaltet als diese Brücke und …

Der Prinz schaute den Hofmarschall an, zunächst streng, dann eher leidend. Er war kein Automechaniker und kein Chauffeur, er war Seemann. Er hatte schon die größten Schlachtschiffe befehligt. Auf einem Schlachtschiff der Kaiserlichen Marine waren Muttern in jeder erdenklichen Größe und Ausführung vorhanden, sogar im Überfluss – und Bedienstete, die sie herbeiholten, auch.

»Notfalls geht es ohne, man muss eben öfter mal anhalten und nachschauen«, sagte er schließlich.

Nach einigen Zwangspausen, mit gewaltiger Verspätung und dreckigen Händen, erreichte die hohe Gesellschaft Gut Hemmelmark, des Prinzen Landsitz an der Eckernförder Bucht.

Der Prinz liebte sein Hemmelmark, umgeben von ländlicher Idylle mit einem achtzig Hektar großen See. Er hatte sich das Anwesen vor etlichen Jahren gekauft, das Herrenhaus abreißen und durch ein neues Gebäude in kommodem englischem Landhausstil ersetzten lassen. Jetzt war das Gut durchströmt von britischem Flair. Alles wilhelminisch Pompöse musste vor den Toren bleiben, hier herrschte Understatement. Und man war geschützt vor der neugierigen Öffentlichkeit. Der Prinz kam her, wann immer seine Zeit es ihm erlaubte.

Die hohe Gesellschaft tuckerte durch das Torhaus mit den Garagen und den Wohnungen für Bedienstete, rollte an Stallungen und Wirtschaftsgebäuden vorbei und kam vor dem Herrenhaus mit seinen roten Dachschindeln, den verspielten Fronten aus unregelmäßig angeordneten Gauben, Erkern und gedeckten Dreiecksgiebeln zum Stehen. Prinzessin Irene, Heinrichs Gattin, empfing die Ankömmlinge in der Eingangsdiele. Mit überspielter Hast wies sie darauf hin, dass man sehr spät sei und der Oberbürgermeister gleich erwartet werde, da wurde auch schon die Ankunft des Herrn Oberbürgermeister gemeldet. Der Prinz ließ bitten und es erschien ein kleines Männchen mit Nickelbrille und pedantischem Henriquatre. Einerseits gab sich der Gast untertänig und war auf den ersten Blick als Beamtenseele zu erkennen, andererseits trug er deutlich die Würde seines Amtes: Der Kieler Oberbürgermeister Paul Fuß.

Er musste allenfalls einen Kilometer entfernt hinter dem Prinzen hergefahren sein. Der Oberbürgermeister kam mit einer altmodischen Dienstkutsche nebst Kutscher, die ihn ohne Panne an sein Ziel brachte und – hätte der Prinz nur noch eine kurze Pause zum Nachjustieren benötigt – die beiden fast schon unterwegs hätte aufeinandertreffen lassen. So allerdings war der Prinz doch noch standesgemäß ein paar Minuten vor dem Oberbürgermeister angekommen.

Wenig später saß man im Speisesaal zum Luncheon beisammen. Die Gesellschaft hatte sich leger gekleidet, so wie das Ambiente des Anwesens es vorgab. Die Besucher in Reiseanzug und Reisekleid, die Prinzessin im Tageskleid, und der Prinz, der sich noch schnell hatte umkleiden müssen, im Hausanzug. Die vornehmsten Kleidungsstücke auf Hemmelmark waren regelmäßig die Livreen der Diener.

Oberbürgermeister Paul Fuß hatte um eine Unterredung mit dem Prinzen gebeten und war dann zu eben diesem Luncheon eingeladen worden. Er hatte schnell herausgefunden, dass es sich dabei um die englische Variante eines leichten Mittagessens handelte. Ihm war es recht. In der geselligen Atmosphäre einer gemeinsamen Mahlzeit konnte er für sein Anliegen umso mehr mit Wohlwollen rechnen. Und sein Anliegen war ihm eine Herzenssache. Er war seit 1888 Oberbürgermeister von Kiel, also fast genau seit dem Regierungsantritt des Kaisers, und er würde im kommenden Jahr mit 68 Jahren endgültig in den Ruhestand treten. Die Einweihung des prächtigen neuen Rathauses, das im Herbst fertiggestellt sein würde, sollte der krönende Höhepunkt seiner Amtszeit werden. Und ihm war der kühne Gedanke gekommen, dass der Kaiser dieser Einweihung beiwohnen könnte.

»Na mein lieber Fuß, was macht das neue Rathaus?«, fragte der Prinz.

»Wir liegen gerade letzte Hand an. Bald ist es fertig und dann können wir umziehen.«

»Man sagt, Sie haben zeitgeschichtliche Dokumente in der goldenen Turmkugel hinterlegen lassen?«, erkundigte sich die Gräfin. Wenn man es genau nahm, war die goldene Kugel keine Kugel, sondern ein Ellipsoid, und sie war nicht aus Gold, sondern aus vergoldetem Kupfer, aber wer nahm es schon so genau. Sehr viel wichtiger war der mediterrane Stil des Rathausturms, der dem Markusturm in Venedig nachempfunden war. Die Gestaltung des Turms wurde allseits hoch gelobt, wobei schnell in Vergessenheit geriet, dass er nicht allein aus ästhetischen Gründen dem Markusturm ähnelte, sondern auch weil jener einige Jahre zuvor komplett eingestürzt war und erst ein Jahr später wieder neu errichtet werden sollte. Auf diese Weise konnte man sich dem traditionsreichen Venedig überlegen fühlen. Unnötig zu erwähnen, dass der Kieler Turm sieben Meter höher war als der venezianische.

»Das stimmt, Gräfin. Es ist eine alte Tradition, bei der Errichtung öffentlicher Gebäude zeitgeschichtliche Dokumente zu hinterlassen. Diese Tradition haben wir wieder aufgenommen. Üblicherweise werden solche Dokumente irgendwo eingemauert oder im Fundament eingegossen, aber die Stadtverordneten kamen auf die Idee, sie in der Kugel auf dem Turm zu deponieren, ohne es jedoch öffentlich bekannt zu machen. So kann es jeder zu jeder Zeit sehen.«

»Aber wenn niemand weiß, dass es sich dort befindet?«, hakte die Gräfin nach.

»Das hat doch einen gewissen Reiz, nicht wahr?« Bevor er fortfuhr, nahm Fuß einen Schluck Wein und schuf so eine angemessene Zeit für die Bewunderung der grandiosen Idee. »Wir haben einen handgeschriebenen Bericht über den Bau des Rathauses hineingelegt, einen Druckband vom ›Bürgerbuch der Stadt Kiel‹ und einen farbigen Stadtplan. Schließlich wurden noch Porträtfotografien von Professor Billing, dem Architekten, und von mir beigelegt. Letzteres fand ich etwas übertrieben, aber die Stadtverordneten haben darauf bestanden.«

»Nur keine falsche Bescheidenheit, mein lieber Fuß«, sagte der Prinz und nahm auch einen Schluck Wein. »Sie haben das Gesicht unserer schönen Stadt geprägt wie kein anderer. Da kann die Stadt Sie ruhig einmal würdigen.«

Fuß bedankte sich artig und abwiegelnd, ohne jedoch einen Zweifel darüber zu lassen, dass er es genauso sah wie Heinrich. Als er sein Bürgermeisteramt angetreten hatte, war Kiel noch ein größeres Dorf gewesen, dann setzte ein rasantes Wachstum ein und jetzt war es eine Großstadt. Alle dazu nötigen Entwicklungen, die Verwaltungsreform, die Infrastruktur, das Gesundheitswesen, das Schulwesen, die Polizei, die Bauplanung, einfach alles trug seinen Stempel.

»Das Rathaus ist wirklich sehr, sehr hübsch geworden, lieber Herr Fuß«, flötete die Admiralsgattin. »Das haben Sie ganz großartig gemacht.«

»Es war ja auch an der Zeit, einmal an sich selbst zu denken und nicht immer nur Arbeiterwohnungen zu bauen«, brummte der Admiral.

»Nun ja, wir haben das Rathaus mit einem Kostenaufwand von 4,2 Millionen Mark erbaut«, bemühte sich Fuß, das Gespräch wieder zu versachlichen. Zu viel Lob war ihm unangenehm. »Die stark in Anspruch genommenen Finanzen der Stadt machten es erforderlich, auf die Errichtung eines monumentalen Prunkbaus zu verzichten. Trotzdem ist es ganz nett geworden.«

»Natürlich, mein lieber Oberbürgermeister, Prunk und Protz, was soll das? Wir sind hier ja nicht am Kaiserhof.« Für diese Bemerkung erntete Heinrich einen strengen Blick seiner Gemahlin.

»Ich frage mich, Königliche Hoheit, ob es erfolgreich sein könnte, den Kaiser zur Einweihung des Rathauses im November einzuladen.« Diese Frage fiel Fuß offensichtlich nicht leicht. »Soweit man es den öffentlichen Verlautbarungen entnehmen kann, gedenkt der Kaiser ohnehin zur Einweihung der Hochbrücke bei Holtenau zu kommen.« Gemeint war die neue Prinz-Heinrich-Brücke über den Kaiser-Wilhelm-Kanal, welche die Stadt mit den Vororten Holtenau und Friedrichsort verbinden sollte.

»Die Fertigstellung der Brücke wird sich voraussichtlich ein halbes Jahr verzögern, wenn nicht noch mehr«, erwiderte Heinrich.

Die Brücke berührte zwar Kieler Stadtgebiet, dennoch hatte die Stadtverwaltung damit nichts zu tun. Denn der Kanal war eine Reichswasserstraße, sodass auch die Kanalbrücken Angelegenheiten des Reiches waren. Und da Kiel offizieller und stolzer Reichskriegshafen war, der einzige neben Wilhelmshaven, standen alle marinen Einrichtungen unter der Aufsicht der Kaiserlichen Marine – Prinz Heinrich war also gewissermaßen der Bauherr. Die Ernennung zum Reichskriegshafen hatte der Stadt zu ihrer beispiellosen wirtschaftlichen und militärischen Entwicklung verholfen, bedeutete aber auch eine sehr einseitige Ausrichtung auf militärische Belange und behinderte die Entwicklung ziviler Handels- und Industriezweige. Das war für Kiel ein Segen, den Bürgermeister Fuß schon mehrmals verflucht hatte, aber so war es nun einmal und er konnte daran nichts ändern. Als konservativer und kaisertreuer Patriot wollte er es auch gar nicht. Wenn es also um Angelegenheiten des Hafens oder des Kanals ging, dann war der Prinz durchweg besser informiert als der Oberbürgermeister.

»An der Südrampe der Brücke kommt es immer wieder zu Erdrutschen«, setzte Heinrich seine Ausführungen fort. »Vor einigen Monaten kam dabei ein polnischer Arbeiter ums Leben, seine Leiche ist bislang nicht gefunden worden. Die Brücke wird sicher nicht vor dem nächsten Sommer fertiggestellt.«

»So lange werde ich die Einweihung des Rathauses nicht hinauszögern können. Ab September werden wir mit dem Umzug beginnen. Spätestens im Dezember sollte die Einweihung stattfinden.« Fuß kratzte sich enttäuscht an der Stirn.

»Sagen Sie doch dem Kaiser, dass ich das Rathaus einweihen werde, falls er verhindert ist. Dann wird er schon kommen.«

Fuß sah Heinrich verlegen an und Heinrich sah Fuß erschrocken an. Er hatte gesagt, was er eigentlich nur denken wollte. Prinzessin Irene hätte ihren Gatten gern zurechtgewiesen, war daran aber durch einen nur halb zerkauten Bissen Schweinefilet gehindert.

Nach kurzer Zeit besann sich Heinrich: »War ein Scherz, natürlich nur ein Scherz. Lachen Sie!«

Man lachte brav. »Guter Scherz!« war zu hören, »ja, sehr gut« und »formidabel«.

»Im November findet auf dem Exer die Vereidigung der neuen Marinerekruten statt«, ergriff der Prinz erneut die Initiative. »Da ist der Willy doch immer gerne mal dabei gewesen.« Der Prinz schaute fragend seine Gattin an, die offenbar was sagen wollte, sich aber aufgrund des Gemüses in ihrem Mund genötigt sah, nur zustimmend zu nicken.

Heinrich blickte kurz nachdenklich durchs Fenster und sah dann Seckendorff an. »Wir könnten vielleicht auch mal bei den Werften nachfragen, mein lieber Albert. Bei der Hochrüstung, die wir gerade betreiben, haben die ständig Schiffstaufen. Da wird es doch bestimmt möglich sein, eine davon zur Rekrutenvereidigung zu terminieren, wenn wir denen in Aussicht stellen, dass der Kaiser kommt.« Heinrich strich sich mit der Hand durch den Bart und fügte dann noch hinzu: »Vielleicht die SMS Kaiserin, die müsste im Herbst so weit sein.«

»Ich werde mich darum kümmern«, antwortete Seckendorff.

Dann wandte sich der Prinz wieder dem Oberbürgermeister zu. »Legen Sie die Rathauseinweihung auf den Tag nach der Rekrutenvereidigung. Richten Sie über den Chef des Marinekabinetts von Müller eine Anfrage an Oberhofmarschall zu Eulenburg, ob der Kaiser einen von der Stadt zur Rathauseinweihung alleruntertänigst dargebrachten Ehrentrunk anzunehmen gedenke. Ich lege eine Empfehlung und eine Einladung zur Rekrutenvereidigung und gegebenenfalls zu einer Schiffstaufe bei, und dann wird es gelingen, der alte Eule wird’s schon richten.«

Am Abend schaute der Prinz die Eingangspost der letzten drei Tage durch, die er aus Kiel mitgebracht hatte.

›Königliche Hoheit brauchen doch nur ein Wort zu sagen …‹ Heinrich faltete die Bittschrift zusammen, legte sie auf den Erledigt-Haufen und zündete sich eine Zigarette an. Dann das nächste Schreiben: ›Er ist doch so ein guter Junge … wie geboren für die Marine … schwimmen wird er gewiss auch noch lernen …‹ Erledigt-Haufen.

»Was glauben die Leute eigentlich, wer ich bin?«, seufzte Heinrich durch blaue Nikotinwolken.

»Sie lieben dich«, antwortete Prinzessin Irene, während sie im Badezimmer mit einer feinen Bürste Zahnpulver auf ihrer Prothese verrieb.

»Dann sollen sie mich in Ruhe lassen mit ihren aus der Bahn geraten Zöglingen. Die glauben, dass die Marine es am Ende richten wird, wenn sie ihre Jungs nicht ordentlich erzogen haben. Und ich soll alle bei uns aufnehmen. Aber so viele Schiffe haben wir gar nicht. Und vor allem: Wir sind keine Erziehungsanstalt!« Der Prinz drückte die Zigarette aus, stand von seinem Schreibtisch auf und schaute durchs Fenster auf den vom Mondschein gestreichelten Hemmelmarker See. Das Prinzenpaar hatte sich entschlossen, übers Wochenende in Hemmelmark zu bleiben. In Kiel zu residieren und zu repräsentieren, würde Montag noch früh genug sein. Dann ging der Prinz ins Badezimmer, wo die Prinzessin nach wie vor mit ihrer Zahnprothese beschäftigt war, schaute in den Spiegel und sah einen 50-jährigen Mann mit blasser Haut, leicht rötlichen Haaren und einem Vollbart, der gepflegt und kurz, aber gerade noch lang genug war, um jede Mimik dahinter zu verbergen. Nur die melancholisch blickenden Augen konnte der Bart nicht verdecken. Heinrich hatte seit frühester Jugend versucht, einen strengen Blick einzuüben, einen so strengen Blick, dass man ihn selbst dahinter nicht sehen konnte. Es war ihm nie gelungen.

»Sie lieben dich, mehr, viel mehr, als sie Willy lieben. Sie schreiben Bücher über dich und erzählen sich Geschichten von deinen Abenteuern auf hoher See. Und sie vertrauen dir. Und wenn sie verzweifelt sind, bitten sie dich um Hilfe, fast so wie sie zu Gott beten. Was ist daran falsch?«

»Ich bin nicht Gott und ich bin nicht der Kaiser. Und ich werde es nie werden und ich will es auch nicht sein. Sie sollen aufhören damit.« Der Prinz zog seine Hose runter und setzte sich aufs Klo. Das war in der wilhelminischen Zeit für einen Mann eine überaus bemerkenswerte Weise des Urinierens. Heinrich hätte es in der Öffentlichkeit nie zugegeben, wie wohl auch kaum ein anderer Mann in jener Zeit es zugegeben hätte. Die Dunkelziffer dürfte aber enorm gewesen sein. Ein Urinal hätte Abhilfe geschaffen und es hätte durchaus in das auch ansonsten mit jedem erdenklichen Luxus und allen technischen Finessen ausgestattete Badezimmer gepasst. Von kalt und warm fließendem Wasser über den beleuchteten Rasierspiegel bis hin zu einem von der Zentralheizung gespeisten Handtuchwärmer, alles war da, auch ein Bidet war installiert, nur eben ein Urinal nicht. Heinrich hatte bei der Planung des Badezimmers zwar mit dem Gedanken gespielt und – entsprechend seinem technischen Erfindergeist – sogar erste Zeichnungen für die Entwicklung einer Spülvorrichtung angefertigt. Er verzichtete aber schließlich darauf, weil ihm der Gedanke, ein Zimmermädchen müsse das Urinal reinigen, zu peinlich war. Natürlich reinigte das Mädchen auch das Wasserklosett und sie brachte die dreckige Wäsche weg, aber das war etwas anderes.

»Du bist auf jeden Fall ein hervorragender Staatsmann.« Irene versuchte, den betrübten Heinrich wieder aufzurichten. »Deine USA-Reise, ein diplomatischer Erfolg. Deine Japan-Reise, ein Erfolg. Immer wenn es heikel wird, dann schickt Willy dich vor, weil du die Leute versöhnen kannst, wo er nur wieder einen Krieg anzetteln würde.«

»Willy hat noch nie einen Krieg angezettelt!«, empörte sich Heinrich, der kaisertreue Kaiserbruder. »Er war noch nicht einmal an einem richtigen Krieg beteiligt, in all den vielen Jahren seiner Herrschaft. Da musst du lange suchen, bis du einen zweiten Monarchen findest, der so sehr für den Frieden steht wie er.«

»Weil er dich hat, nur weil er dich hat. Seine eigenen Reden hören sich da ganz anders an.«

»Ich bin zu den Menschen nett, damit sie mir nichts tun. Und zu ihm sind die Menschen nett, damit er ihnen nichts tut. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden«, melancholisierte der Prinz, erhob sich vom Klo und spülte.

»Er hat dich immer benutzt, aber gedankt hat er es dir nie.« Die Prinzessin wusch ihre Zahnprothese unter warmem Wasser ab. »Sogar dass wir in Kiel leben – verstehe mich nicht falsch, ich wohne gerne dort – aber er hat uns hingeschickt und wir hatten keine Wahl.«

»Ich bitte dich, meine Liebe! Ich wollte immer zur Marine und ich wollte immer ans Meer. Willy hat mir nur meinen Wunsch erfüllt.«

»Das sehe ich anders«, konterte Irene kaum verständlich, während sie ihre Prothese wieder an den restlichen Zähnen festklammerte. »Er hat dich hier gebraucht. Hätte er dich woanders gebraucht, würden wir dort leben.«

Heinrich erwiderte nichts. Er wusste, dass Irene nicht ganz unrecht hatte, und entschloss sich, das Thema zu beenden. Es kam ihm gerade recht, dass Irene eine Tube aus einer Schublade neben dem Waschbecken kramte.

»Schau mal hier, ›Tanagra‹. Ein neue Paste zum Abbürsten der Zähne. Mit Fluoridzusätzen. Das soll die Zähne vor Löchern schützen.«

»Zu spät für dich, meine Liebe«, antwortete der Prinz.

Irene lamentierte jetzt über Zahnschmerzen und Zahnarztschmerzen, zwischen denen sie streng unterschied, und über die Beschwerlichkeiten, die mit dem Tragen von Zahnprothesen verbunden waren.

Heinrich hörte nicht mehr zu. Er dachte an früher, als alles noch einfacher gewesen war. Aber das war es gar nicht, es war nur noch nicht so endgültig gewesen. Es war viel schwerer gewesen, aber es hatte Hoffnung gegeben.

Es war schon viele Jahre her. Sie hatte dagesessen, ein zuckender Haufen Traurigkeit. Und Enttäuschung. Und Schmerz. Heinrich stand vor ihr, seiner Mutter, und empfand Verachtung. Und auch ein wenig Mitleid.

Willy hatte die gemeinsame Mutter, die damalige Kronprinzessin Victoria in jenen Jahren nur noch verächtlich ›die englische Prinzessin‹ genannt und er war nicht von der Überzeugung abzubringen, dass sie ihren Einfluss bei Hof nur dazu benutzte, Deutschland zu schaden und der englischen Hegemonie zu unterwerfen. Immerhin war sie das erste Kind der britischen Königin Victoria, sie wurde sogar nach ihr benannt, und da hatte sie sich geopfert, den deutschen Thronfolger zu heiraten, den liebestollen, großherzigen, vertrauensseligen Jammerlappen Friedrich von Preußen. Das war Willys Meinung über seine Eltern. Man schrieb das Jahr 1888. Der alte Kaiser Wilhelm lag im Sterben und dem Thronfolger Prinz Friedrich ging es nur wenig besser. Es war das Drei-Kaiser-Jahr.

»Friedrich soll zugunsten von Willy auf den Thron verzichten?« Victorias Stimme war schwach und drohte mehrmals in ein Fiepen abzurutschen. Sie konnte kaum glauben, mit welcher Rücksichtslosigkeit Heinrich Wilhelms Forderungen vortrug.

»Er ist todkrank, Mama. Er ist nicht in der Lage zu regieren«, erwiderte Heinrich. »Er kann ja nicht einmal mehr sprechen.«

»Die Einschätzung, ob dein Vater gesundheitlich in der Lage ist, das Reich zu regieren, solltest du ihm überlassen.«

»Ich kann es ihm nicht überlassen, denn du bevormundest ihn. Und wenn es dir nur ein klein wenig um Vaters Wohl ginge, dann würdest du ihn nicht mit der Regierungslast quälen. Und du würdest ihn nicht deinen jüdischen Quacksalbern überlassen, sondern ihn zu richtigen deutschen Ärzten bringen!«

»Ich verbiete dir, so mit mir zu sprechen!«

Heinrich holte tief Luft. Jedes Wort, das er sprach, schmerzte auch ihn. Aber er musste. Er hielt es für seine Pflicht. »Es geht um das Schicksal Deutschlands und nicht um die Selbsteinschätzung eines alten Mannes.«

»Es geht darum, dass ihr eurem Vater das Herz brecht. Und es geht auch darum, dass ihr liberale Reformen verhindern und Deutschland ins Mittelalter zurückführen wollt und damit allenfalls eine Revolution heraufbeschwören werdet.« Für Victoria war Wilhelm nur eine Wetterfahne der antienglischen, antijüdischen, absolutistischen, militaristischen und reaktionären Strömungen am Kaiserlichen Hof. Und Heinrich war für sie ein dummer Papagei, der bei seinem Bruder auf der Schulter saß und seine Worte nachplapperte.

»Diese Humanitätsduselei und das ganze liberale Affengeschwätz, das ist undeutsch. Das passt nicht zu uns.«

»Ich passe nicht zu euch, wolltest du sagen, nicht?«

Nach kurzem Zögern holte Heinrich einen versiegelten Umschlag aus seiner Aktentasche. »Liebe Mama, ich habe hier ein Schreiben von Willy an Vater. Beigefügt ist die beglaubigte Abschrift einer Vollmacht. Unser lieber Großvater, der Kaiser, hat Willy zu seinem Stellvertreter bei den Staatsgeschäften bestimmt, soweit er selbst dazu nicht in der Lage ist. Dem eigenem Bekunden unseres geliebten Großvaters zufolge ist dieser Zustand jetzt eingetreten. Nach Auffassung der Ärzte wird sich der Zustand bis zu seinem Tod nicht mehr bessern. Wilhelm hat daher die Regierungsgeschäfte übernommen. Nach dem bald zu befürchtenden Tod des Kaisers werden wir weitersehen.«

II. Kapitel

August Randsdorf kickte einen Kieselstein weg, der auf seinem Weg lag. Für sein Leben gern hatte er Fußball gespielt – obwohl es eine englische, also wesensmäßig undeutsche Fußlümmelei war – doch jetzt blieb ihm nur der Kiesel. Sein Verein war Holstein Kiel, einer der erfolgreichsten Fußballvereine im ganzen Reich.

Randsdorf war zu alt, um in der ersten Mannschaft mitzuspielen. Seit er vor ein paar Jahren vom Baugerüst gestürzt war, schmerzte die linke Hüfte bei Belastung und er musste auch die Seniorenmannschaft verlassen. Halb so schlimm, Fußball war sowieso eher ein bürgerlicher Sport. Richtige Arbeiter waren in den Arbeiterturnvereinen aktiv. Sie übten sich in Bodenturnen, im Hindernislauf und manchmal auch im Feldhandball. Doch ein Arbeiter, der Fußball spielte, handelte klassenwidrig und musste mit Anfeindungen aus den eigenen Reihen rechnen. Jetzt war es für Randsdorf aber endgültig vorbei mit dem aktiven Fußball und was blieb, waren die Sonntage in den Zuschauerrängen und der Kiesel auf dem Weg.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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