Beschreibung

Als ihr Mann Rüdiger sie verlässt, bricht für Roxanne eine Welt zusammen. In ihrem Schmerz ist sie nahezu handlungsunfähig und vernachlässigt sich und ihre 8-jährige Tochter Jennifer. Da holt ihr Vater, Alfred Konrads, sie zu sich nach Hause und versucht, sie wieder aufzubauen. Jennifer vermisst ihren Vater und leidet sehr unter den neuen Verhältnissen, die sie sich nicht erklären kann... Caroline von Birk stand am Fenster des Wohnzimmers und beobachtete mit einem schmerzlichen Lächeln ihre beiden Enkelkinder, die draußen unbeschwert herumtollten, Rachel, sieben Jahre, mit langen schwarzen Zöpfen und die fünfjährige Pola, ein kleines zierliches Mädchen mit kurzem schwarzem Lockenhaar. Ein Jahr war nun schon vergangen seit jenem schrecklichen Tag. Nicole und ihr Mann Achim waren mit dem Wagen unterwegs gewesen. Ihre Tochter hatte hinter dem Lenkrad gesessen, als ein Lastwagen ausscherte und den Wagen rammte. Während Nicole sofort tot war, wurde Achim mit leichteren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Nach seiner Genesung hatte Achim die Stadt verlassen und seine beiden Mädchen in ihrer Obhut gelassen. Seitdem arbeitete er im Ausland. Hin und wieder kam eine Karte, regelmäßig aber Geld für Unterhalt und Kleidung der Mädchen. Das war alles, was Caroline von Birk von ihrem Schwiegersohn hörte. So war es jedenfalls bis vor zwei Monaten gewesen. Seitdem fehlte jedes Lebenszeichen von ihm. Alles hätte für Caroline von Birk viel einfacher und leichter sein können, denn sie hatte noch eine Tochter, Samantha. Aber mit Samantha, das war eine sehr komplizierte Sache. Vor über sieben Jahren hatten sich Nicole und Samantha beide in Achim Degersen, einen jungen Mann aus ihrem Freundeskreis, verliebt. Zu­nächst hatte alles danach ausgesehen, als würde aus Samantha und Achim ein Paar. Samantha, die jüngere und stillere ihrer beiden Töchter, war überglücklich. Doch irgendwie hatte es Nicole, die robustere und lebenslustigere, geschafft, daß sich Achim ihr zuwandte und sie schließlich geheiratet hatte. Daraufhin war Samantha von daheim fortgegangen. Sie hatte es Nicole nie verziehen, daß sie ihr den geliebten Mann fortgenommen hatte. Alles Bitten Carolines, Samantha solle doch wieder nach Hause kommen, half nicht.

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Seitenzahl: 140


Kinderärztin Dr. Martens – 66 –

Die Kinder der Schwester

Sie hatten einen schweren Verlust erlitten

Britta Frey

Caroline von Birk stand am Fenster des Wohnzimmers und beobachtete mit einem schmerzlichen Lächeln ihre beiden Enkelkinder, die draußen unbeschwert herumtollten, Rachel, sieben Jahre, mit langen schwarzen Zöpfen und die fünfjährige Pola, ein kleines zierliches Mädchen mit kurzem schwarzem Lockenhaar.

Ein Jahr war nun schon vergangen seit jenem schrecklichen Tag. Nicole und ihr Mann Achim waren mit dem Wagen unterwegs gewesen. Ihre Tochter hatte hinter dem Lenkrad gesessen, als ein Lastwagen ausscherte und den Wagen rammte. Während Nicole sofort tot war, wurde Achim mit leichteren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Nach seiner Genesung hatte Achim die Stadt verlassen und seine beiden Mädchen in ihrer Obhut gelassen. Seitdem arbeitete er im Ausland. Hin und wieder kam eine Karte, regelmäßig aber Geld für Unterhalt und Kleidung der Mädchen. Das war alles, was Caroline von Birk von ihrem Schwiegersohn hörte. So war es jedenfalls bis vor zwei Monaten gewesen. Seitdem fehlte jedes Lebenszeichen von ihm.

Alles hätte für Caroline von Birk viel einfacher und leichter sein können, denn sie hatte noch eine Tochter, Samantha. Aber mit Samantha, das war eine sehr komplizierte Sache.

Vor über sieben Jahren hatten sich Nicole und Samantha beide in Achim Degersen, einen jungen Mann aus ihrem Freundeskreis, verliebt. Zu­nächst hatte alles danach ausgesehen, als würde aus Samantha und Achim ein Paar. Samantha, die jüngere und stillere ihrer beiden Töchter, war überglücklich. Doch irgendwie hatte es Nicole, die robustere und lebenslustigere, geschafft, daß sich Achim ihr zuwandte und sie schließlich geheiratet hatte. Daraufhin war Samantha von daheim fortgegangen. Sie hatte es Nicole nie verziehen, daß sie ihr den geliebten Mann fortgenommen hatte. Alles Bitten Carolines, Samantha solle doch wieder nach Hause kommen, half nicht. Zwar gab es die ganzen Jahre regelmäßige Lebenszeichen, und sie vergaß auch die verschiedenen Feiertage nicht, doch blieb sie ihrem Elternhaus fern, in dem auch Nicole mit ihrem Mann und den Kindern lebte. Das einzige Mal in gut sieben Jahren war sie zur Beisetzung Nicoles vor einem Jahr gekommen. Doch schon einen Tag später war Samantha wieder abgereist und hatte sich seitdem auch nicht mehr bei der Mutter gemeldet.

Es machte die ältere Dame traurig, denn gerade jetzt benötigte sie so dringend ihre Tochter. Die Kinder konnten doch nichts dafür, daß zwischen ihrer Mutter und deren Schwester, die sie nur einmal gesehen hatten, Feindschaft bestanden hatte. Unwillkürlich griff sich Caroline an die Brust, denn das schmerzhafte Ziehen wollte einfach nicht aufhören. Meine Tabletten, ich muß unbedingt noch eine Tablette nehmen und mich einen Moment hinlegen, dachte sie und setzte ihr Vorhaben sofort in die Tat um.

Ein kleines Mädchen mit langen Zöpfen stürmte ins Zimmer und rief mit heller Stimme: »Omi, Omi, die Pola und ich haben Hunger. Haste noch Plätzchen oder Schokolade für uns?«

Mit warmer Stimme antwortete sie: »Soso, ihr habt also Hunger auf Plätzchen und Schokolade. Dann hol mal rasch deine kleine Schwester herein, ich werde nachsehen, ob ich noch etwas Süßes für euch im Haus habe.«

*

Es war einen Tag später. Während die beiden Mädchen in ihrem Zimmer spielten, setzte Caroline von Birk noch einmal ein Schreiben an ihre Tochter Samantha auf, in dem sie sie bat, doch dringend nach Hause zu kommen. Während eines kleinen Spazierganges, den sie wenig später mit den Enkelkindern unternahm, fragte sie sich, ob sie wohl auf dieses Schreiben eine Antwort erhalten würde.

Caroline stellte sich diese Frage nicht zu Unrecht, denn schon eine Woche später geschah, wovor sie sich schon lange gefürchtet hatte.

Rachel spielte mit Pola friedlich im Kinderzimmer. Es war kurz vor dem Abendessen. Plötzlich schreckten beide Mädchen durch heftiges Poltern aus dem Wohnzimmer zusammen.

»Hat die Omi einen Stuhl umgeworfen, Rachel? Pola hat Angst.«

»Ist bestimmt was runtergefallen, Pola. Komm mit nach unten, wir fragen die Omi einfach.«

Als die beiden Mädchen dann die Küche betraten, sahen sie ihre geliebte Omi auf dem Fußboden liegen.

»Omi, Omi, was ist denn passiert? Biste hingefallen?« Mit ängstlicher Stimme rüttelte Rachel an der Schulter der Oma.

Mühsam öffnete Caroline ihre Augen und flüsterte mit fremder Stimme: »Hol rasch die Frau Köhler von nebenan, Rachel. Bitte, Kind, beeile dich.«

»Ja, Omi, ich laufe ganz schnell. Pola, du bleibst hier bei der Omi, damit sie sich nicht noch einmal weh tut.«

Im nächsten Augenblick lief das Mädchen aus dem Haus und hinüber zum Nachbarhaus, wo es heftig an der Haustür klingelte.

Frau Anni Köhler, eine ältere Frau, öffnete.

»Ja, Rachel, was ist denn los, warum hast du es denn so eilig?« fragte sie überrascht.

»Meine Omi, Frau Köhler, komm schnell, meine Omi ist umgefallen und hat sich weh getan. Nun komm doch schon endlich.«

»Ist ja schon gut, Mädchen. Lauf schon mal rüber, ich hole nur schnell meine Haustürschlüssel und komme sofort nach.«

Rachel stürmte wieder los, und nur wenige Augenblicke später folgte Anni Köhler dem kleinen Mädchen zum Nachbarhaus.

Mit einem Blick übersah sie die Situation. Da sie durch Gespräche mit Caroline von Birk wußte, daß diese schon seit längerer Zeit Schwierigkeiten mit dem Herzen hatte, griff sie, ohne lange zu überlegen, zum Telefon und rief den Notarztwagen des Celler Krankenhauses.

Rachel und die kleine Pola starrten mit ängstlichen Blicken auf ihre noch immer auf dem Boden liegende Omi. Anni Köhler hatte Mitleid mit beiden und sagte: »Hier könnt ihr im Augenblick nichts machen. Geht ruhig in euer Zimmer hinauf, bis der Doktor kommt, ich bleibe so lange bei eurer Omi.«

Gehorsam gingen beide Mädchen aus der Küche und nach oben ins Kinderzimmer.

Anni Köhler nahm ein paar Stuhlkissen und schob sie ihrer Nachbarin behutsam unter den Kopf. Da diese mit geschlossenen Augen mühsam nach Atem rang, wartete Anni Köhler voller Sorge auf den Notarztwagen. Es vergingen keine zehn Minuten, bis sich endlich ein Wagen mit eingeschaltetem Martinshorn näherte.

Kurz darauf schlug die Türglocke an, und ein Arzt, dem zwei Sanitäter mit einer Trage folgten, kam ins Haus, als sie öffnete.

Während der Arzt Caroline von Birk untersuchte, eine Spritze aufzog und danach noch eine Infusion anlegte, hielt sich Anni Köhler im Hintergrund.

Erst nachdem die Sanitäter Caroline von Birk auf eine Trage gebettet hatten, fragte sie den Arzt mit belegter Stimme: »Was fehlt Frau von Birk, Herr Doktor? Muß sie ins Krankenhaus?«

»Sind Sie eine Familienangehörige?« Fragend sah der Arzt sie an.

»Nein, ich bin nur die Nachbarin. Da sind aber noch die beiden Kinder. Sie sind oben im Kinderzimmer.«

»Und sonst sind keine Angehörigen da? Wie alt sind denn die Kinder?«

»Andere Angehörige sind nicht da. Der Vater der Kinder arbeitet im Ausland, die Mutter ist vor einem Jahr gestorben. Die beiden Mädchen sind sieben und fünf Jahre alt. Was ist denn jetzt mit Frau von Birk?«

»Frau von Birk hat einen schweren Herzanfall erlitten, und ein Aufenthalt im Krankenhaus ist leider unvermeidlich. Die Kinder sind also im Moment völlig allein?«

»Ja, ich sagte es doch bereits.«

»Können Sie sich vielleicht heute abend und morgen vormittag um die Kinder kümmern? Wir informieren das Jugendamt, das sich dann vorübergehend der Kinder annehmen wird. Es wird wohl das Beste für die beiden sein, denn es wird einige Zeit dauern, bis Frau von Birk wieder nach Hause kann.«

Anni Köhler überlegte nicht lange. Für einen Abend und den nächsten Vormittag konnte sie sich schon um die Kinder kümmern. So sagte sie: »Fahren Sie ruhig, Herr Doktor. Ich kümmere mich bis morgen um die Mädchen. Ich nehme sie für die Nacht mit zu mir hinüber und schließe hier alles ab. Für ein oder zwei Nächte wird es schon gehen.«

»Gut, es ist in Ordnung, Frau Köhler, ich gebe dem Jugendamt Bescheid. Man wird sich dann um die Kinder kümmern, bis die Großmutter wieder gesund ist.«

Nachdem der Wagen mit Caroline von Birk weg war, ging Anni Köhler ins Kinderzimmer hinauf.

»Wo ist denn die Oma, Tante Köhler?« wollte die kleine Pola wissen.

»Eure Oma ist ganz schlimm krank. Ich nehme euch erst einmal mit zu mir hinüber. Rachel, du bist ja schon groß. Pack ein paar Sachen und Schlafzeug in eine Tasche, damit wir in meine Wohnung gehen können.«

»Und unsere Omi? Wir können sie doch nicht allein lassen, wenn sie so krank ist. Ich will erst einmal zu meiner Omi.«

Rachel wollte eilig das Zimmer verlassen, doch Anni Köhler hielt sie sanft am Arm fest und sagte: »Nun sei mal schön vernünftig, Mädchen. Weißt du, der Doktor hat deine Omi ins Krankenhaus gebracht. Dort muß sie eine Weile bleiben. Ich habe doch schon gesagt, daß ich euch mit zu mir nehme, da könnt ihr in der kommenden Nacht schlafen. Ihr seid noch zu klein, um allein hier im Haus zu bleiben. Jetzt zeigt ihr mir, wo eure Sachen sind, damit ich euch rasch etwas einpacken kann, das geht schneller.«

»Ich will aber hierbleiben, ich will nicht weg.« Nun begann die kleine Pola zu weinen.

Tröstend legte Anni Köhler einen Arm um die Fünfjährige und sagte tröstend: »Nicht traurig sein, Schätzchen. Es dauert bestimmt nur ein paar Tage, dann ist eure Omi wieder bei euch zu Hause.«

Wenige Minuten später verließ Anni Köhler mit den beiden Mädchen das Haus, schloß es ab und ging mit ihnen in ihre Wohnung.

Als die beiden Mädchen am Abend endlich schliefen, sagte Anni Köhlers Mann: »Wie stellst du dir das vor, Anni? Willst du wirklich die Verantwortung für die Kinder übernehmen? Wer weiß, wie lange Frau von Birk im Krankenhaus bleibt. Mir gefällt es nicht, fremde Kinder im Haus zu haben.«

»Geh, Kurt, reg dich nicht auf. Es ist doch nur bis morgen früh oder spätestens morgen mittag. Erstens kann man die Kinder nicht sich selbst überlassen, und zweitens haben die armen Dinger schon genug mitgemacht. Man muß doch ein Herz haben. Mich würde interessieren, wo der Vater der beiden Mädchen ist. Außerdem ist da auch noch die Samantha, die jüngere Tochter. Wenn ich nur wüßte, wo sie sich aufhält, dann könnte man ihr Bescheid geben. Wenn die vom Jugend­amt kommen und die Kinder abholen und sie in ein Heim stecken, gefällt mir das auch nicht. Die Mädchen können einem schon leid tun.«

»Daran können wir nichts ändern. Für heute nacht haben sie ja eine Bleibe. Ich denke, für uns wird es jetzt auch Zeit. Du kannst ja Frau von Birk nach der Anschrift von Samantha fragen, sobald du sie im Krankenhaus besuchen darfst. Jetzt laß uns zu Bett gehen.«

*

Gegen Mittag des nächsten Tages ließ der Leiter des Jugendamtes Elke Jünte, eine der Sozialarbeiterinnen, zu sich kommen.

»Ich habe hier einen Auftrag für Sie, Frau Jünte. Es geht um zwei Kinder, die von ihrer Großmutter betreut werden, die jedoch gestern mit einer Herzgeschichte ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Der einweisende Arzt hat uns davon unterrichtet, daß die Kinder, es handelt sich um zwei Mädchen, für die Nacht bei einer Nachbarin untergekommen sind. Kümmern Sie sich umgehend um die Sache. Wenn inzwischen keine Angehörigen aufgetaucht sind, bringen Sie die Mädchen zunächst ins Kinderheim ›Haus Maria‹. Bis es der Großmutter der Kinder bessergeht, sind sie dort hervorragend untergebracht. Sie sind ja mit diesen Vorgängen vertraut und werden an Ort und Stelle die richtige Entscheidung treffen. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Name und Anschrift habe ich hier notiert.«

Elke Jünte, eine energische junge Frau von zweiunddreißig Jahren, nahm die Notizen entgegen und verließ danach das Jugendamt, um ihren Auftrag auszuführen.

Es war eine hübsche Gegend am Stadtrand von Celle, in der sich die Siedlung mit den Eigenheimen und Anliegerhäuschen befand, sehr sauber und gepflegt.

Als Elke bei der vom Amt angegebenen Adresse, einer Familie Köhler, klingelte, öffnete eine ältere Frau die Tür. Freundlich sagte sie: »Guten Tag. Sie wünschen bitte?«

»Guten Tag, bin ich hier richtig bei der Familie Köhler?«

»Ja, ich bin Anni Köhler. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich komme vom städtischen Jugendamt, mein Name ist Jünte. Es geht um die Enkelkinder einer Frau von Birk.«

»Bitte, treten Sie doch ein, Frau Jünte. Im Augenblick spielen die beiden Mädchen hinten im Garten.« Anni Köhler führte die Besucherin in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und fragte: »Soll ich die Mädchen sofort holen, Frau Jünte?«

Elke Jünte schüttelte den Kopf und antwortete: »Das hat noch Zeit, Frau Köhler. Ich möchte mich zuerst ein paar Minuten mit Ihnen allein unterhalten. Es sind da so einige Fragen zu klären. Zuerst wüßte ich gern, ob hier in der Nähe Angehörige von Frau von Birk leben. Ist Ihnen darüber etwas bekannt?«

Anni Köhler informierte die Beamtin über alles, was sie über die Familie von Birk wußte und schloß mit den Worten: »Wenn es anders gewesen wäre, hätte ich die beiden Mädchen wohl kaum zu mir genommen. Ich würde die Kinder gern weiter betreuen, doch erstens bin ich auch nicht mehr die Jüngste, und dann ist es auch nicht so einfach, die Verantwortung für zwei fremde Kinder zu übernehmen. Mir tun die beiden Mädchen leid. Es ist eine traurige Sache. Aber was kann man da machen? Sobald Frau von Birk Besuch empfangen darf, werde ich sie nach der Anschrift der jüngeren Tochter fragen, damit ich mich dann mit ihr in Verbindung setzen kann. Was wird nun aus den beiden Mädchen?«

»So wie die Dinge liegen, werde ich sie wohl vorübergehend in einem Kinderheim unterbringen, damit sie versorgt werden. Ich werde mit den Kindern reden und versuchen, es ihnen so behutsam wie möglich beizubringen.«

Was für reizende Mädchen, mußte Elke Jünte denken, als Rachel und Pola wenige Minuten später zögernd hinter Anni Köhler das Wohnzimmer betraten und sie ängstlich ansahen.

»Guten Tag, ihr beiden, ich bin Frau Jünte.«

»Guten Tag, Frau Jünte«, sagte Rachel und reichte Elke ihre Hand. Pola dagegen versteckte ihre Hände hinter ihrem Rücken und wich einen Schritt zurück.

»Willst du mir nicht auch guten Tag sagen, Kleine? Ich tu dir doch nichts.« Mit einem weichen Lächeln fuhr Elke der Fünfjährigen über den schwarzen Lockenkopf.

Nun erst streckte die Kleine ihr zögernd eine Hand entgegen und sagte leise: »Guten Tag.«

»Willst du mir nicht deinen Namen sagen? Ich möchte ihn gern wissen.«

»Bin doch die Pola, und das ist die Rachel«, sagte die Kleine und zeigte auf ihre größere Schwester.

»Soso, Rachel und Pola. Das sind aber zwei sehr hübsche Namen. Jetzt setzt euch mal beide hin, ich muß nämlich mit euch reden.« Mit einem aufmunternden Lächeln sah Elke die beiden Mädchen an, die sich gehorsam nebeneinander auf die Couch setzten und sie schweigend ansahen.

Behutsam begann die junge Beamtin: »Ihr wißt ja beide, daß eure Oma so krank ist, daß man sie ins Krankenhaus bringen mußte. Es ist jetzt so, daß sie eine ganze Weile dort bleiben muß. Es wird auch noch etwas dauern, bis ihr eure Oma besuchen könnt. Versteht ihr mich? Du bist doch schon ein großes und vernünftiges Mädchen, Rachel.«

»Ich will aber nicht vernünftig sein, ich will zu meiner Omi. Vati ist nicht da, und wir sind sonst ganz allein«, kam es trotzig über Rachels Lippen.

»Ich weiß, Rachel, und gerade darum bin ich heute gekommen. Ihr seid zwei kleine Mädchen, die nicht allein bleiben können. Ihr könnt aber auch nicht für längere Zeit bei Frau Köhler bleiben. Frau Köhler bekommt selbst Besuch und hat dann für euch keinen Platz mehr. Ich bringe euch heute in ein Haus, wo ganz viele Kinder sind. Ihr werdet dort so lange bleiben, bis eure Oma wieder ganz gesund ist und ihr wieder nach Hause könnt. Es wird euch dort ganz bestimmt sehr gut gefallen. Es ist ein sehr nettes Kinderheim am Rande der Stadt.«

»Nein.«

Mit einem Satz sprang Rachel auf und starrte Elke Jünte mit funkelnden Augen an.

»Ich will in kein Kinderheim, ich gehe nicht in ein Kinderheim. Unsere Omi hat nichts davon gesagt. Ich will mit Pola bei uns zu Hause auf unsere Omi warten. In ein Heim kommen doch nur böse und ungezogene Kinder. Wir haben aber doch nichts Böses getan. Sie können ruhig wieder gehen. Pola und ich, wir bleiben bei Frau Köhler. Wir dürfen doch, nicht wahr, Frau Köhler? Wir brauchen auch ganz bestimmt nur ganz wenig Platz. Bitte, bitte, Frau Köhler.« Hilfesuchend sah Rachel Anni Köhler an, während sich Pola ängstlich an ihren Arm klammerte.

Anni Köhler sah betreten zur Seite. Was sollte sie auf die bettelnden Blicke antworten?

Sie hatte ja nicht allein zu entscheiden. Ihr Mann wollte es nicht, er war nun mal dagegen.

Rachel schien zu fühlen, was in diesem Augenblick in den Erwachsenen vor sich ging. Maßlos enttäuscht nahm sie ihre kleine Schwester an die Hand und sagte traurig: »Komm, Pola, wir müssen wohl mit Frau Jünte mitgehen. Frau Köhler kann uns nicht brauchen. Ich lasse dich aber ganz bestimmt nicht allein. Ich verspreche es dir.«

Die Hand der kleinen Pola festhaltend, sagte Rachel mit zitternder Stimme: »Wir können jetzt fahren. Bringen Sie uns in das Kinderheim.«

So leid Elke Jünte die beiden Mädchen taten, sie durfte sich ihr Mitleid nicht anmerken lassen. Es war auch so schon schwer genug, diese Kinder in ein Kinderheim zu bringen.

*