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In "Kindertodtenlieder" stellt Friedrich Rückert eine zutiefst bewegende Sammlung von Gedichten vor, in der er den unermesslichen Verlust von Kindern thematisiert. Durch einen eindringlichen und lyrischen Stil verarbeitet Rückert seine eigene Trauer um den Tod seiner Kinder und schafft so ein eindrucksvolles Werk, das zwischen Elegie und Reflexion pendelt. Der poetische Ausdruck ist reichhaltig und nuanciert, geprägt von einer melancholischen Schönheit, die das gesamte Werk durchzieht. Die Verbindung von persönlichem Schmerz und universeller Trauer verleiht den Gedichten einen zeitlosen Charakter, der die Leser bis heute berührt. Friedrich Rückert (1788-1866) war nicht nur ein bedeutender Lyriker, sondern auch ein herausragender Orientalist, der viel über die kulturellen und gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit nachdachte. Die tiefen Wurzeln seines Schmerzes, in dem er seine Kindheitserfahrungen und den Verlust nahestehender Menschen verarbeitet, haben maßgeblich zur Entstehung der "Kindertodtenlieder" beigetragen. Rückerts universelles Verstehen von Trauer und Verlust spiegelt sich in seiner Sprache wider, die sowohl philosophisch als auch zutiefst menschlich ist. Dieses Buch ist eine eindringliche Empfehlung für jeden, der sich mit den Themen Verlust und Trauer auseinandersetzt. Rückerts Gedichte laden dazu ein, über das eigene Verhältnis zum Leben und Sterben nachzudenken. In einer Zeit, in der die Themen des Verlusts oft tabuisiert werden, bieten die "Kindertodtenlieder" einen wertvollen Zugang zu tiefen emotionalen Wahrheiten und bereichern das Verständnis für die menschliche Erfahrung der Trauer. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Werksammlung führt in Friedrich Rückerts Kindertodtenlieder ein, einen umfangreichen lyrischen Kosmos, der aus der persönlichen Trauer um zwei früh verstorbene Kinder erwachsen ist. Die Gedichte entstanden in kurzer Folge und bilden zusammen keine fortlaufende Erzählung, sondern einen vielstimmigen Zyklus der Erinnerung und des Abschieds. Ziel dieser Ausgabe ist es, die überlieferten Stücke in ihrer Fülle und Bandbreite zugänglich zu machen und einen verlässlichen Lesetext bereitzustellen. Die Sammlung lädt dazu ein, die innere Bewegung dieser Dichtung nachzuvollziehen: vom ersten Schock des Verlustes über Ringen und Widerrede bis zu tastenden Momenten der Beruhigung.
Die vertretenen Textsorten sind durchweg Gedichte, doch Rückert nutzt darin ein breites Spektrum lyrischer Formen. Neben liedhaften, volksnahen Strophen stehen elegische Klagen, epigrammatische Sprüche, epistolare Anreden, gelegentliche Parabel- und Fabelanklänge sowie Gebet- und Bittformen. Häusliche Szenen, Jahreszeiten- und Naturbilder, Traumberichte, Fest- und Gedenkgedichte, Krankheits- und Sterbemotive entfalten jeweils eigene Tonlagen. Dadurch werden die Gedichte zugleich intim und exemplarisch: Sie sprechen aus der Perspektive eines Vaters, greifen aber auf allgemein verständliche Muster des Sagens, Erinnerns und Beschwörens zurück. Die Vielfalt der Formen spiegelt die Schwankungen der Trauer und eröffnet unterschiedliche Zugänge.
Thematisch kreisen die Gedichte um die Grundfragen von Verlust, Liebe, Erinnerung und Hoffnung. Immer wieder kontrastiert Rückert das Schweigen des Todes mit dem Drang, im Wort die Nähe zu bewahren. Häufig steht die Natur als Spiegel der inneren Bewegung: Winter und erstarrte Landschaft stehen für Starre und Entzug, Frühling und Blüte für Regung, Trost und Verwandlung. Leitmotive wie Licht und Dunkel, Schlaf und Erwachen, Haus und Welt, Wasser, Wind und Wetter verbinden Einzelstücke zu größeren Sinnbögen. Der religiöse Horizont bleibt offen und fragend; tröstende Bilder werden erprobt, aber nicht vorschnell behauptet.
Stilistisch verbindet Rückert schlichte, volksliednahe Diktion mit hoher Kunst der Form. Regelmäßige Strophen, klangvolle Reime, Anaphern und refrainartige Wiederholungen geben Halt, während direkte Anrede, rhetorische Fragen und Binnenkontraste seelische Erregung hörbar machen. Die Bildwelt reicht von Rosen, Lilien und Sternen bis zu Alltagsgegenständen des Hauses; so begegnen sich Intimität und Weite. Charakteristisch ist das tastende Fortschreiben: Motive werden variiert, gewendet, neu beleuchtet. Die Sprache sucht dem Unaussprechlichen nahzukommen, ohne es zu überformen, und gewinnt gerade aus der Beschränkung eine eindringliche, nachhaltige Wirkung.
Die Anordnung der Gedichte folgt erkennbaren thematischen Feldern: Szenen der Krankheit und des Abschieds, häusliche und jahreszeitliche Bilder, Natur- und Blumengedichte, Briefform und Gedenkstücke, spätere Rückblicke. Weil Rückert selbst keine autorisierte Buchfassung veröffentlicht hat, nähert sich die Gliederung dem inneren Verlauf der Texte, ohne biografische Chronologie zu behaupten. Wiederkehrende Motivreihen erlauben Querbezüge: vom Krankenzimmer in die winterliche Stille, weiter zu Frühlingszeichen und zu leisen Versuchen der Versöhnung. So entsteht ein Lesepfad, der das Nebeneinander von Erschütterung, Erinnerung und langsamer Verwandlung nachvollziehbar macht.
Die anhaltende Bedeutung der Kindertodtenlieder liegt in ihrer unvergleichlichen Verdichtung elterlicher Trauer und in ihrer sprachlichen Formkraft. Sie haben das kulturelle Sprechen über Verlust geprägt und wirken bis in Musik und Literaturgeschichte hinein; ein kleiner Teil wurde später von Gustav Mahler vertont und einem breiten Publikum bekannt. Zugleich bleibt die Dichtung ein Maßstab für taktvoll reflektierte Klage: persönlich, aber nicht privatistisch; anspruchsvoll, doch zugänglich. Für die Forschung bieten die Gedichte reiche Zugänge zu Themen wie Trauerarbeit, Erinnerungskultur, Symbolik der Natur und poetische Ethik des Trostes.
Diese Ausgabe lädt dazu ein, die Gedichte sowohl in ruhigen Einzelbegegnungen als auch in zusammenhängenden Lesegängen zu erschließen. Wer langsam liest, hört, wie Stimmen, Bilder und Motive einander antworten. Die historische Sprachgestalt gehört zur Wirkung; gelegentliche Archaismen tragen den Ton der Zeit. Titel und Gruppierungen dienen der Orientierung, ohne Interpretationen vorwegzunehmen. So entsteht Raum für eigene Resonanzen, für leises Mitsprechen und für die Erfahrung, dass Sprache Leid nicht aufhebt, aber trägt. In diesem Sinne versteht sich die Sammlung als behutsame Öffnung eines Werkraums, der Trost als Bewegung, nicht als Resultat, begreift.
Friedrich Rückerts Sammlung Kindertodtenlieder entstand aus einer biografischen Katastrophe: Im Dezember 1833 und Januar 1834 starben ihm in Neuses bei Coburg zwei Kinder, Luise und Ernst, wohl an Scharlach. Innerhalb weniger Monate verfasste der 1788 in Schweinfurt geborene Gelehrte über vierhundert Gedichte, die er nicht zur Veröffentlichung bestimmt hatte. Die später in Bücher gegliederten Folgen bilden eine seelische Chronologie zwischen Erstarrung und vorsichtigem Trost. Sie verbinden häusliche Szenen, jahreszeitliche Bilder und religiös-philosophische Reflexionen zu einem dichten Trauerjournal. Damit stehen sie im Zeichen einer bürgerlichen Erinnerungskultur, die das private Leid literarisch fasste, ohne es in Öffentlichkeit auszuhandeln.
Der historische Hintergrund ist von hoher Kindersterblichkeit geprägt. Vor der Einführung moderner Hygiene und Antibiotika forderten Infektionskrankheiten wie Scharlach, Diphtherie oder Keuchhusten in den deutschen Staaten der 1830er Jahre zahllose Opfer. Die Kindheitskultur des Biedermeier legte Wert auf Hausandacht, Pflege und Ritual: Sterbebett, Totenkleid, Leichenzug und Glockengeläut strukturierten den Abschied. Zahlreiche Gedichte greifen genau diese Realität auf, von der Wahl des Totenkleidchens bis zur schlichten Kirchhofsszene. Rückert protokolliert medizinische Ohnmacht, seelische Erschütterung und soziale Konvention. Er entwirft so ein dokumentarisches Panorama privater Trauer, das zugleich allgemeine Erfahrungen einer vulnerablen, kinderreichen Gesellschaft abbildet.
Literarisch gehören die Gedichte zur bürgerlichen Innerlichkeitskultur zwischen Restauration und Vormärz. Nach den politischen Aufwallungen des frühen 19. Jahrhunderts, an denen Rückert mit patriotischen Sonetten teilgenommen hatte, verlagerte sich sein Akzent auf das Häusliche. Censur und die diskrete Öffentlichkeit des Salons begünstigten die Pflege des leisen Tons. Die Kindertodtenlieder nutzen diese Sphäre als geschützten Resonanzraum. Sie sprechen die väterliche Rolle im Haus an, reflektieren Rollenbilder von Mutter und Vater und stellen die Familie als moralische Einheit dar. Damit entsprechen sie dem Biedermeier-Ideal der Tugend im Kleinen, ohne die Wucht des Verlusts zu verharmlosen.
Formell schließen die Texte an das Volkslied und die geistliche Liedtradition an, die seit Herders Sammlungen und den Kompositionen Schuberts und Schumanns als Inbegriff des schlichten Ausdrucks galten. Trochäische oder jambische Takte, Strophenlieder, Refrains und Parallelismen erleichtern Memorieren und Hausvortrag. Wiederkehrende Naturmetaphorik – Rosen, Lilien, Frühling, Winter, Mondlicht – knüpft an einen kollektiven Symbolhaushalt an. Zugleich erscheinen konkrete Gegenstände des Alltags: Bettchen, Spielsachen, Gartenwege. Aus dieser Verbindung entsteht eine poetische Dokumentation des Trauerhaushalts, die die intime Szene exemplarisch macht und über Einzelschicksal und Datum hinaus eine überzeitliche Lesbarkeit und tröstliche Wiedererkennbarkeit herstellt.
Rückerts Sprachwelt speist sich zugleich aus seiner orientalistischen Gelehrsamkeit. Als Professor in Erlangen und produktiver Übersetzer persischer, arabischer und indischer Dichtung – man denke an Östliche Rosen – verfügte er über reiches Bildinventar von Garten, Nachtigall, Schleier und Duft. Diese Bildfelder verschmelzen mit christlicher Frömmigkeit und aufklärerischer Vernunftskepsis. So entstehen Trostbewegungen, die zwischen mystischer Einbettung und nüchterner Selbstbeobachtung oszillieren. Anglophone Einflüsse des romantischen Naturempfindens – angedeutet etwa im Motiv des immergrünen Holly-Tree – treten hinzu. Die Sammlung bündelt somit transkulturelle Resonanzen, ohne den konkreten Schmerz eines fränkischen Elternhauses zu relativieren.
Die Orte und Akteure der Entstehung sind klar umrissen. Rückert lebte mit seiner Frau Luise Wiethaus-Fischer und den Kindern im Haus in Neuses bei Coburg, pendelte dienstlich nach Erlangen und korrespondierte mit Freunden aus dem gelehrten Milieu. Im Kalender des Familienlebens markieren kirchliche Feste wie Weihnachten und Neujahr, aber auch Schulbeginn oder Winterkälte, die Stationen des Trauerns. Der Text spricht den Vater, die Mutter, ja das Hauspersonal an und zeigt das Trauerritual als Gemeinschaftspraxis. So wird das Private zum Kristallisationspunkt eines breiteren bürgerlichen Selbstverständnisses im nördlichen Bayern der 1830er Jahre.
Zu Lebzeiten blieb der Zyklus ungedruckt; erst in den frühen 1870er Jahren gaben Familie und Herausgeber ihn aus dem Nachlass frei. Die Reichsgründung von 1871, der Krieg gegen Frankreich und neue Verluste schufen ein Publikum, das für eine kultivierte Sprache der Trauer empfänglich war. Zeitgenössische Leserinnen und Leser priesen die Reinheit der Diktion und die Wahrhaftigkeit des Leidens, einige warnten vor sentimentaler Überhitzung. In Schul- und Hausanthologien fanden ausgewählte Stücke früh Verbreitung. Der Band traf damit eine Schnittstelle von privater Frömmigkeit, nationalem Selbstgefühl und bürgerlicher Etikette, die Beileid und Schweigen austarierte.
Prägend für die Nachgeschichte wurde Gustav Mahlers Vertonung einer Auswahl der Gedichte, komponiert 1901 bis 1904 und 1905 in Wien uraufgeführt, die die Sammlung in den Kanon der Moderne trug. Die Debatten um ästhetisierte Trauer und um die Zumutbarkeit solcher Musik an Trauernde spiegeln sich seither auch in der Lektüre Rückerts. Mit der Seltenheit früher Kindstode im 20. Jahrhundert verschob sich der Erfahrungsrahmen, doch die Texte blieben als Protokoll eines konkreten Vaterblicks wirksam. Die heute überlieferten Bücher mit ihren Themenfeldern – Krankheit, Haus, Natur, Kalender – sichern der Sammlung historische Verortung und dauernde Gegenwartsnähe.
Diese Gedichte setzen mit dem ersten Schock ein: der Sprechende ringt mit Unglauben, Leere und dem abrupten Verstummen des vertrauten Du. Der Ton ist aufgerissen, anrufend und kreist um die unfaßbare Abwesenheit im nun stummen Haus.
Die Grundkonstellation ist das direkte Anreden des verlorenen Kindes, als könne Sprache es zurückholen. Wiederkehrende Bilder sind Herz, Atem, Zimmer und das ausgelöschte Licht.
Der Blick richtet sich auf Anamnese, Heilversuche und die Unzulänglichkeit der Kunst am Bett des Kindes. Die Gedichte verknüpfen sachliche Beobachtung mit ohnmächtigem Protest gegen das Unabwendbare.
Der Ton schwankt zwischen nüchterner Bestandsaufnahme und anklagender Klage. Medizinische Termini werden zu Requisiten einer tragischen Szene, deren Ausgang sich früh abzeichnet.
Hier wechseln Gang, Ritual und Klang der Glocken zu leitenden Motiven. Das Gehen hinter dem Sarg, die Erde und der Kirchhof rahmen das individuelle Leid durch gesellschaftlich eingeübte Formen.
Der Ton ist feierlich und widerspenstig zugleich: das Ritual bietet Halt und bedrängt. Die Verse prüfen die Frage, ob Formen trösten oder nur den Verlust markieren.
Der Alltag nach dem Begräbnis wird zur Bühne der Erinnerung: Bettchen, Stühle und Wege bewahren Gesten und Stimmen. Hausarbeit, Wege und kleine Handgriffe zeigen die Lücke genauer als große Worte.
Der Ton ist leise, detailnah und beharrlich. Das Haus als Schauplatz macht aus Trauer eine Folge von Wiederbegegnungen mit dem Abwesenden.
Die Gedichte lassen Mutter und Vater in ihrer je eigenen Trauer sprechen und einander tragen. Ehegespräch und Elternrollen werden zu Orten, an denen Schmerz geteilt, gebrochen oder verfehlt wird.
Der Ton ist intim und tastend, mit Blick auf Fürsorge und Ohnmacht. Der Fokus liegt auf der Spannung zwischen gemeinsamer Erinnerung und individuellem Trauerweg.
Zwischen Schlaf und Wachen erscheinen die Kinder als Bild, Stimme oder Spur. Die Visionen sind tröstlich und schmerzlich zugleich, weil sie Nähe versprechen und das Erwachen sie entzieht.
Der Ton ist schwebend, oft in weichen, kreisenden Bewegungen geführt. Die Gedichte erforschen, wie Erinnerung sich in Traumlogik verwandelt.
Blumen werden zu Stellvertretern der Kinder: Knospe, Blüte und Verblühen spiegeln Werden und Vergehen. Der Garten ist Andachtsraum und Werkstatt des Gedenkens.
Der Ton ist zart, bildreich und emblematisch. Farbnamen, Düfte und Wachstumsphasen strukturieren die Meditation über Verlust und Bewahrung.
Der Zyklus liest im Kalender der Natur: Schnee, Tau, Morgenrot und Stürme codieren innere Wetterlagen. Wechsel von Kälte zu Tau und Licht skizzieren Takt und Rückschläge der Trauerarbeit.
Der Ton variiert zwischen herb und aufhellend. Wetterworte werden zu seismographischen Markern emotionaler Bewegung.
Die Naturwege bieten Rückzug und Prüfung: Gehen ordnet den Atem, ohne den Schmerz zu heilen. Wald und Flur sind Resonanzräume für Selbstgespräch und Zwiesprache mit den Toten.
Der Ton ist ruhig, schreitend und kontemplativ. Wegbilder öffnen die Frage nach Richtung und Fortgang.
Spielzeug, Kistchen und kleine Handarbeiten rufen Alltagsszenen der Kinder auf. Das Kleine trägt das Schwere: die zierlichen Dinge werden zu schwersten Gewichten der Erinnerung.
Der Ton ist liebevoll-ironisch bis wehmütig. Der Fokus liegt auf der Kostbarkeit des Nebensächlichen.
Feiertage, Jahreswechsel und Geburtstage konfrontieren mit der Lücke im Ritual. Der Kalender wird zur Mahnung wie zur möglichen Quelle des Trostes.
Der Ton schwankt zwischen Anklang an Festfreude und ihrem Nachhall im Schmerz. Der thematische Fokus liegt auf Erinnerungspflege durch wiederkehrende Tage.
Engel, Himmel und Gebet bieten Deutungsangebote, ohne das Diesseits zu verleugnen. Jenseitsbilder rahmen das Verlorene als aufgehoben und zugleich fern.
Der Ton ist andächtig und fragend. Die Gedichte balancieren Trosthoffnung mit dem Wissen um die Unstillbarkeit des Verlusts.
Der Sprecher prüft Begriffe, Paradoxien und Grenzfragen von Leben und Tod. Denken wird zur zweiten Bewegung der Trauer, die Gründe sucht und Grenzen anerkennt.
Der Ton ist reflektiert, manchmal aphoristisch. Die Argumente kreisen um Maß, Sinn und das Verhältnis von Glück und Verlust.
Die Lieder verhandeln das Umfeld: Anteilnahme, Floskeln und das Verstummen der anderen. Freunde, Nachbarn und Sitte erscheinen als Hilfe, Störung oder Spiegel.
Der Ton ist prüfend bis scharf. Im Zentrum steht die Frage, was Mitgefühl vermag und wo es versagt.
Hier wird der Schmerz zur Anklage gegen Brauch, Vernunftsprache und grausame Normalität. Der Sprecher widerspricht, polemisiert und bricht Rituale auf.
Der Ton ist vehement, zugespitzt und widerständig. Thematisch richtet sich der Blick auf gesellschaftliche und sprachliche Härten.
Wiederholungen, Zwillingsstücke und Refrains variieren einen Kernimpuls und nähren die Erinnerung. Formale Strenge und spielerische Koppelungen strukturieren das Schwanken der Gefühle.
Der Ton ist kreisend und kompositorisch bewusst. Die Variation macht den Zyklus als Ganzes erfahrbar und verhindert das Versanden einzelner Klagen.
Gegenstände halten Nähe fest: Haarlocke, Kleid, Bild und alltägliche Dinge werden zu Reliquien. An ihnen entzündet sich erzählende Erinnerung.
Der Ton ist hingewandt und ziseliert. Der Fokus liegt auf Berührung, Anschauen und der Frage, wie Materie das Lebendige birgt.
Dichten erscheint als Notwendigkeit und Mittel, den Schmerz zu formen. Die Texte reflektieren ihr eigenes Werden zwischen Zwang und Trost.
Der Ton ist selbstbeobachtend und nüchtern-zugewandt. Thematisch geht es um die Rolle der Sprache im Ertragen des Untragbaren.
Zeitmarken und kleine Vorwärtsbewegungen bilden eine leise Dramaturgie. Abschiede im Kleinen bereiten das große Hoffen vor.
Der Ton wird ruhiger, ohne zu beschönigen. Der Fokus liegt auf Rhythmus, Wiederkehr und der Möglichkeit eines späteren Zusammentreffens.
Manchmal dringt die laute Welt herein: Heerbilder, Straßen, Gewimmel kontrastieren die stille Innenwelt. Das Außen wird zum Prüfstein, ob der Schmerz anschlussfähig bleibt.
Der Ton ist distanziert bis kritisch. Thematisch wird die Verschiebung von privatem Leid in eine lärmende Öffentlichkeit befragt.
Ein innerer Bogen spiegelt sich im Naturjahr: Kälte, Erstarrung, Tau, Blüte. Hoffnung bleibt fragil und wird stets neu erarbeitet.
Der Ton moduliert von herb zu milder. Thematisch wird die Möglichkeit des Tragens durch Rhythmus statt Lösung erkundet.
Wiederkehrende Motive sind Haus und Bett, Blume und Wetter, Engel und Weg; stilistisch wechseln Aufschrei, Litanei und leise Bildrede. Die vielen Anreden an das Du halten Beziehung aktiv und verhindern museale Erstarrung.
Entwicklung zeigt sich weniger als Heilung denn als Verwandlung der Redeformen: vom eruptiven Ruf zur bildgebundenen, geduldigen Erinnerung. So entsteht ein Kosmos der Trauer, der Räume, Zeiten und Dinge miteinander verschaltet.
Der Liebe Leben ist schnell vollbracht[1q], Es keimet, es reift in einer Nacht; Frühmorgens erwacht, Noch eh du's gedacht, Hüpfts Kindlein frisch Durch Blütengebüsch, Und regt die Glieder Mit Macht, mit Macht. Kommts Abendroth, Ists Kindlein todt, Es legt sich nieder, Ersteht nicht wieder, Ist nimmer erwacht, Gute Nacht, gute Nacht! Dein Lauf ist vollbracht, Dein Grab ist gemacht, Gute Nacht, gute Nacht!
Erwach, o Licht des Gesanges[2q], O Licht der Erinnerung! Rings am Himmel ist banges Gewölk der Trauer genung.
Es soll in meinem Herzen Nicht auch noch finster seyn. Dazu in der Nacht hat man Kerzen, Wenn aus ist Sonnenschein.
Den Schein der Sonn' ersetzen, O Kerze, kannst du nicht; Doch kann das Auge sich letzen An keinem anderen Licht.
Ich zag' ums Herz, wie lang es Ist ohne Freudenschwung; Erwach, o Licht des Gesanges, O Licht der Beseligung!
Wach, holden Überschwanges, O Licht der Erinnerung, Bis ich beschwichtigten Dranges Schlaf ein in Dämmerung!
In meine häuslichen Lieder[3q], Das Tagebuch meiner Lust, Schrieb ich mit Freuden bewußt Nur Freudengewinnste nieder, Nie schrieb ich einen Verlust In meine häuslichen Lieder.
In meine häuslichen Lieder Schreib' ich nun euern Verlust. So hat sich schließen gemußt Die Rechnung! und wohl nicht wieder Schreib' ich sobald eine Lust In meine häuslichen Lieder.
Meine Klagen sollen lieblich wallen[4q], Den Kristallen gleich im Frühlingsbache, Die mit Ache hüpfen auf am Strande, Wo vom Rande sich zwei Blumen neigen Und mit Schweigen sich im heiterblauen Spiegel schauen, aber, eingeladen Sich zu baden, scheu zurück sich biegen, Und sich schmiegen, alsob sie sich schämen; Doch mit Grämen trüben ihren hellen Blick die Wellen, die vorüber müßen, Schmerzlich grüßen sie im Weitereilen, Möchten weilen, müßen doch entjagen.
Meine Klagen sollen lieblich wanken, Wie die Ranken sich am Boden dehnen, Auf sich sehnen nach der Lebensflamme, Nach dem Stamme, der zum Himmel steiget, Der sich neiget, wenn ihn rühren linde Frühlingswinde, doch die stolzen Glieder Hebt er wieder, ohne sich der armen Zu erbarmen, die umsonst sich mühen Aufzublühen, jede Luft benützen, Falsche Stützen, die sie nur erheben, Um mit Beben fallen sie zu lassen Auf den nassen Grund, wo sie verzagen.
Meine Klagen sollen lieblich stöhnen Gleich den Tönen holder Nachtigallen, Die vor allen, Rose, dich zu lieben Sind getrieben, und die Blumenschaaren Nicht gewahren, die zu den Gesängen Rings sich drängen, doch nur dir zum Preise Tönt die Weise: Ros' im Brautgemache Wach', erwache! Tritt vom Duft der Träume In die Räume, daß die rauhe Erde Lieblich werde, daß des Todes Bleiche Schamroth weiche, wenn mit Brautgesange Dir die Wange röthet unser Schlagen.
Was an dir des Tods Unbilden Frevelten, hat mit dem milden Zauberstab gerochen Poesie, die soviel Leben Dir bemüht ist zuzugeben, Als das Schicksal dir hat abgebrochen.
Armer Stab! ihm, der so wichtig Sich geberdend, ist so nichtig, Sei der Stab gebrochen! Frommen dir die Zauberweisen, Die dich in den Himmel preisen, Da der Tod dich hat ins Grab gesprochen?
Doch sie sollen dir nicht frommen, Sondern uns zu Gute kommen, Übers Grab gesprochen; Dir nicht sollen sie dein Leben, Sondern uns zurück es geben, Denn nur uns, nicht dir wards abgebrochen.
Hab' ich jetzt erst eingesehn, Was mir Schönstes lebte, Seit es mir gestorben ist? Nein, ich wußt' es lange.
Wollt' es nur nicht eingestehn, Weil vor dir ich bebte, Schicksal, das du neidisch bist Allem Überschwange.
Nun das Unglück ist geschehn, Und die Zierd' entschwebte, Nicht mehr deine Hinterlist Fürcht' ich nun, o Schlange.
Und im Liede soll es stehn, Daß ein Schönstes lebte Und mir leben jeder Frist Soll es im Gesange.
So kurz war euer Beider Leben, Von euch ist wenig zu berichten In Staats- und Zeit- und Weltgeschichten; Es muß, euch irgend zu erheben, Der Leichenstein so wie daneben Der Leichenprediger verzichten; Und nur der Liebe könnt ihr geben Stoff zu unendlichen Gedichten.
Ich fürcht', es war Entweihung Der stillen Häuslichkeit, Daß ich sie der Beschreiung Liebloser Welt geweiht; In manchem Lied, gedichtet Aus meiner Kinderwelt, Die wie ein Traum vernichtet Jetzt auseinander fällt.
Und recht als wie zum Hohne, Da sie zusammenbrach, Kommt an mit Sündenlohne Der neuste Almanach. Das Honorar, das reiche, Das man dem Vater gab, Reicht, um der liebsten Leiche Zu kaufen grad ein Grab.
Und hab' ich mich versündigt, Daß statt des Herzens Schlag Der Harfe Schlag verkündigt, Was mir am Herzen lag? Nicht hab' ich mich gerühmet, Doch hab' ich mich gefreut, Und mir den Pfad beblümet, Der mir nun Dornen beut.
Die allgemeine Sünde Der Dichtkunst war es nur, Zu decken auf die Gründe Der innersten Natur. Und wie die Lust erklungen Aus meiner Siedelei, Sei nun das Leid gesungen, Und ob es Sünde sei.
Im Verluste zu gewinnen, Ist ein schwieriges Beginnen, Und gelinget andern nie Als der Lieb' und Poesie.
Liebe läßt sich nichts entrinnen[6q], Hat nicht außen, sondern innen; Und das Nichts, sie weiß nicht wie, Macht zum Etwas Poesie.
Nicht dahin ist, was von hinnen, Bleibt im Sinn, nicht in den Sinnen; Fest auf ewig haltens die Beiden, Lieb' und Poesie.
Manches ist mir doch beschieden, Daß ich wohl zufrieden Dürfte sein, so viele Gaben, Die nicht viele haben, Unerschöpflich reiche Flüsse Eigenster Genüsse, Und nicht minder solche Leiden, Die mir würde neiden Wer, wie sie herzlieblich brennen, Könnte recht erkennen, Und wie sanft, wers könnte fühlen, Sie sich selber kühlen; Wie der Speer die Wunde heilet, Die er hat ertheilet, Wie die Aerzt' aus Bitterkeiten Arzeneyn bereiten, Und zur süßen Kost der Bienen Gräberblumen dienen.
