Kirche in der Euregio - Mathias Schoenen - E-Book

Kirche in der Euregio E-Book

Mathias Schoenen

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Beschreibung

Mathias Schoenen ist seit den frühen 1990er Jahren evangelischer Gemeindepfarrer in der westlichsten Kirchengemeinde Deutschlands. Seine praktische Erfahrung in der kirchlichen Zusammenarbeit im deutsch-belgisch-niederländischen Dreiländereck der Euregio Maas-Rhein führten ihn zu der Frage, inwieweit der Protestantismus auf der Ebene von Kirchengemeinden und kirchlicher Regionen als verbindendes Element zwischen den Nationen EU-Europas angesehen werden kann. In Zeiten, in denen die Fliehkräfte zwischen den Staaten der EU stärker werden, fragt der Autor nach dem grenzübergreifend Verbindenden, inhaltlich wie strukturell. Gehört die konfessionelle Identität zu dem, was Protestantinnen und Protestanten im grenznahen Raum zu einem nachbarschaftlichen Miteinander bewegt? Oder ist die kirchliche Prägung bis in die Gemeindeebene hinein so sehr nationalstaatlich bestimmt, dass das Gemeinsame unkenntlich wird? Am Beispiel einer Grenzregion zeigt der Autor in seiner praktisch-theologischen Untersuchung auf, dass gelebte Nachbarschaft grenzübergreifend möglich ist. Er gibt zugleich Hinweise auf dazu nötige, wünschenswerte und hinderliche Faktoren.

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Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mathias Schoenen

Kirche in der Euregio

Mathias Schoenen

 

Kirche in der Euregio

Das deutsch-niederländisch-belgische Dreiländereck als Praxisfeld kirchlichen Handelns

Tectum Verlag

Mathias Schoenen

Kirche in der Euregio. Das deutsch-niederländisch-belgische Dreiländereck als Praxisfeld kirchlichen Handelns

© Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018

Zugl. Univ. Diss., Wuppertal, 2016

ePub 978-3-8288-6892-2

(Dieses Werk ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4061-4 im Tectum Verlag erschienen.)

Umschlagabbildungen: Flagge ©https://europa.eu/european-union/sites/europaeu/files/docs/body/flag_yellow_high.jpg| Engel ©http://www.stadtarchiv-frechen.de/foerderverein/informationstafeln/die-geschichte-der-evangelischen-kirchengemeinde-in-frechen

Umschlaggestaltung: Heike Amthor, Fernwald

Satz und Layout: Heike Amthor, Fernwald

Alle Rechte vorbehalten

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www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.

Für Christiane

Inhalt

Vorwort

1 Annäherung an das Thema

1.1 Motivation zur Arbeit

1.2 Intention der Arbeit

1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veroffentlichungen

1.3.1 Europa und das Christentum

1.3.2 Europa und der Protestantismus

1.3.3 Protestantische und okumenische Institutionen in Europa

1.3.4 Fazit

1.4 Konzeption der Arbeit

2 Die Bedeutung Europas

2.1 Annaherung an den Begriff »Europa«

2.1.1 Sprachliche Annaherung

2.1.2 Geographische Annaherung

2.1.3 Kulturhistorische Annaherung – Eine Abkehr vom »christlichen Abendland« .

2.1.3.1 Europa und der Protestantismus. Eine aktuelle kulturhistorische Einordnung Europas aus nicht-theologischer Perspektive Nordamerikas

2.1.4 Politische Annaherung

2.1.4.1 Europa zwischen Verfassung und Grundlagenvertrag

2.1.5 Theologische Annaherung

2.1.5.1 Das Motiv der Verkundigung

2.1.5.2 Das Motiv der Versohnung

2.1.5.2.1 Pilgerweg des Vertrauens – Die Communaute von Taize als europaische Konkretion des Motivs der Versohnung

2.1.5.2.2 Versohnung mit den Volkern der Sowjetunion .

2.1.5.2.3 Der deutsch-belgische Bruderrat / Der deutsch-belgische Konvent

2.1.5.3 Das Motiv des Friedens

2.1.5.4 Die Situation von Migrantinnen und Migranten

2.2 Die Trennung von kirchlichem Handeln und Europa – Das Trennungsmodell

Exkurs: Ein ganz anderes Verhaltnis der Kirchen zu einem ganz anderen »Europa«

2.3 Die Vermischung kirchlichen und politischen Handelns im europaischen Einigungsprozess – Das Vermischungsmodell

2.3.1 Novalis – Eine religionspolitische Position der Fruhromantik

2.3.2 Die »Seele Europas«

2.3.3 Der Gottesbezug im Verfassungsentwurf

2.4 Verantwortung der Kirchen fur Europa – Das Mitwirkungsmodell

2.4.1 Der Protestantismus als Ferment im europaischen Einigungsprozess

3 Die Bedeutung der Grenze

3.1 Die Bedeutung der Grenze in der Geschichte

3.1.1 Aachen und Vaals

3.1.2 Sittard und der Selfkant

3.1.2.1 Nach 1815: Ein Pfarrer in zwei Staaten

3.1.2.2 Nach 1949: Eine Gemeinde in zwei Staaten

3.2 Die Bedeutung der Grenze fur das alltagliche Leben

3.2.1 Die Euregio Maas-Rhein

3.2.1.1 Der niederlandische Protestantismus

3.2.1.2 Der belgische Protestantismus

3.2.1.3 Der rheinische Protestantismus

3.3 Leben an der Grenze

3.3.1 Bindung an Gemeinde und Kirche

3.3.2 Grenzubergreifende Kirchenmitgliedschaft

4 Regionales und gemeindliches kirchliches Handeln in Europa im Referenzbereich der Euregio Maas-Rhein

4.1 Kirchliches Handeln als Nachbarn

4.2 Das Motiv des »Gemeinsamen Hauses«

4.3 Die Euregio-Pfarrstelle mit Sitz in Aachen

4.3.1 Euregionale Gemeindetage / Dreilandertage

4.3.2 Euregionale okumenische Konferenzen

4.3.3 Okumenische Plattform in der Euregio zur Asyl- und Fluchtlingspolitik

4.4 Statistische Erhebung grenzubergreifender Gemeindearbeit – Eine Umfrage

4.4.1 Erlauterungen zum Fragebogen

4.4.2 Auswertung der Umfrage

4.4.2.1 Auswertung fur den Kirchenkreis Aachen

4.4.2.2 Auswertung fur den Kirchenkreis Julich

4.4.2.3 Auswertung fur die Classis Limburg

4.4.2.4 Auswertung fur den Distrikt Luttich .

4.5 Querschnitt-Auswertung

4.5.1 Begegnungen zwischen Presbyterium und Kerkeraad

4.5.2 Gemeinsame Gottesdienste und Kanzeltausch

4.5.3 Seelsorge und Kasualpraxis

4.5.4 Gangelt – Sittard, ein Beispiel fur Gemeindenachbarschaft

4.6 Euregionale Zusammenarbeit als »Oase« und als »kirchlicher Ort«

5 Folgerungen

5.1 Folgerungen fur die Gemeindeebene

5.1.1 Strukturelle und personelle Voraussetzungen

5.1.2 Partnervereinbarungen

5.2 Folgerungen fur die regionale Ebene

5.2.1 Synodalbeauftragung

5.2.2 Projektbezogene Arbeit

5.2.3 Euregionale Bildung und Identitatsbildung

5.2.4 Wiedererrichtung der Euregio-Pfarrstelle

5.3 Folgerungen fur die uberregionale Ebene

Verzeichnis der Abkürzungen

Literaturverzeichnis

1. Nicht gedruckte und nicht veroffentlichte Quellen

2. Gedruckte und veroffentlichte Quellen

Verzeichnis der genutzten Internetquellen

Anhang

Verzeichnis der im Anhang beigefugten Dokumente

Vorwort

Die ersten Vorarbeiten der vorliegenden Schrift gehen zurück auf ein Studiensemester, das ich als Gemeindepfarrer im Wintersemester 2007 / 2008 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal / Bethel verbrachte. Schon bald merkte ich, dass mir diese Studienzeit den nötigen Abstand bot, meine bisherige Arbeit – wenigstens exemplarisch – reflektieren zu können. Insofern entstand mit dieser Untersuchung zugleich ein Dokument dieser Reflexion.

Als Schlagwort ist Europa seit Jahrzehnten in den Medien präsent, meinem Eindruck nach in den vergangenen Jahren zunehmend als Krisenherd. Als Pfarrer der westlichsten Kirchengemeinde Deutschlands, gelegen an der deutsch-niederländischen Grenze, bedeutet der Blick über den »Tellerrand« zugleich die Sicht über diese Grenze. Die Erfahrung als »Grenzgänger« bereichert mein Leben beruflich wie privat. Aus dieser Perspektive meines privaten und beruflichen Alltags heraus entdeckte ich im Detail »Europa« in vielerlei Hinsicht neu. Die Grundfragen der folgenden Darstellung stellten sich damit fast automatisch: Was ergibt sich aus dieser Grenzlage für eine Kirchengemeinde, einen Kirchenkreis? Welche Bedeutung kann Europa aus dieser Perspektive heraus für kirchliches Handeln über Grenzen hinweg gewinnen?

Diese Arbeit nahm ihren Anfang kurz vor dem Beginn der sogenannten Euro-Krise. Sie endet inmitten der sogenannten Flüchtlings-Krise. Mir war im Fortgang meiner Studien zunehmend bewusst, dass ich mit der Wahl des Themas, dass ja stets im Kontext aktueller Entwicklungen stand, irgendwann einen Schlussstrich ziehen müsste. Meine Arbeit endet und die Entwicklung in Europa und über die Grenzen Europas hinaus schreitet voran. Dieses wird gegenwärtig an der Diskussion um die Flüchtlingsfrage deutlich.

Im Frühjahr 2015 hatte ich inhaltlich meine Untersuchungen abgeschlossen. Obwohl gerade die Situation von Migrantinnen und Migranten im Duktus dieser Untersuchungen Berücksichtigung findet, so ist seitdem die Entwicklung angesichts der zunehmenden Zahl an schutzsuchenden Menschen in Europa und speziell in Deutschland dramatisch fortgeschritten. Das konnte die Arbeit nun nicht mehr berücksichtigen und damit auch nicht die Bedeutung der Kirchen und Kirchengemeinden mit ihren Einrichtungen und den vielen ehrenamtlich Engagierten. Binnen weniger Monate vernetzen sich Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinden, um Deutschkurse zu organisieren, um Kleiderkammern aufzubauen, um in Alltagsfragen, bei Arztbesuchen oder Behördengängen den Geflohenen zur Seite zu stehen. Zugleich intensiviert sich die Anfeindung dieser Arbeit nicht nur vom sogenannten rechten Rand der Gesellschaft. Diese Entwicklung kann hier also nur im Rahmen eines Vorworts angemerkt werden. Insofern versteht sich diese Arbeit als Momentaufnahme, als »Kind seiner Zeit«, als notwendig unvollendet. Das mag ihrem Aussagegehalt dennoch nichts nehmen.

Dass diese Arbeit »im Pfarramt« zu einem Ende kommen konnte, habe ich der intensiven und interessierten Begleitung einiger Mitmenschen zu verdanken. Ihnen bin ich zu Dank verpflichtet.

Mein herzlicher Dank gilt Herrn Prof. em. Dr. Günter Ruddat, der mich ermutigt hat, diese Arbeit zu beginnen. Sein Interesse am Thema und seine fachliche und zugleich fürsorgliche Begleitung haben mir erst den Weg zu dieser Dissertation gewiesen. Seine Rückmeldungen und Anfragen eröffneten mir inhaltlich neue Räume und erweiterten so den Horizont meiner Reflexion.

Danken möchte ich zugleich Herrn Prof. Dr. Reiner Knieling, der sich bereit erklärte, als zweiter Gutachter diese Arbeit zu begleiten. Seine Voten im Rahmen der Praktisch-Theologischen Sozietät an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal / Bethel zu vorgetragenen Zwischenschritten auf dem Weg zum vorliegenden Ergebnis haben mich weitergebracht.

Dem Presbyterium der Kirchengemeinde Gangelt, Selfkant, Waldfeucht sage ich Dank dafür, dass es mir diese Studienzeit und damit die Initialzündung zu meiner Dissertation ermöglicht hat.

Mein Dank gilt in gleicher Weise dem Superintendenten des Kirchenkreises Jülich, Pfarrer Jens Sannig, der mein Vorhaben von Anfang an wohlwollend unterstützt hat.

Dem ehemaligen Inhaber der Euregio-Pfarrstelle, Pfarrer Helmut Aston, danke ich für seine langjährige Begleitung, die weit über die Zeit seines Dienstes in der Euregio hinaus geht. Ebenso danke ich Pfarrer Frank-Dieter Fischbach, dem Koordinator des deutsch-belgischen Konvents und Executive Secretary of Church and Society der KEK für die Einblicke, die er mir in seine Tätigkeit auf europäischer Ebene gewährt hat. Pfarrer i. R. Pierre van Can danke ich für seine freundliche Übersetzungshilfe ins Niederländische.

Herrn Dr. Horst Sassin und Herrn Dr. Klaus Walter habe ich Dank zu sagen für ihre frühe Durchsicht meines Arbeitsentwurfs. Die Gespräche mit ihnen haben mir wichtige Impulse für den Fortgang meiner Überlegungen gegeben. Herrn Hans-Jürgen Dausend habe ich zu danken für seine hilfreichen Hinweise in allen Computertechnischen Fragen. Pfarrerin Cordula Trauner hat mich in der Vorbereitung auf mein Rigorosum mit ihrer theologischen Kompetenz unterstützt und mit ihrem Humor motiviert, wofür ich ihr sehr danke.

Meiner Frau, Christiane Schoenen, schulde ich den größten Dank. Ohne Ihre Begleitung wäre dieses Projekt nicht zustande gekommen. Sie hat mir – wo immer es ging – den Rücken frei gehalten und mich – wenn immer es nötig war – ermutigt, neben meinen Aufgaben in Gemeinde und Kirche am Fortgang der Arbeit festzuhalten. Im Rückblick scheint sie mir oft neben meinem Doktorvater die einzige gewesen zu sein, die daran glaubte, dass ich dieses Werk zu Ende bringen würde. Ihre Urlaubspläne hat sie dafür allzu oft zurückgestellt.

Gangelt im September 2017

Mathias Schoenen

 

»Denn die Christen unterscheiden sich nicht durch Land, Sprache oder Sitten von den übrigen Menschen. (…) Sie bewohnen das eigene Vaterland, aber wie Beisassen. Sie nehmen an allem teil wie Bürger und alles ertragen sie wie Fremde. Jede Fremde ist ihr Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde.«

Schrift an Diognet1

»Anglus hostis est Gallo, nec ob aliud, nisi quod Gallus est.Scoto Britannus infensus est, nec aliam ob rem, nisi quod Scotus est.Germanus cum Franco dissidet, Hispanus cum utroque.O pravitatem (…)

Separabet olim Rhenus Gallum a Germano, at Rhenus non separat Christianum a Christiano. Pyrenaei montes Hispanos a Gallis sejungunt, at iidem non dirimunt Eccesiae communionem.«

Erasmus von Rotterdam2

»Frage: Was ist des Christen Vaterland?

Antwort: Die Welt, diese Erde, die gute Schöpfung Gottes.

Frage: Was hält der Christ von der Teilung des Menschengeschlechtes in Rassen, Klassen, Nationen?

Antwort: Gar nichts.

Denn er ist Weltbürger, Gegner alles Provinziellen, weil er teilhat an der Gemeinschaft des ungeteilten Leibes Jesu Christi.«

Peter Beier3

1 Schrift an Diognet: in: Schriften des Urchristentums (SUC), Zweiter Teil, Didache, Barnabasbrief, Zweiter Klemensbrief, Schrift an Diognet, hg. von Klaus Wengst, Darmstadt 1984, 281 – 348, Übersetzung 319. Vgl. andere Übersetzung, in: Seele der Welt: Texte von Christen der ersten Jahrhunderte. Ausgewählt in Taizé, Freiburg / Breisgau 2001, 11 f.

2 Erasmus von Rotterdam: Querela Pacis undique gentium ejectae profligataeque – Die Klage des Friedens, der von allen Völkern verstoßen und vernichtet wurde, in: Ders.: Ausgewählte Schriften, Ausgabe in 8 Bänden, Lateinisch-Deutsch, hg. von Werner Welzig, 5. Bd., Darmstadt 1968, 359 – 451, Zitat: 428 und 430.»Der Engländer ist der Feind der Franzosen, aus keinem anderen Grunde, als weil er Franzose ist. Der Schotte ist dem Briten feind, aus keinem anderen Grund, als weil er Schotte ist. Der Deutsche ist dem Franzosen feind, der Spanier beiden. O Verkehrtheit! (…) Einst trennte der Rhein den Franzosen von dem Deutschen, aber der Rhein trennt nicht Christen von Christen. Die Pyrenäen trennen die Spanier von den Franzosen, aber sie heben nicht die Gemeinschaft der Kirche auf.« Übersetzung ebd., 429 u. 431.

3 Beier, Peter: Deutsche Identität – Identität der Deutschen, in: Ders.: Kirche ist anders. Anrede / Aufruf / Zeugnis, Neukirchen-Vluyn 1990, 105.

1 Annäherung an das Thema

Das einleitende Kapitel dieser Arbeit gibt zuerst Auskunft über die Motivation des Autors, die ihn zu dieser Untersuchung veranlasst hat. Es klärt zweitens darüber auf, welche Intention der Arbeit zu Grunde liegt. Damit sind zugleich ihr Ziel und ihre Grenzen angezeigt. In einem dritten Schritt geht das Eingangskapitel auf den Stand der Forschung ein. Daran will die folgende Untersuchung anknüpfen. Indem sie den Stand der Forschung in einem Dreischritt nachvollzieht – in der Verhältnisbestimmung Europas zum Christentum, zum Protestantismus und darin zu protestantischen Institutionen, kommt es zu einer ersten inhaltlichen Darstellung, die dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand voran geht. Letztlich führt ein vierter Abschnitt in die Konzeption der vorliegenden Arbeit ein.

Diese Untersuchung ist – wie jede Arbeit, die im Titel das Wort »Europa« trägt – zeitgebunden. Denn sowohl der europäische Einigungsprozess in all seinen Facetten – angefangen bei Fragen der inneren Konsolidierung bis hin zu Fragen der zukünftigen Erweiterung – wie auch die Beziehung protestantischer Kirchen zu diesem Europa unterliegen der Dynamik historischer wie politischer Prozesse. Galt der europäische Einigungsprozess noch vor wenigen Jahren nach dem Scheitern des europäischen Verfassungsentwurfes durch die ablehnenden Volksentscheide in Frankreich und in den Niederlanden als in der Krise befindlich, so keimte mit der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages im Dezember 2007 in Lissabon neuer Optimismus für den Fortgang der EU auf. Der Beginn dieser Arbeit im Spätherbst des Jahres 2007 wurde zeitlich geprägt von diesem politischen Neuanfang.

In dieser Phase suchte die EU ihre Position zu finden in der weiterhin ungelösten und sich daher zuspitzenden Frage des Status des Kosovo im Verhältnis zu Serbien und Albanien. Immerhin hat die EU – und nicht mehr die NATO – hier militärisch Position bezogen. Die Erweiterung des Schengen-Raumes um Polen, die Staaten des Baltikums und Ungarn war gerade abgeschlossen. Die Osterweiterung der EU hatte damit Fortschritte gemacht. Die Frage weiterer Erweiterungen – insbesondere um die Türkei – ist seit Jahrzehnten ein Streitpunkt. In der praktischen Ausführung haben Verhandlungen begonnen. Das Verhältnis der EU zu Russland war und bleibt getrübt durch die umstrittene Frage der Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien und impliziert nicht gelöste Fragen, wie die Energieversorgung Mittel- und Westeuropas durch russisches Gas. Die Frage der Osterweiterung der EU unter Einbeziehung weiterer ehemaliger Staaten der Sowjetunion – etwa der Ukraine – liegt noch in ferner Zukunft. Schon diese bruchstückhafte Aufzählung macht deutlich, dass die vorliegende Untersuchung wegen ihrer zeitlichen Gebundenheit keine apodiktische Aussagekraft beanspruchen kann und will.

Es gilt, diesen Kontext als Herausforderung für kirchliches Handeln zu begreifen. Denn auch dieses findet stets »in der Zeit« statt. So dokumentiert die vorliegende Arbeit zunächst, inwieweit Europa auf gemeindlicher und regionaler Ebene in den Blick kirchlichen Handelns gerät. Sie will zugleich Prognosen und Folgerungen für kirchliches Handeln wagen. Darauf weist der ursprüngliche Untertitel der Promotionsarbeit »Europa als grenzüberschreitendes Praxisfeld kirchlichen Handelns auf regionaler und gemeindlicher Ebene am Beispiel der Euregio im deutsch-niederländisch-belgischen Länderdreieck«.Insofern ist sie letztlich praktisch-theologisch ausgerichtet. Schließlich verfolgt diese Untersuchung das Forschungsziel, praktische Konsequenzen aus dieser Momentaufnahme für zukünftiges kirchliches Handeln zu ziehen.

1.1 Motivation zur Arbeit

Motivation als Beweggrund des eigenen Handelns, Nachdenkens und Forschens kann nur persönlich formuliert werden. »Europa als Praxisfeld kirchlichen Handelns« lässt sich für mich seit Übernahme meines Dienstes als Pfarrer in der westlichsten evangelischen Kirchengemeinde der Bundesrepublik Deutschland als ein Leitgedanke4 meines kirchlichen Handelns bezeichnen.

Zu Dreivierteln ist die Grenze dieser Gemeinde zugleich Staatsgrenze zu den Niederlanden. Anfang der 1990er Jahre bedeutete das noch, die Zollstationen im Schritttempo zu passieren. Belgien liegt – durch die limburgische »Wespentaille« getrennt – nur sechs Kilometer entfernt.

Am 14. Juni 1985 unterzeichneten Vertreter aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg auf einem Moseldampfer im luxemburgischen Ort Schengen ein Abkommen, das den freien Personenverkehr an den Binnengrenzen der Unterzeichnerstaaten regeln sollte. In den Folgejahren traten mit Ausnahme von Großbritannien und Irland alle EU-Staaten diesem Abkommen bei. Es wurde sogar auf die Nicht-EU-Staaten Norwegen und Island ausgedehnt. Nach der EU-Osterweiterung gilt das Schengen-Abkommen seit dem 21. Dezember 2007 auch für Slowenien, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Polen sowie die baltischen Staaten.5 Das Jahr 1990 ließ in der Euregio Rhein-Maas die Grenze auch als Zoll-Hürde fallen, wie zwölf Jahre später die Hürde der Währungsschranke durch die Einführung des Euro.

Der westlichste Teil »meiner« Kirchengemeinde Gangelt, Selfkant, Waldfeucht stand in Folge des Zweiten Weltkrieges bis 1963 politisch unter niederländischer Verwaltung. Kirchlicherseits wurde dieses Gebiet weiterhin von deutscher Seite aus betreut.6

Diese Grenzlage bestimmte und bestimmt nicht allein die alltäglichen Belange. Sie provozierte zuerst auch mein historisches Interesse durch die Frage, wie Protestantinnen und Protestanten in dieser Grenzsituation – zumal in der Diaspora des linken Niederrheins bzw. des Maaslandes – gemeindliches Leben aufgebaut haben.7 Im Zuge meiner Nachforschungen stieß ich auf den Sittarder (NL) Pfarrer Gustav Hoefer, der nach dem Wiener Kongress im 2. Viertel des 19. Jahrhunderts die Saeffelener (D) Gemeinde seelsorglich betreute. Sittard gehörte bis 1815 zum Herzogtum Jülich und wurde in Folge der Grenzziehung zwischen den Königreichen der Niederlande und Preußens »einen Kanonenschuß östlich der Maas« niederländisch.8

Bis ins Jahr 1888 war dort das deutschsprachige Gesangbuch in Gebrauch9, und bis in unsere Zeit zeigt das Kirchenfenster der alten Hervormde Kerk in Sittard das Jülicher Wappen.

Diese kirchliche Situation legte es im wahrsten Sinne des Wortes nahe, den Kontakt zu den niederländischen evangelischen Nachbarn zu suchen. In Person des Pfarrers Ferdinand Borger begegnete mir ein etwa gleichaltriger Amtskollege, mit dem ich die jeweilige Situation unserer Gemeinden, ihrer Geschichte, Struktur und vor allem ihrer Menschen diskutierte.

1995 planten wir eine gemeinsame Form der 40-jährigen Wiederkehr des »Befreiungstages« der Niederlande am 4. / 5. Mai sowie des allgemeinen Kriegsendes am 8. Mai. Es kam zum ersten Kanzeltausch zwischen Sittard und Gangelt – damals noch predigten Borger und ich jeweils in der eigenen Muttersprache im Vaterland des anderen. Zwischenzeitlich hatte sich dieses in Zusammenarbeit mit dem Nachfolger Borgers, Pfarrer Joachim Stegink, gewandelt. Einmal im Jahr feierte der niederländische Pfarrer auf Deutsch den Gottesdienst in Gangelt, der deutsche Pfarrer auf Niederländisch den Gottesdienst in Sittard – mit der jeweils gültigen Liturgie. Presbyterium bzw. Kirchenrat waren in gemeinsamen Sitzungen in diesen Nachbarschaftsprozess eingebunden.

Meine Motivation zu dieser Arbeit steht neben diesem gemeindlichen Standbein auf einem zweiten. 1992 wurde in Kooperation der Kirchenkreise Aachen, Jülich, Krefeld-Viersen und Gladbach-Neuss, des Landeskirchenamtes der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Classis Limburg der Protestantischen Kirche in den Niederlanden (PKN) sowie des Distrikts Lüttich der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien (VPKB) die Euregio-Pfarrstelle mit Sitz in Aachen eingerichtet. Geographisch umfasste diese Pfarrstelle das Gebiet der Euregio Rhein-Maas-Nord sowie das Gebiet der Euregio Maas-Rhein.10 Im Sprachgebrauch der vorliegenden Untersuchung bezieht sich der Begriff »Euregio« auf den Geltungsbereich des südlichen Teils der Euregio-Pfarrstelle, der Euregio Maas-Rhein, da sich eine Kontinuität der Zusammenarbeit auch nach Beendigung der Pfarrstelle nachweisen lässt.

Als Vertreter des Kirchenkreises Jülich habe ich über elf Jahre im Kuratorium der Euregio-Pfarrstelle deren Arbeit fachlich begleitet. In dieser Phase durfte ich Menschen, Gemeinden und Institutionen im Dreiländereck Belgien – Deutschland – Niederlande kennen lernen. Ich habe erfahren, wie auf kleinstem Raum evangelische Gemeinden unter völlig unterschiedlichen Bedingungen leben konnten und können. Ich habe gelernt, wie gut und wie wichtig es hier ist, dass Christinnen und Christen unterschiedlicher Provenienz die kirchliche Wirklichkeit ihrer unmittelbaren Nachbarn jenseits einer Staatsgrenze kennen lernen und vermitteln können.

Zusammen mit dem ersten Stelleninhaber, Pfarrer Helmut Aston, habe ich schließlich die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle, die nach 5-jähriger Tätigkeit von Pastor im Sonderdienst Dr. Markus Coeleveld im September 2007 zu einem Ende gekommen ist, dokumentiert.11 Diese Erfahrung aus der Region, gepaart mit der Ebene gemeindlichen Handelns, motiviert mich, »Europa als Praxisfeld kirchlichen Handelns« in wissenschaftlicher Hinsicht zu beleuchten. Vor diesem Hintergrund beschränkt sich diese Untersuchung auf das grenzübergreifende kirchliche Handeln, soweit es der evangelisch-protestantischen Konfessionsfamilie zuzuordnen ist12. Dabei liegt mir daran, die Perspektive der Kirchengemeinde und der regionalen Ebene zum Zentrum meiner Untersuchung zu machen. Dieses scheint mir gerade vor diesem Hintergrund wichtig, da sich die meisten Veröffentlichungen im Zusammenhang von Kirche und Europa auf die Ebene europäischer Institutionen bzw. kirchlicher Institutionen auf europäischer Ebene beziehen. Wenn aber Europa ein Europa der Bürgerinnen und Bürger sein soll13 und wenn Kirche »Kirche bei den Menschen« sein will, so halte ich es für unverzichtbar, gerade das kirchliche Handeln im Hinblick auf den uns alle mehr und mehr bestimmenden Themen- und Lebenskomplex »Europa« auf der Ebene der Kirchengemeinde und der sie umgebenden regionalen Struktur wissenschaftlich zum Gegenstand zu machen. Daneben bleibe ich dem Thema als Mitglied des fortbestehenden »Euregionalen Arbeitskreises« mit seinen regelmäßigen Treffen in Aachen sowie zeitweise dem »Arbeitskreis Europa« der Evangelischen Kirche im Rheinland mit Sitz an der Evangelischen Akademie in Bonn-Bad Godesberg verbunden.

Abb. 1: Karte der Euregio Maas-Rhein14

Die Frage, wie sich der Protestantismus zur politischen Gestaltung Europas verhält, ist aus meiner Sicht weiterhin auf der Tagesordnung. Wie bedeutsam sie seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, wird in einer Schrift des damaligen Generalsekretärs des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Hans Hermann Walz, aus dem Jahre 1955 deutlich:

»Sie ist eine Frage, die uns in unserer gegenwärtigen Lage auf den Nägeln brennt. Mit allem, was wir evangelischen Christen in Europa heute denken, sagen und tun, geben wir eine Antwort auf diese Frage. Auch die, die nichts mit der Europafrage zu tun haben wollen, sind davon nicht ausgenommen. Sie geben eine Antwort, vor deren Konsequenzen sie vielleicht noch zu ihren Lebzeiten erschrecken, für die aber sicher ihre Kinder und Kindeskinder sie verantwortlich machen werden.«15

Auch wenn der dramatisierende Unterton dieses Zitates unzeitgemäß erscheint, so machen diese Worte doch die Relevanz der Beschäftigung mit Europa im Raum der protestantischen Kirchen deutlich. Diese Relevanz ist durch den historischen Verlauf des europäischen Einigungsprozesses in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht geringer geworden. Aus dieser persönlichen Sicht sei hier aufgenommen, was am Ende einer Biographie über den Reformator Straßburgs, Martin Bucer, geboren im elsässischen Schlettstadt (franz. Séléstat) und gestorben im englischen Cambridge, gesagt ist:

»Sein Gespür für die Regionen, die den Menschen Nähe, Überschaubarkeit, Geborgenheit und Identität geben, wirft die Frage auf, ob die Kirchen nicht auch die Aufgabe haben, im europäischen Einigungsprozeß das unverwechselbare Gesicht einer Region bewahren zu helfen. Nicht im Sinne eines Provinzialismus, sondern offen und aufgeschlossen, in einer Art europäischer Grenzgängerschaft.«16

Die eigene gemeindliche Praxis als solche »Grenzgängerschaft« zu reflektieren liegt also nahe. Diese Grenzgängerschaft lädt ein zum Lernen. Insofern ist Bundespräsident Joachim Gauck Recht zu geben, wenn er in seiner Antrittsrede anlässlich seiner Vereidigung am 23.3.2012 im Deutschen Bundestag den Heidelberger Philosophen Hans-Georg Gadamer folgendermaßen zitierte:

»Der Philosoph Hans-Georg Gadamer war der Ansicht, nach den Erschütterungen der Geschichte erwarte speziell uns in Europa eine ›wahre Schule‹ des Miteinanderlebens auf engstem Raum. ›Mit dem Anderen leben, als der Andere des Anderen leben‹ darin sah er die ethische und politische Aufgabe Europas.

Dieses Ja zu Europa gilt es zu bewahren. Gerade in Krisenzeiten ist die Neigung, sich auf die Ebene des Nationalstaats zu flüchten, besonders ausgeprägt. Das europäische Miteinander aber ist ohne den Lebensatem der Solidarität nicht gestaltbar. Gerade in dieser Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.«17

Das Wort von der »wahren Schule« angesichts der »Nachbarschaft des Anderen« motiviert mich zu der Frage: Gibt es in dieser Schule auch das Fach Evangelische Religion bzw. Protestantische Theologie? Anders gefragt: können wir als Nachbarn über die Staatsgrenzen hinweg auch in unserer Kirchengemeinde, also als Kirche, miteinander, aneinander und voneinander lernen? Was das mit unserer Vielsprachigkeit macht und was mit unserer auch kirchlichen Nationalstaatlichkeit, wird sich dann zeigen.

1.2 Intention der Arbeit

Mit dieser Arbeit wird untersucht, ob und inwieweit Kirchengemeinden und – am Beispiel kirchlicher Strukturen in der Euregio Maas-Rhein – eine Region grenzübergreifende Beiträge zur Gestaltung Europas vor Ort leisten können. Der Begriff »grenzübergreifend« ist dabei sprachlich ebenso problematisch wie der Begriff »grenzüberschreitend«. Allein diese Tatsache weist schon auf die Problematik hin, die die europäische Geschichte vorgibt. Grenzen wurden allzu oft in der Geschichte Europas – und im vergangenen Jahrhundert insbesondere durch deutsche Armeen – überschritten. Und »übergreifend« bedeutete vor diesem Hintergrund dann Okkupation, Ausbeutung, Zerstörung.

Dass diese Begriffe neue, positive Wendungen erfahren, das ist Ergebnis jüngerer Geschichte, insbesondere die des europäischen Einigungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg. Grenzübergreifend bzw. -überschreitend sind dann Unternehmungen, Prozesse und Initiativen zu nennen, die unter Berücksichtigung und Wahrung historisch gewachsener Staatsgrenzen diese nicht als selbstverständliche Begrenzung ihrer Intention akzeptieren.18 Ob es sich dabei um die Entfaltung einer wirtschaftlichen Unternehmung, die Errichtung eines Naturschutzgebietes oder die Organisation gemeinsamer Gottesdienste handelt, spielt keine Rolle. Wichtig in diesem neuen Verständnis des Begriffs ist die Tatsache, dass Grenzen nicht mehr a priori als voneinander trennend und voreinander schützend erlebt und verstanden werden. Gleichwohl behalten sie ihre historische und politische Bedeutung, definieren Rechtsräume je eigener hoheitlicher Staatsgewalt. Auch deshalb ist Vorsicht geboten, Begriffe wie »grenzüberwindend« oder gar »grenzauflösend« zu verwenden. Denn Ziel grenzübergreifender Aktivitäten ist nicht die Aufhebung der Grenze. Gemeint ist in der vorliegenden Arbeit also ein kirchliches Handeln auf der Ebene von Kirchengemeinden bzw. auf kirchlich-regionaler Ebene, das unter Berücksichtigung bestehender, historisch gewachsener Staatsgrenzen in Europa diese Grenzen nicht mehr als Begrenzungen erfährt.

Hier soll also untersucht werden, ob etwa durch Grenzen markierte trennende Faktoren wie Sprache, Geschichte, kulturelle Eigenarten oder auch Parteinahme in vormaligen kriegerischen Auseinandersetzungen durch gemeindliche und / oder kirchlich-regionale Handlungsweisen aufgegriffen werden und in neue gemeinsam getragene Prozesse münden können. Es geht also dezidiert nicht darum, bestehende Grenzen zwischen europäischen Nationen in ihrer historischen, kulturellen oder kirchlichen Funktion in Frage zu stellen oder nicht mehr ernst zu nehmen. Die Absicht ist vielmehr, einerseits gemeindliches und kirchlich-regionales Handeln im Kontext bestehender Verhältnisbestimmungen des Protestantismus zu Europa zu berücksichtigen, andererseits soll diese Arbeit eine Antwort auf die Frage bieten, ob und inwieweit es eigenständige Beiträge zur europäischen Einigung innerhalb der Europäischen Union von Gemeinden und kirchlich-regionaler Arbeit im »Referenzbereich« Euregio Maas-Rhein gibt. Die Euregio Maas-Rhein bietet sich dafür in mehrfacher Weise an:

• Sie ist durch politische Entscheidung als klar umrissenes Gebiet ausgewiesen.

• Sie umfasst Gebiete aus den drei Staaten Belgien, Deutschland und Niederlande.

• Sie bietet Menschen von dreierlei Muttersprachen Heimat – deutsch, französisch und niederländisch.

• In dieser Euregio hat es exemplarisch auf kirchlicher Seite grenzübergreifend eine Euregio-Pfarrstelle gegeben, die von den kirchlichen Gremien aller Seiten fachlich begleitet und materiell ausgestattet und finanziert wurde.19

1.3 Stand der Forschung und kircheninstitutioneller Veröffentlichungen

In seiner Schrift »Kirche in der Zeitenwende«20 beschreibt der damalige Ratsvorsitzende der EKD und Berlin-Brandenburgische Landesbischof Wolfgang Huber als Ausgangspunkt seiner Analyse der Krise, in der sich aus seiner Sicht die Kirche der Zeitenwende in West- und Mitteleuropa befinde, eine gesellschaftliche Säkularisierung, die einhergehe mit Orientierungsproblemen in Fragen der Ethik und Moral.21 Im fünften von sechs Hauptkapiteln, überschrieben mit »Die Zukunft der Kirche«, kommt Huber auch auf Europa zu sprechen.22 Er sieht die »Vereinigung Deutschlands und Europas als Herausforderung« dafür,

»daß sich im christlichen Glauben Antworten auf persönliche Lebensfragen, die Orientierung in einer unmittelbar erfahrenen lokalen Gemeinschaft und grenzüberschreitende Solidarität miteinander verbinden.«23

Neben deutscher Vereinigung und europäischem Einigungsprozess benennt er als dritten Kontext die »Globalisierung als wirtschaftlich verursachter Prozeß«.24 Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit ist von Bedeutung, dass Huber diese überregionalen, ja globalen Bezugspunkte explizit mit dem christlichen Glauben verknüpft, der um seine konkrete gemeindliche Zugehörigkeit und lokale Beheimatung weiß. Doch könne die evangelische Kirche der Frage nicht ausweichen, was der christliche Glaube zur Identität des größer werdenden Europas beitrage.25 Huber schließt diesen kurzen Abschnitt mit einer Forderung:

»Dafür ist es allerdings erforderlich, auch organisatorisch die gemeinsamen Organe des deutschen und des europäischen Protestantismus zu stärken.«26

Als Einleitung zum Kapitel »Forschungslage und kircheninstitutionelle Veröffentlichungen« erscheint dieser kurze Blick auf Hubers Darstellung aufschlussreich. Wie gezeigt, spricht Huber das Zusammenwirken der kirchlichen Ebenen an, angefangen bei der Gemeinde bis hin zur europäischen, ja sogar globalen Dimension. Bemerkenswert in unserem Zusammenhang ist, dass er allerdings das Verhältnis von Gemeinde und Glaube mit den Worten »Zugehörigkeit« und »Beheimatung« charakterisiert. Es sind also eher statische Begrifflichkeiten, die er hier gebraucht. Wenn es um kirchliche Dynamik, um kirchliches Handeln geht, so bezieht sich Hubers Forderung auf die Stärkung »gemeinsamer Organe« auf der deutschen und europäischen Ebene des Protestantismus. Demnach wird in Bezug auf Europa übergemeindlich und überregional gehandelt. Der Beitrag der Gemeinden ist demnach darin erschöpft, den Christinnen und Christen, insbesondere in Grenznähe, Heimat zu bieten. Wenn es um die sachliche Verbindung kirchlichen Handelns im europäischen Kontext geht, so beschränkt sich Hubers Sichtweise auf kirchenleitende Organe. Nicht weniger wichtig ist, Fachkompetenz und Entscheidungsbefugnisse auf der grenz-gemeindlichen Ebene zu stärken. Denn gerade in Gottesdiensten, Verkündigung, Bildung und Diakonie handelt Kirche zuerst vor Ort.

Mit Blick auf die Bedeutung der Ortsgemeinden im europäischen Kontext kommt Beatus Brenner, 1993 wissenschaftlicher Referent des Konfessionskundlichen Instituts des Evangelischen Bundes in Bensheim, zu einer anderen Position:

»Viele evangelische Christen und Kirchen realisieren: Es genügt nicht mehr, selbstgenügsam auf die eigene Ortsgemeinde oder Landeskirche zu blicken. Dieses weithin für den heutigen Protestantismus typische provinzielle Denken gilt es abzustreifen. Wenn die Protestanten ihre Anliegen in Europa wirksam einbringen und aus ihrer jetzigen reagierenden Haltung herausfinden wollen, müssen sie es gemeinsam tun.«27

Auch der Pfarrer der Waldenserkirche Italiens, Paolo Ricca, warnt vor der Gefahr gemeindlichen Provinzialismus.28

Diese Momentaufnahme weist darauf hin, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Thema »Protestantismus und Europa« bisher auf die überregionale Ebene beschränkt hat. Die Begründung für das Anliegen, sich in Europa wirksam einbringen zu wollen, ist nachvollziehbar. Eine Ortsgemeinde kann dieses kaum leisten.

Andererseits wird die Ebene ökumenischer transnationaler Kirchenbünde und Versammlungen die Rückkoppelung aus den Gemeinden brauchen, wenn denn nicht fernab der unmittelbar betroffenen Menschen Kirchen- und als solche Europapolitik betrieben werden soll. Wenn Brenner Ortsgemeinde mit »provinziellem Denken« verbindet, so wird verkannt, dass sich der Protestantismus gerade auch von der Basis her organisiert und nicht zentralistisch oder gar hierarchisch geleitet wird.

In seiner Untersuchung zum protestantischen Profil in der Europäischen Union weist der damalige Landesjugendpfarrer der Rheinischen Kirche und derzeitige Landeskirchenrat Stefan Drubel zu Recht auf das »ekklesiologische Defizit« hin, das sich aus der fehlenden Verankerung des Themas »Protestantismus und Europa« ergibt, wenn er schreibt:

»Die in Sachen Europa engagierten Institutionen und Kirchenleitungen bewegen sich ohne Rückhalt ihrer Kirchenbasis auf dem europäischen Parkett.«29

Dass die lokale Ebene bei ökumenischen Konferenzen ausgeblendet bleibt, hat schon zu Beginn der 1970er Jahre der deutsche Theologe Ernst Lange aus seinem Amt als Abteilungsleiter und beigeordneter Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen am Beispiel der Konferenz der Kommission für »Glaube und Kirchenverfassung« im belgischen Löwen begründet, wenn er – nicht ohne Ironie – schreibt:

»Ökumenische Zusammenkünfte sind wie Hilton-Hotels. Sie sind in der ganzen Welt einander ähnlich wie ein Ei dem anderen. (…) Entsprechend ihrer Herkunft im angelsächsischen Kulturbereich ist die ökumenische Bewegung überall auf der Welt gut für puritanischen Fleiß. An den Abenden wird grundsätzlich gearbeitet, an den Sonntagen meist auch. Gelegentlich findet ein Empfang statt, ein Trip in die Umgebung. Dann sieht man ein Stück Lokalkolorit – meist durch die Fenster eines Busses.«30

Die Antipoden sind somit benannt, zwischen denen die Beschäftigung mit der regionalen Bedeutung Europas für die Kirche stattfindet: der Gefahr des Provinzialismus auf der einen Seite steht die Gefahr der ortsfernen Theoriebildung auf der anderen Seite gegenüber. Weder Paolo Ricca noch Ernst Lange stehen im Verdacht, einem dieser Extreme erlegen zu sein. Im Gegenteil beklagt Lange:

»Aber es ist gleichsam viel zuweit … vom ökumenischen Gespräch der Kirchenmänner zur Auseinandersetzung der Bürger, obwohl doch die Kirchenmänner auch Bürger und die Bürger zum Teil auch Kirchenmänner sind.

Es ist auch viel zuweit vom ÖRK bis zur Basis der Gemeinden, von ›Glauben und Kirchenverfassung‹ bis zu den Orten, wo konkret geglaubt und in verfaßten Kirchen gelebt werden muß. (…) Ökumeniker haben geteilte Herzen.«31

Im Jahr 1993 nahm Norbert Mette, katholischer Praktischer Theologe der Universität-Gesamthochschule Paderborn, in einem Aufsatz Stellung zur Bedeutung der Europa-Thematik für die Gemeindeebene.32 Auch wenn diese Schrift die innerkatholische Situation zwischen Basisgemeinden und päpstlichem Neuevangelisierungskonzept im Blick hat, so lässt sich seine Wahrnehmung auf die gegenwärtige Forschungslage für den Protestantismus übertragen.

»Sieht man die verschiedenen neueren Beiträge und Stellungnahmen aus kirchlichem Raum oder von theologischer Seite zur Europa-Thematik (…) durch, fällt auf, daß in ihnen die Frage nach der Gemeinde durchweg keine – und zwar weder im empirischen noch im normativen Sinne – Rolle spielt.«33

Mette weist den Kirchengemeinden einen Ort »an der Grenze zwischen System und Lebenswelt«34 zu, d. h. sie sind organisatorisch einer Kirche zugeordnet. Sie sind aber zugleich aufgrund ihrer ortsnahen Anbindung den Lebenswelten der in ihrem Bereich wohnenden Menschen verbunden. Was diese Nähe zu den Lebensbereichen der Menschen angeht, so wird die vorliegende Arbeit die besondere Situation der Gemeinden wie der Menschen in der Grenznähe der Euregio Maas-Rhein berücksichtigen und beleuchten.35

Im Rahmen dieser Untersuchung ist festzuhalten, dass in den zurückliegenden Jahren die Ebene der Gemeinde nicht im Fokus stand. Allerdings ist in jüngerer Zeit die ekklesiologische Bedeutung gemeindlicher Partnerschaften bzw. Nachbarschaften36 prägnant formuliert worden. Der Dekan der Comenius-Universität Bratislava, Ondrej Prostredník, hat anlässlich einer Tagung der Evangelischen Akademien Bad Boll und Thüringen 2010 im Zinzendorfhaus Neudietendorf in fünf Thesen zusammen gefasst:

»These 1: Eine Partnerschaft der Kirchen und deren Gemeinden gehört zum Wesen der Kirche. (…)

These 2: Eine Kirche, die nicht in einer Partnerschaft mit anderen Kirchen lebt, stirbt. (…)

These 3: Gemeinsam verarbeitete und verstandene Unterschiede in der Kultur und der Tradition der einzelnen Kirchen bereichern und stärken die Partnerschaft. (…)

These 4: Die fortschreitende politische und wirtschaftliche Integration im Rahmen der EU zwingt uns von dem unverbindlichen Austausch in unserer Partnerschaft zu einer verbindlichen Form von Zusammenarbeit überzugehen. (…)

These 5: Die Themen der Partnerschaftlichen Zusammenarbeit sind ein Zeugnis über die Fähigkeit der Kirche, prophetisch und diakonisch in der gewandelten Gesellschaft von Heute zu agieren.«37

Ausgehend vom neutestamentlichen Begriff der praktischen Gemeinschaft, der Koinonia (2. Kor 8,4), betont Prostredník, dass sich lebendige Gemeinden in der ehemaligen Tschechoslowakei vor 1989 nur dort entwickelt haben, wo die Pfarrer sich über alle Verbote und Restriktionen des Staates hinweg um Kontakte zu anderen Gemeinden und Kirchen innerhalb und außerhalb ihres Landes bemüht haben. Seine dritte These weist hin auf die Verschiedenheit unterschiedlicher Traditionen, die grenzübergreifende Zusammenarbeit bei reflektiertem Umgang damit bereichert und nicht etwa begrenzt haben. Dass dazu verbindliche Strukturen und Verabredungen zwingend nötig sind, darauf stellt seine vierte These ab. Schließlich verdeutlicht seine fünfte These, welche Verantwortlichkeit sich aus der Zusammenarbeit von Kirchen und Gemeinden für die sich im europäischen Einigungsprozess befindenden Gesellschaften erwächst. Dieses anzunehmen, kann ein Beitrag des Protestantismus für Europa sein.

Im Folgenden gilt es, den Stand der Forschung darzustellen, wie er sich im Hinblick auf das grenzüberschreitende gemeindliche und regionale Handeln im Bereich der Euregio Maas-Rhein zeigt. Dabei ist voranzustellen, dass für den zu untersuchenden Bereich keine umfassende Studie im Sinne der vorliegenden Arbeit vorliegt. Vielmehr konzentrieren sich regionale Arbeiten im Wesentlichen auf die örtliche Geschichtsschreibung38 oder sind Untersuchungen zu speziellen Themenbereichen wie Grenzziehung oder soziologischen Entwicklungen. Vereinzelt behandeln Veröffentlichungen grenzübergreifende kirchliche Themen in historisch darstellender Weise.39

Eine umfangreiche wissenschaftliche Bibliographie liegt im untersuchten Bereich der Euregio Maas-Rhein vor.40 Das grenzübergreifende Zusammenwirken protestantischer Gemeinden ist darin jedoch nicht dokumentiert. Das gilt auch für ein nach 2010 herausgegebenes Lesebuch für Kinder ab 9 Jahren.41

Als Vorarbeit zu dieser Arbeit kann die Mitarbeit des Autors an der Dokumentation über die Arbeit der Euregio-Pfarrstelle in der Euregio Maas-Rhein angesehen werden.42 Sie stellt die Tätigkeit der Euregio-Pfarrer in den Jahren 1992 bis 2007 in den Rahmen der Entwicklung der Europäischen Union und zeigt die theologische Begründung und Ausrichtung der Pfarrstelle auf. Sie wagt den Blick in die Zukunft grenzüberschreitender kirchlicher Arbeit. Insbesondere der Anhang dieser Dokumentation bietet umfangreiches Material für eine zielorientierte Problemanalyse.

Die vorliegende Untersuchung steht in einem größeren Kontext. Dieser wird von zwei Blickwinkeln beherrscht, dem politischen und dem kirchlich-theologischen. Zum einen besteht in der Forschung ein weit gefächertes Interesse daran, Aspekte des europäischen Unionsprozesses zu beleuchten. Der politische Werdegang nach dem Zweiten Weltkrieg, von den Anfängen der Montanunion bis hin zum Europa der 28 plus x Staaten, fordert und fördert diesen Forschungsprozess. Dazu zählen Untersuchungen im Hinblick auf ökonomische, historische, juristische oder kulturelle Aspekte. Dieser Teil der Forschung behandelt darüber hinaus Fragen, die über die aktuelle Europäische Union hinausgehen, etwa in der Betrachtung einer möglichen weiteren Osterweiterung der EU. Hinzu kommen außenpolitische Untersuchungen zum Verhältnis zu Russland oder zur Türkei. Als Spezialfall kann hierbei der Forschungsbereich zu Fragen des Verhältnisses der ehemals christlich geprägten Länder West-, Mittel- und Osteuropas zur islamischen Welt, insbesondere zur Türkei, gewertet werden. In den Kontext des Letztgenannten fallen etwa die im Bereich der EKiR verfassten Stellungnahmen zum Verhältnis des Christentums zum Islam.43

Zum anderen gehen der vorliegenden Arbeit wissenschaftliche Untersuchungen aus kirchlich-theologischer Perspektive voran. Dabei lassen sich zwei Ebenen oder konzentrische Kreise aufzeigen, die im Folgenden näher dargestellt werden: Europa und das Christentum sowie Europa und der Protestantismus. Auf der zweiten Ebene werden ökumenische protestantische Institutionen wie die GEKE behandelt. Eine dritte Ebene, die der Gemeinde, bleibt bisher weitgehend ein weißer Fleck in der Landschaft wissenschaftlicher Untersuchungen und wird – wo vorhanden – im 4. Kapitel dieser Arbeit dargestellt.

Das Bild der konzentrischen Kreise stellt Drubel im religionspädagogischen Kontext europäischen und globalen Lernens dar.

»Die konzentrischen Kreise sind von einem Netzwerk durchzogen, bei dem die Verbindungen von einem lokalen Ausgangspunkt zu mehreren anderen, kontinentalen oder globalen Punkten laufen (…) Ein besonderes protestantisches Profil erweist sich also in der Verknüpfung der globalen, kontinentalen und regionalen Zusammenhänge und deren unmittelbare Erlebbarkeit.«.44

Das gilt nicht allein für junge Menschen in der Kirche, auf die Drubels Formulierung abzielt, sondern für Gemeindemitglieder aller Altersstufen. Der Zusammenhang zwischen regionaler und europäischer Ebene klingt bei Drubel aus religionspädagogischer Sicht an.

So arbeitet er im Kontext europäischer Jugendpolitik heraus, dass die Generation der heute Jugendlichen einer europäischen Identität bedürfe, wenn es denn wirklich ein Europa der Bürger geben solle.45 Hier liegt eine besondere Aufgabe evangelischer Jugendbildung, für die Drubel zehn Anforderungen benennt. Zwei dieser Anforderungen beziehen sich explizit auch auf die Kirchengemeinden und Regionen als Basis des europäischen Protestantismus, die ihren Beitrag zur evangelischen Bildungsarbeit leisten.

So lautet die zweite Anforderung: »Das ›Prinzip der Konziliarität‹ anerkennen und auf Europa bezogen weiter entwickeln.«46 Hier heißt es:

»Eine Aktivierung der Kirchenbasis ist eine dem Protestantismus unverzichtbare Form der Beteiligung aller Kirchenmitglieder an Entscheidungen.«47

Die siebte Anforderung lautet: »Ein ›ökumenisch-europäisches Lernen‹ im lokalen Kontext junger Menschen verorten.«48 Drubel ist darin zuzustimmen, wenn er unter dieser Überschrift schreibt:

»Die Feststellung der alltäglichen Relevanz Europas für ihr zukünftiges Leben kann sie (sc. die jungen Menschen) motivieren, ihren lokalen Gestaltungsraum um die europäische Dimension zu erweitern.«49

Die grenznahe Nachbarschaft ist als »natürlicher« Ort anzusehen, die alltägliche Relevanz Europas im lokalen Gestaltungsraum zu erfahren. Die Beschäftigung mit diesem Ort ist zu unterscheiden von gemeinde-übergreifender Zusammenarbeit innerhalb eines Landes, insbesondere mit Auslandsgemeinden. Bei diesen Gemeinden handelt es sich zumeist um Personalgemeinden, deren Mitglieder und ihre Familien aus beruflichen Gründen, etwa als Diplomaten oder Handelsvertreter, auf Zeit in einem fremden Staat Wohnung nehmen.50

1.3.1 Europa und das Christentum

Auf der ersten Ebene, dem weitesten Kreis, wird die Verhältnisbestimmung zwischen Europa und dem Christentum untersucht und dargestellt.

Die damalige Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Petra Bahr, stellt das Christentum vor dem Hintergrund des europäischen Einigungsprozesses in den größeren Rahmen der Religion.51 Ausgehend von der Beobachtung, dass sich das Thema »Religion« um die Jahrtausendwende in der europäischen Öffentlichkeit zurückgemeldet habe, etwa durch den Karikaturenstreit in Dänemark, die Debatte um die Comicserie »Popetown« oder die allgemeine Debatte in den Feuilletons über die Darstellung des Religiösen in den Medien52, kommt sie zu folgender These:

»Die neue und konfliktreiche Gegenwart religiöser Überzeugungen stellt auch Anforderungen an das europäische Selbstverständnis. Mag es dieses Selbstverständnis auch nur als Suchbewegung geben, das Ringen um das, was Europa künftig sei, kommt ohne das Nachdenken über Religion nicht aus. (…) Dem ›christlichen Abendland‹ ist dieses Nachdenken schon in den Titel gesetzt.«53

Dabei konstatiert sie, dass die Aufmerksamkeit, die der Islam auf sich ziehe, auch eine neue Wahrnehmung des Christentums zur Folge habe.54 Bahr macht in der Interpretation des Phänomens Religion in Europa zwei Grundmythen aus, die bis in die Gegenwart latent seien, den Mythos der Säkularisierung und den Mythos des Bürgerkrieges.55 Der Mythos der Säkularisierung setze auf die Trennung einer religiösen Sphäre von einer weltlich–politischen Sphäre.

»Der Säkularisierungsmythos erkennt die Rolle der Religion für die Geschichte Europas zwar an und mag auch dann und wann stolz von den kulturellen Errungenschaften des Abendlandes reden. Er hat allerdings auch eine religionsfeindliche Tendenz, weil er die widerspenstige Kraft der Religion nicht akzeptieren kann, die sich gegen die vollendete Verweltlichung sperrt.«56

Für Frankreich etwa und seinen Laizismus bedeute die Trennung von Staat und Religion die Freiheit von der Religion. Religiöse Bekenntnisse und religiöse Praxis führen aus dieser Perspektive in eine Bindung, die mit dem Freiheitsbegriff des französischen Laizismus nicht mehr konform ging. Für das deutsche System hingegen bedeutet die Trennung von Staat und Religion eher die Geburt der Religionsfreiheit, der Freiheit also, die eigene religiöse Überzeugung frei wählen und praktizieren zu können.57

Der Mythos des Bürgerkrieges versteht das christliche Abendland als »Raum verheerender religiöser Bürgerkriege und rabiater Intoleranz«58. So unbestreitbar die Geschichte des Christentums mit Intoleranz bis hin zum schlimmsten Antijudaismus behaftet ist, so einseitig wäre es, die Bedeutung des Christentums und seine historische Darstellung darauf zu reduzieren.

»Damit stehen die Europäer, (…), in der Gefahr, der dunklen Seite ihres religiösen Erbes eine Monopolstellung einzuräumen, der wie ein Dämon über Europa herrscht. Der Terror der Aufklärung, der als Fratze der europäischen Befreiungsbewegungen mit gleicher Macht wütete, ist dagegen in den europäischen Diskussionen um die gemeinsamen geistigen Werte kaum eine Erwähnung wert.«59

Für die Gegenwart sei es somit von Bedeutung, beide Seiten der Religion wahrzunehmen, nämlich ihre zivilisierende und ihre gefährdende Macht. Nur so »wird es gelingen, der vorherrschenden Frage nach der Bedeutung der Religion die Frage nach der angemessenen Gestalt von Religion in Europa an die Seite zu stellen«60.

Bahr schließt ihre Ausführungen mit einem »Bild der Zähmung«, gleichsam visionär, wenn sie die Rolle der Religion für die staatliche Ebene folgendermaßen beschreibt:

»Die Religion sorgt dafür, dass Staat, Politik und Bürokratie, aber auch Wirtschaft und Wissenschaft selbst nicht religiös werden. Sie verzichtet allerdings ihrerseits auf politische Herrschaftsansprüche und erkennt die Säkularität der anderen Sphäre an. Beides zusammen ist die Bedingung für Freiheit und europäische Kultur als ›Bedeutung im Werden‹.«61

Rémi Brague, Professor für arabische Philosophie an der Pariser Sorbonne und Inhaber des Romano-Guardini-Lehrstuhles in München, leitet die spezifisch europäische Identität von einem, wie er es nennt, exzentrischen Charakter des Christentums ab.62 Dabei geht er aus von einer differenzierten Betrachtung des Orients, also dessen, was Europa im Osten als Gegenüber hat. In einer weit gehenden Betrachtung ist Europa geographisch das Pendant zum Fernen Osten und schließt somit die Welt des Islam mit ein. Dieses Europa steht den fernöstlichen Hochkulturen Chinas und Indiens gegenüber und hat zwei kulturelle Wurzeln, das hellenistische Erbe und den Glauben Abrahams.63

Enger gefasst beschreibt Brague mit Europa den Westen der islamischen Welt. Aus europäischer Perspektive bezeichnet der Orient damit die arabische Welt, was dem landläufigen Gebrauch heute sicher nahe kommt.

Schließlich bezeichnet Europa den westlichen Teil des Christentums, dessen lateinische Hälfte, die sich später in römisch-katholische und protestantische Konfessionen aufspaltete. Die vom orthodoxen Christentum geprägten Staaten gehören demnach nicht zu einem so definierten Europa. In der Tat versteht Brague im eigentlichen Sinne unter Europa jenen letztgenannten »Westen«, denn seiner Ausführung nach gehören das antike Griechenland und Byzanz nicht zu Europa.64 Daher fügt er bereits im Titel seines Aufsatzes die Näherbestimmung »römisch« in Anführungszeichen dem Christentum bei. Seine These lautet demnach: »Die europäische Identität ist ›römisch‹«.65

Unter »römisch« versteht er eine kulturelle Praxis, die die Römer in antiker Zeit im Umgang mit anderen Kulturen ausprägten. Etwa in der Begegnung mit dem Hellenismus eigneten sie sich konsequent die Erkenntnisse an, in denen das Griechentum ihnen überlegen erschien. Brague interpretiert dieses Vorgehen als einen speziellen Umgang mit dem Gefühl der Unterlegenheit, einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber einer externen Kultur. Die Römer wiederum gaben an die von ihnen unterworfenen Völker nicht allein ihr römisches Recht und ihre römischen Sitten und Gebräuche weiter, sondern sie vermittelten ihnen ebenso die Werte griechischer Kultur.

»Und genau dies hat Europa meiner Meinung nach im Laufe seiner Geschichte vollbracht: Europäische Entdeckungen, Eroberungen und Kolonialisierung vermittelten der Welt nicht nur den europäischen ›way of life‹, sondern kulturelle Fakten, welche eine universelle Dimension besaßen (von denen die moderne Technologie die bedeutendste sein mag).«66

Das Christentum jenes »römischen« Europas leitet sich ebenso wie die Römer von einer externen Quelle ab, dem Alten Testament. Anders als der Islam, so führt Brague aus, hat das Christentum das Alte Testament als unverfälschte Quelle der Offenbarung Gottes anerkannt. Hier liegt letztlich die Verbindung zum »römischen« Europa, das mit der Einbeziehung einer externen Quelle, dem Hellenismus, zur eigenen Identität fand.

»Keine der beiden Städte, welche die Quellen der europäischen Kultur symbolisieren – Athen und Jerusalem –, liegt in Europa. Diese schlichte Tatsache spiegelt treffend die europäische kulturelle Identität wider: eine ihrem Wesen nach exzentrische Identität.«67

Brague folgert aus dieser These, dass das Christentum »einen Spielraum offenließ für weltliche Angelegenheiten«68. Wer demnach das Bewusstsein dafür wach hält, seine Identität fremden Quellen zu verdanken, und wer seine eben selbst übernommenen Ideale allen Menschen und Kulturen anbietet und nicht aufzwingt, hat Zukunft. So jedenfalls enden Bragues Ausführungen mit Blick auf Europa.69

Der Gießener Kirchenhistoriker Martin Greschat macht zwei Eigenarten Westeuropas als christliche Mitgift aus, die klare Unterscheidung, nicht Trennung, kirchlicher und weltlicher Macht, also des Sakralen vom Profanen einerseits und das Verständnis der Person als Individuum andererseits.

»Aus der christlichen Mitgift sind also der vom Sakralen unterschiedene Raum der Diesseitigkeit und ebenso die herausgehobene Bedeutung der Person als die zwei hervorstechenden Charakteristika Westeuropas erwachsen.«70

Bis in die Gegenwart bestimmen diese Entsakralisierung des Weltlichen sowie die Freiheit des Individuums das Denken, ja – so Greschat – die Mentalität der Europäer. Die Präzisierung auf Westeuropa macht zugleich deutlich, dass von einer gesamteuropäischen Sichtweise unter dem Stichwort »Christentum« kaum die Rede sein kann. Aus dem Wissen um die Charakteristika Westeuropas ergibt sich allerdings die Möglichkeit, mit Traditionen anderer Kulturen, etwa des Islam, neu in Beziehung zu treten.

»Vielmehr käme es darauf an, diese beiden charakteristischen Eigentümlichkeiten Westeuropas in neuer Weise und auf einer höheren Ebene in Beziehung zu setzen mit den Traditionen anderer Kulturen – zur durchaus auch befreienden Begrenzung des einzelnen durch die Gemeinschaft sowie durch das Sakrale, dem Resonanzboden aller echten Weltlichkeit. Gewiß, das ist eine Vision.« 71

Ähnlich wie Bahr machen diese Ausführungen zum Ende hin eine offene, visionäre Sicht auf die Zukunft des Christentums in Europa deutlich. Diese Sichtweise beschreibt vage die Bedeutung des Christentums für den weiteren europäischen Einigungsprozess. Es hat seine Rolle noch nicht gefunden oder gar definiert, sondern tastet sich eher voran. Vertreterinnen und Vertreter christlicher Kirchen lassen damit erkennen, dass vor dem Hintergrund des politischen und kulturellen Entwicklungs- und Findungsprozesses die Frage nach dem Christentum selbst in Bewegung bleibt. Vor dem Hintergrund des Prozesses der politischen Einigung Europas befindet sich das Christentum selbst in einem Prozess der Neuorientierung.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Evangelische Theologie der Universität Bamberg, Sylvia Losansky, legte 2010 mit ihrer Dissertation unter dem Titel »Öffentliche Kirche für Europa. Eine Studie zum Beitrag der christlichen Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenalt in Europa« eine umfangreiche Untersuchung zur Rolle der Kirchen im Hinblick auf gesellschaftspolitische Fragen im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses vor.72 Im Titel der Untersuchung ist ihre Ausgangsfrage enthalten:

»Wie oder wodurch kann eine dauerhafte Solidarität zwischen den Europäern entstehen und welche Rolle können die christlichen Kirchen dabei spielen.«73

Losansky stellt einerseits sozialphilosophische und theologische Konzeptionen zur Frage des Beitrages von Kirchen zum europäischen Einigungsprozess vor. Exemplarisch entfaltet sie den Entwurf des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zur Frage einer europäischen Identität, den von Johannes Paul II. zur Neuevangelisierung74 sowie den des früheren Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, unter der Überschrift »Europäische Integration und Öffentliche Kirche«75. Andererseits untersucht sie Beiträge der Kirchen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa. Ihre systematisch-theologische Arbeit ist dabei vor allem an sozial-ethischen Fragestellungen orientiert. So formuliert sie in einem Zwischenergebnis u. a.:

»Oberste Priorität in den kirchlichen Beiträgen muss der Unantastbarkeit der Menschenwürde zukommen. Davon abgeleitet sollten sich die Kirchen mit Nachdruck einsetzen für: die Unteilbarkeit der Menschenrechte, ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit im Sinne von Verteilungs-, Beteiligungs- und Befähigungsgerechtigkeit, eine ganzheitliche Kultur des Helfens (welche auch religiöse Aspekte mit einbezieht), die Achtung der Würde der Natur und den Schutz der Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen.«76

Losansky bietet als Ausblick ihrer Untersuchungen »je fünf Ratschläge an Kirchen, Politik, Wirtschaft, Medien und die Gesellschaft«77. Keiner dieser sogenannten Ratschläge bezieht sich dezidiert auf die Gemeindeebene. Die Grenzgebiete europäischer Staaten werden nicht gesondert berücksichtigt. Im Bereich der Handlungsempfehlungen an die Kirchen schlägt sie etwa vor: »Eine neue Europadenkschrift der EKD wäre beispielsweise schon längst an der Zeit.«78 Die Ratschläge an die Bürgerinnen und Bürger beziehen sich im Wesentlichen auf den Hinweis, sich für Europa und europäische Politik zu interessieren und sich zivilgesellschaftlich und kirchlich zu engagieren.79 Immerhin kommt Losansky in einem halbseitigen Abschnitt ihrer fast 600 Seiten umfassenden Untersuchung auf die kirchliche Basisarbeit zu sprechen. Ihr ist dabei zuzustimmen, wenn sie konstatiert:

»Die Beschäftigung mit dem Thema Europa spielt sich vor allem in den kirchlichen Führungsetagen ab und erreicht nur wenig die Basis. Für die Zukunft muss es hier gelten, das Thema Europa nicht nur stärker in die kirchliche Gemeinde- und Bildungsarbeit einzubinden, es gilt in gleicher Weise, die spirituelle Kraft, die von gemeinsamen Gottesdiensten ausgehen kann, vermehrt zu entdecken sowie das vielseitige und reiche liturgische Material zum Thema Europa, das bereits zur Verfügung steht, stärker zum Einsatz zu bringen.«80

Kritisch anzufragen bleibt bei dieser Analyse hinsichtlich der zu Grunde liegenden Sichtweise, ob Europa »von oben« oder »von unten« gestaltet wird; auf die Kirche bezogen heißt das: von den Kirchenleitungen hin zu den Gemeinden oder umgekehrt: von den Gemeinden hin zu den Kirchenleitungen. Es stellt sich die Frage: führen die sogenannten Führungsetagen in Sachen Europa oder lebt nicht vielmehr die Gemeindebasis zumindest in den Grenzregionen wenigstens rudimentär dieses Europa im Alltag?

Die exemplarische Darstellung neuerer Beiträge zur Verhältnisbestimmung des Christentums zu Europa, also jenem weitesten der oben angeführten konzentrischen Kreise, verdeutlicht zudem eine Gemeinsamkeit. Obwohl die Beiträge von Bahr, Brague, Greschat und Losansky aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln das Christentum zu Europa in Beziehung setzen, so sind alle vier doch zugleich bemüht, positive Ansätze und Beiträge des Christentums für den Fortgang des europäischen Einigungsprozesses herauszustellen. Sie legen Wert auf die kulturelle Bedeutung des Christentums im Hinblick auf Werte wie Freiheit, persönliche Integrität und Toleranz, die den Fortgang und die Erweiterung des europäischen Einigungsprozesses befördern können. Sie weisen kritisch auf jene Defizite hin, die aus den gewaltsamen und intoleranten Strömungen des Christentums in der Geschichte sichtbar sind. Allerdings überwiegen bei ihnen im historischen und kulturellen Fortgang des Christentums die tragenden und tragfähigen Elemente, die für den weiteren Fortschritt in Europa eingebracht werden.

Inwiefern die Ideen der hier genannten Beiträge des Christentums in die kirchliche Praxis grenzübergreifender Gemeindearbeit Einzug gehalten haben, wird diese Untersuchung aufzuzeigen haben. Die Verhältnisbestimmung des Christentums zu Europa fällt nämlich nicht ausschließlich so positiv aus, wie es aus den vorangestellten Beiträgen den Eindruck machen könnte. Die folgende Position fällt deutlicher kritischer aus.

Der in New York und Brüssel lehrende Jurist Joseph H. H. Weiler wendet die Kundschafter-Erzählung aus Num 13 und Dtn 1 auf die EU an.81 Heutige Kundschafter würden natürlich auf einem relativ kleinen Kontinent sehr viele Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern Europas entdecken. »Wo ist Europa, könnte man fragen, in diesem Babel von Unterschieden.«82 Weitere Kundschafter würden aber auch berichten, dass überall in Europa die Gräber dieselben christlichen Kreuze aufweisen, aus allen Epochen. Sie würden auf die Dorfkirchen in fast jedem Ort hinweisen, selbst wenn sie zumeist leer wären, zu entscheidenden Ereignissen des Lebens jedoch gut besucht, bei Geburt, Hochzeit und Tod. Sie würden von Gemeinschaften und Gemeinden praktizierender Christen erzählen. Weiler weist hin auf eine europäische Kultur, die ohne das Christentum nicht denkbar wäre – bis hin zu prägenden Ideen und Werten:

»Die europäische moralische Sensibilität ist entscheidend vom christlichen Erbe bestimmt und, gerade auch in jüngerer Zeit, vom Kampf gegen dieses Erbe.«83

Obwohl er mit Verweis auf die wechselvolle Geschichte Europas das Christentum als wesentlichen Bestandteil europäischer Identität ausmacht, spricht Weiler dennoch von einem »christlichen Ghetto«, von inneren und von äußeren Mauern umgeben.84 Zwei Beispiele für die sogenannte »äußere Mauer« gibt er an. Zum einen hätten sich die zuständigen Kommissionen sowohl in der Europäischen Grundrechtscharta als auch in der Präambel des Vertrages über eine Europäische Verfassung gegen die Erwähnung des Christentums entschieden. Zum anderen weise fast keine neuere Veröffentlichung, die sich mit Europa und der EU befasse, auf das Christentum und seine Bedeutung für Europa hin.85

Die »innere Mauer« des christlichen Ghettos sieht Weiler darin, dass sich die Christen selbst schlicht verbergen86:

»Die wahren Marranen zogen aus Angst vor Verfolgungen die Vorhänge ihrer Häuser zu, um ihre religiösen Zeremonien zu verbergen. Die christlichen Marranen von heute ziehen die Vorhänge weniger zu, weil sie von irgendjemand verfolgt würden, als aus ihrer eigenen Verlegenheit heraus.«87

Weiler kommt daher zu dem Schluss:

»Das Christentum tritt nicht in das Blickfeld der europäischen Integration, und Europa, wie es scheint, tritt in keiner signifikanten Form ins christliche Blickfeld.88

1.3.2 Europa und der Protestantismus

In einem engeren Kreis schließen sich Untersuchungen zum Verhältnis des Protestantismus zu Europa an. Neben allgemeinen Darstellungen zur Bedeutung des Protestantismus in Europa89 gehen andere Veröffentlichungen vor dem Hintergrund des jeweiligen Standes des europäischen Einigungsprozesses auf die Rolle des Protestantismus in und für Europa ein.

So hat sich bereits 1955 Hans Hermann Walz, damals Generalsekretär des Deutschen Evangelischen Kirchentages, zur »Stellung des Protestantismus zur politischen Gestalt Europas« geäußert.90 Nach einer Übersicht über die historischen Leitbilder des Verhältnisses von Kirche und Staat91 kommt er auf den Auftrag zu sprechen, den der Protestantismus in und an Europa hat:

»Der Protestantismus hat seinem Wesen nach nicht den Auftrag, politische Programme vorzulegen, die doch nur wieder für eine bestimmte Gruppe gelten könnten, wohl aber zur Bildung eines politischen Ethos beizutragen, das Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit erheben kann. Entsprechend dem doppelten Aspekt des Weges der Kirche in dieser Welt sehe ich den aktuellen protestantischen Beitrag zum politischen Ethos insbesondere in der Bestimmung des Ziels und der Grenze des Politischen.«92

Das Wohl des Menschen markiert für Walz dabei sowohl das Ziel als auch die Grenze der Politik. Demnach ist staatliches Handeln letztlich fürsorgliches Handeln, das seine Grenze in der Freiheit des Menschen findet. Der fürsorgliche Staat gibt keine Antworten auf Fragen nach der letzten Wahrheit. Insbesondere das Wohl des Menschen als politisches Ziel führt nach Walz zur Relativierung staatlicher Souveränität.

»In Wirklichkeit sind der souveräne Staat europäischer Prägung und ›Europa‹ als ein Bündel souveräner Staaten zum Tode verurteilt durch die Möglichkeiten der modernen Industrie, die, weil sie technische Möglichkeiten sind, wirtschaftliche Notwendigkeiten werden; durch die sozialen Auswirkungen der großen Wanderungsbewegungen, in denen wir uns befinden; durch die Heraufkunft von Asien und Afrika als selbständiger politischer und wirtschaftlicher Partner; durch die Notwendigkeit der Verteidigung, die zu jedem Gemeinwesen gehört und die heute auf nur nationaler Basis wertlos geworden ist.«93

So deutlich diese Worte von ihrem historischen Kontext zeugen, dem Kalten Krieg, dem wirtschaftlichem Neubeginn, dem sich abzeichnenden Ende der Kolonialisierung, so deutlich weisen sie auf Entwicklungen hin, die Europa bis in die Gegenwart begleiten und prägen. Das gilt insbesondere für die Bedeutung der Wirtschaft in heute globalem Ausmaß, ihre Folgen für die europäische Sozialpolitik und die Migrationsentwicklungen innerhalb Europas und an seinen Grenzen. Dass ein einzelner souveräner Staat nicht mehr alleine für das Wohl seiner Menschen sorgen kann, belegt Walz mit der Arbeit der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen.94 Für ihn ist es letztlich die Gemeinschaft der Staaten, die das Wohl des Menschen garantieren kann. Diese Position weist dem Protestantismus in Europa also eine Aufgabe zu, die in den Bereich der Ethik gehört.

Der Theologe und Leiter des Referates »Geistige Orientierung« im Bereich Politik bei der Bertelsmann-Stiftung, Ralf Hoburg, veröffentlichte 1999 seine »Erwägungen für eine Kirche der Konfessionen« unter dem Titel »Protestantismus und Europa«95. Er sieht die Kirchen aufgerufen,

»sich um der eigenen Zukunft willen an der öffentlichen Diskussion über das zukünftige Leitbild Europas zu beteiligen, Position zu beziehen und Europa darüber hinaus zum Thema der Theologie zu machen.«96

Um in Europa zukunftsfähig zu bleiben, so fragt Hoburg an, müssten die Kirchen die strukturelle Bindung an die Nationalstaaten zugunsten ihrer Konfessionsfamilien überdenken: »Liegt die Zukunft statt in der Volkskirche eher in einer Kirche der Konfessionen?«97 Sein Plädoyer geht im Anschluss an eine Übersichtsdarstellung der staatskirchenrechtlichen Verhältnisse in Europa von Folgendem aus:

»Die Kernthese meines Plädoyers für eine Kirche der Konfessionen besagt darum vor dem Hintergrund der europäischen Wirklichkeit in den rechtlichen Verankerungen der Kirchen, daß sich protestantisches Profil theologisch immer in konfessionellen Positionen und Deutungsmustern zeigt.«98

Diese Position führt zu dem Schluss, dass die Kirchen in Europa ihre Anbindung an nationale Grenzen überdenken müssen. Hoburgs Überlegungen zielen darauf ab, eine Lobby gegenüber einer europäischen Politik zu bilden, die immer mehr politische Kompetenz von nationaler auf die europäische Ebene verlagert.

»Ich vermute, daß sich die Kirchen in Europa zunehmend als öffentliche »Lobby« mit eigenen Interessen und Zielen zu definieren haben.« 99

Als eine Veröffentlichung aus jüngerer Zeit ist die Dissertation von Stefan Drubel, »Protestantisches Profil in der Europäischen Union. Historische Tendenzen, strukturelle Perspektiven und religionspädagogische Konzepte«100 aus dem Jahr 2006 zu nennen. Seine Arbeit zeichnet dezidiert die Entwicklung des Protestantismus im europäischen Kontext nach und bietet einen Überblick über den politischen Werdegang der EU insbesondere für die Zeit vom Regierungsgipfeltreffen 1993 in Kopenhagen bis zur Ablehnung des Verfassungsentwurfes der EU durch die Niederlande und Frankreich im Jahr 2005.101

Auch die jüngste der hier berücksichtigten Untersuchungen hat den Fokus auf die mögliche europäische Bedeutung des Protestantismus gelegt. Unter dem Titel »Kirche und Europa« veröffentlichte die Aachener Theologin Monika Schreiber eine systematisch-theologische Arbeit, die ihren Schwerpunkt durch die Zweitüberschrift deutlich macht: »Protestantische Ekklesiologie im Horizont europäischer Zivilgesellschaft«.102 Ihre Grundfrage lautet daher,

»welche Rolle die protestantischen Kirchen im Horizont der zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Integration Europas spielen, und ob sie zur Ausbildung eines europäischen Bürgertums beitragen können, (…).«103

Mit der dazu gehörenden These macht Schreiber zugleich deutlich, dass sich ihre Untersuchung dem institutionellen Protestantismus auf europäischer Ebene zuwendet:

»Meine These lautet dabei, dass sich die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) (…) durch strukturelle Reformen als kulturprotestantische Deutungsinstanz europäischer Lebenswirklichkeit etablieren könnte.«104

In einem ersten Schritt untersucht Schreiber mit dem Instrument des Interviews mit 17 Vertreterinnen und Vertretern aus dem Raum der Kirche und Politik auf europäischer Ebene, wie aussagekräftig der Europa-Begriff im Hinblick auf kollektive Identitätsbeschreibungen ist.105 Daraus ergeben sich für sie »Kriterien für eine kirchliche und theologische Verwendung des Begriffs ›Europa‹ (…).«106 Sie selbst kommt für ihre Arbeit zu der Entscheidung, ›Europa‹ im Sinne der EU zu verwenden.107

Nach einem historischen Aufriss politischer Philosophien108, in denen der Freiheitsbegriff in der Spannung zwischen Vielfalt und Einheit reflektiert wird, kommt sie zu dem Schluss, dass »die spezifische Variante politischer Freiheit, welche als Idee für die EU charakteristisch ist, unter dem Stichwort der ›Entgrenzung‹ betrachtet wird.«109