Kirche in Not - Wilfried Seywald - E-Book

Kirche in Not E-Book

Wilfried Seywald

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Beschreibung

In Waisach bei Greifenburg im Oberdrautal soll ein aufgelassenes Hieronymitaner-Kloster aus dem Jahre 1746 wiederbelebt werden. Auf der Suche nach historischen Dokumenten entdeckt der Projektentwickler Wilfried Seywald ein Büchlein des Tiroler Priesters und Publizisten Ignaz Schöpf, in dem die desaströsen kirchlichen und sozialen Verhältnisse in der Donau-Monarchie angeprangert werden. Ignaz Schöpf war von November 1866 bis Februar 1868 als Provisor in Waisach tätig, davor schon in Straßburg und in St. Stefan am Krappfeld. Er schildert in seinem Buch die pastoralen Aufgaben der katholischen Kirche und stellt diesen seine Erlebnisse im Land an der Drau gegenüber – mit Folgen für sich und den ganzen Priesterstand. Eine Einführung zu Beginn zeigt die Zerrissenheit von Kirche und Staat.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieses Buch ist allen jenen Leserinnen und Lesern

gewidmet, die einen Beitrag zur Neugründung des

Hieronymitaner-Klosters Waisach leisten.

Die kirchlichen Zustände in Österreich

und das allgemeine Konzil in Rom

Von Ignaz Schöpf

Innsbruck.

Verlag der Wagner’schen Universitäts-Buchhandlung

1869

Inhalt

Einführung

*Vorwort oder Entschuldigung.

Die Schule. (März 1866)

Die Schule. (Februar 1867)

Katechetischer Unterricht.

Die Vergiftung der Schuljugend in moralischer und religiöser Beziehung.

Die Pflicht zu predigen.

Der Umgang dieser Pflicht.

Wie wird der Pflicht zu predigen in der Diözese Gurk entsprochen?

Das Bußsakrament.

Wo soll das Bußsakrament gespendet werden?

Wie wird das Sakrament der Buße in der Gurker Diözese gespendet?

Wo wird in der Gurker Diözese fast durchgängig das Sakrament der Buße gespendet?

Letzte Oelung und Kranken-Seelsorge.

Mit welcher Sorgfalt nehmen sich in der Diözese Gurk die Seelsorger der Kranken an?

Das Sakrament der Ehe.

Wie steht es in dieser Beziehung in der Diözese Gurk?

Hat der Klerus in der Diözese Gurk auch eine Schuld an dieser Entheiligung des Sakramentes der Ehe?

Die Eucharistie.

Wie entsprechen die Pfarrgeistlichen in der Diözese Gurk dieser heiligen Aufgabe?

Meine letzten Tage in Kärnten.

Kurze Charakteristik des Klerus in der Diözese Gurk.

Die düstern Zustände in Kärnten.

Bestehen diese unglücklichen kirchlichen Zustände in ganz Oesterreich?

Wer kann da helfen? *

Personenregister

Danksagung

Der Autor

Der Herausgeber

Namens- und Ortsverzeichnis

* Schöpf: Die kirchlichen Zustände, Innsbruck 1869

Inhaltsverzeichnis im Originaltext

Einführung

Man kann das Büchlein über die „kirchlichen Zustände“ in Kärnten am Vorabend des Vatikanischen Konzils (1869) als Erlebnisbericht eines unbeugsamen Idealisten lesen. Man kann es auch als Sittenbild eines Landes studieren, das zu den ärmsten der Donaumonarchie zählte. Es kann aber auch als einfache Skizze erläutern, warum sich die römische Kurie und der Papst – mit dem Dogma der Unfehlbarkeit – das Durchgriffsrecht bis in die Landeskirchen hinunter sichern wollte.

Die geschilderten Zustände der Kirche in Kärnten waren nicht wirklich erfreulich, und Ignaz Schöpf kein einfacher Gottesmann. Für seine Oberen in seiner Heimat Tirol ebenso wie in Kärnten war er wohl ein Querulant, Besserwisser und ewiger Kritiker, einer der sich mit den schwierigen pastoralen Gegebenheiten nicht abfinden wollte und hierzu viele Beispiele fand, mit denen er seine Anklage untermauerte. Das brachte ihn fortwährend in Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen mit Kirchenbesuchern und Wirtsleuten ebenso wie mit Priesterkollegen und Kirchenleitungen.

Als mir das Büchlein bei den Recherchen zur Geschichte des Hieronymitanerklosters und Hospiz Waisach bei Greifenburg im Oberdrautal in die Hände fiel, bemerkte ich, dass er ein ziemlich scharfes Auge für die sozialen Verhältnisse der Zeit hatte und so ein schönes Dokument für die Nachwelt hinterließ. Denn bei aller Kritik an den kirchlichen Verhältnissen zeigt das Büchlein auf, wie sehr das Land unter den sozialen Problemen litt, und wie weit verbreitet Armut und Verwahrlosung waren.

Zu Ignaz Schöpfs Kärntner Zeit war Valentin Wiery (1858-1880) Bischof von Gurk, danach folgte Peter Funder (1880-1886), der bereits ab 1865 als Ordinariatskanzler im bischöflichen Palais wirkte. Derselbe Funder wurde 1820 in Waisach geboren und war wohl auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass Schöpfs Hilferufe an das Bischöfliche Ordinariat wirkungslos verhallten – obwohl gerade Schöpf den Priestermangel in Funders Heimatpfarre beheben sollte.

Der anhaltende Priestermangel führte Ignaz Schöpf am 1. Oktober 1865 nach Kärnten. Er trat zunächst eine Konsistorialstelle in Straßburg an, wo er sich ziemlich rasch mit dem Stadtpfarrer überwarf, dem das dogmatische Engagement seines Priesterkollegen aus Tirol missfiel.

Im April 1866 wurde Schöpf als Pfarrprovisor nach St. Stefan im Krappfeld versetzt, das er aufgrund der liederlichen Zustände und moralischen Missstände aber schon im August wieder verließ. Im November 1866 trat er seine dritte und letzte Stelle in Kärnten als Pfarrprovisor von Waisach bei Greifenburg an. Hier residierte er im ehemaligen Hieronymitanerkloster und betreute die Pfarre ebenso wie die Schule, fand Freunde wie Anhänger, die sein Wirken unterstützten.

Doch eine Intrige des örtlichen Gastwirts von Waisach im Verein mit einem missliebigen Förster in der Nachbarschaft, der den ganzen Gemeinderat hinter sich wusste, brachte auch diese Stelle rasch zum Ende. Nach nur 15 Monaten, im Februar 1868, wurde ihm vom bischöflichen Ordinariat (Funder) die Messlizenz entzogen, er selbst der Diözese und des Landes Kärnten verwiesen.

Das Büchlein über „Die kirchlichen Zustände in Österreich und das allgemeine Konzil in Rom“ erschien bereits ein Jahr später in Innsbruck und wurde zum Skandal, Schöpf in den Tages- und Wochenzeitungen des Landes zum Vorkämpfer der reinen Kirchenlehre hochstilisiert. Doch diese Berühmtheit sollte später dazu führen, dass Schöpf auch in seiner neuen Stelle in Telfes im Stubaital schwer verunglimpft wurde und zuletzt – als Gegner des päpstlichen Dogmas und wegen seiner Abkehr von der katholischen Kirche (als Altkatholik) – exkommuniziert wurde.

Kärnten nach der Reformation

Kärnten war schon nach der Reformation ein blinder Fleck für die katholische Kirche und die herrschenden Habsburger. Noch im 18. Jahrhundert installierte Kaiserin Maria Theresia mehrere Missionsstationen (u. a. Waisach, Baldramsdorf und Innerteuchen), um die abgefallenen „Akatholiken“ zurückzuholen. Viele davon waren protestanisch, aber noch mehr hatten gar keinen Bezug zum Glauben, da die kirchliche Seelsorge in den dünn besiedelten Seitentälern sehr vernachlässigt wurde. Die herbeigerufenen Ordensbrüder erhielten so die Aufgabe, die ihnen anvertrauten Schäfchen auf den rechten Weg zu führen, was allerdings oft nur zum Bespitzeln und Diffamieren von einzelnen Familien führte und damit das Misstrauen der ganzen Bevölkerung schürte.

Die josephinischen Reformen brachten den Protestanten in Kärnten die Religionsfreiheit, vielen katholischen Klöstern und Hospizen aber die Schließung, was dazu führte, dass sich der schon zuvor beklagte Priestermangel und der in bürgerlichen Teilen der Bevölkerung vorhandene Antiklerikalismus noch einmal verschärfte. Nach den napoleonischen Kriegen lag das Land auch wirtschaftlich darnieder, Wetterkapriolen, Missernten und ökonomische Fehlentscheidungen des Adels brachten Hunger und Armut und trieben zahlreiche Bauernhöfe in den Ruin.

Kärnten nach der Revolution

Die Revolution von 1848 verlief in Kärnten zwar friedlich, doch die soziale Frage blieb. In manchen Orten wurden bis zu 90 Prozent der Kinder unehelich geboren. Das Jahr brachte den Bauern die Entlastung von allen Abgaben an die Grundherrschaft und weitgehend gleichberechtigte Bürgerrechte, doch frei von Frondienst waren die Bauern auch schon vorher. Ihre Abgaben mussten sie nunmehr den Steuerbehörden bei den neu gegründeten Bezirksgerichten entrichten.

Ignaz Schöpf schreibt, dass im Jahre 1866 allein der kleine Gerichtsbezirk Krappfeld – in bester, fruchtbarster Lage – an die 84.000 Gulden an Steuerrückständen beklagte und gerichtliche Exekutionen an der Tagesordnung waren. Große Bauernhöfe wurden zum Spottpreis verschleudert, Trunksucht, Gewalt, Polygamie, Syphilis, Betrug und Felddiebstahl in breiten Kreisen als „normal“ hingenommen.

Auch den Arbeitern ging es nicht besser. Etwa ein Viertel der Kärntner Bevölkerung lebte von der Eisenverarbeitung, von Glashütten, Bergbau und Holzkohleherstellung, harte und entbehrungreiche Tätigkeiten, die kaum zum Leben reichten, vielmehr die Lebenserwartung senkten. Diese industrielle Produktion und der aufkommende Tourismus erlebten mit dem Siegeszug der Eisenbahn ab 1867 aber enorme Nachfrage, was dann auch später – sehr langsam – zu mehr Wohlstand führte.

Die katholischen Kirche, vom Josephinischen Staat hart beschnitten, erlebte ebenfalls einen neuen Aufschwung, auch wenn sich damit die Konflikte mit den politischen Gegnern verschärften. Das Konkordat von 1855 entzog den Klerus der staatlichen Macht und sicherte ihm maßgeblichen Einfluss auf Priesterausbildung, Eherecht und Schulwesen sowie die Restitution der zuvor eingezogenen Kirchengüter (Religionsfonds).

Die militärischen Niederlagen Österreichs von 1866/67 brachten allerdings wieder Oberwasser für die Gegner des Konkordats, das am 25. Mai 1868 durch die „Maigesetze“ in wichtigen Punkten – betreffend kirchliche Ehegerichtsbarkeit, Aufsichtsrecht des Staates über die Schulen und die interkonfessionellen Verhältnisse – modifiziert wurde.

1870, nach der Dogmatisierung des Primats und der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes (Beschlussfassung ohne die österreichischen Bischöfe) wurde das Konkordat von Österreich-Ungarn schließlich für unwirksam erklärt, durch staatliche Regelungen ersetzt und 1874 formell ganz aufgehoben. Ab dieser Zeit ging es auch klimatisch und wirtschaftlich wieder bergauf, es folgte eine Blüte für Landwirtschaft, Handel und Industrie.

Vor dem Vatikanischen Konzil

Im Oktober 1862 begann der Eisenbahnbau von Klagenfurt nach Villach, 1863 wurde der Bahnhof zu Klagenfurt am 31. Mai eingeweiht und danach für die Strecke nach Marburg freigegeben. Der Bau der Eisenbahn brachte viele Fremdarbeiter ins Land, allein in Krumpendorf über 500 Personen. Anfang 1864 fuhr die erste Eisenpferd-Dampfmaschine von Klagenfurt nach Villach, am 30. Mai wurde die Eisenbahnstrecke dem öffentlichen Verkehr übergeben.

Das Jahr 1866 war ein unglückliches Jahr. Schon zu Anfang war der Krieg gegen die vereinten Preußen und Italiener absehbar. Tag für Tag gingen vier bis fünf große Eisenbahnzüge mit Militär, Pferden, Kanonen, Fuhrwagen nach Verona ab. Bei Villach-Warmbad standen 4000 ungarische Ochsen als Vorrat, berichtet der Krumpendorfer Pfarrer. Obwohl militärisch bei Custozza erfolgreich, verlor Österreich durch seine Niederlagen gegen die Preußen alle italienischen Gebiete.

Das hinderte die Stadtbevölkerung von Villach nicht daran, den Fasching bunt zu feiern. Der erste bekannte „Villacher Fasching“ fand 1867 mit einer „gelungenen Corsofahrt“ seinen Abschluss. Im Juni 1867 wurde Kaiser Max von Mexiko, Bruder von Kaiser Franz Josef, erschossen.

Nach der militärischen Niederlage von Königgrätz und dem Ausgleich mit Ungarn war der Kaiser zu weiteren politischen Zugeständnissen im Reichsrat gezwungen. Die Dezemberverfassung 1867 führte u. a. zur Aufhebung der gesetzlichen Heiratsbeschränkungen und in den Folgejahren zu einer Heiratswelle, mit der die Quote der unehelichen Kinder in den Alpenländern der Monarchie von 27 auf 22 Prozent gesenkt werden konnte, wie die Statistiken zeigen.

Am 18. Juni 1868 – also nur wenige Monate nach dem Landesverweis für Ignaz Schöpf – besuchte Fürstbischof Valentin Wiery in Begleitung seines Ordinariatskanzlers Peter Funder die kleine Pfarrgemeinde Waisach, wohl um die Wogen nach dem erzwungenen Abgang von Schöpf zu glätten.

Der Bischof kam aus dem Gitschtal über den Kreuzberg und traf um 5 Uhr beim Pumhart’schen Hause ein, wo er unter dem eigens errichteten Triumphbogen von der „zahlreich versammelten Geistlichkeit“ und einer „massenhaften Volksmenge“ festlich empfangen wurde, wie die Chronik berichtet. „Dann folgte der feierliche Einzug in die Kirche, wo er eine ergreifende Ansprache hielt und sodann der Kirchenkatechese beiwohnte. Schließlich wurden noch die anderen bei der Visitation üblichen Funktionen verrichtet, die Klosterkapelle besucht, und endlich erfolgte der Einzug in Greifenburg. Am nächsten Tage war dort die hl. Firmung, bei welcher Gelegenheit über 100, mitunter recht Erwachsene, das hl. Sakrament empfingen.“

Im selben Jahr 1868, nur einige Monate später, gewann der junge Besitzer der Thaler-Realität bei der 91. Ziehung der österreichischen Staats-Lotterie den Haupttreffer mit rund 200.000 Gulden, ein Vermögen nach heutiger Kaufkraftparität von etwa 2,73 Mio. Euro. Thaler spendete einen kleinen Teil davon für die Renovierung der Pfarrkirche Waisach und die einklassige Schule des Ortes und vergrößerte mit dem übrigen Geld seinen Haus- und Hofbesitz um ein Vielfaches.

Das Dogma der Unfehlbarkeit

Etwa zur gleichen Zeit – am 29. Juni 1868 – wurde das (erste) Vatikanische Konzil aus Anlass des 1800-jährigen Martyriums von Petrus und Paulus von Papst Pius IX. in Rom einberufen. Ziel war es, moderne (liberale) Ansichten („Irrtümer“) abzuwehren und die kirchliche Gesetzgebung der Zeit entsprechend anzupassen.

Pius IX. hatte sein Pontifikat gleich zu Beginn dem Kampf gegen die nach den Revolutionen von 1848 aufblühenden Unabhängigkeitsbewegungen und den Liberalismus gewidmet. Von Anfang an bestimmte daher auch die Debatte über die päpstliche Unfehlbarkeit das Konzilgeschehen und teilte die Konzilsväter in zwei Lager. Vor allem die Bischöfe forderten die Verabschiedung eines solchen Dogmas. Die Gegner der Unfehlbarkeitserklärung – zu ihnen gehörte fast der ganze deutsch-österreichische Episkopat, Schweizer Bischöfe und ein Teil des französischen Bischofskollegiums – machten aber nur rund zwanzig Prozent aus.

Nachdem die Gegner überstimmt wurden oder sich durch Auszug der Stimme enthielten, wurde die neue Konstitution (De ecclesia Christi) am 18. Juli 1870 angenommen, die in ihrem umstrittenen vierten Kapitel (De Romani Pontificis infallibili magisterio) besagt:

„Der Papst übt als Nachfolger Petri, Stellvertreter Christi und oberstes Haupt der Kirche die volle ordentliche, unmittelbare bischöfliche Gewalt über die Gesamtkirche und über die einzelnen Bistümer aus. Diese erstreckt sich sowohl auf den Glauben und die Sitten als auch auf die Disziplin und Kirchenleitung [...]“

Die Diskussion über diese Frage war mit der Abstimmung nicht beendet, nunmehr aber Dogma, an dessen absolute Verbindlichkeit sich die Priester und die ganze katholische Kirche zu halten hatten. In der Folge kam es zu schweren Verwerfungen, u. a. auch zur Abspaltung der Altkatholiken, die das Dogma nicht anerkennen wollten.

Einflussreiche Theologen gaben schon zuvor zu bedenken, dass die Methode der Dogmenverkündigung die Kirche in eine Sackgasse bringen würde. Doch der Papst war anderer Meinung und behinderte eine Diskussion unter den Bischöfen, indem er die Durchführung regionaler Bischofssynoden untersagte. Da es nach der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis nur wenige Proteste gab, glaubte Pius IX, dass die Kirche auch das Dogma der Unfehlbarkeit akzeptieren würde.

Die Absichten des Papstes wurden durch eine Indiskretion bekannt, worauf sich eine massive internationale Allianz bildete. Priester, Bischöfe und einflussreiche Laien begannen, öffentlich über den Papst zu spotten. Im Gegenzug sorgte die Papstfraktion (die „Ultramontanen“) für eine gottähnliche Verehrung. Pius IX wurde unter anderem „König der Könige“, und „Vizegott der Menschheit“ genannt. Schließlich setzte sich der Papst durch, das Dogma der Unfehlbarkeit wurde verkündet. Im „Syllabus“, einem Katalog von „Zeitirrtümern”, hatte Pius IX zuvor sogar die Verweltlichung und Demokratisierung des geistigen und politischen Lebens verurteilt.

Pius IX wähnte sich am Gipfel der Macht, bis die Truppen des geeinten Italiens dem damaligen Kirchenstaat ein Ende bereiteten. Das Unfehlbarkeitsdogma, das die weltliche päpstliche Macht absichern sollte, hatte deren Verfall nur noch beschleunigt. Weder Frankreich noch Deutschland noch Österreich-Ungarn eilten dem bedrängten Papst zu Hilfe.

Ein Leben für die Kirche

Ignaz Schöpf (1819-1882) wurde als Sohn eines Tischlers und Bauern in Arzl im Pitztal geboren und gelangte durch seine streitbaren Schriften in Kirchenkreisen zu einiger Berühmtheit. Er studierte Philosophie in Innsbruck und Theologie in Brixen (Südtirol) und fiel schon in dieser Zeit aufgrund seiner Belesenheit auf, ohne sich allerdings besonderer Beliebtheit in Studentenkreisen zu erfreuen, wie die Biografen schreiben. Mit Vorliebe las er französische wie englische Literatur, weshalb er schon in der Schule den Spitznamen Voltaire erhielt. 1845 empfing er in Brixen die Priesterweihe und war von nun an in der Seelsorge in Tirol und Vorarlberg tätig.

Sehr bald begann er über katechetische und homiletische Fragen zu publizieren, zunächst in den „Katholischen Blättern“, später auch in der „Kirchlich-politischen Tiroler Zeitung“, die er zeitweise auch redigierte. Offenbar aufgrund kritischer Beiträge und wiederholter Unstimmigkeiten mit dem Bischof von Brixen und seinem Herausgeber („weil ihm der Wirkungskreis in seinem Vaterlande zu enge geworden“) verlies er 1865 seine Heimat in Richtung Kärnten, um hier – unter Bischof Wiery und Ordinariatskanzler Funder, die wiederholt über Priestermangel klagten – seelsorgerisch tätig zu werden.

Doch auch hier blieb Schöpf seiner gewohnt kritischen Analyse und Beurteilung der Verhältnisse treu. Seine Unbequemlichkeit ging so weit, dass er schon nach zweieinhalb Jahren und mehreren Stationen als Provisor, Lehrer und Pfarrer am 15. Februar 1868 von der Diözese Gurk des Landes verwiesen wurde. Die Erlebnisse dieser Zeit verarbeitete er in einem Büchlein, das 1869 unter dem Titel „Die kirchlichen Zustände in Oesterreich und das allgemeine Konzil in Rom“ in Innsbruck verlegt wurde.

Obgleich selbst katholischer Priester, schildert er darin die kirchlichen Zustände der Gurker Diözese in einer Weise, die nur zu einem Skandal führen konnte. Die Schrift machte viel böses Blut, der Kärntner Klerus war entrüstet. Trotzdem erhielt Schöpf in seiner Heimatdiözese Brixen in Tirol eine neue Stelle als Seelsorger, diesmal in Telfes bei Sterzing.

Aber auch dort überwarf er sich aufgrund der Hetze des örtlichen Frühmessers (Pfarrer, der die Frühmesse liest), dem seine liberale Haltung missfiel, mit der Kirchengemeinde.

Das Wiener „Fremden-Blatt“ lieferte in der „Geschichte eines Tiroler Geistlichen“ (138/1870) eine Kurzdarstellung der Zerwürfnisse zwischen Schöpf und der Gemeinde, die so sehr eskalierten, dass die „Weiber von Telfes“ den „liberalen Pastor“ verfolgten und an Leib und Leben bedrohten. In Folge dieser Ereignisse entspann sich eine scharfe Kontroverse zwischen Schöpf und dem Brixener Bischof Vinzenz Gasser, dem Ordinariat und dem fürstbischöflichen geistlichen Diözesangericht, die über die „Deutsche Zeitung“ in Wien ausgetragen wurde (1872, Nrn. 168, 170, 183 und 200).

Die offenen Feindseligkeiten der Telfeser Gemeinde und seine eigene Unbeugsamkeit führten schließlich dazu, dass er sein Amt niederlegte und sich nach Obermais bei Meran zurückzog, wo er seine Studien – privatisierend – fortsetzte. Hier schrieb er auch eine Reihe politischer Abhandlungen, die unter dem Titel „Offene Briefe an das Tiroler Volk“ im „Boten für Tirol“ erschienen sind und in denen er unter anderem gegen das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma kämpfte.

Höhepunkt seines Ungehorsams war der offene Bruch mit der katholischen Kirche, da er das nach dem Vatikanischen Konzil 1870 erlassene Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht – wie andere Amtsbrüder auch – stillschweigend hinnehmen wollte. Seiner Überzeugung treu bleibend trat er zum Altkatholizismus über und ließ sich 1874 zum Pfarrverweser zu Sauldorf im Großherzogtum Baden ernennen, worauf er auf Betreiben des Bischofs von Brixen 1875 „exkommuniziert“ wurde.

Doch dies war nicht das Ende. Am 2. August 1876 berichtet das Innsbrucker Tagblatt unter dem Titel „Sie haben ihn nun wieder“ auf Seite 3 mit Verweis auf die „Frankfurter Stimme“, dass Pfarrer Ignaz Schöpf seinen Austritt aus dem Altkatholizismus erklärt habe und in die römisch-katholische Kirche zurückgekehrt sei – nicht ohne beißenden Spott, „weil wir bei ihm (schon immer) Charakter und Überzeugung vermißten“.

Auch in Sauldorf hatte sich Schöpf wieder in Konflikte mit der oberen Kirchenleitung verwickelt, sodass er schon 1876 seines Amtes als Pfarrer – unter Verlust der Pfarrpfründe – enthoben wurde. 1878 verließ Ignaz Schöpf erbittert seine Badener Gemeinde wieder Richtung Heimat Tirol, 1880 wurde er offiziell „ausgebürgert“. So kehrte er in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurück und verstarb im Alter von nur 63 Jahren im Sommer 1882 als Kaplan von Heiligkreuz in Hall in Tirol.

Dr. Wilfried Seywald

Wien, im April 2020

Anmerkung: Der nun folgende Text von Ignaz Schöpf aus dem Jahre 1869 wurde zur Gänze und unverändert übernommen, lediglich der besseren Lesbarkeit wegen von Frakturschrift in Hiroshige-Schriftzeichen übertragen.

Jedermann weiß, wie betrübend die Zustände der katholischen Kirche in Oesterreich sind. Es ist daher nicht nöthig, sie des Weitern zu schildern; hat man ja alle Tage Gelegenheit, dieselben kennen zu lernen. Aber woher kommt es, daß in Oesterreich ein solcher Sturm gegen die Kirche losbrach? Woher kommt es, daß man die katholische Kirche gleichsam ganz verdrängen und der Staat allein auch in religiösen Angelegenheiten herrschen will? Und woher kommt es, daß in manchen Orten die katholische Kirche nur noch dem Namen nach besteht, daß alles katholische Leben fast ganz erstorben ist?

Ich weiß, man gibt viele Ursachen für diese traurigen Erscheinungen an und es sei ferne, daß ich den Klerus allein dafür haftbar mache. Aber sagt uns nicht die Kirchengeschichte, daß nur in jenen Ländern die katholische Kirche in Verfall kommt, wo der Klerus seiner hohen Aufgabe entweder nicht gewachsen ist, oder derselben nicht nachkommt? Im Gegentheil sehen wir aus der Kirchengeschichte, daß sich nur dort ein gesundes katholisches Leben zeigt, wo der Klerus mit wissenschaftlicher Bildung jene priesterlichen Tugenden verbindet, die für ihn unerläßlich nothwendig sind. Es muß demnach beim österreichischen Klerus hie und da sowohl an tüchtiger theologischer Bildung, wie auch an den erforderlichen Eigenschaften fehlen, weil in kirchlicher Beziehung solch unglückliche Verhältnisse in Oesterreich herrschen.

Als katholischer Priester halte ich es für eine Pflicht, über diese unglücklichen Zustände der katholischen Kirche in Oesterreich einige Gedanken zu veröffentlichen, damit man doch einmal, vielleicht in letzter Stunde, einsehe, wo es bei uns hauptsächlich fehlt. Freilich dürften nachfolgende Blätter Manchen nicht willkommen sein. Denn bei allem Elende, welches durch pflichtvergessene Priester herbeigeführt wird, wollen diese daran doch nie eine Schuld tragen. Es ist allerdings bequem, die Mißstände in der Kirche nur Denen zuzuschreiben, die gegen die Kirche und den Klerus so feindlich auftreten. Feinde hat die Kirche immer gehabt, und wird sie mehr oder minder immer haben. Im Kampfe gegen diese unsere Feinde wurde aber die Kirche stets geläutert, wurde stark und ging als Siegerin hervor. Nur die Feinde im eigenen Hause haben der Kirche stets Wunden geschlagen, die ihre Lebensexistenz in diesem oder in jenem Lande bedrohten oder gar vernichteten. – Es muß daher dem Klerus selbst daran liegen, zur Erkenntniß seiner Gebrechen und Fehler zu gelangen, damit er in sich gehe und sich bessere. Damit will ich natürlich nicht behaupten, daß der ganze Klerus in Oesterreich seiner Pflicht nicht nach komme. Ich kenne blos zwei Diözesen aus eigener Anschauung und ich vermag daher nur in Betreff dieser beiden Diözesen etwas in’s Einzelne einzugehen. Von den übrigen Diözesen läßt sich nur im Allgemeinen Einiges sagen, weil man in der That berechtigt ist, aus den Folgen auf die Ursachen zu schließen, wie man ja den Charakter einer Krankheit aus den äußeren Erscheinungen der selben erkennen kann.

Die Diözese Brixen, der ich angehöre, steht in gutem Rufe, und der Klerus derselben, wie überhaupt in Tirol, ist im Ganzen genommen eifrig und pflichttreu, wiewohl nicht zu läugnen ist, daß bezüglich der Pastoration hie und da Manches noch zu wünschen wäre.