Klang der Hoffnung - Jeffrey Archer - E-Book

Klang der Hoffnung E-Book

Jeffrey Archer

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Beschreibung

London, 1985. William Warwick, der aus bestem Hause kommt, ist von einem Wunsch erfüllt: In seinem Streben nach Gerechtigkeit möchte er die Karriereleiter des britischen Polizeiapparats durchlaufen – vom einfachen Streifenbeamten bis zum Commissioner. Mittlerweile ist William zum Drogendezernat versetzt worden und muss erleben, dass die Drogenkriminalität auf Londons Straßen von höchsten Kreisen aus Macht und Politik regiert wird. Gleichzeitig genießt William seine junge Liebe zu Beth, während seine Schwester Grace als Anwältin Karriere macht. Doch bald schon ziehen düstere Schatten auf. Die Intrigen eines alten Feindes zwingen William dazu, um seine Karriere und Berufung zu kämpfen - und dann erhät er eine Nachricht, die sein und Beths Leben von Grund auf ändern wird ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 425




Das Buch

William Warwick, der aus bestem Hause kommt, ist von einem Wunsch erfüllt: In seinem Streben nach Gerechtigkeit möchte er die Karriereleiter des britischen Polizeiapparats durchlaufen– vom einfachen Streifenbeamten bis zum Commissioner. Mittlerweile ist William als Detective Sergeant zum Drogendezernat versetzt worden und muss erleben, dass die Drogenkriminalität auf Londons Straßen von höchsten Kreisen aus Macht und Politik regiert wird. Gleichzeitig genießt William seine junge Liebe zu Beth, während seine Schwester Grace als Anwältin Karriere macht. Doch bald schon ziehen düstere Schatten auf. Die Intrigen eines alten Feindes zwingen William dazu, um seine Karriere und Berufung zu kämpfen– und dann erhält er eine Nachricht, die sein und Beths Leben von Grund auf ändern wird …

Der Autor

Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug zunächst eine bewegte Politiker-Karriere ein. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller, »Kain und Abel« war sein Durchbruch. Mittlerweile zählt Jeffrey Archer zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Seine historischen Reihen »Die Clifton-Saga« und »Die Warwick-Saga« begeistern eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London, Cambridge und auf Mallorca.

JeffreyArcher

KLANG DER HOFFNUNG

•DIE WARWICK-SAGA 2•

ROMAN

Aus dem Englischen von Martin Ruf

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Die Originalausgabe HIDDENINPLAINSIGHTerschien 2020 bei Macmillan, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2020 by Jeffrey Archer Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Redaktion: Thomas Brill Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München, unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock.com (Likee68, chettarin) und © Trevillion Images (Mark Owen) Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-25373-8V001www.heyne.de

Für John und Margaret Ashley

1

14. April 1986

Die vier saßen um den Tisch und starrten den Geschenkkorb an.

»Für wen soll der sein?«, fragte der Commander.

William las die handgeschriebenen Worte auf dem Anhänger. »Herzlichen Glückwunsch, Commander Hawksby.«

»Dann sollten Sie ihn wohl besser aufmachen, DC Warwick«, sagte Hawksby und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

William Warwick stand auf, löste die beiden Lederbänder und öffnete den Deckel des riesigen Weidenkorbs, der mit lauter Dingen gefüllt war, die sein Vater als »Leckereien« bezeichnet hätte.

»Da weiß uns offensichtlich jemand zu schätzen«, sagte DCI Lamont und nahm eine Flasche Scotch aus dem Korb. Erfreut stellte er fest, dass es ein Black Label war.

»Und er kennt unsere Schwächen«, sagte der Commander, nahm eine Schachtel Montecristo-Zigarren heraus und legte sie vor sich auf den Tisch. »Sie sind dran, DC Roycroft«, fügte er hinzu, während er eine der kubanischen Zigarren zwischen seinen Fingern rollte.

Jackie Roycroft entfernte zunächst vorsichtig einen Teil des Verpackungsstrohs und entdeckte dann ein Glas Foie gras, das sie sich von ihrem Gehalt nie hätte leisten können.

»Und schließlich DC Warwick«, sagte der Commander.

William kramte ein wenig im Geschenkkorb herum, bis er auf eine Flasche Olivenöl aus Umbrien stieß, für die, wie er wusste, seine Verlobte Beth besonders dankbar wäre. Er wollte sich gerade wieder hinsetzen, als er einen kleinen Umschlag entdeckte. Dieser war an »Commander Hawksby QPM« adressiert und als »Persönlich« gekennzeichnet. William reichte seinem Chef den Umschlag.

Hawksby riss den Umschlag auf und zog eine handgeschriebene Karte heraus. Seine Miene verriet nichts, obwohl die unsignierte Nachricht nicht eindeutiger hätte sein können. Mehr Glück beim nächsten Mal.

Während die Karte herumgereicht wurde, verwandelte sich das Lächeln der Anwesenden in Stirnrunzeln, und rasch wurden die Geschenke in den Korb zurückgelegt.

»Wissen Sie, was das Ganze noch schlimmer macht?«, fragte der Commander. »Ich habe heute tatsächlich Geburtstag.«

»Und das ist noch nicht alles«, sagte William. Und dann erzählte er dem Team von seiner Unterhaltung mit Miles Faulkner im Fitzmolean kurz nach der Enthüllung von Rubens’ Kreuzabnahme.

»Aber wenn der Rubens eine Fälschung ist«, sagte Lamont, »warum nehmen wir Faulkner dann nicht einfach fest und bringen ihn ins Old Bailey, wo Richter Nourse die beiden Worte ›zur Bewährung‹ aus dem Urteil streichen und ihn für die nächsten vier Jahre hinter Gitter bringen wird?«

»Nichts würde mir mehr Vergnügen bereiten«, sagte Hawksby. »Aber wenn sich das Bild doch als Original erweist, wird Faulkner uns zum zweiten Mal zum Narren gehalten haben – und zwar auf einem Schauplatz, der wie kein anderer von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.«

Die Frage, die der Commander dann stellte, überraschte William.

»Haben Sie Ihre Verlobte gewarnt, dass der Rubens möglicherweise eine Fälschung sein könnte?«

»Nein, Sir. Ich hielt es für besser, Beth nichts davon zu sagen, bevor Sie entschieden hätten, wie wir vorgehen wollen.«

»Gut. Dann wollen wir es vorerst auch dabei belassen. Das verschafft uns etwas mehr Zeit, um unseren nächsten Schritt zu planen, denn wir werden anfangen müssen, wie Faulkner zu denken, wenn wir diesen verdammten Kerl jemals zur Strecke bringen wollen. Jetzt schaffen Sie mir dieses Ding aus den Augen«, verlangte er, indem er auf den Geschenkkorb deutete. »Und sorgen Sie dafür, dass es in unser Verzeichnis für besondere Zuwendungen aufgenommen wird. Aber lassen Sie den Korb zuerst auf Fingerabdrücke untersuchen – auch wenn ich nicht damit rechne, dass unsere Experten etwas anderes finden werden als unsere eigenen Abdrücke und vielleicht noch die einer unschuldigen Verkäuferin bei Harrods.«

William nahm den Korb und brachte ihn ins Nebenzimmer, wo er Angela, die Sekretärin des Commanders, darum bat, das Geschenk in die Abteilung D705 zu schicken, um es dort untersuchen zu lassen. Es war nicht zu übersehen, dass sie ein wenig enttäuscht wirkte. »Ich hatte auf die Preiselbeersoße spekuliert«, gestand sie. Als er kurz darauf wieder in das Büro seines Chefs kam, musste er verblüfft feststellen, dass der Rest des Teams mit der flachen Hand auf den Tisch klatschte.

»Nehmen Sie Platz, Detective Sergeant Warwick«, sagte der Commander.

»Unser Chorknabe ist ausnahmsweise mal sprachlos«, sagte Lamont.

»Das wird nicht lange anhalten«, verkündete Jackie, und alle brachen in Gelächter aus.

»Möchten Sie die guten oder die schlechten Neuigkeiten hören?«, fragte der Commander, nachdem der Beifall verklungen war.

»Die guten Neuigkeiten«, sagte DCI Lamont, »denn über meinen neuesten Bericht über die Diamantenschmuggler werden Sie nicht gerade begeistert sein.«

»Lassen Sie mich raten«, sagte Hawksby. »Die haben mitbekommen, dass Sie anrücken werden, und sind alle entwischt.«

»Es ist noch schlimmer, fürchte ich. Die sind gar nicht erst aufgetaucht, und die neueste Lieferung ebenso wenig. Ich habe den Abend damit verbracht, zusammen mit zwanzig bis an die Zähne bewaffneten Kollegen auf das Meer hinauszustarren. Deshalb sollten Sie uns die guten Nachrichten mitteilen, Sir.«

»Wie Sie alle wissen, hat DC Warwick seine Prüfung zum Sergeant bestanden, obwohl er dem Teilnehmer einer Demonstration gegen Atomwaffen in die …«

»Ich habe nichts dergleichen getan«, protestierte William. »Ich habe ihn nur höflich gebeten, sich zu beruhigen.«

»Eine Version, die sein Prüfer ohne irgendwelche Rückfragen akzeptiert hat, so gut ist der Ruf unseres Chorknaben.«

»Und was ist die schlechte Nachricht?«, fragte William.

»In Ihrem neuen Rang als Detective Sergeant werden Sie der Drogenfahndung überstellt.«

»Besser Sie als ich«, sagte Lamont seufzend.

»Aber«, fuhr der Commander fort, »der Commissioner ist in seiner unendlichen Weisheit zu dem Schluss gekommen, dass ein erfolgreiches Team nicht auseinandergerissen werden sollte, weshalb Sie beide sich gemeinsam mit DS Warwick zum Ersten des Monats als Teil einer Eliteeinheit ebenfalls der Drogenfahndung anschließen werden.«

»Ich reiche meine Kündigung ein«, sagte Lamont und sprang in gespieltem Protest auf.

»Das denke ich nicht, Bruce. Sie haben nur noch achtzehn Monate, bis Sie in Pension gehen, und als Leiter der neuen Einheit werden Sie zum Detective Superintendent befördert.«

Auch dieser Ankündigung folgte ein begeistertes Klopfen auf den Tisch.

»Ihre Truppe wird unabhängig von allen bereits bestehenden Einheiten der Drogenfahndung arbeiten. Sie hat nur eine Aufgabe, und dazu komme ich gleich. Zunächst aber möchte ich Ihnen mitteilen, dass Ihrem Team ein neuer Detective Constable zur Verstärkung zugeteilt wird, dessen Glanz sogar möglicherweise den unseres derzeitigen Chorknaben überstrahlen könnte.«

»Das möchte ich sehen«, sagte Jackie.

»Nun, da werden Sie nicht lange warten müssen, denn er wird in ein paar Minuten zu uns stoßen. Er kann einen hervorragenden Lebenslauf vorweisen und hat in Cambridge Jura studiert, wo man ihn beim Bootsrennen als Vertreter der Universität ausgewählt hat.«

»Hat er gewonnen?«, fragte William.

»Zwei Jahre hintereinander«, antwortete Hawksby.

»Dann hätte er vielleicht der River Police beitreten sollen«, sagte William. »Wenn ich mich recht erinnere, findet das Bootsrennen zwischen Putney und Mortlake statt. Dann wäre er wieder in seinem üblichen Revier.«

Die Bemerkung löste ein erneutes Hämmern auf den Tisch aus.

»Ich glaube, Sie werden erleben, dass er auf dem Festland genauso beeindruckend ist«, sagte der Commander, nachdem sich der Beifall gelegt hatte. »Er hat bereits drei Jahre bei der Regional Crime Squad in Crawley hinter sich. Aber da ist noch etwas, das ich Ihnen mitteilen sollte, bevor …«

Ein scharfes Klopfen an der Tür unterbrach Hawksby, weshalb er seinen Satz nicht zu Ende bringen konnte. »Herein«, sagte er.

Die Tür ging auf, und ein großer, gut aussehender junger Mann trat ein. Man hätte glauben können, er käme direkt von den Dreharbeiten zu einer populären TV-Polizeiserie und nicht von einer real existierenden regionalen Ermittlungsbehörde.

»Guten Tag, Sir«, sagte er. »Ich bin DC Paul Adaja. Man hat mir gesagt, ich solle mich bei Ihnen melden.«

»Setzen Sie sich, Adaja«, sagte Hawksby. »Ich möchte Ihnen den Rest der Einheit vorstellen.«

William beobachtete aufmerksam Lamonts Gesicht, als Adaja die Hand des Superintendent schüttelte, der sich offensichtlich zu keinem Lächeln durchringen konnte. Die Metropolitan Police hatte sich zum Ziel gesetzt, auch Männer und Frauen anderer ethnischer Herkunft für den Polizeidienst zu gewinnen, aber bisher hatte sie damit etwa so viel Erfolg gehabt wie mit dem Versuch, eine Gruppe von Diamantenschmugglern festzunehmen. William wollte unbedingt erfahren, warum jemand wie Paul auf die Idee gekommen war, sich um eine Stelle bei der Polizei zu bemühen, und er war entschlossen, dafür zu sorgen, dass sein neuer Kollege sich bei ihnen in kürzester Zeit wie zu Hause fühlen würde.

»Diese SIO-Besprechungen finden jeden Montagmorgen statt, DC Adaja«, sagte der Commander. »Sie dienen dazu, uns alle bei größeren Ermittlungen hinsichtlich unserer Fortschritte auf den neuesten Stand zu bringen.«

»Oder dem Ausbleiben von Fortschritten«, sagte Lamont.

»Machen wir weiter«, sagte der Commander, indem er die Unterbrechung ignorierte. »Gibt es irgendwelche Neuigkeiten über Faulkner?«

»Seine Frau Christina hat wieder Kontakt zu mir aufgenommen«, sagte William. »Sie hat darum gebeten, mich zu treffen.«

»Tatsächlich? Irgendein Hinweis, worum es geht?«

»Nein, Sir. Ich habe keine Ahnung, was sie will. Aber sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie ihren Mann genauso gerne hinter Gittern sehen würde wie wir. Deshalb glaube ich nicht, dass sie mich nur deshalb zum Tee ins Ritz einladen will, weil es dort Clotted Cream Scones gibt. So köstlich dieses Buttergebäck mit Sahne auch sein mag.«

»Mrs. Faulkner dürfte wahrscheinlich Bescheid wissen, wenn ihr Mann in irgendwelche anderen kriminellen Aktivitäten verwickelt ist, und es könnte nützlich für uns sein, schon vorab davon zu hören«, sagte Lamont. »Aber ich traue dieser Frau keinen Millimeter weit.«

»Ich auch nicht«, sagte Commander Hawksby. »Aber wenn ich zwischen Faulkner und seiner Frau wählen müsste, wäre sie für mich wohl das kleinere Übel. Aber nur einen halben Millimeter.«

»Ich kann die Einladung immer noch ablehnen.«

»Auf gar keinen Fall«, sagte Lamont. »Gut möglich, dass wir nie eine bessere Gelegenheit bekommen, Faulkner hinter Gitter zu bringen, denn wir sollten nicht vergessen, dass die Strafaussetzung schon beim geringsten Vergehen hinfällig wird und er für mindestens vier Jahre im Gefängnis landen würde.«

»Stimmt«, sagte der Commander. »Aber Sie können sicher sein, DS Warwick, dass Faulkner uns genauso aufmerksam beobachtet wie wir ihn. Er hat sicher einen Privatdetektiv engagiert, der seiner Frau so lange rund um die Uhr folgt, bis die Scheidung rechtskräftig ist. Das bedeutet, Tee im Ritz ist akzeptabel, ein Abendessen nicht. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Überaus klar, Sir. Und ich bin sicher, dass Beth die Sache genauso sieht.«

»Und denken Sie immer daran: Alles, was Mrs. Faulkner scheinbar versehentlich ausplaudert, ist in Wahrheit sorgfältig einstudiert. Und sie ist sich absolut bewusst, dass Sie alles, was diese Dame Ihnen anvertraut, wortwörtlich weitergeben werden, sobald Sie wieder im Yard sind.«

»Wahrscheinlich noch bevor ihr Chauffeur sie in ihrer Wohnung in Eaton Square abgesetzt hat«, fügte Lamont hinzu.

»Genau. Aber beschäftigen wir uns nun wieder mit drängenderen Themen. Es gibt mehrere Fälle, über die Sie die neue Kunst- und Antiquitäten-Einheit informieren müssen, bevor Sie sich Ihrer neuen Aufgabe widmen können.«

»Bevor DC Adaja zu uns gestoßen ist, wollten Sie uns gerade erklären, worin sich unser Team von bereits bestehenden Einheiten der Drogenfahndung unterscheidet, Sir.«

»Im Augenblick kann ich Ihnen noch nicht zu viel sagen«, erwiderte Hawksby. »Doch Sie werden nur eine einzige Aufgabe haben, und die wird nicht darin bestehen, ein paar einfache Dealer zu schnappen, die irgendwelchen Kiffern auf der Straße Cannabis verkaufen.« Plötzlich waren alle hellwach. »Der Commissioner will, dass wir den Mann identifizieren, von dem uns weder Name noch Aufenthaltsort bekannt sind und von dem wir nur wissen, dass er irgendwo südlich des Flusses im Großraum London lebt und arbeitet. Wir wissen lediglich, womit er sich offiziell beschäftigt.« Commander Hawksby öffnete eine Akte, die als »Top Secret« gekennzeichnet war.

2

»Hast du nun eigentlich deine Prüfung zum Sergeant bestanden?«, fragte sein Vater. »Oder musst du für den Rest deines Lebens Detective Constable bleiben?«

Williams Miene verriet nichts. Es war, als sitze er dem berühmten Kronanwalt im Zeugenstand gegenüber.

»Eines Tages wird Ihr Sohn Commissioner sein«, sagte Beth und bedachte ihren zukünftigen Schwiegervater mit einem warmherzigen Lächeln.

»Ich warte noch immer auf die Ergebnisse der Prüfung«, seufzte William und blinzelte seiner Verlobten zu.

»Ich bin sicher, dass du mit fliegenden Fahnen bestanden hast, mein Schatz«, sagte seine Mutter Marjorie. »Aber wenn dein Vater die Prüfung machen müsste, wäre ich nicht so zuversichtlich.«

»Ich denke, da sind wir uns alle einig«, sagte seine Schwester Grace.

»Ein Urteil, das sich weder auf Beweise noch auf Tatsachen stützt«, sagte Sir Julian. Er stand auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Sag mir, wie hat die Prüfung genau ausgesehen?«, fragte er und umfasste die Aufschläge seines Jacketts, als würde er sich an eine Reihe unentschlossener Geschworener richten.

»Die Prüfung besteht aus drei Teilen«, antwortete William. »Zunächst gibt es einen Fitness-Test, bei dem man einen Fünf-Meilen-Lauf in weniger als vierzig Minuten schaffen muss.«

»Es gibt wohl kaum Hoffnung, dass ich den bestehe«, gestand Sir Julian, während er weiter durch das Zimmer ging.

»Dann Selbstverteidigung, wo ich mich gerade eben so behaupten konnte.«

»Auch da hätte ich keine Chance«, sagte Sir Julian. »Außer wenn der Angriff verbal und nicht körperlich erfolgen würde.«

»Und schließlich musst du im Schwimmbad in Uniform und mit dem Schlagstock in den Händen drei Bahnen schwimmen, ohne unterzugehen.«

»Ich bin schon erschöpft, wenn ich nur daran denke«, sagte Grace.

»Bisher ist dein Vater bei allen drei Tests durchgefallen«, sagte Marjorie. »Also würde er definitiv den Rest seines Lebens damit verbringen, als Constable auf Streife zu gehen.«

»Hat man bei der Polizei auch irgendein Interesse an geistigen Fähigkeiten?«, wollte Sir Julian wissen und blieb vor dem Rest der Familie stehen. »Oder geht es nur darum, wer die meisten Liegestütze schafft?«

William gab nicht zu, dass es überhaupt keinen Fitness-Test gab und er seinen Vater nur aufziehen wollte. Und er war noch nicht bereit, den alten Mann vom Haken zu lassen.

»Danach kommen die praktischen Tests, Dad. Es dürfte faszinierend sein zu sehen, ob du bei einem von ihnen besser abschneidest.«

»Ich bin bereit«, sagte Sir Julian und setzte seinen Rundgang durch das Zimmer fort.

»Du musst drei Tatorte aufsuchen, damit die Prüfer sehen, wie du in verschiedenen Situationen reagierst. Beim ersten Test war ich recht gut. Ich musste einen Alkoholtest bei einem Fahrer durchführen, der in einen kleineren Unfall verwickelt war. Das Ergebnis war gelb, nicht rot, was verrät, dass er kürzlich etwas getrunken hatte, aber noch unter dem Limit lag.«

»Hast du ihn festgenommen?«, fragte Grace.

»Nein. Ich habe ihn nach einer mündlichen Verwarnung laufen lassen.«

»Warum?«, wollte Sir Julian wissen.

»Weil er den Test ja bestanden hatte und im Polizeicomputer stand, dass er Chauffeur war und keine Vorstrafen hatte. Wenn ich ihn festgenommen hätte, hätte er seine Arbeit verloren.«

»Du bist ein Weichei«, sagte Sir Julian. »Weiter.«

»Ich wurde zu einem Raubüberfall bei einem Juwelier gerufen. Eine der Mitarbeiterinnen schrie unablässig, und der Geschäftsführer stand unter Schock. Ich beruhigte sie beide, bevor ich über Funk Hilfe angefordert habe. Dann habe ich den Tatort versiegelt und auf die Verstärkung gewartet.«

»Es sieht so aus, als ob du bisher ganz gut zurechtgekommen bist«, sagte seine Mutter.

»Das dachte ich auch, bis mir die Verantwortung für eine Gruppe junger Constables übertragen wurde, die einen Protestmarsch zur atomaren Abrüstung begleiteten, der irgendwann außer Kontrolle geriet.«

»Was ist passiert?«, fragte seine Schwester.

»Ich habe anscheinend nicht mit der gebotenen Ruhe reagiert, als ein Demonstrant einen meiner Männer ein ›Faschistenschwein‹ nannte.«

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, als was sie mich bezeichnet hätten«, sagte Sir Julian.

»Oder wie du reagiert hättest«, sagte seine Frau.

Alle lachten, außer Beth, die wissen wollte, wie William sich verhalten hatte.

»Ich habe ihm in die Eier getreten.«

»Du hast was?«, fragte seine Mutter.

»Ehrlich gesagt, habe ich nur meinen Schlagstock gezogen, aber als wir den Mann auf die Wache brachten, hat er etwas anderes ausgesagt. Und es war nicht unbedingt eine Hilfe, dass ich es versäumt habe, in meinem Bericht aufzuführen, was sich wirklich abgespielt hat.«

»Ich kann nicht behaupten, dass ich besser zurechtgekommen wäre«, sagte Sir Julian und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

»Machen wir uns nichts vor, Vater«, sagte William und reichte ihm eine Tasse Kaffee. »Du hättest den Fahrer, der etwas getrunken hatte, eingebuchtet, dem Juwelier und seiner Mitarbeiterin gesagt, sie sollen sich nicht so anstellen, und dem Demonstranten zweifellos ein zweites Mal in die Eier getreten. Entschuldige meine Ausdrucksweise, Mutter.«

»Du hast gesagt, die Prüfung bestünde aus drei Teilen«, erwiderte Sir Julian, der versuchte, sich wieder zu erholen.

»Der dritte Teil besteht aus einem schriftlichen Test.«

»Dann habe ich immer noch eine Chance.«

»Man muss in neunzig Minuten sechzig Fragen beantworten.« William nippte an seinem Kaffee und lehnte sich zurück, bevor er auf seinen ungeduldig wartenden Vater einging.

»Wenn jemand einige Osterglocken pflückt, die wild im Garten seines Nachbarn wachsen, und sie dann seiner Frau gibt, hätten dann beide eine Straftat begangen?«

»Höchstwahrscheinlich«, antwortete Sir Julian. »Der Ehemann hat sich des Diebstahls schuldig gemacht. Aber war sich die Ehefrau bewusst, dass die Osterglocken aus dem Garten des Nachbarn stammten?«

»Ja, sie war sich dessen bewusst«, sagte William.

»Dann ist sie ebenfalls schuldig, weil sie Diebesgut entgegengenommen hat. Ein glasklarer Fall.«

»Da bin ich anderer Ansicht, Mylord«, sagte Grace und hob die Hand. »Es wird sich zeigen, so denke ich, dass ›wild‹ das entscheidende Wort ist. Wenn allen Beteiligten bewusst war, dass die Blumen nicht vom Nachbarn angepflanzt wurden, sondern wild gewachsen sind, hatte mein Mandant das Recht, sie zu pflücken.«

»Das war auch meine Antwort«, sagte William. »Und wie sich herausgestellt hat, haben Grace und ich recht.«

»Gib mir noch eine Chance«, erwiderte Sir Julian und zupfte seine inexistente Robe zurecht.

»Ab welchem Alter ist ein junger Mensch verantwortlich, wenn er eine Straftat begeht? Acht, zehn, vierzehn oder siebzehn?«

»Zehn«, antwortete Grace, bevor ihr Vater reagieren konnte.

»Auch das stimmt.«

»Ich muss gestehen, dass ich nicht besonders viele junge Menschen verteidige.«

»Nur weil sie sich dein exorbitantes Honorar nicht leisten können«, erwiderte Grace.

»Hast du schon einmal einen jungen Menschen verteidigt, Grace?«, fragte ihre Mutter, bevor Sir Julian ein Kreuzverhör beginnen konnte.

»Ja. Erst letzte Woche habe ich ein Kind von elf Jahren vertreten, das wegen Ladendiebstahls in Balham unter Anklage stand.«

»Zweifellos hast du für den Jungen einen Freispruch erwirkt, indem du behauptet hast, dass er aus elenden Familienverhältnissen stammt und sein Vater ihn regelmäßig schlägt.«

»Sie«, sagte Grace. »Ihr Vater hat kurz nach ihrer Geburt die Familie verlassen, weshalb ihre Mutter gleichzeitig zwei Jobs hat und drei Kinder alleine großziehen muss.«

»Der Fall hätte nie vor Gericht kommen dürfen«, sagte ihre Mutter.

»Da bin ich ganz deiner Ansicht, Mutter. Und es wäre auch nicht so weit gekommen, hätte man die Kleine nicht unglücklicherweise dabei erwischt, wie sie den teuersten Aufschnitt in ihrem Supermarkt gestohlen und in einer mit Alufolie ausgekleideten Tragetasche versteckt hat, um die Sicherheitsdetektoren im Geschäft zu überlisten. Dann hat sie ihn ein paar hundert Meter weiter an einen skrupellosen Metzger verkauft.«

»Wie hat das Gericht entschieden?«, fragte Marjorie.

»Der Metzger erhielt eine hohe Geldstrafe, und das Kind wurde in staatliche Obhut gegeben. Schließlich hatte das Mädchen nicht den Vorteil, von liebevollen Mittelklasse-Eltern umsorgt in einem Cottage auf dem Land in Kent aufzuwachsen. Sie hatte sich zuvor nie weiter als eine Meile von ihrem Haus entfernt. Sie wusste nicht einmal, dass ein Fluss durch die Stadt fließt, in der sie geboren wurde.«

»Muss ich als schuldig gelten, Mylord, nur weil ich versucht habe, meinen Kindern einen ordentlichen Start ins Leben zu ermöglichen?«, sagte Sir Julian und fuhr sogleich fort: »Werde ich eine weitere Chance bekommen, bevor die Prüfer mich abführen?«

»Gib sie ihm, wenn er unbedingt will.«

»Der Betreiber eines Pubs bemerkt, dass einige seiner Gäste in seinem Biergarten Cannabis rauchen«, sagte William. »Begeht er eine Straftat?«

»Zweifellos«, erwiderte Sir Julian. »Denn er lässt zu, dass auf seinem Grundstück eine illegale Substanz konsumiert wird.«

»Und wenn einer der Gäste, die Cannabis rauchen, den Joint an einen Freund weiterreicht, sodass der einen Zug nehmen kann, begeht dann auch dieser Gast eine Straftat?«

»Natürlich. Er macht sich schuldig, weil er eine illegale Substanz besitzt und sie darüber hinaus sogar einem anderen zur Verfügung stellt. Deshalb sollte er entsprechend angeklagt werden.«

»Wahnsinn«, sagte Grace.

»Das sehe ich genauso«, sagte William. »Nicht zuletzt deshalb, weil die Polizei nicht die Mittel hat, jedes kleinere Vergehen zu verfolgen.«

»Das ist wohl kaum ein kleineres Vergehen«, erwiderte Sir Julian. »Genau genommen ist es der Anfang vom Ende.«

»Was ist, wenn sich der Wirt und der Gast nicht bewusst waren, dass es sich um eine Straftat handelt?«, fragte Beth.

»Unwissenheit schützt vor Strafe nicht«, antwortete Sir Julian. »Sonst könnte man jeden ermorden, bei dem es einem in den Kram passt, und behaupten, man habe nicht gewusst, dass es sich um ein Verbrechen handelt.«

»Das ist eine wirklich gute Regelung«, sagte Marjorie. »Denn ich hätte gewiss schon lange auf Unwissenheit plädiert, wenn ich mit dem Mord an meinem Mann durchgekommen wäre. Ehrlich gesagt, hat mich bisher nur eines daran gehindert: Ich wusste, dass ich ihn als meinen Verteidiger brauchen würde, wenn der Fall vor Gericht käme.«

Alle brachen in lautes Gelächter aus.

»Offen gestanden, Mutter«, sagte Grace, »wäre die Hälfte aller Kronanwälte nur zu gerne bereit gewesen, deine Verteidigung zu übernehmen, während die andere Hälfte begeistert als Zeuge der Verteidigung ausgesagt hätte.«

»Das mag ja alles sein«, sagte Sir Julian und fuhr sich mit der Hand über seine gerunzelte Stirn, »aber habe ich diesmal recht?«

»Ja, Vater. Doch du solltest nicht überrascht sein, wenn Cannabis noch zu meinen Lebzeiten legalisiert wird.«

»Nur nicht zu meinen Lebzeiten, hoffe ich«, erwiderte Sir Julian nachdrücklich.

»Für mich hört sich das an«, sagte Marjorie, »als hätte dein Vater in dieser Prüfung hoffnungslos versagt. Aber es klingt, als hättest du sie bestanden.«

»Obwohl er einen Demonstranten in die Eier getreten hat«, warf Sir Julian ein.

»Nein, das habe ich nicht«, sagte William.

»Nein, du hast nicht bestanden, oder nein, du hast einem Demonstranten nicht in die Eier getreten?«, wollte sein Vater wissen.

Alle lachten.

»Du hast recht, Marjorie«, sagte Beth, indem sie ihrem Verlobten zu Hilfe kam. »Ab nächsten Montag wird William Detective Sergeant Warwick sein.«

Sir Julian war der Erste, der aufstand und sein Glas hob. »Herzlichen Glückwunsch, mein Junge«, sagte er. »Ich trinke auf den ersten Schritt eine lange Leiter hinauf.«

Auch die übrigen Familienmitglieder standen auf, hoben ihre Gläser und wiederholten: »Auf den ersten Schritt eine lange Leiter hinauf.«

»Und wie lange wird es dauern, bis du Inspector bist?«, fragte Sir Julian, noch bevor er sich wieder gesetzt hatte.

»Immer mit der Ruhe, Vater«, sagte Grace. »Sonst erzähle ich allen, was der Richter gesagt hat, als du deinen jüngsten Fall zusammengefasst hast.«

»Er war ein alter Narr voller Vorurteile.«

»Was man nur erkennt, wenn man selbst …«, sagten die vier anderen Mitglieder der Familie wie aus einem Mund.

»Wie sehen deine Pläne für die nächste Zukunft aus, mein Junge?«, fragte Sir Julian, indem er versuchte, sich zu beruhigen.

»Hawksby hat vor, unsere ganze Abteilung auf den Kopf zu stellen, nachdem den Politikern endlich bewusst geworden ist, dass das Land ernsthafte Probleme mit Drogen hat.«

»Wie schlimm ist es?«, fragte Marjorie.

»Mehr als zwei Millionen Menschen in Großbritannien rauchen regelmäßig Cannabis. Weitere vierhunderttausend schnupfen Kokain, unter ihnen einige unserer Freunde, einschließlich eines Richters, der sich dabei immerhin auf die Wochenenden beschränkt. Tragischer ist, dass es eine Viertelmillion registrierter Heroinsüchtiger gibt, was einer der Gründe dafür ist, warum der Nationale Gesundheitsdienst NHS an den Grenzen seiner Möglichkeiten arbeitet.«

»Wenn es sich tatsächlich so verhält«, sagte Sir Julian, »müssen einige verdammt üble Typen auf Kosten der Süchtigen ein Vermögen machen.«

»Einige der führenden Drogenbarone streichen buchstäblich Millionen ein, während junge Dealer, von denen einige noch zur Schule gehen, bis zu einhundert Pfund pro Tag verdienen. Was mehr ist, als unser Commander bekommt, ganz zu schweigen von einem bescheidenen Detective Sergeant.«

»Wenn so viel Geld im Umlauf ist«, sagte Sir Julian, »dürften einige deiner Kollegen, die weniger Skrupel haben, in Versuchung sein, ihren Schnitt dabei zu machen.«

»Nicht wenn es nach Commander Hawksby geht. Für ihn ist ein korrupter Polizist schlimmer als jeder Kriminelle.«

»Da bin ich ganz seiner Ansicht«, sagte Sir Julian.

»Was hat er vor, gegen das Drogenproblem zu unternehmen?«, fragte Grace.

»Der Commissioner hat ihm die Genehmigung erteilt, eine Eliteeinheit zu bilden, deren einzige Aufgabe darin besteht, einen ganz bestimmten Drogenbaron aufzuspüren und ihm das Handwerk zu legen, während sich die bereits vorhandenen Einheiten auf die Lieferketten konzentrieren sollen, damit sich die Polizei vor Ort die Straßendealer und die Konsumenten vornehmen kann. Wobei letztere oft andere Straftaten wie etwa Einbruch und Diebstahl begehen, um ihre Sucht zu finanzieren.«

»Ich habe ein paar von ihnen kürzlich verteidigt«, sagte Grace. »Verzweifelte, mitleiderregende Kreaturen, die im Leben kaum mehr ein anderes Ziel haben, als sich den nächsten Schuss zu besorgen. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis die Behörden begreifen, dass wir es oft mit einem medizinischen Problem zu tun haben und nicht jeder Süchtige wie ein Krimineller behandelt werden sollte?«

»Aber es sind doch Kriminelle«, warf ihr Vater ein. »Sie sollten hinter Schloss und Riegel verschwinden und nicht verhätschelt werden. Warte nur, bis jemand bei dir einbricht, Grace. Dann wirst du die Sache anders sehen.«

»Es wurde bereits zwei Mal bei uns eingebrochen«, sagte Grace.

»Wahrscheinlich von jemandem, der es nicht schafft, einen Arbeitsplatz zu behalten. Süchtige fangen damit an, dass sie ihre Eltern bestehlen«, sagte William. »Dann ihre Freunde und danach jeden, der ein Fenster offen lässt. Als ich noch auf Streife gegangen bin, habe ich einen jungen Mann festgenommen, der ein Dutzend Fernseher in seiner Wohnung hatte, dazu zahllose andere technische Geräte, Gemälde, Uhren und sogar ein Diadem. Und dann sind da noch die Hehler, die ein kleines Vermögen machen. Sie richten eine vorgebliche Pfandleihe ein für Kunden, die nie die Absicht haben, die vorbeigebrachten Güter wieder auszulösen.«

»Aber solche Läden kann man doch sicher schließen«, sagte Beth.

»Das machen wir auch. Aber sie sind wie Küchenschaben. Wenn man eine zertritt, kommt ein halbes Dutzend neue aus der Holzverkleidung. Drogen sind inzwischen eine internationale Industrie wie Öl, Banken oder Stahl. Wenn die größten Kartelle ihre jährlichen Einnahmen offenlegen müssten, wären sie nicht nur unter den einhundert bedeutendsten Börsenunternehmen, sondern das Finanzamt würde auch mehrere Milliarden zusätzliche Steuern einnehmen.«

»Vielleicht wäre es an der Zeit, die eingeschränkte Legalisierung einiger Drogen ins Auge zu fassen«, sagte Grace.

»Nur über meine Leiche«, sagte Sir Julian.

»Ich fürchte, es wird noch sehr viel mehr Leichen geben, wenn wir es nicht tun.«

Die Bemerkung ließ Sir Julian für einen kurzen Moment verstummen, woraufhin Marjorie ihre Chance ergriff. »Gott sei Dank leben wir in Shoreham«, sagte sie.

»Ich kann dir versichern, Mutter, dass es in Shoreham mehr Drogendealer als Verkehrspolizisten gibt.«

»Was will Hawksby in dieser Sache unternehmen?«, wollte Sir Julian wissen.

»Dem Monster, das die Hälfte aller Dealer in London kontrolliert, den Kopf abschneiden.«

»Warum nehmt ihr diesen Mann nicht einfach fest?«

»Mit welcher Begründung? Abgesehen von der Tatsache, dass wir nicht einmal wissen, wie er aussieht. Genauso wenig kennen wir seinen richtigen Namen oder wissen, wo er wohnt. In seinen Kreisen nennt man ihn ›die Viper‹, aber wir müssen sein Nest erst noch aufspüren, ganz zu schweigen davon, dass …«

»Was machen eure Hochzeitspläne, Beth?«, fragte Marjorie, die ganz offensichtlich das Thema wechseln wollte. »Habt ihr euch inzwischen auf ein Datum geeinigt?«

»Unglücklicherweise noch nicht«, sagte William.

»Doch, das haben wir«, sagte Beth.

»Wie schön, dass du mich aufklärst«, sagte William. »Dann wollen wir hoffen, dass ich an dem Tag keinen Dienst habe oder, schlimmer noch, im Zeugenstand sitze und versuche, einen Gewohnheitsverbrecher festzunageln, der von meinem überbezahlten Vater verteidigt wird.«

»In welchem Falle die Verhandlung bereits um die Mittagszeit beendet wäre«, sagte Sir Julian, »und wir es alle noch pünktlich schaffen würden.«

»Ich muss dich um einen Gefallen bitten«, sagte Beth, indem sie die beiden Männer ignorierte und sich an Marjorie wandte.

»Natürlich«, sagte Marjorie. »Es wäre uns eine Freude, wenn wir dir helfen können.«

»Weil mein Vater einige Jahre im Gefängnis gesessen hat, und da wir …«

»Ein Justizirrtum, der völlig zu Recht korrigiert wurde«, unterbrach Grace sie.

»Und da wir erst kürzlich eine Wohnung gefunden haben«, fuhr Beth fort, »habe ich mich gefragt, ob wir vielleicht in eurer Kirche heiraten könnten.«

»Wo auch Marjorie und ich geheiratet haben«, sagte Sir Julian. »Ich könnte mir keine größere Freude vorstellen.«

»Und was würdest du dazu sagen, wenn Miles Faulkner vier Jahre hinter Gitter kommt«, sagte William, »und gleichzeitig Kronanwalt Booth Watson seine Zulassung verliert?«

Sir Julian antwortete nicht sogleich. »Dann würde ich den Richter um eine Verhandlungspause bitten, weil ich mich möglicherweise für ein anderes Urteil aussprechen würde.«

»Und was ist mit dir, Grace?«, fragte William.

»Ich wünschte mit nur, ich könnte meine Partnerin in unserer Kirche heiraten.«

3

»Herzlichen Glückwunsch, Sarge«, sagte Jackie und trat zu ihm an die Bar. Sie hatte an diesem Abend den Kürzeren gezogen und trank nur ein einziges Radler, denn sie würde den jüngst beförderten Detective Sergeant nach Hause fahren. Sie hatte Beth bereits davor gewarnt, dass es nicht viel früher als Mitternacht werden würde.

»Danke«, sagte William, nachdem er sein viertes Glas Bier getrunken hatte.

»Es ist ja nicht so, dass irgendjemand überrascht gewesen wäre.«

»Außer meinem Vater.«

»Es wird Zeit, Gentlemen, bitte«, sagte der Wirt, nicht zuletzt deshalb, weil die meisten seiner Gäste Polizisten waren. Obwohl diese, nachdem die Zivilisten gegangen waren, häufig im Pub blieben und der Wirt weiter Getränke an die Männer und Frauen in Blau ausschenken würde.

»Da du eindeutig schon ein Glas zu viel hattest«, sagte sie, »meinte der Chef, ich solle dich nach Hause bringen.«

»Aber wir feiern meine Beförderung«, protestierte William. »Und ich verrate dir ein Geheimnis, Jackie. Ich war noch nie zuvor so sehr betrunken.«

»Warum überrascht mich auch das nicht? Aber das ist nur ein Grund mehr für mich, dich nach Hause zu fahren. Es wäre eine Schande, wenn du einen Tag nach deiner Beförderung schon wieder degradiert werden würdest. Obwohl das wahrscheinlich bedeuten würde, dass ich deine Stelle bekomme.«

»Mein Vater hat mich vor Frauen wie dir gewarnt«, sagte William, als sie ihn am Arm nahm und ihn schwankend aus dem Pub führte, während Rufe wie »Gute Nacht, Sarge«, »Chorknabe« und sogar »Commissioner« erklangen, ohne dass dabei Ironie oder Sarkasmus im Spiel gewesen wären.

»Erwarte bloß nicht von mir, dass ich dich ›Sir‹ nenne und dir den Arsch küsse, bevor du nicht wenigstens Chief Inspector bist.«

»Weißt du, wo der Ausdruck ›den Arsch küssen‹ herkommt?«

»Keine Ahnung. Aber warum habe ich bloß das Gefühl, dass du es mir gleich erklären wirst?«

»Der Duc de Vendôme, ein französischer Adliger aus dem siebzehnten Jahrhundert, empfing seine Höflinge sogar dann, wenn er gerade auf der Toilette saß, und nachdem er sich das Hinterteil abgewischt hatte, eilte einer von ihnen nach vorn, küsste es und sagte: ›Oh edler Herr, Ihr habt den Arsch eines Engels.‹«

»So gerne ich meinen Rang als Sergeant wieder zurückhätte«, sagte Jackie, »bin ich doch nicht gewillt, so weit zu gehen.«

»Solange du mich nur nicht ›Bill‹ nennst«, sagte William, als er auf den Beifahrersitz sank.

Jackie rollte vom Parkplatz auf die Victoria Street und fuhr dann Richtung Pimlico, während William die Augen schloss. Vor kaum einem Jahr, als Constable Warwick in ihre Ermittlungsgruppe aufgenommen worden war, war Jackie Detective Sergeant gewesen und hatte einen vermeintlich sicheren Platz auf der zweiten Sprosse der Karriereleiter innegehabt. Doch jetzt, nach dem Fiasko der Operation Blaue Periode und der erfolgreichen Rückgabe eines gestohlenen Rembrandts an das Fitzmolean, waren ihre Ränge genau umgekehrt. Jackie beklagte sich nicht. Sie war froh, noch immer dem Team anzugehören, das dem Commander direkt unterstellt war. William begann zu schnarchen. Als Jackie in eine Querstraße einbog, sah sie den Mann sofort.

»Das ist Tulip!«, sagte sie plötzlich, trat abrupt auf die Bremse und riss William aus dem Schlaf.

»Tulip?«, sagte er, während er versuchte, einen klaren Blick zu bekommen.

»Ich habe ihn zum ersten Mal festgenommen, als er noch zur Schule ging«, erwiderte Jackie und sprang aus dem Auto. William nahm sie nur als eine verschwommene Gestalt wahr, die über die Straße auf eine unbeleuchtete Gasse zurannte, wo ein junger Schwarzer, der eine Plastiktüte von Tesco trug, einem anderen Mann, dessen Gesicht vollständig im Schatten lag, etwas verkaufte.

Plötzlich war William hellwach, und das Adrenalin verdrängte die Wirkung des Alkohols. Jetzt sprang auch er aus dem Wagen und folgte Jackie, begleitet vom wütenden Hupen mehrerer Fahrer, während er sich durch den fließenden Verkehr schlängelte. Der Lärm verriet Tulip, dass er irgendjemandem aufgefallen war. Sofort stürmte er durch die Gasse davon.

William rannte an Jackie vorbei, die dem anderen Mann Handschellen anlegte, aber ihm war bereits klar, dass er in dieser Nacht niemanden einholen würde, der ungefähr so alt wie er selbst war. Straßendealer sind selten Trinker, und nur wenige von ihnen nehmen Drogen, denn sie wissen, dass sie das den Job kosten könnte. Noch bevor Tulip um eine Ecke verschwand, auf eine schwarze Yamaha sprang und mit dröhnendem Motor davonraste, hatte William akzeptiert, dass er ihn nicht erwischen würde. Widerwillig blieb er am Ende der Gasse stehen, stützte sich an einem Laternenpfahl ab und erbrach sich heftig auf den Bürgersteig.

»Abstoßend«, murmelte ein älterer Herr und eilte vorbei.

William war erleichtert, dass der Mann keine Uniform trug. Schließlich richtete er sich auf und ging langsam durch die Gasse zurück, bis er auf Jackie stieß, die dem Festgenommenen dessen Rechte vorlas. William folgte den beiden mit unsicherem Schritt über die Straße, und beim zweiten Versuch gelang es ihm, eine der hinteren Türen ihres Fahrzeugs zu öffnen, sodass Jackie den Festgenommenen auf die Rückbank schieben konnte.

William setzte sich wieder auf den Beifahrersitz und kämpfte dagegen an, sich ein zweites Mal zu erbrechen, als Jackie schwungvoll den Wagen wendete und zum nächsten Polizeirevier fuhr. Jackie wusste so gut, wo die Londoner Reviere lagen, wie ein Taxifahrer weiß, wo ein bestimmtes Hotel liegt. Sie hielt auf der Rückseite des Polizeireviers in der Rochester Row. Sie fasste den Festgenommenen am Arm und führte ihn in Richtung Zellenbereich, noch bevor William aus dem Auto gestiegen war.

Einige Festgenommene protestieren lautstark und stoßen einen Strom von Beleidigungen aus, die die Nacht schamrot machen könnten, während andere auf Streit aus sind, sodass man mehrere kräftige Beamte braucht, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Die meisten jedoch senken widerstandslos den Kopf und schweigen. William war erleichtert, dass dieser Kerl in die letztere Kategorie fiel. Doch er hatte schon nach wenigen Wochen bei der Polizei gelernt, dass sich Süchtige zwar manchmal schämen, Dealer allerdings nie.

Der diensthabende Sergeant sah auf, als die drei sich seinem Aufnahmetresen näherten. Jackie zeigte ihm ihren Dienstausweis und erklärte ihm, warum sie den Mann in Gewahrsam genommen hatte – und dass er nicht kooperiert hatte, nachdem er von ihr verwarnt worden war. Der Sergeant holte zwei Formulare unter dem Tresen hervor, eines für die Aufnahme des Verdächtigen selbst und eines, auf dem die Besitztümer verzeichnet wurden, die dieser bei sich trug, sodass er alle Angaben zusammenstellen konnte, bevor der Mann die Nacht in einer Zelle verbringen würde. Nachdem er die Wörter zwei Briefchen weißes Pulver aufgeschrieben hatte, wandte er sich dem Festgenommenen zu und sagte: »In Ordnung, mein Junge, fangen wir mit Ihrem vollständigen Namen an.«

Der Festgenommene schwieg nach wie vor.

»Ich werde noch einmal fragen: Wie heißen Sie?«

Der Festgenommene starrte den Mann, der ihm eine Frage gestellt hatte, trotzig über den Aufnahmetresen hinweg an und sagte auch weiterhin kein Wort.

»Ich frage Sie jetzt zum letzten Mal. Wie …«

»Ich weiß, wie er heißt«, sagte William.

»Und du hast dich nach all den Jahren noch immer an ihn erinnert?«, fragte Beth, als er später in jener Nacht ins Bett kam.

»Man vergisst nie den ersten Fall, den man gelöst hat«, erwiderte William. »Ich war verantwortlich dafür, dass Adrian Heath unsere private Grundschule verlassen musste, nachdem ich bewiesen hatte, dass er es war, der die Mars-Riegel aus dem Süßwarenladen gestohlen hat. Deshalb war auch niemand überrascht, als ich später zur Polizei gegangen bin, obwohl mir einige seiner Freunde nie verziehen haben. Ich war damals noch nicht der ›Chorknabe‹, sondern einfach nur ein Petzer.«

»Er tut mir eher leid«, sagte Beth und schaltete die Nachttischlampe aus.

»Warum?«, fragte William. »Offensichtlich wurden die Dinge mit ihm einfach nur immer schlimmer, genau wie mein Vater vorhergesagt hat.«

»Du bist doch sonst nicht so. Normalerweise gibst du nicht über jeden gleich ein Werturteil ab«, sagte Beth. »Ich würde gerne wissen, was in den Jahren, in denen ihr keinen Kontakt mehr hattet, passiert ist, bevor ich voreilige Schlüsse ziehe.«

»Das werde ich wohl kaum erfahren, denn es ist fast sicher, dass Lamont mich von dem Fall abzieht.«

»Warum sollte er das tun, wo du doch vielleicht der einzige Mensch bist, mit dem Adrian reden würde?«

»Niemand kann es sich leisten, persönlich in die Angelegenheiten eines Verdächtigen verwickelt zu werden«, sagte William. »Das ist eine der goldenen Regeln für einen Polizeibeamten.«

»Das hat dich nicht daran gehindert, persönlich in die Angelegenheiten von Christina Faulkner verwickelt zu werden«, sagte Beth und drehte ihm den Rücken zu.

William schwieg. Er hatte Beth noch immer nichts davon erzählt, dass Christina wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte.

»Es tut mir leid«, flüsterte Beth, drehte sich wieder zu William um und küsste die unregelmäßig geformte rote Narbe, die nie ganz verblasst war, weder körperlich noch seelisch. »Wenn du dich nicht mit ihr angefreundet hättest, hätten wir den Rembrandt nie zurückbekommen. Was mich darauf bringt, dass wir morgen Abend in der Galerie eine Veranstaltung haben, bei der wir hoffen, ein paar Spenden zu bekommen. Und obwohl du nicht verpflichtet bist zu erscheinen, hätte ich gerne, dass du kommst. Nicht zuletzt deshalb, weil einige ältere Damen sehr von dir angetan sind.«

»Und was ist mit den jüngeren?«

»Die wurden alle verbannt«, sagte Beth und schmiegte sich in seine Arme. Wenige Augenblicke später war sie eingeschlafen.

William lag noch eine Zeit lang wach und versuchte, nicht über das nachzudenken, was in einer gewissen Nacht in Monte Carlo geschehen war. Und jetzt wollte sein Chef, dass er Christina wiedertraf. Würde er jemals von ihr freikommen? Sie log bei jedem Thema. Wenn Beth sie jemals fragen sollte, würde sie auch ihr eine Lüge darüber auftischen, was sich zugetragen hatte, nachdem sie zu ihm ins Bett gekrochen war?

»Dann waren Sie also mit dem Verdächtigen zusammen auf derselben Schule?«, sagte Lamont, nachdem William den Superintendent über alles informiert hatte, was in der Nacht zuvor geschehen war, nachdem Jackie und er die Feier zu seiner Beförderung verlassen hatten.

»Eine private Grundschule«, sagte William. »Adrian Heath war damals einer meiner besten Freunde. Deshalb gehe ich davon aus, dass man mich von dem Fall abziehen und ihn DC Roycroft überlassen wird.«

»Kommt nicht infrage. Das ist genau die Gelegenheit, nach der Hawksby gesucht hat. Wir können vielleicht sogar einen Vorsprung für uns rausholen, wenn Sie es schaffen, dass Ihr Freund als Spitzel für uns arbeitet.«

»Aber unsere Wege hätten sich nicht unter noch schlechteren Umständen trennen können«, betonte William. »Vergessen Sie nicht, dass ich verantwortlich dafür war, dass man ihn von der Schule geworfen hat.«

»Trotzdem könnte er sich Ihnen gegenüber sicherer fühlen als gegenüber DC Roycroft oder irgendeinem anderen unserer Beamten.« William äußerte sich nicht dazu. »Ich möchte, dass Sie unverzüglich ins Revier von Rochester Row zurückkehren und dafür sorgen, dass Heath Ihr bester Freund wird. Und es ist mir egal, wie Sie das anstellen.«

»Ja, Sir«, sagte William, obwohl er noch immer nicht überzeugt war.

»Und da wir schon beim Thema Freundschaften sind: Haben Sie Mrs. Faulkner zurückgerufen?«

»Noch nicht, Sir«, gestand William.

»Dann machen Sie das. Und melden Sie sich erst wieder, wenn die beiden Ihnen so nahestehen, dass Sie ihnen eine Weihnachtskarte schicken würden.«

»Christina?«

»Wer spricht da?«

»William Warwick. Ich wollte Sie zurückrufen.«

»Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen«, sagte sie mit einem freundlichen Lachen.

»Das wäre sehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, was passiert ist, als wir uns das letzte Mal getroffen haben.«

»Vielleicht sollten wir uns wiedertreffen. Es könnte sein, dass ich etwas zu berichten habe, das für uns beide von Interesse ist.«

»Lunch im Ritz?«, schlug William hoffnungsvoll vor.

»Diesmal nicht«, erwiderte Christina. »Denn wir hätten noch nicht einmal unseren ersten Gang bestellt, da würde mein Mann schon wissen, dass ich mich mit dem jungen Detective zum Mittagessen treffe, der ihn festgenommen hat. Es sollte diesmal besser an einem diskreteren Ort sein.«

»Wie wäre es mit dem Science Museum?«

»Ich war noch ein Kind, als ich zum letzten Mal dort war, aber das ist eine gute Idee. Ich muss nächsten Donnerstag in der Stadt sein. Vielleicht könnten wir uns dann um elf vor dem Haupteingang treffen.«

»Nicht vor dem Eingang«, sagte William. »Jemand könnte einen von uns erkennen. Ich komme zu Stephensons Rocket im Erdgeschoss.«

»Ich kann es gar nicht erwarten«, sagte sie und legte auf.

William schrieb einen Bericht über seine Unterhaltung mit Mrs. Faulkner und legte ihn Lamont auf den Schreibtisch, bevor er das Büro verließ und Richtung Strutton Ground ging. Während seines kurzen Fußmarsches dachte er über einige Fragen nach, die er Adrian Heath stellen wollte, obwohl er angesichts der vorherigen Nacht nicht davon überzeugt war, dass er irgendwelche Antworten erhalten würde. Ein paar Minuten später stand er vor dem Revier in der Rochester Row. Als er dem diensthabenden Sergeant seinen Ausweis zeigte, gelang es dem älteren Beamten nicht, seine Überraschung zu verbergen.

»Ich würde gerne mit Adrian Heath sprechen, dem Festgenommenen, den wir letzte Nacht hierhergebracht haben«, sagte William.

»Nur zu. Er ist in Nummer zwei«, sagte der Sergeant und füllte eine leere Stelle auf dem Festnahmeprotokoll aus. »Wollte heute Morgen nichts essen. Gut möglich, dass wir ihn am Nachmittag noch dem Friedensrichter vorführen. Er wird also so schnell nirgendwo hingehen.«

»Das ist gut, denn ich hoffe, dass ich mich mit ihm über ein paar Dinge unterhalten kann, die nicht im Zusammenhang mit dem Grund seiner gestrigen Festnahme stehen.«

»Schön, aber halten Sie mich auf dem Laufenden, damit der ganze Papierkram in Ordnung ist.«

»Mach ich«, erwiderte William, als der Sergeant ihm einen großen Schlüssel reichte und sagte: »Er gehört ganz Ihnen.«

William nahm den Schlüssel, ging den Flur hinab und blieb vor Zelle Nummer 2 stehen. Er spähte durch das Gitter und sah, dass Adrian mit regungsloser Miene auf seiner Pritsche lag. Es schien, als hätte er sich seit letzter Nacht nicht bewegt. William entriegelte die schwere Tür, zog sie auf und trat in die Zelle. Adrian sah auf und sagte: »Hier ist es nicht besser als in unserer alten Schule.«

William lachte und setzte sich neben ihn auf die dünne, urinfleckige Matratze. Ein früherer Zellenbewohner hatte Ich bin unschuldig über Adrians Kopf in die Wand geritzt.

»Ich würde dir ja gerne Tee und Gebäck anbieten«, sagte Adrian, »aber ich fürchte, der Zimmerservice ist nicht besonders zuverlässig.«

»Ich sehe, du hast deinen Sinn für Humor nicht verloren«, sagte William.

»Und du nicht dein Ziel, Sir Galahad zu werden. Na schön, bist du gekommen, um mich zu retten oder um mich für den Rest meines Lebens wegzusperren?«

»Weder noch. Aber es wäre gut möglich, dass ich dir helfen kann, wenn du bereit bist zu kooperieren.«

»Was erwartest du als Gegenleistung? Ich habe nämlich nie an die Seilschaften Ehemaliger geglaubt.«

»Ich genauso wenig«, sagte William. »Aber ich kann dir vielleicht etwas anbieten, das für beide Seiten von Nutzen ist.«

»Du wirst mir für den Rest meines Lebens Drogen besorgen?«

»Du weißt, dass so etwas nie geschehen wird, Adrian. Aber ich könnte den Friedensrichter bitten, Milde walten zu lassen, wenn dein Fall heute Nachmittag an der Reihe ist, obwohl du nicht das erste Mal auf der Anklagebank sitzen wirst.«

»Das ist nicht gerade ein beeindruckendes Angebot. Die werden mir wahrscheinlich nur sechs Monate aufbrummen, und es gibt schlimmere Orte als eine eigene Zelle mit Fernseher, Zentralheizung und drei Mahlzeiten am Tag, ganz zu schweigen von einem regelmäßigen Nachschub an Drogen.«

»Da dies deine dritte Festnahme ist, dürftest du wahrscheinlich eher Weihnachten zusammen mit einem Mörder in einer Zelle in Pentonville verbringen, was nicht ganz so viel Spaß machen würde.«

»Ich bitte dich, Chorknabe, überrasch mich.«

Es war William, der überrascht war. »Chorknabe«, wiederholte er.

»So hat dich meine alte Freundin Sergeant Roycroft letzte Nacht genannt. Eine große Verbesserung gegenüber ›Sherlock‹, finde ich.«

William bemühte sich, die Initiative wiederzugewinnen. »Was ich gemacht habe, seit wir uns vor Jahren das letzte Mal getroffen haben, siehst du ja. Aber wie steht es mit dir?«

Als sei der Mann, der ihm eine Frage gestellt hatte, gar nicht da, starrte Adrian lange zur Decke hinauf. Ein alter Gefangenentrick, wie William wusste. Er wollte gerade aufgeben und gehen, als sich plötzlich ein wahrer Strom von Worten aus Adrians Mund ergoss.

»Nachdem ich Somerton wegen dir verlassen musste, gelang es meinem alten Herrn, mir mithilfe seiner Beziehungen einen Platz an einer weniger angesehenen Privatschule zu verschaffen. Die Leitung dort war bereit wegzusehen, wenn ich hinter dem Fahrradschuppen schnell eine Zigarette rauchte, aber für sie war eine Grenze erreicht, als ich auf Cannabis umgestiegen bin. Ich kann es ihnen nicht einmal vorwerfen.« Er hielt inne, sah jedoch William, der inzwischen sein Notizbuch hervorgeholt hatte und mitzuschreiben begann, immer noch nicht an.

»Danach schickte mich mein Vater auf eine reine Paukschule, und irgendwie wurde mir ein Platz an einer Universität angeboten, die weit entfernt von zu Hause lag. Nur der Himmel weiß, wie viel mein alter Herr für diesen kleinen Gefallen blechen musste.« Eine weitere Pause. »Unglücklicherweise war nach meinem ersten Jahr alles zu Ende, nachdem mich einer der graduierten Studenten mit Heroin bekannt gemacht hatte. Es dauerte nicht lange, und ich war abhängig. Die meisten Tage verbrachte ich im Bett, und die meisten Nächte fragte ich mich, woher ich meinen nächsten Schuss bekommen sollte. Nachdem man mich vorübergehend von der Universität suspendiert hatte, erklärte mir mein Tutor, dass ich meine Studien wiederaufnehmen könne, sofern ich meine Abhängigkeit überwinden würde, weshalb mich mein Vater in eine dieser Reha-Kliniken schickte, wo es lauter Gutmenschen gibt, die deine Seele retten wollen. Offen gestanden, war meine Seele es nicht mehr wert, gerettet zu werden, weshalb ich mich am Ende der ersten Woche selbst entlassen habe, und seither habe ich nie wieder ein Wort mit meinem alten Herrn gesprochen. Aber ich hielt Kontakt zu meiner Mutter, sie hat mich ein paar Jahre lang über Wasser gehalten. Doch auch ihre Geduld war irgendwann erschöpft, und ihre finanziellen Mittel wahrscheinlich auch, weshalb ich eine Möglichkeit finden musste, um an das Geld zu kommen, das ich zum Überleben brauchte. Es ist ziemlich schwierig, ständig von seinen Freunden Geld zu leihen, wenn sie wissen, dass man nicht die Absicht hat, es jemals zurückzuzahlen.«

William schrieb nach wie vor mit.

»Doch nachdem ich Maria getroffen hatte, ging ich freiwillig zurück in die Klinik und strengte mich ein wenig mehr an.«

»Maria?«

»Meine Freundin. Aber sie war nie davon überzeugt, dass ich meine Sucht wirklich überwunden hatte, und eines Abends ertappte sie mich dabei, wie ich eine Linie Koks schnupfte, woraufhin sie zu meiner ehemaligen Freundin wurde. Sie sagte mir, sie hätte es satt. Sie würde zurück nach Brasilien gehen. Ich kann ihr keinen Vorwurf machen, obwohl ich alles dafür tun würde, dass sie wieder zu mir zurückkommt. Aber ich glaube nicht, dass sie mir eine dritte Chance geben würde.«

Seine erste schwache Stelle, dachte William. »Vielleicht könnte ich dabei helfen, sie davon zu überzeugen, dass du diesmal entschlossen bist, deine Sucht zu überwinden.«

»Wie?« Zum ersten Mal klang Adrian interessiert.

»Hast du jemals daran gedacht, Wildhüter zu werden anstatt Wilderer?«

»Warum sollte ich Polizeispitzel werden wollen? Es sind schon Leute wegen harmloserer Dinge umgebracht worden.«

»Weil es uns gelingen könnte, gemeinsam etwas zu schaffen, das echten Wert hat.«

»Du machst Witze, Chorknabe.«

»Es ist mein voller Ernst. Du könntest mir helfen, die wirklichen Verbrecher hinter Gitter zu bringen. Diejenigen, die auf Schulhöfen Drogen an Kinder verkaufen und damit ihr Leben von früh auf ruinieren. Das könnte deine Freundin davon überzeugen, dass du ein neues Kapitel aufgeschlagen hast.«

Wieder folgte ein langes Schweigen. William fürchtete bereits, dass sein Appell auf taube Ohren stoßen würde, als Adrian sich plötzlich zugänglich zeigte.

»Was müsste ich tun?«

»Ich muss den Namen des Mannes herausfinden, der die Drogengeschäfte südlich des Flusses kontrolliert, und ich muss wissen, wo sich der Hauptsitz seines Unternehmens befindet.«

»Und ich hätte gerne eine Million Pfund in bar und zwei Tickets nach Brasilien. Ohne Rückflug«, sagte Adrian.

»Zwei einfache Tickets nach Brasilien könnten für dich drin sein«, sagte William. »Jetzt müssen wir uns nur noch über den Preis unterhalten.«

»Ich werde dir sagen, wie viel ich erwarte, Chorknabe. Aber erst, wenn mich der Friedensrichter mit nicht mehr als einer Verwarnung nach Hause geschickt hat.«

4

»Die Rocket«, sagte ein junger Mann und richtete sich dabei an eine kleine Gruppe von Schulkindern, die sich um die alte Dampfmaschine versammelt hatten, »wurde in den Zwanzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts von dem berühmten Eisenbahningenieur Robert Stephenson gebaut.«

»Robert Louis Stevenson?«, fragte eine piepsige Stimme aus der ersten Reihe.

»Nein«, sagte der Museumsführer. »Robert Louis Stevenson war ein hoch angesehener Autor, der Die Schatzinsel geschrieben hat. Er stammte aus Edinburgh, nicht Northumbria.«

William lächelte, während er hinter der Gruppe stand und einem Vortrag folgte, den er zwanzig Jahre zuvor zum ersten Mal gehört hatte, als seine Mutter mit ihm in das Museum gegangen war.