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"Klare, wahre, warme Worte wagen" ist eine Sammlung von Predigten und anderen Texten, die im Alltag eines evangelischen Pfarrers in den Achtziger-, Neunziger-, Nuller- und 2010er-Jahren entstanden sind, und zwar auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die "anderen Texte" sind z.B. Zeitungsandachten oder Texte, die zum Gebrauch im Religionsunterricht verfasst wurden. Im ersten Kapitel "Den alten Glauben abstauben" werden oft missverstandene Themen der christlichen Tradition in einem neuen Licht interpretiert. Im zweiten Kapitel "Wie Glauben zum Leben hilft" kommen Fragen des Alltagslebens von "Beten und Handeln" bis zu Liebe und Ehe zur Sprache. Das dritte Kapitel "Glaube und Heilung, Leid und Hoffnung" setzt sich u.a. mit biblischen Wundergeschichten auseinander und mit Glaubenszweifeln angesichts von unverstehbarem Leid. Das vierte Kapitel "Alt, aber nie veraltet" befasst sich mit den Urgeschichten des Alten Testaments, u.a. auch mit dem Thema "Schöpfung". Das fünfte Kapitel "Auch Politik gehört zum Glauben" zeigt auf, welche politischen Auswirkungen das Ernstnehmen biblischer Texte haben kann. Dem Werdegang des Autors entsprechend gibt es hier einen Schwerpunkt auf deutsch-deutschen Themenstellungen, vor allem in der Predigt zum "Tag der Deutschen Einheit" 1990. Im letzten Kapitel "Was uns tragen kann" beschließt der Autor seine Sammlung mit zwei beispelhaften Predigten zur zentralen Botschaft seines christlichen Glaubens.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2020
Vorwort
Erstes Kapitel: Den alten Glauben abstauben
Das kleine Stück, das von Gott zu sehen ist
Wenn Gott unser Weltbild erweitert
Innere Kämpfe haben ihren Sinn
Vom Splitter und vom Balken im Auge
Thesenartige Zusammenfassung zur Bergpredigt
Die Mutter des interreligiösen Dialogs
Erwählung
Satan bzw. Teufel
Gottes Zorn
Jüngstes Gericht
Zweites Kapitel: Wie Glauben zum Leben hilft
Beten und Handeln
Arbeiten und Ruhen: Maria und Martha
Mir ist alles erlaubt
Aufbrechen in ein neues Leben
Das Gefängnis verlassen
Gesundes Selbstbewusstsein und falsche Selbstgerechtigkeit
Bis der Tod euch scheidet: Predigt eines Geschiedenen
16 Thesen über eine christliche Haltung gegenüber homosexueller Liebe
Drittes Kapitel: Glaube und Heilung, Leid und Hoffnung
Wunder gibt es immer wieder (manchmal auch nicht)
Tränen abwischen
Zerbrochener Glaube bildet sich neu
Himmel oder Hölle?
Viertes Kapitel: Alt, aber nie veraltet – aus den Anfängen des Alten Testaments Adam und Eva
Urknall und Evolution sind Wunder des Schöpfers
Meine moderne Schöpfungsgeschichte
Keine Illusionen, trotzdem Liebe
Die spinnen, die Erzväter
Fünftes Kapitel: Auch Politik gehört zum Glauben
Gott mischt sich ein in Wirtschaft und Politik
Eine Westgemeinde feiert die Wiedervereinigung
Schwäbisches Grußwort eines Thüringer Pfarrers
Über den Schatten alter Verletzungen springen
Deutsche Erinnerungskultur – ein Beispiel
Stolz auf Deutschland?
Christliches Abendland
„Ihr müsst euer Leben ändern“ (Elias)
Sechstes Kapitel: Was uns tragen kann
Gegen den Augenschein: Wie das Kreuz tatsächlich hilft
Welche Glaubenssätze bestimmen unser Leben?
Klare Worte
Als junger Theologiestudent in Tübingen, der damals vor allem in evangelikalen Kreisen verkehrte, war ich begeistert von einigen Predigern, deren Worte direkt ins Herz zu sprechen schienen. So wie sie wollte ich auch einmal predigen. Sie unterschieden sich von vielen Pfarrern, die vor allem nicht mehr autoritär sein wollten und deshalb die direkte Anrede scheuten. Deren Predigten kamen mir oft verschwurbelt vor, überladen mit wohlklingenden abstrakten Begriffen, die mein Gehirn streiften, aber mein Herz nicht berührten. So wurde die klare Ansage und der persönliche Zuspruch, wie ich sie bei evangelikalen Predigern erlebte, für mich zum ersten Qualitätsmerkmal einer zu Herzen gehenden Predigt.
Wahre Worte
Gegen Ende meines Studiums und im Vikariat empfand ich immer mehr, dass in der evangelikalen Gedankenwelt bestimmte Bereiche der Wirklichkeit ausgeblendet wurden. Die Klarheit geriet manchmal in Konflikt mit der Wahrheit. Z.B. erzählte einer der durch seine klaren Worte beeindruckenden Prediger einmal von einer Brasilien-Reise. Das Hauptproblem dort bestand für ihn im verbreiteten Okkultismus. Als einige von uns Studenten ihn nach sozialen Problemen wie z.B. dem Leben in Slums fragten, antwortete er: „Ich habe keine Slums gesehen.“ Erlebnisse dieser Art führten bei mir zu einer Absetzbewegung vom evangelikalen Milieu.
Im Seelsorgepraktikum während der Vikarsausbildung wurde mir ein Gedanke zum Schlüsselerlebnis: „Man muss das, was wahr ist, auch wahr sein lassen“ – auch dann, wenn es quer liegt zu mitgebrachten theologischen Überzeugungen. Die Wirklichkeit muss sich nicht nach der Theologie richten, sondern umgekehrt. Die klaren Worte der Predigt mussten der Wirklichkeitsprüfung standhalten können. Sie mussten wahr sein. Das wurde mein zweites Qualitätskriterium für eine gute Predigt.
Warme Worte
Immer wichtiger wurde mir mit den Jahren als Vikar und als junger Pfarrer, dass der Prediger, der auf der Kanzel klare und wahre Worte spricht, kein anderer Mensch sein darf als der Seelsorger, der zuhört und Menschen in Lebenskrisen beisteht. Die klaren und wahren Worte müssen auch verständnisvoll sein. Zum Leitspruch wurde mir ein Satz des Schriftstellers Max Frisch: „Man muss einem anderen Menschen die Wahrheit hinhalten wie einen Mantel, dass er hineinschlüpfen kann. Man soll sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren hauen.“ Also keine klaren und wahren Worte ohne Wärme. Letztlich geht es darum, die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Klare, wahre, warme Worte wagen
Wieso wagen? Worin liegt das Wagnis? Die drei Predigt-Ideale Klarheit, Wahrheit und Wärme stehen in Spannung zueinander. Klarheit ohne Wahrheit verkommt zur Ideologie. Wahrheit ohne Klarheit bleibt unverständlich und damit wirkungslos. Klarheit und Wahrheit ohne Wärme sind unbarmherzig und können grausam sein. Wärme ohne Klarheit verkommt zum netten, aber belanglosen Smalltalk, Wärme ohne Wahrheit wird leicht zur billigen Anbiederung und bietet Trostpflaster statt wirklicher Hilfe. Jede Predigt ist von Neuem ein Balanceakt zwischen diesen drei Idealen. Inwieweit dieser Balanceakt in den hier vorliegenden Predigten und Texten gelungen ist, mögen Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst beurteilen.
Ich möchte dieses Vorwort auch dazu nutzen, meine Wertschätzung für die Gemeinden auszudrücken, die mir in vier Jahrzehnten zugehört haben. Von 1980 bis 1982 war das die Gemeinde in Gäufelden-Öschelbronn, bei Herrenberg im schwäbischen Landkreis Böblingen gelegen. Als Vikar erlebte ich dort eine gute Verbindung von Frömmigkeit und Weltoffenheit. Die Streitkultur im Kirchengemeinderat war beispielhaft („Wir haben gelernt zu streiten, ohne Händel zu kriegen“).
Auf Öschelbronn folgte von 1982 bis 1991 meine erste Pfarrstelle in Niedernhall im Kochertal, bei Künzelsau im nordwürttembergischen Hohenlohekreis gelegen. Das Städtchen ist eine florierende Schönheit, mit der gotischen Laurentiuskirche in einer vollständig ummauerten Altstadt, eingerahmt von Weinbergen, auf denen ein köstlicher Tropfen gedeiht. Die Kirchgemeinde wurde getragen von zahlreichen engagierten ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Vertretungsdienste führten mich auch in die benachbarten Gemeinden Weißbach, Crispenhofen, Schöntal und Rossach.
Von Niedernhall wurden auch erste Bande nach Thüringen geknüpft, in die Partnergemeinde Gräfentonna bei Bad Langensalza. Bei den regelmäßigen Besuchen dort war zur DDR-Zeit natürlich noch nicht ans Predigen zu denken. Aber ohne dass ich selbst es ahnte, bereitete sich durch die Begegnungen mit der Partnergemeinde mein nächster beruflicher Schritt vor.
Die deutsche Wiedervereinigung erlebte ich noch in Niedernhall. Predigt und Fürbitten im Vorabendgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit sind auch in diesem Buch abgedruckt (Seite → ff.). Aber als die Thüringer Landeskirche nach der Wende darum bat, dass württembergische Pfarrer helfen, unbesetzte Pfarrstellen zu besetzen, fühlte ich mich davon persönlich angesprochen. 1991 trat ich meine zweite Pfarrstelle an in Seebach, im Wartburgkreis südöstlich von Eisenach gelegen, in einer Landschaft, die dem geflügelten Wort vom „Grünen Herzen Deutschlands“ alle Ehre macht, eingebettet zwischen Thüringer Wald und Hörselberg. Das alte idyllische Straßendorf, in dem die Alteingesessenen leben, verschwand optisch fast zwischen ausgedehnten Plattenbauten, in denen aufgrund umfangreicher Industrieansiedlung zahlreiche Zugezogene aus der ganzen DDR wohnten. Der Kirchgemeinde brachte diese Bevölkerungszusammensetzung eine fruchtbare Mischung aus Bodenständigkeit und Weltoffenheit. Geprägt war und ist die Kirchgemeinde außerdem von einem Mann, der vor drei Jahrhunderten die hübsche Dorfkirche im Bauernbarock hatte bauen lassen: Johannes Dicel, Apotheker und kräuterkundlicher Arzt, ein Heiler und tiefgläubiger Christ. Eine der hier abgedruckten Predigten („Tränen abwischen“, Seite → ff.) beschäftigt sich auch mit den Impulsen, die bis heute von ihm ausgehen. Das Bild von der „Heilandsapotheke“ auf Seite →, das in der Seebacher Kirche hängt, soll er selbst gemalt haben.
Auch in Seebach spielte die Partnergemeinde eine wichtige und hilfreiche Rolle: Herrenberg, in der vertrauten alten Heimat. Bei einer der Begegnungen entstand das in diesem Buch abgedruckte „schwäbische Grußwort eines Thüringer Pfarrers“ (Seite → ff.). Auch in Seebach gehörten Vertretungsdienste in Nachbargemeinden dazu, vor allem in Thal, das 1999 in den Pfarrbereich Seebach eingegliedert wurde.
Von 2000 bis 2015 folgte meine dritte Pfarrstelle: Als Schulpfarrer ging ich nach Südthüringen in die traditionsreiche Theaterstadt Meiningen im Werratal. Mein hauptsächlicher Dienstauftrag war der Religionsunterricht, und meine Gemeinde waren die Schülerinnen und Schüler, vor allem am Henfling-Gymnasium in Meiningen, am Werratal-Gymnasium in Schwallungen und am Rhön-Gymnasium in Kaltensundheim. Folgerichtig gehören auch Texte zu dieser Sammlung, die für den Unterricht entstanden sind. Auf der Kanzel stand ich nur noch selten. Trotzdem gibt es einige Predigten aus dieser Zeit, gehalten vor allem in der Meininger „Kirche zum Heiligen Kreuz“.
Seit 2015 bin ich im Ruhestand. Gelegentliche Predigtdienste führen mich in die Meininger Stadtkirche, zur Sommerkirche im Meininger Ortsteil Welkershausen, nach Eisenach in die Annenkirche und in Dorfgemeinden in der Umgebung von Meiningen, vor allem im Kirchspiel Obermaßfeld-Ritschenhausen-Einhausen-Ellingshausen. Bei den Aushilfsdiensten in den Dörfern sind die Besucherzahlen meistens einstellig und erinnern an das Wort von Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).
Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,
Wir haben hier in unserer Kirche eine kleine Kostbarkeit, die ich noch in keiner anderen Kirche gesehen habe, und ich wette fast, dass von euch oder Ihnen auch noch niemand woanders so einen Pfeiler gesehen hat, um den ein Seil geschwungen ist mit einem super-festen Knoten, der an einem Ast festgemacht ist. Überlegen wir uns nur einmal, wie lange der Steinmetz wohl gebraucht hat, um dieses Kunstwerk fertig zu stellen. Wenn man sich das vorstellt, dann wird klar: Das ist keine bloße Verzierung, sondern das hat eine Botschaft, das will uns etwas sagen.
Es ist ein Bild von Festigkeit, Zusammenhalt und Verankerung. Wenn wir eine Weile da hinschauen, fallen uns sicher ganz verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten ein. Ich möchte einem Gedanken einmal etwas nachgehen:
Diese Kirche und alle, die zu ihr gehören, sind verankert. So dick diese Pfeiler sind und so groß und majestätisch diese Kirche mitten in Niedernhall aufragt, und so tüchtig all die Leute sind, die sie heute füllen – diese Kirche steht nicht für sich allein und aus eigener Kraft. Diese Kirche ist mit einem ganz festen Knoten angebunden. Von dem Ast, an dem der Pfeiler angeknotet ist, sehen wir nur ein kleines Stück. Wir sehen nicht, woher dieser Ast kommt, und wir sehen nicht, wohin er weiter wächst. Aber an diesem kleinen Stück, das sichtbar ist, da ist diese Kirche mit ihrem dicken Pfeiler angebunden. Daher bezieht sie ihren Halt.
Ich sehe darin eine ganz deutliche Anspielung auf Gott: Auch von ihm sehen wir fast nichts, keinen Anfang und kein Ende. Was von Gott am deutlichsten zu sehen ist, ist auch ein dürres, unscheinbares Stück Holz, nämlich das Kreuz, an dem Jesus sein Leben gab, das Kreuz, an dem die Liebe bis zum letzten Atemzug durchhielt, das Kreuz, an dem die Liebe den Sieg über den Hass davontrug. Dieses kleine Stück ist sichtbar von Gott, aber dieses kleine Stück ist Liebe, die sich durch nichts vom Lieben abbringen lässt. Das bisschen von Gott zu wissen, das genügt der Kirche, um sich daran festzumachen. Da verankert sich die Kirche mit ihrem ganzen Vertrauen. Darauf steht die Kirche, könnte man in eurer Sprache sagen.
Darauf steht die Kirche. Daran macht sie sich fest. So führt uns der Pfeiler mit dem Seil direkt zum Inhalt der Konfirmation. Denn Konfirmation ist Festmachen. Der Sinn der Konfirmation ist, dass ihr auch euren Knoten da festmacht an diesem Stück Holz, an dem Gott sich zu erkennen gibt als einer, der die Liebe durchhält bis zum Letzten. Das ist der Sinn der Konfirmation, dass auch ihr sagt: Auf diese Liebe stehe ich, an dieser Liebe mache ich das Schiff meines Lebens fest, diese Liebe, die ich da von Gott zu sehen bekomme, die ist mein Anker, dann hauen mich die Windstöße des Lebens nicht um.
Die Frage ist: Was macht ihr aus dieser Gelegenheit, euer Leben bei Gott zu verankern, die dieser Tag euch bietet? Ich will heute ehrlich sein und auch meine Zweifel an dieser Konfirmation nicht verschweigen. Bei etlichen von euch habe ich Zweifel, ob ihr von diesem Tag mitnehmt, was er euch anbietet. Wenn ich darüber heute schweigen würde, würden wir diesen Konfirmationsgottesdienst miteinander zu einer frommen, unwahren Show machen.
Im Rückblick auf unser gemeinsames Jahr komme ich mir bei unserer Beschäftigung mit dem guten, alten christlichen Glauben vor wie einer, der euch altes, verstaubtes, matt gewordenes Gold mitbringt, um es mit euch zusammen abzustauben und aufzupolieren, dass ihr den Glanz davon entdeckt. Einige haben fleißig mitpoliert, einige haben vielleicht tatsächlich hier und da etwas von dem Glanz entdeckt. Einige blieben aber das ganze Jahr über bei der Einstellung: „Stehle mir keine einzige Minute meines Lebens mit dem alten Mist.“ Doch auch altes, verstaubtes, matt gewordenes Gold ist wertvoller als fabrikneues, makelloses Plastik.
Auch unser Predigttext ist so ein verstaubter Goldklumpen. Ich habe ihn noch gar nicht genannt und doch schon die ganze Zeit darüber gepredigt, denn der an dem Ast mit dem Seil festgeknotete Pfeiler ist im Grund unser Predigttext in Stein gehauen. Wir lesen da in unserem Neuen Testament: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“
Ich höre in Gedanken schon einige von euch sagen: Das ist doch kein Deutsch! Ja, ihr habt recht, so spricht heute keiner mehr. Aber sollen wir den alten Goldklumpen deshalb wegwerfen, oder sollen wir ihn abstauben? Ich entscheide mich für Letzteres. „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.“ Fest werden, das heißt: Ich weiß, was ich will. Ich weiß, wofür ich auf der Welt bin. Ich weiß, dass es sich lohnt zu leben, dass einen Sinn hat, da zu sein. Da nagen nicht mehr die Selbstzweifel, die so quälend sein können: Du bist nicht gut genug, du bist ein Versager, du bist überflüssig u.s.w. Wirklich köstlich, wenn das Herz fest wird.
Und das geschieht durch Gnade. Mit anderen Worten: Da ist jemand, der dich mag, so wie du bist, ganz sicher, und auch wenn du ausrastest und versagst, mag er dich immer noch. Und wenn die, die dich nicht leiden können, dich ihre Ablehnung spüren lassen: da ist einer, der bricht über dir nicht den Stab, und das ist der, nach dem am Ende sich alles richten muss. Genau als der kommt dir Gott entgegen am Kreuz, genau das will er für dich sein. Daran kannst du dein Lebensschiff fest vertäuen, da kannst du den Knoten machen, diese Liebe hier hält auch dich aus! Das ist das Angebot dieses Konfirmationstages, das ist das alte Gold, das ich euch heute noch einmal vor die Augen halte.
Es steht euch frei, das alte Gold wegzuwerfen. Aber wer fabrikneues Plastik für wertvoller hält als altes Gold, der wird ein armer Mensch werden. Ich habe ein Jahr lang in manches fast immer mürrische Gesicht geschaut. Und ich frage mich: Wollen manche wirklich so arm bleiben, arm an Liebe, arm an echter Lebensfreude, arm an Freude darüber, dass sie da sind auf der Erde? Und da ist Gott und sagt: Ich freue mich darüber, dass du da bist. Ich halte dich aus, auch wenn du versagst – und beweist das am Kreuz gegen größten entfesselten Hass – und ihr sagt: bleib mir weg mit dem alten Mist – schade um euch, wenn ihr euch so entscheidet.
Einige von euch haben für heute das Lied gewünscht: „Herr, gib mir Mut zum Brücken-Bauen.“ Eure Konfirmation ist im Jahr des Golfkriegs und vielleicht spürt ihr mit diesem Wunsch, dass das die Bewährung ist, die euer Lebensweg von euch fordern wird. Brücken des Friedens bauen auf einer enger werdenden Welt. Ein Brückenpfeiler kann nur etwas tragen, wenn er selbst fest verankert ist. Wenn ihr Brücken des Friedens bauen wollt, braucht ihr Liebe. Liebe zu Menschen, die anders sind als ihr. Liebe zu Menschen, die anders denken und anders fühlen als ihr. Liebe zu Menschen mit anderen und unverständlichen Gewohnheiten. Zu Menschen, die lässiger sind als ihr, und zu Menschen, die strebsamer sind als ihr. Zu Menschen, die weicher sind als ihr, und zu Menschen, die härter sind als ihr. Zu Menschen, die gesitteter sind als ihr und zu Menschen, die ausgeflippter sind als ihr. Ihr werdet Liebe zu Fremden brauchen, die mit ihrer Not auf euer Gewissen drücken. Die Hungernden werden uns nicht mehr lang den Gefallen tun, lautlos und unbemerkt zu sterben, damit wir nicht gestört werden. Ihr könnt diese Liebe nur geben, wenn ihr selbst wisst, wo ihr sie herkriegt.
Bei dem kleinen Stück von dem unendlichen Gott, das er zu erkennen gegeben hat, bei Jesus, findet ihr diese Liebe. Das Angebot des Glaubens an diese Liebe ist das eigentlich Große an diesem Konfirmationstag. Ihr könnt wohl sagen: Ich habe keinen Beweis für Gott, da stochere ich lieber weiter im Nebel oder treibe mit meinem Lebensschiff auf dem offenen Meer der Ungewissheit. Oder ihr lasst die offenen Fragen stehen und fasst dort zu, wo Gott sich zu fassen gibt und macht da euren Knoten, im Vertrauen: „Diese Liebe hält auch mich.“ Amen.
Wenn ein Kind aufwächst, wird sein Horizont immer weiter und weiter, je mehr es von der Welt mitbekommt. Immer wieder ist das Staunen dabei: „Was es alles gibt! Das hätte ich nicht gedacht!“ Jede Erweiterung des Horizonts ist eine große Überraschung. Das ist das Schöne an den Kindern, dass es bei ihnen dieses Staunen gibt, wenn sie etwas Neues entdecken, und es ist das Langweilige an uns Erwachsenen, dass wir immer wieder so tun, als würden wir schon alles kennen: „Ich hab Erfahrung, ich weiß, wie es läuft auf der Welt, mich kann nichts mehr erschüttern, mich kann nichts mehr überraschen…“ total öde, wenn ein Mensch mit keiner Erweiterung seines Horizontes mehr rechnet, mit keiner Überraschung mehr, weil er schon so klug ist und alles weiß.
Doch wer mit Gott unterwegs ist, wird immer wieder Überraschungen erleben, dessen Horizont wird immer wieder erweitert, den wird Gott immer wieder etwas erleben lassen, wo er staunend denkt: „Das hätte ich nicht gedacht, dass es das gibt!“ Wahrscheinlich deshalb hat Jesus einmal gesagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“ Wer durch die Welt läuft mit der Einstellung: Ich weiß schon alles, worauf es ankommt, der wird nichts merken von Gott. In unserem heutigen Predigttext erlebt der Oberste der Apostel eine große Überraschung: Das hätte er nicht gedacht von Gott… Aber es war Zeit für Petrus, etwas Wichtiges dazu zu lernen.
Ich lese kurz die Vorgeschichte zu unserem Predigttext:
Petrus stieg auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde.
10 Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, kam eine Verzückung über ihn,
11 und er sah den Himmel aufgetan und ein Gefäß herabkommen wie ein großes leinenes Tuch, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde.
12 Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels.
13 Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss!
14 Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines und Unreines gegessen.
15 Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein.
16 Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Gefäß wieder hinaufgenommen gen Himmel.
17 Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten Männer, vom römischen Hauptmann Kornelius gesandt, nach dem Haus Simons und standen schon an der Tür,
18 riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre.
19 Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich;
20 so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.
Hier beginnt nun unser eigentlicher Predigttext:
21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin's, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier?
22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast.
23 Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm.
24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen.
25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.
26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, auch ich bin ein Mensch.
27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren.
28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll.
29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen.
30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand
31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott.
32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer.
33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.
34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht;
35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.
Liebe Gemeinde,
manchmal ist es schwer, über seinen Schatten zu springen. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch an Zeiten, wo es ein Drama war, wenn die Tochter einer evangelischen Familie einen katholischen Bräutigam daherbrachte, oder umgekehrt. Heute lächeln wir vielleicht darüber: Das ist doch klar, die Katholiken glauben an den gleichen Gott wie wir. Wir haben etwas gelernt. Aber vor ein paar Jahrzehnten war das noch ganz schwer, da stand plötzlich alles auf dem Spiel, was man gelernt hatte, was man gewohnt war, was geht und was nicht geht, was richtig ist oder falsch.
Oder welch einen Kampf hat es gekostet, bis in unseren Kirchen Frauen im Pfarramt akzeptiert wurden! Das geht doch nicht, da gibt es Dinge, die in der Bibel stehen, die dagegen sprechen, da kommt doch alles durcheinander, woran wir uns bisher gehalten haben. Heute lächeln wir darüber, aber wie schwer war es, bis wir uns wirklich überzeugt hatten, dass Gott sein Wort genauso durch den Mund einer Pastorin wie durch den Mund eines Pfarrers zu uns sprechen kann.
Es ist immer schwer, wenn Gott mit uns Grenzen überschreiten will, die für uns bisher ehern schienen, die zu ihrer Zeit auch Halt und Orientierung gegeben haben. Wie geht es uns z.B. damit, wenn heute jemand an die Kirchentüren klopft, von dem wir noch in Erinnerung haben: Der war doch früher ganz rot und hat einen Bogen um die Kirche gemacht? Nun kommt das ja nicht allzu oft vor, aber wenn es so wäre, dass ehemalige Parteigenossen in größerer Zahl an unsere Tür klopften, um getauft zu werden, um dazugehören und mitmischen zu dürfen in der Kirche, Menschen, von denen wir wissen, dass sie früher ganz woanders gestanden haben: Ob wir da nicht zuerst einmal doch die Luft anhalten würden?
Durch Erziehung und Erfahrung haben wir gelernt, vorsichtig zu sein. Manchmal ist es wichtig zu wissen, wer wo steht. Manchmal ist es wichtig, Abstand zu halten. Auch heute in der großen Narrenfreiheit ist das wichtig, wenn man bedenkt, was sich auf dem religiösen Markt alles so tummelt. Und doch kann Gott auch bei Menschen, wo wir ihn nicht vermuten, wirken und Herzen öffnen und die Grenzen überschreiten, die uns vertraut sind. Das war die Lektion, die Petrus, sein oberster Apostel, hat lernen müssen, wovon unser Predigttext erzählt.
Petrus hält auch die Luft an, als er das Haus des Kornelius betritt: „Ihr wisset, dass es ein unerlaubt Ding ist einem jüdischen Mann, umzugehen mit einem Fremdling.“ Es gab gute Gründe für den Abstand, den die Juden zu den so genannten Heiden hielten. Was verehrten gerade die Römer nicht für fragwürdige Götter, und wie leicht ließ sich da auch ein Mensch zu einem Gott hochjubeln! Etliche römische Kaiser sollten das noch bestätigen: Wo nicht Gott allein geehrt wird, da schwingen sich Menschen zu Göttern auf und es gibt keine Schranke mehr für Willkür, Tyrannei und Grausamkeit. Den Römern gehörten Macht und Einfluss im Land, und die Juden und die ersten Christen, die ja von der Herkunft her Juden waren, taten wirklich gut daran, sich nicht zu sehr mit ihnen einzulassen, wenn sie wollten, dass der Glaube an den einen Gott nicht verloren geht.
Der Beginn der Begegnung zwischen Petrus und Kornelius bestätigt eher sämtliche Vorbehalte. Petrus kommt herein, und Kornelius fällt ihm zu Füßen und betet ihn an. Typisch Heide, könnte man sagen. Petrus muss ihn gleich in die Schranken weisen: „Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.“ Das ist das A und das O: Gott ist Gott, er allein. Und Mensch ist Mensch. Unvollkommen und fehlbar, jeder Mensch, der über diese Erde geht. Da gibt es nichts anzubeten. Wo Menschen vergöttert werden, ist bald der Teufel los. Allein das jüdische Volk war damals der Hüter dieses heilvollen Vertrauens: Dass nur Einer Gott ist, und wir Menschen seine Geschöpfe, die zu ihm aufschauen.
Petrus hat das Verlangen, Abstand zu wahren, wie er es gelernt hat. Aber schon das Traumgesicht, das er gesehen hatte, hatte ihn in seinen bisherigen Gewissheiten erschüttert. „Was Gott geheiligt hat, das heiße du nicht gemein.“ Sollte das auch für einen Römer gelten, für diesen Römer, der ihm gleich zu Füßen fällt, als wäre Petrus einer von vielen heidnischen Göttern?
Gott brachte Petrus dazu, über seinen Schatten zu springen, „Gott hat mir gezeigt, keine Menschen gemein oder unrein zu heißen“, sagt Petrus. Auch wenn er dem Volk angehört, von dem sich alle fernhalten. Das heißt nicht, dass er gleich Brüderschaft trinkt mit Kornelius. Aber er denkt nicht mehr „ein Römer!“, sondern er denkt „ein Mensch!“, und mehr noch: „Ein Mensch, den mir Gott ans Herz legt.“ Fern von jeder voreiligen Umarmung öffnet sich Petrus für diesen fremden, andersartigen Menschen. „Warum habt ihr mich holen lassen?“ fragt er. Bevor er selbst redet, bevor er sich ein Urteil erlaubt, hört er zu.
Weil er zuhören kann, öffnet sich Gottes oberstem Apostel eine neue Welt, die Gott ihm zeigen wollte. Ein Römer, der Gott sucht. Ohne Hintergedanken und Nebenabsichten. Dieser Römer ist angerührt von Gott, von dem Gott, den bisher nur Juden gekannt hatten. „Nun sind wir alle hier gegenwärtig vor Gott, zu hören alles, was dir vom Herrn befohlen ist.“ Das sind seine Worte.
Ein Römer, der Gott sucht, das gab es bisher nicht. Petrus muss sein Weltbild erweitern. Viele können das nicht. Auch viele gläubige Christen nicht. Sie halten starr fest an dem, was einmal gegolten hat, sie haben Angst vor jeder Veränderung, und merken nicht, dass manchmal Gott verändern will, was wir bisher immer geglaubt haben, weil er uns weiterführen will, weil er mit uns unterwegs ist auf einem Weg zu seinem Heil und sich nicht mit uns verschanzt in einer Trutzburg gegen die böse Welt.
Petrus kann sein Weltbild erweitern, er kann es sich von Gott erweitern lassen. Und, was ich besonders schön finde, er tut es mit Freude. Ihm liegt nicht mehr daran, alte Positionen zu verteidigen und bestätigt zu sehen. Voll Freude ruft er aus, was Gott ihn entdecken ließ:
„Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jeglichem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“
Es ist doch viel schöner, wenn Gott alle Menschen liebt, als wenn er bloß uns lieben würde! Wenn Gott auch in anderen Völkern und Kulturen Brüder und Schwestern für uns hat, die mit uns „Vater“ zu ihm sagen. Wenn auch ganz andersartige Menschen Gott genauso nahestehen wie wir!
Ein weltgeschichtlicher Meilenstein ist unser Predigttext, denn damit tritt der Glaube an Gott heraus aus dem Innenraum des jüdischen Volkes, und alle Menschen dieser Welt sind es offenkundig Gott wert, dass er voll Liebe nach ihnen sucht. Amen.
1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.
Liebe Gemeinde,
eine merkwürdige Geschichte liegt zwischen der Taufe Jesu und dem Beginn seiner Bergpredigt. Gott hatte ihn in der Taufe als seinen eigenen Sohn bestätigt. Hätte Jesus nicht gleich losziehen können und Bergpredigt halten und Kranke heilen und Jünger berufen, wenn er doch Gottes Sohn ist?
Nein, der Geist führt ihn in die Wüste, dass er vom Teufel versucht würde. Auch Jesus musste erst vorbereitet werden. Jesus musste erst Bewährungsproben bestehen. Nicht durch übernatürliche Fähigkeiten hat Gott Jesus reif gemacht für das, was er nachher tun sollte, sondern durch bestandene Prüfungen.
Wir wissen es vielleicht selbst aus dem eigenen Leben: Das, was wir erlebt, durchlitten und durchgestanden haben, das gräbt sich tief in die Seele ein. Was wir bei schweren Herausforderungen und Entscheidungen lernen, das sind Erfahrungen, die sitzen so tief, dass sie das weitere Leben prägen. Solche Erfahrungen musste auch Jesus erst machen, solche Herausforderungen musste auch Jesus erst bestehen, bevor Gott ihn zu den Menschen schickte. Es sind Herausforderungen, vor die vielleicht jeder Christ in seinem Glaubensleben irgendwann gestellt wird. Bevor wir sie im Einzelnen anschauen, möchte ich noch ein Wort zum Teufel sagen. Gott will hier offensichtlich, dass Jesus dem Teufel begegnet. Ich glaube nicht, dass der Teufel ein selbstständiges Wesen ist. Andere glauben das. Jeder sei in seiner Meinung gewiss. Auf jeden Fall begegnet uns der Teufel als eine innere Stimme, die uns das nahebringt, was Gottes Willen widerspricht. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns immer wieder mit dieser inneren Stimme zu tun hat und vor der Wahl steht, ihr zu folgen oder ihr zu widerstehen. Das ist dann ein innerer Kampf. Auch Jesus hatte diese innere Stimme, und wie er mit ihr gekämpft hat, davon erzählt die Versuchungsgeschichte.
Schauen wir die erste Versuchung miteinander an. Und der Versucher trat zu ihm und sprach:“ Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“
Merken Sie, wie fromm diese innere Stimme daherredet? „Du bist Gottes Sohn“ – das hat doch Gott vorher bei der Taufe gesagt. Der Teufel sagt dasselbe wie Gott – nur in einem anderen Zusammenhang. „Du bist Gottes Sohn“ – sagt die innere Stimme – „warum hast du dann Hunger?“ „Du bist so eng mit Gott verbunden“, sagt die innere Stimme, „warum hast du dann ein Problem?“ „Sprich, dass diese Steine Brot werden, dann drückt dich kein Hunger mehr.“ Die erste Versuchung des Teufels ist die Erwartung: Mit Gott werden deine Probleme einfach weggeblasen. Eine unheimlich fromme Versuchung, denn was der Teufel hier sagt, klingt nach großem Glauben: Gott ist so groß, der kann das alles machen. Da sagt jemand: „Ich gehe nicht zum Arzt. Ich bete, und dann kann Gott mich auch direkt heilen.“ Oder es sagt jemand: „Ich brauche keine Therapie. Ich bete, und Gott kann mir meine Sucht auch so wegnehmen.“ Hinter diesem scheinbar großen Glauben steht vor allem der Wunsch: Es muss einfach gehen, so dass es mir selbst möglichst wenig abverlangt. Das ist die fromme Stimme des Versuchers.
Wie hat Jesus dieser inneren Stimme geantwortet? „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Damit hat Jesus der inneren Stimme des Versuchers geantwortet: „Es kommt gar nicht darauf an, dass mein Hunger sofort gestillt wird. Es kommt gar nicht darauf an, dass meine Probleme sofort von mir genommen werden. Sondern es kommt darauf an, das zu hören, was Gott mir in meinem Hunger und durch meinen Hunger sagen will. Es kommt darauf an zu hören, was Gott mir in meinem Problem sagen will. Das wird mir helfen, das wird mich heilen, davon lebe ich.“ Versuche nicht, Krisen weg zu beten, sondern versuche zu verstehen, was Gott dir in ihnen zeigen will, denn es geht um Heilung, und das ist etwas anderes als sofortige Wiederherstellung des Wohlbefindens. Verlange nicht eine göttliche Wunderheilung, wenn Gott z.B. in einer Therapie dein Leben auf eine neue, heilsame Grundlage stellen will.
Jesus hat die Versuchung bestanden. Ihm ist es gelungen, den Weg Gottes vom Weg frommer Wünsche zu unterscheiden. Aber die innere Stimme regt sich ein zweites Mal, oben auf der Zinne des Tempels. Und wieder klingt sie wie Gottes Stimme von seiner Taufe: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Weiter gehen seine Gedanken: Wenn ich doch Gottes Sohn bin, dann müsste ich eigentlich gar keine Grenzen mehr haben. Ich könnte mich hier hinunterstürzen, es steht ja in der Bibel: „Er wird seinen Engeln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Ich verlasse mich doch auf Gott, da kann mir nichts mehr passieren. Sind das nicht sehr gläubige Gedanken? Doch Jesus erkennt auch in diesen frommen Gedanken wieder die Stimme des Teufels. Und er antwortet dieser inneren Stimme: „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.“
