Klartraum - Olga Flor - E-Book

Klartraum E-Book

Olga Flor

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Beschreibung

Es ist immer dasselbe mit der Liebe. Oder doch nicht? Ändert sie sich, weil die, die lieben, sich ändern? Und wie sähe eine Liebe heute aus? Wo wäre heute ihr Platz? Zwischen Familie und Karriere, in einer Welt, die einen drängt, seinen Vorteil zu suchen, zu erzwingen, den Nachteil des anderen in Kauf zu nehmen. Ist die Liebe in Zeiten umfassender Ökonomisierung mehr als eine Verhandlungssache, bei der der eine die andere (oder umgekehrt) immer über den Tisch zieht? So wie im Fall von P, unserer Protagonistin, und A – dem Allergeliebtesten, dem Antagonisten? –, die sich das kleine große Glück einer leidenschaftlichen Affäre gegenseitig abringen, als wäre es ein Kampf auf Leben und Tod. Olga Flor hat einen Liebesroman geschrieben, der so ganz anders klingt als das alte Lied vom Glück und Unglück zu zweit, zu dritt, zu viert usw. Haltlos im Begehren, voller Furor im Leiden, aber ohne jeden Seelenkitsch, schmerzhaft klar und nüchtern. Trost? Der Trost liegt darin, nicht aufzugeben.

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Seitenzahl: 312

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Sammlungen



© 2017 Jung und Jung, Salzburg und WienUmschlagbild: © Ulrich HohenesterUmschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.comAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-99027-096-7eISBN 978-3-99027-158-2

OLGA FLOR

Klartraum

Roman

Inhalt

Verlust 1

Verlust 2

Phantasmen

Verlust 3

Glück 1

Verlust 4

Glück 2

Verlust 5

Glück 3

Verlust 6

Glück 4

Möglichkeit 1

Glück 5

Verlust 7

Glück 6

Verlust 8

Glück 7

Komik 1

Möglichkeit 2

Verlust 9

Komik 2

Lust 1

Verlust 10

Komik 3

Möglichkeit 3

Verlust 11

Verlust 12

Komik 4

Lust 2

Glück 8

Möglichkeit 4

Glück, schon wieder

Lust 3

Verlust 13

Glück 10

Lust 4

Glück 11

Lust 5

Glück 12

Lust 6

Glück 13

Lust 7

Glück 14

Lust 8

Glück 15

Lust 9

Möglichkeit 5

Vom Leben in den großen Städten

Lust 10

Lust 11

Lust 12

Glück überwiegt

Lust 13

Ps: Wir reden Klartext, wurde Zeit!

Verlust 1

Die Scherben habe ich liegen lassen an der Dreifachkreuzung. Vorher noch sehe ich dem Mann nach, dem ich das alles zu verdanken habe. Die Haltung leicht gebeugt, als schäme er sich seiner Größe, stakt er durch den matschigen Grund längst aufgegebener Rasenflächen unter den hochgestellten Gleisen der U-Bahn. Ich weiß es besser, warum sollte man sich auch für etwas Vorgegebenes wie die eigene Dimensionierung verantwortlich fühlen? Er schämt sich ohnehin für wenig, eine Tatsache, die ich immer sehr anziehend fand. Seine Hemmungslosigkeit, sein Ausufern haben mich stets berückt, beglückt, beeindruckt. Schon gar nicht schämt er sich für die Cashflow-Maximierung, so nennt er das wirklich. Das könne er nun mal, und das Haus verschlinge viel, das Haus, das er als Hülle für sein verschlossenes Inneres baut und als Heimstatt für seine Ehe.

Aus der Vogelperspektive betrachtet scheint das alles ziemlich lächerlich, das tut es immer: scharf im zentralen Bildbereich, unscharf an den Rändern, das gibt dann diesen hübschen Miniatureisenbahneffekt, diesen Vergrößerungsglas- und Schneekugeleffekt. Die ganze Welt könnte man in so einer Glaskugel unterbringen, schon erwarten wir, dass gleich die passenden Flocken dahergestöbert kommen. Doch noch ist Herbst, wir betrachten eine europäische Großstadt im Herbst, und im Fokus: eine Kreuzung, dreifach und zentral, ein sechsstrahliger Stern, der sich ein wenig ausbreitet.

In der schütteren Menge vorbeiziehender Menschen steht jemand, eine Frau, schon ein paar graue Strähnen unter dem Hut, den sie entschieden trägt, als könne der sie davor schützen, dass ihr etwas auf den Kopf fällt. Zoom hinein, das Praktische ist, dass die optischen Informationen auch gleich mit den Telekommunikationsdaten vernetzt werden können. Die Protagonistin steht also an einer Kreuzung und drückt ihre Tränen in ein Taschentuch, während die mächtigste Frau Europas nichts dergleichen tut. Dabei beinhaltet das, was sie zu sagen hat, einen Paradigmenwechsel, der sich gewaschen hat, was aber niemanden zu interessieren scheint, zum Heulen, könnte man denken, wenn man in solchen Kategorien dächte, Gefühlskategorien. Sie betont, dass wir die Wohlfühlwolke mit ihren Finanzkrischen und ähnlichem jetzt hinter uns gelassen haben, ob es uns, also eher Ihnen, passt oder nicht. Jetzt geht’s ums Ganze, meine Damen und Herren, recht hat sie. (Dieses WIR ist ein wenig uneindeutig, das muss festgehalten werden, wir können ja nicht gemeint sein, wir verfügen über keine Wir-Instanz im eigentlichen Sinn, auch wenn wir uns durchaus gern im Mund führen. Wir wird durch seine Hohlform definiert, die gibt man nach Gebrauch bereitwillig verloren.)

Die Frau an der Kreuzung denkt möglicherweise, dass das alles gar nicht wahr sein kann, dass sie nicht fassen kann, was gerade passiert, weniger auf einer globalen Skala, das interessiert sie heute noch weniger, sollen die Krisen nur kommen, was haben die mit ihr zu tun? Sie kann da leider gar nichts machen, in keinem einzigen Fall, weder dafür noch dagegen, an keinen Parametern drehen und keine Paradigmen verschieben, sie ist mit sich beschäftigt und mit der Frage, warum die Liebe in ihrer pursten Form (keine Forderungen, keine Sicherheiten, keine Assets, nur Nähe und Öffnung) so weh tun muss, und vor allem: warum ihr? Warum der Nähefaden so plötzlich abreißen kann und die Enden unauffindbar im Alltagsgewebe verschwinden.

Aleppo, sagt Frau Europa, liegt vor den Toren Stuttgarts! Dort steht auch schon Hannibal herum, wie man vermuten darf. Warum gerade Stuttgart?, fragt die Protagonistin, nur um ein wenig von sich abzulenken, Stuttgart, wendet sie ein, verfüge nicht einmal über eine ordentliche Salafistenszene. Die Protagonistin P ist sowas nicht gewohnt und wird glatt hochmütig. Und nicht nur im Verwaltungsbereich dieses Zwischenzustands sagt die eine oder der andere unter der Hand, man sagt ja viel unter der Hand, obwohl das gar nicht einfach ist, es brauche wieder einen Krieg, damit die Leute aufwachten. Könnt ihr haben, antwortet die Jugend der globalen Vorstädte, der Jihadismus auch. Nicht dass der sonderlich viel auf das Wort von Frauen gäbe, auch wenn die sagen, mit dem bequemen Leben sei es jetzt ein für alle Mal vorbei. Es stehe alles auf der Kippe, und übrigens habe kein Mensch die Absicht, Mauern zu errichten. So formuliert sie das natürlich nicht.

An einer anderen Dreifachkreuzung bringt eine Straßenbahnlenkerin, und Straßenbahnen sind hier zügig unterwegs, ihr träges Gefährt im letzten Moment unter heftigen Bremsgeräuschen vor einem Radfahrer zum Stehen, der ihr den Vorrang genommen hat und akustisch bestens abgeschirmt so tut, als ob er gar nicht bemerkte, wie nahe er dem Zerquetschtwerden war. Vielleicht hilft ihm diese Einübung in die Sterblichkeit aber nur bei der Bewältigung grundlegender Fragen. Die vor den Haltelinien in der erste Reihe fußfrei Wartenden versäumen die Grünphase, notgedrungen auch die dahinter, auch wenn die weniger Einblick in die Lage haben, was zu einigem akustischen Aufruhr führt. Schon schultert der Radfahrer das Fahrrad, um den Aufgang hinaufzurennen, er hat es eilig. Die Mitarbeiterin der Verkehrsbetriebe ist geschockt, obwohl sie eigentlich wenig erschüttern kann, so wie die aussieht. Sie braucht ein wenig Zeit, um sich zu sammeln in ihrer Kanzel, bevor sie die Fahrt fortsetzen kann. Das Publikum ist gebannt auf ihrer Seite, insbesondere die Zustellerin G, zwar außer Dienst und in einem Privatauto, doch professionell empört, die wird richtig wütend!, denn der Mann, der seinen eigenen Tod da derart leichtfertig riskiert, riskiert noch viel leichtfertiger die Traumatisierung der an diesem Tod dann zwar unmittelbar beteiligten, doch in moralischer Hinsicht, da ist man sich einig, völlig unschuldigen Lenkerin. Das lässt die Empathie einen Herzschlag lang zu gewaltiger Größe anschwellen, so sehr, dass die Grünphase weitgehend ungenützt verrauscht, was man – von der eigenen Ablenkbarkeit nun doch ein wenig peinlich berührt – konstatieren muss.

In dieser Stadt hat man nie genug im Rücken, Rückendeckung kann man nicht erwarten, an einem Hügelhang zum Beispiel, an den sich ein Gebäude vertrauensvoll anlehnen könnte. Die Stadt läuft aus in die umgebende Landschaft, Zugriff ist von allen Seiten möglich. Die Erschließbarkeit der Ressourcen des urbanen Schichtensystems ist wie überall nur in den richtigen Kontexten möglich, in allen anderen Fällen: Undurchlässigkeit.

Verlust 2

Das Gute ist, sagt P: Was ich zu sagen habe, kann ich niederschreiben. Das hilft mir, klarer zu denken, und es rettet mich. Weiter behauptet sie, dass ihr beispielsweise von Anfang an klar gewesen sei, dass ihr das alles nicht zusteht, dass sie hier nicht nur die Grenzen der meisten Konventionen überschreitet, sondern auch die des Glücksanspruchs, des Anspruchs auf das Maß an Glück, das ein durchschnittliches Leben bietet: Ich habe schon mehr als genug davon gehabt.

Das stimmt allerdings. Sie lebte in einer friedlichen Umgebung mit einem Mann, mit dem sie in den wesentlichen Dingen einig war, sogar darin, was die eigentlich wären. Zog mit ihm gemeinsam Kinder groß, hatte einen Job, eine Wohnung, berufliche Anerkennung, meistens jedenfalls. Nur manchmal war da ein wenig Kälte, Gewohnheitshärte als Folge der mutuellen Überlastung der Elternteile durch die Anforderungen pubertätsreifer Teenager. Vorbehalte wurden beiläufig gesammelt. Wenn er etwa sagte, er hätte das, er würde anders, und sie ihm Überheblichkeit vorwarf und sich in eine kleine Wut hineinsteigerte, unangemessen, wie sie wusste; insgesamt nicht wirklich nennenswert. Lauwarmes Desinteresse aneinander, gerade auch in sexueller Hinsicht, geteilte Langeweile. Dinge eben, die in jeder Beziehung vorkommen, vor allem, wenn sie lange genug andauert, dass unterwegs aus Kindern Jugendliche werden. Völlig im Normalbereich. Das alles gab ihr nicht das Recht, in einer Zweitbeziehung Glück finden zu wollen. Sie tat es trotzdem, denn es war das große Glück. Das, was so einzigartig schmeckt, jedes einzelne Mal.

Sie ruft dem Rücken einen Namen nach, er hört nicht darauf. Sie folgt ihm und lacht ein wenig über sich selbst, denn eigentlich liegt sie ja am Boden, wie konnte sie das vergessen. Das ist jetzt radikal parteiisch hier, sagt sie und stapft hinter ihm her, was ihn aber nicht weiter interessiert. Diese Partei entzieht sich.

Das tue ihr jetzt sehr leid wegen der Verunreinigung der Kreuzung. Doch das ist eine der Kreuzungen, bei denen man nicht mehr viel ruinieren kann, genau das richtige Ambiente, um in einer Herbstnacht, in der eben dieser Berliner Nieselregen ein wenig unentschieden einsetzt, von einer Lebensliebe stehen gelassen zu werden.

Vorher noch verschließt A sein Gesicht, stützt es in die Hände, bohrt die Fingerkuppen in die Augenhöhlen, um schließlich, als er es endlich wieder auftauchen lässt, aus einer Festung in die Welt zu blicken. Auf P. Er sehe sie am Rand sitzen, am Rand des Lochs, in das er gestürzt sei, und sich um Annäherung bemühen, doch das funktioniere nicht. Es ist aus, sagt sie, oder fragt sie das? Sie würde gerne ein Beweisstück aus der Tasche zaubern, das ihn von der Lauterkeit ihrer Absichten überzeugt, das den Zauber belegen könnte, der sich naturgemäß verflüchtigt, wenn man ihn bannen will. Sie spürt, dass alles, was sie zu halten versucht, zerrinnt, sie sucht nach Worten, die sich dem Fluss entgegenstellen könnten, egal, er hört sie nicht. Er brütet traurig vor sich hin, sitzt auf seinem Thema, und das heißt Einschluss, Krater, Boden, Wand. Am Boden er, und hinter tausend Wänden eine Welt, möglicherweise. Du erreichst mich nicht, sagt er, keine Chance.

Sie schweigt, ratlos, fragt schließlich, was das nun wieder bedeute, ob sie es nicht versuchen könne, sinnlos, sagt er, und es sei ihm bewusst, dass er sie nur enttäusche. Auf diese Weise könne er das nicht fortsetzen. Ob er glaube, sie lasse sich alles bieten? Der Ton wird schärfer, er registriert das nicht, sie legt nach: von Mal zu Mal mehr? Von Verständnis zu Verständnis schiebe er die Grenze weiter hinaus, Verständnisse, die er selbstredend den anderen abverlange. Er wehrt sich nicht, er lässt das über sich ergehen, zieht den Kopf ein, was komisch aussieht. Sagt, er nehme an, er habe das verdient, eine Feststellung, die sie schachmatt setzt.

Sie habe nie etwas verlangt außer Verbindlichkeit, das schon, sagt sie blass, doch er ist nun bei seiner Frau angelangt, stellt fest, dass sie bleibe, bei ihm bleibe. Dass sie auch bleibe, sagt er, genaugenommen. Man sollte das nicht überbewerten, sagt P ein wenig spitz, eine unglückliche Mischung aus Defensive und Positionsbehauptung, die kaum das Zeug hat, irgendein Ziel zu erreichen. Die Jüngste noch klein, zu klein, sagt er, und er hat recht, sie stimmt ihm völlig zu. Die Handlungsübereinkunft war: den Kindern keinen Schmerz zufügen, die Familien nicht verlassen. Doch er scheint alles vergessen zu haben, keine Gemeinsamkeit mehr greifbar, da kann sie noch so sehr auf die eigene Ungefährlichkeit hinweisen: Der Verzehr dieser Person ist völlig nebenwirkungsfrei. Sie stellt sich vor, wie er sie zu seinem Mund führt, der Mund von durchaus ansehnlicher Größe. Am Lippenrand stellt er sie ab, sie starrt auf sein Gaumenzäpfchen, das stalaktitengleich den Schlund säumt hinter dem weichen Zungenbett, sie lacht. Hilft aber alles nichts. Er sitzt in Griffweite, wie es aussieht, dabei handelt es sich um eine optische Täuschung.

P resümiert, das Verfassen von Erinnerungsauszügen ist alles, was sie hat. In den Erinnerungsgeschichten, die man sich selbst erzählt, wird die Deutung gleich mitgeliefert, das macht das Erlebte mundgerecht und handhabbar. Später in der U-Bahn, Hochbahn, ist sie froh, dass sie nicht früher davongegangen ist, abgerauscht in einer dieser großen Szenen, die ihr ja doch nicht liegen. Das Davongehen hätte sie vor der Einsicht bewahrt, wie einsam so ein Ich doch ist. Unten im Klo, in das sie sich geflüchtet hatte, schockiert von der Schärfe seiner Zurückweisung, versuchte sie, die Fassung wieder zu gewinnen, stand da in einem Raum, an den sie keine Erinnerung mehr hat. Sicherlich kühl, mit nackten Ziegelwänden, isolierten, aus dem Boden wachsenden Stahlwaschbecken und einem Riesenspiegel, in dem sie ihr Bild sah, getroffen. Ziemlich gut sogar. Ich könnte, sagte sie zu sich. Einfach gehen. Doch dann müsste sie sich ewig vorwerfen (führt sie ins Treffen), die Flucht ergriffen zu haben, ihm keine Chance zur Rechtfertigung gelassen, ihn womöglich falsch interpretiert zu haben. Ihm Grund gegeben zu haben für den Rückzug, der nun ohnehin folgen würde. Aber wenigstens will sie ihm dafür nicht auch noch die Munition liefern, das Erklärungsmodell auf dem Silbertablett, ihr stürmischer, ihn womöglich blamierender Abgang sei schuld gewesen an der nun umso konsequenteren Verhärtung. Denn der Wunsch drängt sich in den Vordergrund, ist ausgesprochen fordernd, das, was jetzt noch folgen müsste, bis zur Neige in sich aufzunehmen. Im Hintergrund, versteckt und schon recht angeschlagen, doch leider nicht ganz kleinzukriegen, sitzt die Hoffnung.

Ein französisches Lied, das sie in der Schule gelernt hatte, summte sie jetzt vor sich hin. Darin ging es um die Frage, welcher der Matrosen auf einem verlorenen Schiff von den anderen gegessen werden sollte. Der mit dem kürzesten Strohhalm nämlich, und den zog der Schiffsjunge, was insofern dumm war, als an dem am wenigsten dran war: pro Mord maximaler Nährwertgewinn, das musste doch das Ziel sein, hatte sie gedacht. Oder vielleicht dachte sie das erst heute, vielleicht waren das die Gedanken einer gründlich Erwachsenen mit Erfahrung in Anträgen bei lokalen, trans- und supranationalen Institutionen, die sich gewogen zeigen könnten, einer Professionellen im Umgang mit Zielvereinbarungen und Deliverables für Projekte, die mittel- und unmittelbar die eigene Stelle finanzierten. (Dass zum Beispiel die Arbeitslosigkeit anderer die Voraussetzung für das eigene Arbeitsverhältnis darstellen konnte, hatte sie nur anfangs seltsam berührt, man gewöhnt sich an vieles.)

Ich kann zurücksehen auf all die Hoffnungsverlängerungsversuche, sagt sich diese Erwachsene. Ich kann meinen Selbstbetrügereien Denkmäler setzen, Gummienten, die ich auf den Überresten vergangener Intensität deponiere. Auf die kurze, heftige Erleichterung, die ihr das Abschicken von Nachrichten verschaffte, auf Kommunikationsangebote, deren Annahme der Adressat meist fürs Erste verweigerte, egal, wie wohldurchdacht und feingestrickt die waren, folgte demgemäß ein Warten. Das Reaktionstempo bestimmt immer die passivere Partei. Es war keine große Kunst gewesen, ein Regime des Wartenlassens zu etablieren. Eine Bedeutungshierarchie, die sich an der Kostbarkeit orientierte, zumindest nach der Kostspieligkeit der Eigenzeiten, und da lag die seine um Längen vorne.

P geht mit strahlendem Lächeln durch noch strahlendere Herbsttage. Die Stadt glüht, der Himmel ist weit, und über der Tempelfront eines Theaters ruht ein aufgebahrter Leichnam, der Bildermacht der Spätgotik entgeht man nicht. Woher die Energie kommt, um so zu strahlen, weiß P nicht, nur dass sie strahlen muss um jeden Preis, dass das die einzige Möglichkeit ist, sich gegen den inneren Zerfall zu wappnen. In der Straßenbahn schießen ihr plötzlich Tränen in die Augen, als sie ein junges Paar sieht, eine Armlänge entfernt, maximal, und der junge Mann links berührt den jungen Mann rechts neben sich an der Wange, oder ist es eine Frau?, wer will das sagen und wozu auch? Mehr braucht es nicht als diese Geste, in der alle denkbare Intimität liegt, und P möchte den beiden zu ihrer Liebe gratulieren und ihnen sagen, dass sie die ihre soeben verloren hat, sie wären doch bitte sicherlich die Ersten, die verstünden, wie groß dieser Verlust sei. Doch dann schämt sie sich, denn sie hat ja nicht die Liebe verloren, bloß das maßlose Übermaß, das ihr ohnehin nicht zustand. Der Flüssigkeitsfilm trübt allerdings hartnäckig die Linsen ein, auch wenn man versucht, die Augenoberfläche lufttrocknen zu lassen: das dauert seine Zeit. Da hilft es, zur Quelle zurückzugehen, was bleibt ihr übrig? Sie hat nichts anderes.

Sie argumentiert mit sich selbst, selbst in Träumen: Mikroben träumen von Ordnungseinheiten in annähernder Rechteckform, die dem eigenen Körperbau gleichen, ich hingegen träume von Hinterhäusern. Sag ich ja, sagt das mit Grundlagenforschung betraute Traum-Ich vor dem Rastersystem eines Versandlagers. Irgendwann werde ich diesen Prozess schon noch verstehen. (Die Waren, übrigens, brauchen die Endverbrauchenden schon längst nicht mehr zur eigenen Grundversorgung.)

Das Dealerspalier am Stiegenaufgang über dem nach Urin stinkenden Einzugsbereich des U-Bahnhofs ist zu jeder Ehrerbietung bereit, die Männer grüßen stumm die Vorübergehenden, auch P. A findet endlich sein Taxi, der Kontakt mit der Außenwelt ist beendet. Man könnte jetzt behaupten, sie beobachte den Vorgang durch die leicht angeschmutzten Fensterscheiben in ihren gründerzeitlichen Gußeisenrahmen, doch das entspräche nicht der Wahrheit. Sie denkt an ihren Mann, ein bisschen spät: Lieber, ich bin dir eine schlechte Frau. Du solltest dir eine bessere suchen.

Früher am Abend war ihr Aufmerksamkeitsfaden einfach abgerissen, vermutlich ein Versuch, in die Realität gestaltend einzugreifen wie in einen Traum, in dem man plötzlich begreift, dass man träumt. Am Nebentisch sagt ein wackerer High-Potential gerade zum anderen: Als Add-on gibt es eine Option auf Benefit. (Dass das Geldthema doch immer wieder überraschend präsent werde im Fall der Scheidung, dass das der Preis der finanziellen Ungleichheit sei, der Fluch des Modells Versorgerehe, all das behält sie für sich.) Da können wir Cash abgreifen, kostet uns keinen Cent extra. P sagt, viel zu leise, nicht anzunehmen, dass der Adressat es hört: Es ist aus. Das memoriert sie so lange, bis sie es selbst glaubt. Man kann sich das Fühlen abgewöhnen. Man kann schon Monate, bevor man stirbt, derart viele Tabletten schlucken, dass das Brennen der abgestürzten Zigarettenglutzylinder auf der Haut nicht mehr zu spüren ist. Wenn man denn raucht. Man kann sich allerdings auch weigern, an einer Liebe zugrunde zu gehen.

In dem Restaurant in der Backsteinhalle am Kanal, zu dem einer der Sternenarme hinführt, sagt er zu ihr, er sitze in einem Loch, aus dem er nicht mehr herauskomme. Der Sprecher nebenan gerät in Fahrt: Dann gehen wir zur Kommission und bieten denen ein Ready-to-fix-Training, Kostenpunkt: fünfhundert. Fünfhundert mal – wieviel Mann haben die in dem Bereich? –, sagen wir, fünftausend, kalkulier das mal! Darauf der andere, ein wenig nüchterner, die Stimme der Vernunft in diesem Dreamteam: Wenn sie es aber in irgendwelchen Schweinsabteilungen, wenn sie’s da schon machen? Die haben ja so ’nen Riesenladen. (Dass viele der Maßnahmenpakete praktisch auf die Vermittlung von teuren Trainingsprogrammen hinauslaufen – ein ganzer Industriezweig ist da erblüht! –: eine andere Geschichte.)

A hat seine Krawatte angelassen, zum ersten Mal bei einem ihrer Treffen, eine Distanzmarke, die nicht zu übersehen ist, und die ist auch noch rot. Dass die Codizes der Macht entschieden für schwer infantile Gemüter gebastelt seien, sei doch immer wieder überraschend, bemerkt sie in einem hilflosen Versuch, Konversation zu machen. Er bezieht das wohl auf den Nachbartisch und zuckt nicht mal mit den Augenbrauen. Die Ringe haben beide abgelegt, ein letztes Einvernehmen. Ich sehe dich am Rand stehen, sagt er, und sie stellt sich das sehr bildhaft vor, sie sieht sich als Vogel, einen Vogel, der offenkundig aus rein ästhetischen Gründen fasziniert in einen sprudelnden Quelltopf starrt, barock eingefasst im Rahmen eines Landschaftsgartens. Wie sollte das möglich sein, kann ein Wesen dieser Entwicklungsstufe Sinn für zweckfreie Ästhetik haben, zweckfrei jedenfalls in Hinblick auf Überleben und Fortpflanzungserfolg? Der Wirbelkern er, auf den sie starrt, dieser Mann, der nun sagt: Ich sehe, wie du versuchst, mich zu erreichen, doch das ist ein aussichtsloses Unterfangen. Unmöglich. Warum eigentlich?, fragt sie, er bleibt die Antwort schuldig. Und wieder ertappt sie sich dabei, es mit mehr vom Gleichen versuchen zu wollen. Merkt, wie sie panisch durchrechnet, an welchem Posten des Gefühlshaushalts sich weitere Abstriche machen ließen, einnahmenseitig, um die Bilanz zu retten, dann zieht sie die Notbremse, jetzt aber ganz entschieden: Noch weniger zu verlangen als ich, sagt sie, geht doch gar nicht. Vielleicht ist das der Fehler. Vielleicht brauchst du ein ordentliches Risiko?

Sie entgegnet der ungegebenen Erklärung: Nimm diese Spitze wieder aus meinem Fleisch, allerwenigstens. Bau mir eine Brücke, eine Einstiegshilfe (oder spricht sie hier von Ausstiegshilfen?). Er schlägt die Hände vors Gesicht, er bohrt die Finger in die Augen. Sein Leiden ist greifbar, er selbst ist es nicht, er lässt nicht zu, dass sie die Haut berührt. Er sagt, er mache alles nur noch schlimmer. Er zerbräche alles, wenn er jetzt nicht ginge, und zwar so schnell wie möglich. Unter dem Druck der Fingerkuppen flackert Panik auf, sie sagt, ganz im Gegenteil, er zerbreche gerade dann alles, wenn er gehe. Alles, sagt sie, bitte, nur das nicht, doch sie fleht schon ein wenig halbherzig. Sie spürt, wie er entgleitet, wie sie ihn ziehen lassen muss am Asphaltdreieck des Gehsteigs, das die Fahrbahnen einschließen. Er sagt, er träte alles mit Füßen, wenn er bliebe. Ein grundlegendes Missverständnis.

Und er zerbricht, was er zerbrechen kann, mich, sagt sie, das ist kein Wunder, ich habe ihm schließlich die Gelegenheit dazu geboten. (Einmal zu oft zurückgeblickt.) Muss ich eben leiden. Nicht so schlimm, wir sind doch keine Kinder mehr. Dumme Sache, sie geht ihm nach, stur, wie sie ist, will sie einfach nicht glauben, was doch offensichtlich ist, sie verliert ihn, gerade jetzt, während wir davon berichten. Endlich fällt der Groschen, sie kehrt um und betrachtet den Haufen, der von ihr übrig ist, von ihrer Selbstbehauptung, von der Person, die ein paar Stunden zuvor auszog, um zu lieben und geliebt zu werden, um Freude und Nähe und Wärme zu spüren und ein paar der Ungereimtheiten auszuräumen, die anfallen, wenn man einander länger nicht begegnet und die Beziehung mehr und mehr zur unbewiesenen Behauptung wird, zur Arbeitshypothese, die aber nicht mehr trägt.

Phantasmen

Ab wann lohnt es sich, von Liebe zu sprechen? Wo fängt es an? Mit der frühkindlichen Prägung, wie überall und wie banal, mit dieser Vorstellung von der errettenden, allumfassenden Liebe, die man zunächst noch als göttlich zu begreifen lernt? Wovor soll die eigentlich retten? Später, wenn der Glaube an eine gottgleich wirkende Instanz schon ein wenig gelitten hat, so in der mittleren Grundschulzeit, verschiebt sich das ein wenig. Wenn nach den ersten Demütigungen, Schlägen, und die Demütigung ist das wirklich Erniedrigende an den Schlägen, nicht der Schmerz, der ist flüchtig, wenn nach nicht mehr zu verleugnenden Niederlagen plötzlich klar wird, dass der Himmel nicht eingreift, selbst dann nicht, wenn man auf einmal selbst zur Lüge greift, etwa andere bezichtigt, um Schaden von sich abzuwenden, wenn man feststellt, dass es sich auf krummen Wegen auch ganz gut vorankommen lässt? Vielleicht sogar besser?

Dabei wurde das mit dem Glauben durchaus ernsthaft versucht. Dass sie unter Anleitung einer Lehrerin für den entführten Arbeitgeberpräsidenten gebetet hatten, half dem leider nicht im Mindesten: ernüchternd. Der unergründliche Ratschluss Gottes hatte andererseits den unüberbietbaren Vorteil, dass noch jede Unstimmigkeit ihren Platz darin fand. (Und schließlich, argumentierte jemand spitzfindig, vielleicht P: War nicht der Aufenthalt im ewigen Paradies der anzustrebende Zustand, hatte also am Ende womöglich ihre Inbrunst dafür gesorgt, dass dem gebetsmäßig Bedachten eine Wohltat widerfahren war, er das Jammertal ein wenig früher verlassen und besagten Seligkeitszustand erreichen hatte können?)

Als die aus pädagogischen Gründen voreinander geprügelten Nachbarskinder begannen, diese Stockhiebe in die eigenen Spiele einzubeziehen – die inspirierende Bebilderung einschlägiger Kinderbücher tat ein Übriges – und eine Erregung zu erzeugen, von der sie nicht wussten, was damit anzufangen wäre? Die Zimmertüren konnten nur symbolisch zugezogen werden, ein tatsächliches Abschließen, ein Für-sich-Sein, stand Kindern nicht zu, das verstand sich von selbst, sodass die Sache noch den doppelten Kitzel der Gefahr des bei diesem unsäglichen Tun erwischt Werdens bekam; und unsäglich war es, das begriffen sie. Andererseits: Wie hätte die Strafe dafür noch aussehen sollen?

Wenn der Neue in der Klasse, ein, wie es hieß, das Auftreten gewohntes Zirkuskind oder ein Delphinreiter aus dem Nachbarzoo, so eindeutig war das nicht, ein kleiner Heißläufer war, der sich gern auf Schlägereien einließ, durchaus auch mit Mädchen, warum nicht, und man dem dann, da er trainierter, kampferprobt und auch ein wenig hinterhältig war, spitzfindig eine Abweichung von den Regeln des Faustkampfes (Einsatz der Fahrradklammer als Schlagring, echte Unfairness!) nachsagen konnte – und wenn man dafür Aufmerksamkeit bekam, affirmativ, endlich.

Dann wunderte man sich: Keine höhere Macht griff ein, auch wenn, möglicherweise, die Wahrheit ein wenig hingebogen werden musste, da zwar der Tritt in den Unterleib durchaus stattgefunden hatte, das Klammermotiv allerdings eine mit Hang zu dramatischen Effekten gewählte Ausschmückung war, die durchaus auf Beifall stieß. Sogar bei dem Beschuldigten selbst, als nämlich der Junge und das Mädchen die Sache unter sich regeln sollten, eine Konstruktion, die erziehungstechnisch gerade angesagt war und eine Perfidie der Erwachsenen darstellte, wie die Kinder vage spürten, da sie zwangsläufig eine Art von Faustrecht installierte, das das Opfer, wenn denn diese Rollen klar zu definieren waren, zu einer Allianz mit dem Täter zwang, naturgemäß zu dessen Bedingungen; zusammenfassend nichts weiter als ein Ausdruck der Bequemlichkeit der Erziehungsorgane. Das Regeln ihrer Angelegenheiten gelang den beiden, indem sie sich auf eine gewisse wechselseitige Anerkennung ihres Kampfgeists einigten, während die Erwachsenen im Hintergrund des Klassenraums bereits leise miteinander sprachen, vor den halbfertigen Martinslaternen, deren Buntpapierfenster sorgfältig mit Blättern und, von den Fortgeschritteneren, es gibt immer eine Hierarchie, mit Scherenschnittfiguren beklebt worden waren.

Wer über die Kinder redete, das waren Mütter, Lehrerinnen, die Väter waren bei praktischen Fragen absent, wie es ihrer Rollenauffassung entsprach. Nur gelegentlich griff einer ein wie ein alttestamentarischer Rachegott, so ein Allmächtiger, der seine Allmacht allerdings im realen Leben und vor allem in positiver Hinsicht nicht einsetzte, was kann man schon erwarten. So ein Beispiel also sollte das weitere Paarungsverhalten prägen dürfen? Es könnte sein, dass dieses Ich sich auf Kölner Ausfallstraßen bildhaft vorzustellen versuchte, wie ein Unfall abzulaufen hätte, der nur die Eltern auf den Vordersitzen das Leben kosten würde; LKWs und öffentliche Verkehrsmittel kamen durchaus vor. Und ja, es ist leider so, dass bei diesem Gedankenexperiment auch die Mutter geopfert wurde.

Das Versprechen einer aufregenderen Lebensweise als der kommentarlos und mit der passenden Garnierung (Jägersoße) vorgesetzten, das sich in den Fahndungsplakaten an den Schulglastüren fand, Fahndungsplakate mit den rot durchgestrichenen Gesichtern der getöteten oder verhafteten RAF-Verdächtigen, Kinder, die davor standen und sich ausmalten, sie selbst könnten auf den Aushängen zu sehen sein, während der Überschallknall eines Kampfflugzeugs sich über ihren Köpfen zu voller Pracht entfaltete. Allerdings, überlegte das Kind P weiter, wäre der Unsicherheitsfaktor am Unfallmodell, dass man nicht wirklich sicherstellen könnte, dass die Erwachsenen auch wirklich tot wären, denn nur eine gröbere Verletzung, das war klar, wäre für die weitere Lebensplanung als Waisenkind nicht hilfreich. Die eigene Härte anderen gegenüber, und seien ihre Auswirkungen noch so hypothetisch, kann im Rückblick so beschämend sein, dass man den Rückblick lieber meidet.

Und die Überwindung dieser Kluft, der Wunsch, von einem diese deutlich schadhafte Vaterfigur vertretenden Mann über alle Maßen, unter jeder Bedingung geliebt zu werden, wäre jetzt die Lösung? Von Erlösung wollen wir hier weniger reden. Haben wir schon hinter uns, den Erlösungsglauben, das ist ein Traum an Umbruchstellen, ein Pubertätstraum, den es zu überwinden gilt, bevor das Gift wirkt, ein Gift, das in religiöser Ummantelung am tiefsten eindringt, in die tiefsten Tiefen, um sich dortselbst genüsslich zu entfalten. Dagegen ist so ein bisschen Liebeswahn ja geradezu harmlos, denn dass Verliebtheit verdächtig einer Krankheit gleicht, bestreiten meist nicht einmal die Betroffenen. P jedenfalls nicht.

Verlust 3

An der Dreifachkreuzung liegen Scherben herum, das ist schade, sie verunstalten die Gegend. Auch wenn die nicht leicht zu erschüttern ist, soviel ist sicher: emotionaler Müll passt da nicht hin zwischen das rege Marktgeschehen entlang der Aufgänge zu den Schienen, auf denen die altertümlichen Waggons ebenso gelb daherkommen wie die der U-Bahn-Hochbahn, ausgerechnet!, in Chicago, und der in postmodernem Businesshotelstil gehaltenen Moschee. P könnte ein Lied von diesem Baustil singen, was sie aber unterlässt. Sie beweint heftig die Überreste, dabei ist sie so overdressed in ihrem Postpunk-Outfit, dass die freundlichen Verkäufer Abstand halten (die kann man sogar nach dem Weg fragen, dabei ist der gar nicht zu verfehlen, nicht wie im Park). Sie behauptet ja, sie fühle sich stark in dieser Kleidung, die Rühr-mich-nicht-an heißt und Rühr-mich-an, bitte: Bitte, berühre mich im Innersten, wie, das musst du selbst herausfinden.

Der sechsstrahlige Stern, der Weihnachtsstern, dessen Ausläufer fast die gesamte Bezirksfläche überspannen, von Fluss zu Kanal zu Kanal, deren unterschiedliche Bezeichnung reine Nostalgie ist, betonumschlossen sind sie alle, und dessen Zentrum eben genau nicht vom U-Bahnhof gebildet wird, ist exzentrisch. Der Platz, der keinen Namen hat, hat dafür eine Unwucht. Und das war nun die große Liebe?, fragt sich die Protagonistin: die unausweichliche, unaussprechliche, grenzenlose Liebe, das soll sie sein? Bisschen banal. Doch, genau das war sie, und hast du nicht gesehen, ist sie auch schon vorbeigerumpelt. Große Lieben sind immer banal, von außen betrachtet. Die kleinen sind wesentlich interessanter. Die halten auch länger. Dass er sein Kind schützen will, findet P sehr löblich. Das will ich auch, schreibt sie: die Kinder vor uns schützen und vor dem Gefühlsschlund, der sich bei mir manchmal öffnet.

Da gibt es Triggersequenzen, die Nummernanzeigen an den Straßennamensschildern zum Beispiel, die angeben, welchen Zahlenbereich man im nächsten Block zu gewärtigen hat (dieser nonchalante Blick in die Zukunft), die lösen eine schlagartige Präsenz von Traumbildern aus, die sich sofort wieder entziehen, aber jedenfalls etwas mit Raumstrukturen zu tun haben. Die Unfassbarkeit der Bilder ist verstörend, sodass das Bemühen darum, etwas Konkretes ergreifen, dingfest machen zu können, zunehmend heftiger wird, während die Körperhülle irgendwie leer aussehen müsste, derzeit nicht bewohnt. Vielleicht ist auch das Panik, vielleicht ist es etwas gänzlich anderes, woher soll ich das wissen, es fehlt der Vergleich mit den Innenansichten der anderen. Dass A sie nicht mit seiner Frau verwechsle, sei reif, fügt sie hinzu.

A antwortet darauf, jetzt muss er sich einmal Gehör verschaffen, dass er seiner Frau, also C, deutlich gesagt habe, dass es an ihr sei, ihn zu verlassen, wenn das, was sie behaupte, wirklich das sei, was sie vom Zustand ihrer Ehe halte. Und sie sei nicht gegangen, dass sei doch ein eindeutiges Zeichen, also wirklich. P versteht das als klare Aufforderung an sich selbst: Nimm mir das bitte ab und geh! Geh jetzt! Hinaus aus meinem Leben, an den Kanal, wohin immer du willst, auch wenn du frieren wirst, das lässt sich nicht vermeiden. Sie versteht, doch:

Ich habe nicht die Kraft, nicht heute, Aufschub, bitte. Erst in der Zukunft kann ich Abschiedsbriefe schreiben, erst morgen werde ich einen Schlussstrich ziehen, heute muss ich noch bis auf den Grund schauen. Dort liegen die eindeutigen Beweise für die Fruchtlosigkeit dieser Liebe herum. Dort liegt aber auch diese überschwänglich frohe Hemmungslosigkeit, die mich mitreißt über den Ereignishorizont, gibt es den denn nun?

Am Ende tut sie ihm doch den Gefallen und beendet, obwohl sie nicht beenden will, nichts beenden, obwohl ihr Herz brennt, ebenso sehr wie am Anfang, als sie zum ersten Mal diese Formulierung benutzte, die ihr selbst peinlich war, und noch hinzufügte, dass das Hirn dabei leider aussetze, in einer kurzen Nachricht, die über den Fortgang nicht mehr entscheiden musste, die Entscheidung war längst gefallen, der Blick eine Achse des Einverständnisses: Deine Fingerkuppen, wenn sie mein Gesicht berühren, sind die zartesten der diesseitigen Welt.

Als allein der Klang der jeweils anderen Stimme eine Verbindung umhüllte, die so wohlig tief war, dass sie stundenlang nicht aufhören konnten zu telefonieren, bis sie keine Worte mehr fanden. Als sie das Endgerät auf den Bauch sinken ließ, an der Stelle, wo er ihre Hand an den seinen gedrückt hatte, damit er hören konnte (am Sonnengeflechtsrand, Massenauswürfe, dachte sie, die in der Erdatmosphäre verglühen, eitle Sonne). Als er dasselbe für sie tat: Sie folgte seinem Puls, während ihr Mund austrocknete. Als die Erregung sich eigentlich an elektrischen Entladungen der Luft hätte ablesen lassen müssen, die hatte ein Einsehen, und jeder Wimpernschlag erzeugte leuchtende Punkte im nachtdunklen Zimmer.

Ich bin ganz schlecht im Lieben. Das heißt, lieben kann ich wohl, ich liebe bloß irgendwelche Schimären. Was für ein Gefühl sollte das schließlich sein, dessen Hang zur Destruktion zumindest unbestreitbar ist? Wie ist das einzuordnen? Als Krankheit, beantwortet P nun ihre eigene Frage, während A ins Wasser starrt und Abstand hält mit parallel in den Raum ragenden Beinen. Ich meine, sagt sie, wie sonst als in einer krankhaften Besessenheit ließe sich wider besseres Wissen ein Gefühl aufrechterhalten, das durch nichts als die eigene Sehnsucht gespeist wird? Der Sehnsucht wonach eigentlich, nach Vervollkommnung vielleicht? Er reagiert nicht, sie legt nach: Und wenn schon, sagt sie, warum sollte man Vollkommenheit nicht ganz für sich allein anstreben können? Er quittiert das mit Schweigen, sie wird ein bisschen heftig, so leicht zu provozieren: Jedenfalls wächst dieses Gefühl in einen echolosen Raum hinein, der jedes Nebengeräusch schluckt und letztlich zum Verstummen bringt. Je lauter man schreit, desto mehr schlucken die Wände, und die sind unersättlich. Er konstatiert, dass es Vollkommenheit nicht gebe. Sie lacht dankbar.

Themenwechsel, sagt die unbeholfen Liebende zum Objekt ihrer Begierde, will nicht lockerlassen: Ist es wirklich so, dass es ausreichte, schlecht behandelt zu werden? Ist das genug, um aus einer beiläufigen Zuneigung eine verzehrende Fokussierung werden zu lassen? Das sollte sie aber nicht ausgerechnet ihn fragen, woher soll er das wissen, diese Frage müsste an eine andere Instanz gerichtet werden, nur an welche? Wir können uns natürlich auch gefragt fühlen, kein Problem, es wird bloß nichts dabei herauskommen: nicht unser Kompetenzbereich.

P umklammert ihre Knie, die vor Kälte zittern auf einer Bank unweit der Desinfektionsanstalt, der Name alarmierend. Hier sind die Namen so offensichtlich doppelbödig, mindestens, dass man schon wieder selbstverständlich durch die erste Schicht hindurch tritt wie durch eine Eiskruste auf gefrorenem Lehmboden, ohne Angst zu haben vor einem plötzlichen Absacken. Nein!, ruft sie, es reiche jetzt aber wirklich, sie wolle endlich Genugtuung für die diversen narzisstischen Kränkungen, die das Leben parat habe. Nicht nur für sie, das sei schon klar, doch was sie betreffe: Sie wolle nun ein für allemal Genugtuung für all die Tiefschläge, die ihr widerfahren seien, beruflicher Misserfolg, mangelnde Anerkennung der Optimierungsleistung, eine unerwiderte Liebe, so Zeug halt, und aus irgendeinem Grund glaubt sie, dass ausgerechnet die (schlussendliche!) Erwiderung des unerwiderten Gefühls die Rettung bringen müsse, dafür notwendig und hinreichend sei. Das alles ist P bereit einzuräumen, mehr noch, dass das Objekt sich durchaus weigert, diesbezüglich zum Subjekt zu werden, zu demjenigen, der liebt.

Glück 1

Im Alter von zwölf Jahren entschied ich mich nach der Einnahme klassischen Gifts, die sogenannte Unschuld unbedingt bis zum Alter von dreizehn – noch Jüngere wurden schließlich oft beglückte Mütter – zu bewahren. Ich memorierte Julias Nachtmonolog in der Originalversion, obwohl ich die Sprache noch gar nicht gelernt hatte, um für den Fall des Falles, das plötzliche Auftreten des Jünglings, in den ich und der selbstverständlich in mich verliebt sein würde, gewappnet zu sein. Dass man – als Liebesbeweis, im Todesfall – den Körper des Geliebten in Stücke schneiden könnte, um ihn in Form von Sternen in den Himmel zu versetzen und damit unsterblich oder zumindest höchst langlebig zu machen, fand ich allerdings verstörend, führte man sich den Vorgang einmal praktisch vor Augen. Es erinnerte an märchenhafte Wiedergeburtsrezepte, Zerhacken und Kochen in einem Kessel, so lange, bis die so behandelte Person verjüngt daraus hervorspringt. Ich fragte mich, welche Vorstellungen aus der Frühzeit der Menschheit, die ich keinesfalls für unschuldig hielt, darin stecken mochten, und wunderte mich noch mehr.

Mit dreizehn regte sich ein gewisser Hang zur Revolte, die Behauptung, Frauen seien vakuumverpackt, Männer aber nicht, konnte jeden aufgeklärten Geist schließlich nur empören, und dass ich den meinen dazu zählen konnte, schien mir damals über jeden Zweifel erhaben. Ich hielt den Zustand für die logische Konsequenz einer Entwicklung, an deren Ende die moderne Gesellschaft nach jahrhundertlangem redlichem Bemühen glücklich angekommen sei. Boshaft nistete sich das Bild des Mannes ein, der, wie die Muttergeneration und Samstagnachmittagsfilme, angesiedelt in einem vom Krieg unbeleckten Nachkriegsidyll, vermittelten, die Frau zum Trost für diese Ungerechtigkeit, die jedenfalls erhebliches Leid über den weiblichen Teil der Menschheit bringen konnte, zu umwerben hatte, bis sich der traumschwebende Gang in ein gleißendes Glück von allein ergeben würde. Die Zahl der Jünglinge, die zur Einführung in diesen erhabenen Zustand tatsächlich Schlange standen, war so überschaubar, dass die Schlangenbildung stockte, und die Betreffenden interessierten mich kaum. Lieber bemühte ich mich um die Aufmerksamkeit der angehenden Männer meiner Wahl.

Der Weg zum verheißenen Glück glich dem der religiösen Entsagung, denn schließlich stand auch noch die Option offen, sich Gott mit ganzer Seele hinzugeben. Das mit der Hingabe war auch so eine Sache, und die schien klar geschlechtlich punziert zu sein. Lauter sprachliche Fallen ergaben sich, nicht zuletzt die Frage, was an dieser so bezeichneten Unschuld unschuldig wäre, mehr noch die umgekehrte, was die Erfahrung mit und das Wissen um Sexualität eigentlich mit Schuld zu tun haben sollten. Eine Relativierung von Schuld, die verwirren konnte. Als Heranwachsende konnte man sich auch fragen, warum es immer wieder hieß, bei Attentaten und Umweltkatastrophen seien Unschuldige getötet worden? Eine Betonung, die implizierte, dass unter anderen Umständen Schuldige getötet würden, und das führte dann wieder direkt zur Klassik, etwa zu der sich ihrem solcherart gerechtfertigten Tod ergebenden Gretchen-Figur, die sah am Ende schließlich auch das Paradies, dafür durfte man diesen infantilen Namen schon in Kauf nehmen. Das Käthchen hatte es bezeichnungstechnisch auch nicht besser, selbst wenn sie ihren Ritter letztlich selbst errettete, immerhin ein Fortschritt.

Nicht nur semantisch betrachtet: Fragen über Fragen höchst fragwürdiger Natur.

Verlust 4