Morituri - Olga Flor - E-Book
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Morituri E-Book

Olga Flor

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Beschreibung

"Ave Ceasar, Morituri te salutant!" gilt als Gruß der Gladiatoren beim Betreten der Arena: "Heil dir, Caesar, die Todgeweihten grüßen dich!" In ihrem furiosen neuen Roman lässt Olga Flor zeitgenössische Morituri auftanzen. Da sind etwa der Aussteiger Maximilian, dessen Tochter Ruth, die Nachbarin Jackie und ihr Mann Alfons, die Bürgermeisterin und eine Verfasserin von Gebrauchstexten. Es gibt wenig, das sich in dieser Tour de Force durch die Niederungen der österreichischen (Polit-)Landschaft nicht optimal nutzen ließe, das Outfit, die Sprache, die Wahrheit und die Körper von Asylsuchenden. Maximilian wird Teil eines Verjüngungsexperiments in einer Privatklinik, die unter einem Moor unter betrügerischer Verflechtung von Firmen, Bankinstituten und Parteien erbaut wurde. Der pompös inszenierte Festakt mit Schwerpunkt auf moderner Cäsarenverehrung – ein medienaffiner Jungpräsident soll offiziell eröffnen –, zu dem alle geladen sind, die bestochen, betrogen und sich abgesprochen haben, gerät zum grandiosen Showdown. Sprachlich brillant, sarkastisch, sprühend vor Witz. Und böse.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2020 Jung und Jung, Salzburg und Wien

Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung,Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehaltenUmschlagbild: Sonnentau (drosera rotundifolia)Quelle: https://commons.wikipedia.org/wiki/File: Sonnentau_2.jpg_byMüBus [CC BY SA 4.0]Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com

eISBN 978-3-99027-180-3

OLGA FLOR

Morituri

Roman

Inhalt

Prolog

Maximilian

Bürgermeisterin

Maximilian

Ruth

Bürgermeisterin

Maximilian

Gummistiefel

Bürgermeisterin

Maximilian

Ruth

Bürgermeisterin

Maximilian

Bürgermeisterin: Maximilian

Ruth

Maximilian

Gummistiefel

Maximilian

Bürgermeisterin

Maximilian

Ruth

Maximilian

Gummistiefel

Ruth

Maximilian

Nachbarin

Gummistiefel

Maximilian

Alfons

Nachbarin

Unter dem Moor

Maximilian

Attentäter

Maximilian

Gummistiefel

Alfons

Maximilian

Gummistiefel

Attentäter

Maximilian: Maurice

Ruth

Gummistiefel

Attentäter

Bürgermeisterin

Gummistiefel

Maurice und Maximilian

Ruth

Mann: Mann

Gummistiefel

MM

Gummistiefel

Bürgermeisterin

MM

Im Zentrum

Attentäter

MM

Gummistiefel

Alfons: Attentäter

Maximilian

Der Tag der Bürgermeisterin

Nachbarin

Maurice, Maximilian, Trafikantin nebst Ruth

Alfons

Showdown

Epilog

Zitate

Danksagung

Prolog

Am Rand eines Mischwalds, in dem höhen- und wirtschaftsbedingt noch die Koniferen überwogen, stand ein Laubbaum. An einem seiner Äste hing ein Blatt, noch sommergrün, von Adern durchzogen, die im Gegenlicht dunkler waren als der feinstrukturierte Rest und streng nach außen hin verliefen, um die Zellen mit Nährstoffen zu versorgen, bis zum gezackten Blattrand, an dessen Spitze ein Tautropfen hing, und darin spiegelte sich die Welt, der Himmel mit seinen Wolken und die Erde mit Feldern und Wiesen und Straßen und Büschen und Bäumen und Schweinezuchthallen und Carports und den nicht mehr ganz taufrischen Fertighäusern einer Landgemeinde, die hauptsächlich aus Zersiedelung bestand und sich an ein von diesem Standpunkt aus noch nicht in aller Herrlichkeit erkennbares Gebirgsmassiv wie beiläufig heranwanzte, sich zwischenzeitlich mit einer Landschaft begnügte, die als hügelig und allgemein wenig herausragend bezeichnet werden musste (ihr fehlte einfach das Typische) – und zwar von der Erzählerin, die sich ebenfalls in dem Tropfen spiegelte, der sich an dem Blatt gesammelt hatte, das wiederum an dem Baum hing im Mischwald im Halbmittelgebirge, geht ja nicht anders: denn ohne die Erzählerin gäbe es das alles nicht, kein Grün und kein Grau und kein Blau und kein Braun der metallisch glänzenden Erdkrume eines frisch aufgepflügten Feldes, das aussah wie Schokoladenkuchen, in den man die Zähne hineinschlagen hätte wollen, ein brauner Kuchen mit Schokoglasur, der, nun bereits angebissen, sein krümeliges Inneres bloßlegte, üppig bestückt mit Kernmasse aus reiner zähflüssiger Schokolade, die man mit den Ausläufern von seufzend dahinsinkenden Schneehaufen auf eine Gabel bugsieren wollte. Das gäbe es alles nicht, und vor allem gäbe es keinen Ort und kein Ereignis, von dem etwas zu berichten wäre.

Rechts hinten lag übrigens eine Lichtung im Wald, die gar nicht weiter aufgefallen wäre, die sich aber, wenn man sich die Mühe machte und die Zeit nahm, einen Weg dorthin zu suchen (doch diese Niederungen zerfallender Bergrücken sind tückisch), als Laublücke über einem Niedermoor entpuppte.

Maximilian

Der ideale Tag, dachte Maximilian, als er nach dem Kaffee die Hühner füttern ging. Obwohl es ein kühler Morgen war, öffnete er die Tür des Stalles, um die Tiere herauszulassen, bevor er mit befriedigend schönem Schwung Körner aus der halboffenen Hand fliegen ließ. Zwei Liter Wasser, zwei Stunden Nachdenken. Zwei und zwei. Dann das Gelege. Er ging zurück ins Haus, dachte über die Eier nach, auch ein Problem, um das er sich endlich systematisch würde kümmern müssen, ging ins Arbeitszimmer, das eigentlich das Schlafzimmer war, und kroch unter den Schreibtisch, um an den Einschaltknopf des Routers zu gelangen. Als er sich umdrehte, vorsichtig, um nicht an der Tischplatte anzustoßen, was ihm nicht nur einmal passiert war, sah er frühe Sonnenstrahlen durch den sanften Staub schneiden, flacher noch als vor einer Woche.

Konnte es überhaupt sein, dass man den Unterschied von ein paar Tagen am Sonnenstand bemerkte? Und wo kam eigentlich der Staub her, wo sollte in einem gutgeputzten Bungalow aus den 50er-Jahren – die Bauweise hatte sofort sein Herz erwärmt, als er die klaren Räume mit den tief gezogenen Fenstersimsen zum ersten Mal besichtigt hatte, und sie waren günstig, da der Stil nicht sonderlich wertgeschätzt wurde – im Randbereich einer Landgemeinde Staub herkommen? Er startete den Rechner, er war da altmodisch, kein Standby: Seine Tochter hatte ihm geschrieben. Wie es ihm gehe in seinem Hobbitloch? Ja, Hobbitloch, dachte er, trifft die Sache nicht schlecht, auch wenn er nicht übertrieben klein war, auch nicht groß, mittelgroß, und seine Füße in den nicht uneleganten Filzpantoffeln nicht besonders behaart, wie er Ruth das nächste Mal demonstrieren würde, aber das wusste sie ohnehin.

Ich war durchaus mal politisch aktiv, würde er sagen. Wir sind auf die Straße gegangen. (Sein Blickfeld verstaubte auch schön langsam: Dieser bereitwillige Rückgriff auf alte Geschichten, wurde der zur Manie?) Deine Mutter und ich haben uns eingesetzt, und was hat es gebracht? Du erreichst ja eh nur die, die ohnehin deiner Meinung sind. Das bringt doch nichts, würde er sagen, höchstens Selbstbestätigung, und seine Tochter: Aber das mit dem Klima, das habt ihr trotzdem vergeigt, kurz bevor er ihr die Risikoabteilung unter die Nase reiben würde. Was macht ihr dort eigentlich? Wenn ich das schon höre, Risikomanagement: Kein Risiko lässt sich managen! Eine Pilgerfahrt wäre aussichtsreicher. Wir managen auch nicht, das sind ganz andere, würde Ruth sagen, recht spitz, mit diesem spitzen Gesicht, das sie gerne machte und das ihn an Sophie erinnerte. Das Risiko habt ihr doch längst ausgelagert, darauf er: Ich weiß schon, du wirst mich naiv nennen. Übrigens ist es ja schon prinzipiell das Risiko der anderen. Und so würde es weitergehen. Wusstest du, würde seine Tochter sagen, nun schon deutlich empörter, dass sie gerade das Risikomanagement zurückgebaut haben vor dem Crash? Nein, er hätte es nicht gewusst, und schade wäre es um die gemeinsame Zeit. Man muss dem anderen seinen Raum lassen, ihr ihren, ihm seinen, und Sophie, nun.

Das Ausmisten des Stalles, viel zu spät für Dorfverhältnisse, schon nach neun, doch das kümmerte ihn nicht. Zurück zum Computer, Rechnungswesen, dann seine Jogging-Runde vor dem Mittagessen, das diesmal aus Resten vom Wochenende bestehen würde, an dem er das Nachbarspaar eingeladen hatte. Es gab noch ein Stück Geflügel (ja, Töten, Rupfen und Ausnehmen kann man lernen) und Kartoffelpüree. Einen Bohnensalat könnte er machen. Er lief an den Bienenstöcken vorbei, beinahe automatisch, dachte er, überwachte den Winterschlaf seiner Völker, er, der Bienengottvater. Herzkreislaufmäßig bestens aufgestellt – und überhaupt, würde er sagen, wir alle, egal wo wir leben, in der Stadt, in der Effizienzzone oder im Nachhaltigkeitsgarten am Land, irgendwer muss ja schließlich die Biomärkte beliefern und die regionalen Produkte auch regional produzieren, wir leben alle in unseren Hobbitlöchern, bei mir ist es nur augenfälliger. Eigentlich konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, was ihn überhaupt aufs Land getrieben hatte. Es war in der ersten Wut geschehen, im Wunsch, einfach ganz was Neues anzufangen, aber die Gegend war eher Zufall gewesen, das Haus ein Glücksgriff, wie er gefunden hatte. Er passierte einen der Holzstapel, die hier im Wald an den erstaunlichsten Stellen auftauchten, dann ein Abbaugebiet mit kleinen rechtwinkligen Fehlstellen (ein nicht weiter verfolgtes Torfgewinnungsprojekt, wie es aussah). Die Orte, an denen die Jagdsitze standen, kannte er, und aus den Augenwinkeln überprüfte er bei jedem Vorbeilaufen, ob sich dort etwas tat. Nicht dass einer im Jagdeifer auf gute Ideen kam, aber andererseits: Dann wäre es eh schon zu spät. Mit Schwung nahm er die Kurve zu dem kaum wahrnehmbaren Abhang hinunter, der ihn auf die Lichtung mit dem kaum erkennbaren Moorgrund führte. Wir ducken uns schön vor dem Unwetter, dessen Herannahen unüberhörbar ist, verkriechen uns, gestalten das Innere häuslich und schmücken die Wände und starten die eine oder andere Online-Petition, und irgendwann, versprochen, werden auch die Häkelklorollenhüte wieder aktuell. Warts ab, teuerste Tochter, sagte Maximilian, schlimm, was man sich so angewöhnt, wenn man zu viel mit sich allein ist. (Und doch stimmt das nicht, widersprach er sich nun, es gibt ganz offensichtlich eine sehr neue Generation, die das anders und auch sehr offline angeht.)

Er pausierte kurz, der Wald war still, kein verwegener Frühbrüter mit gesanglichen Absichten unterwegs. Er stützte die Hände an einem Holzbalken ab, der den sicheren Weg über den unsicheren Grund markierte, und überließ sich für einen kurzen Moment dem Blick auf die schwimmenden Inseln, die ganz aus ihrem Bewuchs bestanden, die nichts waren als Bewuchs, wie die Informationstafel daneben anschaulich erläuterte. Die Stängel waren geknickt, die Köpfe, Dolden, Fruchtkörper hingen kraftlos herab, es war insgesamt ein trüber Tag. Dass seine Völker den Gottvater ohne weiteres töten konnten, fiel ihm plötzlich ein. Sie müssten sich nur verschwören, einen gemeinsamen Willen haben und dem das Einzelwohl unterordnen und zustechen, ohne Rücksicht auf Verluste, Stachelverluste, um die sie aber nicht wissen konnten. Oder doch?

Am Feldrand stank es: Kot- und Urintrennung betrieben nur wenige der bäuerlichen Betriebe, was dann allerdings den Geruch deutlich verbesserte. Gerippte Schütten für die Gülle, aus denen Flüssiges abrinnen konnte. Die feste Restsubstanz roch dann fast gar nicht mehr. Sollte in ihrem eigenen Interesse sein, könnte man denken, denn so eine herkömmliche Gülleschleudermaschine musste einen am Steuer des Großtraktors doch ganz schön benebeln.

Bürgermeisterin

Die Teile des Trachtenpärchens hatten einander wieder einmal verfehlt. Warum sie das nie lernten, dass sie in ihren Begegnungsversuchen zum Scheitern verurteilt waren, fragte sich Susanne Krblicek, Bürgermeisterin einer 3487-Seelen-Gemeinde im halbbewaldeten Alpenrandbereich halbwach. Korrektur: 3485, Tendenz fallend, da musste man sich nichts vormachen. Sie streckte die Arme aus, bis sie über die Seitenlehne der Couch ragten, drehte die Halsgelenke, um Blockaden vorzubeugen, stand auf und ging zum Papierkorb, um dessen Inhalt zu entsorgen. Nicht dass das ihre Aufgabe gewesen wäre, doch da sich nun ein verknülltes Taschentuch darin befand und das Vorzimmer leer war, nutzte sie die Gelegenheit, um die Sache ins nächstgelegene Klo zu kippen, Halbstock – doch immer Sache der Frau, sich um die weltlichen Details zu kümmern. Sie verfluchte Alfons beinahe freundlich. Immer, sagte sie, immer ist das Bereitstellen der Infrastruktur eine weibliche Angelegenheit, das hatte sie schon gesagt, als sie in die Politik gegangen war, hatte das als Argument für ihre Wählbarkeit frei Haus geliefert, inoffiziell, verstand sich, oder vielmehr in Gastgärten deponiert, und sie hätte sich nun beileibe niemals als Feministin bezeichnen lassen! Das und die Überzeugung, dass die Politik die Menschen, wenn sie nun mal Auto fahren wollten, gefälligst dabei zu unterstützen habe. Ich bin’s, die Susi!, eure gemäßigte Bildmitte, mit gleichem Abstand zu allen Rändern.

Maximilian

Nach der Rückkehr blieb er vor dem Swimmingpool stehen, der ewigen Baustelle, einem Materie gewordenen Vorwurf, er zupfte nicht mal an der Abdeckplane, die er seinerzeit, also vor drei Monaten angebracht hatte, um das schadhafte, schon lange ungenutzte Becken darunter nicht sehen zu müssen. Abreißen müsste man das Ding. Falsch, hatte Jackie, die Nachbarin, als Tochter eines lokalen Bauunternehmers gesagt: rückbauen. Ein anständiger Swimmingpool sah schließlich anders aus. War aber auch ein Eigenbrötler gewesen, der Vorgänger, hatte der Nachbar Alfons eingeworfen. Irgendwer hatte am Ende seinen Hund erschossen, an sich ein gutmütiges Tier, war aber gestreunt, da konnte man nichts machen. Also gut, rückbauen und zuschütten. Aber das wäre doch eine recht teure Investition, für nichts und wieder nichts, andererseits wäre die Anlage für einen Bunkerbau, den der Nachbar angeregt hatte (Betonverschalung wäre immerhin schon da), definitiv nicht tief genug. Weinkeller, hatte Alfons als Option nachgereicht.

Maximilian zog die Schuhe aus, hatte Erde an den Sohlen. Der ideale Tag: Er duschte und setzte sich zu einem schnell zusammengestellten Essen. Dass man den eigenen Körper am Laufen hielt, war doch ganz schön wenig an Inhalt. Selbst mit Blick auf den Garten, in dem die Plastikplane fast schon unterging. Übrigens hatten sich die flachen, langen Bohnen heuer gut entwickelt, aber das hatte er heute schon einmal gedacht. Ansonsten hatte er es ja nicht so mit der Regulierung der Vegetation, die Leute im Dorf munkelten schon. Man könnte nun den Almöhi spielen, den großstädtischen Aussteiger mit Wallebart, schamanischen Einsichten und Reagenzgläsern voller Wildkleepesto, jeder Marktflecken braucht schließlich seinen Marktnarren, aber das lag ihm nicht. Das von ihm liebevoll errichtete Glashaus könnte man nach dem Einebnen des Pools erweitern. Als hätte er das von Anfang an im Sinn gehabt, hatte er das Glashaus gleich daneben aufgebaut, die Konstruktion hatte ihm Freude bereitet.

Was ihm abging hier draußen: mal eben auf ein Bier zu gehen mit einem Freund, einem Architektenkollegen zum Beispiel. Er hätte sich selbstständig machen können nach dem vom neuen Mehrheitshalter allzu nahegelegten Abgang, die Fünfzig überschritten, zu teuer, zu unflexibel, der Klassiker. Er hatte keine Lust mehr gehabt auf die Konkurrenz, das Anrennen, die Behauptungen eines Portfolios, das man anbieten könne. Aber dann waren die meisten ihrer Bekannten eben Paare gewesen, und als trauriger einzelner Überrest einer Zweisamkeit wurde man von den noch intakten Paaren gemieden. (Anschein der Intaktheit bis zum Beweis des Gegenteils, dachte er, und er selbst ein Infektionsherd, von dem das Fieber überspringen konnte bei jedem Kontakt und von da an sich zu exponentiellem Anstieg aufschwingen.) Und die Einzelpersonen, die sie mehr oder weniger regelmäßig getroffen hatten, waren, wie seine Exfrau ihm durchaus gerne unter die Nase rieb, wenn er sie ließ, ihre, Sophies Freundinnen gewesen. Und auch Freunde, ein paar unabgesättigte Männer fanden sich darunter, nicht nur Schwule, die sich ja immer noch manchmal den Anschein gaben, partnerlos zu sein. Er habe sich, wie im Übrigen die meisten Männer rundherum, völlig auf ihre Netzwerke verlassen, socially challenged, hatte sie gesagt, nicht ganz zu Unrecht. Er war gerne mit sich allein, und er fand nichts Verwerfliches daran. Das Kind erwachsen, die Schulden bedient: Pflicht erfüllt. Er könnte sich nun der ernsthaften und volkswirtschaftlich völlig verantwortungslosen Auseinandersetzung mit philosophischen Schriften widmen, wann, wenn nicht jetzt? Bukolische Studien eines Abgedankten in der globalen Provinz.

Natürlich gab es ein Wirtshaus, allerdings im Nachbarort. Das hiesige war nur noch eine schäbige Anhäufung unkontrollierter Wucherungen aus einem einst kompakten Gasthof. Da gab es einen angebauten Saal für Festgesellschaften, dem der Innenhofgastgarten unter anderem zum Opfer gefallen war, vor allem natürlich der Erweiterung des Parkplatzes, dessen Asphalt Platzwunden und Risse zeigte, aus denen Grünzeug kroch. Da war eine Kegelbahn, ein weiterer straßenseitiger Wintergarten, über dem ein Dachausbau thronte, all das lange vor seiner Zeit ein für alle Mal zugesperrt und sich selbst überlassen. Den Ziviltechnikertitel hatte Maximilian zurückgegeben, zu teuer, zu nutzlos, ihm konnte man also nicht damit kommen, ihn nicht belästigen mit dieser baufälligen Manifestation gescheiterter wirtschaftlicher Unternehmungen. Er empfand auf einmal Trauer. All die verlorene Energie, all die vergeblichen Versuche, die Sache zu verbessern, einem Zeitgeist anzupassen, der schon veraltet gewesen war, als er diesen Winkel erreicht hatte, und unterwegs wiederum überzeitlich, zeitlos hässlich geworden war. Die Anstrengungen, um das Haus, ja, zu verschönern, auch wenn die gewählten Mittel und das ästhetische Ziel keinesfalls seinen professionellen Prinzipien entsprachen, all das erschien ihm plötzlich so überwältigend trostlos, dass er sich zwang, das Thema zu wechseln. Das noch existierende Nachbarwirtshaus sah nicht viel besser aus, er besuchte es dennoch. Leider lag es zu weit weg, als dass er es noch zu Fuß erreichen konnte, so frequentierte er es nur in größeren Abständen – denn im Unterschied zu den Einheimischen, die genau wussten, wann die lokale Polizeidienststelle und wann die wesentlich rigorosere überregionale für die Verkehrskontrollen zuständig war, kam für ihn die lässliche Sünde der alkoholisierten Inbetriebnahme von Kraftfahrzeugen nicht in Frage, Städter.

Ruth hatte nicht unrecht, er steckte den Kopf in den Sand. Vielleicht verstand er zum ersten Mal die Bedeutung des Bildes von den drei Affen, ganz von innen heraus: Nicht einmal beachten durfte man die Widerwärtigkeit einer Politik der Abschottung, die ohne Bedenken über die sprichwörtlichen Leichen ging, nichts wissen wollte man von den Angeschwemmten, deren (nun allerdings versäumte) Rettung zum gesellschaftsfeindlichen Delikt erklärt worden war – die Rettung, nicht das Versäumen. Man kann sich wunderbar blind und taub und sprachlos stellen, es geht ganz einfach, wenn das eben der Preis für die eigene Seelenruhe ist, im Grunde hatte man es geahnt, aber so richtig manifest schien es nicht. War jetzt alles an der Oberfläche, gegenwärtig, und das Leugnen des Offensichtlichen (der Tötungsbereitschaft) nicht einmal mehr opportun. Er tat nichts dagegen. Er ließ zu, dass die Lähmung von ihm Besitz ergriff. Dabei blieb er nicht sprachlos, wenn er ehrlich war, er empörte sich in kommentierenden Netzbeiträgen, ein Sichluftmachen, dessen Versuchungen er immer wieder erlag, ohne dass er stolz darauf gewesen wäre, er wusste zu genau, wie wirkungslos es war:

Die Dinge übernehmen die Kontrolle, schrieb er, sie haben all die Zeit auf ihren Moment gewartet, in der Tiefe ihres Berges (dort hausen Bartträger und Königinnen und allwissende Küchenmaschinen), und jetzt ist er da. Sie vernetzten sich und verhandeln die Dinge untereinander, verhandeln sich selbst miteinander, ganz ohne menschliches Zutun, das ist abgehakt und erledigt: Ab jetzt agieren die Maschinen selbsttätig. Sie schätzen das Potenzial der menschlichen Exempel ab, die sie melken, dankbare Nutztiere, bei denen sie schließlich argumentieren könnten, wenn sie das könnten – doch der argumentierende Algorithmus wartet noch ein wenig auf sich selbst –, dass sie nur deshalb noch existieren, damit sie ihren Datenspurenzweck erfüllen können. Wo bliebe sonst der kuratierte Input für die selbstlernenden Systeme? Die brauchen Material, und das erzeugen wir nur zu bereitwillig! Maximilian setzte nach: Von den Möglichkeiten der Sabotage durch Übernahme der ganzen Elektronik ganz zu schweigen, der Mensch gegart im eigenen intelligenten Haushalt! Ein Kessel voll mit Öl, und wir schüren auch noch das Feuer!! (Ein bisschen viele Ausrufezeichen, fand er, aber dann: War dies nicht gerade die Hochzeit der Ausrufezeichen?) Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass das Schlimmste durchaus eintritt. Hier und jetzt. Diese Kindheitssicherheit, dass nämlich alles immerzu besser würde, wenn man nur abwartete, hatte sich abgestoßen, abgeschuppt. Er hatte sich gehäutet. Er bewarb sich zum Beispiel nicht mehr, obwohl er das durchaus getan hatte noch vor dem Ende der Auslauffrist seines Dienstvertrages.

Ruth

Das Zeug, das sie in sich hineinwarfen: Funktionsfeinstaub, gepresst, sonst hält man ja nicht durch. Erst zum Aufwachen, dann zum Höchstleisten, zum Abschalten, zum Durchschlafen. Für jede Problemzone das passende chemische Angebot. Aber das ganze Konzept war schon ein wenig überholt, warum wiederholt man das Überholte? Optimierte den weiblichen Körper nach männlichem Vorbild? Klar konnte man abtreiben, wenn mal was schief ging, aber Freude war das keine. Eizellenentnahme ebenso wenig, wie man hörte. Immerhin konnte man so den Fortpflanzungszeitpunkt hinausschieben, das Zeitfenster vergrößern, das war ja wenigstens etwas. Sie schweifte schon wieder ab, dabei war der Schwerpunkt des heutigen Vormittags – Blockchains – einer, von dessen näherer Erkundung und strategischem Einsatz sich die Firma einiges versprach. Man dürfe diese technologische Chance nicht leichtfertig für erledigt halten, bloß weil ein paar, ok, ein ganzer Haufen Leichtgläubiger damit Verluste gemacht hätten, die Runde hatte den Vorsitzenden beifällig angekichert. Sie betrachtete die Bilder des Advisory Boards des Unternehmens, das das Meeting ausrichtete – großzügige Zimmer, großzügiges Essen, ansprechendes Inselambiente inmitten eines Bergsees: fünf Männergesichter, eines glatter als das andere, voll und rund, und die Tatsache, dass die Umwelt auf die eigene Wichtigkeitspose hereinfiel, ein steter Quell innerer Heiterkeit. Die Moderatorin schränkte den Spielraum des aktuellen Sprechers ein, indem sie die Bühne betrat und ihm durch die pure körperliche Präsenz unmissverständlich anzeigte, dass seine Zeit zu Ende war. Die archetypische Erfolgsfrau, wie Ruth feststellte, mager bis an die unterste Grenze des Vertretbaren, trainiert, mit üppiger und für den natürlichen Farbmischeffekt sorgfältig in Schichten gefärbter Haarmähne, die gerade deshalb umso artifizieller wirkte, dabei den Kopf mit der geglätteten Stirn, deren Oberfläche kein Gedanke trüben konnte, stets leicht schräg haltend, das Gegenüber immer leicht schräg von unten her anlächelnd, selbst wenn es kleiner war als sie selbst. Das war überhaupt die Spitze der Kunstfertigkeit, von oben herab von unten heraus zu lächeln, ein allzeit bereites Unterwerfungslächeln, das gepflegtes rosiges Zahnfleisch über strahlendem Schmelz entblößte. Ein Gesamtkunstwerk, das jetzt das Wort ergriff und festhielt, dabei ein glänzendes Englisch einsetzend, an dessen feine Ziselierung keiner der bisherigen Beiträger herangekommen war. Hilft dir alles nichts, sagte Ruth leise und dachte an ihre Mutter.