Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einer Zeit, in der die Begriffe Panikattacke, PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und Co-Abhängigkeit noch unbekannt waren und der »Ehemann als Familienoberhaupt« noch das gesellschaftliche Rollenbild prägte, erleidet Anke Jablinski (Jahrgang 1962) schwere Traumatisierungen durch den von extremen Stimmungsschwankungen heimgesuchten, oftmals tyrannischen Vater. Selbst im Zweiten Weltkrieg traumatisiert, psychisch erkrankt und tablettensüchtig, inszeniert dieser »Kriegsspiele« in der elterlichen Wohnung. Ohne zunächst den Grund für ihre Panikattacken zu kennen, entdeckt die Autorin schon als Kind instinktiv ein Talent und eine Leidenschaft als Ausweg aus ihrem bedrückenden Umfeld: Das Klettern. Anfangs klettert sie »nur« auf Bäume, bald schon mit selbst gebastelter Ausrüstung und in Kriegsbemalung an Häuserfassaden. Obwohl sie ihrer älteren Schwester zunächst in die Drogenszene folgt, gelingt es ihr, sich kletternd ihr eigenes Leben zurückzuholen. Nachts, hoch oben auf den Berliner Dächern findet sie ihre persönliche Freiheit. Klettermax ist die ebenso bewegende wie spannende Geschichte einer Kindheit und Jugend im West-Berlin der 60er- bis Anfang der 80er-Jahre.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Anke Jablinski
Außer der Reihe 103
Anke Jablinski
KLETTERMAX
Eine wahre Geschichte über Traumata
und die Überwindung von Panikattacken
Außer der Reihe 103
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
©dieser Ausgabe: Dezember 2025
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Titelbild: Klaus Brandt
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 486 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 670 4
Denen, die mich nicht kannten,
und allen Ignoranten
Aber auch:
Für meine Liebsten!
Ich konnte es kaum erwarten, die Tüte auszupacken. Unser Schuster hatte mir diesmal für die drei Mark eine richtig tolle Tüte mit Lederresten zusammengepackt, ich war vor Begeisterung und Freude kaum zu halten! Das Leder roch wunderbar, ich liebte diesen Geruch und hielt jedes Teil an meine Nase. Ich tastete jedes Lederstück ab: Weiches Leder, hartes Leder, Wildleder, jedes Leder fühlte sich auf seine Art gut an. Ich grinste, als ich all die unterschiedlichen Farben sah, die der Schuster mir mitgegeben hatte. Einige Lederreste waren eingefärbt, rot und blau und schwarz, andere waren beige, braun und rotbraun, und es fanden sich sogar etliche Lederschnüre darunter, die ich immer gebrauchen konnte, und die ich zum Nähen benötigte. Ganz unten in der Tüte lag eine große Überraschung: Ein richtiges Fell! Unser Schuster schien es gut mit mir zu meinen! Ich lachte laut auf und quietschte, denn nun hatte ich alles, was ich brauchte!
Die nächsten Tage verbrachte ich mit nichts anderem, als mich nun endgültig in einen Indianer zu verwandeln, für den mich die Kinder aus der Nachbarschaft aufgrund meines Aussehens und meiner Geschichten, die ich erzählt hatte, ja eh hielten. Mein Ururururgroßvater war Indianer gewesen, hatte ich erzählt, und einige Kinder hatten es mir geglaubt, so dunkel, wie bei mir Haut und Haar aussahen. Ich hatte es am Ende selbst geglaubt.
Ich arbeitete mich von unten nach oben. Zuerst kamen die Mokassins dran. Meine alten Ballettschuhe aus dem Turnverein, die wir Hallenturnschuhe nannten, waren aus weißem Leder, und ich nähte braune und blaue Lederreste drum herum und schmückte die Seiten mit einem blauen Lederband, sodass man sie auch schnüren konnte. Sie gefielen mir und ließen sich gut tragen. Sie fühlten sich weich an, und man hörte die Schritte nicht, wenn ich lief, eben so, wie es mir mein Vater über die Indianer erzählt hatte. Meine Mutter hatte mir das Nähen beigebracht und mir für meine Verwandlung zum Indianer Ledernadeln geschenkt, die sehr kräftig waren und große Nadelöhre hatten. Eine Lochzange hatte sie mir auch geschenkt.
Als Nächstes kam der Lendenschurz an die Reihe: Ich nähte Lederrest an Lederrest, und man konnte ihn an der rechten Hüfte zusammenbinden. Ich hatte den hinteren Teil aus sehr hartem Leder angefertigt, damit ich auf Bäumen und Mauern gut sitzen konnte, denn all meine Hosen waren an den Knien und am Po vom vielen Klettern ständig durchgescheuert. Meine Mutter musste mir die Hosen andauernd flicken und war dabei längst von Flicken aus Stoff zu Lederflicken übergegangen.
Das Fell bildete mein Oberteil. Ich nähte ein paar Lederfetzen mit ein, sodass ich es beinahe wie ein T-Shirt tragen konnte. Jetzt kam das Stirnband an die Reihe, dem eine große Bedeutung zukam. Denn alles musste perfekt sein, und ich hatte unglaublich viele große und bunte Federn gesammelt auf unseren Reisen in die Berge, aber auch im Zoo, da das Stirnband auf keinen Fall mickrig ausschauen sollte. Das einzige rosa eingefärbte Lederstück eignete sich als Schmuck auf dem beigen Band. Ich klebte kleine Sonnen und Sterne auf das Stirnband, weil ich wusste, dass für Indianer eine solche Symbolik von Bedeutung war. Als ich feststellte, dass die Federn nur hineingesteckt werden konnten, nahm ich mir vor, die Häuptlingshaube mit den vielen großen Federn später zu basteln, und behielt erst einmal ein einfaches Stirnband auf dem Kopf, in das ich ab und zu eine einzige Feder stecken konnte. Da noch Lederreste übrig waren, legte ich einige Stücke für andere Stirnbänder beiseite und begann, meinen Köcher zu schmücken, den ich mir vor ein paar Tagen aus Holz gebastelt hatte. Er bekam ein üppiges Band aus Leder zum Umhängen und eine Lederverkleidung mit einem ähnlichen Muster wie das Stirnband. Mein größter und bester Bogen bekam ein Lederstück am Abzug, dort, wo nun die Pfeilspitze auflag.
Als ich nach Tagen fertig war, war ich rundum zufrieden mit mir. In den Sommerferien bereits braun gebrannt, sah ich in meinem Kostüm wirklich aus wie ein echter Indianer. Mein Wurfmesser hing rechts am Gürtel, der Köcher baumelte über der linken Schulter. Mit dem Bogen in der rechten Hand stand ich da, zum Kampf bereit.
Ich zog in den Kampf gegen die große, schwarze Hand, die mich in meinen Träumen verfolgte, von der ich nicht wusste, was sie mir sagen wollte. Daher redete ich mir ein, dass der Kampf den Jungs auf dem großen Hof galt, die nun noch mehr über mich lästern würden als vorher. Ich war ihnen ein Dorn im Auge: Ein Mädchen, das nichts anderes in ihrer Freizeit machte, als im Wald hoch oben von Baum zu Baum zu klettern! Ein Mädchen, das ein teures Wurfmesser besaß – eines, das sie selbst gerne gehabt hätten –, und das zu allem Überfluss auch noch damit umgehen konnte, ja, das das Messerwerfen richtig beherrschte, ein Mädchen, das Pfeile und Bögen schnitzte und im Wald stundenlang das Zielen übte, das war einfach zu viel für die Jungs aus der Nachbarschaft. Sie hatten mich an den Marterpfahl gestellt und festgebunden, umkreist und bespuckt, gedemütigt, feige, denn es waren sechs Jungen gewesen; das sollte nicht noch einmal vorkommen! Beim nächsten Mal sollten sie keine Chance mehr haben, das schwor ich mir. Geronimo!, sagte ich zum Spiegel: Ich bin Geronimo!, und hob meinen Bogen in die Höhe.
Ich war immer ein komisches Mädchen. Meine Mutter freute sich über ihr drolliges zweites Kind, hatte sie doch als Erstgeborenes ein sehr scheues, ängstliches Kind zur Welt gebracht. Meine Schwester Ute hatte sich weggedreht, wenn jemand über den Kinderwagen zu ihr schauen wollte – ich hingegen lachte zwei Jahre später im selben Wagen jeden Fremden an und griff nach ihm oder ihr. Ich lachte viel mehr als meine Schwester, die von einer tiefen Melancholie befallen zu sein schien, und im Ställchen oder im Gitterbett rüttelte ich an den Stäben, als wollte ich mich befreien aus einem Gefängnis, das ich wohl als ein solches empfand.
Alle Verwandten und Bekannten lachten über mein Temperament, und meine Mutter pflegte zu sagen: Ja, ich habe mit einem Jungen gerechnet, denn Anke schien schon in meinem Bauch Fußball zu spielen! Nun habe ich diese kleine, quirlige Nudel und muss irgendwie mit ihr fertig werden!
Ich war nicht leicht zu bändigen. Immerzu musste ich in Bewegung sein und schien meine Kraft messen zu wollen, ich sammelte Stöcke aller Art, kaum, dass ich krabbeln konnte, machte ziemlich viel Unfug und hielt meine Eltern in Atem. Meine Mutter liebte mich sehr und umgekehrt. Ihre heimliche Befürchtung, dass die Verbindung zu dem so sonderbaren und schwierigen Mann nur traurige Kinder hervorbringen konnte, schien sich nicht bewahrheitet zu haben.
Wir wohnten in einer Dreieinhalbzimmerwohnung in Berlin-Siemensstadt, einem bürgerlichen Viertel Berlins, das meine Eltern, als sie von Hamburg nach Berlin gezogen waren, ausgesucht hatten, weil der Tegeler Forst und der Jungfernheidepark in unmittelbarer Nähe lagen. Beide liebten die Natur und waren glücklich über diese grünen Oasen, von denen wir umgeben waren. Vom Quellweg lief man fünf Minuten zur Grundschule und zehn Minuten durch einen Park zum Gymnasium. Die Mietwohnungen waren in der Weimarer Republik eigens für die Mitarbeiter der Firma Siemens gebaut worden. Mein Vater hatte sich wie auch schon zuvor in Hamburg als Betriebspsychologe beworben und die Stellung bekommen. Er setzte durch, dort auch nach seinem beruflichen Wechsel wohnen bleiben zu dürfen, der Mietvertrag wurde verlängert und die Wohnung erst im Jahr 2007 aufgegeben! Zwar schien der kleinen Ute der Wechsel von einer in die andere Stadt nicht zu bekommen, aber meine Eltern fühlten sich in der geräumigen Wohnung im dritten Stock recht wohl. Es kam ihrer Planung auch entgegen, dass sich zwischen dem Quellweg und dem Jungfernheideweg, wo die Grundschule lag, ein riesengroßer begrünter Hof zum Spielen befand. Es gab Buddelkästen und zwei Spielplätze, und wenn sie aus dem Fenster schauten, konnten sie ihre Mädchen spielen sehen. Meine Mutter wunderte sich zwar ab und zu darüber, dass Ute – wie es sich gehörte – mit Puppen im Buddelkasten saß, während ich über den ganzen Hof rannte und überall herum kletterte, aber ihre Sorgen ließen nach, weil sie bemerkte, dass ich Ute schon bald zur Seite stehen konnte. Ute hatte Angst vor anderen Kindern. Sie hatte Angst vor den Nachbarn und vor dem Keller, durch den wir laufen mussten, wenn wir zum großen Hof wollten, wie wir ihn nannten. Ute hatte eigentlich immer und vor allem Angst. Unsere Mutter freute sich, dass ich ihr zumindest einen Teil der Angst nehmen konnte. Wenn ich mitkam, hatte Ute weniger Angst vor den anderen Kindern. Ich glaube, manchmal hat Ute mich dafür gehasst. Dafür, dass ich so schnell Kontakt fand und dafür, dass ihre kleine Schwester quasi auf sie aufpasste. Es war verkehrt herum, wie fast alles in unserer Familie.
Während meine Mutter das verkörperte, was man in den Sechzigerjahren wohl als normale Ehefrau bezeichnet hätte, war mein Vater sein ganzes verdammtes Leben ein Outsider oder Spinner gewesen. Ein komischer Kauz, wie meine Oma mütterlicherseits zu sagen pflegte, was meinen Vater zutiefst gekränkt hatte, und was er ihr nie verziehen hat.
Unser Vater hatte sich aus dem Arbeitermilieu herausgearbeitet, wie er oft genug betonte. Aufgewachsen in einer zwar künstlerisch begabten, aber doch rein beruflich gesehen einer Arbeiterfamilie vom Prenzlauer Berg in Ost-Berlin, hatte er nach dem Krieg Psychologie an der Universität Hamburg studiert, wo er unserer Mutter begegnet war, die Musik studierte. Die Familie meiner Mutter nannte er abfällig hanseatisch, weil es sich um eine Handelsfamilie mit guter Bildung handelte. Weil er in der Familie meiner Mutter als komischer Kauz galt, fühlte er sich wie auch schon als Junge in Berlin und als siebzehnjähriger Soldat an der Russenfront von der Hamburger Familie unverstanden und nicht akzeptiert.
Ja. Er war ein komischer Kauz. Vielleicht war er zu diesen Zeiten sogar noch ein liebenswerter komischer Kauz gewesen. Ich traue es meiner Mutter zu, dass sie sich in einen liebenswerten und interessanten jungen Mann verliebt hat.
Als junger Mensch schrieb er Gedichte, die Zeugen einer unglaublichen Sensibilität sind, wie auch seine ausdrucksvollen und schönen Augen. Verprügelt vom jähzornigen und tyrannischen Vater in der Weimarer Republik, missverstanden und verletzt als Soldat im Zweiten Weltkrieg, immerzu krank als junger Student, hatte sich meine Mutter doch in ihn verliebt, in diesen Mann, der so fremdartig aussah, so ganz anders als die blonden Männer, die sie in der Zeit der Nazis anhimmeln musste. Mein Vater war nicht nur ein komischer Kauz, er sah aus wie ein Inder, mindestens aber wie ein Süd-Europäer, wodurch erst er in den Fünfzigerjahren auffiel, so wie später ich in den Siebzigern, da ich die dunkle Haut und das schwarze Haar von ihm geerbt hatte.
Meine Sportlichkeit hatte ich auch von ihm. Sehr früh brachte mein Vater mir das Schwimmen bei. Da wir in den sechziger Jahren mehrfach im Sommer auf Mallorca Urlaub machten, entwickelte ich mich zu einer richtigen Wasserratte, und in Berlin sprang ich im Freibad von den Sprungtürmen mit meinem Vater schon recht früh um die Wette. Mein Vater hatte in mir einen Jungen gefunden. Er spielte mit mir Fußball auf dem großen Hof und kaufte mir eine Autobahn mit vielen tollen Spielzeug-Autos. Vor allem aber spielte er mit mir Indianer. Wenn wir sonntags zu viert im Wald waren, brachte er mir Messerwerfen, Bogenschießen und Speerwerfen bei. Die sportlichen Aktivitäten sind das Einzige, an das ich mich gerne erinnere, wenn ich an meinen Vater denke. Wenn er lustig und ausgelassen war, konnte er nett sein. Er hatte Humor und besaß Schauspiel-Talent. Ansonsten hasste ich meinen Vater.
Als Ute und ich noch recht klein waren und nicht einmal zur Schule gingen, bekamen wir schon seine ersten Wutausbrüche mit Gewaltanwendung zu spüren. Irgendetwas hatte ihm nicht gefallen, ich glaube, meistens hatte ich meine Spielsachen nicht aufgeräumt. Eben noch nett, verwandelte sich sein Gesichtsausdruck zu dem eines autoritären Monsters, er krempelte seine Ärmel hoch, legte die Armbanduhr mit der ewig symbolisch gleichen und sehr inszenierten Geste beiseite, befahl uns, die Hosen runterzuziehen, und verdrosch erst Utes und dann meinen Po. Ich glaube nicht, dass er stark zuschlug, aber Ute schrie jedes Mal wie am Spieß, und ich hatte so große Angst um sie, dass sich diese Angst für mein ganzes Leben in mir festgebrannt hat. Bis zu ihrem Tod. Ich selbst hatte keine sehr große Angst vor dem Schmerz. Vielleicht lag das an dem vielen Sport. Mit vier Jahren war ich dem ersten Turnverein beigetreten, und da ich auch sonst mehr als alle anderen draußen tobte, turnte und kletterte, war ich an Schmerz gewöhnt. Oft kam ich mit blutigen Knien oder anderen kleineren Verletzungen nach Hause. Die inneren Verletzungen aber waren schlimmer. Die ständige Angst vor meinem Vater und die parallel dazu eingeimpfte Angst um meine geliebte Schwester, waren sicher Grundsteine meiner Erkrankung. Dass unser Vater ausgerechnet Psychologe war, mag dem einen Leser oder der anderen Leserin jetzt schon merkwürdig vorkommen. Aber dies ist nur der Anfang. Es kommt noch viel schlimmer …
Ute und ich hatten so viele Hobbys und Interessen, dass ich mich heute frage, wie wir für all das Zeit gefunden haben! Neben Sport, Spaß und Spielen auf dem Hof, musizierten wir sehr viel, denn unsere Mutter war Musiklehrerin, und eine musikalische Erziehung war für sie Priorität. Wir fingen früh an, Blockflöte zu spielen, sodass wir zum Weihnachtsfest gemeinsam einige Lieder vortragen konnten. Wir sangen im Chor und natürlich spielten wir auch auf Mamis Klavier, das in unserem Wohnzimmer stand. Sie blieb Hausfrau, so lange Ute und ich klein waren, und nahm ihren Beruf später wieder auf, indem sie in unserer Grundschule Musikunterricht gab und später Klavierunterricht an der Musikschule oder zu Hause. Da beide Eltern sich für die schönen Künste und Kultur interessierten, wurden uns zunächst keine Steine in den Weg gelegt, was unsere künstlerische Entfaltung betraf. Mich hatte das Malen gepackt und schier gefesselt. Ich malte wie eine Besessene und konnte mich so darin vertiefen, dass ich nichts anderes um mich herum mehr wahrnahm, zum großen Ärger meiner Schwester. Ich breitete die gemalten Bilder um mich herum aus. Ute fühlte sich dadurch beengt, denn wir teilten ein Zimmer. Nicht selten lagen meine gemalten Bilder, meine Timpotoy-Indianer, Stofftiere, Autos, Bastelkram aller erdenklichen Art, Musikinstrumente, Briefmarkenalben, Gummitiere und Schnitzmesser auf dem Boden verteilt in unserem Zimmer herum, und Ute war ein Mädchen, das viel Ruhe brauchte. Wir waren so unterschiedlich, wie zwei Schwestern nur sein können. So ruhig die eine, so temperamentvoll die andere. So scheu die eine, so aufgeschlossen die andere. So kam es, dass unsere Eltern uns in Schubladen steckten, aus denen wir beide nicht mehr so recht herauskamen, denn Kinder benehmen sich so, dass sie von den Eltern geliebt werden. Ute war die Sensible, ich die Heitere, oder sogar die Robuste, was meinem Wesen in keiner Weise entsprach. Wir wurden beide missverstanden, denn auch Ute hatte ihr Image des ängstlichen Mädchens später als Teenager so satt, dass sie in einer Art und Weise ausbrach, die niemand fassen konnte. Unser Vater fütterte dieses Schubladendenken immerfort. Anstatt dass Ute ermutigt wurde, mit anderen Kindern zu spielen, saß sie nicht selten mit unserem Vater im Wohnzimmer, wo irgendwelche Probleme besprochen wurden, von denen ich nichts wusste. Es herrschte Geheimhaltung vor mir und meiner Mutter, was ich bis heute nicht verstehe und was mir eine schaurige Gänsehaut auf den Armen verursacht. Ich ging währenddessen spielen. Man ließ mich spielen. Um mich hatte niemand Angst. Ich spielte mit Jungs, und wäre Ute nicht gewesen, hätte ich wohl auch nie mit Puppen gespielt. Meine Puppen aber trugen Hosen, und ich schnitt ihnen die langen Haare ab, zum Entsetzen meiner Mutter. Sobald ich Fahrrad ohne Stützräder fahren konnte, fuhr ich alleine hinaus in den Wald, der mit dem Rad in höchstens zehn Minuten zu erreichen war. Ich kletterte auf Bäume, zunächst einmal wie jedes Kind. Im Turnverein hatten wir an einer Reckstange Schweinebaumeln mit Absprung gelernt, und ich übertrug das auf Äste, die glatt genug dafür waren. Es machte einen Riesenspaß, noch mehr als in einer Halle! Ich konnte nicht genug davon bekommen.
Nein, meine Eltern hatten es wirklich nicht immer leicht mit mir. Als ich vier oder fünf war, zerschnitt ich einen Rock, weil ich nur Hosen tragen mochte. In derselben Zeit besuchte ich einen Schulkindergarten und wollte partout keinen Knicks zum Abschied machen, ja, ich weigerte mich, bis meine Mutter mich tatsächlich abholen musste. Ich malte meine vielen Bilder nicht nur auf die eigens zum Malen bereitgelegten Bögen und Zettel, sondern malte große Bilder an unsere Tapete im Kinderzimmer. Utes Wand-Klappbett benutzte ich als Hometrainer. Ich legte mich unter das Bett und drückte es immer wieder hoch, um meine Arme zu trainieren. Und an unseren Türrahmen kletterte ich auch hoch und versuchte, oben hängen zu bleiben und mich allein durch die Kraft der Fingerspitzen im Hangeln fortzubewegen und möglichst lange dort zu hängen.
Ich brauchte kaum Schlaf und wenig zu essen. Während Ute auffällig dünn war, aber viel aß, war ich von drahtiger Natur, und aß wohl weniger als alle anderen Kinder. Meine Mutter hörte bald schon auf, sich Sorgen zu machen. Immer auf eine ausgewogene und gesunde Ernährung bedacht, machte sie uns morgens ein Müsli und mittags ein schönes Gericht mit viel Gemüse. Sie nahm es hin, dass ich oft nur die Hälfte aß, obwohl es mir schmeckte. Es war unseren Eltern wichtig, keinen Zwang auszuüben. Auch mein Vater wollte uns eigentlich nicht zu autoritär erziehen. Im Gegensatz zu den meisten Nachbarn waren meine Eltern SPD-Wähler und politisch weniger konservativ eingestellt als die Eltern meiner Freunde. Einige meiner späteren Freunde oder Freundinnen glaubten daher, dass es weniger streng bei uns zuginge als bei ihnen und beneideten mich. Wenn sie gewusst hätten …
Ich hatte mich auf die Einschulung gefreut. Ich liebte es, Neues zu lernen. Das hatte ich im Schulkindergarten erfahren, einem Kindergarten, in dem man auf die Schule schon ein Jahr lang vorbereitet wurde und eigentlich sogar schon ein bisschen schreiben konnte. Wir hatten sehr viel gemalt, was mir zugutekam, viele Spiele gespielt, uns oft verkleidet, musiziert, gestrickt, gehäkelt, zu Ostern Eier bemalt, zu Weihnachten Sterne gebastelt und allgemein alles gebastelt, was es zu basteln gab. Mir machte einfach alles Spaß! Zudem freute ich mich, wieder in Utes Nähe zu sein. Ich hatte nach Utes Einschulung mit dem Singen aufgehört, was meiner Mutter aufgefallen war. Immer hatte ich vor mich hin gesungen, und nun schien ich traurig zu sein ohne Ute.
Weil sie mir zu Hause so sehr fehlte, kümmerte ich mich um meine vielen Stofftiere und behandelte sie, als wären sie echte Tiere. Unser Vater erlaubte keine Tiere in der Wohnung, und so spielte ich mit den Stoff-Tieren so, wie andere Mädchen mit ihren Puppen. Jedes Tier bekam ein eigenes Bett, und bald gab es einen Wochenplan, in dem festgehalten wurde, welches Tier an welchem Tag in meinem Bett schlafen durfte. Ich streichelte sie und stellte ihnen das Essen hin, bevor ich es aß.
Ute kam mit dem Schulbetrieb nicht zurecht. Sie war eine gute Schülerin, aber von Anfang an allein. Sie war zu schüchtern und fand keinen Kontakt. So freute sie sich, wenn wir miteinander spielen konnten. Es brachte ihr aber auch nicht gerade die Anerkennung der Mitschüler, wenn sie im Pausenhof zu ihrer kleinen Schwester ging. Und auch mich betreffend war sie in einem schrecklichen Konflikt: Eifersüchtig und neidisch auf mich, liebte sie mich doch und brauchte mich.
Wenn ich im Schulkindergarten dadurch aufgefallen war, dass ich der Lehrerin den Knicks verweigerte, fiel ich in der Schule recht schnell durch meine Zappeligkeit auf, wie es die Lehrer nannten. Es fiel mir schwerer als den anderen, so lange still zu sitzen: Ich wollte es nicht, und ich konnte es auch nicht. Die Schule erwies sich daher für mich nicht als so schön, wie ich es mir erhofft hatte – abgesehen von den Pausen, in denen ich mit meinen Freunden klettern und raufen konnte, aber auch hier wiesen mich die Lehrer zurecht, denn für ein Mädchen gehörte sich das nicht. Unser Chorleiter ließ mich zur Strafe dafür, dass ich mich mit Jungs geprügelt hatte, eine Stunde lang den nicht enden wollenden Schulflur entlanglaufen, derart, dass ich mit den Füßen nicht die Abgrenzungen der Kacheln zu übertreten und gleichzeitig den Finger auf meinen Mund zu legen hatte und keinen Mucks von mir geben durfte. Eher ambivalent aber, war die Erziehung von meiner so sehr geliebten Frau Mann-Wolff, unserer Turnlehrerin. Im Turnverein hatten die kleinen Mädchen in einer kleinen Halle trainiert, und so sah ich mit sechs Jahren zum ersten Mal eine große Halle von innen. Dieser Anblick war ein Traum für mich! Kaum, dass ich die Stangen und Kletterseile sah, war ich sofort an den Seilen bis ganz nach oben gehangelt, hatte links zu den Stangen gegriffen, und war daran heruntergerutscht, was für ein Spaß! Das musste ich gleich noch einmal wiederholen! Ich hatte immer noch genug Kraft, mich ein zweites Mal an dem kräftigen Tau hochzuziehen – diesmal aber mussten Füße und Beine zum Einsatz kommen – und meinen Körper am Seil nach oben schieben. Oben angelangt, atmete ich tief durch, griff wieder zu den Stangen und war froh, nun einfach hinunter gleiten zu können, denn meine Beine schmerzten vor Anstrengung. Plötzlich traf mich ein Schlag auf den Kopf.
Bist du Göre von allen guten Geistern verlassen? Wenn du denkst, du kannst hier machen, was du willst, dann hast du dich aber getäuscht, verstanden?
Ich heulte. Frau Mann-Wolff gab mir eine erneute Ohrfeige. Das möchte ich nicht noch einmal erleben, hörst du? Schreib dir das hinter deine niedlichen Ohren!
Sie zog mich ein bisschen an dem Ohr, und nun schaute ich in ihre Augen und konnte sehen, dass sie mich mochte. Sie musste so handeln. Die Beziehung zwischen ihr und mir blieb immer mysteriös. Ich wurde ihre Lieblingssportlerin, ihr Vorzeigemädchen, aber immer und immer wieder kassierte ich Ohrfeigen, weil ich von ihr beim unerlaubten Klettern erwischt worden war. Klettern ohne Aufsicht, nannte sie das. Dieser Ausdruck war für mich ausgesprochen komisch, so viel wie ich sonst überall kletterte! Die Stangen und Seile stellten überhaupt keine Gefahr für mich dar! Eine Lehrkraft unten am Boden nützte doch nichts, wenn ein Kind von ganz oben hinunterfiel! Kein Lehrer hätte ein Kind aus der Höhe einer Turnhalle auffangen können! Und die Matten, die es damals gab, waren längst noch nicht so dick, wie heutzutage.
Wir Kinder waren längst nicht so dick wie heute beinahe üblich. Viele Kinder waren sportlich, und die meisten gingen in irgendeinen Sportverein. Mit meiner Einschulung wechselte ich von den Kleinen zu den Großen, und innerhalb der Großen gehörte ich nun wiederum zu den Kleinen. Wir wurden nicht mehr von Tante Pinzler trainiert, sondern von Herrn Herzog, und in der großen, neuen Halle gab es mehr Geräte als in der für die ganz jungen Turnerinnen. Hatten wir bei Tante Pinzler nur Bodenturnen, Übungen am Reck und das Turnen auf dem Schwebebalken gelernt und geübt, gab es hier Stufenbarren, Trampolin, Stützbarren, Pferd, Kästen, Ringe und zu meiner größten Freude auch Stangen und Seile. Ich schien im Paradies gelandet zu sein! Schnell war ich regelrecht in den Geruch von Magnesium, Schweiß, Leder, Metall und Holz verliebt, der in einer Turnhalle vorherrscht. Im Gegensatz zu Frau Mann-Wolff erntete ich keine Ohrfeige, wenn ich an den Seilen und Stangen hochkletterte, sondern Lob. Zwar durfte ich auch hier nur klettern, wenn Herr Herzog anwesend war, jedoch erlaubte er es mir vor Beginn des eigentlichen Trainings. Eines Tages holte mich mein Vater vom Turnverein ab, und Herr Herzog sagte: Ihre kleine Anke kann gar nicht genug vom Turnen bekommen, sie will früher anfangen und länger hierbleiben. Sie ist ein totales Energiebündel und kaum zu bändigen.
Ja, sagte mein Vater, das stimme: Unsere Anke ist ein richtiger Klettermax!
Innerhalb unserer Familie hieß ich fortan Klettermax, bei meinem Vater sogar einfach nur Max. Ute und meine Mutter nannten mich meistens nur auf unseren Reisen Klettermax, weil sie nur hier mitbekamen, wie viel ich tatsächlich kletterte. Unsere Reisen in den Schulferien liebte ich über alles. Wenn nicht nach Mallorca, fuhren wir meistens in die Berge, nach Bayern, Österreich oder in die Schweiz. Da unsere Eltern das Wandern in den Bergen genossen, waren auch wir Kinder den ganzen Tag an der frischen Luft: Während einer Rast konnten Ute und ich an einem Bach kleine Wasserrädchen und Boote aus Holz bauen, wir konnten Farne, Blätter und Blumen sammeln und diese pressen, was uns unsere Mutter liebevoll beigebracht hatte. Wir legten uns Hefte an, in denen wir alles beschrifteten, und wir begegneten unterschiedlichsten Tieren, nicht nur Kühen, Pferden, Eseln oder Schafen, sondern auch Gemsen, Murmeltieren, Adlern oder Steinböcken. Ute und ich sammelten alles, was es in der Natur gab: Tannenzapfen, Steine, Schneckenhäuser, Flechten, Moosstückchen und Vogelfedern aller Art. Die Vogelfedern waren mein Spezialgebiet. Ich legte mir recht früh eine ordentliche Sammlung an. Wir lernten in den Bergen eine Menge, und in der Unterkunft schrieben wir das Gelernte auf, oder malten die Dinge, die wir kennengelernt hatten. Das Tollste an den Wanderungen aber war das Klettern. Jedenfalls für mich. Hier und da gab es einen Jägerstand, an dessen Streben mich meine Eltern herum klettern ließen, während Ute die Leiter bevorzugte. Wenn Ute und meine Eltern eine weitere Pause einlegten, konnte ich in Bäumen herumsteigen. Mein Gefühl für die Äste, auf die ich steigen konnte, wurde immer besser. Ich erkannte schnell, welcher Baum sich zum Klettern eignete. Bei einigen Bäumen war die Rinde sehr uneben, sodass man sich leicht verletzen konnte, andere waren harzig, sodass die Hände sich bald klebrig anfühlten. Viele Bäume hatten zu wenige Äste. Aber es gab auch Bäume, die sich bereits unten in zwei, drei oder vier Stämme teilten, und hier war es sogar möglich, von einem der Stämme zum anderen zu klettern. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Bäume würden mich anschauen, denn die Astlöcher sahen aus wie Augen. Ich fing an, mit den Bäumen zu sprechen, aber meistens rief meine Mutter nach mir, die wusste, dass ich irgendwo herumtobte und kletterte. Durch meinen neuen Namen schien das Klettern legitimiert worden zu sein. Ich hatte so etwas wie Narrenfreiheit, wenn ich kletterte.
Ich liebte das Leben. Jeder Tag machte mir Spaß, und ich konnte mich gar nicht entscheiden, was ich zuerst tun wollte, so viele neue Ideen hatte ich ständig, vor allem, was das Malen, das Basteln und das Klettern anging. Die Schule machte mir auch einigermaßen Spaß, allerdings vor allem der Musikunterricht, die Leibesübungen und das bildnerische Gestalten. Zum Ärger der meisten Lehrer brachte ich Unruhe ins Klassenzimmer. Zumindest warfen es mir die Lehrer vor, Unruhe zu bringen. Im Kopf meiner Zeugnisse stand jedes Mal Anke wirkt immer noch sehr verspielt, sie ist eine sehr lebhafte Schülerin oder Leider lenkt Anke die Mitschüler mit ihren Spielchen ab. Ansonsten aber war ich eine ganz gute Schülerin, wenn auch nicht so gut wie Ute, die auch viel mehr Hausaufgaben machte als ich. Ich versuchte schon sehr früh, mich vor den Hausaufgaben zu drücken, und log meine Eltern diesbezüglich oft genug an. Es machte eben viel mehr Spaß, sich nach der Schule Spiele auszudenken. Leider waren meine besten Freunde, Jörg und die Zwillinge Thommy und Jürgen, nach der ersten Klasse aus Berlin fortgezogen. Ich hatte auch Mädchen-Freundinnen, mit denen ich Gummitwist spielte, aber ich spielte doch lieber mit den Jungs, und die anderen auf dem großen Hof mochte ich nicht so gerne. Im Gegensatz zu Jörg, Thommy und Jürgen fanden sie mich komisch und akzeptierten nicht, dass ein Mädchen kletterte, mit einem Lasso warf und Indianer spielte. Manchmal lauerten sie mir auf, und einmal wurde ich sogar von vier Jungs in eine Mülltonne gesteckt, nachdem ich einen von ihnen ziemlich verkloppt hatte, weil er mir eine Spielzeug-Axt geklaut hatte, die ich zum Fasching für mein Indianerkostüm geschenkt bekommen hatte.
Ich war traurig über den Verlust meiner Freunde. Aber es legte sich auch noch ein ganz anderer Schatten über das kindliche Glück. Die Stimmung in der Familie wurde langsam aber sicher angespannt und bedrückend. Als Kind konnte ich noch nicht begreifen, was los war, und ich kannte die Gründe auch nicht. Die Probleme um Ute wurden schlimmer. Nicht nur, dass sie so ängstlich und einsam war, nein, sie entwickelte Ticks, die mein Vater Neurosen nannte. Ständig errötete sie, scheinbar ohne Grund und Anlass, was ihr so peinlich war, dass sie sich immer zur Wand drehte. Sie konnte nicht einschlafen. Unsere Mutter musste unaufhörlich ins Zimmer kommen, um Gute Nacht zu sagen, immer und immer wieder, und das Licht auf dem Flur musste brennen, weil sie im Dunkeln Angst bekam. Ute stand immer wieder auf und ging zu unseren Eltern, die dadurch ebenfalls am Einschlafen gehindert wurden. Auch ich schreckte immer wieder aus dem Schlaf auf.
An manchen Abenden las unsere Mutter uns noch lange vor, oder sie ließ zur Beruhigung klassische Musik im Wohnzimmer laufen. Da es eine zusätzliche Tür zwischen unserem Zimmer und dem Wohnzimmer gab, blieb diese einen Spalt weit offen. Damit nicht genug, musste Ute neben ihrem Bett in einer bestimmten Reihenfolge Handcreme, Taschentücher, Nasentropfen und eine Taschenlampe stehen haben, sonst bekam sie komische Gefühle. Ute tat mir sehr leid, aber ich wusste nicht, was komische Gefühle sein sollten. Unser Vater tat so, als wisse er, um was es sich handelte, und holte Ute immer öfter zu geheimen Gesprächen ins Wohnzimmer. Meine Mutter war in dem Glauben, er als Psychologe wisse sicher, was das Beste für Ute sei, aber mir kam das alles merkwürdig vor. Ich begann, in unserer Wohnung herumzuschleichen und zu lauschen, wann und wo immer ich konnte. So kam es, dass ich eines Nachts einen Streit meiner Eltern mithören konnte.
Wenn Ute und Anke das mitkriegen! So rief meine Mutter weinend. Wie kannst du das verantworten!
Die bekommen das nicht mit, hielt mein Vater dagegen. Ich sage doch immer, dass ich zu einem Kongress muss!
Aber Ute weine jedes Mal, wenn er abends wegginge, schluchzte meine Mutter – und sie tat mir so leid, dass ich am liebsten ins Schlafzimmer gegangen wäre und sie getröstet hätte. Hör doch endlich damit auf!, flehte sie ihn an, und ich hörte ihn antworten:
Es hat doch nichts zu bedeuten, verdammt noch mal, wie oft soll ich dir das denn noch erklären, Hildegard!
Ich wusste nicht, mit was er aufhören sollte – später begriff ich: Er hielt sich Geliebte!
Damals hasste ich diesen Tonfall, den er immer im Streit bekam: besserwisserisch, total aggressiv, dabei künstlich ruhig gehalten; es war widerlich. Ich schlich zurück ins Kinderzimmer, als ich ein Geräusch hörte und befürchtete, einer der beiden würde mich ertappen.
Eine Familienreise in den Harz brachte zusätzliche Dinge an die Oberfläche. Auch wenn ich mit meinen sieben Jahren noch zu klein war, um zu verstehen, um was es wirklich ging, so nahm ich doch Schwingungen auf, und ich war ohnehin nicht schlecht darin, Zusammenhänge zu erkennen. Ich spürte, wie traurig meine Mutter war und wie unglücklich und ängstlich Ute. Ich liebte meinen Vater immer weniger, er tat uns allen weh. Er war immer öfter angespannt und gereizt. Wir Kinder wussten nicht, dass unsere Mutter ihm die Pistole auf die Brust gesetzt hatte. Wir ahnten kaum, was sie durchmachte in diesen Jahren.
Er hatte nach der Anstellung bei Siemens als Psychologe im Hauptkinderheim angefangen, und schließlich war er in einer Nervenklinik im Westend tätig. Hier hatte er sich Rezepte selbst ausgestellt und sowohl Aufputschmittel als auch starke Barbiturate illegal mit nach Hause genommen. Da er unter epileptischen Anfällen und unter Schlaflosigkeit litt, hatte er angefangen, sich selbst medikamentös therapieren zu wollen. Außerdem hatte er sich einen Stempel und Briefbögen mit Dr. med anfertigen lassen, was eine glatte Fälschung war. Zu guter Letzt hatte er seinen Titel zum Psychoanalytiker auch zumindest insofern erschlichen, als er seine Analytikerin um den Finger gewickelt und seine eigene Lehranalyse trotz Zeugnis und bestandener Prüfung niemals gründlich durchlebt hatte. Er war Diplom-Psychologe, ja. Und er hatte einen korrekt erworbenen Doktortitel im Fach Philosophie. Aber den Dr. med und den Titel des Analytikers, der ihn über einfache Psychologen hinaushob und in die Elite aufsteigen ließ, war schon ein wenig ergaunert. Wahrscheinlich versuchte er dadurch, seine Komplexe ob seiner Herkunft zu verbergen, ebenso wie er versuchte, seine sexuellen Komplexe durch Affären zu kompensieren.
Die Sache mit den gefälschten Rezepten flog auf, nachdem einer Apothekerin die vielen Rezepte aufgefallen waren. Es gab einen Skandal, der in der Presse Pervitin-Skandal genannt wurde, handelte es sich doch um Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fielen. Nicht enden wollende Gerichtsverhandlungen waren die Folge, aus denen mein Vater mit einem blauen Auge heraus kam: Einzig eine bestimmte Summe Geldes an die SOS-Kinderdörfer hatte er zu zahlen …
Seine Anstellung aber war er natürlich los, und er war fortan vorbestraft. Es war ein Wunder, dass es ihm auch hierbei durch Tricksereien und Überredungskünste gelang, überhaupt seinen Beruf weiterhin ausüben zu dürfen.
Die vielen Probleme und Prozesse aber hatten ihn noch mehr schlaflos gemacht, als er sein ganzes Leben lang bereits gewesen war. Er war vierzig Jahre alt und wurde endgültig tablettensüchtig. Morgens Aufputschmittel, abends Schlaf- oder Beruhigungsmittel.
Schon immer eher kontaktarm und selbstmitleidig suchte er die Schuld für die ganze Misere nicht bei sich selbst, sondern bei all den anderen bösen Menschen. Er zog sich noch weiter zurück und wollte in Berlin kaum noch das Haus verlassen. Für seine Familie hatte die ganze Situation fatale Folgen: Er verlegte seinen Arbeitsplatz zu uns in die Familienwohnung und eröffnete hier eine eigene Praxis.
Er hatte sie in dem kleinsten Zimmer eingerichtet, dort, wo zuvor nur ein Schreibtisch und seine vielen Bücher untergebracht waren. Mag sein, dass er nicht wollte, dass seine Patienten sehen konnten, welche Bücher er las, mag sein, dass er etwas Buntes während der Behandlungen nicht ertragen konnte, jedenfalls schlug er all die vielen Bücher grau ein und nummerierte sie, was nicht eben schön aussah. Wie für einen Psychoanalytiker üblich, gab es eine Couch, auf die sich der Patient legte, und da er die kranken Menschen in unserer Wohnung therapierte, musste fortan absolute Ruhe herrschen. Keine Türen durften zugeschlagen werden oder geöffnet bleiben, unsere Privatsphäre blieb ab diesem Zeitpunkt und unsere ganze Kindheit lang ziemlich auf der Strecke. Meine Mutter durfte kaum noch Klavier spielen, und wir Kinder mussten uns absolut ruhig verhalten. Wir mussten durch den Flur schleichen, immer in Eile und in Angst, einem Patienten zu begegnen. Das Wort Patient wurde dadurch zu einem total unheimlichen Begriff. Ein Patient war ein Gruselmonster. Dass die Patienten auch Frauen waren, die unser Vater auf seine ganz eigene Art und Weise auf seiner Couch therapierte, hatte er nicht einmal vor unserer Mutter verheimlicht!
Wie unsere Mutter später erzählte, hatte sie anfangs geglaubt, solche Affären seien normal in einer Ehe. Dass aber eine seiner Geliebten unter dem Vorwand einer Therapie in unserer Wohnung von ihm bestiegen wurde, war auch ihr zu viel, zumal der Ehemann der Dame Papis eigentlicher Patient war.
Vor unserem Urlaub im Harz hatte Mami unseren Vater dann zur Rede gestellt. Sie hatte zur Bedingung gemacht, dass seine Geliebte, anders als gewohnt, nicht am Urlaubsort auftauchen würde. Andernfalls hätte sie ihn für immer verlassen – und uns mitgenommen. – Wäre die Geliebte doch bloß aufgetaucht! Uns wäre viel erspart geblieben!
Obwohl wir also auf der Reise zu viert blieben, konnte von einem schönen Urlaub nicht die Rede sein. Unser Vater war schlecht gelaunt, weil er seiner Geliebten hatte absagen müssen, und unsere Eltern stritten unentwegt. Sie versuchten zwar, all dies vor uns zu verheimlichen, aber Ute und ich schliefen im Zimmer gegenüber dem unserer Eltern. Und Ute weinte und weinte, wenn sie hörte, dass die beiden stritten. Und auch wenn sie abends ausgingen, hörte Ute gar nicht mehr auf zu heulen, sodass meine Eltern umkehren mussten, was die Laune meines Vaters auch nicht hob. Er brüllte unsere Mutter an, was für einen Scheißurlaub er hier haben würde, und dass er sich nicht erholen könne – in dieser Zeit fingen seine permanenten Schuldzuweisungen und Vorwürfe an, die kein Ende mehr finden sollten. An allem Leid waren seine Kinder und seine Ehefrau schuld, an seiner Epilepsie, der vielen Arbeit, seiner Schlaflosigkeit und der Tablettensucht.
Als ich bei einer Wanderung um einen größeren See herum auch noch meinen geliebten Steiff-Schimpansen Judi verlor, rastete er aus: Ich hatte wie verrückt geheult und ohne Judi nicht wieder zurückgehen wollen. Untröstlich, wie ich war, suchten wir den ganzen Weg ab, ohne aber das Äffchen zu finden. Wahrscheinlich hatte sich ein anderes Kind über das süße Tier gefreut, oder ich hatte ihn beim Klettern auf einem Baum sitzen lassen.
Für Ute waren die schönsten Tage im Jahr unsere Reisen nach Hamburg. In Berlin schüchtern und kontaktarm, blühte Ute in Hamburg bei unserer Verwandtschaft mütterlicherseits regelrecht auf, ja, sie war wie ausgewechselt! Wir beide liebten die Eltern unserer Mutter, die geräumige Altbauwohnung mit dem langen Flur und den schweren Schiebetüren, in der wir jedes Jahr in den Osterferien wohnten. Wir liebten unsere vielen Cousins und Cousinen, und Ute legte in dieser Zeit ihre Angst vor anderen Kindern ab. Denn auch zu Artje und Byrte, den Töchtern einer Freundin unserer Mutter, hatte sie ein echt freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Sie lachte deutlich mehr als sonst und schien erleichtert.
Heute frage ich mich, ob es daran lag, dass unser Vater bei diesen Besuchen in der Hansestadt nie dabei war. Da er die Familie seiner Frau nicht mochte und dies bekanntlich auf Gegenseitigkeit beruhte, blieb er in Berlin. Wir hatten in Hamburg unsere Ruhe, und diese Reisen waren wesentlich unbeschwerter als die mit unserem Vater.
Ich erinnere mich an ausgelassene Stimmungen, wann immer wir in Hamburg waren. Wir tobten in den Wäldern rund um Hamburg herum, gingen in den Parkanlagen schaukeln, und jeden Nachmittag gab es selbst gemachten Kuchen von der Omi bei klassischer Musik. Der Plattenspieler und das Radio spielten eine zentrale Rolle in dem Wohnzimmer meiner Großeltern. Unsere Omi erzählte uns etwas über den jeweiligen Komponisten, und ich bekam Postkarten geschenkt von Mozart, Bach, Haydn oder Beethoven, die ich sogleich versuchte so gut wie möglich abzuzeichnen. Unser Opi war ein leidenschaftlicher Münzen- und Briefmarkensammler. Oft saß ich stundenlang bei ihm in seinem Kontor und lernte sehr viele historische Dinge, die mir durch Münzen und Postwertzeichen viel anschaulicher beigebracht wurden als in der Schule.
Zurück in Berlin sehnte Ute sich nach den Kindern aus Hamburg und meine Mutter nach ihren Eltern. Ich selbst sehnte mich nach einer Schule, die mir entsprach. Ich wollte lernen, lernen, lernen, aber irgendwie passten die Schule und ich nicht zusammen, es fühlte sich an wie eine falsche Freundschaft. Ich hatte mich zwar einigermaßen angepasst, aber in der Pause kam es immer wieder zu komischen Zwischenfällen, selbst wenn ich mit Mädchen spielte.
Komm mal zu uns, du Max, du, riefen dann die Mädchen. Zeig mal, was du machst, wenn du sehen willst, ob du Hundekacke unterm Schuh hast!
Ich drehte den Fuß nach hinten, sodass ich die Sohle sehen konnte. Alle lachten.
Jetzt schau dir mal deine Fingernägel an!
Ich betrachtete meine Hände, indem ich die Finger ausstreckte. Alle lachten. Ich solle in die Hocke gehen, riefen sie.
Ich ging in die Hocke – und das Gelächter der Mädchen nahm kein Ende. Offenbar hatte ich alles falsch gemacht. Ich hatte die Bewegungen so gemacht, wie die Jungs diese Dinge taten. Mädchen machten die Bewegungen anders. Ich war eben Max …
Einen hatte ich immer auf meiner Seite: Herrn Krause. Er war mein Kunstlehrer, der später auch mein Klassenlehrer werden sollte. Dick war er, und seine Erscheinung war nicht gerade das, was man gepflegt nennt. Meistens machten sich die Kinder über ihn lustig, denn seine Brille verrutschte andauernd, er stank extrem nach Zigarettenrauch, und außerdem stand sein Hosenstall ständig offen. Jackett und Hose sahen schmuddelig aus, und zudem gestikulierte er mehr mit den Händen als die anderen Lehrer. Aber ich mochte ihn, und er mochte mich. Eine Skizze, die ich während des Rechen-Unterrichts von ihm angefertigt hatte, begeisterte ihn so sehr, dass er meinen Bildern fortan noch mehr Aufmerksamkeit schenkte. Neidisch mussten die anderen Kinder akzeptieren, dass Herr Krause in den Malstunden fast nur noch an meinen Bildern interessiert war. Immer wieder stand er neben mir, und noch öfter wurden meine Bilder von ihm in die Höhe gehalten und gelobt. Herr Krause war selbst ein Künstler, der es leider nur zum Lehrer gebracht hatte. Jetzt blühte er darin auf, eine kleine Künstlerin entdeckt zu haben. Er lud mich zu sich nach Hause ein und ließ mich seine Bude abzeichnen. Ich kam mir total komisch vor. Eine so dreckige und unordentliche Wohnung hatte ich noch nie gesehen: Alles stank entsetzlich nach Rauch und nach irgendeinem anderen, mir gänzlich unbekannten Geruch, die Schmutzwäsche lag überall verteilt in der Wohnung herum, und das Wachs der Kerzen war auf dem ganzen Tisch versprenkelt. Bei uns zu Hause durfte so etwas nicht vorkommen: Kerzen wurden sofort ausgepustet, wenn sie anfingen zu tropfen. Niemals lag Wäsche herum, und geraucht wurde sowieso nicht. Ich war anfangs zu schüchtern, um in seiner Gegenwart zu malen. Ich sah die Bilder an den Wänden, die er gezeichnet hatte, und kam mir lächerlich vor, schließlich konnte er noch viel besser zeichnen als ich.
Nein, sagte er, ich könne besser zeichnen als er selbst! Ich hätte das wahre Talent. Ich solle ihm glauben, er habe meine Bilder lange genug betrachtet. Du bist eine Künstlerin!
Er ließ mich allein im Zimmer und setzte sich in seine chaotische Küche. Ich zeichnete seinen einzigen Schrank, einen Kerzenständer und malte schließlich seinen dicken Kater, der in der Ecke lag. Nach einer Stunde kam Herr Krause, um sich meine Bilder anzusehen. Er lachte und schrie vor Freude: Du bist eine echte Künstlerin! Ich wusste es! Ob er die Bilder behalten dürfe?
Schüchtern nickte ich und streichelte den Kater. Er schnurrte.
Ja, Mutzi, hier steht eine kleine Künstlerin vor dir!, rief er begeistert immer und immer wieder.
Wie alt ich jetzt sei?
Neun, antwortete ich.
Dann würde ich in der Hermann-Löns-Schule mit neun Jahren meine allererste Ausstellung haben! Und er sagte: Darauf müssen wir anstoßen!
Ich saß still am Tisch. Ich wusste nicht richtig, was es hieß, eine Ausstellung zu haben. Ich wusste auch nicht, was er mit anstoßen meinte. Er kam zurück mit einem Glas Rotwein in der einen und einem Glas Apfelsaft in der anderen Hand.
Hier! Prost! Auf dich, meine kleine Künstlerin!
Wir tranken, und ich streichelte weiter vor Verlegenheit den Kater, weil ich gar nicht wusste, wo ich hinschauen sollte.
Und jetzt solle ich ihm sagen, was ich gerne für meine Ausstellung malen wolle. Hast du ein bestimmtes Thema, das du gerne malen willst?
Indianer, sagte ich.
Gut, dann solle ich Indianer malen. Male fleißig Indianer, alles andere organisiere ich!
Meine Eltern freuten sich zwar darüber, dass meine Indianer-Bilder bald in den Gängen unserer Schule hingen, aber betrachteten dies wohl nicht als eine Ausstellung. Meine Mutter war immer die Bescheidenheit in Person, sie lobte uns selten und schon gar nicht vor anderen. Ihre Bescheidenheit konnte kränken, gerade wenn sie andere Kinder lobte, obwohl die Leistungen schlechter als die eigenen waren. Mein Vater war bisweilen ein Angeber, und mitunter konnte er auch mit uns angeben. Um meine Ausstellung kümmerte er sich allerdings gar nicht. Er fand wohl, dass er genügend meiner Bilder gesehen hatte, schließlich sammelte er alle und datierte und sortierte sie darüber hinaus sorgfältig. Da er immer seltener unter Menschen ging, sondern fast nur noch zu Hause blieb und in seiner Freizeit abends nur noch las, hat er die Ausstellung nie gesehen, so wie meine späteren im Erwachsenenalter auch nicht.
Im Sommer 1972 reisten wir während der Sommerferien in unserem neuen, roten Audi nach Davos in die Schweiz. Unser Vater hatte den Zauberberg gelesen und wollte den Ort, den Thomas Mann beschrieb, kennenlernen. Er begab sich gerne auf solche literarischen Reisen, so wie ich viel später ebenfalls. Ute, meine Mutter und ich freuten uns sehr auf die Berge und die Natur. Unsere Mutter brachte uns weitere Namen der Blumen, Gräser, Farne und Bäume bei, und unser Vater breitete jeden Tag eine Karte in unserem Apartment aus und kringelte Seehorn, Langwies, Weissfluh, Jakobshorn, Pischa und Engadin mit einem Rotstift ein. Dies sollten unsere jeweiligen Wanderrouten werden. Wann immer ich ihn dabei beobachtete, ärgerte ich mich über seine überhebliche, oder zumindest besserwisserische Art. Er tat gerade so, als wäre etwas Besonderes daran, Wanderrouten zu planen. Wegen solcher Planungen hatte es auch auf der Anreise nach Davos, wie so oft, Theater gegeben, und obwohl er es war, der sich schließlich verfahren hatte, war in seinen Augen immer meine Mutter schuld, weil sie die Karte nicht richtig gelesen hatte. Immer dasselbe, auf jeder Reise, und sogar in Berlin kam es vor, dass er einen Wutausbruch bekam, nur weil er sich einmal verfahren hatte. Wenn Ute oder mir dann auch noch im Auto schlecht wurde, gab es einen Riesenzirkus. Wir hatten schon beim Einsteigen ins Auto Angst vor seinen Launen, die immer unerträglicher geworden waren in den vergangenen Monaten. Die ersten Tage in Davos waren allerdings sehr schön. Wir wohnten in einem Hochhaus im siebenten Stock, und da es für Ute und mich etwas Außerordentliches war, mit einem Fahrstuhl zu fahren, fanden wir das Haus und die Ferienwohnung toll. Ute und ich teilten wie in Berlin ein Zimmer, und auf dieser Reise klärte uns unsere Mutter auf.
Meine beiden Lieben, sagte sie eines Morgens nach dem Frühstück zu uns, sie glaube, es sei an der Zeit, dass sie uns aufkläre. Unsere Mutter wirkte ein bisschen aufgeregt.
Von zarter Gestalt und im Auftreten eher abwartend und zurückhaltend als selbstsicher, bereitete ihr ein solches Gespräch Unbehagen. Wir Mädchen sagten nichts. Ute errötete, was nichts Außergewöhnliches war, und ich schwieg. Ich war wahnsinnig neugierig, obwohl uns unsere Sachkundelehrerin Frau Balzer eigentlich bereits aufgeklärt hatte. Seit einiger Zeit hatte ich auch sehr oft komische Gefühle und ich wusste, dass es sich um andere komische Gefühle handelte, als es wohl bei Ute der Fall war. Ich zog mich an jedem Treppengeländer hoch und bekam wunderschöne, komische Gefühle zwischen den Beinen, und auch, wenn ich die Kletterstangen hinab-rutschte, fühlte sich das gut an.
Als Mami und Papi euch bekommen haben, sagte meine Mutter, haben sie vorher ganz viel geschmust. Ute und ich schauten sie fragend an, und sie: Papi hat dann seinen Penis in meine Scheide gesteckt, und zeigte in Richtung ihres Geschlechtsorgans. Und durch diese Art Schmusen, sagte sie, entstehen später die Kinder.
Komisch!, rief ich. Aber Frau Balzer hatte uns das auch so erklärt: Da gehe der Samen vom Mann so wie bei den Pflanzen zu den Frauen, und dann wächst das Baby im Bauch der Frau!
Ute war das Thema peinlich. Sie lenkte ab und fragte schnell, ob wir nicht spielen gehen wollten.
Wir spielten jede Menge Spiele in Davos, Federball, Boccia und anderes. Wenn wir nicht wanderten, gingen wir ins Schwimmbad, in die Reithalle oder zu den Pferden auf der Wiese. Wir sammelten am Waldrand echte Himbeeren, Brombeeren und Walderdbeeren und fotografierten, denn seit einiger Zeit besaßen wir beide einen eigenen Fotoapparat. Am Davoser See ließen wir unsere selbst gebauten Holzschiffe kreisen, und im Wald vor unserem Hochhaus erfanden wir täglich neue Spiele.
Ich hatte zum Geburtstag vor unserer Reise eine Sepplhose bekommen, mit der sich nicht nur prima wandern ließ, sondern die auch beim vielen Klettern nicht kaputt gehen konnte, weil sie aus sehr dickem Leder hergestellt worden war. Beim Spielen im Wald hatte ich oft meinen zweiten Judi dabei, den meine Eltern mir nach unserer Reise in den Harz geschenkt hatten, weil ich den ersten verloren gegangenen so schmerzlich vermisst hatte. Eines Morgens hatte ich von meinem ersten Judi und dem Harz geträumt und rannte noch vor dem Frühstück ins elterliche Schlafzimmer, um ihnen meinen Traum zu erzählen. Ich träumte sehr viel und behielt und erzählte meine Träume immer gerne. Ich war eine kleine Schmusekatze und legte mich gerne ins Bett meiner Eltern, so wie auch an diesem Morgen. Meinen zweiten Judi hatte ich mitgenommen.
Vielleicht hatte ich meine Eltern beim Sex gestört. Mein Vater zeigte sich jedenfalls mehr als genervt von meinem Besuch. Als ich meinen Traum erzählt hatte, riss er mir Judi aus der Hand, hob ihn in die Höhe und sagte in widerlichem Tonfall:
Na, du kleiner Judi? Willst du auch so sterben, wie der erste Judi, den Anke einfach im Wald vergessen hat?
Was machst du? Gib mir Judi zurück!, flehte ich. Mein Vater aber hielt ihn immer noch in die Höhe und setzte seine sadistischen Spielchen fort.
Anke braucht dich nicht mehr, kleiner Judi, sagte er in nun noch gemeinerem Tonfall, Anke schmeißt schöne Dinge und kleine Äffchen einfach weg oder vergisst sie im Wald, obwohl ihr lieber Papi ihr andauernd so viele schöne Geschenke macht!
Ich bekam Angst. Meine Mutter lag auch nur angespannt neben mir im Bett. Nun tat er so, als wolle er meinem geliebten Judi Arme und Beine ausreißen. Ich flehte ihn an, mir Judi zurückzugeben.
Judi will sterben, so wie dein Papi!
Ich bekam noch viel größere Angst. Etwas in den Augen meines Papis war vollkommen irrsinnig, aber was weiß ein Kind von Irrsinn?
Plötzlich stand mein Vater auf, schmiss Judi hinüber zu mir ins Bett, schrie rum, von wegen, dass er nicht mehr leben wolle, weil seine Scheiß-Familie ihn permanent terrorisieren würde, nicht ein einziges Mal Ruhe würde er hier haben, keinen Urlaub hätte er die ganze Zeit gehabt, seine Familie wäre ein einziger hanseatischer Scheißhaufen, und so weiter und so fort, es nahm kein Ende mehr. Er schrie und schrie, und ich war an allem schuld, hieß es, und es wäre auch meine Schuld, wenn er sich jetzt das Leben nehmen würde. Er riss die Balkontür auf, stand in seiner Unterhose auf dem Balkon im siebten Stock und tat so, als klettere er über die Balustrade. Euer bekloppter Spender-Papi ist gleich tot!, rief er immer wieder, er springt hier jetzt runter, dann seid ihr den Bekloppten endlich los, ihr ganzen Hamburger Huren, so wie Judi, der auch einfach weggeschmissen wurde!
Aber Papi, Papi, komm zurück, was soll das?, flehte ich, aber ich flehte nur so lange, bis sich eine Starre in meinem Körper breitmachte. Bald darauf hatte ich keine Worte mehr. Keine Stimme.
Ich weiß nicht mehr, ob es derselbe Tag, der nächste oder ein anderer Tag in der Schweiz war, an dem Ute und ich eine Reitstunde in der Halle an der Longe nahmen. Ich weiß auch nicht mehr, warum wir eine Reitstunde in der Halle buchten, denn sowohl Ute als auch ich konnten schon einigermaßen gut reiten und ritten viel lieber in der freien Natur, zumindest aber auf einem Reitplatz an der frischen Luft. Wir hatten das Reiten ziemlich früh und gänzlich ohne richtigen Unterricht gelernt, indem wir während unserer Reisen am Meer oder in den Bergen einfach mit einer Gruppe und einem Anführer ausgeritten waren. Angst vorm Reiten kannte ich nicht. Umso ungewöhnlicher war es, dass ich mich an diesem Tag von Anbeginn an nicht wohlfühlte. Erst durfte ich nicht das von mir ausgesuchte Pferd reiten, und als wir endlich im Schritt oder Trab im Kreis herum ritten, konnte ich den Reitlehrer ob seines Schwyzerdütsch nicht verstehen. Immer wieder schien er mich zu fragen, wie ich heiße, aber ich hatte meinen Namen schon so oft genannt, dass ich nicht mehr wusste, wie ich mich verhalten sollte. Der Mann wurde wütend, schrie, mahnte, und er schien es dabei nur auf mich abgesehen zu haben. Ich musste eine Extrarunde drehen, wieder schrie er, ich verstand ihn nicht. Es war zum Verrücktwerden! Ängstlich sah ich zu meinen Eltern hinüber, die auf der Tribüne saßen und zuschauten, und weinte schließlich nur noch, sodass die Reitstunde abgebrochen wurde. Dann passierte es: Mein Vater wollte mich trösten, aber ich bekam starke Bauchschmerzen und keine Luft mehr. Meine Angst steigerte sich ins Unermessliche, es fühlte sich an wie Todesangst. Meine Mutter schloss mich in ihre Arme, aber es nützte nichts. Von meinem Vater wollte ich nicht in den Arm genommen worden. Er war ratlos. Schließlich sagte er, ich solle einen Kopfstand machen. Er wusste, wie gerne ich Kopfstand machte, denn ich stellte mich eigentlich bei jeder Gelegenheit auf den Kopf, bei uns zu Hause, auf jeder Grünfläche und natürlich im Turnverein. Meine Lieblingsübung bestand darin, vom Kopfstand in den Handstand und wieder zurück in die Ausgangsposition zu gehen. Ja, es stimmte, es war eine meiner Lieblingsübungen, und vielleicht dachte mein Vater, wenn ich etwas machen würde, das mir Spaß bereitete, würde ich mich wieder fangen. Aber ich rang nur nach Luft und war nicht in der Lage zu turnen. Es war wohl die erste Panik: Attacke meines Lebens, und ich glaube nicht, dass der Grund hierfür der Reitlehrer war.
Am selben Abend hatte ich einen fürchterlichen Albtraum. Alles war dunkel, und ich rannte und rannte vor etwas fort, das nicht zu sehen war. Ich rannte immer schneller und bekam immer fürchterlichere Angst, alles war bedrohlich, und plötzlich sah ich, vor was ich davonrannte: Hinter mir tauchte eine riesengroße, schwarze Hand auf. Ich wachte auf. Panisch. Ich bekam wieder nicht gut Luft. Und irgendetwas sagte mir, dass diese Hand mein Vater war. Bei unseren anstehenden Wanderungen hielt ich Abstand zu ihm und versuchte, unsere komische Familienaufteilung zu forcieren, sodass ich mit meiner Mutter allein sein konnte. Ich täuschte vor, umgeknickt zu sein und nicht wandern zu können. So kam es, dass Ute und meine Eltern auch einige Ausflüge zu dritt unternahmen und ich dadurch in den Ruf kam, nicht gerne zu wandern, was überhaupt nicht der Fall war. Als ich später die Fotos von ihren Wanderungen hoch oben in den schneebedeckten Bergen und Gletschern sah, wurde ich sogar neidisch.
