Klor bi Anker! Band 6 - W. A. Kaiser - E-Book

Klor bi Anker! Band 6 E-Book

W. A. Kaiser

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Beschreibung

Das Arbeitsleben des Autors endete nach seinen beiden Leben als Kaftain 2018 an Bord der »Bogardus Express«. Sein Berufsleben erfüllte sich - es wurde beendet, dieses Mal ›for good‹. Im vorliegenden letzten Band wird der Leser mitgenommen, um an Hand markanter Episoden nachzuvollziehen, wie und warum aus diesem Kaftain genau das wurde, was er einst gewesen war: Ein Seemann mit all seinen Macken, Fehlern und Vorlieben, eine ehrliche Haut und hinsichtlich der Seefahrt auch ein gewisser Traditionalist. Wie war das als Lehrling in der DDR, wie der Beginn als Offizier bei der DSR, wie ging es weiter nach der Wende bis 1997? Die ersten amourösen Abenteuer auf Kuba und Thailand ... Das ganz normale Seemannsleben halt - aus seiner Sicht. Konsequent ging der Autor seinen Weg bis zum Ende, unabhängig seiner Ideale, Ansichten oder politischer Ausrichtung. Denn Seeleute waren, sind und bleiben Weltmenschen - jeder ausgestattet mit einem sehr individuellen, speziellen Spleen. Die sie umgebenden Elemente, Bedingungen und ihre Arbeit haben Spuren hinterlassen, sie geformt und geschliffen.

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Seitenzahl: 917

Veröffentlichungsjahr: 2021

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W. A. Kaiser

Klor bi Anker!

Oder

Die wahre Geschichte davor, wie er wurde, was er war: de oll Kaftain Blaubeer

Band 6

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei Wolf A. Kaiser

Umschlagsentwurf und Fotos: Wolf A. Kaiser

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Für meine Eltern in liebevoller Erinnerung für die Förderung meines Berufswunsches, Unterstützung in schweren wie auch in leichten Zeiten und ihr großes Verständnis für die Entwicklung ihres Erstgeborenen.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Nachgedanken zu Beginn

Erster Schritt (1958[?]-1971)

Zweiter Schritt (1971-1973)

Dritter Schritt (1973-1978)

Studentenschritte (1978-1984)

Offiziersschritte hüben (1984-1990)

Offiziersschritte drüben (1991-1997)

Kein Nachwort – Die nicht ernst gemeinte Zusammenfassung

Anhang 1: Schiffe und Funktionen (39/7)

Anhang 2: Länder und Häfen (78/202)

Anhang 3: Werften und Zahnärzte (17/13)

NACHGEDANKEN ZU BEGINN

Einschätzung des großen Finales

Wenn es so weit ist, dass Erinnerungen kommen, wenn man nur mal das eine oder andere Ding in die Hand nimmt oder man sich gerade zufällig in einer Situation befindet, die einen in die Vergangenheit zurückversetzt, gerade ein Déjà-vu hat, dann ist man alt. Man lehnt sich zurück, träumender Blick ins Nirgendwo und lauscht in sich hinein, sinniert mit kleinen Gedanken, sieht Bilder, hört Geräusche, meint, exakt die Gerüche von damals jetzt zu riechen und ist ein wenig im Damals. Ja, sowas kommt im Alter.

Solche Sachen passieren. Nachdem ich 2018 meinen Seesack an Land abgestellt und aufgeknüppert hatte und begann, behutsam darin zu kramen, geschah es öfter als mir lieb war, dass mich eine unbekannte schlummernde Muse küsste.

Was machte mich zu dem, der ich geworden war? Wie wurde ich der, der ich heute bin, wie der, den manche wohlwollend den ollen Kaftain Blaubeer nennen? Was machte mich also einzigartig, unaustauschbar, mit all meinen Fehlern und Stärken?

Und genau, immer mussten abgedroschene Worthülsen für die Beantwortung herhalten, ohne die es anscheinend gar nicht anders ging: Natürlich die Gene, die Umwelt und die Erziehung machten mich zu dem, der zum Schluss als Kapitän seinen Hut zu nehmen hatte, nach mehr als vierzig Jahren auf See. Das war viel zu leicht gesagt und zu schnell geschrieben, als es in der Realität ablief.

Diese Schritte, die dazu notwendig waren, natürlich irgendwie auch überall ähnlich und vergleichbar, versuche ich in diesem Band aufzudröseln, damit sich der Leser sein eigenes, viel besseres Bild davon machen kann, wie und warum alles genauso und nicht anders zusammengespleißt und verknotet worden war.

Nennen wir den großen Spleißer ruhig Schicksal, ohne jemand anderem den Ruhm streitig machen zu wollen. Für mich war es also der große Spleißer, der mein Leben so geschickt zusammengefügt und verwoben gestaltet hatte. Dafür schon mal ein erstes Dankeschön. Dank aber auch für die Chancen, die ich hatte und Dank für diesen gelegentlich holprigen Weg mit einigen durchaus vermeidbaren Umleitungen, der so ganz erfolglos ja nun auch wieder nicht war.

Damit war nun Schluss. Mit Absicht geplant und wohlweislich bedacht. Und unterstützt mit gutem Rat durch wohlmeinende Personen in meiner Umgebung. Die Entscheidung war – natürlich – nicht ganz uneigennützig, sondern schließlich auch einfach nur egoistisch für meine Mädchen und für meine müden, alten Knochen.

Die hohe Zeit war gekommen. Nur die Gesundheit konnte noch etwas an meinem Geschick drehen. Dass die mir möglichst lange blieb, darauf musste ich schwer aufpassen, mit dem gleichen Anspruch wie im Arbeitsleben.

(Nachtrag Herbst 2018)

Meine Beobachtungen und insgeheim gehegten Befürchtungen hatten sich bestätigt. Im Sommer ging ich meiner Seetauglichkeit offiziell verlustig, sie glänzte von nun an unwiederbringlich durch Abwesenheit, sie konnte guten Gewissens nicht mehr bestätigt werden.

Dieses früher so unscheinbare versiegelte Brieflein war mittlerweile zu einer höchst amtlich aussehenden Urkunde mutiert. Das Brieflein steckte damals immer hinten im Seefahrtsbuch, es war das Höchste, das Wertvollste (gleich nach dem Sichtvermerk), was den Seemann schon irgendwie mit Stolz erfüllte, hatte er so die sehr amtliche Bestätigung, gesund zu sein. Der Besitz dieser Bescheinigung beruhigte, denn es bestätigte, dass der Inhaber hinsichtlich seiner Gesundheit für die Seefahrt brauchbar war. Heute gab es nicht mal mehr Seefahrtsbücher. Und nun war auch meine Urkunde futsch.

Vorbei, nie mehr, Geschichte. Damit war ich disqualifiziert für meinen Beruf.

War das ein harter Schnitt? – Mein eindeutiges Ja!

War es gerechtfertigt und richtig? – Ja, schon – auch.

War es einfach zu schultern? – Das ganz sicherlich nicht, niemals!

(Nachtrag Sommer 2020)

Und noch etwas fällt mir nun immer öfter auf, was man ganz klar als ernstzunehmendes Zeichen des Alterns und Abstandgewinns, der Verklärung zuordnen muss: Container waren so manche Mal in meiner Laufbahn nichts anderes als nur Auslöser von Problemen, Ursache vieler Diskussionen und oft genug auch Grund für manch schlaflose Stunde. Dabei aber eigentlich nichts weiter als nur eine verdammt anonyme Kiste, die wir in unsere Obhut nahmen, um sie heil im Zielhafen abzuliefern. Eine Kiste, die sich nur in ihrem Stellplatz an Bord und der Farbe ihres Blechkleides von einer anderen ihresgleichen unterschied. Viel seltener, dass nur der blanke Inhalt uns Sorgenfalten auf die Stirn schrieb. Es war doch nur die blöde Schachtel … Nichts anderes als eine Verpackungseinheit, ein Blechgehäuse, das die Welt revolutionierte, das indirekt auf die eine oder andere Art heute in allen Bereichen unseres Lebens reale Auswirkungen hat. Ohne diese Schachtel allerdings auch vieles gar nicht möglich gewesen wäre oder sein könnte. Nein, was habe ich sie nur aus tiefster Seele so manches Mal mehr als dreimal verflucht …

Nun, heute erwische ich mich immer öfter dabei, dass ich fast schon eine zärtliche Rührung empfinde, wenn ich einen Truck auf der Autobahn überhole, der Huckepack eine dieser Blechschachtel mit den so oft gelesenen Logos zum nächsten Ziel karrt. Dessen verschmutzte oder verbeulte Blechhaut von den Wetterbedingungen und Einflüssen der langen Reise viele Geschichten erzählen könnte, von der ich so einige erahne und viele kenne.

Mein Freund, wo kommst du her – wo gehst du hin? Welches Schiff wird dich mitnehmen und durch welche Wasserwüste wirst du getragen?

Schon, dann entringt sich meiner kleinen Seele auch mal ein Seufzer und die Gedanken schweifen mit einer gewissen verständigen Einsicht für wenige Augenblicke in die Vergangenheit.

Mensch, wat war dat damals ma schön gewesen …

Lange her.

ERSTER SCHRITT (1958[?]-1971)

Kindheit & Schule – Kleinmachnow & Rostock

Früheste Erinnerungen an irgendetwas, was mit ‚Schiff‘ im weitesten Sinne zu tun hatte, besser sollte ich in diesem Fall den Begriff ‚Dampfer‘ benutzen, sind an meinen Opa väterlicherseits verknüpft. Zur Unterscheidung der beiden Opas wurde einer mit „Opa Schiff“, der andere mit „Opa Helle“ betitelt, so konnten wir Kinder sie am einfachsten auseinanderhalten. Mütterlicherseits war das die Sippe aus dem kleinen Dorf Klein-Helle bei Neubrandenburg, die anderen wohnten in Kleinmachnow direkt am (sic!) Teltowkanal.

Nun war Opas Schiff tatsächlich noch ein echter Dampfer, auf dessen ‚schwankendem‘ Deck ich erstmalig meine Füßlein setzte. Mit seinen knapp dreißig Metern Länge eigentlich ein Dampferchen, aber für mich war’s ganz bestimmt ein Riesenschiff mit engen Gängen und der völlig anderen Art der Fortbewegung, die ich dort erstmalig bewusst zur Kenntnis nahm: Das Ding schwamm! Es war die „Friedenswacht“, ein betagter, 1947 in Hohenschönhausen gehobener Ausflugsdampfer, der in Berlin die Spree, Havel und den Müggelsee befuhr. Das Schiff war 1904 als DS „Fürst O. Bismarck“ mit der Baunummer 543 auf der Stettiner Oderwerft vom Helgen gelaufen, 1947 als „Neptun“ reaktiviert und erst seit 1951 mit dem progressiven Namen unterwegs. Am Dampferbahnhof am Treptower Park lagen die weißen Einheiten nach dem täglichen Ausflugsverkehr für die Nacht festgemacht, damals noch unter dem Zeichen dem „Deutscher Schiffahrts- und Umschlagsbetrieb Berlin“ (DSU), aus der dann die „Weißen Flotte“ wurde. Übrigens liegt die „Friedenswacht“ mit der Registriernummer „P-172“ noch heute dort, jetzt als sogenanntes Studioschiff, eine des Motors und von anderen störenden ‚Nebensächlichkeiten‘ befreite Schwimmhülle mit modernem technischen Interior, aus der vertrauten MS „Friedenswacht“ wurde SS „Heiterkeit“, ein gewassertes Aufnahmestudio, wenn man so will.

Aber mein Opa war ihr Kapitän! Hier sollte ich etwas genauer sein, denn in Wahrheit war er ‚nur‘ ein Schiffsführer. Aber wer sagte schon Schiffsführer, wenn man doch genauso gut Kapitän sagen konnte, ohne dabei ganz doll zu lügen? Ich hatte einen Kapitäns-Opa! Zu der Zeit werde ich das sicherlich nicht gesagt haben, wir schreiben wohl das Jahr 1958 und auch meine Erinnerung daran ist nur – Achtung, Kalauer! – äußerst verschwommen. Immerhin aber ist mir deutlich erinnerlich, dass es mich mächtig beeindruckte, wie der lange Schornstein vor der Passage von Brücken so einfach nur umgeklappt wurde und der Rauch der Maschine aus einem Loch im Deck quoll. Das blieb hängen. Sicherlich habe ich diesen außerordentlich aufregenden Vorgang nur verständnislos staunend beobachtet. Und mein Opa stand neben mir.

In seiner dunklen Uniform und der obligatorischen Kapitänsmütze. „Wollfjang aus Roschtock“, so vermeine ich heute noch seine volle Stimme zu hören, tiefe Geheimratsecken im schütteren Haar, an den Seiten etwas fülliger. Verschmitzte, kluge Augen schauten gütig aus dem faltigen Gesicht. Der „Holzwurm“, Handwerker, Alleskönner, Lieblingsopa mit einem sehr weiten Herz. Ganz bestimmt ließ er mich auch am riesigen hölzernen Steuerrad drehen, freilich ohne, dass ich dabei was bewirken konnte. Aber, ich möchte schon glauben, dass diese Momente die – unbewusste – Geburt meines späteren Berufswunsches vielleicht einleiteten. Zwar änderte der sich im Laufe des kindlichen Lebens noch öfter, kehrte aber letztlich immer wieder zum wahren Wunsch zurück: Seefahrt.

Es muss ein späterer Besuch gewesen sein, die Erinnerung daran ist deutlich stärker, als mich die Oma wieder in Treptow abgeliefert hatte, ich durfte für ein oder zwei Tage an Bord bleiben. Nein, richtige Kammern hatte das Schiff nicht, dafür ein winziges Abteil unter Deck, ausreichend für die Notübernachtung der vierköpfigen Crew, die gewöhnlich nach Feierabend jeden Tag nach Hause gehen konnte, nur Opa blieb an Bord, weil seine An- und Abreise zu weit war. In Opas Koje, über Kopf wohl keinen halben Meter Raum bis zur Decke, durfte ich schlafen. Gleich daneben ein Bulleye, von dem ich mit ausgestreckter Hand das vorbeifließende Wasser fast erreichen konnte. Der Freibord war also nicht gerade üppig, aber auf den Binnengewässern war die Gefahr gering, als dass wir hätten Wasser nehmen können. Oder hatte ich vielleicht sogar verbotenerweise das Bulleye geöffnet?

Mit dieser Zeit verbinde ich eine unvergessenene Erinnerung, die mich stark beeindruckte. Opa bügelte seine Hemden selbst! Der geringen Deckshöhe wegen stand er leicht gebückt im Unterhemd vor dem Bügelbrett und bügelte ruhig und gleichmäßig seine Uniform. Über beiden Ellenbeugen leuchtete im schummerigen Raum wie getüncht die scharf abgegrenzte weiße Haut der sonst von Hemdsärmeln bedeckten Oberarme. Die altmodischen Hosenträger hingen links und rechts herab. Es roch dumpf nach feuchtem Stoff und Wasserdampf. Und das erstaunte mich doch sehr: Nicht meine Oma plättete, sondern er selbst! Dies machte ich mir später in der Tat – natürlich schon mit Abstrichen – zu meinem eigenen Credo, alles selbst zu können. Bügeln gehörte gezwungenermaßen auch dazu, wenngleich nicht mit der notwendigen Sorgfalt und Liebe, die andere dafür aufbrachten.

Ein weiterer Eindruck brannte sich ebenfalls für immer in mein Gedächtnis: Der Maschinenraum.

An die Dampfmaschine (180 PS) blieb nur die Erinnerung des hohen Schornsteins, den man umklappen konnte. 1960 wurde der Antrieb modernisiert und zwei Dieselmotore (2x150 PS) eingebaut. Damit fiel der markante Schornstein weg, dessen Platz ein kleiner moderner Blechstumpf einnahm. Dabei erfuhr das Schiff auch eine Verlängerung um gut 6 Meter und war von nun an für 353 Passagiere zugelassen.

Genau dieser lärmende Dieselantrieb, den ich so rätselhaft und geheimnisvoll unter mir sah, wenn ich einen Blick durch das Schott mit der Bezeichnung „Zutritt für Unbefugte verboten“ warf, denn als Enkel des Kapitäns durfte ich das ja wohl, verbarg sich im dämmrigen dieselgeschwängerten Bauch des Schiffes. Ein schier unentwirrbares System von Rohren, Leitungen, Geräten und Ecken und Kanten füllte diesen Raum. Hier unten war es warm, dreckig, ölig und sehr laut. Gehörschutz maß man damals nicht den heutigen Stellenwert zu, denn niemand hatte was in den Ohren, außer vielleicht etwas Watte. Dieser Niemand war der Maschinist, es gab nur den einen. Herr Flessing, ein kleines hageres Männchen mit Halbglatze. Er stand meinem Opa im Schiffsbauch zur Seite und ich sah ihn nie ohne Ölkanne und Lappen in der Maschine. Das war überhaupt das Aufregende an diesen Geräten: Hier gab es so viele unheimliche und sehr verwirrende Teile, allein die offenen Kipphebel, die beeindruckend laut von der Kraft der Motore zeugten. Heute vergleiche ich die Räumlichkeit am ehesten mit Szenen aus dem Film „Das Boot“, wo das ‚Gespenst‘ den Lauf der Maschinen abhorcht.

Meine Ferien in Kleinmachnow waren nicht ausschließlich wegen des Schiffes meines Opas so besonders, so oft konnte ich eigentlich gar nicht dort gewesen sein. Am Teltow-Kanal, dem Wohnort der Großeltern, machte ich allerdings meine wirklich ersten Erfahrungen mit ‚der See‘.

Aus gutem Grund. Opa war logischerweise in den Sommermonaten nie zu Hause, so war ich in den Sommerferien mit der Oma und meiner Tante allein. Nur im Winter, wenn die Schifffahrt der Berliner ruhte, war auch Opa zu Hause. Wie gut traf es sich da, dass Großelterns Haus ausgerechnet im Bannkreis einer Wasserbauschule stand. Als ob’s nicht noch zu toppen wäre – und es war! – diese Schule stand vis-à-vis des Machnower Schleusenkomplexes, bestehend aus zwei Kammern, durch die der Teltowkanal erst schiffbar war. Was gab es Besseres für einen Rostocker, als seinen Träumen nachzuhängen, wenn er entlang des Kanals oder an den Schleusen seine ersten Angelversuche unternahm?

Nun war es so, dass ein sogenanntes Wohnschiff gleich unterhalb des Wohnzimmers meiner Großeltern an Dalben fest vertäut war. Über wacklige Laufplanken konnte man an Bord gelangen. Ursprünglich war das stählerne Wohnschiff mal ein Lastkahn gewesen, dem man ein langgestrecktes Wohnhaus mit Abteilfenster der Reichsbahn verpasst hatte, die man mittels gelöcherten Ledergurtes höhenverstellbar versenken konnte. In den dort eingerichteten einfachen Kammern wohnten gelegentlich Studenten dieser Schule. So wurden mir über die Jahre meiner Schulferien die ersten schiffstechnischen Zusammenhänge an Hand dieses stählernen Schwimmteils ziemlich vertraut. Dicht bei waren an einem kleinen Steg die Arbeitsboote der Schule vertäut, im Sommer der Ferien wegen ungenutzt und mich magisch anziehend. Es handelte sich dabei um verzinkte stählerne Arbeitsboote, doch jeder nannte sie nur ‚Kahn‘. Vorn und achtern besaßen sie einen Lufttank, also selbst gekentert oder vollgelaufen, waren sie im Prinzip ‚unsinkbar‘. Ein paar Bretter als Gräting sorgten für trockene Füße, eine hölzerne Ducht war mittschiffs eingebaut. Je ein Roring vorn und achtern dienten als Befestigungsmöglichkeit. Allein, es fehlte an Riemen, es fortzubewegen, denn angeschlossen waren diese Boote nie. Was also tun? Nun, gelegentlich konnte man sich vom Nachbarn in der kleinen Schleusensiedlung mal ein paar Riemen ausleihen. Doof nur, wenn die nicht zu Hause waren oder sie selbst brauchten.

Ich aber hatte meinen Opa. Der hatte Erfahrung und Ahnung im Umgang mit Holzarbeiten und außerdem im Keller des Hauses eine recht gut bestückte Werkstatt. Er baute mir einen Riemen. Nur einen? Brauchte man zum Rudern nicht immer zwei ‚Ruder‘? Er lehrte mich eines Besseren, denn mit nur einem konnte man mit Geschick und Kraft genauso schnell wie mit zwei Riemen sein, die man rudernd benutzte. Das Geheimnis der Fortbewegung mit einem Riemen hieß Wriggen. Das hatte sogar den Vorteil, dass ein geübter Wrigger während des Wriggens gleichzeitig voraus sehen konnte. Ein Ruderer mit zwei Riemen sah aber stets nach achtern und musste sich am Kielwasser orientieren, ob er einen sauberen oder krummen Kurs steuerte. Und fürs Wriggen waren diese Kähne ausgelegt, sie besaßen eine am Spiegel mittig angebrachte Aufnahme für einen Riemen. Natürlich sprach dann bald niemand mehr von Riemen, sondern wir Kinder sagten weltmännisch erfahren und lässig ‚Kelle‘ zu dem selbstgeschnitzten Teil, das tatsächlich funktionierte, auch wenn es deutlich schwerer als ein originaler Riemen war. Mit so einem Kahn begann ich mich auf dem Kanal völlig unkontrolliert und grenzenlos bewegen. Völlig grenzenlos? Nicht wirklich. Die Grenzen hießen Friedenbrücke zur einen und die Schleusen zur anderen Seite. Das war gut ein Kilometer Kanal mit dem Machnower See mittendrin. Völlig ausreichend. Doof nur, wenn andere Jungs der Siedlung mir zuvorgekommen waren und der Steg verwaist war. Dann musste man sich anderweitig die Zeit vertreiben. Oft nur mit einer Stipp-Angel bewaffnet entlang des Kanals auf Rotfederfang oder mit dem gleichaltrigen Harald, ‚olle Harry‘, aus der Nachbarschaft durch die herrlich duftenden Kieferwälder um die geheimnisvolle Hakeburg herum.

Natürlich faszinierten mich seit jeher Schiffe. Sie waren eine selbstverständliche Tatsache, die zum Stadtbild Rostocks einfach dazugehörten. Oft genug war Warnemünde das Ziel eines Besuchs, etwa zum Baden oder mit der Verwandtschaft zum langweiligen Spazierengehen. Eine erste richtige Seefahrt, nämlich quer über die Ostsee nach Gedser war da schon ein anderer Schnack! Eine richtig große und einmalige Aktion, die mich allerdings weniger der See wegen beeindruckte, sondern der riesigen Tafeln Schokolade wegen, die Vater an Bord zollfrei kaufen konnte.

Der ganze Rummel, der 1960 um die Eröffnung des Überseehafens mit Ulbricht und Genossen und dem Anlauf des ersten 10.000-Tonners, der MS „Schwerin“ im Januar des Jahres abging, hatte für mich keine Bedeutung. Ganz anders die Schiffe, diese großen, so starken und mächtigen Stahlkolosse, sie beeindruckten mich sehr, wenn ich auch das meiste natürlich überhaupt nicht verstehen oder zuordnen konnte. Allein die Sache der schwimmenden Riesendinger an sich, das war es wohl, was meine heimliche Begeisterung auslöste. Erst 1963 betrat ich als Neunjähriger ein echtes, richtig großes Schiff. Ein himmelhohes Ungetüm von Schiff, ein Typ-IX-Schiff, die MS „Senftenberg“, die zur Besichtigung freigegeben worden war.

Der jährliche Auftakt zum Sommer begann mit der im Juni stattfindende Ostseewoche („Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein!“). Die Aktionen und Veranstaltungen zu diesem Event hatten naturgemäß immer was mit Wasser zu tun, schließlich waren alle Ostsee-Anrainer dazu eingeladen und präsent, bis auf die Deutschen westlich unserer Grenze.

Obendrein wohnten wir in Rostock unweit vom Kabutzenhof, der zwischen der früheren Neptunwerft und dem Stadthafen gelegen ist. Heute ein fast vergessener, verwaister Platz, von dem tagsüber gerade noch die Fähre nach Gehlsdorf abgeht. Die Werft gibt’s schon lange nicht mehr, den Stadthafen allenfalls noch für die Hansesail als Hafen genutzt und ein paar Marinas. Traurig genug – ein Kapitel für sich und leider nur diese Randglosse wert.

Die Flottenparaden der Bruderstaaten, wie wir sie nannten, waren immer ein großartiges Erlebnis, denn dann konnte man neben den eigenen Marineschiffen auch die gewaltigen geheimnisvollen Schiffe aus der UdSSR und Polen aus der Nähe besichtigen. Schauprogramme lockten tausende Schaulustige zum Hafen, wo Kampftaucher aus Hubschraubern fielen, schnittige Raketenschnellboote vorbeipreschten und Fallschirmtruppen punktgenau landeten. In Warnemünde setzten sich die Aktionen fort und von den Molen aus waren diese Boote und Kampfeinheiten in der leibhaftig rauen See zu beobachten. Das waren großartige Erlebnisse, zu denen wir Vatern nur zu gerne begleiteten.

Doch zurück zu den Sommerferien, Mitte der 60er in Kleinmachnow. Wenn ich mein eigener Ferien-Kapitän eines geliehenen Kahns sein konnte, dann bestimmte ich doch auch, wohin es ging! Meist verholte ich zur Mitte des Kanals, wo das lange Leitwerk weit vor den Schleusen ankommenden Booten und Schiffen die Möglichkeit zum sicheren Warten gab, indem sie dort festmachten, während die Schleusen vorbereitet würden. Selbst habe ich nie Berufsschifffahrt auf dem Kanal erlebt, erst Anfang der Achtziger wurde der Kanal wieder für die Berufsschifffahrt nutzbar gemacht. Die Gründe für die Schließung des Kanals waren politischer Natur gewesen.

Die hölzerne und sehr stabile Konstruktion des Leitwerks roch besonders im Sommer herrlich nach Holzteer, mit dem sie konservatorisch behandelt worden war. Ein Schuppen für Boote und Pontons bildete das wasserseitige Ende des Leitwerks, das andererseits bis zur Schleuse führte. In diesen Bootsschuppen ließ man sich, tief im flachen Kahn niedergehockt, unter dem hölzernen Schott durchgleiten. Gerätschaften unbekannter Bestimmungen hingen an den Wänden, gelbe Sonnenstrahlen, die sich durch Ritzen in den dunklen Raum stahlen, ließen Staub und Insekten tanzen. Stille, die durch das gelegentlich leise Gemurmel des Wassers nur verstärkt wurde. Über allem lag dieser harzige kräftige Geruch des Schutzanstriches, knochentrockenen Holzes und Teers. Hier ließ es sich prima träumen und rumspinnen und niemand konnte einen stören. Wie auf einer Insel.

Einst geschah es, ich mochte wohl zwölf Jahre alt gewesen sein, dass ich mich mit so einem Kahn zu einem Ausflug zum Machnower See aufgemacht hatte. Keine fünfhundert Meter entfernt vom Steg. Der Wind blies in die richtige Richtung hinzu. Relativ schnell erreichte ich den See und kurvte dort zwischen den Seerosen herum. Vom Wasser aus konnte man die Hakeburg sehen, dessen Turm sich aus dem grünen Blättermeer des Mischwaldes abhob. Auch war die Friedensbrücke gut zu erkennen. Wie jedem bekannt war, begann unweit dahinter das Sperrgebiet.

Eine halbe Stunde später, ich begann, den Kahn gegen den Wind zu bringen, um nach Hause zu wriggen, wurde mir langsam klar, dass der Wind mittlerweile langsam, aber doch stetig aufgebrist und inzwischen sicherlich schon um zwei bis drei Stärken zugelegt hatte. Erst jetzt realisierte ich die Zunahme der kleinen Schaumkämme. Schnell wurde mir bewusst, dass meine verzweifelten Anstrengungen überhaupt keinen Effekt hatten, mir gelang es ja kaum, den Bug gegen den Wind zu halten, und wenn, dann machte ich ja wohl Fahrt über den Achtersteven, wie ich zu meinem Schreck feststellen musste. Dahinten aber war die Brücke. Was sollte ich tun? Rufen hätte nichts genützt. Auch war niemand am Ufer zu sehen, dem ich hätte Zeichen geben können. Instinktiv tat ich wohl das einzige Richtige, was mir blieb: Ich steuerte eine große Fläche voller Seerosen an. Steuern war sicherlich gut übertrieben, ich trieb dorthin und hoffte, mit meinen beschränkten Möglichkeiten das Verhalten meines Gefährts zweckdienlich zu beeinflussen. Dort versprach ich mir weniger Vertrieb und besseren Halt. Sehr tief war es gar nicht, mit der Kelle konnte ich den Grund spüren, wenn ich sie nur richtig tief ins Wasser stach. Je näher ich nun dem Ufer kam, umso leichter wurde es, das Boot höchst mühselig in Richtung Heimat zu staken. Ziemlich erschöpft und von diesem Erlebnis innerlich noch stark aufgewühlt kehrte ich spät an den großelterlichen Abendbrottisch zurück. Sprechen konnte ich leider nicht darüber, das hätte möglicherweise den Entzug der Kelle zur Folge haben können. Doch ich lernte daraus schon immer mal fürs Leben, sich vor der Abfahrt davon zu überzeugen, wie stark und vor allem woher der Wind wehte und diese Fakten nicht aus dem Fokus zu lassen, denn solches Wissen könnte sich später als echt wichtig erweisen.

Ende der Sechziger erhielt ich die Jugendweihe, damals eine Selbstverständlichkeit, die man eher der Höhe des geschenkten Geldbetrages wegen in Erinnerung behielt. Es war die offizielle Aufnahme im Kreis der Erwachsenen. Zeitlich wurden damit der Wunsch und das Abklopfen eigener Fertigkeiten, Veranlagungen, Talente hinsichtlich des zukünftigen Berufes akuter. Immer öfter war diese Frage das Thema schlechthin und von Schule und Medien durchaus mit merklich größerem Stellenwert beachtet und gefördert. Einige rieten mir, mich doch in Heiligendamm als Gebrauchsgrafiker zu versuchen, das Talent wäre mir doch in die Wiege gelegt worden, so wie ich zeichnete und mich künstlerisch auszudrücken versuchte …? Meine Oma riet sogar, mich als Förster zu versuchen, denn das wäre ein schöner, ehrbarer Beruf inmitten der Natur. All das hatte schon was, aber mir war unbewusst klar, dass es das nicht sein konnte. Damals wuchs das Fernweh deutlich stärker als alle anderen, gewiss nicht zu verachtenden Argumente und Sehnsüchte. Nicht, dass ich mich eingesperrt gefühlt hätte und nun endlich die ‚politischen Ketten‘ sprengen wollte, die mich fesselten. Bei Gott, das ganz und gar nicht. Soweit über den Tellerrand reichte damals mein Blick doch gar nicht. Obwohl uns Ossis so ein natürliches Fernweh gern als politisch gefärbtes Sichauflehnen unterstellt wird. Nee, das wollte ich nie. Ich wollte nur auf völlig legalem Weg mein Geld auf abenteuerlichste Weise verdienen, die ich mir vorstellen konnte, im Kampf mit den Naturgewalten, in fernen Ländern und auf modernen Schiffen unserer Reederei. Das waren der Herausforderungen genug. Ob ich denn mal Kapitän werden wollte, wurde ich nur zu gern von Bekannten und Verwandten geneckt. Alles, nur das auf keinen Fall, nie Kapitän! – Dann also Offizier? – Naja, Offizier schon, aber nur dritter Offizier, mehr nicht, das reiche völlig aus. Entsprechende Verantwortungen erschien mir überproportional zum Rang zu wachsen, was von mir natürlich überhaupt nicht erfasst werden konnte. Trotzdem stand für mich fest: Offizier schon, aber eben nur ein kleiner …

Die 17. Polytechnische Oberschule (POS), „Borwinschule I“, war meine Schule, die ich in fünfzehn Minuten Fußweg gut erreichen konnte. Das waren zehn ganze Jahre im wöchentlichen Wechsel Früh- und Spätschule, denn das Gebäude beherbergte zwei Schulen. Eine Woche von morgens um halb acht bis dreizehn Uhr, die andere dann von dreizehn bis sechs. Schlimm war es immer im Winter …

Irgendwann im Herbst 1969. Meine Klasse 8b hatte sich im Erdkunderaum, heute nenn man es sicherlich Kabinett oder Projektraum, in der obersten Etage des dreistöckigen Gebäudes eingefunden, nur noch ein paar Restminuten Pause bis zum Unterrichtsbeginn.

Ich stand mit meinem besten Freund Reinhard vor der Haack-Weltkarte, die an einem Galgen ausgerollt quadratmetergroß vor uns hing. Ich tippte auf den magischen Namen Singapur und höre mich heute noch verträumt und sehnsuchtsvoll sagen, wenn man da nur mal hinfahren könnte … Abschätzender Blick nach Europa – so weit weg! Oder hier, gleich daneben: Jakarta. Und da! Surabaya! Mensch, das wär’ mal was …! Wann endlich war es nur soweit? Für uns beide stand fest, wir würden zur See fahren, Seemann werden. Keinesfalls war das unsere Blitzentscheidung, eher waren unsere Überlegungen von monatelangem Abwägen und langsamen Reifen begleitet worden. Immerhin eine Entscheidung fürs Leben, die man nicht so ad-hoc entscheiden konnte.

Das Bewerbungsschreiben hatte ich geschrieben, korrigiert vom Vater, der auch den Ausdruck verbesserte. Ich hatte meinen Lebenslauf dazugelegt und so warteten wir auf Antwort. Ich brauchte weder Angst zu haben, noch musste ich um die Erfüllung meines Wunsches kämpfen, alles fügte sich wie von selbst. Denn Vater wäre gern selbst zur See gefahren, konnte oder durfte das zu der Zeit aber nicht – war daran etwa mein geliebter Opa schuld? Also übertrug er diesen, seinen Wunsch in gewisser Weise vielleicht auf seinen Großen. Mutter hatte in vollem Vertrauen auf Vaters Meinung überhaupt keine Bedenken oder Einwände. Nur einer meiner Onkel machte sich seinen eignen Reim auf meinen Berufswunsch: Alle Seeleute saufen gern, wenn ich das nur gesund durchstehen würde.

Es war eine Frage der Zeit, bis ich schließlich genau wusste, wie’s weitergehen würde. Die gesundheitliche Eignung, sprich: Seetauglichkeit hatte ich schon mit Bravour bestanden, was eine nicht unerheblich hohe Hürde darstellte. Brillenträger als Matrosen waren zum Beispiel ganz weit außen vor. Aber man ließ sich Zeit mit der Bearbeitung der Bewerbungen.

Um sich für den Beruf besser vorzubereiten, kam es uns zupass, dass dieser Onkel, der das Saufen mit der Seefahrt so strikt verband, selbst in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) gewesen war und mir den Tip gab, mich dort nach der Sektion Seesport umzuschauen. Ich suchte und wurde fündig. In Gehlsdorf, auf der gegenüberliegenden Seite der Warnow gab es so eine Sektion. Die GST war eine paramilitärische staatliche Organisation, in der sich Jugendliche und Kinder ihren Neigungen, Vorlieben und Talenten entsprechend betätigen konnten und gezielt gefördert wurden. Geräte, Ausrüstungen und Verbrauchsmaterialien wurden immer gestellt, ein winziger obligatorischer monatlicher Beitrag ins Mitgliedsbuch geklebt und dann waren nur noch Interesse und freie Zeit vonnöten. ‚Der Jung is wech vonne Straße‘, wie es so schön hieß, tat was Vernünftiges und lungerte nicht herum. Die GST verfügte über eine Vielzahl Sektionen, die sich von Stadt zu Stadt unterschieden, je nach Bedarf. Es gab neben dem Seesport auch Sektionen für Funker, Kradfahrer, Schießen, Segelflieger und Modellbau. Nicht ohne politischen Hintergrund. Es wurden Begeisterung und jugendlicher Enthusiasmus gefördert und so manche militärische Karriere begann genau hier. Nur die Besten …

Das war allerdings nicht unser Ziel, wir wollten uns nur unserem zukünftigen seemännischen Handwerk neugierig nähern, uns im Umgang mit Kutter, Motorboot und Segel üben, Erfahrungen machen und sammeln. Dazu fuhren wir nun zweimal abends in der Woche nach der Schule mit dem Rad nach Gehlsdorf, wo diese Sektion im alten Fährhaus residierte. Zwei bis drei Stunden quälten wir uns mit Theorie und Praxis der Seemannschaft. Forderten uns gegenseitig heraus und konnten bald schon sehr stolz die ersten Seemannsknoten zu Hause zeigen. Spleißen, Knoten, Flaggenwinken, Lichtmorsen, Kutterpullen, Tauklettern, Segeln und die Seestraßenordnung waren nun unsere ‚geheimen‘ Kenntnisse und Fähigkeiten, die uns von unseren Klassenkameraden unterschieden. In dieser Zeit veränderten wir uns schon irgendwie. Wir fühlten uns tatsächlich als etwas Besonderes. Das wiederum erfüllte uns mit einer gewissen Genugtuung. Zu GST-Wettkämpfen gegen andere Städte, zum Beispiel „Blaues Band der Havel“ in Potsdam, steckte man uns sogar in Marineuniform. Richtig mit Kieler Bluse, Flatterbänder am Hut und Kulani ausstaffiert fuhren wir auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens, den Anhänger mit unserem K10-Kutter beladen, zum Wettkampf. Auch für das „Blaue Band der Warnow“, eine Retourkutsche, wurde gepullt, was das Zeug hielt. Zehntausend Meter auf Kraft den schweren Kutter pullen. Mit Vollriemen, das hieß, sie waren nicht hohl und damit leicht, sondern aus massivem Holzmaterial und ätzend schwer. Der Kutterführer brüllte rhythmisch die Kommandos und wir drückten die zitternden Füße gegen die Stützen und den Rücken durch, um mit Schwung das Ruderblatt auszubrechen. Und wehe, einer fing einen Krebs, so hieß es, wenn jemand das Ruderblatt nicht rechtzeitig ausbrach, sondern unterschnitt und damit seinen Vorder- und Hintermann aus dem Takt brachte, was wiederum Zeit kostete. Nach meinem ersten Rees hatte ich nicht nur Blasen an den Händen, sondern auch am Hintern, wobei die großflächigen Blasen in den Handinnenflächen sogar mit Blut gefüllt waren. Ehrgeiz war die Triebfeder. Immerhin gewannen wir 1969 das „Blaue Band der Warnow“ – mit mir, dem Jüngsten der Crew.

Besonders liebte ich seemännische Handarbeiten. Spleißen, Knoten, Nähen, Tauwerk und alles, was damit zusammenhing. Die Königsdisziplin der Wettkämpfe war die Knotenbahn. Eifrig versuchten wir uns gegenseitig zu übertrumpfen. Knoten wurden hinter dem Rücken geschlagen, also ohne hinzusehen, blindlings. Stolz zeigten uns die Älteren unserer Truppe ihr Können, denn sie hatten Übung und ließen uns auch ihre kleinen Tricks wohlwollend wissen. Wir waren angefixt. Ich trug sogar stets einen Tampen in der Hosentasche, der Mutter von der Wäscheleine geschnitten, nur um zu üben, wenn die Zeit lang wurde. Zehn Knoten waren es, die ein angehender Seemann mindestens beherrschen sollte. Dazu ihre unterschiedlichen Variationen. Diese Fertigkeiten dienten mir bis zum heutigen Tag in fast allen Lebenslagen. Nachdem ich die ersten Spleiße beherrschte, machte ich mich wieder an Mutters Wäscheleine zu schaffen und schnitt die verknoteten Enden ab, um sie mit einem seemännischen Rückspleiß zu versehen. Auch hatte mir mein Opa sein altes Lehrbuch der Seemannschaft aus den 50er Jahren geschenkt, noch heute steht es ehrenhalber in meinem Bücherbord. Ja, Knoten, Anschlagsarten, generell der Umgang mit Tauwerk ist eine Kunst und so vielfältig und nützlich, dass ich sie als wirkliche Grundlage für den Seemann ansehe, einfache Seemannschaft für den Alltag, dazu musste man gar nicht mal zur See gehen, diese Fertigkeit konnte man überall anwenden. Wir beendeten 1971 unsere Mitgliedschaft richtig mit theoretischer und praktischer Prüfung, die Ausbildungsstufe „B“ war das finale Ergebnis.

Es war 1969, als eine Einladung vom VEB Deutsche Seereederei ins Haus flatterte. Die Erziehungsberechtigten waren mit ihrem Zögling zu einer Informationsveranstaltung geladen, in deren Verlauf die Ausfertigung des Lehrvertrages anstand. Diese Veranstaltung fand in einem Hörsaal der Universität Rostocks statt. Aufregung und Ahnungslosigkeit pur: Der wichtigste und bislang unbekannteste Lebensabschnitt nahm langsam Gestalt an. Dazu war der gute Zwirn unabdinglich, so kam der Jugendweiheanzug noch einmal zu Ehren. Wir versammelten uns vor dem Haupteingang, auch mein Freund hatte eine solche Einladung erhalten. Was erwartete uns?

Es begann mit einer kleinen Überraschung, denn es hatte sich eine erstaunlich große Zahl Lehrlingsanwärter versammelt. Alle in Begleitung zumindest eines Vertreters der Eltern, meist waren es aber beide. Diese Menge, aus allen Ecken der Republik angereist, quetschte sich in den Saal, der sich mit gedämpfter Anspannung und Erwartung füllte. Nachdem alle Platz genommen und sich ein paar Männeken im Podium ausgebreitet hatten, begrüßten uns die Typen der Reederei mit wohlgesetzten Worten und erläuterten den Ablauf der Veranstaltung. Eigentlich hatten wir uns nur eingefunden, um einen Lehrvertrag mit dem VEB Deutsche Seereederei abzuschließen. Bevor es allerdings so weit war, wurden von den Podiumsleuten Ansprachen abgehalten. Der Sinn sozialistischer Seefahrt wie die große Bedeutung und Rolle in der Wirtschaft unserer Republik waren die Kernpunkte – und Warnungen. Warnungen? Hörten wir richtig: Man warnte uns? Wovor denn nur?

Nun, man warnte uns sehr nachdrücklich und anschaulich vor jugendlichem Überschwang und Elan, Wolkenschlösschen und falschen Illusionen, denen wir, die zukünftigen Seeleute, aufsitzen könnten. Uns wurde von schweren Zeiten, bösen Naturgewalten, fürchterlichen Entbehrungen und sogar unheilbarem Heimweh berichtet. Alle Berichte und Erfahrungen waren in gar schröcklichen Farben mit handlichen Beispielen aus der Praxis kräftigst untermalt worden. Besonders detailreich und anschaulich wurden dabei aufs Heimweh und die Entbehrungen eingegangen, die unser zukünftiger Beruf mit sich brachte. – Na und? Das focht mich nicht an. Dagegen war ich gewappnet. Ich war stark und mutig. Heimweh? Ha, nur ein müdes Lächeln hatte ich dafür übrig. Fernweh, ja, das könnte ich unterschreiben, nicht aber Heimweh. Wenn ich nicht zu Hause war, ging’s mir gut. Nicht, dass ich es übel angetroffen hätte, aber die Kraft der Ferne zog nun mal stärker als die des heimatlichen Herdes.

Danach wurde das umfangreiche Prozedere der uns ermöglichten besonderen Art der Ausbildung vorgestellt, nicht ohne zu betonen, wie außerordentlich kostbar und anspruchsvoll so ein Lehrplatz war, den sich die Republik was kosten ließe, auf dass wir ihn hoch zu schätzen wüssten. Von dreißig Bewerbern wurde nur einer angenommen, der alle Kriterien erfüllte, wie es hieß.

Dann wurde es ernst, wir unterschrieben die vorbereiteten Lehrverträge. Das war es! Damit stand nun sicher fest: Wolfjang wird Seemann, ein richtiger Seemann. Es machte mich schon sehr stolz, dass ich, ein Auserwählter, doch schon anders, vielleicht sogar etwas besser war, als die andern neunundzwanzig Nasen aus einer Gruppe der dreißig. Man hatte uns für würdig befunden. Eine Last fiel von mir und den Eltern, sie teilten meine Freude. Denn jetzt war ich endgültig unter Dach und Fach. Mit einem Vertrag über eine zweijährige Ausbildung beim größten, wenn auch nicht einzigen Reedereibetrieb der DDR.

Allerdings gab es einen Vorfall, der die ganze schwere Seemannkiste, die ich zu schultern gedachte, sehr leicht ins Wasser hätte fallen lassen können. Es passierte im Sommer darauf. Und es passierte bei meinen Großeltern in Kleinmachnow. Wie schon so oft zuvor fuhr ich auch 1970 in den Sommerferien zu Besuch meiner Großeltern nach Machnow. Es waren die letzten Sommerferien meiner Schulzeit.

Die Sonne schien prächtig, ich erreichte an einem Vormittag die großelterliche Wohnung und schon schloss mich die gute Oma glücklich in die Arme. Schnell lud ich mein Gepäck ab und fuhr noch vor dem Mittagessen eine Runde mit dem ollen Klapperrad der Oma, vielleicht auch nur, um zu sehen, ob meine Freundin zu Hause wäre. Bis zum Mittagessen wollte ich zurück sein, so war’s abgemacht. Ich fuhr übers Blachfeld in Richtung „Oh-De-Eff“-Platz, wie der „Platz der Opfer des Faschismus“ salopp abgekürzt wurde. Mir war bekannt, dass meine Eltern Mitte der 50er dort irgendwo mal gewohnt hatten. Kurzentschlossen wollte ich das Haus auf dieser kurzen Erkundungsfahrt finden, nur der Name der Straße, Jägerstieg, war mir bekannt. Ich kannte das Backsteinhaus von einem Foto, die Hausnummer jedoch nicht. Auch wusste ich, dass sich dieses Haus nach August 1961 im Sperrgebiet befand und das Betreten dieses Gebietes nur Befugten erlaubt war. Das sagten die Schilder aus, die unübersehbar an den Straßen aufgestellt waren, die in dieses Areal führten. Und der deutschen Sprache war ich schon mächtig, dies zu verstehen. Keine Ahnung, was mich ritt. Ich fuhr ungeachtet des Verbotes in das Sperrgebiet, wie ich es schon mal vor ein oder zwei Jahre gemacht hatte, völlig problemlos – und so gedachte ich es nun wieder zu machen.

Ich bog in eine ruhige Straße ein. Die Berliner Mauer bildete offenbar die hintere Abgrenzung der Gärten aller Einfamilienhäuser dieser Straße. Keine fünfzig Meter hinter den Häusern war der Betonplattenweg der Patrouillen zu erkennen, quasi zu Füßen der hellgraue Mauer, dem antifaschistischen Schutzwall. Ein Maschendrahtzaun trennte die privaten Grundstücke vom Fahrweg. Hier hörte die DDR auf. Ich fuhr gemächlich weiter in Richtung des Jägerstiegs, guckte Gegend und fuhr einfach so für mich hin, innerlich mit der Tatsache beschäftigt, dass just dort auf der anderen Seite der Mauer auch Leute wohnten, die unsere Sprache sprachen, die quasi eine gleiche Geschichte verband und trotzdem völlig fremd und nicht ‚dazugehörig‘ zu sein schienen … so in etwa meine Gedanken. Ich musste bremsen. Völlig unverhofft versperrte mir ein altes Mütterchen den Weg und bat mich mit einer freundlichen Handbewegung zum Anhalten. Neugierig und hilfsbereit, nichts Schlimmes ahnend, hielt ich an. Sie fragte, ob ich einen Personalausweis besäße. Keine Frage, unbekümmert reichte ich der alten Frau meinen fast nagelneuen Personalausweis. Ich trug ihn ständig bei mir, wie es vorgeschrieben war. Sie blätterte ihn durch, tippte mit dem Finger auf eine leere Seite am Ende des Heftleins und meinte, dass ich ja gar keinen Stempel besäße, der es mir erlaubte, mich in diesem Gebiet aufzuhalten. Woher ich käme, was ich hier täte? Nun war das gar nicht so schnell mit einem Satz zu beantworten. Darauf steckte sie sich den Ausweis ein und bat, nein, befahl mir, ihr zu folgen. Was anderes blieb mir übrig? Sicherlich war es in diesem Fall auch eine Funktion des Personalausweises, dass man ihm folgte. Sie hielt auf ein Einfamilienhaus zu, ich lehrte Omas Rad betrübt und höchst unsicher hinter ihr her. Vor einer Villa wurde ich aufgefordert, das Rad anzuschließen, was ich gar nicht konnte, hatte ich doch nicht mal ein Schloss mit. Auf der Hausterrasse hieß man mich zu warten. Mir wurde immer mulmiger und es wurde überhaupt nicht besser, als ich auf meine Frage, was ich verbrochen hätte, zur Antwort bekam, dass wir auf die Polizei warteten. Deutlich schlechter wurde mir, als tatsächlich ein Polizeiauto vorfuhr und hielt. Ein junges Pärchen entstieg dem Auto und wurde zur Terrasse geleitet, wo es ebenfalls zum Setzen aufgefordert wurde. Wir sprachen kein Wort miteinander. Weil ich wirklich sehr verwirrt, zunehmend ängstlich und eingeschüchtert war, den beiden anderen erging es offensichtlich ähnlich. Es dauerte wenigstens eine halbe Stunde, bis ein graublauer Wolga vorfuhr und man mich aufforderte, einzusteigen. Wir fuhren zur Schleusensiedlung, wo die Oma den Tränen nahe und bald am Verzweifeln war, weil ich doch zum Mittagessen schon zurück sein wollte und nun sogar mit der Polizei in Zivil, Kripo womöglich, abgeholt wurde. Ich begann erst jetzt ein wirklich schlechtes Gewissen zu kriegen. Sie machte mir ein Butterbrot und drückte es mir in die Hand. Dann fuhren wir weiter. Endstation war Potsdam, das Polizeipräsidium.

In einem Wartezimmer wurde ich zwischengeparkt. Die lange Warterei gehörte sicherlich als nicht unwichtiger Aspekt zu einer Anhörung, mit dem Ziel, den Beschuldigten zu zermürben, ihn in einem Zustand der Unsicherheit zu halten … Dann nahm sich ein freundlicher Zivilist meiner an. Er bat mich in sein Büro, in dem es wohl genauso aussah wie in allen Büros der Welt, was man so aus Filmen kannte: alte hölzerne Akten- und Rollschränke, vollgemöhlte Schreibtische, unbequemer Besucherstuhl, Telefone und eine altmodische Schreibmaschine. Er befahl mir, mich zu setzen und forderte mich auf, zu erklären, was denn vorgefallen wäre. Was ich so zu sagen hätte. Ich erzählte ihm die Geschichte. Gelegentlich fragte er nach, wollte einiges genauer wissen. Grübelnd überflog er seine Aufzeichnungen, sah mich nachdenklich an und fragte wie beiläufig, was ich denn nach dem Abschluss der Schule im nächsten Jahr vorhätte zu erlernen. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich zur See fahren wollte. Er meinte, dass er sich dann mal mit Rostock verbinden wolle, um das zu prüfen. Überdeutlich wurde mir bewusst, dass diese selbst eingebrockte Geschichte keinesfalls mit meinem Status als ‚Auserwählter‘ zusammenging und sicherlich das vorzeitige Ende meiner Karriere bedeuten müsste. Keine Ahnung, wie ich den Kripo-Menschen angeguckt habe, vielleicht mit einem um Gnade flehenden Hundeblick, der ihn erweichte, ganz bestimmt jedoch nicht trotzig und aufmüpfig. Ich wünschte mich klein, kleiner, am kleinsten – einfach nicht mehr da zu sein. Ich war voller Reue. Er wählte ein paar Mal, gab es dann nach erfolglosem Warten mit einem „geht gerade keiner ran“ auf und legte den Hörer zurück. Er schickte mich zum Warten raus. Da saß ich im Vorzimmer, guckte mir schuldbewusst irgendwelche Aushänge an und machte mir die allergrößten Vorwürfe, so saublöd unbedacht gehandelt zu haben. Ohne jeglichen Nutzen einen Schaden angerichtet zu haben, auch wenn ich gar nichts im Schilde führte oder verbrechen wollte, sondern lediglich das Betreten eines Sperrgebietes mein Vergehen war. Und hatte ich nicht kooperativ alles zugegeben? Verdammte Scheiße aber auch! Nach einer fast ewig scheinenden Wartezeit wurde ich wieder in das Zimmer gerufen. Ich solle mir das Protokoll durchlesen und unterschreiben, um die Richtigkeit zu bestätigen. Folgsam tat ich das. Er hatte alles korrekt notiert, was ich zur Sache ausgesagt hatte. Ich konnte nichts Hinzugedichtes entdecken, so war es gewesen. Ergeben unterschrieb ich das Dokument. Schließlich wollte er wissen, wieviel Geld ich bei mir hätte. Fünfzig Mark war das Taschengeld, das mir Eltern für diese vierzehn Tage zugestanden hatten. Als Strafe musste ich zwanzig Märker hinlegen, eine Quittung gab es auch. Zum Schluss nahm er mir das Versprechen ab, dass ich mich nie wieder ohne Erlaubnis in Sperrgebieten begeben werde und Besserung gelobe. Damit war ich entlassen. Frei. In Potsdam. Nicht schwer, auf dem Busbahnhof den richtigen Bus in Richtung Genshagen und weiter nach Stahnsdorf zu finden. Gegen Abend war ich wieder in der Schleusensiedlung und die echten Ferien begannen. Oma war natürlich obersauer und schimpfte zu Recht mit mir, sie hatte sich solch große Sorgen gemacht. Opa war an Bord seines Schiffes, so war sie allein und mit mir als zweibeiniges Problem völlig überfordert – nicht einfach, das.

Nach der Wende nahm ich Einsicht in meine Stasiakte. Die gab es natürlich, aber es gab nicht eine Notiz über dieses Ereignis, was mich durchaus verwunderte. Neben dem üblichen Kopfbogen meiner Meldedaten für seefahrendes Personal war nichts in meiner Akte über den Zwischenfall von 1970 zu finden. Mein ‚Grenzzwischenfall‘ war entweder nie als solches existent gewesen oder hatte man der Vorgang rechtzeitig ‚entfernt‘? Warum aber, um alles in der Welt?

Gott sei Dank hatte dieser Zwischenfall keinen Einfluss auf meinen Werdegang gehabt. Heute neige ich eher dazu zu glauben, dass der Vernehmer damals gar nicht Rostock angerufen hatte, sondern nur so tat, als ob, um den kleinen eingeschüchterten Bengel moralisch etwas mehr Druck zu geben. Der reumütige Schüler, der ich tatsächlich in diesem Moment war, war doch nichts anderes als eine Randglosse aus der Kategorie ‚Unter-ferner-liefen‘. Wie das Fahrrad danach wieder zurückkam, ist der Vergessenheit anheimgefallen, es wurde wohl von der Wichtigkeit des eigentlichen Ereignisses völlig verdrängt. Könnte sein, dass es im Kofferraum des Wolgas Platz gefunden hatte.

ZWEITER SCHRITT (1971-1973)

Jugend & Lehre - Rostock

1971 beendete ich die Schule mit der zehnten Klasse, nicht wirklich als guter Schüler, dafür aber als technisch und künstlerisch interessierte Leseratte. Ich war freiwillig gesellschaftlich, wie es genannt wurde, recht aktiv und stand selten abseits, wenn Dinge beim rechten Namen zu benennen waren. Dabei nahm ich nicht immer unbedingt Rücksicht auf des Wortes Gewalt und eckte öfter an, als es gut war. Gern ließ ich mich von idealistischen Zielen leiten, um möglichst gegen jeden gerecht und ehrlich zu sein.

Es begann ein neuer, völlig unbekannter Lebensabschnitt, meine eigene terra incognita. Die Schule war passé. Das, was uns nun nach dem letzten Schuljahr als ultimative Erfüllung hiesigen Erdenlebens schien, war eingetreten: Die Schule war Geschichte. Vorbei! Nie wieder Schule – nie wieder? Irrtum! Und schon klopfte sie wieder an die Tür. Es begann die zweijährige Lehre beim VEB Deutsche Seereederei Rostock als Vollmatrosenlehrling, zwar berufsbezogen, aber doch auch erstmal nur wieder: Schule.

Im Krischanweg in Marienehe, einem Stadtteil Rostocks, wo schon hunderte meinesgleichen zuvor geackert und gestrampelt hatten, um den Sinn und die Funktion von Schiffsmaschinen zu begreifen, wo Verkehrsgeographie gelehrt wurde, Russisch sowieso, Marxismus-Leninismus einen nicht geringen Anteil der Zeit vereinnahmte, Technisches Zeichnen mir das Lieblingsfach war, Sport und Schiffskunde, BMSR-Technik und Grundlagen der Elektrotechnik einem die innere Ruhe raubten, dort verbrachte ich tagsüber das erste Lehrhalbjahr. Im monatlichen Wechsel mit praxisnaher Ausbildung im Überseehafen, die sich in einer modernen Lehrwerkstatt, untergliedert in mehreren Fachkabinetten abspielte. Hier fand ich den besten Zugang zum Beruf, alles andere war leider wieder nur viel zu viel Theorie und schon wieder begegneten uns die ewig gehörten Thesen der Klassiker des Marxismus-Leninismus. Das ganze Gegenteil dagegen die ersten Schritte in der Dreherei – einfach wunderbar. Metallbearbeitung, ja, das lag mir deutlich besser: Etwas bearbeiten, werden lassen, was ‚herstellen‘. Auch in der Elektro-Werkstatt vereinte sich für mich Herausforderung und Spaß am gelungenen Experiment. Selbst das Schweißen war interessant und die trickreiche Fertigkeit des plastischen Verformens metallischer Materialien in der Schmiede war zwar ungewöhnlich anstrengend, aber herausfordernd lehrreich.

Der erste Abgang unserer Klasse ließ nicht lange auf sich warten. Einer meiner Mitschüler wurde nach wenigen Wochen schon gefeuert, weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte, im Versorgungslager ein UKW-Gerät zu klauen. War dieser ‚Auserwählte‘ etwa nicht sorgfältig genug gefiltert worden? Uns anderen wurde dieser Vorfall sehr anschaulich auseinanderklamüsert, immerhin diente sein Tun als gut abschreckendes Beispiel und verfehlte nicht seine Wirkung – bis auf sehr wenige Gelegenheiten, wie später noch zu lesen sein wird. Aber im Ernst: Was wollte der mit einem einzigen UKW-Gerät? Entweder hatte er schon eines oder ein zweites sollte noch folgen, ansonsten war es ja komplett schwachsinnig, deswegen seinen Beruf zu riskieren.

Wir drei Rostocker unter all den Sachsen waren Heimschläfer bei Mutti. Das hatte seine Nach- und Vorteile. Die anderen siebzehn Lehrlinge waren in Lütten-Klein, dem gerade entstehenden ersten Neubaugebiet Rostocks, in einem Lehrlingsheim untergebracht. Aber was hieß schon Heim? Das waren zwei Etagen in einem Zwölfgeschosser in der Warnow Allee mit freiem Blick nach Westen. Hierher mussten wir Rostocker so manchen Abend fahren, weil die eine oder andere gesellschaftliche Veranstaltung im Heim abging oder man sich auf irgendwelche Tests oder Prüfungen vorbereiten wollte. Eine reichlich umständliche Sache, weil wir auf S-Bahn und Bus angewiesen waren und deren Fahrpläne alles andere als abgestimmt waren. So kam es oft genug vor, dass man die anderthalb Kilometer lange Strecke vom Heim zur Bahn zu Fuß ging, was nicht wirklich der Attraktivität solcher Aktionen zuträglich war. So reduzierten sich die Besuche fast automatisch und beschränkten sich schlussendlich auf das Allernotwendigste. Darunter litten indirekt die Schulergebnisse. Uns Rostocker fehlte der direkte Austausch mit den anderen. Auch weil das Abschreiben nicht so zügig und unbeschwert möglich war. Lernen im Team ist immer effektiver als alleine zu pauken. Diese Erleuchtung überkam mich erst viele Jahre später im Studium. So stoppelte ich mich durch das erste Halbjahr. Wir waren mit einer Uniform ausgestattet worden, die wir während des Unterrichts zu tragen hatten. Also eigentlich Khaki im Sommer, unser „Sommer“ war allerdings nur von kurzer Dauer, denn ab Oktober war ‚blau‘ angesagt. Kratzige Hosen, kratzige Jacke, und beide schrien nach einem Bügeleisen, deshalb war ‚blau‘ höchst unattraktiv. Mann, wie kam ich mir von tausend Augenpaaren spöttisch begafft vor, als ich das erste Mal mit der Uniform in der Straßenbahn saß. Nein, das war nicht nett. Es war schon spürbar angenehmer, im Winter die Uniform zumindest in der Öffentlichkeit mit einem Anorak verhüllen zu können. Die Landausbildung zog sich bis zum März des nächsten Jahres hin. Zum Abschluss des ersten Lehrjahres war für unsere Truppe vorgesehen, eine Reise auf einem der beiden Lehr- und Ausbildungsschiffe der DSR, der MS „Georg Büchner“ zu absolvieren. Diese Reise sollte wenigstens zweieinhalb Monate dauern und war die allererste (Hoch-)Seereise meines Lebens.

Mit den Worten des Kaftains Blaubeer, wenn er seine Kinder ruppigen Tons wissen lässt: „Rrrruhig jetzt! Denn hört man gaud tau, Kinnings, wenn ich euch nu wat vonne Seefohrt von ollen Kaftains Blaubeer erzähln tu!“

Uns war eine Empfehlungsliste ausgehändigt worden, aus der ersichtlich wurde, was Hein Seemann alles an Bord mitnehmen sollte, wollte er dem heimatlichen Herd für Monate entsagen. Darunter neben den üblichen Uniformstücken auch Nierenbinde, Bordpäckchen blau, Schweißtuch und Tropenhut. Fast alles wurde durch die reedereieigene Kleiderkammer gestellt. Auch gehörten Bordschuhe dazu. Das waren äußerst schlichte schwarze Halbschuhe aus Schweinsleder, deren lederne Sohle mit Holznägeln am Leisten befestigt war. Ideal für Tanker und mit gefährlichen Gütern beladenen Schiffen, denn der Funkenschlag durch von Stahlnägeln gehaltenen Sohlen blieb war so unmöglich. Das Tragen dieser Botten war zwar vorgeschrieben, aber schwerlich möglich, wenn sie ein paar Male feucht geworden waren, was an Bord nicht gerade selten geschah. Sehr schnell gingen sie dann aus dem Leim, noch viel schneller, wenn sie in der Maschine mit Öl oder Diesel in Kontakt kamen. Gerne löste sich dann die Sohle. Heini Seemann behalf sich dann auf altbewährter Weise: Mit Draht wurde die lose Sohle grob am Oberleder gelascht. Das hielt wieder für ein paar Tage. Sehr viel später, dann als vollwertige Matrosen, liefen wir zur täglichen Decksarbeit in den Tropen tatsächlich nur in Jesuslatschen oder blauen Stoffturnschuhen mit weißer Gummisohle rum, lediglich mit einer Turnhose oder abgeschnittenen Jeans bekleidet, die höchstens noch vom Werkzeuggürtel gehalten wurde. Mit einem um die Omme gebundenen Schweißband gehörte man dazu, man war akzeptiert und ready for work. In diesem Outfit wurde ganz selbstverständlich gemalt, entrostet und an Deck gearbeitet, solange die Temperaturen es hergaben. Zumindest damals war das gang und gäbe und niemand fand es anstößig oder gefährlich, derart gekleidet mit einem „Fünffinger“ das Deck zu entrosten oder Drähte zu labsalen. Arbeitsschuhe mit Stahlkappe und rutschfester Sohle, wie heute arbeitsschutztechnisch vorgeschrieben, waren in der Seefahrt damals nicht en vogue. Soweit ging unser Schutz denn doch nicht. Nur in der Maschine war ‚lang‘ üblich – und festes Schuhwerk, halt diese Bordschuhe. Jährlich zugeteilte Uniformbezugskarten, die in der Kleiderkammer gegen Uniformen und Arbeitsbekleidung einzutauschen stellten einen nicht zu verachteten geldwerter Vorteil für uns Seeleute dar.

Schließlich vervollkommneten Schreibzeug, Lehrbücher, Hefte und Privatkram das Ganze. Eine Menge Sachen, die man vorausschauend für drei Monate in den gleichfalls zur Verfügung gestellten Seesack stopfen durfte. Alles, was nun kam, war Neuland für mich. Ausnahmslos alles.

Wir schrieben das Jahr 1972, gerade erst siebzehn Jahre alt geworden, wurde ich von meinen Eltern zum Schiff gebracht, was im Hafenbecken „B“ des ÜSH an einem der ‚Dreißiger‘ Liegeplätze festgemacht hatte. Dort, wo immer der Kuba-Zucker umgeschlagen wurde. Ich stieg die schmale Gangway nach oben, den Seesack auf der Schulter. Betrat das Foyer und war äußerst überrascht von der feinen Umgebung, die ich so hier nicht vermutet hätte. Das war diesem Zossen von außen gar nicht zuzumuten, wie gediegen, wenn nicht sogar höchst vornehm es in seinem Inneren zuging. Getäfelte Wände mit geschwungener Vestibültreppe, es war wohl sogar Mahagoni verbaut worden? Ich meldete mich bei einem, der auf mich zutrat und meinen Namen auf seiner Liste suchte. Er bedeutete mir, mich mal umzudrehen und begutachtete meinen Haarschnitt. Mit meinem Fassonschnitt war er zufrieden und nannte mir eine Nummer, die für meine Kammer stand und verwies mich zur Treppe, Pardon: Niedergang, wo ich die Kammer auf der Steuerbordseite finden sollte. Ehrfurchtsvoll stiefelte ich den gewundenen Niedergang hinab, fand mich auf einem Deck wieder, das schon nicht mehr über so viel Holz verfügte, dafür aber außerordentlich viel Stahl, cremefarben angemalt.

Ein elend langer Gang, von dem, wenn nicht mehr, aber doch mindestens hunderte Türen, wieder Pardon: Schotten abgingen. Wow! Mir blieb ja wohl die Spucke weg. War das mal ein langes Schiff! Das hätte ich so nicht vermutet. Man konnte im Gang ungehindert von einem Ende zum andern schauen, von vorn nach achtern. So sah man auch sehr deutlich, wie stark das Schiff durchgebogen war, also das Deck, auf dem sich dieser Gang befand. Der sogenannte Deckssprung, wie ich später lernte. Holla, die Waldfee! In gewissen Abständen war der Gang unterteilt, man konnte Zahnschienen erkennen und irgendwie sah ich auch was, das etwa nach Scharnier aussah? Tatsächlich dachte ich zuerst noch, dass es sich hierbei um Scharniere des Schiffes handelt, die es dem Schiff ermöglichten, eine Kurve zu fahren, ohne auseinanderzubrechen, einer Straßenbahn ähnlich. Erst später auf dem Sicherheitsrundgang wurde uns erklärt, dass das Feuerschotten seien, die bei Feuer ferngesteuert geschlossen werden konnten, um das Ausbreiten eines Feuers von einer Abteilung auf die Nachbarabteilungen zu verhindern. Nicht einer war unter uns, der von der Größe des Schiffes nicht schwer beeindruckt gewesen war. So groß hatte es sich doch niemand in seinen kühnsten Träumen ausmalen können: Hundertvierundfünfzig Meter lang und knapp zwanzig Meter breit.

Ich empfand es als großes Glück, mit meinem besten Kumpel Klaus, ebenfalls Rostocker, eine Zweimannkammer in der Mahagoniklasse beziehen zu dürfen. Ein Privileg, dessen wir zum Ende der Reise verlustig gingen, weil unser Ordnungssinn ausgesprochen schwach entwickelt war und darunter die Kammerordnung stark zu leiden begann. Davon später mehr. Erstmal richteten wir uns in der kleinen Kammer häuslich ein, so gut das halt ging.

Wie war die Kammer ausgestattet? Zwei schmale Spinde für die Klamotten, auf einem klitzekleinen Klapptisch vor einer Backskiste passte gerade ein aufgeschlagener Schnellhefter, auf der Kiste hatten zwei Leute Platz, wenn sie etwas kuschelten, ein kleines Handwaschbecken und ein Doppelstockbett. Das wars. Die Backskiste konnte aufgeklappt werden und bot zusätzlichen Stauraum. Ein Bulleye vervollkommnete die Ausrüstung. An der Decke eine Leuchte und ein Lüftungsaustritt, die Koje mit je einer Leseleuchte und einem winzigen klappbaren Netzbord, in dem man Wecker, Schnuffeltuch oder Buch ablegen konnte. Linoleumfußboden, Stahlwand, die Möbel aus fein gewachsenem, dunklem Holze gefertigt. Die Kammer war etwa Mittschiffs an Steuerbord auf dem F-Deck gelegen, das erste Deck unter dem Hauptdeck und auf dem sich im Vorschiff auch die Messe befand.

Nachdem wir es uns häuslich bequem gemacht hatten, wurde auch schon die erste Versammlung angesetzt. Lehrbootsleute, Lehroberbootsmann und Lehrer stellten sich vor. Jeder Klasse wurde ein Klassenlehrer zugeteilt und man machte uns mit dem Programm der nächsten Stunden und Tage, im Groben auch der nächsten Monate vertraut. Das war viel Stoff zum Nachdenken, Diskutieren, Hineininterpretieren und die beginnende Erfüllung einiger frohen oder miesen Erwartungen. Reinschiffpläne, Wachregime, Feuer- und Brandschutz wurden erklärt, das System der Dienste erläutert und die ersten Einteilungen vorgenommen. Alles war – wie beim Militär – x-mal vorgedacht, in der Praxis vielfach erprobt und geübt worden, so dass nur noch das Material ‚Mensch‘ entsprechend hinzubiegen war. Sicherlich stellten wir uns anfänglich durch die Bank doof und tollpatschig an, auch klar, dass wir unsicher waren, dabei aber ehrgeizig und willens, alles zu erlernen, was nötig war, diese Zeit erfolgreich zu absolvieren.

Die allererste Übung, die wir absolvieren mussten, beinhaltete das Herabklettern an einer frei außenbords hängenden Jakobsleiter, die auf Seeseite über das Schanzkleid ausgebracht war. Deren Ende etwa zehn Meter unter uns knapp über dem Wasser pendelte. Wir Kandidaten legten einen Rettungskragen an, wurden mit einem Fallschutzgurt gesichert und schwangen uns nacheinander über das Schanzkleid. Keine Hürde für GST-Seesportler! Es war keine außergewöhnlich schwierige Aktion. Natürlich völlig ungewohnt, auf einer pendelnden und schlackernden Leiter die Stufen zu kriegen, und es gehörte schon etwas Geschick und Kraft dazu, es durchzuhalten. Doch hatte man den richtigen Kniff heraus und kletterte die Schmalseite der Leiter zwischen den Beinen herab anstatt der breiten, dann ging es relativ zügig und kraftschonend. Nur einer unserer Gruppe verweigerte sich. Er konnte seine fürchterliche Angst nicht bezwingen, sah er nur über die Reling nach unten, und nun sogar auf der viel zu dünnen und fürchterlich schwankenden Jakobsleiter? Nie im ganzen Leben! Hartmut saß schließlich zitternd wie Espenlaub rittlings auf dem breiten Schanzkleid und musste an Deck zurückgezogen werden. Niemand konnte ihn zwingen und er weinte, vielleicht aus Schmach und Scham über sich selbst.

Zum besseren Verständnis wäre zum Schiff noch folgendes zu berichten. Bei der „Georg Büchner“ handelte es sich um ein früheres belgisches kombiniertes Fracht- und Passagierschiff, das konstruiert und eingesetzt worden war, um die belgischen Kolonien in Afrika mit dem Mutterland im Liniendienst zu verbinden. Das war die ursächliche Bestimmung dieses 1950 gebauten Schiffes. Sie hatte noch einige Schwesterschiffe und war das letzte erhaltene, das die DSR preiswert geschossen hatte. Nach Um- und Einbau der Unterbringungen, Versorgungs- und Servicebereiche sowie der Unterrichts- und Schulungsräume wurde es als zweites Schiff neben der „J. G. Fichte“ zur Ausbildung dringendst benötigter Fachkräfte für die schnell wachsende Staatsflotte der DDR eingesetzt. Überwiegend waren die beiden Schiffe zwischen der Karibik, also Kuba und Mexiko und der DDR eingesetzt. An Bord des alten „Schorsch“, wie das Schiff liebevoll von Kennern der Szene genannt wurde, befand sich die weltweit einzige noch funktionierende doppelwirkende „Burmeister & Wain“-Hauptmaschine. Ein Wunderwerk damaliger Ingenieurskunst. Die DDR hatte später, als die „Georg Büchner“ aufgelegt und verschrottet werden sollte, Offerten für die Demontage der Hauptmaschine vom ursprünglichen Hersteller erhalten, diese aber abschlägig beantwortet. Heute liegt sie vor Gdansk auf dem Grund der Ostsee, ihr trauriges Schicksal damit besiegelt und unveränderliche DSR-Geschichte …

Apropos Geschichte. Zurück zu ihr.

Gerüchteweise hieß es, dass wir erst nach Szczecin gehen sollten, um danach nach Kuba zu versegeln. Das war ungewöhnlich und geschah nicht all zu häufig. Wilde Vermutungen wurden laut. Aber bis wir auslaufen würden, vergingen noch einige Tage. Denn das Löschen war immer noch nicht abgeschlossen! Palette um Palette mit Säcken voller Weißzucker wurden aus dem Schiffsbauch gehievt. Und erst danach konnte geladen werden.

An einem der ersten Tage, nach einigen Belehrungen und Versammlungen dieses so aufregenden Seemannslebens, das für uns Tag für Tag so viel Neues bereithielt, wurde uns das Schiff gezeigt. Auf einer Besichtigungstour kletterten wir in den durchaus schmutzigen und dunklen Maschinenraum mit dem Wirrwarr unzähligen Rohrleitungen, Nieder- und Durchgängen, Spanten, Winkeln, Anlagen, Geräten und Handrädern. Höchst beeindruckend das Ganze. Weiter nach oben ging es an den immens dicken Abgasrohren vorbei, bis wir schließlich auf dem Schornstein standen! Klar, nicht alle auf einmal, aber nacheinander konnten wir einen Blick auf den Hafen werfen, neben uns die Enden der Abgasrohre der Hilfsdiesel und des Hauptmotors. Mächtig gewaltig, um mal Egon Olsen zu bemühen. Weiter ging es nach vorn, durch die große Lehrlingsmesse und den Pantries vorbei, einen schnellen Blick in die Kombüse, weiter die Unterrichtsräume, Rettungsboote, Salon (nur für Stammbesatzung und Lehrkräfte, nicht für Lehrlinge), Poopdeck wieder zurück zur Messe. Das waren auf den ersten Schlag viel zu viele Informationen, man brachte in der ersten Zeit so schnell so vieles durcheinander und verwechselte viele Örtlichkeiten und verlor leicht die Kennung, aber wer wollte uns das schon verübeln? So ein Schiff ist eine Welt für sich – autark, komplex und dabei in sich schon sehr sinnfällig logisch aufgebaut.

Wir Lehrlinge zählten um die hundertvierzig, die sich auf die Klassen mit und ohne Abi aufteilten. Ich gehörte zu letzteren, deren Lehrzeit zwei Jahre dauerte. Wir wurden in Zwei- und Vier-Mann-Kammern untergebracht, es gab sogar Kammern für sechs (!) Lehrlinge. Zu viert oder mehr war es tatsächlich höchst ungemütlich eng, ganz abgesehen von den Gerüchen und der nächtlichen Atmosphäre, wie man sich gern ausmalen darf.

Aus Lehrlingen setzten sich die diensthabenden Bereitschaftsdienste zusammen, die wöchentlich reihum wechselten. Zum Beispiel für den Reinschiffs- oder Messedienst, aber auch als ‚Getränkebrigade‘ konnte man eingeteilt werden, im Gegensatz zu vorgenannten eine durchaus begehrte Tätigkeit nach Feierabend. Nach dem schulischen Alltag schleppte und verteilte diese Truppe Getränke aus der Last zu entsprechenden Örtlichkeiten. Ein Mann – ein Harass, so schleppten wir die Holzkisten von Deck zu Deck, um sie im Salon, in der Bar oder sonst wohin zu verteilen. Nicht verwunderlich, dass dabei auch die eine oder andere Flasche „Hafenbräu“ mal kaputtging. Überdies wurde uns diese Schlepperei offiziell oft mit einem Fläschchen „Ackermanns Haussaft“, einer Art reinsten Mosts, versüßt, die aufs Haus ging.

Nicht sehr geliebt war dagegen die Einteilung zum „Diensthabenden System“, bei dem man dem „Ausbilder vom Dienst“, dem „AvD“, direkt unterstellt war und als sein verlängerter Arm wirkte. Für ihn lief, organisierte und führte man mit einer leichten Tendenz zur Preisgabe der Lächerlichkeit Orders und Befehle aus. Periodische Sicherheitsronden waren zu gehen, bei denen man mit einer Uhr in einem kleinen schwarzen Blechkasten, den man um den Hals gehängt trug, die potentiellen neuralgischen Örtlichkeiten aufsuchte, wo die dazu gehörigen Schlüssel hingen. Mit diesen schloss man im Kasten einmal um, um nachzuweisen, dass man die Örtlichkeit tatsächlich physisch auf der Ronde passiert hatte. Auch war man für das Wecken der Crew verantwortlich. Mit lauten Pfiffen auf der Trillerpfeife und dem Spruch „Rise, rise – Seemann rise!“, der in den leeren Betriebsgängen nicht gerade leise ausgesungen wurde, um die Leute zu wecken. Gelegentlich wurde dieser Spruch ergänzt durch „Jeder tut’s auf seine Weise, einer stößt den Nachbar an, der erste stößt sich selber an!“, das war selbstredend nicht