KLOSTER DER FINSTERNIS - Ralf Feldvoß - E-Book

KLOSTER DER FINSTERNIS E-Book

Ralf Feldvoß

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Beschreibung

Ein Kloster in den italienischen Alpen - Ritualmorde überall in Europa - Ein Agent der EUSC Agent Andrew Gorham stösst auf zwei Morde. Einer in Paris, der andere in London. Sie weisen Gemeinsamkeiten ritueller Art auf. Er beginnt seine Ermittlungen. Während dessen kommt es zu einem dritten Mord in Hamburg, der wieder in das Muster passt. Die weiteren Ermittlungen führen Gorham schließlich zu einem Kloster in den italienischen Alpen. Seine Existenz wurde seit Anbeginn seines Daseins im siebten Jahrhunert geheim gehalten. Aber warum? Im Laufe der Ermittlungen findet Gorham zu jedem Mord einen anderen Verdächtigen – doch diese sind alle tot. Es beginnt eine Jagd, die ihn in tiefe Geheimnisse der Alchimie und der katholischen Kirche führt. Unterstützt wird er von der Hamburger Kommissarin Katharina Kleene und seinem Freund Etienne Chavalier, der der Partner des ersten Opfers ist.

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ralf Feldvoß

KLOSTER DER FINSTERNIS

Die Wächter der Verdammten

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Seelen

Prolog

1

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5

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7

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Epilog

Impressum neobooks

Die Seelen

Die Leiber sterben

Die Seelen bleiben

Frei wie der Wind

Steigen sie hinauf

Hinauf ins Himmelszelt

Doch einige verbleiben

Gefangen durch eine höhere Macht

Von ihr kontrolliert

Niemals mehr frei

Prolog

Monasterium Diabolica Naturae

Freitag, 02. Oktober

Marcus rannte durch die endlos scheinenden Gänge der Gruft seines Klosters. Es befand sich auf dem Gipfel des Gran Paradiso, auf der italienischen Seite der grajischen Alpen.

Er bekam kaum noch Luft, seine Lunge brannte wie Feuer. Er war so eine Anstrengung nicht gewohnt. Das Leben auf dem Kloster verlief normalerweise in sehr viel ruhigeren Bahnen.

Doch nun wollte sich Marcus beeilen. Nein, er musste sich beeilen. Der Abt musste unverzüglich informiert werden, es durfte nicht warten, es durfte keine unnütze Zeit verloren gehen. Es hatte für das Empfinden des Abtes schon viel zu lange gedauert.

Die Gänge hier unten in den Tiefen des Klosters kamen ihm so lang vor, wie noch nie. Die Zeit drängte ihn vorwärts. Er kam häufiger ins Straucheln, wenn er einen Stein, oder einen kleinen Mauervorsprung übersah. Die braune Kutte wirbelte ihm wild um seine Füße, seine Sandalen verfingen sich häufiger darin.

Noch eine Treppe, die letzte bevor er in der großen zentralen Halle des Klosters ankam. Marcus sprang die Stufen förmlich hinauf, vertrat sich dabei und stürzte. Er fiel die fünf bis dahin erklommenen Stufen wieder hinab, schlug sich die Stirn an, polterte mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die Mauer. Der Kerzenleuchter über ihm wackelte bedenklich, heißes Wachs tropfte herunter, aber der Leuchter fiel nicht.

Marcus blieb kurz liegen, atmete tief durch, konzentrierte sich auf seine Aufgabe, die Nachricht des Alchimisten zu überbringen. Das hätte ihm noch gefehlt, dass ihm der schwere Leuchter mitsamt der Kerze auf den Kopf gefallen wäre und dabei eventuell seine Kutte in Brand gesteckt hätte.

Er rappelte sich wieder hoch, nahm die Treppe erneut in Angriff, ohne zu fallen diesmal und stürmte weiter nach oben. Zu der brennenden Lunge kamen nun auch noch die Schmerzen von dem Sturz dazu. Sein Kopf pochte und sein Knöchel fühlte sich an, als wäre er leicht verstaucht.

Es warteten noch weitere drei Etagen auf ihn und damit drei weitere lange und hohe Treppen, bis er in den Räumlichkeiten des Abtes angekommen war. Die anderen Mönche, an denen er vorbei lief, schauten ihm mit fragenden Blicken hinterher. Warum er so schnell lief, was denn wohl so dringend war, dass Marcus nicht in dem gewöhnlichen Tempo ging.

Er hetzte weiter, ließ seine Mönchsbrüder unbeachtet stehen, machte sich auch keine Gedanken darüber, was sie denken mochten.

Marcus war einer der vier Mönche des Monasterium Diabolica Naturae, die dem Alchimisten als Gehilfen dienten und hatte heute, an diesem denkwürdigen Tage, seinen Dienst gerade erst angetreten, als dieser die entscheidende Entdeckung machte.

Der Alchimist war ein beinahe sechzigjähriger Griesgram, stets mürrisch und schlecht gelaunt, aber auf seinem Gebiet einer der besten seiner Zeit, wenn nicht gar der Beste überhaupt. Und am heutigen Tage hatte er es vollbracht. Es war ein langer Weg gewesen, dieses Ziel zu erreichen, doch nun war es soweit. Deswegen rannte Marcus sich die Lunge aus dem Hals, denn der Abt musste unbedingt sofort hiervon unterrichtet werden.

Das Monasterium Diabolica Naturae befand sich noch im Bau, war bei Weitem noch nicht fertiggestellt. Es wurde im Auftrage des derzeit amtierenden Papstes Honorius erstellt. Honorius war ein Verfechter des Monotheletismus, der Zweinaturenlehre. Doch hatte Honorius so seine eigenen Gedanken und Ideen hierzu. Er war der festen Meinung, dass es sich um eine Dreinaturenlehre handeln müsse.

So gab er bereits kurz nach seiner Amtseinführung den Auftrag dieses Kloster zu bauen, im Geheimen. Niemand sollte erfahren, dass es das gibt.

Die Mönche mussten bevor sie hier ihren Dienst antraten ein Gelübde ablegen, durften niemals darüber reden. Andernfalls drohte ihnen das Inferno, die Entsagung zu Gott und schlimme Foltern. Eine weitere Sicherheitsstufe war, dass nur ausgewählte Mönche, nachdem sie denn einmal hier waren, das Kloster verlassen durften. Und das dann auch nur für Besorgungen, oder andere Aufträge, die ihnen übertragen wurden.

Das Kloster wurde ganz bewusst auf dem Gipfel des Gran Paradiso erbaut. Ein Gipfel der nur mit allergrößten Mühen erreicht werden konnte. Damit erhoffte man sich, dass es niemals entdeckt werden würde. Die Katakomben reichten tief in den Berg hinein. Der Bau begann bereits nur ein halbes Jahr nach der Amtseinführung des Papstes, im Sommer des Jahres 626 n.Chr., dauerte nun schon über zwölf Jahre an. Doch die heutige Entdeckung würde ihr Übriges dazu beitragen, das die Mönche den Bau schneller voran treiben würden und sich die Existenz des Klosters im Grundsatz bestätigte.

Dazu kam, dass es dem Papst, wie sie erfahren haben, in letzter Zeit gesundheitlich nicht so gut ging. Ein Grund mehr, die Information über den erreichten Erfolg so schnell wie nur möglich weiter zu tragen. Der Abt musste dann entscheiden, wie die Nachricht zum Pontifex nach Rom gelangen sollte.

Marcus kam an den Gemächern des Abtes an. Er bekam kaum noch Luft, verlor jedoch keine Zeit und klopfte wild an die schwere Tür. „Rigidius! Rigidius, seid ihr da?“, rief er, immer noch völlig atemlos, so laut er konnte. Nichts regte sich.

Marcus wollte gerade erneut anklopfen, als sich die Tür schwerfällig und langsam zu öffnen begann, die Scharniere quietschten dabei. Hinter dem größer werdenden Spalt kam der Abt zum Vorschein. „Was gibt es denn?“, fragte er missgelaunt, da die Art der Störung doch sehr ungewöhnlich und unüblich war. „Marcus, warum atmest du so schwer?“

„Der Alchimist, unser allseits geschätzter Junos, er hat es geschafft. Er hat sie einfangen können. Er hat den Weg zur Bannung gefunden!“, sprudelte es aus Marcus heraus.

„Was willst du damit sagen?“, fragte Rigidius misstrauisch.

„Er hat es geschafft!“, wiederholte Marcus nur, als wenn damit alles gesagt war, was es zu sagen gab. Rigidius starrte ihn nur ungläubig an. „Ist es wahr? Wirklich wahr? Es ist tatsächlich passiert, sagst du? Nun, dann komm! Ich will mir selber ein Bild davon machen. Und kein Wort zu niemanden!“

Gemeinsam schritten Rigidius und Marcus hinab in die Katakomben des Klosters, durch die Gruft bis hin zu dem Alchimisten und seinem Laboratorium. Dort angekommen hob Junos den Kopf, strich sich die langen weißen Haare aus dem Gesicht. Als er sah, dass der Abt ihm höchstpersönlich die Ehre erwies, strahlte er, beflügelt durch seinen Erfolg, über das ganze Gesicht. Die tiefen Falten verzogen sich in grotesker Weise, so dass man kaum erkennen konnte, dass es sich dabei um ein Lächeln handelte.

„Guten Abend Junos. Marcus sagt, Ihr habet das Ziel erreicht!“ Rigidius stand da und schaute sich um. Es sah aus wie immer.

„Ja, mein Herr“, erwiderte Junos. „Begleitet mich.“, forderte dieser den Abt auf ihm in einen der hinteren Räume zu geleiten. Marcus blieb stehen und wartete. Er wusste, dass er dort in den geheimen Hinterräumen des Laboratoriums keinen Zutritt hatte. Es war das Allerheiligste des Meisters der Magie. Niemand, außer dem Alchimisten selbst, hatte dort Zutritt, ausgenommen der Abt. Aber selbst er nur in Begleitung des Alchimisten.

Junos öffnete die schwere Tür, die aus dem Stein des Berges gehauen war und ließ dem Abt respektvoll den Vortritt.

Rigidius war gespannt auf das Ergebnis. Junos schritt zu seinem Tisch, auf dem einige Gefäße standen, in denen sich unterschiedlich gefärbte Flüssigkeiten befanden.

„Nun, dann berichtet!“, forderte der Abt den Alchimisten auf. „Ja, natürlich, sofort.“ Junos stellte die Gefäße in eine andere Reihenfolge. Ob dies etwas zu bedeuten hatte, erschloss sich Rigidius nicht.

„Ich hatte schon vor der Zeit von Honorius meine Forschungen an der Bindung begonnen, müsst ihr wissen. Durch die Aufgabe, die mich dann hierher geführt hat, fiel es mir selbstverständlich leichter voran zu kommen, weil ich mehr Zeit aufbringen und mich ausschließlich darauf konzentrieren konnte.“, begann Junos.

„Es hat einige Zeit gedauert. Die Schwierigkeit lag hauptsächlich darin, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden. Das war nicht so einfach, weil mir auch die notwendigen Mittel fehlten. Meine Theorie über das WIE habe ich relativ früh bestätigen können. Doch nun, am heutigen Tage, konnte ich endlich den genauen Zeitpunkt, das WANN, definieren.“

Junos machte eine kleine Pause, strich sich dabei durch seinen langen, grauen Bart. Rigidius wartete geduldig, bis sein Alchimist fortfuhr.

„Hilfreich waren natürlich auch die zur Verfügung stehenden Mittel, die ich vorher eben nicht hatte.“

Die Mittel. Das waren todkranke Menschen, die in Massen zum Kloster gebracht wurden, damit Junos genügend Material bekam für seine Forschungen. Diese Menschen stammten aus den größeren in der Nähe gelegenen Ortschaften. Aus Italien, aber auch aus den angrenzenden Ländern, der Schweiz und Frankreich. Es waren Bettler aus den dunkelsten Gassen, Verbrecher jeglicher Art aus den tiefsten Verliesen. Menschen eben, die keiner vermissen würde.

„Bei dem WIE...“, fuhr Junos fort. „... da halfen mir alle möglichen Tinkturen, die ich vorher an Tieren erproben konnte und mit denen man die Herzgegend, als auch die Nase von innen und außen einreiben muss. Eine Auswahl der Tinkturen seht Ihr hier auf meinem Tisch. Doch das WANN hatte mir Kopfzerbrechen bereitet, bis heute. Ich habe endlich den genauen Zeitpunkt herausfinden können. Es war nicht leicht und es bedarf einer absolut exakten Handlung in genau diesem Moment.“

„Nun kommt bitte zur Sache und lasset mich nicht weiter im Unklaren“, forderte Rigidius ihn auf.

„Selbstverständlich mein Abt. Also, der Zeitraum, in dem es geschehen muss, ist so minimal, dass man sich keinen Fehler erlauben darf. Es muss exakt nach dem letzten Atemzug passieren, kurz nach dem letzten Herzschlag. Und dann muss man schnell handeln!“

„Und wie haltet ihr sie dann fest?“

„Das war auch so eine weitere Sache, die mir Zeit gekostet hat bis ich zur Lösung kam. Aber schließlich war es gar nicht so schwer, wie vermutet. Man hält dem soeben Verstorbenen ein Glasgefäß unter die Nase, denn dort tritt es aus, wie ich heraus gefunden habe. Dieses Gefäß beinhaltet eine weitere Tinktur. Diese Tinktur bewirkt, dass es sich nicht sofort verflüchtigen kann, sondern von eben dieser eingesogen wird. Allerdings muss man dann das Gefäß sofort verschließen, da ansonsten die Gefahr besteht, durch die Verbindung mit der Luft, dass es sich nach und nach doch noch daraus entfernt.“

„Das bedeutet?“, wollte der Abt weiter wissen. Ihm gingen diese langwierigen Erklärungen langsam auf die Nerven.

„Das bedeutet, dass wir Fächer schaffen müssen, in denen wir diese Gefäße aufbewahren können. Diese Fächer müssen gut zu verschließen sein und dürfen niemals geöffnet werden. Die Gefäße müssen luftdicht gelagert werden, also muss man die Verschlussstelle der Fächer verdichten.“

Rigidius schaute nachdenklich drein. Einen Platz für die Fächer zu finden war das geringste Problem. Dafür wurde bereits in den Berg hinein gegraben, um in den tief unten gelegenen Gängen solche zu schaffen. Dass aber nunmehr die bereits erstellten zu groß sein würden, stellte auch kein Problem in den Augen des Abtes dar. Dann würde man halt einfach mehrere in einem Loch unterbringen. Das würde schon klappen.

„Also gut, Junos. Dann wirst du mir eine Liste anfertigen über die Materialien, die du für deine Arbeit benötigst. Deine Gehilfen werden eine weitere, nein, eine neue Aufgabe erhalten – die Bewachung der Gefäße. Du brauchst neue Gehilfen, die dir bei deiner Arbeit zur Hand gehen. Die bisherigen werden allesamt zu Wächtern umfunktioniert. In der Zwischenzeit werden sie unweigerlich beide Positionen übernehmen müssen, bis die neuen Gehilfen gefunden sind. Ich werde einen Boten nach Rom entsenden, am ehesten Marcus, da er bislang als Einziger außer uns beiden hiervon erfahren hat, um den Papst zu informieren.“

Rigidius machte bereits wieder kehrt um den hinteren Raum des Laboratoriums zu verlassen.

Junos nahm sich voller Vorfreude auf seine Arbeit Federkiel und ein Stück Papier, um die Liste, die der Abt abgefordert hatte zu schreiben. Er würde seine Arbeit machen – er würde sie richtig gut machen.

Marcus stand noch immer geduldig im vorderen Hauptraum. Als er den Abt aus der Tür treten sah versteifte er sich ein wenig in spannender Erwartung, was nun kommen möge.

Rigidius richtete sogleich das Wort an ihn. „Marcus, du wirst dich sofort auf den Weg nach Rom machen und den Papst informieren. Ich werde dir noch einen Bericht mitgeben. Mache dich bitte abreisefertig und komme dann zu mir in meine Gemächer. Dort werde ich dir das Schriftstück aushändigen! Das darfst du dann nur unserem Vater aushändigen, niemanden sonst, auch nicht dem Camerlengo!“

Rigidius wartete keine Antwort ab und verließ das Laboratorium. Marcus folgte ihm in gebührendem Abstand.

Eine Stunde später war Marcus auf dem Weg mit der versiegelten Nachricht für den Papst über die jüngsten Entdeckungen des Alchimisten, gebunden an einen Faden, damit er sie um den Hals hängen konnte.

Rom

Sonntag, 11. Oktober

Es war sehr später Abend geworden, als Marcus nach seiner tagelangen Reise in Rom ankam. Es war eine lange und beschwerliche Reise gewesen, die er hinter sich gebracht hatte. Er hatte nicht einmal einen Esel mitbekommen für seine Reise in die heilige Stadt und musste den gesamten Weg zu Fuß zurücklegen mitsamt seinem Gepäck auf dem Rücken. Dieser schmerzte, von seinen Füßen mal ganz abgesehen. Er hatte sich mehrere Blasen gelaufen.

Das Wetter hatte es mit ihm während der Reise auch nicht gut gemeint. Es gab kaum einen Tag, an dem es nicht geregnet hatte. Man konnte fast der Meinung sein, dass da jemand von oben verhindern wollte, dass Marcus seine Mission erfüllte.

Aber die Aufregung darüber nun endlich angekommen zu sein, ließ ihn die Schmerzen fast vergessen. Für ihn war es das erste Mal, das er in die große Stadt am Tiber kam. Er war zutiefst beeindruckt. Von den mehrstöckigen Häusern, dem lebhaften Getümmel auf den Straßen, selbst zu dieser späten Stunde noch. Er selbst stammte aus einem kleinen Bauerndorf in der Toskana. Da kannte man solche Menschenmassen nicht, wie es hier in Rom der Fall war.

Er bahnte sich seinen Weg durch die Gassen und die breiten Straßen bis hin zum Petersdom im Zentrum der Stadt. Verfehlen konnte er ihn nicht, ragte die Kuppel doch über beinahe alle anderen Häuser in die Höhe.

Dort angekommen ging er zu dem ersten Tor, dass er entdecken konnte, wurde aber von den beiden Wachen am Eintritt gehindert. Marcus zog die gerollte Nachricht unter seiner Kutte hervor und zeigte ihnen das Siegel seines Abtes woraufhin er eingelassen und von einem der beiden Wachen zum Camerlengo geleitet wurde, der vor der Tür zum Schlafgemach des Papstes saß.

„Ihr habt Neuigkeiten aus dem Norden, wie ich höre“, wurde er von diesem begrüßt nachdem die Wache berichtet hatte, wer Marcus war und was er dabei hatte. „Aber zu unserem Vater kann ich euch heute nicht mehr durchlassen, er schläft bereits. Tut mir leid“, sagte der Camerlengo mit einem leicht respektlosen Unterton in der Stimme.

„Wer ist das?“, hörte man eine gebrechliche Stimme aus dem Inneren des Schlafgemaches des Papstes rufen. Es konnte sich dabei nur um den heiligen Vater selbst handeln.

„Ein Bote aus dem Norden!“, antwortete der Camerlengo widerwillig, weil er ahnte was folgen würde. Und so kam es auch.

„Lasst ihn herein, sofort!“, forderte die Stimme. Aus dem Norden! Mehr brauchte Honorius nicht zu hören, um zu wissen, woher genau der Bote kam und was der Wahrscheinlichste Grund dafür war.

Widerstrebend führte der Camerlengo Marcus hinein. Honorius lag in seinem Bett. Er war blass wie eine Kalkwand und dünn wie ein Skelett. Die Haut war so faltig, wie ein Stück Papier, das zerknüllt worden war. Es war kurz vor Mitternacht.

„Was habt ihr?“, fragte der Papst mit seiner kraftlosen Stimme.

Marcus zog das gerollte Papier über den Kopf und hielt ihm wortlos die Nachricht von Rigidius hin. Der Papst nahm sie an sich und entfaltete sie, was ihm sichtlich Schwierigkeiten bereitete. Der Camerlengo wollte ihm zu Hilfe kommen, doch der Papst bedeutete ihm mit einer kurzen Geste, das er keine Hilfe bräuchte.

Mit wachsendem Interesse las Honorius die Nachricht, seine Augen weiteten sich dabei immer mehr. Als er fertig war faltete er die Nachricht zusammen und legte sie beiseite .

„Gebt mir bitte etwas zu schreiben“, bat er Marcus. Marcus reichte ihm die notwendigen Utensilien vom Schreibtisch. Der Papst schrieb mit zitternden Fingern. Ob das an einer gewissen Aufregung, oder an seinem Gesundheitszustand lag konnte man nicht sagen. Dann faltete er seine soeben geschriebene Nachricht zusammen, versah sie noch mit seinem eigenen Siegel, dem Fischerring und gab sie Marcus. „Bringe dies deinem Abt!“, forderte er Marcus auf. „Geht rasch, es eilt.“

Marcus verbeugte sich und verließ den Papst, den Petersdom, Rom und machte sich auf den Rückweg zu seinem Kloster, um Rigidius die Nachricht zu überbringen.

Honorius hatte einen zufriedenen Gesichtsausdruck, als er sich wieder in seine Kissen legte. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Antlitz. Der Camerlengo stand neben dem Bett des Papstes und wirkte ratlos. Er hatte keine Ahnung was in der Nachricht stand, weil Honorius ihm auftrug diese in den Kamin zu werfen. Aber er konnte sich seinen Teil denken. Doch er würde niemals erfahren, ob seine Annahme stimmte.

Denn der heilige Vater schlief mit diesem lächelnden Ausdruck im Gesicht ein, für immer.

Papst Honorius verstarb an diesem frühen Montagmorgen, nur wenige Sekunden nach Mitternacht, kurz nachdem Marcus ihn verlassen hatte.

1

Paris

Samstag, 11. September

Etienne Chavalier, siebenunddreißig Jahre alt, spazierte gemütlich durch den weltgrößten Park im Nordwesten der französischen Metropole, dem Bois de Boulogne, wie beinahe an jedem Abend der letzten sechs Jahre. Es gab nur wenige Tage, an denen er es sich sparte.

Er machte seinen üblichen Kontrollgang, beobachtete seine Angestellten, ob sie denn ordentlich arbeiteten und den Bedürftigen genügend verkauften.

Seine Angestellten, das waren seine Unterhändler, die den Stoff verkauften, den Etienne auf diversen verschlungenen Wegen beschaffte. Er selber blieb stets im Hintergrund. Etienne trug das größte Risiko und bekam von jedem siebzig Prozent der Einnahmen.

Die Bedürftigen, das waren die Abhängigen, die stets gerne in diesem Park abhingen. Und wenn mal einer von denen nicht zahlen konnte, oder wollte, dann hetzte Etienne seine Bluthunde, wie er seine Schlägertruppe nannte, auf den Unwilligen. In der Sache war er absolut kompromiss- und gefühllos. Wer nicht zahlte, musste einen Denkzettel bekommen, der auch in Einzelfällen schon mal den Tod bedeuten konnte.

Genauso wenig machte er sich Gedanken darum, wie schädlich seine Ware für die Konsumenten war. Ihn interessierte nur sein Profit. Er war ein knallharter Profi in seinem Geschäft. Er war einer der Drogenkönige von Paris und genoss sein Leben, seinen Reichtum, der sich über die Jahre angehäuft hatte. Er lebte in Saus und Braus.

Etienne hatte seine Villa im königlichen Vorort von Paris, in Versailles, unweit der großen Schlossanlage gelegen. Etienne hielt es für angemessen dort zu wohnen. Es würde zu ihm und seinem Standard passen, wie er stets betonte. Seine Familie stammte aus Monaco wodurch er noch nie mit ärmlichen Verhältnissen zu tun hatte.

Sein Studium der Kriminalistik, im Nebenfach Theologie, hatte ihn dann nach Paris verschlagen. Es war eine seltsame Mischung der beiden Studiengänge, die er belegte. In den ersten Jahren auf der Uni rutschte er immer mehr ab, kam mit Kokain in Verbindung bis er schließlich die Seiten wechselte.

Es war ein angenehmer Spätsommerabend an diesem Samstag. Der Juli war so heiß gewesen, wie seit Jahren nicht mehr. Temperaturen bis an die vierzig Grad waren keine Seltenheit gewesen und das über einen Zeitraum von anderthalb Monaten.

Doch jetzt, Anfang September, hatte es sich etwas normalisiert. Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr und das Thermometer zeigte gerade mal nur noch gute zwanzig Grad.

Etienne ging weiter seinen gewohnten Weg durch den Bois de Boulogne, vorbei an den beiden großen Seen, sein Sakko lässig über die Schulter geschwungen, seine schwarze Sonnenbrille steckte auf dem Kopf, war zwischen seinen dichten schwarzen Haaren kaum auszumachen. Lediglich wenn sich die Lichter der Laternen am Wegesrand in den Gläsern spiegelten, fiel sie auf.

Um Mitternacht musste er spätestens am Treffpunkt sein, um seine heutigen Einnahmen seiner Leute einzusammeln. Der Treffpunkt befand sich am Osteingang zum Bois de Boulogne, gleich neben dem großen, schmiedeeisernen Tor. Dort war es stets schattig und unauffällig. Selbst an den sonnigsten Tagen, da hier einige hohe Bäume standen, die die Bank neben dem Tor säumten, auf der er stets saß.

Den heutigen Tag hatte er damit verbracht, sich mal wieder selber als Reiseführer durch die Stadt zu führen. Das machte Etienne häufiger. Einfach durch Paris schlendern, sich die Sehenswürdigkeiten anschauen. Zu gucken, ob sich etwas verändert hatte, wo Straßen gebaut, oder erneuert wurden. Man musste sich auf dem Laufenden halten. Und vor allen Dingen seine Konkurrenz im Auge behalten.

Jeder hatte sein eigenes Territorium, die Grenzen waren genau festgelegt und wurden von allen respektiert und akzeptiert.

Da gab es zum Beispiel Stéphane, der komplett im Umkreis des Eiffelturms tätig war. Oder Louis. Ihm gehörte der Bereich vom Louvre bis zum Place de la Concorde. Etienne selber agierte vom Triumphbogen bis zum Bois de Boulogne, hatte damit einen der bedeutendsten Bereiche.

Die einzige Frau zwischen all den Drogenbossen war Francine. Ihr Gebiet war das komplette Arrondissement Montmartre und ihr Wohnort ein schmales Eckhaus direkt neben dem Moulin Rouge. Francine verdiente ihr Geld neben dem Drogenhandel mit einigen ihr unterstellten Prostituierten, was wahrscheinlich, oder mit ziemlicher Sicherheit mit dem Stadtteil zusammenhing. Montmartre war das Rotlichtviertel der französischen Hauptstadt.

Francine war die derzeitige Freundin von Etienne. Dadurch waren sie gemeinsam die Mächtigsten in der Unterwelt von Paris.

Etienne war ein Bär von einem Mann. Eins neunzig groß und gestählte Muskeln von unaufhörlichen Besuchen in Fitnessstudios und Boxkellern. So machte er sich auch nie Gedanken um einen Bodyguard, wenn er nahezu allabendlich seine Runden durch den Bois de Boulogne zog. Er war der festen Meinung, dass er sich besser selber verteidigen konnte, als sich auf irgendwelche anderen verlassen zu müssen.

Francine war optisch das totale Gegenteil von Etienne. Nur gute eins sechzig groß, blasser Teint und hellblonde, fast weiße Haare mit einer knallroten Strähne an der linken Schläfe.

Etienne machte weiter seine Runden. Es war ruhig heute Abend, keine Schwierigkeiten mit den Konsumenten. Obwohl sich heute eine Menge im Park tummelten, Wochenende eben. Doch die milde Luft schien alle zu besänftigen. Es war so still, dass man meinen konnte, alleine hier zu sein. Das dem nicht so war, dafür reichte ein Blick auf die unzähligen Parkbänke am Rand der Wege, von denen kaum eine nicht von Liebespaaren, Spaziergängern, oder eben Süchtigen besetzt war.

Etienne ging weiter in Richtung des Osttores. Der Himmel über ihm hatte eine leichte rötlich-blau schimmernde Farbe von den letzten Strahlen der Dämmerung.

Wenn es schon so ruhig war, würde er sich noch eine Weile auf die Bank vor dem Osttor setzen und auf seine Leute warten, ein wenig die Ruhe genießen, von der man hier in dieser großen Stadt nicht so viel hatte.

Auf dem letzten Rest seines Weges überkam ihn ein ungewohntes Gefühl von Verfolgt werden. Er blickte sich um, konnte aber zwischen den Bäumen und auf den Wegen nichts und niemanden in der immer stärker werdenden Dunkelheit ausmachen.Muss ich mich wohl getäuscht haben,dachte er und ging weiter. Doch das Gefühl wich nicht.

Soll er nur kommen, oder sie. Wird schon sehen, was er/sie davon hat.Etienne bereitete sich innerlich auf einen Überfall, oder Angriff vor. Es passierte aber nichts. Es blieb so ruhig, wie vorher. Nichts war zu hören, abgesehen von gelegentlichem Rascheln im Laub, hervorgerufen von Vögeln, oder anderem Kleingetier auf der Suche nach Nahrung.

Etienne schritt durch das Osttor, bog sogleich rechts um die Ecke und setzte sich auf die Bank zwischen den alten Eichen. Er langte in die Innentasche seines Sakkos, holte die Schachtel Gauloises heraus, nahm sich die Vorletzte und zündete sie sich mit seinem Zippo an. Er genoss den ersten Zug, atmete ihn tief ein, merkte wie der Rauch in seine Lunge drang.

Ein Blick auf seine goldene Rolex zeigte ihm, dass es kurz nach dreiundzwanzig Uhr war. Also hatte er noch fast eine Stunde seine Ruhe. Er lehnte sich zurück, legte den Kopf in den Nacken, rauchte genüsslich seine Zigarette und ließ die Zeit langsam verstreichen während er verträumt in den schwärzer werdenden Himmel blickte.

Doch dann erschrak er plötzlich, als sich von hinten eine Hand fest um seine Augen und eine um seinen Hals legten. Etienne sprang sofort auf, befreite sich mit einer schwungvollen Bewegung aus der ungewollten Umklammerung, drehte sich dabei um und blickte in zwei ihm sehr vertraute Augen.

„Francine, was machst du denn hier? Hast du eine Ahnung, was für einen Schrecken du mir bereitet hast und was das für Konsequenzen hätte haben können?“ Etienne war freudig überrascht, sein Herz pochte noch ordentlich. Also hatte er sich wohl doch nicht getäuscht, als er das Gefühl hatte verfolgt zu werden.

„Ich dachte ich besuche dich. Schlimm?“ Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf, was sie aufbringen konnte. Ihre hellblauen Augen strahlten ihn an, eine Locke ihres hellblonden Haares fiel ihr keck über das Gesicht. „Freust du dich denn nicht mich zusehen?“, setzte sie noch hinzu.

„Doch, doch, natürlich. Aber es kommt schon sehr überraschend und ungewöhnlich ist es obendrein.“ Sie besuchten sich so gut wie nie in ihren jeweiligen Bezirken. Es war so eine Art ungeschriebenes Gesetz, eine unausgesprochene Abmachung. Auch wenn die beiden ein Paar waren. Aber hin und wieder kam es dazu, doch sonst nach Absprache.

Sie setzten sich zusammen auf die Bank umarmten und küssten sich und sprachen über die Pläne, die sie für den morgigen Sonntag gemacht hatten.

Sie wollten mal etwas völlig Normales machen. In den Parc d´Asterix fahren und danach einen Spaziergang an der Seine machen bevor sie zu Etienne nach Hause fahren würden, um einen entspannten Abend zu verbringen. Einmal einen Sonntag gestalten, wie es die ganz normalen Leute von nebenan auch machten.

„Na gut, mein Teddy. Dann lasse ich dich jetzt mal wieder alleine.“ Francine nahm ihn in den Arm und gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn. „Dann hast du noch eine Weile deine Ruhe bevor deine Leute kommen. Wir sehen uns dann morgen Abend.“

„Pass auf dich auf!“

„Mach ich doch immer.“ Sie löste sich aus seiner Umarmung und zog ihre Fahrradhandschuhe an.

„Ich weiß, wie du Fahrrad fährst.“ Etienne grinste.

Francine war gerne mit dem Fahrrad unterwegs. Mit dem Auto durch die Stadt zu kommen war alles andere, als ein Vergnügen, so voll wie die Straßen immer waren. Mit der Metro fahren kam für sie auch nicht infrage, zu voll, zu dreckig, zu laut.

Francine stand auf und schwang sich auf ihr Rad, welches sie zwischen den dicken Eichenstämmen versteckt hatte. Sie drehte sich noch einmal um und winkte Etienne zum Abschied. Er winkte zurück, seine letzte Gauloises im Mundwinkel, das Zippo schon in der Hand und wartete darauf, dass es Mitternacht wurde.

Francine genoss das Fahren auf der Straße, die sich zwar stellenweise in einem katastrophalen Zustand befanden, aber immer noch besser waren, als die Radwege. Und zu dieser Stunde waren auch bei Weitem nicht mehr so viele Autos unterwegs, wie tagsüber, wo man sich vor den Blechlawinen kaum in Sicherheit bringen konnte.

Besonders gefiel ihr das nächtliche Radeln, weil sie zu dieser Zeit so richtig schnell fahren, die einundzwanzig Gänge ihres pinken Geländerades voll ausnutzen konnte. Pink war ihre Farbe, da war sie durch und durch Mädchen.

Ihr Weg führte sie über den Arc de Triomphe, dann über die Champs-Elysées, den großen und breiten Boulevard in dem die teuersten Geschäfte der Stadt ansässig waren. Am Obélisque inmitten des Place da la Concorde bog sie quer über den Kreisverkehr fahrend links ab in direkter Richtung zum Hügel Montmartre. Sie hatte noch Zeit, kam gut voran, so dass sie sich entschloss noch bis zur Sacré-Coeur hoch zu fahren.

Im hellen Sonnenlicht strahlte die Basilika stets in grellem weiß von ihrem hoch gelegenen Standort auf die Stadt herab und war fast von überall aus zu sehen. Sie war der helle Punkt auf dem Gipfel des Montmartre.

Hierher verschlug es Francine häufiger zu den Nachtstunden. Sie stand gerne vor der Kirche von wo aus man einen atemberaubenden Blick über ihr Gebiet, aber auch über das gesamte Paris hatte. Sie mochte es hier oben zu stehen, oder zu sitzen, so völlig allein, ganz ohne Touristen.

Heute war sie etwas müde und kaputt von der rasanten Fahrt vom Bois de Boulogne hierher, aber sie wollte noch dort hinauf. Ihre Haare standen ihr wild vom Kopf, sie war stark ins Schwitzen geraten.

Aus Mangel an verbliebener Kraft schob sie ihr Rad den letzten Rest des Weges. Das war zwar auch nicht wirklich leicht, aber immer noch besser, als sich fahrender Weise hier herauf zu quälen.

Sie kam von der Rückseite der Basilika hinauf. Man kann auch über die Vorderseite den Hügel erklimmen, aber dort ging es fast ausschließlich über Treppen. Die Alternative wäre ein weit gebogener Weg gewesen. Francine hatte keine Lust ihr Rad hoch zu schleppen. Also nahm sie den kleinen Umweg in Kauf, denn von der Rückseite her führten kleine Straßen nach oben, auf denen sie mehr, oder weniger bequem ihr Rad schieben konnte.

Oben angekommen umrundete sie die Basilika um die rechte Seite herum. Das ging auch gar nicht anders, da die andere Seite gesperrt war. Doch kaum, dass sie in die Nähe des Mauerwerkes kam beschlich sie ein Gefühl von Angst. Ihr Herz begann schneller zu klopfen und sie bekam eine leichte Gänsehaut, machte sich aber vorerst keine weiteren Gedanken darüber.

Als sie die Sacré-Coeur umrundet hatte lehnte sie ihr Rad an den Zaun und stellte sich vorn an die oberste Stufe der großen Steintreppe und ließ ihren Blick über die Stadt schweifen. Sie wohnte gerne hier, war hier geboren und aufgewachsen. Sie wollte auch gar nicht irgendwo anders wohnen. Das war auch ein Grund, warum sie sich immer noch nicht entschlossen hatte zu Etienne zu ziehen. Ihr würde auf Dauer der Trubel der Großstadt fehlen, den sie hier unbestrittener Maßen im Überfluss hatte.

Eine unerklärliche Kälte beschlich sie plötzlich. War da ein Schatten hinter ihr? Francine drehte sich um. Nein, da war nichts. Wahrscheinlich doch nur ein kleiner Windhauch, der die Blätter in den Bäumen bewegte.

Sie setzte sich auf die Stufe, schloss ihre Augen und atmete die laue Spätsommerluft ein.

Ein leises Geräusch, wie von einem kleinen Stein, der irgendwo herunterfiel und auf das Pflaster prallte, ließ sie ihre Augen wieder öffnen. War da doch etwas anderes gewesen, als sich bewegende Blätter der Bäume? Erneut drehte sie sich zu der hinter ihr hoch aufragenden Kirche um. Diesmal verharrte sie eine Weile länger und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen.

Nichts.

Meine Güte, was ist denn heute mit mir los?Francine verspürte eine gewisse Nervosität und wünschte sich, um ehrlich zu sein, Etienne hierher. Sie konnte sich nicht erklären woher diese Nervosität kam. Mit einem kräftigen Kopfschütteln versuchte sie dieses Gefühl loszuwerden, wandte den Blick wieder der Stadt zu und weg von der Basilika hinter ihr.

Plötzlich war es wieder da, das Gefühl von Kälte. Als wenn ein kühler Herbstwind wehen würde. Er schien sie einzufangen. Es wirkte, als käme er aus allen Richtungen gleichzeitig.

Gerade, als sie sich ein weiteres Mal umdrehen wollte spürte sie etwas kaltes an ihrer Kehle. Sie schaute nach unten. Da schwebte ein Messer! Es steckte in einer Art Nebel, einem Qualm. Schwarz, wie die Nacht und doch hob es sich ab und war gut zu erkennen. Darunter verbarg sich undeutlich eine menschliche und behandschuhte Hand, die den Griff des Messers fest umklammert hielt.

Francine wollte sich gerade in dem Moment befreien, als die Glocken verschiedener Kirchen Mitternacht verkündeten. Doch zu ihrer Befreiung kam sie nicht mehr, denn mit dem ersten Glockenschlag bewegte sich das Messer in der vom nebligen Qualm eingehüllten Hand und schnitt ihr die Kehle durch.

Das ganze dauerte keine zwei Sekunden. Francine war sofort tot, der Kopf fiel ihr auf die Brust, das Blut spritzte in hohem Bogen aus der Wunde. Die Gestalt, die zu der Hand gehörte, ebenfalls komplett von diesem Nebel eingehüllt, hob Francine auf, wickelte ein Tuch um den Hals, damit nicht zu viel Blut auf die Straße floss und trug sie die Stufen der Basilika hoch. Francine wurde vor dem großen Eingangsportal zur Sacré-Coeur abgelegt mit dem Kopf zur Kirche gerichtet, die Beine in Richtung Paris.

Die Gestalt schlitzte mit dem Messer, es handelte sich hierbei um ein Tranchiermesser, ihren Oberkörper auf. Angefangen an der tiefen Wunde der Kehle, bis hinunter zu ihrer Vagina. Die Hautlappen wurden aufgeklappt, so dass ihre Gedärme und das Gerippe sichtbar wurden. Die Brüste von Francine wackelten wie nicht ausreichend gefüllte Luftballons und klatschten auf den Betonboden. Das Gedärm breitete sich in dem nun größer gewordenen Körpervolumen aus, rutschte durcheinander.

Als Letztes wurde ihre Gebärmutter entfernt, sauber mit dem Messer heraus geschnitten und danach zwischen ihre gespreizten Beine drapiert.

Dann verschwand der nebelartige Qualm, löste sich von dem Körper, den er umschlungen hatte. Der Mensch wirkte wie in Trance, wankte davon, die Augen starr geradeaus gerichtet und das Messer immer noch in der Hand haltend.

Die Blutspur von der Treppe bis zum Portal der Kirche blieb unbeachtet.

Der Qualm hingegen schwebte weiter nach oben, immer weiter bis er beinahe die Spitze der Kuppel erreicht hatte und verschwand schließlich im geöffneten Mund einer der vielen Wasserspeier.

2

London

Sonntag, 19. September

James Alexander Barker erwachte aus einem tiefen Schlaf in seiner Wohnung in der Lombard Lane, gelegen im Herzen Londons, unweit der Fleet Street. Dort wo sein Vorfahr Sweeney Todd im 18. Jahrhundert seinen berühmt berüchtigten Barber Shop hatte.

Seine Familie barg aber ein noch weiteres grausiges Geheimnis, als das des mordenden Barbiers aus der Fleet Street, dessen Opfer von einer gewissen Mrs. Lovett stets als Fleischpasteten in ihrem Laden im Erdgeschoss desselben Hauses angeboten wurden. Zumal man von Sweeney Todd nicht einmal gesicherte Erkenntnisse über seine tatsächliche Existenz hatte.

Sweeney Todd, so es ihn denn wirklich gegeben hat, und somit auch James selbst, waren Nachfahren von Sawney Beane, einem Schotten aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Beane lebte im nördlichen England, dicht an der Grenze zu Schottland mit seiner fast fünfzig Personen umfassenden Familie in einer Höhle.

Sämtliche Durchreisenden, die in der Höhle Schutz vor der Nacht suchten, wurden Opfer der Familie Beane und zu deren Mahlzeiten verspeist. Die geschätzte Anzahl der Opfer geht in die Hunderte.

Doch James war anders und froh darüber, dass er kein Menschenfleisch essender Massenmörder geworden war, sondern einen bodenständigen Beruf ausübte und keinerlei gewalttätige Anwandlungen hatte. Es gab Wissenschaftler, die hinter so einem gewaltigen Exzess der Gewalt eine genetische Veranlagung vermuteten, doch bei James traf es zumindest nicht zu.

Er war IT-Spezialist, hatte sich auf das Bankwesen konzentriert, entwickelte immer wieder neue Rechenprogramme und verkaufte diese an die Banken. Seine Ausbildung zum Bankkaufmann hatte ihn auf diesen Weg gebracht.

So kam es, dass er freiberuflich für fast alle europäischen Großbanken tätig und somit ständig in Europa unterwegs war. Viel Zeit für eine Frau, oder gar Kinder blieb da allerdings nicht übrig. Er war Single und hatte sich irgendwie mit der Situation arrangiert.

Auch seine Freizeit kam oft zu kurz. Doch wenn er welche hatte, verbrachte James diese mit Reisen in jedwedes Gebirge. Er liebte die Berge. Als Londoner kannte man es nicht und so hatte er eine Leidenschaft dafür entwickelt nachdem seine Eltern mit ihm, als er zehn Jahre alt war nach Österreich in den Urlaub gefahren waren.

Ihm machten Strapazen eigentlich nichts aus, er versuchte seine Gewohnheit jeden Morgen wenigstens eine halbe Stunde Joggen zu gehen regelmäßig beizubehalten, doch an diesem Sonntagmorgen kam er sich vor, als hätte er den Mount Everest in Rekordzeit dreimal hintereinander erklommen.

Sein Kopf pochte, genau in der Art, wie es war, wenn er zu wenig Sauerstoff bekam in Verbindung mit zu hoher körperlicher Anstrengung. Sein Kopf schien zerplatzen zu wollen, so sehr hämmerte es.

Er wollte gestern auf eine Geburtstagsfeier gehen, von einem seiner besten Freunde. James konnte sich noch vage daran erinnern, dass er zu Fuß von zu Hause aus bis zur St. Paul´s Kathedrale spaziert war, was kein weiter Weg war. Dort wollte er sich mit weiteren Bekannten treffen, um dann gemeinsam zur Feier zu gehen. Da er aber recht früh ankam, dachte er sich, er könne sich ja mal wieder die Kathedrale von innen ansehen.

Und da hörten seine Erinnerungen an den vorigen Abend auch schon wieder fast auf.

Er wusste so eben noch, dass er oben aus der Kuppel auf den Aussichtsbalkon trat und ihm dort ein seltsamer, schwarzer Qualm entgegen blies, den er für irgendein Produkt von verbranntem Material hielt, der aus einem Kamin entstieg. Danach nichts mehr. Er wusste nicht einmal, wie und wann er nach Hause gekommen war.

Langsam und quälend schälte er sich aus dem Bett und musste feststellen, dass er noch die selben Klamotten trug, die er bereits gestern Abend angehabt hatte. Er schwitzte in seiner Jeans, das blau weiß karierte Hemd war völlig zerknittert und klebte ihm am Leib.

James schlurfte in die Küche, stolperte dabei beinahe über seine Schuhe, die quer vor seinem Bett lagen. Er fluchte, kickte sie in die Ecke und ging weiter. Mit einem starken Kaffee und mindestens zwei Kopfschmerztabletten dazu würde er seinen Kopf schon wieder klar bekommen. Hat jedenfalls bisher immer geklappt.

James setzte Wasser auf, stellte den uralten, von seiner Oma vererbten Wasserkessel auf die Gaskochplatte. Eine Kaffeemaschine besaß er nicht, der Kaffee schmeckte ihm nicht aus so einem Gerät. Lieber ließ er sich dabei etwas mehr Zeit und brühte jede Tasse frisch auf.

Jede Bewegung seines Kopfes schmerzte wie die Hölle. Es fühlte sich an, als wenn dabei sein Hirn mit Wucht gegen die Schädeldecke prallte. Das letzte Mal, dass er solche Kopfschmerzen hatte lag schon einige Jahre zurück, als er mit einer Reisegruppe den K2 ohne Sauerstoff erklimmen wollte.

Das Wasser begann langsam zu kochen. In der Zwischenzeit zog James sich aus, schmiss die Klamotten achtlos ins Schlafzimmer. Nur in Unterhose bekleidet kehrte er in die Küche zurück, weil der Kessel sein typisches Pfeifen von sich gab. Das Wasser kochte. Er goss es in den Becher, in den er bereits eine gute Menge Kaffeepulver gefüllt hatte. Dann gab er noch drei gehäufte Löffel Zucker dazu, für den Geschmack. Dann ließ er den Kaffee ziehen und ging derweil duschen.

Die Zeit, die James zum duschen benötigte, war genau richtig, um den Kaffee hinterher in exakt dem Aroma genießen zu können, wie er es am liebsten hatte. Außerdem war er dann schon soweit abgekühlt, dass man sich nicht mehr den Mund verbrannte.

Die wild im Schlafzimmer herumliegenden Klamotten ignorierte er, was zwar sonst so gar nicht seine Art war, aber mit dem Kopf war ihm das gerade völlig egal. Aufräumen konnte er auch später noch.

Nachdem er aus der Dusche kam schmiss er sich auf sein Sofa, den Becher mit dem dampfenden Kaffee in der Hand. James versuchte erneut sich an die letzte Nacht zu erinnern. Wie konnte es denn nur sein, dass er sich an so gar nichts erinnerte?

Das Nachdenken strengte ihn an, verschlimmerte seine Kopfschmerzen. Er blickte zur alten Standuhr neben seiner Kommode, ebenfalls ein Erbstück seiner Oma. Kurz vor eins! Es war schon Mittagszeit. So lange schlief er nie, nicht einmal, wenn er die halbe Nacht durchgemacht hatte. Etwas stimmte nicht, aber was?

Aus lauter Verzweiflung schaltete er den Fernseher ein, um sich ein wenig abzulenken von den Gedanken an die letzte Nacht.

Es kamen die Nachrichten auf BBC. In dem Moment, in dem er eingeschaltet hatte wurde von einem Mord berichtet. Das Opfer wurde in der alten und seit Längerem schon nicht mehr genutzten Krypta der St. Paul´s Kathedrale gefunden, zumindest das, was noch von ihm, oder ihr übrig war. Identifiziert war die Leiche zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Todesursache, soviel zumindest konnte die Polizei sagen, war mit allergrößter Wahrscheinlichkeit der abgetrennte Schädel, der offensichtlicher Weise nicht post mortem vom Hals getrennt wurde, mehr wussten sie aber auch noch nicht.

Der Grund hierfür lag darin, dass die Leiche sich in einem riesigen Kochtopf befand, der über einem aufgeschichtetem Haufen verbrannten Holzes an einem Eisengestell hing, ähnlich dem Dreibein für Grillroste. Der Kopf lag mit den Augenhöhlen nach oben gerichtet davor.

Die Leiche war zerstückelt und durchgekocht worden. Soweit die Pathologen vorerst feststellen konnten, war der Körper nicht vollständig vorhanden, doch wo die fehlenden Teile waren, da tappten die Beamten noch im Dunkeln, so der Bericht.

In der Krypta gab es ein Weihwasserbecken, aus Sandstein gehauen und durch die Jahrzehnte schon stark angegraut, geformt wie ein überdimensionaler Kelch. Doch Wasser befand sich keines darin. Es war getränkt mit Blut, einzelne kleine Hautfetzen, Haarbüschel und die Augäpfel des Opfers schwammen in der roten Flüssigkeit.

Es war ein abscheulicher Anblick, der sich hier den Ermittelnden bot.

Aufmerksam geworden war man durch einen Brandgeruch, der sich am Morgen durch die Kirche zog und den einige Gottesdienstbesucher bemerkt hatten. Daraufhin machte sich der Priester, als auch zwei Messdiener auf die Suche nach dem Ursprung des Geruches. Sie fanden ihn und damit auch die blutrünstige Szenerie schließlich in den Gewölben der alten Krypta der Kathedrale.

Es wirkte auf die ermittelnden Beamten wie ein Ritualmord. Ähnlich dem, der vor einer Woche in Paris stattfand. Dort wurde eine aufgeschlitzte Frauenleiche, die achtundzwanzig Jahre alte Francine Bouvois, eine Größe in der Drogenwelt von Paris, vor dem Portal der Sacré-Coeur gefunden. Die britische Polizei würde sich unweigerlich mit der französischen in Verbindung setzen müssen, denn dort war die Todesursache eine aufgeschlitzte Kehle, was einem abgetrennten Haupt nicht unähnlich war.

Da musste man sich ganz automatisch die Frage stellen, ob es einen Zusammenhang gab. Der letzte, der Madame Bouvois lebend gesehen hatte, war ihr Freund, Etienne Chavalier, ebenfalls einer der größten und einflussreichsten Drogenbarone der französischen Hauptstadt. Doch eine Verbindung zu dem Mord konnte ihm nicht nachgewiesen werden, noch nicht jedenfalls.

James schaltete den Fernseher aus. Er war schockiert, ob dieser Nachrichten. Gestern war er selber noch in der St. Paul´s Kathedrale gewesen, nur wenige Stunden bevor der Mord passiert war. Den genauen Zeitpunkt konnten die Ermittler noch nicht benennen, gingen aber davon aus, dass es irgendwann um Mitternacht herum geschehen sein musste, genau wie in Paris.

Solche furchtbaren Nachrichten waren alles andere, als hilfreich bei seinem Kopf. Er nahm sich noch eine Schmerztablette, zog sämtliche Vorhänge zu, legte sich wieder ins Bett und wollte noch eine Weile ruhen, um seine Kopfschmerzen loszuwerden. Danach wollte er einen Spaziergang machen, oder Laufen gehen. Frische Luft würde seinem Kopf sicher gut tun. Hatte es immer getan und so erhoffte er es sich auch heute.

Er schlief bis in die frühen Abendstunden, wie er bemerkte, als er wieder erwacht war. Egal. Anziehen und raus gehen. Seinem Kopf ging es nicht erheblich besser. Er kramte seine Klamotten vom Boden auf, wo er sie hingeworfen hatte, schmiss sie in seinen Wäschekorb und suchte sich frische Sachen für seinen Spaziergang aus dem Schrank.

Sein Handy war aus seiner Hosentasche gefallen, als er diese achtlos auf den Fußboden geworfen hatte. Er hob es hoch und sah dabei, dass er mehrere entgangene Anrufe und eine Nachricht auf seiner Mailbox hatte. Er rief die Nachricht ab. Es war sein Freund. Der, bei dem er auf den Geburtstag gehen wollte.

Damian wollte wissen, ob er denn noch kommen würde. Die anderen seien schon da, sind ohne ihn gekommen, weil er, James, nicht am vereinbarten Treffpunkt gewesen sei. Sie hätten noch eine Weil gewartet sind dann aber losgegangen.

Verwirrt schaute James auf die Uhrzeit, wann die Nachricht hinterlassen wurde – fünfzehn Minuten nach Mitternacht. Seltsam. Also war er gar nicht auf dem Geburtstag gewesen. Aber woher kamen dann die Kopfschmerzen, wenn nicht von übermäßig konsumierten Alkohol? Er verstand es nicht. Wo war er gewesen und warum konnte er sich an nichts erinnern?

Er musste raus. Raus an die frische Luft.

Als er draußen am Laufen war, versuchte er erneut sich an die letzte Nacht zu erinnern. Es fiel ihm schwer und zu einem Ergebnis kam er auch nicht. Doch dann kam ihm ein absurder Gedanke.

Das Letzte woran er sich erinnern konnte war, dass er oben auf dem Balkon der St. Paul´s Kathedrale stand. Da muss es so gegen acht Uhr abends gewesen sein. Aufgewacht war er verkatert zur Mittagszeit in seinem Bett. Dazwischen lag der Mord in der Krypta der Kathedrale. Hatte er den Mörder eventuell gesehen? Oder er ihn? Hatte der Mörder ihn aus dem Weg geschafft, um in Ruhe sein Werk zu vollbringen?

James blieb stehen. Was für ein gruseliger Gedanke. Aber wie er nach Hause gekommen war, würde das wiederum auch nicht erklären, also musste doch etwas anderes dahinterstecken.

Nein, nein, nein! Das konnte nicht sein! Daran müsste er sich doch erinnern, wenn ihm so etwas widerfahren wäre. Das Erinnerungsloch an die letzte Nacht blieb in seinem Kopf. Er konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen.

James fasste einen Entschluss, um sich von diesen Gedanken zu befreien.

Er würde jetzt nach Hause gehen, sich etwas zu essen machen und morgen nach Kopenhagen fliegen zu seinem Termin in der dänischen Hauptstadt und sich den restlichen Abend mit den Vorbereitungen beschäftigen, das würde ihn ablenken.

Von dort aus ging es dann am Freitag weiter nach Hamburg, wo er eine gute Woche verbringen würde. Die Großbank in der Hansestadt hatte einiges mit ihm zu bereden was ihre Programme anging.

3

Monasterium Diabolica Naturae

Montag, 20. September

Der Mönch schlich, seine Kapuze tief in die Stirn gezogen, durch die langen Gänge der weit im Berg gelegenen Katakomben. Ein Hochgefühl beschlich ihn. Ein voller Erfolg, auf ganzer Linie. Genau so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Er musste hinunter ins Laboratorium und seine Forschungsergebnisse der letzten Wochen nieder schreiben, bevor er ein wichtiges Detail vergaß, was in seinem Alter durchaus leicht möglich war. Vielleicht gab es ja noch etwas, was verbessert, oder optimiert werden konnte, oder musste. Er wollte die bisherigen Ergebnisse zusammentragen und vergleichen.

Das der Mensch, den er für seine Vorhaben auserkoren hatte offenbar von Tat zu Tat an Leiden zunahm, war ihm nahezu gleichgültig. Nur das Erreichen seines Zieles zählte für ihn, sonst nichts. Aber vielleicht war es auch nur Zufall.

Nach all den Jahrhunderten der Forschung war er endlich soweit. Es war ein langer Weg gewesen, doch nun galt es endlich an die Umsetzung zu gehen und das erlangte Wissen einzusetzen.

Die ersten beiden hatten funktioniert, also sprach nichts dagegen fortzufahren. Und das würde er auch tun, genauer gesagt, tun lassen.

Konsequenzen hatte er keine zu befürchten, so glaubte er. Der Weg zu diesem Kloster war nicht zu finden, unmöglich. Nicht mit Absicht, höchstens durch Zufall, so wie der Mensch ihn gefunden hatte, auch wenn er nicht über den eigentlichen Weg herkam.

Er würde niemals mit den Vorkommnissen in Verbindung gebracht werden und konnte so sein Ziel weiter verfolgen, bis in alle Ewigkeit, wenn es denn sein musste. Er hatte Vorkehrungen getroffen, die ihn in eine gewisse Sicherheit wiegten.

Der Mönch ging ins Laboratorium, zog seine Notizen aus seiner Kutte und legte diese sauber entfaltet auf den Tisch. Er hatte sich alles aufgeschrieben, was für ihn wichtig schien. Das Bedeutendste hatte in beiden Fällen ohne auch nur dem kleinsten Ansatz einer Verzögerung geklappt – der Zeitpunkt. Auf den kam es ihn an.

Neben seinen Notizen lag ein dicker Stapel Tageszeitungen aus ganz Europa. In allen großen Zeitungen wurde berichtet, was sich in den letzten zwei Wochen in Paris und London zugetragen hatte. Es wurden Spekulationen angestellt, ob die beiden Morde etwas miteinander zu tun haben könnten. Ob der, oder die Mörder, etwas mitteilen wollten mit den Inszenierungen der Fundorte.

Rätselt ihr nur! Ihr werdet nicht auf die Lösung kommen! Und es wird weiter gehen – es muss weiter gehen!,dachte der Mönch bei sich, als er noch mal die einzelnen Artikel überflog. Er war erst am Anfang seiner eigentlichen Arbeit angelangt. Alles andere waren langwierige, aber notwendige Vorbereitungen gewesen, ohne die es nie funktioniert hätte. Aber das würde die Welt noch früh genug bemerken.

Und dann, da war er sich sicher, an irgendeinem Tage in der Zukunft, würde er als DER Heilige gefeiert werden. Als der Erretter der Menschheit, der Befreier, der Vernichter des Bösen.

Er machte sich an seine Arbeit, die Notizen durchzugehen.Gemeinsamkeiten? Das ist es ja gerade, was ich euch eben nicht geben werde. Außer dem Zeitpunkt, aber das war´s dann auch. Ihr könnt recherchieren, wie ihr wollt – ihr kommt niemals auf die Lösung.

Sein Ausgewählter hatte die erste Nacht einigermaßen gut überstanden. Eine erhöhte Müdigkeit, die mit Kopfschmerzen einherging war beinahe das Einzige, was sich bei ihm gezeigt hatte. So nahm er zumindest an, aufgrund dessen, was er beobachten konnte.

Doch nach der zweiten Nacht hatten sich scheinbar die Kopfschmerzen verstärkt und seine Marionette machte den Eindruck noch müder zu sein. Er hatte sehr lange geschlafen und als er am frühen Abend dann irgendwann seine Wohnung verlassen hatte, machte er den Eindruck, als wenn er vorher die Nacht durch gefeiert hätte.

Da musste der Mönch ansetzen. Das war eine Sache, die er ausschließen musste, dass es sich nicht weiter verschlimmerte. Sollten sich die Qualen weiter verstärken bestand die Gefahr, dass der Mensch gar nicht mehr erwachte und er musste sich jemand Neues suchen. Das kam einfach nicht infrage, nicht nach so kurzer Zeit. Es war sowieso schon alles andere, als leicht gewesen überhaupt jemand zu finden.

Glückliche Umstände waren es, die diesen Menschen zu ihm aufs Kloster gebracht hatten. Ein Wanderer, oder ähnliches, dessen Weg ihn zufällig auf den Gipfel des Gran Paradiso und somit auch zu dem Kloster geführt hatte.

Natürlich hatte der Abt ihn eingeladen, sich ein wenig auszuruhen und gemeinsam mit den Mönchen etwas zu essen, damit er wieder zu Kräften kam. Dabei war man dann ins Gespräch gekommen und er hatte unter Anderem erzählt, was er beruflich machte. Da hatte es bei ihmklickgemacht. Dieser Mann war perfekt für sein Vorhaben!

Ein Freiberufler war er, arbeitete europaweit, genau der Richtige. Ständig woanders. Der Mönch musste sich also nur um seine Termine kümmern, sich das passende Opfer vor Ort suchen und handeln.

Dem Menschen wurde selbstverständlich absolute Verschwiegenheit in Bezug auf das Kloster abgefordert. Er durfte nichts über dieses hierüber erzählen, es musste geheim bleiben, so wie es bereits seit weit über tausend Jahren geheim war. Sollte er es dennoch tun, so würde er die Konsequenzen zu spüren bekommen, das hatte ihm Abt Reginald in aller Deutlichkeit klar gemacht. Sie würden es heraus finden, ganz sicher.

Dieser Herr gab seine Zustimmung, wenn auch etwas verwirrt und irritiert, weil ihm nicht weiter erklärt wurde warum er Stillschweigen bewahren musste.

Doch der Mönch hatte nicht vor ihn in Ruhe zu lassen, ganz im Gegenteil. Er forschte nach ihm. Nur weil man in einem vorsintflutlichen Kloster aus dem siebten Jahrhundert lebte, musste man dem Fortschritt keine Absage erteilen. So verfügte der Mönch selbstverständlich über einen Laptop mit hervorragender Internetleitung. Die Antenne auf dem Dach des Klosters wirkte noch nicht einmal wie ein Fremdkörper, war gut in die Konstruktion eingebettet, so dass sie kaum auffiel.

Der Mönch fand die Informationen, die er benötigte. Gute Verbindungen zu Spezialisten, die ihm dabei halfen, hatte er zur Genüge. Gewiefte Hacker, die an jede Information kamen, die man haben wollte. Das war zwar auch nicht die sauberste Art, um an Informationen zu gelangen, aber manchmal heiligt der Weg dann doch die Mittel. Und der Name des Mannes, den er bei der Ankunft höflich genannt hatte, machte es dann auch noch ein Stück einfacher.

Der Mönch legte den Zeitungsstapel beiseite, geordnet nach Datum, die ältesten nach oben und wandte sich seinen Notizen zu, begann damit die Ergebnisse aus Paris und London zusammenzutragen, in chronologischer Reihenfolge.

Er schrieb eine ganze Weile und merkte dabei nicht, wie die Zeit verflog. Auch die Schmerzen in seiner Hand vom unentwegten Schreiben bemerkte er kaum. Erst als die Tür zum Laboratorium geöffnet wurde, schreckte er hoch. Einer seiner Brüder stand dort.

„Es ist Zeit das Abendmahl einzunehmen“, sagte dieser.

„Ist gut, ich komme“, antwortete er, legte seinen Stift zur Seite, schloss den Laptop und folgte seinem Bruder nach oben in den großen Speisesaal des Klosters. Er würde später wieder herunter kommen und fortfahren.

Außerdem musste er sich auf den nächsten Akt vorbereiten. Er hatte nur noch eine knappe Woche Zeit und wusste noch nicht, wer denn als sein nächstes Opfer dienen sollte. Aber das würde er später am Abend recherchieren und sich auch nochmal intensiv mit den Auswirkungen beschäftigen, die seinem unwissenden Handlanger am Morgen danach jeweils heimsuchten.

4

Hamburg

Montag, 27. September

Agent Andrew Gorham hetzte zum Bahnsteig Vierzehn des Hamburger Hauptbahnhofes, seinen schwarz glänzenden Hartschalenkoffer hinter sich her ziehend, dessen Rollen klackernd über den Boden fuhren. Sein Sakko wirbelte ihm wild um den Körper, seinen Ledermantel hielt er in der Hand fest. Er war spät dran, sein Zug nach Köln ging schon in ein paar Minuten und er lief natürlich genau auf der falschen Seite in den Bahnhof rein, musste an sämtlichen Gleisen entlang.

Er quälte sich durch die Menschenansammlungen, rempelte hier und da unbeabsichtigt den Einen, oder Anderen an, entschuldigte sich im Vorbeilaufen, allerdings ohne sich umzudrehen. Er musste sich beeilen. Sonst legte er stets Wert auf Höflichkeiten.

Aber das passte zu diesem fürchterlichen Tag. Erst hatte er deutlich länger geschlafen, als er wollte und musste sich so mit den Resten des Frühstücksbuffets begnügen, die die anderen Gäste des Radisson Blu hinterlassen hatten. Zumindest bekam er auf höfliche Nachfrage bei einem der Küchenbediensteten noch einen einigermaßen frischen Kaffee, war ja auch was.

Der Agent der EUSC hatte das Wochenende in Hamburg verbracht, war am Donnerstagabend angereist, weil er zu einer Doppelhochzeit eingeladen war, die am vergangenen Freitag in der St. Michaelis Kirche stattfand, oder, wie die Hamburger ihr Wahrzeichen so liebevoll nannten, im Michel.

Es war die Hochzeit von zwei Pärchen gewesen mit denen er im Sommer in der Gegend um Köln zusammen gearbeitet hatte.

Die Höhlenforscherin Dr. Petra Althing heiratete ihren Freund Paul Maurer und der Geologe Dr. Franz Greiner seine Sekretärin und ehemalige Empfangsdame des geologischen Instituts Hamburg, Marie Liebermann

Es war eine bizarre Geschichte gewesen, die sie dort in Köln und Umgebung erlebt hatten. Lebendige Urzeitwesen und ein ebenfalls lebendiger Neandertaler, die in einer Höhle entdeckt wurden. Diese Kreaturen waren durch einen unglücklichen Umstand erwacht nachdem sie, wie man im Verlaufe der Ermittlungen herausgefunden hatte, sich rund fünfzig Jahre in einer Art Tiefschlaf befunden hatten. Und nun mordeten sie in der Höhle, wenn auch aus deren Sicht nur, um an etwas Essbares zu kommen. Doch am Ende konnten die Kreaturen glücklicherweise besiegt und vernichtet werden, wenn auch unter hohen Verlusten.

Gorham hätte niemals gedacht, dass solche Geschichten von erwachten, eigentlich seit tausenden von Jahren toten Lebewesen wahr werden könnten. Und doch hatte er es selber erlebt. Hätte man ihm die Geschichte erzählt, er hätte Schwierigkeiten gehabt, dies zu glauben.

Bei den Ermittlungen rund um diese Höhle hatte er außerdem den noch relativ jungen Bischof des Kölner Doms, Bruder Magnus, kennengelernt. Und genau wegen diesem Magnus reiste Gorham nun nach Köln, wenn er denn den Zug noch erwischen würde.

Er hatte einen Brief von ihm bekommen, in dem Magnus um ein persönliches Gespräch bat. Doch jetzt hatte Gorham Probleme seinen Zug zu erreichen und machte sich im Moment keinerlei Gedanken um den Inhalt des Briefes, auch wenn er sehr mysteriös klang. Sicher, er könnte auch den nächsten nehmen, die Züge fuhren regelmäßig einmal pro Stunde, aber in diesem hatte er ein komplettes Abteil reserviert und wollte darauf auf keinen Fall verzichten. Nicht wegen der entstandenen Kosten, sondern wegen seiner Ruhe, die er sonst aufgeben würde.

Die Zeit drängte, Gorham konnte den Zug bereits am Bahnsteig stehen sehen.

Er hätte mal direkt vom Hotel zum Bahnhof und durch die Wandelhalle gehen sollen, anstatt noch ein wenig durch die Stadt zu bummeln, wodurch er die Zeit vergaß. Denn dann wäre er mit Sicherheit pünktlich zum Zug gekommen.

Er hechtete vorbei an zwei Teenagern, die ihm entgegen kamen, zu der langen Treppe, die nach unten auf den Bahnsteig führte. Der Zugführer wartete nur noch darauf, dass der Schaffner das Signal zur Abfahrt gab. Im allerletzten Moment, der Schaffner pfiff schon lauthals in seine Pfeife, sprang Gorham durch die nächstgelegene Tür in den Zug nachdem er die letzten vier Treppenstufen gesprungen war, zog seinen Koffer durch die sich bereits schließende Tür.

Nun musste er sich zunächst orientieren in welchem Waggon er sich befand und in welche Richtung er gehen musste, um zu seinem reservierten Abteil zu kommen. Er war völlig aus der Puste.

Im Abteil angekommen stellte er den Koffer ab, warf seinen Mantel auf den vordersten Sitz und verschloss sowohl die Tür zum Abteil, als auch den Vorhang davor und ließ sich einfach in einen Sitz fallen, holte erst einmal tief Luft und schloss die Augen.

Ohne den Koffer hätte ihm das Gerenne bestimmt nichts ausgemacht, auf jeden Fall erheblich weniger, aber das schwere Anhängsel war schon sehr hinderlich gewesen.

Dann, nachdem er sich etwas beruhigt hatte und wieder normal Luft bekam, zog er den Brief des Bischofs, den er am Tag seiner Abreise aus London am vergangenen Donnerstag erhalten hatte, aus der Innentasche seines Sakkos und begann zu lesen.

Köln, 22. September

Mein lieber Agent!

Ich schreibe Ihnen, weil ich nicht weiß an wen ich mich in dieser Angelegenheit sonst wenden könnte.

Ihre offensichtlichen Fähigkeiten und Befugnisse, die bei der Sache hier in und bei Köln im Sommer zutage getreten waren, sowie auch ihr freundliches, aber doch zurückhaltendes Auftreten taten ihr Übriges dazu mich an Sie zu wenden und nicht an jemand anderen.

Sie werden sicherlich von dem unfreiwilligen Ableben der beiden Unterweltgrößen Francine Bouvois aus Paris und Roberto Borno aus London gehört haben.

Ich weiß nicht, ob und wenn, in welchem Umfang Sie mit diesen beiden Fällen eventuell bereits beruflich näher konfrontiert sind. Aber ich gehe davon aus, dass Sie wenigstens aus den Medien davon erfahren haben und sich sicherlich, so wie ich Sie einschätze, in irgendeiner Weise damit beschäftigt haben.

Ich fürchte, dass ich durchaus in der Lage bin, etwas mehr über die Hintergründe dieser beiden Fälle sagen zu können, so denn meine Annahme, die ich hege, der Wahrheit entspricht.

Ich möchte Sie bitten nach Köln zu kommen, damit ich mit Ihnen persönlich darüber sprechen kann. Der Schriftweg erscheint mir nicht unbedingt als gesichert genug. Von daher muss ich auch darauf bestehen, dass Sie diesen Brief, nachdem Sie ihn gelesen haben, vernichten. Verbrennen sie ihn und achten bitte darauf, dass auch das letzte Stückchen zu Asche geworden ist. Vielen Dank!

Ich hoffe wir sehen uns bald.

Ihr ergebener Bruder Magnus.