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Während Forschungen am Vesuv kommt es zu unerklärlichen Ausfällen und Fehlfunktionen an verschiedenen Geräten. Zunächst glauben alle an Zufälle, doch als der erste Todesfall zu betrauern ist kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass Mutwilligkeit und böse Absichten dahinter stecken. Was hat der Täter vor ? Kann er gestoppt werden?
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ralf Feldvoß
FEURIGE RACHE
Gefahr aus der Tiefe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Impressum neobooks
Forschungscamp am Vesuv
Montag, o4. Oktober
Heute wird sie zurück kommen. Sie und die anderen, die sie begleiten. Ihr frisch vermählter Ehemann gehört dazu und noch zwei, die die Aufgaben hier unterstützen sollen. Heute sollen die Erkundungen der Höhlen wieder aufgenommen werden, die Forschungsarbeit, von der man sich genauere Vorhersagen eines möglichen Ausbruchs des Vesuvs verspricht. Aber was heißt wieder aufgenommen? Begonnen sollte man sagen, zumindest für mich, dachte Enrico Chiaro bei sich, während er dabei war das Zelt für die wiederkehrende Projektleiterin Dr. Petra Maurer herzurichten.
Die dunkelgrüne Plane wackelte leicht in der milden Brise und verursachte dabei eine Art knallendes Geräusch, wenn sie sich nach einer Böe wieder auf das Metallgerüst senkte, so als würde man ein nasses Handtuch kräftig ausschütteln. Draußen waren es immer noch, trotz der Jahreszeit, fast dreißig Grad, die Sonne schien in diesem Jahr ihre Intensität gar nicht mindern zu wollen, doch hier im Zelt waren es gerade einmal angenehme Temperaturen von etwas über zwanzig Grad, die durch einen Generator betriebene Klimaanlage arbeitete auf Hochtouren, um gegen die Hitze etwas bewirken zu können.
Das Forschungscamp war beinahe so groß wie ein Fußballfeld, lag in einem sandigen Tal, kesselartig umrahmt von den mit kargem Baumbestand bewachsenen Ausläufern des Vesuv. Erst einen guten Kilometer entfernt, dort, wo das Lavagestein langsam abnahm, gab es auch wieder deutlich mehr Bäume, fast waldartig.
Das Tal in dem das Camp lag, war gespickt mit den verschiedenen Zelten. Da gab es die Wohnzelte der Wissenschaftler, alle in einem gräulichen Ton gehalten, die Mensa in Beige und eben das grüne Zelt, welches für Dr. Maurer vorgesehen und neben dem roten Versammlungszelt, dieses lag direkt an dem Zugang zu den Höhlen, das Größte war.
Das Institut hatte im Sommer die neue Chefin von Enrico für eine Weile von der Arbeit freigestellt und somit das Projekt hier in der Nähe von Neapel für diese Zeit ruhen lassen, nachdem sie dringend in Köln gebraucht wurde. Die deutschen Behörden mussten wohl ihre Finger mit ihm Spiel gehabt haben, dachte Enrico, denn sonst würden wohl kaum teure Forschungsgelder so sehr unnütz ausgegeben werden. Jede Verzögerung einer Expedition, gleich welcher Art, kostete immer eine Menge. Und in diesem Fall war es so, dass das gesamte Team, nun, nicht das Gesamte, denn etwa die Hälfte wurde ebenfalls nach Köln abberufen, von denen allerdings niemand zurück kam, die Zeit über hier blieb und weiterhin auf Kosten des Institutes lebte.
In, oder besser bei Köln, tauchten in einer Höhle Ungereimtheiten auf, die sich niemand wirklich erklären konnte. Von lebenden Urzeittieren und sogar einem Neandertaler war die Rede gewesen. Daher wurden die Arbeiten hier unterbrochen.
Doch nun, am heutigen Tage, würde sie wieder hierher kommen und ihre vom Institut gestellte Aufgabe an den Höhlen rund um den Vesuv konnte endlich richtig aufgenommen werden.
Enrico tat sein Möglichstes das Zelt irgendwie nett herzurichten, er gab sich dabei alle erdenkliche Mühe, obwohl er eigentlich überhaupt keinen Faible für Dekorationen jeglicher Art hatte. Ihm war es völlig gleichgültig wo welche Dinge standen, oder lagen. Seine Wohnung sah stets unaufgeräumt aus. Aber er wusste immer wo sich was befand und es störte ihn nicht im Geringsten was andere Leute darüber dachten.
Zudem fragte er sich immer wieder, warum er derjenige sein sollte, der sich hierum kümmern musste. Schließlich kannte er Dr. Maurer gar nicht, hatte sie noch nicht einmal getroffen. Einer aus dem ursprünglichen Team wäre dafür viel sinnvoller gewesen, dachte Enrico. Aber bei einer Abstimmung wurde so entschieden. Enrico nahm an, dass es damit zu tun hatte, dass er der persönliche Assistent war, auch wenn er nicht wusste was das Eine mit dem Anderen zu tun hatte, aber na gut, dann war es eben so.
Ende der letzten Woche hatte Enrico noch das zweite stählerne Feldbett organisiert und im Zelt von Dr. Maurer aufgebaut, direkt neben ihrem. Es war das Bett, das für ihren Mann bestimmt war, von dessen kommender Anwesenheit Enrico und überhaupt alle Mitglieder des Teams eben erst in der vergangenen Woche erfahren haben. So wurde es eine kurzfristige und überstürzte Aktion an noch eines heranzukommen. Das dieser Geologe mit seiner Frau mitkommen würde war bereits etwas früher mitgeteilt worden.
Sämtliche Feldbetten im Forschungscamp waren in Beauftragung des Instituts aus alten Beständen des italienischen Militärs aufgekauft worden. Es handelte sich um harte Stahlgerüste mit den üblichen, viel zu weichen und unbequemen Metallfederauflagen als Matratze, auf denen man stets das Gefühl hatte in einer kurz vor dem Durchreißen befindlichen Hängematte zu liegen. Bei jeder Bewegung gaben sie ein Quietschen von sich bei dem man sich wundern musste, das die Soldaten nicht ständig in der Nacht wach wurden.
Die Auflagen wurden allerdings allesamt ausgetauscht, gegen richtige Matratzen mit passenden Lattenrosten, so dass es einen erträglichen Liegekomfort für die hier beteiligten Wissenschaftler und deren Gehilfen gab. Das Institut machte aber Unterschiede in der Festlegung der Qualität der Matratzen. So bekamen die Gehilfen einfache Federkernmatratzen, die einfachen Wissenschaftler etwas bessere Schaummatratzen und die führenden Kräfte, zu denen auch Enrico gezählt wurde, hochwertige Latexmatratzen.
Am heutigen Vormittag hatte Enrico noch die letzten Arbeiten des Aufbaus und der Einrichtung für das zusätzliche Zelt überwacht, die Plane in einem unauffälligen schieferfarbenen Grau gehalten. Es sollte direkt hinter dem großen grünen Zelt stehen, in dem Dr. Maurer mit ihrem Gatten wohnen würde und war für Dr. Greiner, dem Geologen, und seine Frau vorgesehen.
Aber viel wichtiger als das zusätzliche Zelt, zudem dieses eigentlich gar keiner Überwachung bedurfte, war ihm in diesem Moment das Herrichten des Zeltes von Dr. Maurer mit all den Hochzeitsgeschenken der alten Teammitglieder. Dr. Petra Maurer liebte es überrascht zu werden, wie er hörte. Und er war derjenige, der dafür sorgen sollte, dass alles klappte und nett aussah.
Schließlich war Enrico ihr neuer persönlicher Assistent, nachdem ihr vorheriger, Marco Angelotti, bei den Untersuchungen im Sommer in der Höhle bei Köln unter bislang ungeklärten Umständen, wie es so schön hieß, sein Leben verlor. Und Marco hatte nicht nur bei den Arbeiten assistiert, wie aus den Erzählungen zu vernehmen war, sondern auch stets für das leibliche und seelische Wohl Dr. Maurers gesorgt und dem wollte Enrico in nichts nachstehen, auch wenn ihm diese Arbeiten arg missfielen. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, schlechter, als sein Vorgänger zu sein, also nahm er sich dieser nervenden Aufgaben an.
In den Nachrichten, ob nun speziell deutsche, oder allgemein europäische, war nicht viel über die Vorgänge in Köln zu lesen gewesen. Ein Unfall soll es gewesen sein, mehr war aus den Medien nicht zu hören. Keine Angaben über die Art und die Umstände des sogenannten Unfalls und des damit zusammenhängenden Todes des Marco Angelotti und seiner Kollegen. Aber das glaubte Enrico nicht. Es war schon merkwürdig, da sich die Medien, ob nun Fernsehen, oder Tageszeitungen, vom Internet mal ganz zu schweigen, bei solchen Unglücksfällen doch sonst so tief reinknieten, bis sie etwas Handfestes vorzuweisen hatten. Und wenn das nicht der Fall war, dann gab es immer noch einschlägige Redaktionen, die sich irgendetwas aus den Fingern sogen. Aber selbst das gab es nicht. Das klang unter dem Strich für Enrico alles ganz stark nach Nachrichtensperre, oder so etwas in der Art. Wie auch immer, vielleicht würde er im Laufe der nächsten Zeit mehr aus erster Hand erfahren.
Enrico hatte sich im Spätsommer auf die ausgeschriebene Stelle als persönlicher Assistent bei diesem Projekt hier in der Gegend um Neapel beworben und dank ein paar Hebel, die er daraufhin in Bewegung setzte, auch bekommen. Was ein paar Beziehungen doch ausmachen konnten. Enrico kannte jemand, der wiederum kannte jemand anderen, der einen Verwandten im Institut hatte. Einen Verwandten in einer höheren Anstellung wohlgemerkt.
Enrico stand in der Mitte des Zeltes, die leichten Böen verursachten immer noch in unbestimmten Abständen dieses knallende Geräusch auf dem Zeltgerüst, wenn die Plane dagegen schlug, begleitet vom Gezwitscher der letzten Zugvögel, die sich wegen der selbst für diese Gegend immer noch ungewöhnlich hohen Temperaturen für diese Jahreszeit noch nicht auf den Weg in den Süden weiteren gemacht hatten.
Er kratze sich mit der rechten Hand am Hinterkopf, verwuschelte dabei seine tiefschwarzen Haare und blickte sich um, die linke Hand in der Hosentasche vergraben. Er war ein wenig ratlos, weil er mit solchen Dekorationen einfach nichts am Hut hatte und so nicht entscheiden konnte, ob es gut war, oder nicht, das was und wie er es hergerichtet hatte.
Die ausnahmslos silbernen metallenen Möbel, die ebenfalls einen gewissen militärischen Eindruck hinterließen, allerdings tatsächlich, im Gegensatz zu den Feldbetten, nicht aus militärischem Bestand stammten, standen mittlerweile so angeordnet, wie Enrico dachte, dass es am sinnvollsten war. Die beiden einfachen Einzelbetten nebeneinander am hinteren Rand, direkt gegenüber des Eingangs, mit einer Einheitsbettwäsche bezogen, wie sie für jeden im Camp vorgesehen war, da gab es, anders als bei der Auswahl der Matratzen, auch für Dr. Maurer keine Ausnahme.
Das Zentrum des Zeltes bildete der verhältnismäßig große Schreibtisch, beladen mit all den Unterlagen, die Dr. Maurer im Sommer bei ihrem überstürzten Aufbruch nach Köln liegen gelassen hatte. Daneben lagen die Fachbücher. Beides in mehrere saubere Stapel aufgehäuft, ein Computer mit Internetverbindung und zu guter Letzt das Telefon.
Ansonsten befand sich in dem Zelt nur noch eine kleine Kommode mit sechs großen Schubladen. Jede der einzelnen gab beim Öffnen und Schließen ein metallisches Kratzen von sich. Müssten mal geölt werden, dachte Enrico, als sein Blick durch das Zelt die Kommode erhaschte. Zu guter Letzt stand neben der Kommode ein anderthalb Meter breites und knapp zwei Meter hohes Stahlgestell mit einem beigen Stoffüberzug, welches als Kleiderschrank dienen sollte. Die Dusche, die es in jedem Zelt gab, hatte einen festen Standort, in einer hinteren Ecke und konnte nicht anders positioniert werden. Das hing mit den Auslässen für die Wasserschläuche zusammen.
Enrico war außerdem ratlos, weil er keine Ahnung hatte wo er die Geschenke unterbringen sollte. Es sollte schon nett wirken und nicht so, als wenn er sie einfach nur irgendwo abgestellt hätte, frei dem Motto „Hauptsache, das sie da sind“.
Entschlossen nahm er seine Hand vom Kopf, mit der er ununterbrochen seinen Hinterkopf gekratzt hatte. Die leichte Abschürfung, die dadurch entstanden war, nahm er kaum wahr. Er entschied sich dafür den Schreibtisch zu leeren, um so Platz für die Geschenke zu bekommen. Kurzerhand griff er sich die gesamten Unterlagen, stapelte sie zu einem unsortierten Haufen inklusive der Bücher und packte alles in die noch freien Schubladen der Kommode. Nachdem der Schreibtisch nun frei war, abgesehen von dem Computer und dem Telefon, und in seiner Gänze einen unwirklich erscheinende Glanz verstrahlte, die metallene Oberfläche wirkte wie poliert, fast wie ein Spiegel, räumte er die Geschenke darauf und besah sich schließlich sein Werk, nachdem er alles untergebracht hatte.
Ein paar Kerzen, Fackeln oder Ähnliches würden sich noch gut machen, dachte er, einer plötzlichen, sich ihm nicht erklärenden inneren Eingebung folgend. Irgendeine eine Art indirektes Licht. Dafür musste er aber nochmal in die Stadt fahren, um passende Accessoires zu besorgen.
Enrico schaute auf seine goldene Armbanduhr, eine Rolex. Ob echt, oder nicht verschwieg er stets, wenn er darauf angesprochen wurde. Es war erst kurz nach zwölf, wie die filigranen Zeiger ihm verrieten. Die Meldung, die er vor drei Tagen erhielt, lautete, dass Dr. Maurer am frühen Nachmittag ankommen würde. So hatte er also noch reichlich Zeit nach Neapel zu fahren, seine Besorgungen zu machen und rechtzeitig wieder zurück zu sein.
Enrico bereitete alles Restliche soweit vor, dekorierte die Grußkarten vor den Geschenken. Ein großer und bunt zusammengestellter Blumenstrauß, den er hinter den Geschenken auf einem Stapel Bücher drapierte, die er aus der Kommoden wieder für diesen Zweck hervorholte, bildete das Hauptaugenmerk.
Als er damit fertig war verließ er das Zelt, zog den Eingang zu und verschloss das Zelt mit einem Vorhängeschloss an den dafür vorgesehenen Ösen, damit in seiner Abwesenheit niemand hinein konnte. Zur Zeit war er der Einzige, der über die beide Schlüssel für dieses Zelt verfügte. Dann ging er zu seinem, ihm von dem Institut bereit gestellten, Fahrzeug. Es war ein kleiner Jeep, ein alter, verstaubter schwarzer Suzuki Vitara mit Ladefläche, anstatt einer zweiten Sitzreihe. Es kam einem Pickup gleich, nur viel kleiner. Der Vitara parkte direkt vor dem Zelt und der sandige Staub auf dem Blech glitzerte golden in der Sonne.
Enrico fuhr in die Innenstadt von Neapel. Das Geholpere, was durch den schlechten Zustand des Zubringerweges vom Camp zur Hauptstraße verursacht wurde, ein Schlagloch jagte das Nächste, nahm er dank der hervorragenden Federung des Vitara kaum wahr. Nur der aufwirbelnde Staub machte ihm zu schaffen, da der Wassertank der Scheibenwischanlage offensichtlich leer war. Jedenfalls kam kein Wasser heraus, als Enrico versuchte die Scheibe zu reinigen. Stattdessen verschmierten die Wischblätter den trockenen Staub nur noch mehr und die Sicht wurde eher schlechter, als besser.
Von einem persönlichen Geschenk für Dr. Maurer nahm er Abstand, obwohl er ursprünglich daran gedacht hatte.
Enrico nutzte die Zeit, die er nun in Neapel verbrachte, auch noch für ein paar private Besorgungen, die er bisher nicht geschafft hatte. Nicht, dass diese besonders dringlich gewesen wären, noch nicht zumindest, aber was er hatte, hatte er. Und da er auch nicht wusste, ob er, wenn die Forschungen richtig aufgenommen waren, überhaupt noch eine Gelegenheit bekommen würde, nahm er diese jetzt gerne in Anspruch.
Nach einer guten Stunde hatte Enrico seine Besorgungen alle erledigt, die letzten Dekorationen für Dr. Maurer, als auch seine Privaten, und befand sich wieder auf dem Rückweg zur Forschungsstation. Kaum das er von der asphaltierten Hauptstraße erneut auf den sandigen Zubringerweg einbog, fiel ihm die Wischanlage wieder ein, als die erste Staubwolke von den breiten Reifen des Vitara heraufgeschleudert wurde. Er hatte sich auf dem Weg nach Neapel so sehr an die schlechte Sicht gewöhnt, dass er glatt vergaß Wasser für die Wischanlage zu besorgen.
Im Camp angekommen packte er zunächst seine privaten Besorgungen in sein Zelt, verstaute sie ordentlich in seinem abschließbaren Spind, der farblich zu der übrigen Einrichtung passte, auch wenn die Spinde nicht aus Stahl bestanden, sondern aus bedeutend billigerem Blech, bevor er sich wieder in das große grüne Zelt der Forschungsleitung begab und die restliche Dekoration für Dr. Maurer beendete.
Er stellte die verschieden großen Petroleumlampen, die wie alte Laternen aussahen, vier an der Zahl waren es und in unterschiedlichen Farben gehalten, eine in Orange, eine in Grün, in hellem Blau und die Letzte hatte ein zartes Rot, in einem Halbkreis vor den Geschenken auf den Tisch. Dann zündete er eine nach der anderen an, um damit für eine gewisse Atmosphäre zu sorgen.
Danach ging er rückwärts vom Tisch weg und stellte sich an den Eingang, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, um sich sein Werk zu begutachten und den Blick zu haben, den Dr. Maurer haben würde, wenn sie das Zelt betrat.
Zufrieden drehte er sich um und ging hinaus. Aus der Ferne hörte er ein Motorengeräusch und sah eine große Staubwolke hinter einem der kleinen Hügel aufstoben, über die der Weg führte, die immer näher kam. Enrico blickte in die Richtung aus der das Geräusch kam und sah einen weißen Transporter über den Hügel hinweg auf das Gelände des Camps zufahren, der sich vor der Silhouette des großen Vulkans hinter der Stadt immer mehr abhob. Zumindest muss der Transporter mal weiß gewesen sein, jetzt starrte er vor Dreck durch den ständig aufwirbelnden Staub, gut daran zu erkennen, dass die Windschutzscheibe mittlerweile von einem feuchten und braun schimmernden Kranz umrahmt wurde, dazwischen befand sich ein klares Loch, wo die Wischanlage ihre Dienste verrichtete und den Blick für den Fahrer freihielt. Die Federung schien nicht ganz so gut wie bei dem Vitara zu sein, denn der Transporter hüpfte und wackelte bei jedem Schlagloch, als wenn er gleich umkippen würde. Es sah irgendwie amüsant aus, wie sich der große Kastenwagen über den Weg quälte.
Das warme Licht der süditalienischen Nachmittagssonne wurde in unregelmäßigen Abständen, mal mehr, mal weniger, von dem trotz des Staubes immer noch hellen Blech des Transportes reflektiert und blendete Enrico zuweilen, so dass er nicht umhin kam zu Blinzeln und sich dabei ärgerte, dass er seine Sonnenbrille, eine teure Ray Ban, in seinem Zelt liegen gelassen hatte, nachdem er seine Sachen verstaut hatte.
Bei den dort Ankommenden konnte es sich nur um Dr. Maurer und ihre Begleiter handeln.
Geduldig wartete Enrico vor dem Zelt stehend auf die Ankunft seiner neuen Chefin.
Italien, nahe Rom
Montag, o4. Oktober
Der weiße Transporter, ein VW-Bully T5 der letzten Baureihe, fuhr von der Raststätte wieder auf die Autobahn, um die letzte Etappe der rund zweitausend Kilometer langen Fahrt anzutreten. Es war eine lange Fahrt gewesen. Von Hamburg ging es quer durch Deutschland, Österreich, über den Brenner und fast durch ganz Italien. Nun standen die letzten Kilometer an, bis die Reisegruppe Neapel erreichte.
Die Ehepaare Dr. Petra und Paul Maurer, sowie Dr. Franz und Marie Greiner waren zwar reichlich müde und abgespannt durch die lange Reise, aber doch auch aufgeregt, weil sie nun endlich in hoffentlich absehbarer Zeit an ihrem Zielort, dem Forschungscamp nahe dem Vesuv, ankommen würden.
Sie verließen soeben den Bereich um Rom, es war später Vormittag und sie waren noch voll in ihrem sich selbst gesetzten Zeitplan. Somit würden sie, wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommen sollte, wie geplant am Nachmittag im Camp ankommen.
Petra war am aufgeregtesten von allen. Sie hatte im Sommer bereits hier ihre Arbeit aufgenommen, wurde aber nach noch nicht einmal einem Monat von einem Kommissar aus Köln abberufen. In Absprache mit ihren Vorgesetzten ging das auch in Ordnung und die Forschungsarbeit an den Höhlen des Vesuv wurden vorerst auf Eis gelegt.
Doch nun kehrte sie zurück. Die Erlebnisse der vergangenen Monate hatte sie, so gut es ging, verdrängt. Dabei halfen ihr sicherlich auch die Veränderungen in ihrem Privatleben. Zu den Untersuchungen in Köln im Sommer hatte sie alte Schulfreunde hinzu gebeten. So eben auch Paul Maurer, in den sie bereits zu Schulzeiten verknallt war. Und, wie sich dann im Verlaufe der Zeit in Köln heraus stellte, ihm erging es nicht anders.
Die beiden heirateten im September. Am gleichen Tag, zur gleichen Zeit, taten es ihnen Franz und Marie Greiner gleich. Sie organisierten eine Doppelhochzeit in der Hamburger St. Michaelis Kirche und verbrachten auch die Flitterwochen gemeinsam in einem Domizil in der Schweiz.
Petra hatte im Institut ein gutes Wort für die drei eingelegt, so dass sie nun alle am Vesuv die Forschungen durchführen würden. Franz war Geologe und Petra argumentierte, dass ein Solcher im Team fehle, aber durchaus von Nutzen sein konnte, wenn es daran ging die Ursachen der Ausbrüche des Vesuv zu ergründen. Bei Paul und Marie war es zwar ein wenig schwieriger ihre Vorgesetzten zu überzeugen, aber auch das gelang ihr.
Das Team von Petra bekam ein fast komplett anderes Gesicht im Vergleich zum Sommer. Sie hatte damals einige ihrer Mitarbeiter ebenfalls nach Köln kommen lassen, unter anderem ihren persönlichen Assistenten. Doch leider kamen ausnahmslos alle ums Leben.
Petra machte sich im Nachhinein einige Vorwürfe deswegen, gab sich selber die Schuld daran. Da half es auch nichts, dass von vielen Seiten versucht wurde ihr das auszureden. Tief in ihr drin verharrte dieses Gefühl der Schuld.
„Wollen wir uns nicht mit Singen die Zeit vertreiben?“, fragte Paul in die Runde nachdem sie bereits wieder seit einer guten Stunde unterwegs waren und begann auch sogleich damit ein italienisches Lied anzustimmen, irgendetwas von Gianna Nannini, könnte aber auch von Eros Ramazzotti gewesen sein. So genau vermochte das keiner zu sagen, denn das Problem daran war, dass Paul einerseits nicht singen und andererseits auch überhaupt kein italienisch konnte. So fiel die Aussprache auch entsprechend aus und die Definition dessen, was er da von sich gab war nahezu unmöglich.
„Oh bitte, Paul! Hör auf, das hört sich ja scheußlich an“, bat Petra in einem stark genervten Tonfall und konnte sich dennoch ein Grinsen nicht verkneifen. Doch Paul ließ sich davon nicht stören, er wurde sogar noch lauter und inbrünstiger in seiner Interpretation des Songs.
Franz und Marie schliefen auf der Matratze, die im Laderaum lag und als provisorisches Bett für die Fahrt diente, eingerahmt von dem Gepäck ringsherum, was zusätzlich den Effekt mit sich brachte, dass die Matratze nicht verrutschen konnte. Doch aufgrund des lauten Gejaules von Paul, anders konnte man es nicht bezeichnen, von Gesang zu sprechen wäre eine Beleidigung für jeden Sänger gewesen, erwachten beide nahezu gleichzeitig.
„Was ist denn das für ein Krach?“, fragte Franz halb verschlafen und mit einer gequält klingenden Stimme. „Mach doch mal jemand das Radio leiser! So bekommt man doch kein Auge zu.“
„Wenn es denn das Radio wäre“, rief Petra amüsiert vom Beifahrersitz nach hinten und knuffte Paul dabei spielerisch in die Seite.
„Hey, was ist denn? Ein bisschen Unterhaltung kann doch nicht schaden. Ihr seid doch totale Kulturbanausen.“ Paul griente dabei.
„Unterhaltung? Du meinst wohl Folter.“ Franz streckte sich und versuchte dann die Müdigkeit aus den Augen zu reiben. „Wie weit sind wir denn jetzt?“ Franz setzte sich aufrecht hin und streckte sich ein weiteres Mal wobei er seine Fingergelenke knacken ließ. Marie lag immer noch neben ihm. Sie war wieder eingedöst, nachdem sie einmal kurz aufgeschaut und verständnislos den Kopf geschüttelt hatte.
„Wir müssten in knapp anderthalb Stunden ankommen, denke ich“, gab Paul nach einem kurzen Blick auf das Navi zur Antwort. „Wenn denn die Straßen bloß in einem besseren Zustand wären, dann würden wir besser vorankommen, aber dagegen kann ich nichts machen.“
„Das bisschen Gehoppel ist bedeutend weniger schlimm, als dein Gesang, falls du es denn als Solches bezeichnen willst.“ Franz krabbelte nach vorne, nachdem er sich seine Hose angezogen hatte, setzte sich zwischen Petra und Paul auf den mittleren der drei Sitze und schaltete das Radio ein. „Da wird mit Sicherheit was Besseres kommen“, kommentierte er spitzbübisch.
„Ja, ja. Macht ihr euch nur lustig über mich. Ist schon in Ordnung. Da will man nur die Stimmung etwas anheben und dann wird man auch noch dafür kritisiert.“ Paul spielte mal wieder den Beleidigten. Mittlerweile aber kannten die anderen seine Spielchen und gingen gar nicht mehr darauf ein.
Die nächste Zeit verlief die Fahrt ruhig und ohne weitere Störungen durch schiefes Singen. Auch der Verkehr, den man in Italien bedeutend schlimmer kannte, hielt sich in Grenzen, so dass es zu keinem Stau kam. Die Autobahn war zwar gut gefüllt, aber eben so, dass sie doch zügig voran kamen.
Als sie die Abfahrt nach Neapel erreichten und dort abfuhren war es kurz vor halb vier. Petra hatte ihrem Team eine Mitteilung geschrieben, dass sie gegen vier da sein wollten. Das sollte nun auch klappen. Weit war es nicht mehr und im Hintergrund erhob sich bereits der Vesuv vor ihnen. Die hügeligen Ausläufer, in denen sich das Camp befand, waren auch bereits zu sehen, als sie nun auf den Feldweg abbogen, der zum Camp führte. Das Ende der Fahrt kam in Sicht, was bei allen eine gewisse Erleichterung auslöste.
„Was genau ist denn nun eigentlich deine Aufgabe hier?“, wollte Marie wissen, die nun ebenfalls zwischenzeitlich aufgewacht war und sich hinter die Vordersitze gehockt hatte.
„Wir sollen die Höhlen rund um den Vesuv erkunden. Wie verzweigt sie sind, wie tief sie reichen. Schauen, wie weit wir in die Nähe der großen Magmakammer kommen“, begann Petra zu erklären.
„Der Hauptaspekt liegt in der Erforschung des Gesteins. Daher konnte ich auch ohne große Probleme das Institut davon überzeugen Franz mitzunehmen, da wir keinen echten Geologen im Team haben. Das Ziel der Forschungsarbeit ist eine genauere Vorhersage eines Ausbruchs. Es wird erhofft, dass wir anhand der Lage der Höhlen und der Arten des Gesteins tief unten im Berg diesbezüglich Kenntnisse erlangen, die die Vorhersagen präziser machen.“
Petra hätte noch länger reden können, wenn sie erstmal angefangen hatte über ihren Job zu sprechen, dann konnte sie so schnell auch nicht wieder aufhören, Paul hätte davon ein Lied singen können, aber ein Blick ins Gesicht von Marie, als sie sich zu ihr umdrehte, zeigte Petra deutlich, dass Marie wohl beim zweiten Satz schon nicht mehr viel verstanden hatte.
„Alles klar, ich weiß Bescheid“, kam dann auch die passende Antwort, begleitet von einer abwehrenden Geste, sie fuhr sich mit der flachen rechten Hand über das Gesicht und den Kopf und verdrehte die Augen dabei. „Franz hat mir auch schon so etwas in der Art gesagt, aber ich verstehe nur Bahnhof.“
„So lange du nicht vergisst die Notizen aufzuschreiben, die wir dir diktieren, ist alles gut. Es wird auf jeden Fall eine spannende Sache werden“, sagte Franz und nahm Marie liebevoll in den Arm.
„Ja, ja, die blöde Tippse ist es dann wieder, die die Fehler im Zweifel gemacht hat.“ Marie boxte Franz spielerisch in die Seite und gab ihm dann einen langen Kuss.
„Ich glaube wir sind da. Schaut mal da vorn.“ Paul zeigte auf ein Zeltlager am Ende des Weges, den sie entlang fuhren. Es staubte gewaltig und die Wischanlage tat ihr Bestes, um die Sicht freizuhalten.
„Ja, das ist es“, sagte Petra und machte dabei einen aufgeregten Eindruck. Sie rutschte auf ihrem Sitz unruhig hin und her. „Seht, da hinten das große dunkelgrüne Zelt mit dem kleinen Fähnchen auf der Spitze, das ist meins.“
„Du meinst unseres“, empörte sich Paul.
„Wie kommst du darauf, dass wir ein gemeinsames Zelt haben?“, neckte Petra ihren Mann. „Ich dachte für dich reicht eine Luftmatratze unter freiem Himmel.“ Zur Antwort bekam sie einen bösen Seitenblick von Paul und dann lachten beide.
„Und in welchem wohnen Franz und ich?“, wollte Marie wissen.
„Das etwas kleinere schräg dahinter müsste es sein.“ Petra war damit beschäftigt ihre Handtasche einzuräumen, als der Transporter über einen der vielen Huckel fuhr, wodurch sie sich den Kopf an dem offenen Handschuhfach stieß. „Aua, kannst du nicht aufpassen?“ Petra rieb sich die Stelle, an der sie sich gestoßen hatte.
„Hey, was kann ich denn für die Straßenverhältnisse? Ist doch nicht meine Schuld, wenn es hier von Schlaglöchern wimmelt. Kannste ja als Arbeitsunfall angeben, vielleicht sorgt dein Institut dann dafür, dass der Weg asphaltiert wird“, gab Paul, mal wieder beleidigt, zur Antwort. „Wer steht denn da vor deinem Zelt?“, fragte Franz und deutete nach vorn. „Der scheint auf uns zu warten.“
„Das dürfte dann wohl mein neuer Assistent sein, nehme ich an. Warte, irgendwo habe ich den Namen aufgeschrieben.“ Petra kramte in der soeben eingeräumten Handtasche nach ihrem Notizblock. Die Folge war, dass sie die halbe Tasche wieder ausräumen musste. „Da ist es ja.“ Sie blätterte den Block durch bis sie auf einer Seite verharrte. „Ah hier. Enrico heißt er. Enrico Chiaro.“
Der Transporter fuhr geradewegs auf das Zelt zu. Enrico stand abwartend davor, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Paul wollte sich einen Scherz erlauben und den Italiener etwas erschrecken. Er bremste langsam ab, tat dann aber so, als wenn der Motor einen Aussetzer hätte und mit Schwung nach vorne preschte. Erst im letzten Moment stieg er mit voller Wucht wieder auf die Bremse und kam einen knappen halben Meter vor Enrico zum Stehen.
„Was sollte das denn jetzt?“ Petra schüttelte entgeistert den Kopf. „Aber gebracht hat es nichts, dein Versuch ihn zu erschrecken, oder was auch immer du damit bezwecken wolltest. Er steht wie eine Eins.“
Paul ärgerte sich, zeigte es aber nicht. „Ich habe gar nichts gemacht. Die italienische Luft scheint dem Motor nicht zu bekommen. Dann hat der schon mal solche Aussetzer.“, gab er seine Erklärung ab. Paul schaltete den Motor aus, öffnete die Tür und sprang, mehr oder weniger elegant, in den trockenen Staub, der sich nach seiner rüpelhaften Aktion langsam wieder legte. „Viva Italia mein Guter!“, begrüßte er den nun doch leicht perplex wirkenden Enrico. „Tust du mich verstehen? Spaghetti, Tortellini, Mafia, si?“, rief er Enrico übertrieben laut zu.
„Ich wünsche eine angenehme Reise gehabt zu haben!“, sagte Enrico in perfektem deutsch. Nun war es Paul, der perplex war und sich sogar ein wenig für sein Auftreten schämte. Petra, Franz und Marie, die ebenfalls zwischenzeitlich ausgestiegen waren, konnten sich vor Lachen kaum halten.
Petra ging auf Enrico zu. „Danke sehr. Ja, angenehm war sie, meistens jedenfalls, wenn auch sehr lang und ermüdend. Ich bin Dr. Petra Maurer.“
„Willkommen im Camp. Ich bin Enrico Chiaro, Ihr neuer Assistent.“ Die beiden gaben sich zur Begrüßung die Hand. „Petra, wenn es nichts ausmacht. Ich mag dieses Gesieze nicht besonders.“
„Kein Problem, sehr gerne. Dann Enrico für sie... ich meine für dich.“
„Wenn ich dir meine Begleiter vorstellen darf. Der Herr in der Safariweste, das ist Dr. Franz Greiner, unser Geologe. Daneben seine Frau und unsere Protokollantin Marie. Und der Clown da, das ist mein Mann Paul“, machte Petra die drei bekannt.
„Clown, Nervensäge, kann nicht singen... Ist ja toll, wie über mich gedacht wird“, brummelte Paul nicht wirklich ernsthaft böse vor sich hin.
„Wenn ich dir nun dein Zelt zeigen darf?“, forderte Enrico Petra auf ihm durch den Eingang zu folgen. „Es wartet eine Überraschung auf dich.“ Damit drehte er sich um und öffnete das Schloss zum Zelt und trat ein.
„Eine Überraschung?“, entfuhr es Petra, drehte sich dabei fragend zu den anderen um und schaute in ratlose Gesichter.
„Na dann wollen wir doch mal sehen!“ Entschlossen und neugierig schritt Petra, gefolgt von Paul, in das Zeltinnere. Franz und Marie warteten draußen.
„Och schau doch mal Paul, ist das nicht süß?“ Petra war entzückt und überwältigt zugleich. Sie hatte vor ihrer Abreise vor rund vier Monaten lediglich einen knappen Monat mit ihrem Team verbracht und kannte vorher nicht einen Einzigen und jetzt blickte sie auf eine Vielzahl Geschenke und Glückwunschkarten. Ihr Team musste sie damals bereits fest ins Herz geschlossen haben. Anders wäre dieser Anblick nicht zu erklären gewesen.
„Ja, ganz nett.“ Paul schlenderte leise pfeifend durch das Zelt und tat unbeteiligt und desinteressiert. Enrico hatte das Zelt wieder verlassen, nachdem Petra und Paul eingetreten waren.
„Ach Paul! Wir sind alleine, da brauchst du nicht mehr den coolen Typen spielen.“
„Ach so, du findest mich also eigentlich gar nicht cool! Na, das merke ich mir.“ Er ging zu ihr, schlang seine Arme um ihre Hüfte, drehte sie zu sich herum und gab ihr einen langen Kuss auf den Mund.
Zärtlich befreite sich Petra aus der Umklammerung und lächelte. „Komm, mein großer Brummbär. Die Geschenke machen wir heute Abend in aller Ruhe auf. Ich möchte mir vorher ein wenig den Stand der Arbeiten in Erinnerung rufen, damit wir morgen endlich richtig mit den Arbeiten starten können.“
Petra zog Paul mit sich wieder nach draußen. „Warte!“, bat er. „Ich will bloß noch die Lampen auspusten.“ Manchmal war Paul doch überraschend umsichtig, dachte Petra und bedachte Paul mit einem liebevollen Blick.
Als er allen Lampen die Flamme genommen hatte, gingen beide Hand in Hand aus dem Zelt und stellten erstaunt fest, dass dort niemand mehr war. „Enrico wird Marie und Franz ihr Zelt zeigen. Komm, gehen wir nachschauen.“ Petra und Paul gingen um das große grüne Zelt herum zu dem Zelt, von dem Petra sprach, dass es für die Greiners gedacht sei.
Von drinnen waren Stimmen zu hören, was darauf hindeutete, dass Petra mit ihrer Annahme richtig lag. Ungefragt betraten die beiden das Zelt. Enrico und Franz unterhielten sich bereits über die Höhlen, wie Petra bemerkte, während Marie damit beschäftigt war, die Kleidung in den Schrank zu räumen und daran leicht verzweifelte, weil sie mehr eingepackt hatte, als in diesem Schrank Platz war.
Das Zelt unterschied sich kaum von ihrem eigenen. Es war etwas kleiner und es gab keinen dekorierten Tisch mit irgendwelchen Glückwünschen. Aber die Einrichtung als Solches war identisch.
„Ihr seid schon am fachsimpeln, wie ich höre“, sagte Petra, als sie sich zu Franz und Enrico stellte.
„Ja, hat sich so ergeben“, antwortete Franz. „Schlimm?“
„Nein, aber dann lasst uns doch gemeinsam zum Kommandozelt gehen. Dann kann ich mir auch einen Überblick verschaffen.“
„Einverstanden. Marie, du bleibst hier?“, fragte Franz an seine Frau gewandt.
„Klar. Dann kann ich in Ruhe weiter auspacken.“ Dann murmelte sie noch etwas vor sich hin, worin Franz meinte einen gewissen Unmut herauszuhören. Ob dies nun wegen dem wenigen Platz im Schrank war, oder weil er sich gleich an die Arbeit machte, wusste er nicht.
„Und ich werde mich in der Zeit aufs Ohr hauen, wenn es niemand stört. Schließlich habe ich die meiste Zeit der Fahrt am Steuer gesessen.“ Wie zur Bestätigung gähnte Paul ausgedehnt.
„Mach nur, Paul, kein Problem.“ Petra gab ihm noch einen schnellen Kuss auf die Wange, wofür sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, und verschwand dann mit Enrico und Franz. Paul verabschiedete sich von Marie, ging in sein Zelt und legte sich schlafen. Er entledigte sich keines Kleidungsstückes, sogar die Schuhe behielt er an, ließ sich einfach auf das Bett plumpsen und verfiel sofort in einen tiefen Schlummer.
Petra, Franz und Enrico hingegen begaben sich in das große rote Kommandozelt. „Ich habe einen Teil der Unterlagen dort auf einen Stapel gelegt.“ Enrico deutete auf einen sauber aufgeschichteten Haufen Papiere. Es waren die Unterlagen, die Petra im Sommer hinterlassen hatte. Aber eben nur ein Teil davon, der Rest befand sich noch in den Schubladen der Kommode in ihrem Wohnzelt. Sie setzte sich an den Tisch und sah sie sich durch, um sich wieder in ihre Aufgabe hineinzuversetzen.
Währenddessen zeigte Enrico Franz die Pläne von den bekannten Höhlen, die es bisher gab und erklärte Franz, wie er dachte dass man vorgehen sollte.
„Was für Arten Gestein kommen denn hier am häufigsten vor? Weiß man das?“, fragte Franz.
„Nein. In dieser Richtung gab es noch keine genaueren Untersuchungen soweit ich weiß. Das sollte auch ein Teil dieser Forschungen sein, was die Tatsache, warum bis zu Ihrer Ankunft heute, noch kein Geologe dabei war etwas seltsam dastehen lässt. Wobei ich auch ehrlich gesagt nicht ganz verstehe was die Gesteine mit unserer Aufgabe zu tun haben.“ Enrico nahm die Gelegenheit wahr und versuchte zu ergründen was ein Geologe hier zu suchen hatte. Ein Vulkanologe wäre sinnvoll gewesen, ja, aber ein Geologe?
„Nun, eigentlich ganz einfach“, begann Franz zu erklären. „Jedes Gestein verfügt über ganz eigene Eigenschaften. Dazu gehören unter anderem die Härte, die Dichte und, ganz besonders wichtig in diesem Kontext hier, der Schmelzgrad. Besonders der ist entscheidend für die Arbeit hier. Wenn wir wissen mit welchem Gestein wir es zu tun haben, dann kennen wir auch deren Eigenschaften und können anhand dessen beurteilen, inwieweit diese einen möglichen Ausbruch forcieren, oder zurückhalten können.“
„Hm, klingt einleuchtend.“ Enrico kratzte sich am Kinn und dachte, dass er sich mal rasieren müsse. „Und Sie können nur aufgrund des Aussehens die Art bestimmen?“ Enrico war immer noch etwas skeptisch.
„Nein, nicht nur anhand des Aussehens. Es gibt durchaus Gesteine, die sich in ihrem Erscheinungsbild ähneln. Ich muss aber, um ganz sicher zu gehen, Proben nehmen und diese dann mikroskopisch untersuchen, um die genaue Zusammensetzung zu bestimmen. Kaum ein Gestein ist hundertprozentig rein, verstehen Sie? In Vulkangebieten kommen im Regelfall immer dieselben Arten vor, aber es kann auch variieren.“
„Ich denke es reicht für heute.“ Petra gesellte sich zu den beiden. „Ich werde mir die Unterlagen mit ins Zelt nehmen und heute Abend noch in Ruhe durchsehen, da habe ich dann auch die anderen, aber ich brauche jetzt auch noch etwas Entspannung nach der Reise.“ Petra gähnte.
„In Ordnung. Ich lasse euch noch etwas zu essen und trinken bringen.“ Enrico wollte schon gehen, als Petra ihm noch zurief: „Danke Enrico. Wir starten dann morgen früh um acht mit einer kurzen Lagebesprechung, hier im Kommandozelt. Sage bitte allen Bescheid, das sie auch pünktlich sind.“
„Mach ich“, antwortete er und entschwand.
„Kommst du Franz?“
Petra und Franz verließen schweigend das Kommandozelt und schlenderten zurück zu ihren Wohnzelten. Petra hielt ihre Unterlagen unter dem Arm. „Irgendetwas stimmt nicht“, sagte sie unvermittelt.
„Was denn?“ Franz hatte keine Ahnung, was sie meinen könnte. Für ihn sah alles sehr gut organisiert aus, besser, als er es zum Teil von seinen Expeditionen gewohnt war.
„Ich weiß auch nicht genau. Mir kommt es so vor, als wenn die Unterlagen nicht vollständig sind, was ja auch stimmt, wenn noch welche in der Kommode sein sollen, aber auch, als wären sie stellenweise verfälscht worden.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht täusche ich mich auch, weil es halt nicht alle sind. Deswegen habe ich sie mitgenommen, um sie mir in Ruhe nochmal durchzulesen. Wie gesagt, vielleicht täusche ich mich auch. Es ist ja auch schon eine Weile her, dass ich hier war und mein Gedächtnis war noch nie das Beste.“
Franz nickt zustimmend. Er konnte sich noch gut erinnern wie es zu gemeinsamen Schulzeiten war, wie oft Petra irgendwelche Hausaufgaben, oder anstehende Klausuren und entsprechend das Üben dafür vergessen hatte. Er schmunzelte, wenn er daran dachte, wie oft sie völlig abgehetzt manchmal in die Schule kam und versuchte auf den letzten Drücker den Stoff in den Kopf zu bekommen.
Als sie an den Zelten ankamen wünschten sie sich gegenseitig eine gute Nacht und verabredeten, dass sie sich am nächsten Morgen um sieben zum gemeinsamen Frühstück in Petras Zelt treffen.
Petra ging hinein, Paul lag immer noch in seinen Klamotten auf dem Bett und schnarchte so laut, dass man Angst haben musste das ganze Camp würde davon wach werden, oder gar nicht erst einschlafen können. Sie legte sich sogleich auf das andere Bett und nahm sich die Unterlagen zur Hand.
Seite um Seite ging sie die Notizen durch, stand noch einmal auf, um sich die Übrigen aus der Kommode zu holen, und es beschlich sie immer mehr das Gefühl, dass es Ungereimtheiten in den Unterlagen gab. Nur sie konnte diese nicht benennen. Aber vielleicht war sie auch einfach nur übermüdet.
Eine Stunde später schlief sie mit den Unterlagen auf dem Bauch ein.
Forschungsstation am Vesuv
Dienstag, o5. Oktober
Der Eingang zu dem grünen Zelt der Forschungsleitung wurde mit einem leisen Rascheln beiseite geschoben und Marie kam herein.
Paul stand noch unter der Dusche, seine Silhouette war hinter dem hellen Vorhang schemenhaft zu erkennen und er pfiff fröhlich ein Lied vor sich hin. Es machte den Eindruck, dass er sich durch sein frühes und dadurch langes Schlafen des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht sehr gut erholt hatte.
Petra war dabei den silbern glänzenden Tisch für das Frühstück zu decken, sie verteilte gerade die Teller, einfaches Blechgeschirr, das ebenfalls, wie die Feldbetten, aus alten militärischen Beständen kam. Sie hatte am gestrigen Abend noch eine Weile über ihren Notizen gesessen. Alles in Allem klangen sie in sich schlüssig und doch behielt sie das unbestimmte Gefühl, dass etwas daran nicht stimmte.
„Guten Morgen!“, rief Marie, ließ die schwere Plane des Eingangs zufallen, stellte ihre Handtasche auf einen der Stühle und half Petra beim Decken des Tisches. „Franz kommt auch gleich. Er wollte nur noch seine Tasche mit dem Notwendigsten packen, wie er sagte, damit wir nachher gleich gemeinsam zur Besprechung können und nicht nochmal zurück müssen“, sagte sie, während sie dabei das Besteck neben den Tellern verteilte.
„Macht Sinn, auch wenn die Wege nun nicht so wirklich lang sind, aber so ist er eben, stets auf alles vorbereitet und gut organisiert. So war er schon immer.“ Petra reichte Marie währenddessen ein kleines Tablett mit Butter und verschiedenen Marmeladen. Marie nahm es entgegen und stellte es auf dem Tisch ab während Petra noch Aufschnitt und Käse aus dem kleinen Kühlschrank holte.
„Du kennst ihn länger als ich, aber ich habe auch schon gemerkt, dass er sehr genau in solchen Dingen ist.“ Marie nahm Petra den Berg der aufgeschichteten Packungen Wurst und Käse aus der Hand.
Paul kam in diesem Moment nackt aus der Dusche und bemerkte im ersten Moment gar nicht, dass er nicht mehr alleine mit Petra im Zelt war. Er ging immer noch fröhlich pfeifend zu dem Kleiderschrank, um sich Klamotten für den Tag herauszunehmen. Er pfiff vor sich hin und erschrak, als er von einer Stimme, die nicht Petra gehörte, überrascht wurde.
„Netter Arsch!“, sagte Marie im Vorbeigehen und Petra konnte sich eines Kommentars auch nicht verwehren. „Sagte ich doch, dass seiner knackiger ist, als der von Franz. Und das trotz seines Jobs als Fahrer, wo man ja denken könnte, dass er platt gesessen sein müsse.“ Beide Frauen grinsten schelmisch und fingen schließlich laut an zu lachen. Paul drehte sich um und wurde hochrot vor Scham. Doch er hatte sich gleich wieder gefangen.
„Woher weißt du denn was Franz für einen Hintern hat?“ fragte Paul in gespielt eifersüchtiger Art und stemmte dabei die geballten Hände in die Hüften, baute sich in seiner ganzen Männerpracht auf, Brust raus, Bauch rein, wie man so schön sagt. Er hatte offensichtlich schon wieder vergessen, dass er immer noch nichts anhatte.
„Was machst du denn da?“, schallte in diesem Augenblick die Stimme von Franz vom Eingang her durch das Zelt. „Willst du dir nichts anziehen, oder habe ich den Beginn einer Orgie verpasst?“
„Hä?“, machte Paul begriffsstutzig und sah an sich herunter. „Oh“, kam dann noch hinterher und dann beeilte er sich mit dem Anziehen.
Als alle am Tisch saßen war der nackte Paul schon wieder Schnee von gestern. Sie unterhielten sich zunächst über Belangloses bis Franz dann aber doch zum Thema ihrer bevorstehenden Aufgabe kam. „Wie hast du dir denn vorgestellt mit den Forschungen zu starten Petra?“ Petra war noch aus einem anderen Grunde froh, dass Franz dabei war. Franz hatte schon einige Expeditionen hinter sich, bei denen er die leitende Kraft war, er hatte auf diesem Gebiet viel mehr Erfahrung, als sie selbst. Für sie war es die erste Anstellung in einer leitenden Tätigkeit und so herrschte bei Petra doch noch eine gewisse Unsicherheit und Nervosität vor.
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