Knochenraub am Orinoko - Cornelie Kister - E-Book

Knochenraub am Orinoko E-Book

Cornelie Kister

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Beschreibung

Ein Abenteuer mit Alexander von Humboldt Die Pizarro befindet sich auf hoher See, als ein blinder Passagier entdeckt wird: der elfjährige Pedro. Zum Glück stellt Alexander von Humboldt, der den Verlauf des Orinoko erforschen will, ihn als Gehilfen ein. Noch ahnt Pedro nicht, wie sehr der Forscher bald seine Hilfe brauchen wird. Denn Humboldts großes Ziel ist die Knochenhöhle von Ataruipe, eine heilige Totenstätte der Indianer. Als er eines der heiligen Skelette stiehlt, zieht er den Fluch der Indianer auf sich...

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EPUB

Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Cornelie Kister

Knochenraub am Orinoko

Ein Abenteuer mit Alexander von Humboldt

Mit Illustrationenvon Uwe Mayer

Deutscher Taschenbuch Verlag

© 2010Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41239-1 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-76007-2

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/​ebooks

Für Henriette und Frieder

Erwischt!

»Wenn nicht bald was passiert, werde ich noch ganz krumm und schief«, murrte Pedro im Dunkel seiner Kiste. Seit Tagen schon lag er zusammengekauert zwischen Schiffstauen und schmutzigen Segeltüchern und traute sich kaum zu atmen. Nur in der Nacht, wenn die meisten an Bord schliefen und das Schiff träge auf den Wellen hin und her schaukelte, wagte Pedro sich aus seinem Versteck heraus. Dann musste er erst einmal seine steifen Glieder strecken, bevor er über die Planken in den Bauch des Schiffes huschte, um in der Kombüse nach etwas Essbarem zu suchen. Dass ihn nur ja keiner erwischte! Erst recht nicht dieser bärbeißige Kapitän, der den ganzen Tag Befehle übers Deck brüllte. Ganz klar, was er mit so einem halbwüchsigen blinden Passagier wie ihm machen würde. Kleinholz– oder noch Schlimmeres!

»Ewig kann ich mich aber nicht verstecken«, raunte Pedro. Er hatte schon seit Längerem mit niemandem mehr ein Wort gewechselt, sodass er wenigstens mit sich selbst sprechen musste, um nicht ganz zu vergessen, wie seine Stimme klang.

Plötzlich hörte Pedro, wie sich schwere Stiefelschritte seiner Kiste näherten. Er hielt die Luft an. Obwohl von draußen das Geschrei der Matrosen, die in den Wanten herumturnten, zu ihm drang, hatte er das Gefühl, dass sein Herzklopfen auf dem ganzen Schiff zu hören war. Die Stiefel blieben vor der Kiste stehen.

»Bitte, geh einfach weiter. Bitte!«, flehte Pedro, doch da hob sich bereits quietschend der schwere Kistendeckel, um im gleichen Moment mit einem lauten Knall wieder zuzuschlagen. Pedro hoffte inständig, dass sich die Stiefel entfernen würden. Aber nein. Ganz langsam wurde der Deckel erneut geöffnet. Das grelle Sonnenlicht traf Pedro wie ein Blitz, sodass er zunächst nichts erkennen konnte.

»Da soll mich doch der dreischwänzige Klabautermann holen!«, brummte eine tiefe Stimme über ihm. Eine kräftige Hand packte Pedro am Kragen und zog ihn auf die Füße. Er blinzelte unter zusammengekniffenen Augenlidern in ein hämisch grinsendes Matrosengesicht, in dessen Mitte ein Silberzahn funkelte. Die Haut des Matrosen war von Sonne und Meer braun gegerbt und graue Bartstoppeln überzogen wie Schmirgelpapier seine Wangen.

»Ein weiterer Gast auf der Pizarro!«, höhnte der Matrose und lachte boshaft. »Los«, herrschte er Pedro an und packte ihn unerbittlich am Kragen. Pedro stolperte, als er über den Kistenrand gezerrt wurde, und fiel vor dem Koloss von Matrosen fast auf die Planken.

Sein gehässiges Lachen hatte einige andere Matrosen, die gerade in der Nähe waren, herbeigelockt. Wie ein Schwerverbrecher wurde Pedro unter neugierigen und hämischen Blicken übers Deck geführt. »Da wird der Alte Augen machen! Hast dich wohl einfach an Bord geschmuggelt, du Früchtchen, was?« Der Seemann blickte stolz in die Runde, als wäre die Entdeckung von Pedro sein ganz persönlicher Triumph. »Aber da kennst du den alten Emilio nicht!« Wieder lachte er sein dreckiges Lachen. »Meinen Seemannsaugen entgeht nichts. Auch nicht so ’ne Laus wie du.« Dabei versetzte er Pedro einen unsanften Tritt in den Hintern.

»Was machst du mit dem Jungen da?«, rief eine empörte Frauenstimme. Einige Meter vor ihnen lehnte eine dicke Spanierin im Halbschatten der Reling und hielt ihr Kind an die Brust. Sie drückte das Baby rasch ihrer älteren Tochter in den Arm und stellte sich Pedros Peiniger in den Weg. »Lass ihn los! Du tust ihm weh! Siehst du nicht, dass er noch ein Kind ist«, schimpfte sie.

»Aus dem Weg, Weib«, bemerkte der Matrose ungerührt und schob die kräftige Frau achtlos zur Seite. »Ein blinder Passagier gehört vor den Kapitän, basta!« Er beugte sich zu Pedro hinunter und raunte ihm mit bedrohlicher Stimme ins Ohr: »Weißt du eigentlich, was man auf See mit solchen Gaunern wie dir macht?«

Pedro presste die Lippen aufeinander und hielt die Augen starr auf die Schiffsplanken gerichtet.

»Kapitän Sanchez«, brüllte Matrose Emilio in Richtung Ruder. »Sehen Sie mal, was ich hier aus der Bordkiste gefischt habe!« Der Kapitän stand mit dem Rücken zu ihnen und sprach gerade mit dem Steuermann. Als er sich auf dem Absatz umdrehte, blickte Pedro in sein bärtiges Gesicht und wusste sofort, dass ihn nichts Gutes erwartete.

Der Kapitän lief mit finsterer Miene auf Pedro zu, musterte ihn abschätzig von oben bis unten und fragte mit barscher Stimme: »Was hast du auf meinem Schiff zu suchen?«

Pedro hatte das Gefühl, dass ihn die stechend blauen Kapitänsaugen geradezu durchbohrten. »Ich… ich. Also… ich…«

»Los, antworte, oder soll ich die Worte aus dir herausprügeln lassen?« Die umstehenden Matrosen johlten.

»Ich bin von zu Hause weggelaufen«, stammelte Pedro leise. »Ich wollte zur See… weit weg von La Coruña.« Er wagte kaum hochzublicken.

»Und du glaubst, dass wir dir hier ein neues Zuhause bieten, oder was?«, brüllte der Kapitän. »Weißt du, was ich auf meinem Schiff mit blinden Passagieren zu tun pflege?«

»Kapitän Sanchez«, fuhr Emilio dazwischen, »soll ich ihn an den Mast binden oder über Bord werfen?«

»Schweig!«, schnauzte ihn der Kapitän an. »Die blinden Passagiere sind die Ersten, die ich schlachte und in Scheiben schneiden lasse, wenn die Fleischvorräte zu Ende gehen. Na, wie gefällt dir das?« Der Kapitän brach in ein schallendes Gelächter aus. Pedro blickte sich hilflos um, doch er konnte kein einziges mitfühlendes Gesicht entdecken. Er war umgeben von lauter übel aussehenden Kerlen, die ihn mit ihren schiefen, fauligen Zähnen, zwischen denen fingerbreite Lücken klafften, angrinsten.

»Was ist denn hier los?«, hörte Pedro jemanden über die Köpfe der Matrosen hinweg rufen.

Der Kapitän blickte in die Richtung, in der zwischen den strubbeligen Matrosenköpfen immer wieder ein Gesicht auftauchte, und raunte finster: »Der Herr Baron von Humboldt! Der hat mir gerade noch gefehlt.«

»Gibt es Probleme mit dem Jungen?«, fragte der Mann aufgebracht, nachdem er sich zwischen den Matrosen hindurchgeschoben hatte. Im Gegensatz zu den zerzausten Seemännern bot er mit seinen frisch rasierten Wangen und den gekämmten Locken einen gepflegten, vertrauenswürdigen Anblick.

»Das geht Sie einen feuchten Kehricht an, Herr Baron. Gehen Sie wieder zu Ihren Messgeräten und kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten.«

»Was hast du denn ausgefressen, mein Junge?«, fragte der feine Herr, ohne den Kapitän weiter zu beachten.

Pedro schaute zu ihm auf. Er hatte das Gefühl, dass er vor diesem Baron von Humboldt keine Angst zu haben brauchte. Dennoch zitterte seine Stimme etwas, als er, umzingelt von den Matrosen, antwortete: »Ich… ich hab mich in La Coruña an Bord geschmuggelt und jetzt hat mich dieser Matrose da erwischt.«

»Hmm.« Pedro spürte, wie der Baron ihn musterte. »Du musst ganz schön hungrig sein und Durst hast du bestimmt auch.« Und an Kapitän Sanchez gerichtet sagte Humboldt: »Also bitte, Kapitän Sanchez. Anstatt hier große Reden zu schwingen, sollten Sie dem Jungen besser etwas zu essen und zu trinken geben. Er ist ja noch ein Kind und dazu ganz ausgehungert. Ihre großartigen Schifffahrtsgesetze können Sie sich sparen.«

»Was wissen Sie schon davon! Einen Teufel werde ich tun und meine knapp bemessenen Lebensmittelvorräte an einen blinden Passagier verfüttern«, knurrte der Kapitän und blitzte Humboldt aus wütenden Augen an.

Doch dieser beachtete den Kapitän nicht länger und legte vertraulich den Arm um Pedros Schultern. »Ich heiße Alexander von Humboldt und bin mit meinem französischen Gefährten auf einer Forschungsreise in die südamerikanischen Kolonien. Komm ruhig erst mal mit mir, ich stelle dich ihm vor. Er heißt Aimé Bonpland.« An die Matrosen gewandt fügte er hinzu: »Könntet ihr uns bitte durchlassen?«

»Was erlauben Sie sich?«, empörte sich Kapitän Sanchez und stellte sich Humboldt in den Weg.

Jetzt ist es aus, dachte Pedro, doch dann hörte er zu seiner Überraschung, wie der Baron von Humboldt sagte: »Seien Sie unbesorgt. Für die Kosten der Schiffspassage komme ich auf, ebenso für die Verpflegung des Jungen. Wenn Sie also die Güte hätten, zur Seite zu treten.«

Der Kapitän schnappte nach Luft, öffnete den Mund, schloss ihn jedoch im nächsten Moment wieder. Auch die Matrosen traten stumm einen Schritt zur Seite, sodass sich Humboldt mit Pedro an der Hand einen Weg durch die Menge bahnen konnte.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte ihn der Baron.

»Pedro.«

»Und woher kommst du?«

»Aus La Coruña, der spanischen Hafenstadt, von der aus die Pizarro losgesegelt ist«, antwortete Pedro.

»Schau mal, dort vorne sitzt mein Gefährte. Er ist ein begeisterter Botaniker und beschäftigt sich von früh bis spät mit Pflanzen. Er kann es gar nicht erwarten, all die unbekannten tropischen Gewächse in Südamerika zu sammeln.«

Ganz vorne, im Bug des dreimastigen Segelschiffes, saß ein dunkelhaariger Mann an einem kleinen Tisch und starrte mit einer Lupe vor den Augen in ein Buch. Von dem ganzen Aufruhr eben hatte er offensichtlich nichts mitbekommen. »Aimé, sehen Sie mal, wen ich mitgebracht habe«, rief Humboldt bereits aus einiger Entfernung.

Der Mann hob den Kopf und legte die Lupe aus der Hand. »Nanu! Wer ist denn das?«

»Das ist Pedro. Ich musste ihn eben aus den Klauen des Kapitäns retten, er hätte sonst Kleinholz aus ihm gemacht. Aber am besten erzählst du selbst, Pedro.«

»Also