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Das kleine Räuchermännchen Knolle - ein Waldgeist - muss nach Weihnachten nicht mehr in den dunklen Keller zurück, sondern lebt mit seiner Menschenfamilie im Kanton Zürich. Er liebt es, sich davonzuschleichen, und Abenteuer zu erleben. Auf seiner dritten Abenteuerreise lernt Knolle zusammen mit den Kindern Mara und Mailo ganz viel über Lebensmittel. Nicht nur, dass es gesunde und weniger gesunde gibt, sondern auch, dass sich nicht alle Menschen genügend Essen leisten können. Wie schön wäre es, wenn sie das Zaubertischlein aus dem Märchen hätten! Gemeinsam mit Karo, der kunterbunten Kräuterhexe, machen sie sich auf die Suche und lernen dabei die Organisation Tischlein deck dich kennen. Vor lauter Neugier und Abenteuerlust verliert Knolle seinen Zauberstab und landet plötzlich in einer Region, wo er niemanden versteht. Wird er das Zaubertischlein und den Weg nach Hause finden? Knolles Herkunft ist das Erzgebirge, ein Mittelgebirge im ostdeutschen Bundesland Sachsen, wo Räuchermännchen traditionell hergestellt werden. Sie dienen zum Abbrennen von Räucherkerzen und sind eine Erfindung der Spielzeugmacher aus dieser Region. Das Räuchermännchen, das als Vorlage für die Titelfigur "Knolle" dient, heisst im Original "Waldgeist" und wird von der Firma CHRISTIAN ULBRICHT GmbH & Co. KG produziert. Siehe auch www.knollesreise.ch.
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Seitenzahl: 66
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dieses Buch ist aus privater Initiative entstanden. Es wurden keine Spendengelder von Gönnern der Organisation Tischlein deck dich verwendet.
Mein Dank gilt Alex Stähli, Dina Hungerbühler, Beat Rutz und allen Beteiligten von Tischlein deck dich für die Einblicke, die ich in das operative Geschäft erhalten durfte, die inhaltlichen Ratschläge und natürlich generell für die Möglichkeit, die Organisation einer jüngeren Zielgruppe näherbringen zu können.
Märchenzeit
1-2-3, Kräuter-Ei
Der Plan
Bei Tischlein deck dich
In der Rüstküche
Beeilung – Verteilung
Die andere Familie
Der Urlaub
Die Rückkehr
Grande Festa
Schon wieder war ein Weihnachtsfest vorbei und draussen tobte ein kalter Januar-Sturm. Umso schöner war es drinnen in der warmen Stube. Im Cheminée, dem alten Kamin, loderte ein gemütliches Feuer. In der Luft hing der Geruch von verbranntem Harz und es war wieder Märchenzeit. Die zwei Geschwister, Mara und Mailo, hockten in Decken gekuschelt auf dem Sofa und lauschten ihrer Mutter, die in ihrer Mitte sass. Die beiden konnten schon lange selbst lesen, doch das Vorleseritual war einfach zu schön. Auch Knolle, der kleine Waldgeist, hörte der Geschichte gebannt zu.
«Es war einmal ein Schneider, der hatte drei Söhne und nur eine einzige Ziege. Und die Ziege musste reichlich Futter haben, weil sie alle mit ihrer Milch ernährte. Die Söhne führten sie daher der Reihe nach täglich hinaus auf die Weide. Einmal brachte sie der Älteste auf den Kirchhof, wo die schönsten Kräuter standen, liess sie da fressen und herumspringen. Abends, als es Zeit war, heimzugehen, fragte er: ‹Ziege, bist du satt?›
Und die Ziege antwortete: ‹Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, meh! Meh!›
Also brachte sie der Junge zurück in den Stall.
‹Nun›, sagte der alte Schneider, ‹hat die Ziege ihr gutes Futter bekommen?›
‹Oh›, antwortete der Sohn, ‹die ist so satt, sie mag kein Blatt.›
Der Vater aber wollte sich selbst überzeugen, ging hinab in den Stall, streichelte das liebe Tier und fragte: ‹Ziege, bist du auch satt?›
Die Ziege antwortete: ‹Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, meh! Meh!›
‹Was muss ich da hören!›, rief der Schneider, lief hinauf und sprach zu dem Jungen: ‹Ei, du Lügner, sagst, die Ziege wäre satt, und hast sie hungern lassen?› In seinem Zorne jagte er ihn mit Schlägen hinaus. Genau so erging es auch dem zweiten und dem dritten Sohn.»
Wie gemein von dem Vater. Knolle war empört! Er beobachtete, wie Mara und Mailo ebenfalls ungläubig die Köpfe schüttelten und sich rechts und links noch enger an die Mutter kuschelten.
Dann ging die Geschichte auch schon weiter und die Mutter las vor, wie der Vater die Ziege nun selbst ausführte und sie draussen so und zu Hause ganz anders antwortete. Da merkte der Schneider, dass er seinen Söhnen Unrecht getan hatte, und jagte die Ziege fort.
Die Söhne gingen unterdessen bei einem Schreiner, einem Müller und einem Drechsler in die Lehre.
«Was genau ist ein Schreiner?», wollte Mara wissen.
«Das weiss ich!», rief Mailo. «Ein Schreiner ist ein Handwerker, der aus Holz ganz tolle Sachen macht. Zum Beispiel ein Haus, eine Schaukel oder einen Tisch. Dafür benutzt er Werkzeuge wie Sägen, Hämmer und Schleifmaschinen.»
Die Mutter nickte und ergänzte noch: «Ein Schreiner hat zum Beispiel auch unsere neue Küche gebaut oder den alten antiken Schrank im Wohnzimmer repariert. Erinnert ihr euch? Dafür braucht man viel Geschick und Kreativität. Das ist wie eine Art Zauberei mit Holz.»
Zaubern. Das hörte Knolle gern. Denn das kleine Räuchermännchen – das mit seinen dreissig Zentimetern Höhe gar nicht so klein war – konnte mittlerweile selbst recht gut zaubern. Bei seinem letzten Abenteuer im Zoo hatte Knolle es immerhin geschafft, Piranhas in ihr Aquarium zurückzuzaubern, oder Steinpinguine zum Leben zu erwecken.
Er fragte sich, ob ein Schreiner wohl auch ein Wichtel war wie er. Aber schon wurde er aus seinen Gedanken gerissen, weil Mara noch eine Frage hatte.
«Und ein Müller, was macht der?»
«Mensch, das weiss doch jedes Baby», maulte Mailo.
Mara verzog das Gesicht und schaute ihn mit funkelnden Augen an.
Also erklärte Mailo: «Ein Müller arbeitet mit Getreide. Das braucht man für Brot, Hefezöpfe oder Kekse. Dafür werden die Getreidekörner zu Mehl gemahlen und das machte früher der Müller in einer Mühle. Heute machen das hauptsächlich Maschinen, denn das können nur noch wenige Leute selbst. Aber … was ich auch nicht weiss», gab der Junge nun kleinlaut zu, «ist, was ein Drechsler macht?»
Da erklärte die Mutter: «Ein Drechsler arbeitet wie der Tischler gern mit Holz. Dabei steckt er einen dicken runden Holzstab in eine besondere Maschine, die man Drechselbank nennt. Wenn er die Drechselbank einschaltet, dreht sich der Holzstab wie ein Karussell. Mit einem Schnitzmesser oder Schleifpapier formt der Drechsler dann das Holz, während es sich dreht, oder er ritzt kleine Muster rein. So wurden übrigens auch die Arme, Beine und der Körper von unserem lieben Waldgeist geformt.» Sie deutete lächelnd auf Knolle. «Ich zeige euch später ein Video dazu. Aber jetzt zurück zu unserem Märchen», sagte die Mutter liebevoll und alle lauschten, wie es weiterging.
«Am Ende der Lehrzeit bekam der älteste der drei Brüder von seinem Schreinermeister einen unscheinbaren kleinen Tisch geschenkt. Wenn man zu dem sagte: ‹Tischlein, deck dich!›, dann war er mit dem herrlichsten Essen gedeckt. Der mittlere Sohn bekam einen Esel. Wenn man zu dem sagte: ‹Bricklebrit!›, dann fielen vorne und hinten Goldstücke heraus.
Alle drei Söhne verziehen ihrem Vater und wollten ihn mit ihren Wunderdingen beeindrucken. Die beiden Älteren wurden aber auf dem Heimweg nacheinander von demselben Wirt betrogen.
Er hatte ihnen durch einen Trick das Zaubertischchen und den Goldesel weggenommen und durch einen gewöhnlichen Tisch und Esel ersetzt. Sie bemerkten das erst, als sie ihre Wunderdinger zu Hause vorführen wollten.
Der von seinen beiden Brüdern gewarnte Jüngste bekam von seinem Drechslermeister einen Knüppel in einem Sack geschenkt. Der konnte jeden Gegner verhauen, wenn man einfach sagte: ‹Knüppel, AUS dem Sack!› Der Stock hörte erst wieder damit auf, wenn man sagte: ‹Knüppel, IN den Sack!› Natürlich wollte auch ihm der Wirt das Geschenk stehlen. Er vermutete ebenfalls einen Schatz in dem Sack. Was dann passierte, ahnte er vorher jedoch nicht.
Der jüngste, schlaue Bruder rief: ‹Knüppel, AUS dem Sack!›, und liess den Wirt so lange von dem Stock verhauen, bis er freiwillig das Zaubertischchen und den Goldesel wieder herausgab.
Von da an fehlte es dem Vater und seinen drei Söhnen an nichts mehr. Sie hatten genug Geld, einen Knüppel, der Feinde verjagen konnte, und am wichtigsten: immer einen reich gedeckten Tisch.»
Daraufhin murmelte Mara: «Wenn es nur wirklich so ein Tischlein geben würde …»
«Was würdest du damit machen?», fragte die Mutter neugierig.
«Ach, weisst du, wir haben ein Mädchen in der Klasse, die Ara. Sie hat nie eine Z’nüni-Box dabei. Und sie hat mir mal erzählt, dass ihre Familie nur wenig Geld für Essen hat. Manchmal teile ich die leckeren Sachen aus meiner Frühstücksbox mit ihr. Aber so ein Tischlein wäre doch total praktisch für Ara!»
Die Mutter sah überrascht aus und seufzte. «Das ist aber traurig.»
Auch Knolle war verwundert und seine Neugier direkt geweckt. Wie konnte es sein, dass manche Menschen beim Essen sparen mussten – vorallem bei gesunden, aber teuren Lebensmitteln wie Früchte und Gemüse? Was konnte man dagegen tun?
Als die Mutter kurz das Wohnzimmer verliess, sprach Knolle Mara und Mailo direkt darauf an, denn Kinder und Tiere konnten ihn verstehen. Sofort waren sich alle drei einig, dass es ein wichtiges Thema war, zu dem sie unbedingt mehr herausfinden sollten. Das musste Knolle später unbedingt seiner treuen Freundin Erika, der klugen Eule, erzählen.
Dieses Mal wollte er nicht wieder auf eigene Faust losziehen. Er hatte sich fest vorgenommen, sie nicht noch einmal zu verlieren wie bei seinen letzten Abenteuern, die er in Illnau und im Zoo erlebt hatte.
